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Full text of "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur"

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I 


HANDBOUND 
AT  THE 


INUERSITY  OF 
II  "KONTO  PRESS 


BEITRÄGE 


^../  ^^i^wse*  ' 


ZUR 


GESCHICHTE  DER  DEUTSCHEN  SPRACHE 
UND  LITERATUR 


UNTER     MITWIRKUNG     VON 
HERMANN  PAUL  UND  WILHELM  BRAUNE 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

EDUARD    S1EVER8. 


XXVII.  BAND. 


■(^ 


HALLE  A.  S. 

MAX    NIEMEYER 

77  78  GR.  STEINSTRASSE 
1902 


"3  o^3 


3^ 


INHALT. 


Seite 

Ueber  ruhe-  und  richtungsconstructionen  mittelhochdeutsclier 
verba,  untersucht  in  den  werken  der  drei  grossen  höfischen 
epiker,    im   Nibelungenlied    und    in    der    Gudrun.    11.    Von 

E.  Wiessner 1 

Zu  Albrecht  von  Johannsdorf.    Von  W.  B  r  a  u  n  e 69 

Ostgennanisch-westgermanische  neuerungeu  bei  Zahlwörtern.  Von 

R.  L  0  e  w  e 75 

Zi;m  Meier  Helmbrecht.     Von  Fr.  Panzer 88 

Zur  gotischen  etymologie.    Von  C.  C.  Uhlenbeck 113 

Ueber  Marti  Thincso,  Alaes/agis  Bede  et  Fimmüene  (?),  Tuihanti, 
(langob.)   thinx,  (got.)  ßeihs  und  (mnl.)  dinxen-,  dijssendach 

etc.,  (mnd.)  dimjsedach  etc.    Von  W.  van  Helten  .     .    .     .  137 

Zu  Theobald  Hoeck.    Von  A.  Goetze 154 

Der  «'-Umlaut  von  c  in  den  altnordischen  sprachen.   VonA.  Kock  166 

Zu  den  liedern  der  Jenaer  handschrift.    Von  Fr.  Saran     .     .    ,  191 

Zu  Walther  8i,  30  und  18, 1—28.    Von  demselben 199 

Gän  und  stän  im  Memento  niori.    Von  0.  Mendius.    .    .    .    .  205 
Grammatische  miscellen.     12.  Zum  /-uralaut  im  angelsächsischen. 

Von  E.  Sievers 206 

Die  Substantivflexion  seit  mittelhochdeutscher  zeit.  I.  teil :  Mascu- 

lina.    Von  H.  Molz 209 

Fechten.    Von  H.  Osthoff 343 

Ueber  einige   abkömmlinge   der  zweizahl  in  den  germanischen 

sprachen.    Von  F.  Solmsen 354 

Etymologisches.    Von  demselben 364 

Alte  Orthographie  und  moderne  ausgaben.    Von  J.  Franck    .     .  368 
Weiteres  zu  langobard.  gdircthinx  und  thinx  (Beitr.27, 148ft".).  Von 

W.  van  Heiton 404 

Zu  Beitr.  26, 1  ff.  ;]19f.    Von  15.  Kahle 408 


INHALT. 

Seite 

Lautlich-begriffliche  Wortassimilationen.   Zur  halbhundertjährigen 

geschiclite  des  begriffs  der  Volksetymologie.  Von  J.  Kj  e  d  er  q  vist  409 

Untersuchungen  zum  reimgebrauch  Rudolfs  von  Ems.  Von  V.  Junk  446 
Bruchstücke  einer  althochdeutschen  interlinearversion  der  Cantica. 

Von  I.  J.  Steppat 504 

Rosenlieimer  Nibelungenfragmente.    Von  W.  Braune    .    .    .    .  542 

Zu  Wolfi'am  von  Eschenbach.    Von  demselben 565 

il/e/^-e  bei  Wolfram  von  Eschenbach?    Von  A.  Leitzmann    .     .  570 

Lückeubüsser.    Von  E.  Sievers 572 


ÜBER 

RUHE-  UND  RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN 

MITTELHOCHDEUTSCHER  VERBA, 

UNTERSUCHT  IN  DEN  WERKEN  DER  DREI  GROSSEN 

HÖFISCHEN  EPIKER,  IM  NIBELUNGENLIED 

UND  IN  DER  GUDRUN. 

ILO 


§  128.  In  dieselbe  kategorie  wie  die  zuletzt  besprochenen 
translocalen  constructionen  gehören  auch  die  von  mhd.  läsen. 
S.  Grimm,  Gr.  42, 161  (136)  und  998  (828).  Auch  hier  handelt 
es  sich  um  die  unmittelbare  Verknüpfung  eines  verbs,  in  dessen 
bedeutungssphäre  eigentlich  das  moment  der  bewegung  ganz 
fehlt,  mit  ziel-  oder  richtungsbezeichnungen. 

Der  spräche  des  Heliand  sind  dergleichen  Wendungen  nicht  fremd. 
Steitmann  berührt  diese  frage  in  seiner  arbeit  nicht.  S.  aber  z.  b.  2313 
Thö  (jencjun  thea  gestöös  tö,  höbun  ina  mid  irö  handim,  encli  uppan  that 
hüs  stigun,  slitun  thena  seit  obuna,  endi  ina  mid  sehin  Utun  an  thena 
rakud  innan  'Hessen  ihn  ...  hinab  in  das  haus  hinein'. 

Aehnliche  Wendungen  mit  läzan  kehren  nicht  selten  in  Otfrieds 
spräche  wider,  z.  b.  trennbare  compositionen  mit  adverbien  der  richtung: 
2,4,55  '0ha  thu  s/s',  quad  er,  'fjoles  sun,  luz  thili  nidar  herasun  in  lüfte 
filu  scono:  das  medium,  innerhalb  dessen  die  ganze  bewegung  stattfinden 
soll,  auf  die  frage  'wo';  2,5,21  M'  sih  oiih  fon  ther  hohi  thes  hitses  ni- 
darliazi;  übertragen  2,14,83  Thaz  sih  liaz  thiu  sin  diuri  mit  otmuati  so 
nidiri,  thaz  Ihaz  ewiniga  Hb  lerta  thar  ein  armas  tvib ;  5, 25,  5  Nu  will  ih 
thes  giflizan,  then  segal  nitharlazan.  Vgl.  auch  framJäzan  übertragen  4,30,24. 
Ebenso  tharal.  5,  23, 164.  Oder  das  simplex  4,  33,  25  Sar  io  ihia  wila  so 
liaz  er  sela  sina  in  sines  selben,  fater  hu)d  u.  ö. 

Unter  den  citierten  stellen  erscheint,  nach  unserem  modernen 
Sprachgefühl   gemessen,   allein  die  constructions weise   in   der 

1)  Den  ersten  teil  der  abhandlung  s.  Beitr.  26,  367—556. 

Beiträge  zur  geschiclite  der  deutscheu  spräche.     XXVII.  ^ 


2  WIESSNER 

letzten  nicht  ganz  gewöhnlich.  Einer  wörtlichen  widergahe  im 
gegenwärtigen  nhd.  mderstrebt  auch  eine  andere  wendung 
mit  Jdzan,  in  Otfrieds  spräche  ziemlich  beliebt  und  übertragener 
natur:  in  muat  läzan  'in  den  sinn  kommen,  einfallenlassen'. 

So  1,12,27  Ni  laz  thir  innan  thina  hrust  arges  u'ülen  gilust]  1,18,4:1 
hinan  thhies  herzen  kust  ni  laz  thir  thesa  ivoroltlnst;  2,19,28  sie  lazent  in 
io  then  in  muat,  so  wer  so  in  Hohes  filu  duat:  Kelle  im  Glossar  s.  353  'ins 
herz  schliessen';  2,21,41  Ob  ir  in  muat  iu  lazet,  thaz  sunta  ir  io  hilazet; 
5,4,63  In  muat  in  iz  ni  lazen;  ähnlich  5,7,36  ni  meg  ih  thaz  irkohoron, 
theih  iamer  fraivolusti  gilaze  in  mino  brusti;  38  ivard  mir  we  mit  minnu, 
theih  sino  liiihi  in  mih  giliaz;  ferner  5,  23,  36  tJuiz  er  hiar  minnot  gerno, 
mit  minnu  thes  gifUzit,  in  muat  so  diofo  Jazit;  Hartm.  51  Ni  laz  thir  in 
muat  thin  tlüo  dat  und  123  joli  allero  iro  für  laz  thir  in  muat  tliin.  Das 
moment  der  beweguug  findet  iu  derselben  phrase  iu  einem  besonderen 
verbum  ausdi'uck  2,  21,  9  Ni  lazet  faran  in  thaz  muat  und  43  lazet  qiieman 
iu  iz  in  muat. 

§  129.  Die  translocale  constructionsweise  von  mhd.  läzen 
deckt  sich  grossenteils  mit  der  des  nhd.  verbs,  doch  fehlt  es 
nicht  an  durchgreifenden  unterschieden:  das  gebiet  derartiger 
Wendungen  ist  im  mhd.  breiter  als  in  der  heutigen  schrift- 
und  Umgangssprache.  Die  niasse  der  hierher  gehörigen  fälle 
lässt  sich  zunächst  in  zwei  gruppen  sondern: 

I.  läsen  verbunden  mit  angäbe  des  ausgangspunktes  oder 
des  Zieles:  das  verbum  erhält  dadurch  die  befähigung,  eine 
bewegung  zu  bezeichnen.  Im  nhd.  sind  translocale  angaben 
der  gleichen  art  neben  lassen  ganz  geläufig:  Gottfr.  Keller,  Der 
grüne  Heinrich  3,  143  der  niemanden  in  seine  iverhstaU  lässt. 
Vgl.  DWb.  6,  218  f  und  4,  221,  c:  eine  reihe  von  belegen. 

Hartm.  Er.  2617  loand  er  an  dem  mäntac  manec  ros  erledegte  da. 
diu  liez  er  von  der  hant  sä,  daz  er  ir  deJieinez  nam:  vgl.  unser  loslassen; 
ebenso  4393  do  muosten  st  läzen  die  zoume  von  denhanden;  etwas  seltsam 
6184  die  frotnoen  er  von  im  lie,  nach  dem  Wortlaute  'eutliess  sie  von  sich', 
nach  dem  contexte  aber  'verliess  sie';  6832  er  wart  ril  drute  in  gelän;  7441 
swenn  ez  {daz  ros  nämlich)  den  fuoz  zer  erde  lie ;  7879  swer  üf  die  zinnen 
sitzen  gie  und  er  ze  tal  diu  ougen  lie  (ähnlich  4393,  aber  ohne  translocale 
bestiramung  9127);  9300  do  sazter  sin  ahselbein  daz  ez  an  jenes  brüsten 
schein,  so  daz  er  in  niht  zuo  im  liez.  —  Greg.  1679  wold  ich  gemach  für 
ere,  so  volgte  ich  iuwer  lere  und  lieze  nider  minen  muot,  übertragen;  2089 
mit  grözem  vlize  er  in  des  bat  daz  er  des  war  mcme,  stcenne  er  wider  quceme, 
daz  er  in  lieze  tvider  in.  —  A.  Heinr.  1259  er  hiez  sich  läzen  dar  in ;  1269 
Zehant  do  liez  er  in  dar  in.  —  Iw.  6562  der  mich  in  die  burc  liez;  6848 
der  2virt  sprach  . . .  und  liez  st  uz  den  banden  sä.  nider  läzen  Iw.  1125. 
4373  uud  4978.    —    Auch  übertragene  wendungeu   sind  hier  anzureihen: 


RUHE-   UND   RlCHTUNaSCONSTRUCTIONEN.  6 

1.  Büchl.  888  du  mäht  ez  uz  dem  mitote  Um;  Er.  564  daz  sidt  ir  uz  dem 
muoie  Um;  1050  ich  teil  mich  üs  der  ahte  län  'ausser  acht  lassen';  7008 
des  sidt  ir  dagen  xmd  üz  iuwer  ahte  Um;  8413  daz  ir  der  frage  habet  rat 
imd  st  gar  üz  der  aide  Uit;  Iw.  3263  got  der  guote,  der  in  üz  siner  huote 
dannoch  niht  vollecliche  enUez. 

Wo  1fr.  P.  68,14  der  uns  zein  ander  lieze,  ich  valt  in,  odr  er  valte 
mich;  150,14  und  Ud  in  zuo  zim  üf  den  pUm;  236,18  dö  liezen  st  (die 
Jungfrauen)  die  hersten  (Eepanse  de  schoye)  ztvischen  sich;  vgl.  auch  295, 10 
Keie  ez  ors  Uez  in  den  walap ;  482, 17  in  (den  pellicänus)  tivinget  siner 
triwe  gelust,  daz  er  hizet  durch  sin  selbes  brüst,  tint  Imtz  bluot  den  jungen 
in  den  munt;  540,1  Uf  Uez  er  doch  den  wigant  äne  gesicherte  hant;  ebenso 
543,  28  er  (Gawan)  Uez  in  (Lischoys  Gwelljus)  üf;  Wh.  90,  2  süeziu  Gyburg, 
Ui  mich  in  'lass  mich  ein';  91,22  in  Uizens  dicke  bäten  der  marcräve  und 
de  erlöste  diet;  92,6  aUrst  ist  in  Uizens  zit;  163,15  doch  ivolte  si  se  niht 
läzen  in;  164,1  Si  Uez  die  maget  wol  gevar  dar  in;  229,19  viit  vreuden 
wart  er  Uizen  in.  —  Auch  die  trennbaren  compositionen  an  und  nider  läzen 
sind  hier  anzuführen:  Parz.  21,15  ävoij  loie  tvenic  ivirt  gespart  sin  lip, 
swä  man  in  Icezet  an!  78,  21  ävoy  nu  wart  er  läzen  an.  Wh.  402, 18  swer 
si  kan  an  geUtzen  als  ez  der  riterschefte  gczem,  mit  viinem  urloube  er  nem 
diz  mcere  an  sich  mit  worten:  'wenn  es  jemand  versteht,  sie  (als  erzähler 
in  der  Schilderung)  auf  einander  loszulassen'  etc.:  der  jagdausdruck  an 
allen  drei  stellen  metaphorisch  gebraucht.  Dem  nhd.  gegenüber  ganz 
fremdartig  klingt  Wh.  216,  9  derz  firmamentum  an  Uez  unt  die  siben  plä- 
neten  hiez  gein  des  himels  snelheit  kriegen:  Mhd.  \vb.  1,  949a.  45  und  Lexer 
1,60  eitleren  diese  stelle  nicht;  an  läzen  heisst  aber  auch  hier  zweifellos 
'loslassen,  in  bewegung  setzen',  mit  dem  bilde  von  der  jagd,  wie  Parz. 
782, 14.  15  vom  pf erde,  bez.  vom  reiten,    nider  läzen  z.  b.  Parz.  226,  30  u.  ö. 

Gottfr.  Trist.  880  ern  such  noch  tröst  noch  zivivel  an,  daz  enliez 
ouch  in  noch  dar  noch  dan;  1277  und  erwarp,  daz  man  si  zuo  im  Uez; 
3428  heizet  die  jägere  keren  dan,  die  siün  die  warte  säzen  und  sidn  von 
ruore  läzen:  s.  die  anm.  bei  Bechstein;  ähnlich.  3444  Hie  mite  kerten  die 
jägere  hin  und  kuppelten  ir  hunde  . . .  imd  liezen  z'einem  hirze  sä  und  17294 
da  begundens  in  (d.  i.  in  die  trünne)  ze  ruore  län:  s.  wider  Bechsteins  anm. ; 
ferner  7045  nu  er  den  heim  ze  sich  geivan  und  hin  zem  orse  gähie  imd  dem 
also  genähte,  daz  er  die  hant  zem  britel  Uez  'dass  er  die  band  zum  zügel 
hin  bewegte,  nach  dem  zügel  griff';  8794  übertragen  der  mir  gestvigen  hieze 
imd  mich  ze  spräche  lieze ;  9052  nu  lie  der  veige  välant  einen  döz  xmd  eine 
stimme  so  gnulich  und  so  grimme  üz  sinem  veigen  giele;  9068  den  giel  er 
leider  ze  samene  Uez;  17006  den  man  von  innen  niht  in  lät;  17502  er  lie 
sin  ouge  dar  in:  er  blickt  durch  das  kleine  fenster  in  die  höhle!  Nhd. 
nicht  mehr  wortgetreu  widerzugeben;  18174 f.  si  hiez  die  kamerare  alle 
die  türe  besliezen  und  nienien  ouch  in  liezen,  si  selbe  enhieze  in  in  län; 
übertragen  18279  lät  mich  üz  iuwerm  herzen  niht.  Trist.  12638  von  dem 
bette  st  sich  lie  (vgl.  ganz  ähnliche  Wendungen  im  nhd.,  z.  b.  er  lässt  sich 
an  einem  seile  vom  fenster  herab.  DWb.  6,  226).  sich  nider  läzen  3775.  5614. 
9046.  11027.  14693.  16777.  16787.  17320.  18637.  18857.  Vgl.  auch  10666 
und  alse  Tristan  in  gie,  dem  künege  er  sich  ze  füezcn  lie.    Unsiuulich  14223 

1* 


4  WIESSNER 

ich  läze  ez  allez  zeiner  haut  beide  liiit  unde  laut,  Beclisteiu  'beiseitelassen, 
gleichgültig  erachten ' . 

Nib.  297,  4  got  läze  in  nimmer  niere  ze  Tenemarke  in  daz  lernt;  1876,  2 
nu  wichet,  Hiunen  recken,  ir  lät  mich  an  den  ivint;  1881,  4  dö  schuzzen  si 
der  gere  so  vil  in  sinen  rant,  daz  er  in  durch  die  sivcere  vmose  läzen  von 
der  hant;  19iO,  1  Si  heten  die  si  ivolden  läzen  für  den  sal;  2036,3  daz  ir 
die  mortrcezen  iht  läzet  fiir  den  sal.  Mit  adverbien  der  richtung:  216,1 
Die  vanen  hiez  er  läzen  in  dem  stwme  nider,  vgl.  unser  niederlassen  = 
senken;  1777,1  lät  si  her  näher  baz;  1910,4  Dancivart  liez  ir  deheinen  die 
stiegen  üf  noch  zetal;  2145, 1  Durch  mortrcechen  willen  so  liezen  si  dar  in 
Guntlier  und  Gernöt;  2209,1  Lät  ah  den  lewen,  meister:  wie  in  unserem 
dialekt:  den  hiind  ablassen  (von  der  kette).  Im  gleichen  sinne  blosses 
läzen  Nib.  888,2.  901,2.  2298,3;  auch  verläzen  883,4  und  889,1. 

Gudr.  69,2  daz  kint  er  üz  den  kläicen  zuo  den  jungen  lie-.  111,1  Der 
gräve  sinen  schifman  zem  Stade  niht  enliez;  337,4  daz  er  die  snellen  helde 
durch  mcere  zuo  ir  kemenäten  lieze;  728, 1  Do  liezen  die  von  Stürmen  ninder 
üf  den  se  die  von  3Iörlande;  751,2  der  hiez  üf  den  sant  die  anker  nider 
läzen;  833,2  so  läze  wir  iuch  vri  urliuges  immer  mere  üz  mines  herren 
landen;  1600, 1  Die  vil  edele  gisel  man  üz  den  banden  liez;  1697, 1  Vrou 
mite  liez  si  alle  minniclichen  dan;  übertragen  1003,4  daz  mich  diu  küni- 
ginne  üz  der  vriuntschefte  niht  gar  läze;  1071,3  vrou  Hilde  hete  nie  läzen 
üz  gedanken  etc.    nider  läzen  58, 1.  290,  2.  781, 1.  1141, 1. 

IL  läsen  in  Verbindung"  mit  riclitungsbestimmungen  in 
plirasen  übertragenen  cliarakters:  =  'überlassen,  anheimstellen' 
u.  ä.  mit  präpositionslosem  dativ.  Nlid.  ist  diese  function  von 
lassen  gänzlich  erloschen,  s.  DWb,  6,  223,  c. 

Hartm.  Greg.  3156  daz  st  liezen  die  tval  an  unseren  herren  got; 
A.  Heinr.  1352  daz  liez  er  liuterUch  an  got;  Iw.  4547  daz  siät  ir  an  mich 
län;  4553  und  lät  die  bete  her  ze  mir;  4572  lät  ez  an  stne  hövescheit;  7649 
ir  müezent  ane  mich  disen  strft  läzen  beide;  7690  d^er  strit  ist  läzen  ze  mir. 
Ganz  parallel  im  Er.  4864  Gäwein,  daz  tuo  ich  an  Keiin  unde  an  dich.  — 
Bei  Wolf  r.  ist  diese  Verwendung  von  läzen  relativ  recht  selten  anzutreffen : 
Parz.  304,27  diz  läze  ich  an  dich;  564,11  tvelt  irz  an  mich  län;  633,23 
froioe,  daz  lät  al  balde  an  mich  'überlasst  das  nur  mir';  716,8  lät  ir  daz 
peidiu  her  ze  mir:  ich  wil  den  kämpf  undervarn;  746,26  herre,  tvelt  irs^) 
an  mich  län;  757,6  si  liez  in  äventiure  ir  minne,  ir  lant  unde  ir  Itp. 
Hierher  gehört  auch  die  formel  en  wäge  (acc.)  läzen,  die  speciell  im  Wh. 
öfters  widerkehrt:  3,4  er  liez  en  tväge  iewedern  tot,  der  sele  und  des  libes; 
11,4  die  liezen  vaste  en  wäge  heidiu  vinden  unde  fiust;  197,25  daz  er  sich 
selbe  en  iväge  liez  mit  eim  so  kleinem  her;  217,  3  daz  ir  Iqi  unt  ere  en 
wäge  lät  durh  Tybaldes  rät;  269, 10  ob  in  da  des  rtches  haut,  vater,  bruodr 


^)  So  in  der  5.  ausgäbe ,  aber  auch  schon  in  der  ersten.  Wenn  nicht 
vielleicht  ein  verschleppter  druckfchler  vorliegt  (statt  irz,  wie  auch  Bartsch 
und  jetzt  Martin  in  den  text  setzen),  wäre  -s  (=  si)  nui'  auf  mal  zu  be- 
ziehen, was  gedanklich  nicht  angeht. 


RUHE-   UND   RICHTÜNGSCONSTRUCTIONEN.  5 

ioul  mäfje  ms  tcolten  Jan  in  icrif/e.  Vgl.  auch  25,  S  und  297, 24.  Anders 
z.  b.  Gottfr.  Trist.  6096  der  ivicler  einen  man  sin  leben  an  die  tcnge  tvelle 
geben;  13252  nune  was  da  nie^nen,  der  s/n  leben  an  eine  wäge  icolie  geben. 
Aehnlich  6162  so  loil  ich  mine  jugent  und  min  leben  durch  got  an  även- 
tiiire  geben.  Oder  Er.  5479  du  setzest  enwäge  dinen  lip  vil  sere;  vgl.  8628 
da  von  sin  Up  en  tväge  stät.  Aehnliche  Wendungen  Iw.  2937.  7346  und 
8002.  — :  Cxottfr.  Trist.  2421  si  liezen  ez  an  die  geschiht;  6122  swä  so  man 
den  vinde  under  disem  lantgesimle,  der  ze  hampfe  si  getan  und  an  gelücke 
tvellc  Um,  tveder  er  genese  oder  entuo;  6159  geruochet  ir  ez  danne  an  got 
geläzen  unde  an  mich;  10651  disen  rät  den  läze  ich  bältliche  an  dich;  15186 
iedoch  miios'  er  ez  an  daz  län,  duz  da  tvas  wa'ger  under  den  ztcein;  15548 
si  begunde  ir  swccre  beide  län  an  den  gencedigen  Krist;  15753  und  ir  geliip- 
peter  eit,  der  hin  ze  got  geläzen  ivas;  16240  der  mir  ez  lieze  an  mine  kür; 
18013  mit  micheler  areheit  bevelhe  unde  läze  ir  leben  an  die  mäze;  18104 
an  swen  diu  lät  er'  unde  Up.  Gottfr.  verwendet  phrasen  dieser  art  also 
relativ  häufiger  als  Hartm.  und  Wolfr.  —  Im  Nib.-l.  sehr  selten:  2103,1 
D6  liez  er  an  die  vmge  sele  unde  Up  (vgl.  361,3);  1965,2  ich  hän  üf  ere 
läzen  nu  lange  miniu  dinc.  —  Ebenso  selten  in  derGudr. :  1210,2  ir  sidt 
an  mich  niht  läzen  also  höhen  rät. 

Eine  Unterabteilung  dieser  zweiten  rubrik  bilden  reflexive 
Wendungen  derselben  art:  'sich  (in  vertrauen)  jemandem  hin- 
geben, sich  verlassen  auf  jemand';  das  DWb.  6,  227  führt  für 
sich  lassen  mit  an  oder  auf  und  acc.  nur  beispiele  aus  früheren 
Perioden  des  nhd.  an,  in  der  gegenwärtigen  spräche  ist  diese 
redensart  wol  nicht  mehr  in  gebrauch. 

Hartm.  Iw.  7173  verlegeniu  müezeJcheit  ist  gote  unde  der  tverlte  leit: 
dane  lät  sich  oiich  niemen  an  niuwan  ein  verlegener  man,  vereinzelt  in 
Hartm. 's  werken;  merkwürdiger  weise  erscheint  sich  läzen  in  dieser  function 
dreimal  in  den  ca.  8(X)  versen  des  sog.  2.  Büchh's:  156  daz  si  genäde  an 
mir  begie  und  sich  an  mine  iriwe  lie;  420  der  sich  an  sine  triwe  lät  und 
791  diu  sich  danne  an  einen  lät  der  triwe  unde  stcete  hat.  —  Sporadisch 
auch  bei  Wolfr.:  P.  417,  29  sivelch  Icünec  sich  last  anitvernrät,  vil  twerhes 
dem  diu  kröne  stät.  —  Gottfr.  Trist.  6384  an  swederz  ir  iuch  tvellet  län, 
an  kämpf  oder  an  lantstrit,  Bechstein  'sich  für  etwas  entscheiden';  6779 
so  lät  ir  iuch  doch  hiutc,  iuircr  laut  nnd  iuiver  Hute,  an  den  ich  mich  ver- 
läzen  hän;  in  anderer  bedeutungsfärbung  7577  sus  liez  ich  mich  an  koufrät 
'verlegte  mich  auf;  wider  anders  13999  herre,  enlät  iuch  niht  dar  an  'kehrt 
euch  nicht  daran'.  —  Nib.  159,3  des  lät  iuch  an  mich  'darin  verlasst  euch 
auf  mich'. 

§  130.  In  den  besprochenen  zwei  bez.  drei  functionen 
macht  dem  simplex  das  compositum  verläsen  concurrenz  und 
zwar  in  der  gleichen  constructionsweise.  Grimm,  Gr.  4'^,  1033 
(855).    Ich  behalte  dieselben  rubriken  bei: 


6  WIESSNER 

I.  NM.  verlassen  in  dieser  Verwendung  ist  ganz  un- 
gebräuchlich. 

Hartm.  Greg.  2L47  das  (nämlich  daz  hnrgeior)  tvas  im  noch  hcslozzen 
vor,  und  emvart  niht  dräte  in  verlän  'eingelassen';  ebenso  2305  nu  ge- 
marJite  diu  jimcvrouice  daz,  sioenne  si  in  dar  in  (in  die  kemenate)  verlie, 
daz  er  dar  lachende  gie.  —  Wolfr.  P.  183,  3  sus  tvart  er  in  verläzen;  268, 11 
Parziväl  in  üf  verliez  'Hess  ihn  aufstehen';  653,1  gein  dem  si  kam  ge- 
slichen,  alda  der  in  verläzen  tvart;  Wh.  105,17  cd  iveinde  wart  er  üz  verlän, 
diu  parte  sanfte  üf  getan  'wurde  er  hinausgelassen';  übertragen  Parz. 
444, 12  daz  wart  ze  heder  sit  getan,  diu  ors  in  den  walap  verlän.  —  Relativ 
viel  häufiger  bei  Gott  fr.:  Trist.  11570  und  alse  dicke,  als  ez  ergie,  daz 
er  sin  arme  an  si  verlie  'seine  arme  um  sie  legte';  18977  stvenn'  er  sin 
ouge  an  si  verlie\  19081  und  cdse  Tristan  denne  sin  ougen  etesivenne  durch 
äventiure  an  si  verlie,  so  widerlie  s'  ir  ougen  ie  als  inneclichen  an  den 
man.  Uebertragen  1201  diu  si  edle  ztt  und  alle  tvege  licet'  in  ir  lere  und 
in  ir  pflege  und  si  uz  ir  huote  nie  verlie;  7159  der  hat  in  üz  der  pflege 
verlän.  —  N  i  b.  592, 1  Do  löste  si  in  balde,  üf  si  in  verlie. 

II.  Nhd.,  genauer  in  der  heutigen  Schriftsprache,  tritt  ver- 
lassen auch  in  dieser  function  nicht  mehr  auf.  DAVb.  12,  729  f ; 
in  unserer  Umgangssprache  concurriert  verlassen  aber  mit  ver- 
mieten, z.  b.  dieses  zimmer  ist  an  einen  Jierrn  zu  verlassen.  Auch 
ohne  präpositionale  bestimmung:  alle  ivohnungen  sind  verlassen 
(=  vermietet). 

Hartm.  Iw.  7182  ir  leben  tvas  niht  verlän  an  deheine  müezekheit; 
7718  Do  sprach  der  künec  'daz  si  getan',  ivandez  an  in  loas  verlän.  — 
Aus  Wolfr.'s  werken  nicht  zu  belegen.  —  Dagegen  bei  Gottfr.  auffallend 
geläufiger:  Trist.  886  durch  disen  kriec  und  umbe  daz,  sone  mohte  er  sinen 
vesten  wän  an  ir  dewederez  verlän,  cm  haz  noch  ouch  an  minne;  7068  do 
er  äne  kraft  und  äne  wer  so  sere  türmelende  gie  und  sich  an  den  val  verlie: 
s.  Bechsteius  anm. ;  ferner  9600  sit  ich  in  iuwerm  fride  hin  und  minen  lib 
und  sivaz  ich  hän  an  iuwer  ere  hän  verlän;  9696  siis  tvart  ez  dö  dar  an 
verlän  'man  einigte  sich  dahin'  etwa  nhd.  Aviderzugeben;  10640  Imhet  ir 'z 
clanne  an  mic/i  verlän?  13916  diu  zwei  {lip  und  sinne)  hän  ich  so  gar  verlän 
an  iuch  und  imvere  minne;  15017  tmd  sceligiu  künigin,  als  liep  cüs  ich  in 
süle  sin,  so  si  der  zorn  an  iuch  verlän;  sivaz  ir  getuot,  daz  si  getan,  tiemet 
uns  beide  mich  und  in  und  leget  ez  under  beiden  hin :  der  sinn  des  in  frage 
kommenden  verses  ist  darnach  'die  Verstimmung  (zwischen  mir  und  ihm) 
sei  euch  überlassen',  nämlich  zur  Vermittlung  in  dieser  angelegeuheit; 
18022  diu  ir  lehen  unde  ir  lip  an  die  mäze  verlät;  19335  in  erhaniicie,  daz 
si  ir  sinne  so  verre  an  sine  minne  umhe  niht  hcete  verlän.  —  In  den  beiden 
nationalepen  findet  sich  kein  derartiger  beleg. 

Reflexiv  (vgl.  s.5):  sich  verlassen  ist  heute  nur  noch  mit  auf 
zu  verbinden  (DWb.  12,  732);  mhd.  sind  an  und  ze  gebräuch- 
licher. 


EÜHE-   UND   RICHTÜNGSCONSTRUCTIONEN.  7 

Bei  Otfr.  heisst  es  einmal  2,11,61  Ni  firlias  sih  kn'st  in  wara  in 
thero  liuto  fara.  —  Hartm.  Greg.  698  der  sich  ze  rehte  an  in  verlät;  Iw. 
7693  ouch  hat  sich  diu  guote  . . .  so  gar  her  ze  mir  verlän;  7340  tvand  si 
sich  ril  gar  rerliez  ze  sinem  hoverehte.  —  Bei  Wo  1fr.  selten:  Parz.  824, 19 
si  hete  sich  gar  an  got  verlän.  —  Gottfr.  Trist.  6781  s.  5  schon  citiert; 
ferner  Trist.  8886  ob  ich  mich's  an  iuch  mac  verlän;  10385  möht'  ich  mich 
hin  ze  in  beiden  einer  rede  verläzen;  17235  diu  iväre  wirtinne  diu  ha'te  sich 
dar  inne  alrerste  an  ir  spil  verlän  in  anderer  nuance:  'sich  verlegen  auf. 
—  N  i  b.  849, 4  dö  sich  an  sine  trimoe  diu  schcene  künigin  verlie.  Vgl. 
Altd.  pred.  3, 157, 13  von  danne  wände  ir  iuch  hinz  im  verläzen  habet  unde 
ergeben. 

Im  Nib.-l.  zeigt  einmal  erloiiben  die  gleiche  constnictions- 
weise  wie  läzen  (s.  2f.),  verläzen  (s.  6): 

687,  4  die  boten  giengen  dan  da  her  Sifrit  bi  KriemhiJde  saz.  in  icas 
ze  hove  erlovhet:  da  von  so  täten  sie  daz  'es  war  ihnen  erlaiibt  worden, 
vor  das  königspaar  zii  treten'.  Grimm,  Gr.  4^,  1024  (849).  Vereinzelt  ist 
Greg.  1263  Got  erloubte  dem  Wunsche  über  in  daz  er  Up  nnde  sin  meisterte 
nach  sinem  werde.  ^) 

§  131.  Mhd.  raten,  nhd.  raten,  stellt  verbunden  mit  trans- 
localen  bestimmnngen  oft  in  ganz  prägnanter  bedeutnng  'ich 
beabsichtige,  einen  durch  meinen  rat  irgendwohin  zu  bringen' 
und  zwar  von  eigentlicher  bewegung  und  übertragen:  er  riet 
ihm  nach  Karlsbad,  ich  rate  dir  zu  diesem  arzte  u.  ä.;  ebenso 
mhd.;  fälle,  wo  das  ziel  des  rates  abstracten  Charakters  ist, 
übergehe  ich  hier: 

Bei  Hartm.  z.  b.  1.  Biiclil.  582  Du  verwizest  mir  daz,  ba;ser  lip,  daz 
ich  dir  riet  an  daz  unp;  1490  daz  mir  min  sin  an  st  riet;  Iw.  783  unz 
mich  min  herze  lerte,  daz  mir  an  minen  wirt  geriet;  1633  bestet  si  si  also 
mich  unde  geroet  ir  her  ze  mir;  1651  daz  si  ir  täte  her  ze  mir;  2352  dem 
rieten  aber  diu  ougen  her.  Noch  prägnanter  Greg.  58  alliu  sündigiu  diet 
die  der  tiuvcl  verriet  uf  den  ivec  der  helle  'diu'ch  seinen  bösen  rat  auf  den 
weg  der  höUe  brachte.  —  Wo  1fr.  P.  130,30  dö  dähter  an  die  muoter  sin: 
diu  riet  an  wibes  vingerlin;  von  wirklicher  bewegung  z.  b.  Parz.  169,11 
loan  daz  min  muoter  her  mir  riet;  225,23  ican  ein  hüs  Vit  hiebt:  mit  triwen 
ich  iu  rate  dar;  unsicher  421, 5  ir  rät  mir  dar  ich  wolt  iedoch,  Bartsch 
'dorthin,  wohin  ich  ohnedies  wollte':  ein  demonstratives  dar  ist  wol  zu 
ratet  zu  entnehmen  (aus  dem  relat.).  —  Gottfr.  Trist.  8730  so  ratet  ir 
ze  tcibe  imcerm  herren,  sivar  iuch  dunJce  guot:  sirar  abh.  von  dem  zu  er- 
gänzenden raten,  in  bezug  auf  eine  person  'zu  der'.  —  Nib.  1083,3  dö 
rieten  sine  vriunde  in  Burgonden  lant  zuo  einer  stolzoi  witwen;  2086,2 
do  ir  mir  zuo  Etzeln  rietet,  rtter  üz  erJcorn.  —  Von  Avirklicher  bewegung 
Gudr.  1141,4  einen  houc  si  sähen  vor  in  in  dem  mer  und  oitch  vor  dem 


1)  Mhd.  wb.  1, 1017  a.  49  f.  und  Lexer  1,  653. 


8  WIESSNER 

berge  einen    )vaU  vü  wtten.   da  hm   hegnnde   raten  Wate  sinen  lieläen  an 
den  ziten. 

§  132,  Die  alte  spräche  verbindet  ebenso  wie  die  moderne 
helfen  mit  translocalen  ang-aben  in  ausgeprägter  bedeutnng: 
ich  helfe  dir  aus  der  gruhe,  auf  den  hoden  ii.  ä.,  also  =  'den 
weg  ermöglichen'.    DWb.  4.  2,  951  f.  Paul,  Wb.  s.  213. 

Hartm.  Lieder  MF.  211,3  got  helfe  uns  dar,  hin  in  den  sehenden 
Tcör;  El'.  4234  und  hilf  mir  äne  schände  von  disem  lande;  5371  oder  ich 
hilfe  im  üz  not  übertragen;  6861  daz  er  dem  eilenden  man  uz  dem  lande 
hülfe  cJ an]  9388  nü  half  erm  üf  hi  der  hant  wie  noch  heute  ich  helfe  dir 
auf;  Greg.  2085  der  half  im  üz  für  die  stat;  3007  ich  leere  durch  dine 
liehe  dar,  und  hilfe  dir  üf  den  stein;  A.  Heinr.  1109  ir  hülfe  des  tages  der 
tot  üzer  tverltUcher  not;  Iw.  3864  und  half  dem  lewen  üz  der  not;  4176 
mir  hülfe  von  dirr  arbeit  siveder  ez  iveste  von  in  zwein,  her  Gäivein  ode 
her  Iwein;  4259  dö  hulft  ir  mir  von  sorgen;  4313  ich  hilfe  in  von  dirre 
not;  6342  got  eine  mac  iu  helfen  hin.  —  Aus  Wolfr.'s  werken  und  Gott- 
fr.'s  Trist,  sind  mir  nur  wenig  derartige  fälle  zur  hand:  z.  b.  Wh.  205,1 
Ich  half  noch  Terramere  fürbaz  gein  herzesere  'half  ihm  noch  weiter  in 
herzenskummer,  brachte  ihn  noch  tiefer  hinein';  ähnlich  Parz.  447,15  dö 
^vas  des  gräwen  riters  klage,  daz  im  die  heileclichen  tage  niht  hülfen  gein 
alselhem  site  daz  er  simder  tväpen  rite.'^)  Trist.  4390  den  bit,  daz  er  dir 
helfe  heim;  7933  und  wem  si  half  üz  töcles  not;  9603  helfet  mir  ze  libe 
wider,  d.h.  'befreit  mich  aus  dieser  todesgefahr'.  —  Nib.  60,3  dar  (=  in 
Guntheres  lant  v.  2)  sidt  ir  mir  helfen,  vater  Sigmunt;  1878,4  er  hülfe  mir 
von  hinnen;  1920,2  hilf  mir,  ritter  edele,  mit  dem  libe  dan;  1922,3  daz  du 
mir  helfest  himien;  2237,  4  er  sach  ivol  daz  im  gerne  sin  neve  het  geholfen 
dan;  2259,4  loer  sol  mir  denne  helfen  in  der  Amelunge  lant?  Das  raoment 
der  bewegung  ündet  seinen  ausdruck  in  einem  eigenen  worte,  z.  b.  Nib. 
63,1  Und  helfet  mir  der  reise  in  Bargonden  lant;  vgl.  64,2.  —  Gudr. 
955,1  Dö  hülfen  in  die  loinde  in  des  vürsten  lant;  1113,4  beginnet  sin 
ieman  vären,  so  helfet  ir  im,  guote  recken,  dannen;  1334,3  manic  ritter 
guot,  die  in  gehelfen  mähten  von  ir  grözen  sorgen;  1343,1  Welt  ir  Kü- 
drünen  helfen  üz  der  not;  1493,  3  dö  Sprüngen  sine  recken  und  hülfen  im 
von  dannen. 

§  133.  In  dieselbe  gruppe,  wie  die  besprochenen  trans- 
localen constructionen,  gehören  auch  die  Verbindungen  von 
biten,  (jtbietcn  mit  Zielangaben;  vgl.  Beitr.  26,545.  Das  Mhd.  wb. 
1,169a.  13  ff.  bemerkt  zu  biten:  'wenn  bifcn  die  bedeutnng  von 
»laden«  annimmt  ...  so  ist  diese  noch  jetzt  gebräuchliche  art 
zu  reden  aus  der  auch  sonst  gebräuchlichen  auslassung  eines 
voll  Wortes  gleich  »gehen,  kommen«  zu  erklären'.  Als  beispiel 
wird  dabei  Gudr.  544,  1  citiert:  Hetele  bat  dö  Hagenen  mit  im 

')  Einige  weitere  citate  s.  Mhd.  wb.  1,  681a.  27  f. 


RUHE-   UND   RTCHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  9 

hl  sin  laut]  ganz  älmlicli  die  anm.  von  Martin  in  der  grossen 
ansgabe.  Aelinliclie  phrasen  sind  allerdings  auch  in  der  heutigen 
spräche  anzutreffen:  ich  bitte  dich  zu  mir,  auf  mein  .tinimer 
u.a.;  DWb.  2,  53  verzeichnet  wol  bitten  =  'einladen,  invitare', 
aber  nicht  dessen  Verbindung  mit  translocalen  bestimmungen. 
An  sprachliche  ellipse,  d.  h.  Verkümmerung  einer  ursprünglich 
reicheren  phrase  durch  verlust  eines  bestandteils,  ist  auch  hier 
nicht  zu  denken.  Der  fall  ist  ja  schliesslich  gar  kein  anderer 
als  z.  b.  ich  lade  dich  ein  in  meine  neue  wolinung,  oder  einen 
irgendivohin  rufen  u. s. w.  Es  v/ird  richtiger  sein,  in  diesem 
falle  von  gedrungener  ausdrucksweise  zu  sprechen,  als  von 
ellipse:  bitten  wird  durch  die  Verbindung  mit  Zielangabe  in 
seinem  bedeutungsgehalt  bereichert  'durch  bitten  (einen  irgend- 
wohin) ZU  bringen  beabsichtigen', 

Hartm.  Er.  9769  der  loirt  mit  sinen  gesten,  clier  dar  mohte  bringen, 
erbiten  unde  beticingen,^)  si  machten  eine  lidclizU:  dar  gehört  offenbar  zu 
allen  drei  verben.  Greg.  3175  diu  gofes  stimme  sprach  in  zuo  daz  si  des 
ncchstcn  tages  vrito  BömcEre  (nach  Zwierzina  a.  a.  o.  s.  -414)  sesamene  bceten. 
—  Gottfr.  Trist.  3110  unz  mich  min  mtiot  hegunde  biten  und  schünden 
sta'tecUche  in  fremediu  kilnicriche.  ■ —  Häufiger  hei  Wo  1fr.,  auch  hei  he- 
rücksichtigixng  des  weit  grössern  umfangs  seiner  werke:  Parz.  113,14  si 
düht,  si  hete  Gahmi<reten  wider  an  ir  arm  erbeten:  343,8  sivar  man  mm 
dienest  ie  gebat;  344,  22  in  tödes  leger  für  sich  bater  die  fürsten  sines  landes; 

*)  twingen  mit  zielangahen  begegnet  auch  sonst  nicht,  selten,  eine 
redensart  ganz  gleichen  Charakters,  wie  biten,  gebieten  mit  bezeichnung  des 
Zieles:  im  vcrbum  liegt  ursprünglich  nichts  von  einer  heweguiig.  Aehn- 
liche  constructionen  sind  auch  nhd.  bei  zivingen,  nötigen  noch  möglich. 
Mhd.  z.  b.  bei  Hartm.  Greg.  1583  iedoch  so  man  mich  sere  ie  (Zwierzina, 
Zs.  fda.  37, 413)  unz  her  ze  den  huochen  twanc,  so  turnierte  mm  gedanc. 
Uebertragen  Er.  562  he^re,  ivelch  not  twinget  iuch  üf  den  wän;  3718  wand 
in  freu  Minne  betwanc  üf  einen  valschen  gedanc;  l\v.  7790  in  tivanc  diu 
minnende  not  üf  disen  go'hen  gedanc;  und  ähnliche  fälle.  —  Wo  1fr.  P.  75,13 
die  werden  twanc  diu  minnc  dar;  130,27  der  knappe  ein  vingerUn  da  vant, 
daz  in  gein  dem  bette  twanc;  495,25  des  twanc  mich  ir  minnen  kraft  gein 
der  wilden  verren  riterschaft;  558, 19  sicaz  frouwen  hie  stet  pfandes,  die 
starkez  wunder  her  betwanc;  Wh.  820,20  swen  denn  sin  herze  ttvinget  ivider 
hinder  sich  und  niht  hin  für;  oder  387,5  diz  mcere  giht  daz  gein  dem  strit 
in  tioiinge  höhiu  minne ;  391,  21  daz  die  kristen  imd  die  heiden  gar  gedigen 
alle  zeiner  schar  . . .  als  obs  in  einer  presse  zesamne  wcern  getwungcn.  — 
Gottfr.  Trist.  902  so  er  ie  serer  dannen  ranc,  so  minne  ie  mere  wider 
twanc;  übertragen  z.  b.  19411  so  was  ie  daz  diu  volleist,  diu  ir  herze  aller- 
meist an  Tristandrs  liebe  twanc.  —  Nib.  292,2  si  (Siegfried  und  Kriem- 
hilde)  twanc  gen  ein  ander  der  seneden  minne  not. 


10  WIESSNER 

610,25  der  künec  Gawänn  mit  im  bat  ze  Eosche  Sabhhis  in  die  stat;  729,4 
die  hete  Artus  gebeten  e  an  dirre  suone  teidinc.  —  Wh.  84,  7  er  hete  ouch 
ze  vil  der  schar  von  Tesreizes  krefte,  in  des  geselleschefte  üz  sin  selbes 
lande  dar  gebeten;  245, 25  daz  si  mit  im  tvcern  gebeten  üf  sinen  palas 
Glorjeten;  383,2  die  sine  gein  dem  strite  batr.  Uebertragen  auch  810,4 
Ich  diene  der  känstecltchen  hant  für  der  heiden  got  Tervigant:  ir  kraft  hat 
mich  von  Mahnmeten  iinders  toufes  zil  gchcicn.  —  Wh.  242,  20  si  sint  ze 
strite  etswä  gebeten  'man  hat  sie  irgendwo  gebeten,  in  den  kämpf  zu 
ziehen ' ;  auch  141,  25  herverte  imd  reise  die  gein  Oransche  sint  erbeten  ge- 
hört die  richtungsangabe  wol  zum  verb ;  94, 16  ...  die  besten  er  mit  im 
hie  bat,  sine  man  und  al  min  künne  hat  wol  H.  Paul,  Beitr.  2,  327  recht, 
wenn  er  hat  (nach  ninopqt)  einsetzt.  Der  fall  ist  natürlich  anderer  art  als 
242,20.  —  Nib.  1362, 3  mit  boten  harte  snellen  er  bat  und  ouch  gebot 
zno  siner  höchgezite;  Überschrift  nach  666  ivie  Günther  S/friden  zuo  der 
höhzit  bat.  —  Gudr.  544,1  ist  schon  oben  (s.  8f.)  citiert;  269,4  dar  zuo 
(=  zur  fahrt)  bat  man  nieman,  tcan  den  der  küncc  tcol  mohte  getrouwen. 
—  AuchOtfr.  gehr&wcht  bitten  einmal  so:  4,6,25  Nihein,  quad,  thoh  thero 
manno,  thi  ih  hera  nu  bat  so  gerno  . . .  so  ninbizit  es  hiar.  Sonst  setzt 
er  im  selben  sinne  stets  ladön. 

In  gleicher  weise  wird  mhd.  gebieten  mit  angaben  des 
Zieles  verbunden,  wenn  eine  ortsveränderung  des  objects  ver- 
langt wird.  Heute  sind  dergleichen  phrasen  nicht  mehr  ge- 
bräuchlich: s.  DWb.4, 1, 1, 1764.  Vgl.  aber  ähnliche  Wendungen: 
er  ivard  vor  den  könig  befohlen  oder  beim  fremdwort  comman- 
dieren  in  der  militärischen  spräche:  auf  einen  posten,  nach 
Bosnien  commandieren. 

Hartm.  Greg.  568  die  iuwers  landes  tvalten,  den  jungen  zuo  den 
alten  suU  ir  ze  hove  gebieten,  und  die  iuioerm  vater  rieten  (l.aufl.):  Zwierzina, 
Zs.  fda.  37,  412,  vermutet  ^ Die  jungen  zuo?^)  nominativ!'  Die  construction 
ist,  falls  ich  sie  recht  verstehe  (demonstrativpron.  den,  im  casus  verschieden 
vom  relativpron.,  ausgelassen  bei  voran  gesetztem  relativsatz)  eine  sehr 
harte.  A.  Heinr.  1460  biten  iinde  gebieten  hiez  er  allenthalben  dar  die  stnes 
Wortes  ncemen  war.  In  besonderer  redeusart  Er.  5928 :  Haupt  schreibt  tvan 
du  gähes  nimst  daz  leben  einem  alsolhen  man  den  diu  tverlt  niht  über- 
winden kan,  und  gebeitest  eime  an  siner  stat  dem  ie  diu  werlt  des  tödes 
bat;  die  hs.  hat  aber  vnd  gebeutest  ainem  an  sein  stat,  von  Bech  hergestellt 
als  und  gebiutest  einem  an  sine  stat,  wol  mit  recht;  vgl.  seine  anm.  zu  der 
stelle.  —  Iw.  515  so  gebiut  in  vride  her  ze  mir  gehört  die  richtungsangabe 
natürlich  zum  subst.  vride.  —  Wo  1fr.  P.  6,2  sin  elter  sun  für  sich  gebot 
den  fürsten  üzem  rtche;  251,10  der  lac  von  einer  tjoste  tot,  als  im  diu 
minne  dar  gebot;  296,14  sin  manhcit  im  gebot  gencndecltche  an  manegen 
strit;  bei  vorausgehendem  verb  der  bewegung  403,9  Gäwän  fuor  dar  der 
künec  gebot.    Ferner  Parz.  816, 16   er  gebot  ouch  an  dem  selben  mal  den 


')  Von  Paul  in  der  2.  aufläge  in  den  text  aufgenommen. 


RÜHE-   UND    RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  11 

tvtsen  templetsen  dar  (=zumgral);  knapp  vorher  steht  neben  biten  in 
gleicher  fnnction  ein  bewegungsverb :  si  bäten  den  von  Zazamanc  komen, 
den  diu  minne  twane,  in  den  temjicl  für  den  gräl:  hier  fand  das  inoment 
der  bewegung  in  einem  eigenen  verbum  sprachlichen  ausdrnck,  womit 
natürlich  noch  nicht  bewiesen  ist,  dass  ellipse  vorliegt,  wenn  dies  nicht 
der  fall  ist;  vgl.  nur  z.  b.  ich  stosse  dich  zu  hoden  und  ich  stosse  dich, 
dass  du  zu  boden  fällst.  Auch  I'arz.  432,29  gehört  hierher:  nach  dem 
ffräle  im  Sicherheit  gebot  'sein  versprechen  gebot  ihm,  nach  dem  grale  zu 
fahren,  ihn  aufzusuchen'.  Ferner  Wh.  254,26  toaz  höher  mäge  uns  nam 
der  tot,  den  diu  minne  her  gebot;  339,3  für  Tcrrameren  ivas  gebot n  ... 
maneger  riehen  geselleschaft.  —  Aus  Gottfr.'s  Trist,  wäre  nur  auf  1377 
zu  verweisen,  einen  unsicheren  fall:  s.  Beitr.  20,  376.  —  Nib.  neben  biten 
1362,3  (s.  10);  Gudr.  3,1  Dem  jungen  Sigebande  man  gen  hove  gebot;  nach 
einem  bewegungsverb  vorher  231,  3  an  angest  ich  des  bin,  }Vate  rite  gerne, 
sivar  ich  im  gebtute.  —  Altd.  pred.  3,21,30  tmde  gebot  dem  Jcu^nige 
Herode  für  den  Jceiser  hinz  Borne. 

Gleiche  constriictions weise  zeigt  besenden  'holen  lassen'. 

Z.  b.  Gottfr.  Trist.  5957  vür  den  {^  Mörolt)  so  wurden  besant  ze 
Kurnetcäle  und  z'  Engelant  barune  und  ir  genöze;  oder  8045  daz  Isöt  in 
den  palas  vür  ir  vater  tvart  besant.  —  N  i  b.  798,  4  dö  wart  der  liiene  Stfrit 
haue  balde  dar  besant;  799,4  oder  von  ivelhen  schulden  ich  da  here  si  besant. 

Auch  er  wein,  erkiesen  mit  Zielangaben  gehören  in  diese 
kategorie:  durch  wähl  irgendiuohin  berufen:,  ganz  ebenso  noch 
heute,  z.  b.  ins  abyeordnetenlmus  ivählen  u.  ä. 

Hartm.  Greg.  3933  ez  kom  von  sinem  geböte  daz  ich  her  tvart  er  weit; 
oder  Wo  1fr.  P.  448,18  durch  daz  der  mensche  tvas  verlorn,  durch  schulde 
hin  zer  helle  erkorn ;  Wh.  101,  6  tmd  daz  ivir  friunde  hän  verlorn,,  die  du 
dir  selbe  hast  erkorn  in  der  engele  gesellekeit;  358,18  daz  ist  der  eltste  su/n 
min  . . .  zuo  den  goten  Imn  ich  den  erkorn  durh  sin  eilen  in  min  selbes 
schar.  Vgl.  auch  Wh.  322,13  die  belibene  sint  zer  scclde  erweit,  kiesen: 
Parz.  478,3  nach  im  man  dö  kos  stnen  eltsten  sun  ze  künege  dar  'zum 
gral',  vielleicht  auch  weniger  sinnlich  'für  den  gral'  (so  Bartsch).  —  S. 
Altd.  pred.  3,240,7  da  lebt  er  also  hailiclichen,  daz  er  da  scicrc  zaime 
apt  erweit  wart  unde  ouch  do  dar  nach  von  der  aptai  zaime  biscofe  hinze 
Turns  erweit  wart. 

§  134.  Für  Wolfr.'s  spräche  charakteristisch  und  Hartm. 
wie  Gottfr.  gänzlich  fremd  ist  die  Verbindung  von  välien 
'fangen,  gefangen  nehmen'  (vom  kämpf  leben)  mit  Zielangaben, 
in  der  prägnanten  bedeutung  'gefangen  irgendwohin  bringen'. 

Parz.  85, 7  für  daz  poxdün  dö  reit  zwen  riiter  üf  ir  Sicherheit,  die 
tvärn  hin  uz  gevangen,  und  kömn  her  in  gegangen;  388,  14  der  tvas  gevangen 
hin  in,  Bartsch  'war  gefangen  in  die  Stadt  abgeführt';  392,21  die  der  ritter 
rot  hin  t'm  hete  gevangen;  665,3  Gärcl  tint  Gaherjet  und  rois  Meljanz  de 
Barbiga:!  unde  Jo freit  fiz  Idosl  die  sint  hin  üf  (auf  Lögroys)  gevangen,  e 


12  WIESSNER 

der  buhurt  iccere  ergangen;  673, 13  iinrlr  eine  baniere  ivtz  ist  er  hin  uf  ge- 
vangen  (eine  Dg,  einer  GMgg):  673,22  imrst  oueli  mtn  neve  Jo freit  hin  nf 
gevangen.  Im  Wh.  begegnet  die  phrase  nicht;  Wh.  115,  21  daz  er  ist  un- 
gevangen  hin  hat  mir  formale  ähnlichkeit,  =  'so  dass  er  entkam,  ohne  ge- 
fangen zu  werden'. 

Aehnliche  Zielangaben  bei  erstr/ten:  Parz. 673,20  die  hont  den pris  hin 
üf  erstriieu.  Vgl.  auch  Wh.  412, 17  . . .  mange  siinderrotte  . . .  üz  den  hei  er 
sich  erstriten,  daz  er  in  ze  verre  tvas  entriten:  'hatte  sich  im  kämpfe  entfernt'. 

Das  DWb.  4, 2, 1003  citiert  eine  ähnliche  construction  von  nhd.  fangen 
(D.  städtechron.  2,  263, 10),  die  gewis  ebenso  zit  erklären  ist  wie  die  eben 
besprochenen  stellen  im  Parz.:  fangen  übernimmt  hier  die  function  eines 
bewegungsverbs.    Anders  die  erklärung  im  DWb.  a.  a.  o. 

§  135,  Gleichfalls  AVolfr.  eig-entümlicli  ist  die  Verbindung 
von  gedihen  mit  Zielangaben,  nlid.,  d.  h.  in  der  heutigen 
Schriftsprache,  nicht  mehr  wortgetreu  widerzugeben:  unser  ge- 
deihen verträgt  nur  abstracte  richtungsconstruction.  Betreffs 
der  landschaftlichen  entwicklung  von  gedeihen  zu  einem  be- 
wegungsverb  s.  DWb.  6, 1, 1, 1988  f. 

Parz.  172,  22  nngeverte  und  hänüi,  dar  gedihct  manec  sirii;  mit  über- 
tragener richtungsaugabe  z.  b.  190, 28  dö  was  der  hurgcere  nar  gedigen 
an  dise  spise  gar;  oder  345,27  eins  tages  gedehez  an  die  stat  daz  si  der 
junge  Tcilnec  hat  nach  sime  dienste  minne.  Mehr  beispiele  habe  ich  mir  aus 
dem  Wh.  notiert:  42,29  der  strlt  gedieh  tcidr  iif  den  plan;  114,24  schiere 
der  poynder  tcas  gedign  unz  wider  gein  der  {gein  den 'Km,  an  die  t) porten; 
391, 16  daz  die  kristen  und  die  heiden  gar  gedigen  edle  zeiner  scharf)  Ferner 
übertragene  Wendungen,  die  ebenfalls  heute  nicht  mehr  möglich  sind:  Wh. 
50,12  shiiu  ziveinzec  tüsent  tvärn  gedigen  nnz  an  vierzehen  der  sine;  89,28 
dö  ivas  ir  icerlichiu  kraft  gedigen  et  an  den  kapelän  ;  158,  22  bin  ich  gedigen 
in  ir  schäm,   die  sma'he  ich  mir  selbe  erkös,   dö  ich  den  keiser  Karl  verlos. 

§  136.  Interessant  sind  auch  prägnante  richtungsconstruc- 
tionen  von  klingen,  er  Hin  gen,  die  ich  in  den  angezogenen 
mhd.  texten  fast  nur  bei  AVolfr.  fand:  'klingend  fahren,  dringen'. 
Die  mhd.  wbb.  erwähnen  diese  reichere  bedeutung  nicht  beson- 
ders.   Für  das  nhd.  s.  DWb.  5, 1182  -/. 

Z.  b.  Parz.  747, 10  e  du  begundest  ringen,  min  swert  lieze  ich  Mingen 
beidiu  durch  iser  unl  durch  vel;  Wh.  346,  30  da  swert  durch  heim  erklingen; 
883,9  vil  Schilde  der  ganzen  lotirden  da  zerfüeret,  manec  hehn  also  genieret 
daz  diu  sivert  derdurch  klungen.  Vgl.  auch  57, 10  diu  sper  mit  krache  loären 
hei  üf  in,  ze  volge  unde  engegen.  Aus  den  hier  berührten  mhd.  texten 
kenne  ich  nur  parallelen  Nib.  1907,  2  (Bartsch  1970,  2):  in  A  sin  loäfen  her- 
lichen durch  die  helme  ranc  (Lachmann  später  dranc)  den  Etzelen  recken 


')  Vgl.  auch  135,23  herre,  wol  mich  warf,  daz  iwer  her  komendiu 
vart  in  min  hüs  ist  gedigen. 


RUHE-   UND   RICHTUNGSCONSTKUCTIONEN.  13 

üzer  Hiunen  lunt;    B  hat  dafür  er  klaue;    Giidr.  14:67,  3  j«  hcere  ich  zuo 
uns  vaste  vil  guoter  siccrte  erklingen. 

Zalilreiclie  Wendungen  unserer  schrift-  und  Umgangssprache 
tragen  den  gleichen  Charakter:  es  wird  der  akustische  effect 
einer  bewegung  direct  mit  angaben  des  zieles  etc.  verbunden, 
die  bewegung  selber  kommt  neben  den  beiden  psychologischen 
hauptmomeuten:  akustisches  phänomen  und  localangabe  —  oft 
nicht  in  einem  eigenen  worte  zum  ausdruck;  durch  die  Ver- 
knüpfung mit  translocalen  angaben  zur  bezeiclmung  einer  tat- 
sächlichen bewegung  kommt  in  die  bedeutungssphäre  des  verbs 
das  element  der  bewegung;  z.  b.  der  wind  heult  durch  den  ivald\ 
ich  scJimettere  das  glas  zu  hoden;  eine  kugel  pfiff  an  meinem 
ohr  voräher]  der  hacli  rauscht  ins  tat]  der  hall  saust  in  die 
luft;  der  j^feil  schtvirrt  von  der  sehne;  der  eisenhahnziig  imstet 
in  die  nacht  hinaus]  er  keucht  über  die  stiege  u. s.  w. 

§  137.  In  diese  gruppe  (s.  §  122  ff.)  ist  auch  noch  eine 
dem  mhd.  Sprachgebrauch  eigene  redensart  zu  stellen:  mir  ist 
gäch  (auch  mit  werden)  in  Verbindung  mit  angaben  der  ricli- 
tung  auf  die  frage  'woher'  oder  'wohin',  entweder  zur  be- 
zeichnung  einer  sinnlichen  bewegung  oder  metaphorisch  des 
strebens  z.  b.  nach  einem  ziele  hin.  Im  nhd.  wäre  zu  ver- 
gleichen ich  habe  es  eilig  irgendtüohin,  die  mhd.  phrase  ist  aber 
ungleich  häufiger.  DWb.  3,  110  verzeichnet  übrigens  letztere 
constructionsweise  in  dem  recht  dürren  artikel  gar  nicht.  In 
unserem  dialekt  wird  gncdig  (==  genötig,  mhd.  genöte)  so  ver- 
wendet: er  häts  gncdig  ins  tvirtshaus  u.  ä.  S.  v.  Monsterberg- 
Münckenau  a.  a.  o.  s.  47  sieht  sogar  in  diesen  phrasen  mit  gäch 
ellipsen,  gewis  mit  unrecht:  die  redensart  ist  dem  verbum  gclhen 
völlig  gleichwertig,  und  wer  denkt  dort  an  ellipse? 

Hartm.  Lieder  MF.  210, 17  da  niemen  stcete  vinden  mac  dar  ivas  mir 
fjäch;  1.  Büchl.  743  im  (dem  glück)  enist  ze  niemen  gäch;  Er.  164  zuo  in 
tvas  im  niht  ze  gäch;  2649  ze  rosse  ivart  im  also  gäch;  4-118  wan  durch 
vorhte  des  ivihes  ...  u-as  im  von  dem  lande  gäch;  5ü74  ivirt  im  ein  teil  ze 
(fehlt  in  der  hs.)  zorne  gäch;  6152  dö  ivart  im  vome  rosse  gäch;  A.  Heiur. 
953  dar  zuo  ist  in  allen  gäch;  Iw.  2542  dö  tvart  hern  Itceine  gäch  geiväfent 
von  der  veste;  4187  mir  ivas  ze  stnen  hiäden  alze  liep  und  alze  gäch;  4989 
sus  was  im  an  den  risen  gäch;  5063  im  ivart  ze  dem  slage  so  gäch.  — 
Recht  häufig-  gebraucht  Wo  1fr.  diese  redensart:  Parz.  128,15  im  was  gein 
Artuse  gäch;  141,29  do  was  im  gein  dem  strite  gäch;  150,29  dö  ivus  im 
von  dem  kilnegc  gäch;  196,10  der  siinnen  ivas  gein  haclie  gäch;  217,6  mir 
ivaire  e  mit  ir  dannen  gäch;    281,80  daz  im  ivas  von  dem  luoder  gäch; 


14  WIESSNER 

338,25  sivem  ist  ze  söVien  werJien  gäch;  341,15  den  ivas  yein  herhergen 
guck;  363,13  er  fragte  tcar  im  wcer  so  gäch;  368,22  der  meide  loas  zem 
gaste  gäch;  511,15  sicem  ist  ze  werder  minne  gäch;  517,12  dem  was  zer 
botsehe fte  gäch;  536,  4  froive,  wiest  iu  von  mir  so  gäch?  626,  23  dem  Icnappen 
tvas  dannen  gäch;  731,29  dem  muoz  gein  sorgen  wesen  gäch;  AVh.  122,2 
nu  lä  dir  von  mir  niht  so  gäch;  276,8  Rennewarte  was  zer  spise  gäch; 
315, 10  so  gäh  v)as  im  üf  die  vart;  317, 16  so  gäh  was  im  ivider  dan; 
414, 17  nach  den  was  Bennewarte  gäch.  Auch  324,  9  im  ivas  mit  zorne 
gein  in  gäch  gehört  die  richtuiigsangahe  wol  zu  gäch,  nicht  zu  zorne. 
Aber  Parz.  237, 12  dem  was  ze  hn/oi  für  si  gäch  dürfte  für  si  zu  knien, 
nicht  zu  gäch  zu  ziehen  sein ;  vgl.  244, 18  diu  selbe  kniete  ouch  für  in  dar. 

—  Selten  erscheint  bei  Gottfr.  diese  phrase  mit  trauslocalen  angaben: 
Trist.  13841  dar  ist  ir  not  unde  gäch;  18498  und  ist  iu  von  mir  harte  gäch. 

—  Auch  im  Nib.-l.  nicht  gerade  häufig:  1474,2  dö  tcas  in  dannen  gäch; 
1516, 1  Er  swanc  in  üz  dem  scheffe:  dar  zuo  wart  im  gäch;  1588,  2  den 
was  ein  teil  ze  gäch  nach  den  küenen  gesten.  —  Viel  öfter  in  der  Gudr. : 
450, 4  den  stolzen  bnrgceren  den  ivas  ze  urliuge  gäch ;  830,  4  den  was  zuo 
dem  strite  deste  gäher;  840,1  Waten  donekhcnen  wart  dannen  gäch;  868,8 
im  loas  gäch  zem  sande  nach  sinen  vhiden;  1212,2  ir  vil  schcenen  tveschen, 
war  ist  iu  so  gäch?  1263, 1  den  ellenthaften  degenen  ivas  von  dem  Stade 
gäch;  1358,2  gäclt  ivas  ir  in  daz  venster. 

In  concurrenz  mit  dieser  besprochenen  phrase  steht  gähen 
mit  translocalen  angaben,  bei  den  drei  höfischen  epikern  und 
in  den  beiden  nationalepen  ziemlich  häufig  anzutreffen;  ich 
zähle  bei  Hartm.  25  solcher  fälle,  bei  Wolfr.  34,  bei  Gottfr.  8, 
im  Nib.-l.  8,  in  der  Gudr.  15. 

Für  Wolfr.'s  spräche  charakteristisch  erscheint  im  Parz. 
öfters  snel  mit  angaben  der  richtung  verbunden,  schnell  bereit 
zu:  s.  K.  Kinzel,  Zs.  fdph.  5, 17.') 

Parz.  66, 13  iöi  von  Norivcege,  gein  valscheit  der  trcege  und  der  snelle 
gein  dem  prise;  116,8  genuoge  sint  gein  valsche  snel;  122,10  der  helt  tvas 
gein  prise  snel;  268,20  diu  frouwe  mit  ir  blözem  vel  ivas  zem  Sprunge  liarte 
snel;  412,2  gein  elln  si  bede  ivären  snel;  merkwürdig,  dass  sich  diese  fälle 
in  die  erste  hälfte  des  Parz.  zusammendrängen,  in  der  zweiten  aber  und 
im  Wh.  verschwinden.  Vielleicht  ein  blosser  znfall ;  immerhin  müsste  man 
nach  der  Verteilung  der  construction  auf  die  ersten  12000  verse  des  Parz. 
in  dessen  folgenden  partien  und  im  Wh.  zusammen  noch  mindestens  acht 
belege  erwarten !  Kinzel  a.  a.  o.  verweist  auf  die  einzige  ähnliche  stelle  bei 
Hartm.  Er.  1642  unde  ze  allen  eren  snel  Yivän  von  Lönel.  Vgl.  auch 
Otfr.  1,1,64  zi  ivafane  snelle  so  sint  thie  thegana  edle. 

Als  antipoden  dieser  phrase  gebraucht  Wolfr.  laz  mit 
richtungsbezeiclinung : 


')  Vgl.  auch  W.  Moebius,  Die  sprachlichen  ausdrücke  füi-  gradverhält- 
nisse  im  Parzival,  Leipzig  1898,  a.  19. 


RUHE-   UND   RICHTUNGSC0N8TRUCTI0NEN,  15 

Parz.  217,12  vtanc  werder  man  gein  valsche  laz;  420,16  hin  ich  gein 
dem  strite  laz ;  wahrscheinlich  gehört  hierher  auch  Parz.  636, 3  dar  zuo 
icas  ouch  niht  ze  laz  gein  der  herzoginne  ir  haz;  820,2  Mach  ist  iemmer 
al  min  haz  \  gein  toiben  vollecliche  laz;  Wh.  267,28  tind  anderr  miner 
mäge  haz  ums  et  gein  mir  niht  ze  laz.  Vgl.  auch  das  oben  citierte  trcege 
Parz.  66, 12.  Es  ist  übrigens  schwierig  zu  sagen ,  ob  diese  phrasen  ganz 
sinnlich  gemeint  sind  'es  nicht  eilig  haben  zu  etwas',  oder  abstract  'gegen- 
über, in  bezug  auf  etwas  lässig  sein'.  Letzteres  scheint  mir  vorzuliegen 
Parz.  95,  24  itver  reht  ist  gein  mir  laz  und  292,  8  m/n  lop  tvcer  gein  tu  niht 
so  laz;  vielleicht  auch  570, 11  sin  wer  ist  gein  mir  harte  laz.  —  Bei  Hartm. 
vgl.  1.  Büchl.  1857  der  selbe  ist  zallen  tilgenden  laz,  ze  den  Untugenden  drcete. 

Es  erinnern  diese  mhd.  phrasen  in  ihrer  constructionsweise  an  die 
redeusart  bei  Otfried:  funs  wer d an  mit  angaben  derrichtung:  2,2,32 
thaz  tvort  theist  man  wortan,  iz  ward  hera  in  ivorolt  funs  joh  nu  buit  in 
uns:  0.  Erdmanns  benierkung  in  den  Untersuchungen  über  die  syntax  der 
Sprache  Otfrieds  2  §  167  'auch  bei  icerdan  steht  in  mit  acc.  (wobei  unsere 
stelle  folgendermassen  citiert  wird)  iz  ward  hera  in  woroW  ist  in  dieser 
fassung  ungenau,  ja  falsch.  Ueber  funs,  das  mit  werdan  eine  geschlossene 
phrase  bildet,  darf  man  hier  nicht  hinwegsehen.  Vgl.  ferner  5,8,28  Wio 
druhtin  deta,  so  imo  zam,  er  unsan  lichamon  nam,  wio  er  ward  ouh  hera 
funs  joh  nu  buit  in  uns;  5,12,77  Bi  thiu  simes  io  zi  gote  funs  mit  then 
minnon  untar  uns;  Hartm.  57  Hina  umrd  thiu  worolt  funs:  Erdmann  (grosse 
ausgäbe)  'ward  bereit  zum  hingange,  hinfällig  zum  untergange'. 

§  138.  Wir  wenden  uns  nun  zu  einer  neuen  verbalgruppe, 
die  in  der  art  der  Verbindung  mit  präpositionalausdrücken 
vom  heutigen  spracligebrauch  abweicht:  mhd.  genießen  und 
engdtcn.  Die  person,  von  der  nutzen  oder  nachteil  ausgehen, 
steht  nicht  abhängig  von  präpositionen,  die  den  ausgangs- 
punkt,  den  Ursprung  einzuleiten  pflegen,  oder  von  solchen,  die 
Ortsangaben  auf  die  frage  'wo'  vorangehen  ■ —  Wendungen,  die 
uns  nhd,  in  parallelen  phrasen  geläufig  sind  —  sondern  mit 
wider  und  aceusativ!  Eine  auf  fassung,  die  uns  heute  ganz 
fremd  berührt. 

genie2:en. 

Hartm.  Greg.  2947  und  tcoldes  gniezen  wider  got;  Iw.  3137  sU  min 
vrouwe  ir  jugent,  schoene,  rtcheit,  unde  ir  tugent,  ivider  iuch  niht  geniezen 
kan.  —  Wo  1fr.  Wh.  208, 12  des  muost  du  geniezen,  bruoder,  immer  wider 
mich;  Tit.  100,  4  des  sol  ich  alles  wider  dich  geniezen.  Auch  hier  verwendet 
Woifr.  das  in  seiner  spräche  so  beliebte  gein  statt  des  bei  ihm  höchst 
seltenen  ivider:  Parz.  213,26  diu  mir  herze  unde  sin  ie  mit  ir  gewalt  be- 
sloz,  unt  ich  des  nie  gein  ir  genöz;  276,  27  och  het  ichs  dö  genozzen  gein 
dem  helde  unverdrozzen;  787,  30  swie  wenc  ich  des  gein  iu  genöz.  —  Gottf  r. 
Trist.  14373  ez  (das  getwerc  nämlich)  genüzze  es  iemer  under  in.  —  G  u  d  r. 
424,  4  des  muge  wir  da  heime  ivider  den  Icünic  Hetelen  wol  geniezen. 


16  WIESSNER 

engelten.^) 

Hartm.  1.  Büchl.  559  des  ich  loider  dich  engoUen  han;  Iw.  2013  das 
si  ir  grözen  trimven  |  tvider  si  so  sere  engalt:  Bech  übersetzt  ' dass  sie  für 
ihre  treue  ergebenlieit  gegen  sie  (=  Laiidiue)  so  sehr  leiden  musste',  bezieht 
also  ivider  st  zu  triuwen:  das  enjambement  würde  ja  nicht  dagegen  sprechen. 
Ebensogut  könnte  wider  st  aber  auch  zu  engalt  gezogen  werden.  —  Wolfr. 
Wh.  156,  4  enJcelden  ichs  niht  müeze  tcider  got;  aber  gein  Parz.  167, 11  tump- 
heit  er  icenc  gein  in  enkalt;  ebenso  227, 17  ivenc  er  des  gein  im  enkalt.  — 
Anders  in  der  Gudr.  194,3  des  muosten  si  engelten  von  im  harte  sere. 

Ygl.  ähnliche  coustructionsweise  von  gehüezen  in  Hartm.'s  Greg. 
169  den  nieman  mac  gesüezen  noch  icider  got  gehüezen. 

Oder  andere  pkrasen  ähnlicher  bedeutung  und  coustructionsweise ;  z.  b. 
Iw.  2668  zioäre  du  hast  ie  mere  Ion  ivider  mich.  Ebenso  Trist.  14264  ez 
(=  daz  getioerc)  hcete  es  iemer  viere  icider  Marken  Ion  ttnd  ere. 

§  139.  yehern.  Es  fällt  dem  nhd.  spracligebraiicli  gegen- 
über auf,  wenn  Wolfr.  im  Wli.  63,  2  sagt:  mir  wart  dtn  tug ent- 
hafter lip  ze  freiide  an  dise  tverlt  erhorn:  älinlicli  z.b.  MF.  25,  35 
Do  der  guote  Wernhart  an  dise  tverlt  gehorti  tvart.  Uebertragen 
Tit.  72,  4  ich  icart  in  dine  helfe  erhorn.  Wir  gebrauchen  heute 
gehorn.  iverden  nicht  mehr  mit  richtungsangaben  so  sinnlicher 
natur,  sondern  nur  mit  abstracten  adverbialen  bestimmungen 
des  Zweckes:  zu  hohen  ehren  gehören  iverden  u.  ä.  Diese  diffe- 
renz  der  beiden  Sprachperioden  ist  offenbar  daraus  zu  erklären, 
dass  im  mhd.  die  einstige  bedeutung  des  Wortes  {tragen)  noch 
ganz  lebendig  war,  wie  andere  Wendungen  beweisen,  während 
sie  sich  heute  ganz  verflüchtigt  hat,  und  der  geltungsbereich 
des  Wortes  auf  gehären  in  seiner  ganz  ausgeprägten  bedeutung 
zusammengeschrumpft  ist.  Den  geburtsact  als  eine  bewegung, 
die  geburt  als  einen  weg  aufzufassen,  ist  uns  in  anderen  phrasen 
nicht  fremd:  zur  ivelt  hringen  und  zur  ivelt  lommen,  Wendungen, 
die  im  mhd.  auch  schon  leben: 

Z.b.  Parz.  146,6  dich  hräht  zcr  tcerlde  ein  reine  ivij);  ebenso  303,  21; 
Wh.  191, 17;  Greg.  760;  anders  Wh.  253,  7  von  gott:  der  mich  von  nihte  ze 
dirre  werkle  brähte.  Oder  Greg.  681  mit  den  vroutven  er  des  jach  duz  nie 
(Zwierzina,  Zs.  fda.  37, 412  nie  e?)  zer  tcerlde  qualme  ein  kint  also  genceme; 
2561  daz  ich  ie  ze  der  werlt  quam.  Unsicher  sind  fälle  wie  Iw.  3963  der 
unsadigeste  bistü  der  ie  zer  iverlde  ivart  geborn;  Trist.  11701  owe,  daz  ich 
zer  iverlde  ie  wart  geborn!  17448  daz  nie  von  wibes  Übe  deliein  creatiure 
als  uz  erkorn  ze  dirre  werkle  ivürde  geborn:  Nib.  517,4  daz  ich  zer  weide 
ie  wart  geborn;  2037,4  ezn  ivurden  küener  degene  zer  werkle  nie  geborn: 
zer  toerlde  könnte  hier  doch  auch  auf  die  frage  'wo'  stehen  auf  der  weit. 

')  Das  Mhd.  \vb.  belegt  die  fügung  in  einem  einzigen  fall  (1,  521a.  23  f.). 


RÜHE-    UND   KICHTÜNGSCONSTRUCTIONEN.  17 

An  dise  iverU  geborn  loerden  ist  eine  der  lieblingswendungen  in  den 
Altd. pred.3:  vgl.  8,36  do  er  an  dise  weite  gehorn  wolt  werden  und  ungemein 
häufig  im  folgenden:  12,G.  11.  22,16.  32,32.  74,27.29.  75,40  'ezemverde', 
sprach  er,  'ein  man  geborn  in  die  weit  etc.  (in  auch  schon  32,  32).  80,  5. 
81,33.  104, 29  linde  alle  die  die  tif  dise  weit  ie  geborn  imirden.  129,30. 
150,35.  168,1.  187,9.  188,33.  192,35.  203,33.  208,3.  210,39.  211,6.  213,38. 
220,  42.  222,  2.  228, 17.  232,  36.  235,  9.  236,  30.  Die  reihe  dieser  zweifellosen 
fälle  von  geborn  werden  mit  translocaler  angäbe  zeigt,  dass  auch  die  im 
folgenden  angeführten  nicht  etwa  zeugmatisch  zu  verstehen  sind,  wie  dies 
176,  29  daz  der  wäre  Davides  sun,  daz  ist  der  heilige  Christus,  her  an  dise 
werlt  ist  chomen  unde  geborn  unde  gemartert  im  letzten  der  drei  glieder 
allerdings  der  fall  ist.  —  4,  8  den  hat  iu  diu  vil  here  magt,  uhiser  vrowe 
Marie,  ze  tröste  unde  ze  helfe  an  dise  tvelte  getragen  unde  geborn:  tragen 
und  ber)t,  die  beiden  synonyma,  also  formelhaft  verbunden;  an  dise  weite 
gehört,  wie  die  Stellung  deutlich  zeigt,  auch  zu  tragen;  dies  ist  also  tat- 
sächlich mit  bern  völlig  gleichbedeutend  und  bezeichnet  nicht,  wie  man 
nach  dem  massstabe  der  uhd.  Verhältnisse  leicht  glauben  könnte,  den  zu- 
stand der  Schwangerschaft,  dessen  resultat,  der  geburtsact,  dann  iu  geborn 
tverden  bez.  gebcrn  zum  ausdruck  käme,  tragen  steht  also  hier  iu  momentan- 
effectiver  Verwendung:  s.  Beitr.  26,  398,  anm.  1.  Ebenso  aiich  11,3.  23,16. 
31,3.  205,40.  214,17.33.  217,11.  —  Sehr  häufig  auch  neben  chomen:  4,34 
ivan  durch  den  unde  ivider  den  so  ist  ocJi  uu  hiute  der  wäre  gotes  su>i,  in 
dise  weite  chomen  unde  geborn;  ebenso  7,32.  27,5.  11.  15.  34.  214,7.  228,8. 
234, 17.  252,  40.  —  Uebertrageu  249,  23  die  iuch  da  habent  erborn  mit  dem 
•heiligen  gelouhen  hinzc  dem  ewigen  libe;  ebenso  249,27. 

Ueber  got.  gahairan  mit  richtungsbezeichniing  auf  die  frage 
'woher'  s.  Bornnaiin  s.  21.  Dem  liier  citierteii  gabaurps  us 
wamhai  Sk.IIb  wäre  aus  Otfrieds  werk  als  verwante  ausdrucks- 
weise an  die  seite  zu  stellen  2, 1, 10  wanta  er  (=  gott)  iz 
(=  thaz  wort)  fon  herzen  gtbar  'da  er  es  aus  seinem  herzen 
heraus  zeugte';  s.  vorher  v.  8  und  9  Er  allem  anagifti  theru 
druhtines  giscefti,  so  wes  iz  mit  gilusti  in  theru  druhtines  hrusti. 

Es  fällt  hier  zugleich  auf,  dass  giberan  vom  vater  gesagt 
wird,  während  im  nlid.  strenge  zwischen  gehären  (von  der 
mutter)  und  zeugen  (vom  vater)  geschieden  wird.  Aber  ge- 
hären hat  bis  in  friihnlid.  zeit  herein  ein  viel  weiteres  geltungs- 
gebiet  als  heute,  insofern  es  nicht  nur  von  gott  als  vater 
(DWb.  4, 1, 1, 1641),  sondern  auch  von  den  eitern  überhaupt, 
ja  vom  vater  allein  (ebda.  1(3 lo  f.)  gebraucht  wurde.  Ebenso 
stehen  die  Verhältnisse  erklärlicherweise  auch  in  Otfrieds 
spräche:  er  gebraucht  das  verb  z.  b.  von  gott  als  vater  auch 
1,  5,  26  fatere  gihorunan  ebuneivigan,  was  Kelle  im  Glossar  s.  171 
übersetzt  'aus  dem  vater  geboren  als  gieichewiger':  s.  über  den 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  2 


18  WIESSNER 

ablativisclien  dativ  der  abstammung'  Erdmann,  Grundz.  2,  §  308. 
—  Oder  von  beiden  eitern,  z.  b.  des  blindgebornen  3, 20,  6  Odo 
iz  firworahtin  ouh  er  fater  inti  mnater,  sie  fram  so  suntig 
tvarin,  tlias  sulili  lind  gibarin  u.  ö.;  für  die  zeugung  des  vaters 
überhaupt  (nicht  nur  gottes)  bietet  Otfried  kein  directes  bei- 
spiel;  vgl.  aber  1, 12, 16  fon  in  ward  ouh  gihoraniu  sin  tnuater 
'von  ihnen  (den  königen)  stammte  auch  seine  mutter  ab.'') 

Ganz  klare  beispiele  dieser  art  bieten  aber  die  unter- 
suchten mhd.  texte:  z.  b.  Greg.  26  und  ivcere  aber  er  gehorn 
von  Adame  mit  Abele:  vgl.  Martin,  Zs.  fda.  29,  466.  Heute  werden 
dergleichen  präpositionale  bestimmungen  neben  passivem  ge- 
bären nur  mehr  abstract  und  zwar  causal  gefühlt,  nicht  als 
richtungsangaben;  im  mhd.  ist  eine  allgemeine  entscheidung 
darüber  nicht  leicht  möglich.  Immerhin  ist  es  bemerkensAvert, 
dass  neben  geborn,  erborn  auch  zweifellose  localangaben  auf 
die  fi^age  'woher'  erscheinen,  um  nämlich  den  geburtsort  zu 
bezeichnen,  eine  Verbindung,  die  gegenwärtig  nicht  mehr  ge- 
läufig ist.     Wir  setzen  in  diesem  fall  gebürtig. 

Aus  Hartmanns  werken  kommen  noch  folgende  fälle  in  betraclit: 
Er.  1913  gräve  Margön,  gehören  von  Glufiön;  6122  Oringles  liiez  der  riclie 
man,  von  Limors  gehorn;  8508  der  was  von  Winden  geborn;  9724  ouch 
ivärn  st  beide  . . .  von  einer  stat  ze  Lüte  erborn.  Greg.  1276  die  Hute  dem 
Jcnajjpen  jähen,  alle  die  in  gesuhen,  daz  von  visclicere  nie  gehorn  wmre  dehein 
jimgelinc  so  scelden  rieh;  2585  ich  bin  von  einem  herzogen  vil  endelichc  ge- 
born; 2571  ir  sult  mir  des  verjehen  von  icannen  ir  geborn  sit.  A.  Heinr. 
49  tmd  was  von  Oiiive  geborn.  Iw.  6126  nu  gehörte  ein  vrouwe  disen  zorn: 
diu  tvas  üz  der  stat  geborn :  vgl.  Beneckes  anm.  zu  6123.  S.  auch  Henricis 
anm.  zu  6126.  —  Bei  Gottfr.  wie  nhd.  Trist.  2123.  7744.  8264.  17448. 
Dagegen  5887  der  hiez  Gurmün  Gemuotheit  und  ivas  geborn  von  Aff'ricä. 
Vgl.  dazu  2694:  von  diseme  lande  ich  biirtic  bin;  ebenso  5386.  Oder  10516 
ein  ritter  edel  tind  uz  erkorn,  von  knnegen  unze  her  geborn. 

Aus  Wolframs  werken  hat  die  hierher  gehörigen  stellen  zu  anderem 
zwecke  auch  C.Bock  (Beitr.  11, 195f.)  gesammelt.  Ich  begnüge  mich  aber 
nicht  mit  einem  einfachen  verweise,  um  in  der  arbeit  keine  lücke  entstehen 
zu  lassen,  und  gruppiere  nach  der  art  des  präpositionalausdrucks. 

a)  Angabe  des  geburtsortes :  Parz.  9, 12  woirstu  von  Gylstram  geborn; 
54,  27  von  Sibilje  uzer  stat  tcas  geborn  den  er  da  bat;  56, 1  erst  erborn  von 


')  Heute  fällt  es  schon  etwas  auf ,  wenn  z.  b.  G.  Keller  im  Grünen 
Heinrich  4,248  sagt:  er  denke  aber  nicht,  ihr  meister  zu  sein;  denn  vor  ihm 
sind  andere  dtigcwescn,  nach  ihm  loerden  andere  kommen,  und  jeder  tcurde 
von  der  menge  geboren  [s.  Nachtrag]. 


RUHE-   UND    RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  l9 

AnscJioHwe;  108,9*0  er  was  von  Anscliomve  erhorn;  140,27  ein  Waleis  von 
der  nmoter  diu  bistn  geborn  von  Kanvoleiz;  473,27*  er  loas  erborn  von 
Prienlascors ;  479, 15*  ez  tvas  ein  heiden  . . .  geborn  von  Etlmise.  Vgl.  728, 23 
in  möht  iu  niht  gar  bediuten  ir  namn  und  wan  si  warn  erborn.  Tit.  147, 1 
Si  ivas  von  Kunadic  erborn.  Wh.  205, 23*  der  riche  Seciljoys  ivas  geborn 
von  Palerne;  255,6  und  der  süeze  kümc  Tenabruns,  erborn  von  Liwes  Nu- 
gruns;  vgl.  auch  290,21  so  vrägt  ich  wann  du  wcerst  erborn  und  464,29 
man  list  da  kunüiclie  ir  namen  unde  ir  riche,  wannen  ieslicher  loas  erborn. 
b)  Angabe  der  mutter,  wie  nhd.:  Parz.  140,27;  441,9  iif  erde  nie  so 
schöner  lip  wart  geborn  von  menneschlichcr  fridit  nach  mhd.  Sprachgebrauch 
unbestimmt;  e1)enso  457, 17  nie  kiuscher  fruht  von  Übe  wart  geborn,  weil 
eben,  gegen  den  moderneu  Sprachgebrauch,  das  verbum  auch  vom  zeugen 
des  Vaters  gesagt  wird :  so  gleich  in  der  folgenden  stelle :  Parz.  474,  27  ich 
bin  von  einem  man  erborn,  der  mit  tjost  hat  den  lip  verlorn.  Ferner  453, 26* 
der  selbe  fisiömras  geborn  von  Salmön,  üz  israhelscher  sippe  erzilt;  464,8* 
von  icem  icas  der  man  erborn]  499, 13  von  Ither  du  bist  erborn,  Bartsch 
'bist  aus  derselben  familie  wie  er',  also  von  entfernterer  abstammung  in 
männlicher  linie  (wie  453,26);  544,17*  er  ivas  geborn  von  riters  art;  591,6 
si  .smi  erborn  von  küneges  art;  656,15  von  des  nächkomn  er  ist  erborn; 
750,24  sin  wtp,  von  der  ich  wart  geborn;  751,30  ivir  hänn  ze  rehter  tjost 
verlorn,  von  dem  wir  bede  sin  erborn,  wider  vom  vater;  754,  19  ivir  rinden 
unsern  rehten  art,  Hut  von  den  ivir  sin  erborn.  —  Tit.  38,  2  Der  Franzoi- 
sinne  Anphlisen  ivart  ein  kint  geläzen,  erboren  von  fürsten  künne;  58,2 
ich  hoire  sagen,  du  sist  erboren  von  der  art  u.  s.  w.;  128,2  erst  von  den 
Hüten  erboren,  die  niht  länt  ir  pris  nider  sigen.  —  Wh.  30, 27  des  toufes 
iver  ouch  niht  mtdet,  sine  snid  von  den  du  bist  erborn;  121,21  Heimrich 
und  Irmschart,  diu  zwei  von  den  ivir  sin  erborn;  131,1  Der  was  von  ritters 
art  erborn;  150,21  loä  nii  die  von  mir  sint  erborn?  Es  spricht  der  vater 
von  seinen  söhnen!  152,22  die  von  Heimrich  sint  erborn;  167,16  tvie  hän 
ich  armez  ivip  verlorn  hclde  die. von  mir  reborn  tvärcn  unde  ouch  ich  von 
in!  170, 11  ob  halt  ein  tvackerr  (vgl.  aber  Paul,  Beitr.  2,  324)  garzün  von 
mime  geslähte  tv(cre  erborn;  184,28*  der  von  Karle  was  erborn,  der  begienc 
du  Karies  tücke;  219,5*  er  jah,  üz  israhelscher  art  ivcer  er  von  einer  maget 
erborn  (s.  oben  Parz.  453, 26);  293, 11  bin  ich  von  iverder  diet  erborn;  318, 11 
daz  hcenet  manegen  edelen  man,  die  erborn  sint  von  miner  art;  338, 27  der 
edele  Pompeius,  von  des  gesläht  ich  bin  erborn;  358, 17  daz  ist  der  eltste 
sun  min,  von  minem  ersten  ivibe  erborn;  462,25  v)ir  sulen  si  loerdecUcher 
habn  durch  die  diu  von  in  ist  erborn. 

Wolfr.'s  spräche  eigentümlich  und  ohne  parallele  bei  Hartm.  und 
Gottfr.  sind  Wendungen  von  erborn  mit  üz  und  abstracten  Substantiven  (s. 
Bock  a.  a.  o.  s.  196) :  Parz.  659,  29  sivenne  ich  gedanke  an  mich  nim  duz  ich 
üz  freuden  bin  erborn;  680,3  üz  der  tjoste  geslehte  ivarn  si  bede  samt  er- 
born; 732, 17  nu  bin  ich  doch  üz  minne  erborn;  738,21  dise  zwene  ivärn 
üz  krache  erborn,  von  maneger  tjost  üz  prise  erkorn;  763,20  der  was  üz 
rchtem  i>ris  erborn.    Tit.  53,2  si  warn  üz  lüterUcher  minne  erborn.^)  Wh. 


0  Besternte  stellen  von  Bock  übersehen.    —    ')  Bei  Bock  verdruckt. 

2* 


^Ö  WIESSNER 

288,18  st  ivir  reborn  uz  trhve  ganz;'')  291,29  daz  er  uz  ir  geslehte  ende- 
Uche  wcere  erhorn.  Vgl.  dagegen  Parz.  140, 1.  2  du  bist  yehoni  von  tr/uwen, 
daz  er  dich  sus  kan  rimven:  doch  fügen  sich  nicht  alle  angeführten  stellen 
in  die  beiden  von  Bock  a.  a.  o.  aufgestellten  regeln.  Jedenfalls  geht  die 
behauptung,  Parz.  140, 1.  2  sei  '  mit  dem  Wolframschen  Sprachgebrauch  un- 
vereinbar', zu  weit. 

Nib.  400,1  (B:  Bartsch  421,1)  Er  ist  gehorn  von  Rtne;  1691,2  er 
ist  gehorn  von  Tronije.  —  Gudr.  484,3  diu  moliic  vil  ivol  s/n  gehorn  von 
küneges  kümte;  485,3  si  ivas  von  Portegäle  geboren  üz  dem  lande. 

•Noch  wenige  worte  über  eine  andere,  naturgemäss  nicht 
häufig  auftauchende  function  von  gehorn: 

Wir  sagen  heute  z.  b.  irgendeine  eigenschaft  ist  einem  angeboren. 
Ebenso  z.  b.  in  Gottfr.'s  Trist.  17936  der  seihe  distel  unde  der  dorn,  weiz 
got  der  ist  in  an  gehorn.  Dagegen  997  und  ist  ez  danne  an  ime  gehorn 
Präposition  mit  dativ,  heute  nicht  mehr  möglich.  Abweichend  von  unserem 
Sprachgebrauch  sind  auch  die  trennbaren  compositiouen  entstammenden 
participien  mit  accusativ  der  person  construiert  Iw.  6307  Ist  iucli  diu  ar- 
muot  an  gehorn  und  Wh.  455, 11  ist  mich  von  Karle  üf  erhorn  daz  ich  sus 
vil  hän  verlorn? 

§  140.  Yerwant  in  bedeutung  und  constructionsweise  ist 
mhd.  erhen  in  einigen  fügungen:  s.  Grimm,  Gr.  4^,  1047  (867) 
undMhd.wb.  1,440  a: 

a)  ein  dinc  üf  einen  bei  Wolf  r.  öfters,  z.  b.  Parz.  180,  27  . . .  die  stat 
ze  Telrapeire.  der  künec  Tampenteire  het  si  gerbet  üf  sin  kint  wie  im  nhd. 
'hatte  sie  vererbt  auf  seine  tochter';  ebenso  213,18  ich  muoz  doch  lasier 
erben  üf  alle  mine  nächkiimn;  824,5  richheit  und  höher  art  üf  si  beidiu 
gerbet  wären.  Tit.  126,  2  vil  sadde  unde  minne  üf  in  gerbet  hat  sin  vater 
und  diu  talfinette  Mahaude,  diu  sin  muoter  tvas.  Wh.  117,  4  dem  ivonet 
des  küneges  krie  hi,  da  mit  der  keiser  Karl  vaht,  der  si  hat  gerbet  unde 
hrdht  üf  sinen  sun.  Vgl.  bringen  allein  in  dieser  function  z.  b.  Parz.  251,  5 
der  bürge  wirtes  royäm,  Terre  de  Salvcvsche  ist  sin  nam.  ez  brähte  der  alte 
Tyturel  an  sinen  sun;  455, 19  unt  anderhalp  icie  Tyturel  unt  des  sun  Fri- 
mutel  den  gräl  brceht  üf  Amfortas;  474,10  ir  schilte  sint  von  alter  so: 
Tyturel  si  brähte  dö  an  sinen  sun  rois  Frimutel.  Aehnlich  Gottfr.  Trist. 
5193  seht,  daz  hat  imver  vater  Kanel  an  iucJi  geerhet  unde  bräht.  Gleich- 
wertig trennbare  composition,  z.  b.  Parz.  451,7  sit  Herzeloyd  diu  junge  in 
het  üf  gerbet  triuwe;  vgl.  auch  300,18;  AVh.  455,15  von  toem  ist  mich  üf 
gerbet  daz  ich  bin  sus  verderbet? 

b)  ein  dinc  erbet  an  einen:  in  den  untersuchten  mhd.  texten  zufällig 
nicht  zu  belegen.  Vgl.  Altd.  pred.  3, 182,  34  ivan  daz  himilrich  daz  enerht 
hin  ze  niemen.  Aehnlich  aber  die  vereinzelte  stelle  in  Wolf  r.'s  Parz.  77,  3 
Kum  ivider,  und  nim  von  miner  hant  kröne,  zepter  unde  ein  lant.  daz  ist 
mich  an  erstorben.    Gottfr.   gebraucht  gleichbedeutend  vallen  an  einen 


^)  Bei  Bock  verdruckt. 


RUHE-   UND   RICHTÜNGSCONSTRUCTIONEN.  21 

Trist.  5889  (s.  Grimm,  Gr.  4 2, 1044  [863] )  da  viel  äaz  laut  an  in  und  stnes 
hruoder  haut,  der  als  wol  erbe  tvas  als  er.  Ebenso  die  trennbare  com- 
position  einen  an  vallen  Trist.  5213  die  stete  unde  diu  kastei  . . .  diu  gab 
er  üf  Tristande  . . .  und  ouch  diu  stncn  da  mite,  diu  in  ivären  an  gevallen 
von  sinen  vordem  allen. 

Vgl.  endlich  auch  Parz.  333, 30  Schildes  ambet  umben  gral  wirt  nu 
vil  güebet  sunder  twäl  von  im  den  Herzeloyde  bar.  er  was  ouch  ganerbe  dar. 

Verben  der  g-emütsbeweg-ung, 
§  141.  Die  Zusammenfassung  ist  hier  eine  äusserliclie, 
nämlich  nach  der  bedeutung,  nicht  nach  einer  durchgreifenden 
abvveichung  in  der  constructionsweise  gegenüber  nhd.  auffassung. 
Die  Verhältnisse  innerhalb  der  einzelnen  phrasen  sind  hier  recht 
verschieden. 

Vor  dem  eingehen  ins  detail  sei  noch  einmal  (s.  Vorbemer- 
kungen) betont,  dass  hier  nur  präpositionale  fügungen  zur  spräche 
kommen,  und  von  diesen  wider  nur  solche,  in  denen  die  ur- 
sprünglich örtlich  gemeinten  Verhältnisse  doch  noch  durch- 
schimmern. Fügungen  anderen  cliarakters  werden  hier  über- 
gangen, oder  höchstens  als  concurrenzen  der  erwähnten  berührt. 

§  142.     minnen  u.  ä. 

Merkwürdig-  ist  die  stelle  in  Gottfr.'s  Trist.  13353  du  harphest  also 
schöne,  daz  ich  ez  an  dich  minnen  sol,  wo  FB,  unserem  Sprachgebrauch 
schon  näher,  an  dir  schreiben.  Vgl.  die  anra.  bei  Bechstein.  Wie  die  stelle 
aufzufassen  ist,  zeigt  das  folgende:  ich  füere  dich  ze  minnen  mit  mir  und 
mit  ir  hinnen  und  gibe  dir  ouch  alhie  zehant  dmen  geheiz  und  dm  gewant: 
'dass  ich  es  dir  gedenken  werde'  (im  guten  sinn)  =  'dass  ich  mich  dir 
erkenntlich  erweisen  werde'.  Die  phrase  ist  in  dem  herangezogenen  text- 
material  völlig  vereinzelt:  s.  Mhd.  wb.  2, 1, 183b.  48f.  Dieses  bietet  auch 
keine  parallele  zu  der  stelle  im  2.  Büchl.  538  seile,  du  mimtest  andersicar, 
Bech  'dein  liebesdienst  gilt  einer  andern'.  Aehnlich  aber  Trist.  11787  minn' 
unde  meine  anderswu!  (reim  auf  da). 

Geläufiger  als  diese  recht  seltenen  richtungsconstructionen 
des  verbs  minnen  sind  solche  des  Substantivs  minne,  ob  es  nun 
allein  steht  oder  mit  einem  verb,  z.  b.  tragen,  eine  phrase 
bildet.  Wir  brauchen  sie  wie  das  mhd.,  da  sie  durch  die 
Unsicherheit  des  einfachen  genitivs  (subjectiv  oder  objectiv) 
oft  geboten  sind. 

Z.  b.  Parz.  486, 14  dtirch  die  getriive  minne  dier  gein  sinem  tvirte  truoc, 
vgl.  unser  liebe  hegen  zu  einem;  726, 13  tvoU  er  denne  minne  tragn  gein 
miner  niftel.  In  coucurrenz  damit  der  einfache  dativ:  z.h.  Iw.  1424.  Andere 
phrasen:   Parz.  283,14  er  jjßac  der  wären  minne  gein  ir  gar  une  wenken; 


22  WIESSNER 

oder  719,  23  waz  Jiän  ich  unscclic  man  dem  künege  Gramoflanz  (jetan,  sit 
er  gein  mtme  künne  pfli'gt  ...  minne  und  unminne  gröz?  Aehnlicli  495,8 
gein  wiben  minne  er  muoz  verpjlegn.  —  Parz.  439,  27  magtuomUchs  herzen 
rcete  mir  gein  im  rütent  minne;  684,20  ojj  diu  arge  herzoginne  im  gein  mir 
rcet  unminne.  —  Der  stelle  im  2.  Büchl.  538  ähnlich  ist  N  i  b.  53,  3  ich  en- 
wurbe  dar  mm  herze  gröze  liebe  hat.  —  Vgl.  auch  Altd.  pred.  3,  170,  24 
daz  ir  iuch  fitzt  der  heiligen  minne  paidiu  hin  ze  got  unde  ouch  wider 
iwern  ebencristen. 

§  143.  haszen  u.  ä.  Betreffs  der  constriiction  der  verben 
feindlicher  gesinnimg  mit  einfachem  dativ  vgl.  Erdmann,  Grundz. 

2,  §  273—277. 

Auffallend  Wo  1fr.  Parz.  824,15  vil  gräven  von  ir  lande  begundenz 
an  si  hazzen:  Bartsch  'h.  sw.  v.,  ungern  sehen:  statt  an  si  würden  wir  an 
ir  erwarten,  wie  die  andere  klasse  von  hss.  auch  hat  hinze  ir;  indes  auch 
in  diesem  ausdrucke  liegt  ein  begriff  der  bewegung ' :  eine  merkwürdig  ver- 
worrene aumerkung.  hinze  ir  wäre,  was  bewegung  oder  ruhe  anbelangt, 
einem  an  si  völlig  gleichwertig;  ferner  ist  Bartsch  aber  hier  ein  versehen 
untergelaufen:  nach  Lachmanns  aiisgabe  gehört  die  lesart  hi)ize  ir  Ggg 
nicht  zu  unserer  stelle,  sondern  zu  824,  21.  S.  dagegen  z.  b.  Walther  106, 19 
dar  umbe  wunder  nieman,  ob  ich  an  dem  künege  hazze,  hat  er  ein  herze 
als  si  da  sägent,  sol  daz  niht  tverden  schin. 

Gleichbedeutend  haz  tragen,  gewöhnlich  mit  einfachem 
dativ  der  person  construiert. 

Wolfr.  gebraucht  aixch  präpositionale  Wendungen:  Parz.  324,10  ine 
trage  gein  im  decheinen  haz;  450,18  sit  ich  gein  dem  trage  haz;  461,9 
ouch  trage  ich  hazzes  vil  gein  gote;  627,11  doch  truoc  si  iifen  knappen 
haz;  779,29  Parziväl  truoc  üf  si  haz.  Wh.  75,17  doch  trag  ich  immer 
gein  ir  haz ;  266,  8  welch  heiden  da  den  grcesten  haz  äne  Tybalden  trüeg 
gein  ir;  271,11  ir  necheiniu  haz  gein  im  truoc;  272,30  so  treit  er  Uhte  gein 
mir  haz.  Aehnlich  Parz.  634,  27  die  gein  dem  künege  Gramoflanz  mit  stcete 
ir  hazzen  kunnen  tragn.  —  Andere  verwante  phrasen:  Parz.  609,28  sit  ir 
daz,  dar  ich  trage  unverkornen  haz,  so  tnot  mir  iwer  loerdekeit  beidiu  liep 
Wide  leit:  dar  =  gein  dem.  Ferner  Parz.  508,8  sivä  man  hazzen  gein  ir 
bot;  728, 13  und  swaz  er  hazzes  pflcege  gein  Lot  von  Norwcege;  vgl.  693,  24 
ir  ungetriwer  himtl  iiver  herze  in  siner  hende  ligt,  dar  iiver  herze  hazzes 
pfligt.  war  habt  ir  iuch  durch  minne  ergebn?  diu  muoz  doch  sinre  genäden 
lebn:  dar  =  gein  dem.  Ebenso  steht  natürlich  ?r«r  in  bezug  auf  die  person 
(Itonje),  wie  sich  klar  aus  dem  folgenden  diu  ergibt.  —  Wh.  349,  29  wan 
swa  er  gein  rinden  liefe  haz.  Parz.  502,  6  so  muosiu  haz  gein  wlben  sparn. 
=  haz  selbständig  Parz.  463,  2  sicer  iuch  gein  im  in  hazze  siht;  vgl.  726,26 
die  gein  ein  andr  in  hazze  sint  und  auch  748, 11  in  zam  ouch  beden  friunt- 
schaft  baz  dan  gein  ein  ander  herzen  nit.  —  Wh.  112, 26  der  wolt  keren 
sitien  haz  üf  den  marcräven  äne  not  gehört  die  richtungsangabe  wol  zum 
verbum:  vgl.  nhd.  seinen  hass  schleudern,  werfen  auf  einen  u.  ä.  Eichtungs- 
construction  bei  hassen  (wie  Parz.  824, 15)  ist  heute  unerhört,  in  phrasen 


RUHE-   UND   RICHTÜNGSCONSTRÜCTIONEN.  23 

mit  hass  oder  in  selbständiger  Verwendung  des  Substantivs  aber  ganz  ge- 
läufig: hnss  hegen,  nähren,  bniten  gegen  einen  nnd  z.  b.  Hannibals  hass 
gegen  die  Bömer  u.  ä.  —  Unsicher  sind  fälle  wie  Parz.  636, 3.  820, 1  nnd 
Wh.  267,27:  s.  s.  15.  —  Bei  Hartm.  und  Gottfr.  sind  diesen  Wolf- 
ram sehen  phrasen  nur  ausserordentlich  wenige  gleichen  Charakters  an  die 
Seite  zu  stellen:  Iw.  150  und  ninwan  haz  ze  den  vrumen  hast  und  Trist. 
■1423  imd  han  es  an  mich  selben  haz,  was  an  Parz.  82-4, 15  erinnert.  An 
gelegenheit  zu  ähnlichen  phrasen  hätte  es  Gottfr.  z.  b.  durchaus  nicht 
gefehlt:  er  gebraucht  haz  tragen  mit  dativ  der  person  ziemlich  oft:  z.  b. 
773.  1011.  6229.  8370.  10338.  10420.  13992.  14792.  14814  und  liebt  überhaupt 
dergleichen  phrasen  mit  tragen  und  persönlichem  dativ,  z.  b.  13715.  13923. 
14057.  17740.  17766.  19041.  19071.  19173.  19330.  —  Otfried  gebraucht 
einmal  in  einer  ähnlichen  phrase  in  mit  dativ:  3, 15,  29  Ni  mag  thiu  ivorolt, 
ivizit  thaz,  haben  in  in  thcheinan  haz,  Job.  7,  7  non  potest  mnndiis  odisse  vos. 

§  144.  zürnen  u.a.  Grimm,  Gr.  42,  1036  (858).  Erdmann, 
Grundz.  2,  §  276,  3.  Heute  steht  das  persönliche  object  dabei 
gewöhnlich  im  präpositionslosen  dativ,  während  es  mhd.  durch 
an  mit  acc,  ivider,  gein  eingeleitet  wird. 

Hartm.  Er.  5774  frowe  Entte  zurnde  vast  an  got;  Wolfr.  Wh.  92,28 
ivan  ich  gein  dir  niht  zürnen  kan.  Parz.  259,  26  sus  tuot  er  gein  mir  zürnen 
schin,  kein  sicherer  fall,  da  gein  mir  auch  zu  scMn  tuon  bezogen  werden 
könnte.  Die  präpositionalformel  gehört  nicht  zu  zürnen,  z.  b.  Parz.  346,  21 
daz  iwer  zürnen  üf  mich  get.  Vgl.  Iw.  7476  iiver  haz  ist  gegangen  über 
imvern  givissen  dienstman. 

In  concurrenz  mit  ich  zürne  steht  mir  ist  zorn,  in  gleicher 
constructionsweise.  Vgl.  unser  ich  hin  zornig  auf,  über  einen: 
s.  z.  b.  Kehrein,  Nhd.  gr.  2,1,  §  292;  im  älteren  nhd.  auch  an 
einen:  Kehrein,  Gr.  3,  §  232. 

Hartm.  Iw.  702  ich  sach  tcol,  ime  tvas  an  mich  zorn;  2225  ir  ist  üf 
mich  vaste  zorn.  —  Wolfr.  Wh.  390,14  im  was  üf  Terrameren  zorn;  vgl. 
auch  andere  Wendungen,  z.  b.  Parz.  114, 10  mm  zorn  ist  immer  niuwe  gein 
ir;  114,15  unt  bin  ein  habendiu  zange  minen  zorn  gein  einem  wibe;  360,1 
Poijdiconjunzes  zorn  tvas  ganz  üf  stnen  neven  Meljanz;  364,  6  al  die  gein 
im  in  zorne  sint;  493,  28  got  hat  zorn  behalten  gein  in  ulze  lange  da;  606,  4 
si  kan  noch  zornes  walden  gein  mir;  779,25  so  daz  er  zorn  gein  ir  verlür; 
824,  20  sivaz  zornes  wart  gein  ir  getan.  Wh.  147, 1  Itver  zorn  ist  an  not 
bekant  gein  mir;  157, 12  iver  hat  dich  zorn  geler  et  gein  der  tumben  muoter 
min?  159,22  ich  loil  ouch  zorn  gein  ir  beivarn.  —  Gottfr.  Trist.  13559 
doch  nam  er  (der  truchsess)  ime  hin  z'ime  (Tristan)  dar  van  ein  friuntlichcz 
zorneUn.  —  In  den  Altd.  pred.  3  vgl.  z.  b.  91  Roths  fragment  do  verstuont 
sich  der  heilige  man  daz  der  eivige  rater  sines  zornes  hin  ze  den  liiden 
erwinden  solte;  216,  25  nu  hat  unser  herre  von  sinen  gnaden  sins  ungern uotes 
unde  sins  zorns  her  zuns  armen  sundaren  vergezen,  und  ganz  ähnlich  zeile 
31  gehört  die  richtungsangabe  avoI  auch  zu  zorn,  nicht  zu  vergezzen. 


24  WIESSNER 

Vgl.  bei  Otfried  die  ähnliche  constructionsweise  von  sih  belgan: 
21,18,15  Thaz  mamvilili  gihorge,  sih  zi  iamanne  ni  beige;  3,16,47.48  Zi 
imo  thih  ni  hilgis,  oha  thu  in  samhazdag  thaz  dtiis;  ouh  ni  beiget  loidar 
mili,  oba  ih  dünn  so  samalih.  Vgl.  Kelle,  Glossar  s.  39,  auch  Graff,  Ahd. 
präp.  s.  255. 

§  145.  vorhte  (Substantiv).  In  der  heutigen  spräche  ist 
richtungsangabe  auf  die  frage  'wohin'  daneben  wol  nicht  mehr 
möglich.  Im  mhd.  erscheint  diese  fügung  aber  öfters,  in  klaren 
fällen  auch  in  dem  berücksichtigten  gebiet. 

Hartm.  Iw.  4423  diu  vorhte  mid  die  sorgen  die  üf  ten  tac  morgen 
heten  w/p  nnde  man:  kein  sicherer  fall;  die  richtnugsangahe,  dem  gedanken 
nach  zu  beiden  gliedern  zu  ziehen,  gehört  grammatisch  vielleicht  nur  zii 
sorgen:  vgl.  7413.  —  Gottfr.  Trist.  12158  enliabet  nime  deheine  vorhte 
her  ze  mir;  13618  so  zöch  in  aher  Tristan  und  diu  vorhte  dervan,  die  er 
hin  z'  ime  hoete.  —  Wolfr.  Wh.  320, 13  ze  iicer  keinem  hän  ich  daz  ervorht: 
auf  die  frage  'wohin'  oder  'wo'.  —  Nib.  96, 2  durch  die  starken  vorhte  ... 
die  si  ze  dem  stcerte  heten  loid  an  den  küenen  man:  s.  Benecke  zu  Iw.  3225; 
1419,2  tcan  ir  vorlit  ze  ir  herren  diu  icas  harte  gröz.  —  In  den  Altd.  pred.  3 
vgl.  118,  26  wan  so  gewinnet  er  vorhte  hinz  got,  des  hiüde  er  verlorn  hat; 
so  gewinnet  er  a)tgest  unde  vorhte  hinz  den  vil  mcenicvalten  helletcizen.  Dazu 
vgl.  im  folg.  zeile  38  so  geicinnet  er  denne  ain  vrüde  ^inde  ain  ringez  gemüt 
hinz  got. 

Auch  richtungsconstruction  auf  die  frage  'woher'  steht 
neben  vorlite  hie  und  da: 

Parz.  268,  7  durch  die  vorhte  von  ir  man  frou  Jeschut  diu  wol  getan 
siritscheidens  gar  verzagte.  Ebenso  ist  vürhten  im  Xib. -1.  mit  von  ver- 
bunden: 1737,3  ja  vorhten  si  den  tot  von  den  zivein  degenen;  2244,2  do 
vorht  er  schaden  mere  von  der  Hagen  hant. 

Aehnliche  constrnctionen  begegnen  bei  angest,  wenn  es 
den  gemütszustand  bezeichnet: 

Wolfr.  Wh.  230,17  teer  ist  der  sarjunt?  sul  tvir  iht  angest  gein  im 
hän?  und  266, 18  dar  zuo  dühte  er  sich  ze  wert,  swaz  volkes  im  ist  undertän, 
solt  ich  angest  gein  den  hän.  Gottfr.  Trist.  16136  alrerste  was  sin  angest 
Stare  ze  dem  ungchiuren  man.  Dagegen  von:  Trist.  2667  diz  mügen  wol 
guote  Hute  sin;  i'ne  darf  kein  angest  von  in  haben.  Eichtungsangabe  un- 
persönlicher natur  Trist.  14638  nu  er  des  schates  von  in  zwein  bescheiden- 
liche  wart  gewar,  nu  Imte  er  michel  angest  dar,  wan  er  erkunde  sich  iesä 
der  väre  unde  der  luge  du:  dur  'in  dieser  hinsieht,  in  dieser  sache',  übrigens 
viel  zu  schwerfällige  phrasen,  um  das  farblose  wörtchen,  das  dem  reim  so 
sehr  entgegenkommt,  widerzugeben.  Vgl.  Iw.  6638  Sold  ich  Joch  einen 
bestän,  da  müesc  ich  angest  zuo  hon. 

§  146.  sorg 671,  sorge.  Die  nhd.  fügungen  mit  für,  um, 
ivegen  beziehen  sich  alle  auf  die  person  oder  sache,  in  deren 


RUHE-   UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  25 

Interesse,  zu  deren  gunsten  dieser  zustand  des  gemüts  vor- 
waltet.')    Mild,  sind  zum  teil  andere  fiigungen  üblich. 

Hart  in.  Iw.  4423  ist  schon  s.  23  citiert;  Iw.  7413  nü  muoz  ich  aber 
sorgen  üf  den  tac  morgen.  —  Wolfr.  P.  325,  8  si  jähen  das  her  Gävmn  des 
kanipfes  sorge  niüese  hän  gein  siner  icären  manheit,  des  fürsten  der  da  von 
in  reit.  —  Nib.  1497,2  ich  bin  ein  vremder  recJce  mit  sorge  üf  degene: 
Piper  bemerkt  'die  sorge  haben  in  der  richtnng  nach  —  hin,  d.h.  für,  da- 
gegen sorge  umbe  sorge  haben  zur  erlaugnng  von';  eine  behanptung,  die 
dem  Sachverhalt  nicht  entspricht.  Erstens  ist  die  bedeutimg  von  sorgen 
umbc  viel  zu  prägnant  und  passt,  um  auf  dem  boden  des  Nib.-l.'s  zu  bleiben, 
allein  1576,2  jan  hänt  niht  mere  sorge  dise  degene,  wan  um  die  herherge; 
mit  umbe  wird  vielmehr  die  person  oder  sache  eingeleitet,  in  deren  Interesse 
man  besorgt  ist,  also  wie  nhd.;^)  ferner  hat  sorgen  üf  an  den  andern  stellen 
des  gedichts  nicht  die  von  Piper  gegebene  bedeutung:  Nib.  1509,2  hiute 
muoz  ich  sorgen  üf  lieber  rriunde  tot;  1530,3  dö  si  begunden  sorgen  üf 
den  herten  töt^):  hier  ist  mit  üf  überall  das  befürchtete  nioment  an- 
geschlossen; ähnlich  sind  wol  auch  die  beiden  stellen  im  Iw.  aufzufassen. 
sorgen  üf  einen  =  'für  einen'  sonst  zu  belegen,  war  mir  nicht  möglich; 
an  unserer  stelle  kann  aber  die  bedeutung  kaum  eine  andere  sein.  Immerhin 
lautet  die  formel  für  das  regelmässige  nicht,  wie  Piper  sie  aufstellt,  son- 
dern etwa  wie  bei  Grimm,  Gr.  -4^,  1011  (839):  ^sorgen  ftfheissi  etw.  besorgen, 
befürchten;  sorgen  umbe  für  etw.  besorgt  sein'.-*) 

Auch  andere  fügungen  erscheinen  im  Nib. -1.  1399,  2  icir  mugen  immer 
sorge  zuo  Kriemhilte  htm.  Auch  v  o  n :  2313,  3  ja  tet  ir  diu  sorge  von  Hilde- 
brande ue;  vor:  62,  4  j«  wil  ich  äne  sorge  vor  allen  vtenden  sfn.  Vgl.  auch 
Gudr.  1030,2  dar  zuo  ich  keine  sorge  entriwcen  nie  geivan. 

§  147.  Auffallend  für  unser  modernes  Sprachgefühl  ist 
Otfr.  5,  23,  46  tha^  nmat  ist  in  io  tharasim,  ni  mugiüi  silo  freiven 
henisun:  von  Kelle  im  Glossar  s.  270  übersetzt  'dahin  (nach 
dem  himmelreich)  steht  fortan  nur  ihr  sinn;  hier  (auf  erden) 
können  sie  sich  nicht  freuen'.  Es  ist  dies  die  einzige  stelle, 
wo  lierasun  'hier'  bedeuten  soll,  gegen  eine  ganze  reihe  anderer, 
wo  es  überall  richtungsadverb  ist,  herasun  heisst  nicht  'hier', 
sondern  der  nhd.  Sprachgebrauch  fordert  an  seiner  stelle  'hier'; 
die  auffassung  der  alten  und  der  gegenwärtigen  spräche  deckt 
sich  in  diesem  falle  nicht;  in  Otfrieds  phrase  liegt  'ihre  freude 
kann  sich  nicht  auf  diese  weit  hier  erstrecken'.    Nhd.  sind 

')  Mit  wegen  wird  allerdings  auch  die  besorgnis  erregende  person  oder 
Sache  angereiht. 

2)  Vgl.  Nib.  68,  2.  1921,  2.  52,  2  und  843,  4.  512,  3. 

3)  Vgl.  auch  Nib.  (Bartsch)  1459,  2  IL 

*)  S.  auch  Nib.  2024,  3  .s«  dahten  duz  in  bezzer  locer  ein  kurzer  tot 
danne  lange  da  ze  quelne  üf  ungefüegiu  leit. 


26  WIESSNER 

richtungsconstructionen  von  skli  freuen,  in  anderer  function 
allerdings,  auch  noch  geläufig:  auf  einen  oder  etwas,  auf  die 
Zukunft  bezüglich  {iihcr  etwas  geht  dagegen  auf  gegenwart 
oder  Vergangenheit).  In  prägnanter  bedeutung,  mit  dem  neben- 
sinn der  bewegung  z.  b.  er  freut  sich  ins  theater  ('fi^eut  sich  zu 
kommen'). 

Die  untersuchteu  mhd.  texte  bieteu  hier  zu  bemerkuugen  fast  gar 
keinen  anlass;  Trist.  5250  waz  fröude  ir  herze  liccte  wider  ir  herren  unde 
ir  Jcint  =  nhd.  'über,  in  bezug  auf;  Greg.  3863  der  guofe  und  der  gewcere 
der  vreute  sich  se  gote:  'freute  sich  zu  gott',  heute  noch  üblich;  vgl.  zu 
gott  hoffen.  Greg.  3203  ähnlich  ze  gote  wären  si  vil  vrö.  Nhd.  auf  würde 
stehen  Nib.  268,  4  si  vröuten  sich  der  mcere  gm  der  höhgezite  tagen;  718,1 
Allez  duz  gesinde  freute  sich  dar  zuo  daz  si  komen  sohlen;  1302,  3  vil  manic 
hell  genieit  sich  vreute  gen  dem  schalle;  1322,1  Gegen  der  geste  kämfte 
vreute  sich  ir  muot. 

§  148.  tvän  u.  ä.  erscheint  mhd.  oft  mit  richtungsangaben 
die  frage  'wohin',  natürlich  übertragen.  Grimm,  Gr.  4-,  1033 
(856).  Borrmann  s.  30. 

Hartm.  1.  Büchl.  1077  ein  vil  ungeivisser  tvän  den  ich  zuo  ir  minne 
hän;  1115  durch  wän  üf  ander  minne.  Iw.  1756  und  hän  auch  noch  ze 
vreuden  wän.  —  Gottfr.  Trist.  4641  sicer  nü  ...  üf  duz  lörschapelekin 
tvän  äne  volge  ivelle  hän;  5825  herr',  unser  tröst  und  unser  tvän  der  wus 
also  hin  z'  iu  getan  'euch  gegenüber';  12972  des  nam  in  lützel  iemen 
tvar:  niemen  hcete  tvän  dar  'niemand  hatte  hiervon  eine  ahnung'.  Vgl. 
12692  wun  niemen  wände  niht  derzuo.  19061  er  wolte  liehe  und  liehen  tvän 
wider  die  muget  Isöte  hän;  13557  ern  hcete  deheinen  wän  dar  an.  Aehnlich 
arcwän  (nhd.  'gegen',  gewöhnlich  mindestens):  Trist.  13721  der  zwtvel 
unde  der  arcwän,  den  er  zem  neven  solte  hän;  vgl.  Altd.  pred.  3,  185,  27 
daz  diu  lute  hinz  ainen  andern  arctcan  huhent  duz  ist  vil  mennislich. 
ztvivel  wird  von  Gottfr.  sonst  mit  an  c.  dat.  construiert,  ganz  wie  nhd.: 
s.  Trist.  13798.  13800  und  13821;  vgl.  auch  Hartm.  Greg.  161.  2698.1)  _ 
Nib.  49,2  sit  er  üf  statte  minne  tragen  tvolde  tvän;  722,3  dö  reit  mit  sinen 
fritmden  Sifrit  der  degen  und  diu  küniginne  dar  si  het  vröuden  wän:  dar 
steht  nicht  vielleicht  für  dar  da,  sondern  gehört  ganz  organisch  zu  wän; 
987,4  die  Sifrides  dcgne  heten  dö  zuo  dem  strite  wän;  1917,4  dö  heten 
sine  vinde  ze  lehne  deheiner  slahte  wän. 

Aehnlich  wird  mhd.  tröst  u.  ä.  construiert:  vgl.  nhd.  ;zu- 
versicht  auf  vertrösten  auf  Graff,  Ahd.  präp.  s.  50  und  255.  Bei 
Otfried  in  c.  acc.  1,  23,  45  Ni  drostet  iiiih  in  tliiu  tliing,  tliaz 
iagilih  ist  ediling. 


*)  Wo  1fr.  dagegen  setzt  au  einigen  stellen  des  Wh.,  die  ich  mir 
notierte,  gein:  150,2  oh  du  zwivel  hast  gein  mir;  150,9  oh  du  zwivel  gein 
mir  treyst;  262, 12  min  vroiave  . . .  gein  der  ich  zwivel  nie  geivan. 


RUHE-   UND   RICHTÜNGSCONSTRUCTIONEN.  27 

Hartm.  1.  Büchl.  843  wan  der  hluome  ...  hat  zuo  dem  meien  tröst, 
daz  er  danne  tverde  erlöst  von  des  winters  hant.  Iav.  5168  auch  hete  mm 
her  Iwein  grözen  tröst  ze  den  zwein,  daz  got  und  ir  imsclmlde  den  geioalt 
niene  didde  u. s.w.  —  Wo  1fr.  P.  366,14  zuo  dirre  ungeschihte  sol  iwer 
kümfteclkher  tac  uns  troesten,  wander  trcesten  inac.'^)  Wh.  219,9  hän  ich 
dich  durch  den  verlorn,  den  sin  selbes  kümie  hienc  . . .  zuo  dem  htm  ich 
kleinen  tröst  daz  u.s.  w.  —  Altd.  pred.  3,  83, 11  er  uniroste  unde  unvrouie 
si  her  ze  disem  lihe,  unde  frouie  iinde  tröste  si  vil  wol  hinz  dem  ewigen  Übe. 

§  149.  Im  heutigen  iihd.  lieisst  es  regulär  ich  Jioffe  etwas 
von  dir  =  'erwarte,  dass  du  es  mir  mitteilst',  oder  allenfalls 
auch  'dass  du  es  besitzest'.  DWb.  4, 2, 1671  (ein  einziger  beleg). 
Ueber  hoffen  in,  auf  mit  acc.  und  mit  zu  s.  ebda.  1669  f. 

Im  mhd.  spielt  bekanntlich  dingen  die  rolle  unseres  hoffen. 
Betreffs  der  constructionsweise  dieses  verbs  s.  Grimm,  Gr.  4'^, 
1034  (856).  Die  herangezogenen  mhd.  texte  bieten  hier  äusserst 
spärliche  belegsteilen.  Zudem  sind  die  mhd.  Verhältnisse  in 
diesem  punkte  etwas  verworren:  diesem  dingen  =  'hoffen,  er- 
warten','-') im  alid.  verbum  nach  der  3.  sw.  conjugation  (Braune, 
Ahd.  gr.  §  368  f.),  steht  nämlich  in  der  bedeutung  recht  nahe 
das  im  mhd.  formal  identische  dingen,  im  ahd.  verbum  nach 
der  2.  sav.  conjugation  (Braune,  Ahd.  gr.  §  366  f.),  =  'unter- 
handeln, sich  ausbedingen '.^^)  Die  constructionsweise  des  persön- 
lichen objects  scheint  die  gleiche. 

Hartm.  1.  Büchl.  1864  als  ich  an  got  gedinge  'wie  ich  zu  gott  hoffe'. 
—  Wo  1fr.  P.  175,29  ouch  solt  an  iuch  gedinget  sin  daz  ir  der  meide  ir 
vingerUn  liezet,  op  siz  möhte  hän:  das  Mhd.  wb.  1,  336b.  44  ff.  schwankt 
hier  zwischen  den  beiden  dingen;  Bartsch  in  seiner  anm.  entscheidet  sich 
für  das  zweite  (s.  oben),  mit  recht,  in  rücksicht  aiif  den  Zusammenhang. 
Sicher  liegt  das  zweite  dingen  mit  richtungsaugabe  vor  Parz.  266,  28  ich 
pin  im  liep,  er  lasset  mich  als  ich  gedinge  wider  dich.  Vgl.  aber  374, 4 
öwt  er  stolz  werder  man,  ivaz  ich  gedingen  gein  im  hän!  'welche  (grosse) 
hoffnung-  setze  ich  auf  ihn!'  Das  erste  dingen  mit  richtungsconstruction 
dürfte  auch  Wh.  254, 11  zu  sehen  sein:  )iu  ding  ich,  herre,  an  iwer  zidit . . . 
daz  irz  niht  ivizet  mir. 

§  150.  In  dieser  verbalgruppe  sind  auch  die  dem  mhd. 
Sprachgebrauch  eigenen  richtungsconstructionen  (auf  die  frage 
'wohin')  bei  rechen,  gerich,  räche  am  besten  zu  behandeln 
(Grimm,  Gr.4'-^,  1035  [858]).  Heute  herscht  durchaus  eine  fügung: 

0  Gigg  gein\  vgl.  die  anm.  bei  Bartsch. 

2)  Graff  5, 180.  Mhd.  wb.  1,  336  b.  20  ff. 

3)  Graff  5, 189.  Mhd.  wb.  1, 337  b.  33  ff. 


28  WIESSNER 

rächen  eticas  an  einem,  sich  räclicn,  räche  nehmen  an  einem^ 
die  räche  an  einem.  Andere  lebten  nocli  in  frülmhd.  zeit,  s. 
Kehrein,  Gr.  3,  §  230  und  313. 

an  mit  accusativ:  einmal  bei  Wolf  r.  P.  824,21  imsclmlde  manger  an 
si  räch  (Ggg  hinze  ir).  Vgl.  nf  mit  acc.  Parz.  529, 1  froioe,  das  ist  sin 
räche  üf  mich. 

über  mit  accusativ :  s.  Mhd.  wb.  2, 1,  683  b.  31  f.  Lexer  2, 359.  D Wb.  8,  26. 
—  Gudr.  1278,2  daz  sol  ich  Mnt  rechen  also  über  dich.  Vgl.  Iw.  4504 
wold  er  daz  rihten  über  mich  unde  lieze  den  gerich  über  mm  unschiüdigen 
Teint;  Wh.  350,2  nu  sol  din  gerich  über  dlner  basen  tohter  sin.  Aehnlich 
Iw.  1677  disiu  znlü  wit  dirre  gerich  gienge  bilUcher  über  mich  und  6760 
über  den  gienc  der  gerich. 

Wolfr.  gebraucht  die  von  ihm  allenthalben  begünstigte  präposition 
gein  auch  hier  öfters :  Parz.  516,  9  ich  künde  ouch  tvol  gerechen  dar  gein 
der  fromven  icol  gevar;  Wh.  266,29  gein  mir  und  al  der  u-tpheit  solt  un- 
gerochen  sin  ir  leit.  Aehnlich  Parz.  330, 10  ez  ist  ein  strenge  schärpf  gerich 
gein  mir  mit  ivorten  hie  getan;  auch  324, 18  ich  enhet  im  rollen  art  mit 
Tcampfe  rede  ze  bieten,  mich  räche  gein  im  nieten.  Weniger  auffallend 
neben  heren  Parz.  169,  20'  t(nd  gein  dem  tiuvel  kern  gerich. 

Mit  ortsadverbien  der  richtung:  Parz.  29,24  swar  ir  icelt,  darst  min 
gerich:  die  adverbien  beziehen  sich  natürlich  auf  personen;  450,1  Ob  ich 
Meinez  dinc  dar  (Ggg  da)  rceche,  ungern  ich  daz  versprceche,  ichn  holt  ein 
kus  durch  suone  da:  dar  =  gein  in,  die  Jungfrauen  sind  gemeint. 

Man  könnte  daran  denken,  Wh.  340,  2  dar  nach  si  fürbaz  ivolten  üf 

die  kristenheit  durch  räche  zu  Parz.  529, 1  zu  stellen,   d.  h.  durch  r.  üf  d. 

kr.  zu  construieren :   immerhin  könnte  die  richtungsbezeichnnng  auch  von 

fürbaz  icolien  abhängen :  vgl.  339,  27  durh  daz  wart  gesworn  ein  herrart  uf 

-die  kristeyHieit. 

Eeclit  häufig  ist  aber  im  mhd.  auch  die  unserem  Sprach- 
gebrauch parallele  constructions weise:  rechen  an  mit  dativ  der 
person. 

S.  Hartm.  Er.  136.  1038.  5761.  6107.  1.  Büchl.  39.  69.  159.  523.  931. 
Iw.  858.  1545.  1673.  2473.  3997.  4241.  5001.  5069.  5207.  5849.  7558.  — 
Wolfr.  P.  80,14.  421,9.  507,16.  554,12.  641,5.  698,7.  713,28.  Tit.  69,3. 
122,  3.  Wh.  108,  26.  177,  24.  206, 18.  208, 14  (gerich).  217,  6.  219,  20.  237,  8. 
304,8.  306,22.  408,24.  —  Gottfr.  Trist.  8626.  10183.  15615.  16588.  —  Nib. 
19, 2.  931,  3.  1703,  4.  2049,  4  (B  Bartsch  2112,  4).  2095,  3.  2264,  3.  errechen 
2023, 2  (vgl.  Bartsch  1879,  8 II).  —  Gudr.  311, 4.  627,3.  712,  4.  837,  4.  845, 4. 
846,  4.  901,  3.  1047,  4.  1365,  4. 

§  151.  Hinsichtlich  der  richtungsconstruction  ist  auch 
der  antipode  von  (sich)  rechen  hervorzuheben,  die  dem  nhd. 
verzeihen  entsprechende  mhd.  phrase  verkiesen  üf  einen  mit 
oder  ohne  acc.  des  objects:  s.  Benecke,  Wb.  zu  Iwein  s.  316  und 
Grimm,  Gr.  4  2,  1023  (848). 


RUHE-   UND   RICHTUNGSCONSTßÜCTIONEN.  29 

Hart  in.  Iw.  7320  ich  ivil  iif  dich  verkiesen.  —  Wolfr.  gebraucht  die 
phrase  ziemlich  oft:  Parz.  58,9  er  hat  si  daz  se  üf  in  verkür,  swer  den 
mag  durch  si  verlür,  daz  si  von  im  gesuochet  ivas;  428, 17  helft  mir  daz 
min  schulde  min  swestr  üf  mich  verkiese;  428, 19  ich  verkiuse  üf  iuch  min 
herzeleit;  428,27  Kyngrimursel  och  verkös  üf  den  kiinec,  der  in  da  vor 
verlos,  daz  er  im  stn  geleite  brach;  4G5, 11  ir  sult  üf  in  verkiesen;  471,23 
ich  enweiz  op  got  üf  si  verkös;  503,19  des  verkös  Kingrivmrsel  üf  Gäioän; 
614, 10  nu  sidt  ir  des  geruochen  daz  ir  zorn  verlieset  unt  gar  üf  mich  ver- 
kieset; 614,26  frouive,  ich  hän  üf  iuch  vcrkorn;  779,26  so  daz  er  zorn  gein 
ir  verlür  und  äne  kus  üf  si  verkür.  Wh.  184,  27  ouch  wart  des  künges  nit 
üf  den  marcgräven  verkorn;  309,3  Sivaz  iu  die  heiden  hänt  getan,  ir  sult 
si  doch  geniezen  län  daz  got  selbe  üf  die  verkös  von  den  er  den  lip  verlos. 
—  Hierher  zu  stellen  ist  auch  Parz.  441,18  al  min  gerich  sol  üf  dich,  neve, 
sin  verkorn ;  während  hier  die  Stellung  klar  die  construction  erkennen  lässt, 
fehlt  dieses  kriterium  779,12  si  n-arp  daz  ein  räche  üf  si  verkoren  ivcere: 
räche  üf  einen  kommt  bei  Wolfram  in  einem  sicheren  fall  ja  vor:  Parz. 
529, 1  (s.  28).  üf  si  gehört  aber  hier  wol  doch  zu  verkiesen ;  das  sporadische 
räche  üf  muss  mit  seinen  ansprüchen  dem  geläufigen  verkiesen  üf  wol 
weichen.  Einmal  setzt  Wolfr.  statt  üf  auch  an:  Parz.  51,3  daz  hat  min 
kus  an  si  verkorn.  Auch  gein:  Wh.  69,  5  küsse  midi,  verkius  gein  mir  swaz 
ich  ie  schult  getruoc  gein  dir.  Parz.  267, 16  ein  man,  gei)i  dem  ist  min 
gerich  äne  ir  bete  niht  verkorn:  ein  unsicherer  fall  in  formaler  hinsieht,  da 
gein  nach  Wolframs  Sprachgebrauch  zu  gerich  wie  zu  verkorn  gehören 
kann;  für  letzteres  spricht  aber  die  Stellung.  Unentschieden  muss  man 
dagegen  Parz.  750,  22  lassen:  gein  mtnem  vater  der  gerich  ist  minlialp  noch 
unverkorn.  Nur  ganz  äusserlich  ähnlich  ist  Parz.  445, 20  diu  vlust  gein 
vinden  was  verkorn,  Bartsch  'dieser  verlust  war  für  ihn  zu  Verschmerzen 
im  vergleich  mit  dem  funde'.  —  Bei  Gottfr.  und  in  der  Gudr.  kommt 
verkiesen  üf  einen  nie  vor.  —  Nib.  1054,1  Dö  si  verkiesen  wolde  üf  Günther 
den  haz  (Piper  merkt  an  ' «/  G:  abh.  \on  haz');  1055,3  si  verkös  üf  si  alle, 
ivan  üf  den  einen  man:  Piper  ^verk.  üf,  aufgeben  (nämlich  den  hass)  mit 
bezug  auf:  die  richtungsangabe  hängt  nicht  vielleicht  vom  (gesetzten  oder 
ausgelassenen)  object  ab  und  nur  indirect  von  verkiesen  (bei  fehlendem 
object),  wie  man  nach  der  ersten  falschen  construction  Pipers  glauben 
müsste.  Das  zeigen  evident  fälle  wie  herzeleit  verkiesen  üf  einen  Parz. 
428,19  u.  ä.  —  Nib.  1400,2  mit  küsse  minnecliche  si  hat  üf  uns  verkorn 
daz  ivir  ie  geläten.    Vgl.  auch  1142, 13  II  (Bartsch). 

Bei  Wolfr.  wird  auch  das  in  der  bedentiing  liier  nicht 
weit  abliegende  suoue  =  'versühnung'  mit  gein  und  dativ 
der  person  verbunden,  was  in  der  heutigen  Schriftsprache  keine 
entsprechung  hat.  —  lieber  ähnliches  im  Heliand  s.  Steit- 
mann  s.  88. 

Parz.  267,  3  nu  erläz  mich,  küener  degen  balt,  suone  gein  disem  tvibe ; 
267,7  gein  der  gunerten  herzogtn  mag  ich  suone  gepflegen  niht;  271,29  daz 
volc  tvas  al  geliche  geil  das  suone  was  worden  schin  gein  der  sceldebernden 
herzogin. 


30  WIESSNER 

Schliesslich  sei  hier  noch  eine  sehr  seltene  constructions- 
weise  von  mhd.  äröinven  verzeichnet:  nämlich  verbindnng  mit 
richtungsangabe,  wo  wir  heute  mit  setzen: 

Iw.  5285  swes  ich  mich  vervueze  icider  unsern  herren  got,  des  gerieng 
ich  schaden  unde  spot.  herre,  zuo  dem  dröt  ir  mir.  ich  getrutv  im  helfe  haz 
dan  ir:  Benecke  'dieses  ztio  ist  zu  merken';  Bech  verweist  anf  Wh.  221,  29 
der  künec  Tyhalt  hin  zer  tvide  Arahelen  dicke  dreute. 

§  152.  Richtungsangaben  auf  die  frage  'wohin',  welche 
die  person  oder  sache  bezeichnen,  mit  der  etwas  verglichen 
wird,  erscheinen  im  mhd.  manchmal,  abweichend  vom  heutigen 
Sprachgebrauch,  bei  den  verben  des  vergleichens.  Die 
anderen  fügungen  dieser  verben  bleiben  hier  unberührt.  Für 
die  spräche  des  Heliand  vgl.  Steitmann  s.  38. 

genözen. 
A.  Heinr.  464  man  mähte  icol  genözen  ir  kintlich  gemüete  hin  ze  der 
enget  güete. 

geliehen. 

Wb.  200, 16  //•  tohter,  diu  so  liehten  sch/n  gap  daz  ich  die  heide  mit 
ir  mangem  underscheide  . . .  gein  ir  niht  geliehen  mac.  Zu  Wh.  268,  24  dar 
mag  ich  niht  geliehen  vgl.  die  bemerkungen  von  Panzer  und  Kraus,  Beitr. 
21, 236  bez.  558  f.  Wh.  366, 7  ist  iht  wizers  danne  der  sne,  het  ich  daz 
gehceret  e,  so  müht  ich  wol  geliehen  dar  daz  Tyhalt  an  im  hete  gar. 

Wolframs  spräche  eigentümlich  ist  mezzen  gein  (mit 
dativ)  +  objectsacc.  in  dieser  bedeutungsfunction:  vgl.  Mhd. 
wb.  2, 1,201b.  15  f.  'Die  tropische  bedeutung:  prüfen,  genau 
betrachten,  mit  dem  wirklichen  oder  geistigen  äuge,  vergleichen 
(wie  ja  jedes  messen  ein  vergleichen  ist)'. 

Parz.  145,  3  des  site  man  gein  prisc  maz:  niezzen  steht  hier  nicht  in 
der  farl)losereu  bedeutung  von  'vergleichen'  =^  sehen,  erwägen,  ob  zwei 
gegenstände  etc.  gleiche  merkniale  besitzen  oder  nicht,  sondern  in  einer 
reicheren  bedeutungsfunction  =  zum  bewusstsein  kommen  oder  wissen, 
dass  sie  gleiche  merkmale  besitzen.  Also  der  sinn  der  stelle  ist:  'dessen 
benehmen  man  mit  pris  in  beziehung  brachte,  pr?s  an  die  seite  stellte', 
d.h.  'dem  man  jjr/s  zuerkannte'.  Ebenso  162,19  et  ninder  nach  der  site 
kür,  die  man  da  gein  prise  maz;  275, 16  ir  site  man  gein  prise  maz.  Vgl. 
auch  z.  b.  284, 16  ff.  zelent  si  Gäwänen  . . .  gein  wcrdeclicher  prises  kraft . . .? 
309,  29  die  man  da  gein  prise  maz.  Ferner  Parz.  172,  23  diz  (nämlich  das 
gesagte)  mezzet  gein  der  minne,  der  oben  erwähnten  allgemeineren  bedeutung 
von  '  vergleichen '  entsprechend.  Parz.  333, 17  swaz  äventiure  gesprochen 
sint,  diene  darf  hie  niemen  mezzen  zuo-  436,23  wes  mizze  ich  freude  gein 
der  not.  Tit.  33, 1  Swaz  man  an  reinem  ivibe  sol  ze  ganzen  tugenden 
mezzen.    Wh.  189, 25   ich  moize  iu  dinges  dar  genuoc  gein  dem  der  den 


RUHE-    UND   ßlCHTUNGSCONSTRüCTIONEN.  31 

zuher  trnoc,  xcan  deiz  hi  von  im  smaJiet  sagt  Wolfram  nach  dem  liebevoll 
ausgesponnenen  vergleich  Renuewarts  mit  einem  adlerjungen.  —  Anders 
ist  Parz.  233,  23  zu  fassen  durch  die  Ithte  in  (den  grunät  juchant)  dünne 
sneit  stver  in  zeime  tische  maz,  ungefähr  'messend  bearbeiten,  herrichten'; 
292, 19  her  Heinrich  von  VeldeJce  stnen  houm  mit  kunst  gein  iirerm  arde 
maz:  frau  miune  ist  angesprochen;  die  bedeutung  von  mezzen  dürfte  hier 
etwa  'anpassen'  sein.  337,6  ich  Jcunde  w/ben  sprechen  haz  denne  cds  ich 
sanc  gein  einer  maz:  Bartsch  'als  so  wie  ich  meinen  gesaug  einer  gegen- 
über gestaltete';  434,15  der  tjoste  poinder  gein  im  maz:  vgl.  auch  nhd. 
sich  mit  jemand  messen.  In  der  übertragenen  bedeutung  'prüfen,  erwägen' 
steht  das  verb  wol  Parz.  424, 13  dö  mäzen  siz  an  manege  stat  und  Wh. 
181,  29  der  muoz  vil  eben  mezzen  dar,  ob  er  mir  werdekeit  bewar. 

Ohne  ein  verb  wie  'vergleichen'  u.  ä.  ist  zur  einführung 
der  person  oder  sache,  mit  der  etwas  verglichen  wird,  nhd. 
gegen  =  'verglichen  mit'  ganz  üblich:  z.  b.  gegen  seinen  hruder 
ist  er  ein  Schwächling.  Ebenso  stehen  in  diesem  falle  mhd. 
wider  und  gegen.  Wider  ziehen  Hartm.  und  Gottfr.  wider  vor, 
Wolfr.  gein.  Ich  führe  nur  eine  reihe  von  beispielen  an,  ohne 
auf  Vollständigkeit  der  belege  anspruch  zu  machen: 

Hartm.  l.Büchl.  650;  Er.  426.  4271.  6809.  8280.  8811.  9237;  Greg. 
847;  Iw.  4901.  6341:  überall  ivider.  —  Wolfr.  P.  66,25.  188,6.  445,20. 
583,11.  601,2.  656,7.8  herre,  siniu  'wunder  hie  sint  da  eng  ein  kleiniu 
iminderltn,  ivider  den  starken  unindern  sin  dier  hat  in  manegen  landen: 
ivider  im  zweiten  fall,  um  im  ausdruck  zu  wechseln,  wie  mhd.  in  der 
epik  oft;  755,21;  Wh.  326, 13.  426,10.  434,14:  überall  gein.  —  Gottfr. 
Trist.  2279.  3643.  4273.  4841.  8259.  8293:  überall  wider.  —  N ib.  48,  2  und 
779,2  wider;  684,4  gegen. 

§  153.  Mhd.  fernen,  gezemen  wird  mit  angaben  trans- 
localer  und  intralocaler  natur  verbunden,  beides  bei  nhd.  memen, 
gemeinen  heute  mindestens  nicht  häufig;  passen,  gehören  machen 
hier  dem  verb  starke  concurrenz.  Ein  nhd.  beispiel  aus  Herder 
für  ziemen  mit  translocaler  bestimmung  s.  bei  Heyne,  Wb.  3, 1441, 
a)  Mit  translocaleu  angaben:  Wolfr.  Wh.  128, 18  er  zaame  in  eime  strite 
michel  haz  denne  an  den  tanz,  wo  im  selben  satz  translocale  und  intra- 
locale  auffassung  wechselt:  die  bekannte  Variation  des  präpositionalen  ge- 
füges,  vgl.  Benecke  zu  Iw.  3225.  Uebertragen  Parz.  721, 10  ictwcder  einen 
gesellen  nam,  der  üf  die  reise  wol  gezam. 

b)  Weit  öfter  mit  intralocalen  angaben,  manchmal  nhd.  recht  auf- 
fallend: Hartm.  Er.  3741  der  ist  ivünnecUch  ir  lip  und  so  tvol  genmme 
daz  si  baz  bi  tu  zäune  danne  dort  an  jener  stat;  darnach  ist  wol  auch 
1.  Büchl.  1469  wan  st  Z(cm  wol  an  eins  engeis  stat  dativische  fügung  an- 
zunehmen. Er.  5893  oive  tvie  ivol  ich  arme  gezim  an  dinem  arme!  9432 
auch  zceme  disiu  frouwe  baz,  diu  disiu  jär  hinne  saz,  wider  andern  wiben. 


32  WIESSNEß 

10071  wer  zceme  has  an  stner  stat?  Greg.  2801  ez  zceme  haz  in  dlner  haut 
ein  hoHice  unde  ein  gart.  —  Wo  1fr.,  ausser  dem  oben  citi erteil  fall,  Parz. 
311,28  etsUcher  zmn  haz  an  der  wide;  vgl.  auch  741:,  16  goi  des  niht  langer 
mochte,  daz  Parziväl  daz  re  nemen  in  stner  hende  solde  zemen.  —  Gott  fr. 
Trist.  711  u'ie  zimet  der  schaft  in  siner  haut!  10169  oive  der  liehten  hende, 
ivie  zimet  daz  swert  dar  inne!  Uebertragen  4591  daz  man  ez  gerne  verneme 
und  an  dem  mcere  tvol  gezeme,  wobei  nach  mhd.  Sprachgebrauch  dem 
accusativobject  ez  des  ersten  gliedes  ein  uominativ  ez  als  subject  zum 
zweiten  zu  entnehmen  ist.  Trist.  4651  so  nemen  wir  an  den  bJuomen  war, 
op  si  so  wol  dar  an  gezemen  dürfte  wol  auch  iutralocal  aufzufassen  sein, 
dar  an  =  an  dem  loberise;  vielleicht  aber  auch  =  an  daz  loheris^) 

§  154.  Mit  constructionen  der  richtmig',  die  in  der  gegen- 
wärtigen nhd.  Schriftsprache  nicht  mehr  möglich  sind,  erscheint 
öfters  mhd.  sntden  als  1. 1.  des  schneiderhandwerks.  Grimm, 
Gr.  4-,  1026  (851).  Vgl.  unser  zuschneiden,  in  der  Umgangs- 
sprache mit  richtuugsangaben  gebraucht,  z.  b,  dieser  roch  ist 
nicht  auf  meinen  körper  zugeschnitten.  Aehnlich  bezeichnet 
beim  mhd.  verb  die  richtuugsangabe  a)  die  person  bez.  einen 
körperteil  derselben,  für  welche  das  kleidungsstück  verfertigt 
wird,  oder  —  b)  ein  kleidungsstück  (auch  eine  fahne  u.  dgl.), 
für  das  ein  stück  prächtigen  Stoffes  o.  ä.  zurecht  geschnitten 
wird,  um  dann  darauf  genäht  zu  werden.  Beide  fügungen  sind 
speciell  in  Wolframs  werken  gar  nicht  selten  anzutreffen,  min- 
destens die  zweite  nicht. 

a)  Parz.  127, 2  si  sneit  im  hemde  unde  hruoch,  daz  doch  an  eime 
stücke  erschein,  unz  enmitten  an  sin  blankez  hein;  145,24  al  rot  was  sin 
kursit  und  wol  an  in  gesniten  tvit;  375,9  einen  pfell  mit  golde  vesten  den 
sneit  man  an  daz  freuweUn;  anders  Gottf  r.  Trist.  2540  und  was  der  (=  der 
p feile)  alse  tvol  gesniten  nach  sinem  schanem  Übe;  3345  sin  gewant,  . . . 
daz  was  mit  grözer  hövescheit  nach  sime  Übe  gesniten.  Vgl.  dagegen  Wh. 
821, 27  ir  schämlieh  wider  tvenden  diu  kriuce  solte  sehenden,  diu  an  si 
warn  gemachet.  —  b)  Parz.  14, 16  der  herre  pflac  mit  gernden  siten  üf  sine 
kovertiure  gesniten  anker  lieht  hermin;  vgl.  im  folgenden  v.  27f.  ivapenroc 
und  kursit  ...  hermhi  anker  drüf  genad,  giddiniii  seil  dran  gedrcet;  31,10 
sus  stet  diu  kunegin  gcmäl,  fron  Bclakdnc,  sunder  twäl  in  einen  blankeii 
samtt  gesniten  (einen  D,  einem  die  übrigen  hss.).  ^  Wh.  24,  4  in  die  banicr 
ivas  gesniten  Amor  der  minne  zere;  31,24  beidiii  geslagen  und  gesniten  üf 
ir  iväpenlichiu,  kleii  was  Kristes  tot;  379,29  der  goldes  riche  Tedaluon  ... 
fuortc  ecidemön  daz  tier,  des  Feyrafiz  ze  ivdppen  pflac:  in  Poydjus  vanen 
daz  lac,  mit  grözer  koste  dar  gesniten;  401,5  der  truoe  den  visch,  der  den 
wu/rm,  üf  ir  wäppenkleit  gesnitn;  406, 19  vor  und  hindcn  drüf  (nämlich  auf 


1)   Vgl.  auch  Trist.  10265  zorn  unde  wipheit,  diu  übcle  bi  ein,  ander 
dement;  trennbare  coniposition  im  gleichen  sinne  Trist.  10862. 


RÜHE-   UND   RICHTUNGSCONSTUUCTIONEN.  33 

das  kollicr)  (jesnäen  uz  einem  horten  ein  Jiriiice  mit  drin  oHen;  408,9 
Cernuhile  mmic  hriuce  vant  gesniten  uf  ir  xcectc,  die  mit  riterUclier  tcete 
sinem  puneiz  vor  gehielten:  uf  ir  w.  gehört  wol  zu  gesniten  und  ist  acc. 
plur.;  sicher  übrigens  nicht:  vgl.  Trist.  2631  (s.  unten).  Bei  Gottfr.  vgl. 
Trist.  6618  ein  eher  dar  üf  gesniten  tvas  (auf  den  schild  nämlich)  vil  meister- 
lichen imde  ivol. 

Merkwürdig  berührt  intralocale  constructionsweise  Tit.  143,  2  Uf  einem 
samtt  grüene  als  in  meigcschem  walde  icas  diu  hahe  ein  horte  gencvt,  ril 
stein  von  arde  manccraldc  drüf  geslagen:  nhd.  beim  siraplex  nähen  kaum 
mehr  möglich,  avoI  aber  z.  b.  einen  Tcnopf  auf  dem  rocke  annähen  u.a. 
Ebenso  Gottfr.  Trist.  2631  die  seihen  ivallenden  man  die  truogen  unde 
h(eten  an  linlcappen  unde  solhe  tvät,  diu  wallmren  rehte  stät,  und  uzen  an 
ir  wcete  mermuschelen  gencete,  wo  tvceU  dat.  sing.  ist.  Vgl.  auch  z.  b.  Er. 
7786  ez  xvärn  verirorht  dar  inne  (im  zäum)  mit  schoenem  sinne  die  einlif 
edeln  steine.'^) 

Vom  nhd.  Standpunkte  seltsam  erscheint  auch  Er.  1541  st  näte  seihe 
mit  ir  hant  in  ein  hemde  dez  magedin,  nicht  mehr  wörtlich  widerzugeben; 
Tgl.  1551.  Bei  leblosen  objecten  ist  die  fügnng  noch  gestattet,  z.  b.  eine 
leiche  in  linnen  einnähen  u.a.  —  Ebenso  Nib.  536,1  Ez  irart  in  für- 
gespenge  manic  schosniu  meit  genaH  vil  minnecliche  und  1790, 1  Do  nccten 
sich  die  recken  in  also  gitot  gewant:  übrigens  entsprechen  sich  ja  mhd. 
ncejen  und  nhd.  nähen  nur  formal,  nicht  in  der  bedeutung.  Und  setzt  man 
das  nhd.  äquivalent  schnüren  ein,  so  fällt  der  seltsame  anstrich  dieser 
phrasen  sofort  weg. 

Sniden  mit  trauslocalen  bestimmungen  wird  auch  sonst  in 
prägnanter  bedeutung  verwendet,  den  obigen  fällen  älinlicli, 
vom  nhd.  aber  nicht  verschieden: 

Wolfr.  P.  549,14  den  estrich  al  ühervienc  niwer  hinz  und  hluomen 
ivol  gevar  wären  drüf  gesniten  dar;  vgl.  bei  uns  z.  b.  hrot  in  die  suppe 
schneiden  =  schneiden,  so  dass  es  hineinfällt.  Parz.  551,  4  diu  juncfromve 
niht  vermeit,  mit  guoten  zühten  sie  sneit  Gäwän  süeziu  mursel  uf  einem 
hlanken  ivastel  schreibt  G  einen,  was  vielleicht  ebenso  aufzufassen  wäre. 

§  155.  Transiocale  constructionen  ganz  ähnlichen  Charak- 
ters, wie  die  letzterwähnte  von  sniden,  begegnen  hie  und  da 
bei  mhd.  hrechen: 

Wolfr.  P.  159,13  Iiüänet  üf  in  dö  hrach  der  liehten  hhtomen  zeime 
dach;  551,21  da  hräht  ein  des  ivirtes  sun  purzeln  unde  latün  gehrochen 
in  den  vinager:  vgl.  in  unserem  dialekt  ähnliche  constructionen  des  etymo- 
logisch verwanten  hröekeln,  und  hrokn  (z.  b.  hrot  in  die  milch).  —  li^lliptisch 
mutet  uns  Greg.  3417  an:   dö  er  si  such  zuo  im  gän,  dö  hrach  er  für  die 


')  Gleichwertig  intralocale  auffassung  Parz.  79Ü,  13  von  iviirzen  vianec 
gesti'ippe  tvas  üf  den  kultern  gesagt.  Translocal  dagegen  z.b.  Tit.  44,  4.  Wh. 
287,12.  361,17;  Trist.  12232.  12240. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  3 


34  WIESSNER 

schäm  ein  li-id;  die  stelle  erinnert  sofort  an  Trist.  2934  eine  sioisele  hm  er 
an  die  haut,  worauf  Paul  schon  in  der  grossen  ausgäbe  1873  verwiesen  hat. 
Vgl.  Mhd.  wb.  1,2-ilb.  421  —  Anders  Nib.  814,2  hey  uh(z  man  starke)- 
schefte  vor  dem  münster  brach  vor  Sifrides  tvihe  al  zno  dem  sale  dan:  die 
mannen  Siegfrieds  reiten  unter  bühurdieren  vor  Kriemhilde  auf  ihrem  wege 
vom  münster  zum  sal.  Piper  scheint  sich  die  Situation  ganz  anders  vor- 
zustellen; er  bemerkt  'bis  zu  dem  saale  hin,  d.  h.  dass  die  Splitter  bis  dahin 
sprangen';  das  liegt  jedenfalls  nicht  im  ausdruck  der  stelle.  Die  hier  ge- 
gebene erklärung  (nach  Bartsch,  commentierte  ausg.)  liegt  wol  viel  näher. 

,  §  156.  Erwähnenswert  sind  ancli  einige  fälle  translocaler 
gebrauclisweise  des  mlid.  spiln  gegenüber  intralocaler  im  nlid.; 
sie  finden  sich  widerum  in  der  spräche  des  Eschenbachers,  die 
in  bezug  auf  syntaktische  merkwürdigkeiten  überhaupt  schier 
unerschöpflich  reich  ist. 

Parz.  408,  26  üf  disen  Vierecken  schilt  was  schächzabels  vil  gespilt, 
Avo  also  der  kämpf  in  launiger,  durch  die  Situation  greifbar  naheliegender 
weise  mit  dem  spiele  verglichen  wird.')  Bartsch  bemerkt  zu  der  stelle: 
'man  sagt  im  inhd.  spiln  üf  daz  bret,  nicht  «/'  dem  hrele,  wenigstens  ist 
ersteres  üblicher'.  Wieso  Bartsch  zu  dieser  behaiiptung  kommt,  weiss  ich 
nicht;  ein  blick  ins  Mhd.  wb.  lehrt  das  gegenteil.  Das.  1,  238b.  4  ff.  2-,  506a. 
8  ff.  sind  für  sp.  üf  dem  brete  mehrere  belege  zu  finden,  für  sp.  üf  daz  bret 
—  keiner.  Aus  den  hier  berücksichtigten  texten  ist  wenig  beizubringen: 
Gudr.  853,3  da  fiinden  si  besunder  maneger  hande  spil,  in  dem  brete  za- 
helen,  wo  die  präposition  m  uns  sehr  auffallen  muss ;  Trist.  9892  ir  sit  daz 
irresameste  spil,  daz  iemen  üf  dem  breite  kan.  Besonders  aber  Wh.  59,  30 
unz  er  vor  im  ligen  sach  des  werden  Vivtanses  scliilt.  üf  dem  icas  strttes 
sus  gespilt,  also  intralocal  construiert. 

Ganz  anders  ist  die  phi'ase  bei  Hartm.  zu  verstehen,  im  Greg.  1587 
so  man  mich  buoche  (nach  K.  Zwierzina,  Zs.  fda.  37, 413)  tcente,  ivie  sich  min 
herze  sente  und  min  gedanc  spilte  gegen  einem  schilte!  In  der  ersten  aus- 
gäbe übersetzt  Bech  (nach  dem  Mhd.  wb.)  'vor  innerer  aufregung,  vor 
verlangen  hüpfen,  zappeln,  zittern';  mit  unrecht,  wie  mir  scheint,  Hess  er 
später  diese  erklärung  einer  andern  gegenüber  fallen:  spiln  =  'kämpfen', 
also  metaphorisch  zu  verstehen,  was  sich  weniger  gut  in  den  context  1586 
— 1592  einfügt;  1584  freilich  heisst  es  so  ttirnierte  min  gedanc. 

Wol  fr.  eigentümlich  ist  die  phrase  an  den  ort  spiln,  was  Haupt  zu 
Er.  872  erklärt  'bis  an  das  ende,  die  ecke  des  Spielbrettes'.  Er  citiert  auch 
alle  in  frage  kommenden  vier  fälle:  Parz.  94,20  si  spiltn  ir  mcere  miz  an 
den  ort  'sie  vertraten  ihre  Sache  bis  zum  äussersten',  d.h.  sie  taten  ihr 
möglichstes.  244, 3  ein  spil  mit  der  ile  het  er  unz  an  den  ort  gespilt. 
Bartsch  merkt  hier  an:  '•ein  spil:  anspielung  auf  das  versteckspiel.  —  mit 

1)  Ueber  den  vergleich  von  kämpf  und  spiel  s.  Haupt  zu  Er.  867. 
Zs.fda.  11, 54  f.  Kinzel,  Zs.  fdph.  5,  21  f. ;  zu  unserer  stelle  speciell  K.  Ludwig, 
Der  bildliche  ausdruck  bei  W.  v.  E.  s.  46  f. 


RUHE-    UND    RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  35 

der  ile,  in  eiliger  weise,  in  aller  eile.  —  imz  an  den  ort,  bis  aus  ende:  er 
hatte  sich  vollständig-  unter  dem  bette  versteckt':  entschieden  nicht  passend. 
Die  ganze  stelle  bezieht  sich  wider  auf  das  Schachspiel:  P.  hatte  mit  der 
eile  eine  partie  gespielt,  ohne  vor  der  entscheidung  nachzugeben,  er  hatte 
im  Wettstreit  mit  seiner  partnerin,  der  eile,  sein  äusserstes  getan;  ohne 
metapher:  er  war  ausserordentlich  behend  gewesen,  nämlich  als  er  unter 
die  bettdecke  schlüpfte.  —  Parz.  653, 11  si  spiltz  mit  vräge  an  munegen 
ort:  Lexer  'mit  fragen  es  auf  verschiedene  weise  versuchen';  d.h.  sie  ver- 
suchte es  gleichsam  mit  schachzügen  nach  verschiedenen  richtungen.  Wh. 
113,24:  cz  ivirt  e  an  den  ort  yespüt  'eher  lasse  ich  es  auf  das  äusserste  an- 
kommen'. Au  gleichartigen  phrasen  fehlt  es  uns  nicht:  den  Jcrieff  auf  feind- 
lichen hoden  liinüherspielen.  —  Anders  Trist.  19232  ir  Mären  oiigeu  itnde 
ir  sin  diu  spilten  üf  in  dcnne. 

§  157.  Im  folgenden  sollen  im  zusammenliang-e  einige  im 
verlaufe  der  arbeit  schon  liie  und  da  gestreifte  functionen  von 
mild,  über  mit  accusativ,  ohe  mit  dativ  behandelt  werden, 
deren  anschauliche  basis  von  der  heute  vorhersehender,  in  der 
bedeutung  gleichwertiger  Wendungen  verschieden  ist.  Doch 
ist  uns  die  in  den  betreffenden  mhd.  fügimgen  reflectierte 
räumliche  anschauungsweise  vom  Standpunkte  der  heute  noch 
lebenden  sprachformen  nicht  ganz  ungeläufig  und  unverständ- 
lich. Es  handelt  sich  um  drei  fügungen,  die  man  vielleicht 
am  kürzesten  durch  die  lateinischen  bedeutungsäquivalente 
markiert:  1)  ühe7-  mit  acc.  =  lat.  per]  —  2)  iiber  mit  acc, 
ohe  mit  dat.  =  lat.  siq)ra;  —  3)  Hier  mit  acc.  =  lat.  trans. 

§  158.  1)  über  mit  accusativ:  Verbreitung  einer 
handlung  oder  eines  zustandes  im  räume  (s.  Steitmann 
s.  32).  Der  unterschied  der  alten  und  der  modernen  spräche 
ist  hier  bezüglich  der  raumanschauung,  insofern  sie  sich  im 
sprachlichen  ausdruck  widerspiegelt,  ein  recht  sinnfälliger. 
Z.  b.  heisst  es  in  Wolfr.'s  Parz.  758, 19  der  rtcJie  Feiraftz  ivas 
heidiu  sivarz  unde  iviz  aber  al  sin  vel  'war  allenthalben  auf 
seiner  haut  schwarz  und  weiss  gescheckt',  stvar^  unde  iviz  iv. 
bezeichnet  in  unzweideutiger  weise  einen  zustand,  über  al  sin 
vel  ist  aber  angäbe  der  richtung.  Oder  Parz.  784,  29  an  den 
selben  dten  si  stuonden  üf  übr  al  den  rinc:  üf  sten  ist  aller- 
dings verb  der  bewegung,  übr  al  den  rinc  aber  nicht  vielleicht 
als  Zielangabe  dazu  gehörig.  Auch  Ortsangabe  auf  die  frage 
Svo'  kann  natürlich,  schon  aus  formalen  gründen,  nicht  ge- 
meint  sein:   es  hiesse  ja  sonst  mhd.  ob  dem  ringe.    Den  weg 

3* 


36  WIESSNEB 

zur  riclitig-en  aiiffassimg-  der  beiden  präpositionalausdrücke 
weist  uns  das  begleitende  ah  iiber  mit  acc.  bezeichnet  hier 
die  durchg-ängig-e  Verbreitung  des  zustandes  oder  der  handlung- 
über  eine  fläclie  hin,  der  gleichen  function  des  lat.  per  ganz 
parallel:  der  zustand  oder  die  handlung  hat  im  ganzen  bereiche 
des  durch  über  eingeleiteten  locals  statt.  Der  sinn  der  zweiten 
Parzivalstelle  ist  also:  'man  erhob  sich  an  der  ganzen  taf ei- 
runde von  den  sitzen'.    Vgl.  auch  Beitr.  26,  506  f. 

■Richtungsangabe  dieser  art  tritt  im  gleichen  sinn  zu  verben 
des  zustandes  wie  der  bewegung  und  ist  bei  letzteren  wol  zu 
scheiden  von  anderen,  welche  die  ausdehnung  der  einzelnen 
bewegung  bezeichnen  (und  auch  mit  über  c.  acc.  eingeleitet 
sein  können),  nicht  aber  die  Verbreitung  iiber  alle  teile  eines 
bestimmten  gebiets  bei  einer  summe  gleichartiger  bewegungen. 
Es  ist  also  z.  b.  man  hörte  rüefen  über  al  daz  velt,  so  \\ie  es 
hier  steht,  doppelsinnig:  der  ruf  dringt  über  das  ganze  feld 
hinweg  zu  dem  an  seiner  peripherie  stehenden  subjecte;  ähn- 
liche Situationen  Nib.  1488, 1  Und  homet  er  nilit  bezlte,  so  rüefet 
über  fluot  und  1916, 1  Der  Miene  videlcere  rief  über  die  mcnege. 
Oder  es  heisst  'man  hörte  allenthalben  auf  dem  felde  rufen', 
d.h.  es  rufen  viele  zugleich,  die  über  das  ganze  feld  hin  zer- 
streut sind;  ähnlich  ist  wol  z.  b.  Gudr.  526,2  zu  verstehen: 
den  vride  hört  man  rüefen  da  über  al  daz  lant.  Ja  noch  eine 
dritte  auffassung  wäre  möglich:  man  könnte  in  dem  gegebenen 
beispiel  über  al  d.  v.  auch  zum  subjecte  ziehen:  der  ruf  wird 
von  einer  über  das  ganze  feld  ausgebreiteten  anzahl  von  sub- 
jecten  vernommen. 

Die  richtungsconstruction  in  diesem  sinne  ist  wol  be- 
greiflich: der  räum  wird  mit  den  äugen  des  beschauers,  des 
sprechenden  etc.  wirklich  oder  nur  in  der  phantasie  durch- 
messen, der  blick  gleitet  über  das  betreffende  local  hin:  also 
dieselbe  sinnliche  basis,  die  so  vielen  Wendungen  unseres  Sprach- 
gebrauchs zu  gründe  liegt:  beruhen  darauf  in  letzter  linie  doch 
alle  Schilderungen  von  zuständen  mit  verben  der  bewegung, 
begleitet  von  richtungsangaben! 

Es  hiesse  also  nhd.  auffassung  in  die  alte  spräche  hinein- 
tragen, wenn  man  behauptete,  mhd.  über  mit  acc.  stehe  in 
diesem  falle  auf  die  frage  'wo':  der  nhd.  Sprachgebrauch  con- 
struiert  so,  abweichend  vom  mhd.    Der  ausdruck  wäre  minde- 


RUHE-   UND   RICHTUNGSC0N8TRUCTI0NEN.  37 

stens  img-enau  und  deshalb  gefährlich.  Wir  übersetzen  diese 
mhd.  über  mit  acc.  durch  Ortsangaben  auf  die  frage  'wo';  um 
die  Verbreitung  über  einen  bestimmten  räum  zu  bezeichnen, 
verwenden  wir  andere  Sprachmittel,  z.  b.  ein  entsprechendes 
attribut  bei  der  Ortsangabe  (all,  ganz  etc.,  in  der  alten  spräche 
schon  gerne  gesetzt)  oder  hinzufügung  von  adverbien  des  ortes, 
wie  allenthalben,  überall. 

Hartra.  Er.  1765  sine  tvcere  dm  schosnste  da  und  über  die  werlt  ouch 
andersivä;  1987  daz  beste  Scharlach  daz  man  vant  über  allez  Engellant; 
2003  der  zobel  was  daz  nie  kein  man  deheinen  bezzern  (jeican  noch  timverren 
rant  über  allez  Connelrmt;  2347  daz  Jcein  man  deheine  tiuwerre  (knappen 
nämlich)  rant  ze  Britanje  über  daz  laut;  8545  des  ist  sin  ere  vil  breit  und 
ze  ganzem  lobe  erkant  über  elliu  disiu  lant;  8805  und  icurde  ouch  erkant 
über  elliu  disiu  lant  für  alle  ander  man;  10047  daz  iviten  über  elliu  lant 
tcas  sin  tvesen  und  sin  schin.  Greg.  143  (nach  K.  Zwierzina,  Zs.  fda.  87,  410) 
daz  er  äne  mäsen  genas  und  sit  ein  wärer  kempfe  was,  er  eine  über  all 
die  kristenheit  (unerreicht  als  solcher  in  der  ganzen  ehr.):  möglicherweise 
auch  über  =.  'mehr  als';  627  Do  die  herren  über  daz  lant  ze  hove  ivurden 
besant;  1691  er  wirt  vil  lihte  ein  salic  man  und  über  (nach  Zwierzina  s.  418) 
diu  lant  für  manegen  herren  erkant;  2008  daz  er  . . .  ze  dem  besten  ritter 
wart  genant  über  elliu  diu  lant.  Iw.  2364  die  besten  über  min  laut,  Benecke 
'in  meinem  ganzen  lande':  also  attributiv;  3700  daz  beste  harnasch  daz 
man  vant  und  daz  schoenest  ors  übr  al  daz  lant.  —  Diese  über  mit  dem 
acc.  —  von  über  al  ist  später  die  rede  —  treten  also,  vielleicht  rein  zu- 
fällig, im  Iw.  gegenüber  dem  Er.  und  Greg,  ersichtlich  zurück. 

Wo  1fr.  P.  10,2  fünf  ors  erweit  und  erkant,  de  besten  über  al  sin 
lant;  18,14  doch  tvände  der  gefüege,  daz  niemen  kröne  trüege,  künec,  keiser, 
keiserin,  des  messenie  er  wolde  sin,  wan  eines  der  die  höchsten  haut  trüege 
üf  erde  übr  elliu  lant:  vielleicht  auch  vom  Vorrang,  von  der  macht;  22, 1 
daz  er  den  pris  übr  mänegiu  lant  hete  al  ein  zuo  siner  hant;  26, 18  sone 
getouohs  an  ritter  milter  hant  vor  im  nie  über  elliu  lant;  111,30  die  besten 
über  al  daz  lant  bestatten  sper  und  ouch  daz  bluot  ze  münster:  236,24 
swaz  ritter  dö  gesezzen  ivas  über  al  den  palas  '  platz  genommen  hatten  im 
ganzen  saale';  258,3  er  was  der  schcenste  übr  elliu  lant;  285,24  manioeiz 
wol  über  manec  lant;  814,26  die  besten  über  elliu  lant  scezen  hie  mit  tverde- 
keit;  824,25  ouch  gib  i'm  vricle  übr  al  daz  lant;  478,27  ivart  ie  höher  pris 
erkant  über  elliu  nterlichiu  lant;  618,4  der  reloubet  mir  durch  sinen  pris 
von  miner  massenie  erkant  rtterschaft  übr  cd  sin  lant;  699, 14  die  da  säzen 
jähen  silier  hant,  sie  het  den  pris  übr  mangiu  lant  mit  so  hohem  prise  er- 
worben; 718,15  Artus  liez  die  werden  über  al  daz  her  diu  kinder  sehn; 
755,2  Dö  was  M  dem  selben  tage  über  al  daz  her  gemeiniu  klage;  758,19 
und  784,29  wurden  schon  s.  35  citiert;  784,1  Über  cd  den,  rinc  wart  ver- 
nomn  (d.h.  'an  der  ganzen  tafeirunde  sagte  man  sich')  'Cundrie  Ict,  surziere 
ist  komn';  822,29  Feirefiz  hiez  schriben  ze  Indgä  übr  al  daz  lant,  wie 
kristen  leben  wart  erkant  'Hess  allenthalben  im  lande  verkündigen'.  Pagegen 


38  WIESSNER 

z.  b.  Parz.  63,6  der  galm  übr  cd  die  siat  erhcd  bezeichnet  i'ther  cd  d.  st. 
den  weg  der  verbaltätigkeit:  der  lärm  gebt  von  der  an  dieser  stelle  ge- 
schilderten musikbande  aus  und  wird  weithin  in  die  ganze  Stadt  gehört.  — 
AVh.  3,  27  siver  sin  geglühte  kiinde  spelien,  daz  stüende  übr  cd  ir  rtche  der 
fürsten  kraft  geliche:  sein  geschlecht  gelte  an  einfluss  im  ganzen  reiche 
dem  von  fürsten  gleich.  Ebenso  dürfte  über  mit  acc.  nicht  die  Überlegen- 
heit, sondern  die  Verbreitung  91,7  bezeichnen:  u-an  des  kraft  icas  so  gröz 
über  al  der  heiden  her;  99,  6  ivir  hän  daz  selten  freischet  sider,  daz  so  manec 
kostebcer  gezelt  für  keine  stat  übr  al  daz  velt  so  rielüicli  wurde  uf  geslagen; 
116,  6  doch  tvart  an  riter  nie  bekant  über  al  der  Franzoyser  lernt  icäppenroc 
so  köstlich ;  144, 1  Vil  teppch  übr  al  den  pcdas  lac ;  185,  22  an  den  selben 
stunden  was  da  diu  beste  riterschaft  über  al  der  Frcmzeiser  kraft;  197,20 
über  cd  daz  gevilde  breit  enphieng  er  die  fürsten  sunder:  220,22  diu  höhe 
ivirde  sine  über  cd  die  Sarrazine  was  erschollen  imt  erhört:  226,14  über  cd 
sin  her  kein  ander  mein  fuor  im  da  so  nahe  bi;  339, 19  an  disem  rate  ma- 
neger sas,  ...  und  die  hcehsten  künge  übr  al  daz  her;  342,5  an  sin  selbes 
her  über  fünf  lant  \  diu  her  ze  helfe  in  irnrn  benant  recht  auifallend;  über 
f.  l.  gehört  zweifellos  zum  folgenden  diu  her:  wir  Avürden  nach  nhd.  Sprach- 
gebrauch entschieden  richtungsangabe  auf  die  frage 'woher'  erwarten:  'aus 
fünf  Ländern'.  Die  nihd.  construction  ist  so  zu  verstehen:  die  einzelnen 
kriegsleute  der  fünf  heerhaufen  gehören  ihrer  heimat  nach  in  die  ver- 
schiedenen gegendeu  von  fünf  ländern.  457,  6  über  cd  diz  her  wirt  ze  breit 
der  jämer.  Anders  wider  427,3  Sus  kom  der  künec  Purrel  mit  maueger 
pusinen  hei:  über  al  daz  her  der  schcd  derdöz. 

Gottfr.  Trist.  1882  er  sprach  die  hcrren  cd  zehant  über  cdlez  sines 
herren  lant;  5272  Hie  mite  so  wurden  besant  ze  Parmenie  übr  cd  daz  lant 
die  herren;  5813  diu  lehen  über  cdlez  lernt  diu  wil  ich  haben  ze  miner  hant; 
7210  Gurmün  clö  trüren  began  und  hiez  gebieten  cd  zehant  über  cd  daz 
rtche  ze  Irlant  'hiess  im  ganzen  reiche  Irland  den  befehl  verbreiten';  7697 
Diz  mcere  ivart  gemeine  über  cd  die  stat  ze  Dereltn;  11363  cdsolhes  spottes 
tvart  da  vil  getriben  über  den  pcdas  'allenthalben  im  saale';  12566  Isöt 
diu  ist  besunder  über  al  die  toerlt  ein  wunder;  19100  so  hete  ouch  er  mit 
ime  verant  sin  miiug'  über  al  daz  lant.  Oefters  im  Trist,  neben  verben 
der  rede  (s.  oben  schon  7210  und  7697) :  vgl.  über  formal  ähnliche  fügungen 
im  Heliand  Steitmann  s.  35.  Identisch  sind  die  dort  erwähnten  construc- 
tionen  mit  den  folgenden  mhd.  keineswegs.  Vgl.  Trist.  14090  da  mite  so 
Seite  man  zehant  über  hof  und  über  laid:  hier  drückt  über  mit  acc.  au.s, 
dass  die  tätigkeit  des  sagen  auf  dem  ganzen  bezeichneten  gebiete  statt- 
findet: es  handelt  sich  um  die  Verbreitung  einer  reihe  von  acten  des 
sagen  innerhalb  des  angegebenen  locals.  Ebenso  14945  daz  er  den  neven 
und  daz  tvip  und  edlermeist  sin  selbes  Up  so  hcete  beswceret  und  z'  übele 
vermeeret  über  hof  und  über  laut;  15487  daz  mich  disiu  torperheit  vor  einem 
järe  ist  eine  cjeseit  beicV  über  hof  und  über  lant;  18395  und  si  ze  spelle 
machet  über  hof  und  über  lant;  19077  daz  mem  im  so  rillobes  sprach  über 
hof  imd  über  lant. 

Nib.  107,3  des  redent  vil  die  liutc  über  cllln  disiu  la)d;  269,4  des 
huop  sich  michel  fröude  über  al  daz  Günthers  lant;    ähnlich  1328, 4  des 


KÜHE-   UND   EICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  39 

ivart  vil  micliel  vreuäe  über  al  dez  Etzelen  lant;  555, 1  Der  buJiurt  was  zer- 
gangen über  al  äaz  velt;  708,4  vroinven  kleider  ...  diu  besten  diu  man 
vant  oder  inder  künde  erwerben  über  Sifrides  lant.  Dagegen  ganz  Avie  nhd. 
461,  4  diu  vuere  timrden  künde  in  al  der  Niblunge  laut.  Mit  durch  ist  die 
Verbreitung  auf  einer  strecke  ausgedrückt  647,  3  7nan  hiez  in  allenthalben 
ir  nahfselde  legen  sivä  sis  gerne  nämen,  durch  der  künege  lant.  —  Gudr. 
526,2  wurde  schon  s.  36  citiert;  908,1  Do  suochte  man  die  töten  über  al 
den  sant;  1321,  2  über  allez  ditze  lant  müezen  haben  arbeit  die  Hute  dar  inne. 
Ebenso  in  der  prosa;  vgl.  z.b.  Altd.  pred.  3,  7,  2  so  gebot  och  der  selbe 
cheiser  einen  vride  u'bcr  elliu  riclie;  7, 16  daz  vil  groz  gebot  daz  wart  och 
do  geboten  u^ber  elliu  diu  riche;  112,3  daz  si  das  heilige  gots  tvort  chunten 
unde  predigeten  verre  undc  nahen  u^ber  alle  dise  ivelte;  141,27  do  aver  der 
heilige  geloube  über  elliu  diii  lant  gechundet  unde  geprediget  ivart ;  oder  auch 
92, 10  da  ivart  do  dazze  Borne  unde  wber  alle  die  Christenheit  ein  vil  gröziu 
vrüde;  109,20  do  huob  sich  da  von  allerst  mit  vil  grozem  schalle  der  ge- 
meine ruof  unde  diu  gemeine  stimme  des  heren  lobegesanges  en  allen  vier 
enden  u^ber  allen  den  himel;  115,  35  imde  daz  och  er  denne  da  von  ti'ber 
alle  die  tvelt  erchant  unde  gert  unde  gelobt  wurde. 

§  159.  Den  besprochenen  fügimgen  von  über  mit  acc. 
gleichwertig  ist  auch  mhd.  über  al  als  richtungsangabe  im 
sinne  der  Verbreitung  aufzufassen  und  mhd.  neben  der  masse 
der  anderen  über  mit  acc.  gleichen  Charakters  auch  gewis  noch 
als  solche  gefühlt  worden.  Nhd.  steht  nherall  als  erstarrte 
formel  vereinsamt  und  wird  daher  nicht  mehr  verstanden. 
Wir  construieren  heute  überall  unbedenklich  als  ortsadverb 
auf  die  frage  'wo'. 

Hartm.  Er.  326  der  roc  was  grüener  vance,  gezerret  begarwe,  abchcere 
über  al  =  nhd.  überall;  ebenso  2311.  5423.  9628.  9757;  Greg.  860.  3756; 
Iw.  899.  1226,  vielleicht  auch  4926.  —  Wo  1fr.  P.  144,26.  206,17.  615,10. 
695,16;  Wh.  58,3.  186,11.  295,8.  392,8.  —  Gottfr.  Trist.  10897.  11011. 
11226.  15889.  18838.  —  Nib.  527,1.  1299,1.  1445,1.  1600,3.  1632,1,  viel- 
leicht auch  1762, 2. 

Diese  Ortsangabe  über  al  verliert  dann  in  der  alten  spräche 
oft  das  locale  bedeutungselement  und  geht,  in  attributiver  Ver- 
wendung, in  unräumliche  functionen  über,  die  dem  gegen- 
wärtigen Schriftdeutsch  mindestens  fremd  sind:  sammt  und  son- 
ders, ganz  und  gar,  vollständig,  oft  =  omnis,  auch  im  sinne 
unseres  überhaupt.  Schriftdeutsch  ist  überall  heute  rein  local; 
landschaftlich  wird  es  aber  auch  =  überhaupt  gebraucht  und 
zwar,  wie  Paul,  Wb.  s.  473  constatiert,  in  negativen  frage-  und 
bedingungssätzen.  Es  berührt  uns  heute  fremdartig,  wenn 
J.  Grimm  in  der  Gr.  4,  767  sagt:  eine  so  fein  gebildete  spräche 


40  WIESSNER 

wie  die  lat.  kennt  üherall  l'cine  präp.  mit  dem  dativ.  Vgl,  Mörike, 
Maler  Nolten  2,  206  ohne  edle  rüchsichf  auf  entferntere  familien- 
mitglieder  {nähere  leiten  üherall  nicht  mehr).  ...  —  üher  cd  in 
diesen  übertragenen  fimctionen  ist  mlid.  sehr  geläufig;  schon 
manche  der  obigen  citate  könnten  mit  dem  gleichen  recht  hier 
eingereiht  werden. 

Vgl.  ferner  bei  Hartm.  Er.  233.  1697.  1940.  2375.  4042.  6855.  7863; 
Greg.  2231.  3155;  Iw.  3115.  4654.  6232.  —  Bei  Wolfr.  P.  34,25.  45,10. 
86,13.  90,7.  192,23.  278,24.  284,24.  326,9.  362,17.  39.3,13.  460,2.5.  695,16. 
705,15.  721,11.  802,11.  808,29;  Wh.  72,6.  91,13.  223,13.  251,29.  304,19. 
306,11.  328,1.  391,23.  397,7.  422,28.  439,2.  443,10.  462,18.  —  Bei  Gottfr. 
Trist.  2799.  2881.  3232.  —  Nib.  751,4.  1125,1.  1612,1.  1683,1.  1762,2. 
1788,2.  1935,2.  1955,4.  2046,1.  2058,2.  2112,2.  2314,1.  —  Gudr.  53,2. 
337, 1.  487, 1.  513, 1.  980, 1.  1127, 1.  1348, 1.  1529, 1. 

§  160.  Einen  merkwürdigen  bedeutungswandel  hat  die 
stehende  formel  ahd.  idmr  hlüt  —  mhd.  üher  lüt  —  nhd.  üher- 
laut  durchgemacht.  Wir  betonen  heute  üherlaut,  und  die  ab- 
leitung  des  wortes  scheint  ganz  durchsichtig:  adj,  laut  mit  dem 
verstärkenden  üher,  vgl,  ühergross,  üherstarlc  u,  ä.,  wobei  die 
bedeutung  'mehr  als  laut'  d.  h.  laut  in  einem  besonders  hohen 
grade  ja  ganz  entspricht.  Nicht  so  in  der  alten  spräche:  im 
ahd,,  wo  speciell  Otfried  diese  formel  gerne  gebraucht  (Graff 
4,1097),  sowie  im  mhd.,  das  durch  die  berücksichtigten  literatur- 
denkmäler  repräsentiert  wird,  hat  die  Verbindung  ganz  andere 
bedeutungen  verschiedener  abstufuug,  aber  ohne  das  element 
nimis.  Es  heisst  dort  'mit  lauter  stimme,  deutlich,  vernehm- 
lich', in  übertragener  function  'offen,  ohne  hehl',  Gewis  liegt 
ursprünglich  eine  präpositionalformel,  wie  in  üherall,  zu  gründe 
(vgl.  Paul,  ^M).  s.  473),  wozu  die  von  Adelung  vermerkte  be- 
tonung  üher  laut  sehr  gut  stimmt.  Schwierig  ist  es  nur,  eine 
solche  zu  deuten.  Mit  dem  adj.  wird  dabei  nicht  auszukommen 
sein;  nach  einer  mündlichen  bemerkuug  von  Sievers,  die  mir 
C.  Kraus  einst  mitteilte,  bildete  die  basis  der  formel  die  be- 
deutung 'über  das  gehör  hin',  also  lüt  ursprünglich  subst.  Der 
ausdruck  wäre  dann  ursprünglich  als  ein  fall  von  üher  mit 
acc,  im  sinne  der  Verbreitung  zu  verstehen:  die  rede  eic,  wird 
von  einer  Vielheit  von  Individuen  gehört,  es  handelt  sich  um 
eine  reihe  von  höracten,  ganz  wie  in  den  von  Steitmann  s,  35 
citierten  fällen.  Der  bedeutungswandel  zu  nhd,  üherlaut  ist 
leicht  begreiflich:  um  von  einer  menge  gehört  zu  Averden,  muss 


RUHE-    UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  41 

die  rede  mit  lauter,  erhobener  stimme  gehalten  werden;  da 
kam  das  adj.  lid  und  später  das  verstärkende  iiher  auf  halbem 
wege  entgegen.  AVenn  Weigand  in  seinem  Wb.  2,  955  behauptet, 
mhd.  existiere  üherlüt  nicht,  so  kann  er  damit  nur  meinen:  in 
der  heutigen  bedeutungJ) 

Die  stellen  aus  Otfrieds  werk  s.  bei  Kelle,  Glossar  s.  G37.  —  In  den 
hier  berücksichtigten  mhd.  texten  ist  die  formel  weitaus  nicht  so  häufig 
anzutreffen.  —  Hartm.  Er.  6525  hehle  stille  %md  über  lüt  so  dühtez  se  alle 
(jliclie,  arme  unde  riche,  ein  micliel  ungefuoge.  —  Wolfr.  P.  109,20  diu 
fromve  in  klafjete  über  lüt;  668,13  ein  gezelt  daz  Iblis  Clinschore  durch 
minne  scmde,  da  von  man  erste  erkande  ir  zweier  tougen  über  Kit:  si  wären 
bede  ein  ander  trüt,  wo  allerdings  die  bedeutung  schon  stark  modiftciert, 
d.h.  das  urspr.  akustische  element  ziemlich  verblasst  ist;  713,10  daz  mar 
kumt  schiere  über  lüt,  Bartsch  'wird  allgemein  bekannt':  eine  merkwürdige 
phrase,  wenn  m.an  die  angenommene  urspr.  bedeutung  des  präpositional- 
ausdrucks  im  äuge  hat.  Gewis  ist  diese  hier  nicht  lebendiger  als  sonst 
gewesen;  kumt  steht  hier  vielmehr  fast  auxiliar,  über  lüt  statt  eines  prä- 
dicatsnomens  (und  nicht  vielleicht  als  richtungsangabe,  abh.  von  kiniii).  — 
Gott  fr.  Trist.  3012  hie  mite  begimde  er  üherlüt  (mit  lauter  stimme)  den 
himden  ruofen;  15051  ich  spricJie  daz  wol  üherlüt  anders  gefärbt:  'klar, 
ohne  Umschweife';  die  bemerkung  Bechsteins  'adj.  (nicht  adv.)'  ist  nicht 
begründet  und  kaum  richtig.    —    Die  bedeutung  'offen,  ohne  hehl'  ergibt 

[')  Ich  gehe  bei  der  oben  mitgeteilten  erklärung  von  der  annähme 
aus,  dass  nbar  hlüt  zunächst  in  der  formel  tdjar  hlüt  Sprech  an  technisch 
war  und  von  da  aus  auch  in  andere  Wendungen  übertragen  ist.  Ubar  hlüt 
sprechau  aber  bedeutete  ursprünglich  wol  'über  die  lauschende  menge  hin 
sprechen',  sc.  nachdem  feierlich  'schweigen',  genauer  'lauschen'  oder  'gehör' 
geboten  oder  geheischt  ist  (vgl.z.  b.  das  bekannte  hljöös  bidk  allar  heigar 
kindir  der  VQluspä  als  einleitung  zur  feierlicheil  verkündung,  auch  mhd. 
stille  f.,  Mhd.  wb.  2,  2,  637  a,  altfrz.  oiez  uM  ähnliches).  Dass  in  dem  hlüt 
der  formel  ein  dem  an.  hljöd  entsprechendes  verbalabstractum  steckt,  wird 
namentlich  durch  die  genauen  alts.  parallelen  thnn  he  nndar  thern 
thiodu  st  ad  endi  thar  gihorid  obar  hlust  mikil  thea  godes  Icra  Hei. 
2496  ff.,  endi  fhero  menigi  sagde  (sc.  Pilatus)  obar  hht st  mikil,  thathe  an 
themu  hafion  manne  sulica  firinspraka  finden,  ni  malili  etc.  He).  5233  ff., 
auch  Ullas  hlust  mikil,  thagode  thegan  manag  Hei.  3910  f.,  wahrschein- 
lich gemacht.  Im  älteren  mhd.  überwiegt  ja  auch  durchaus  noch  die  aus 
der  angesetzten  grundbedeutung  leicht  ableitbare  bedeutung  von  'öffentlich, 
vor  aller  äugen',  im  gegensatz  zu  'heimlich'.  Auch  die  bedeutung  'klar, 
ohne  Umschweife'  lässt  sich  nocli  aus  der  urspr.  anwendung  der  formel  gut 
begreifen:  eigentlich  'distinctis  verbis,  wie  man  es  bei  feierlicher  Versamm- 
lung tut'  u.dgl.  Erst  später  setzt  dann,  wie  es  scheint,  volksetymologische 
beziehung  auf  das  adj.  lüt  'laut'  ein.    E.  S.] 


42  WIESSNER 

sich  aus  dem  gegensatz  Nib.  223,3  wan  hiez  der  boten  einen  für  Kriem- 
hilde  gan.  daz  geschach  vil  totigen:  jan  torstes  über  U<t. 

§  161.  2)  Mhd.  wird  oft  ob  mit  dem  dativ  (=  nlid.  über 
mit  dem  dat.)  als  intralocale  und  über  mit  dem  acc,  (=  nhd. 
über  mit  dem  acc.)  als  translocale  bestimmiing  gesetzt  in  fällen, 
wo  der  moderne  sprachgebraucli  gewöhnlich  das  bedeutungs- 
moment  stiirra  im  raumverhältnisse  nicht  ausdrückt.  Ich  meine 
phrasen  wie  z.  b.  bei  Hartm.  Er.  3724  ob  dem  tische  er  st  (Enite) 
rant  und  bei  Gottfr.  Trist.  10148  Si  (Isolde)  nam  daz  sivert 
ze  lidnden,  si  gicnc  über  Tristanden,  da  er  in  einem  bade  saz: 
nhd.  widerzugeben  'er  fand  sie  an  dem  tische  (bei  dem  t.)'  und 
'sie  gieng  auf  Tr.  los,  trat  an  Tr.  heran'.  Ueber  dem  tische 
in  dieser  Situation  zu  sagen,  wäre  heute  wol  schon  ungewöhn- 
lich; es  Messe  dies  vielmehr  regulär  'sitzen  an  einem  orte,  der 
sich  oberhalb  des  tisches,  also  höher  als  dieser  befindet  und 
zwar  höher  in  verticaler  (nicht  schräger)  richtung  (Paul,  Wb. 
s.  471),  durch  einen  Zwischenraum  von  ihm  getrennt'.  In  ein- 
zelnen erstarrten  phrasen,  wie  über  tische,  aber  auch  in  anderen 
redensarten,  z.  b.  über  den  biichern  sitzen  u.  ä.,  ist  die  alte  fügung 
noch  erhalten,  aber  schon  nicht  mehr  eigentlich  local,  sondern 
causal  oder  temporal  gefühlt.  Es  fällt  gegenüber  der  Schrift- 
sprache sehr  auf,  wenn  es  z.b.  im  schweizerdeutschen  (Schweiz, 
id.  1, 56)  heisst  Ueher  alter  gdn  'an  den  altar  treten  (vom 
priester)'')  oder  wer  den  andern  ertödt,  der  soll  über  den  todten 
(jän  'an  die  leiche  heran  treten,  zu  der  sog.  bahrprobe';  mit 
Übergang  in  causale  bedeutung  (ebda.  57)  über  etwas  gehn 
oder  liommcn\  das  rieh  niuss  über  den  bnmnen  zur  tränJci  gän 
wol  noch  rein  local.  Nhd.  kommt  also  in  solchen  fällen  {an 
dem  tische  sitzen,  an  einen  liegenden  oder  gestürzten  heran  treten 
etc.)  nur  die  nähe  bei  dem  betreffenden  objecte  oder  die  be- 
wegung  in  dessen  nähe  sprachlich  zum  ausdruck;  mhd.  wird 
die  art  dieser  nähe  genauer  angegeben  (durch  ob  bez.  über): 
in  anderen  fällen  —  ich  verweise  nur  auf  fügungen  wie  an 
dem  grase  {daz  gras),  an  dem  arme,  an  dem  bette,  an  daz  schif 
—  ist  das  Verhältnis  zwischen  den  beiden  Sprachperioden  gerade 
umgekehrt. 

')  Zu  Heiiir.  v.  Melk,  Erinnerung  162  sivcnne  der  brister  ob  dem  alter 
stät  verweist  Heiuzel  auf  die  Vor.  gen.  42,  4  so  der  briester  ob  dem  alter  stet. 


RUHE-   UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  43 

Hartm.  Er.  6924  s.  Beitr.  26,  442;  A.  Heinr.  658.  847  und  849  s.  ebda, 
s.  447;  heute  sind  die  g-e-vvöhnliclien  fügungen  an  dem  grabe  stehen,  an  das 
grab  herantreten;  Greg.  1156  Do  der  vischcere  und  sin  tinp  über  des  süezen 
kindes  Up  so  rehte  rliz/'c  tvären  '  sorgfältig  bemüht  waren  um ' ;  1263  s.  s.  7. 
Iw.  3370  und  also  schiere  do  in  ersach  diu  eine  vronwe  von  den  drin,  do  kertc 
st  über  in:  das  Mhd.  wb.  3, 171b.  39  f.  stellt  diesen  und  gleichartige  fälle  unter 
col.  3  mit  der  Überschrift  '  bewegung  in  senkrechter  richtung  nahe  an  etw. 
unten  befindliches  bezeichnend',  was  genau  genommen  nur  für  die  locale 
Verwendung  des  nhd.  über  mit  acc.  passt,  nicht  aber  für  solche  mhd.  fälle, 
wie  dieser  hier  einer  ist.  Greg.  1606  ob  mit  genitiv:  ob  des  sateles  ich 
schein  nhd.  auch  auf  dem  satiel,  meist  aber  wol  im  s.  Er.  6319  und  hies 
im  lieht  geicinnen  diu  oh  im  (dem  für  tot  gehaltenen  Er.)  sohlen  hrinnen: 
wol  auch  nhd.  über  ilnn. 

Weit  mehr  fälle  dieser  art  finden  sich  in  Wolf  r.'s  werken.  Parz.  61,2 
Ein  schifprüclce  üf  einem  plan  gieng  übr  einen  toazzers  trän,  mit  einem 
tor  beslozzen  ...  dar  ob  stnont  der  palas,  Bartsch  'über  dem  tore',  vom 
nhd.  sprachgebrauche  nicht  verschieden;  ebenso  74, 19  in  beschütten  die  ob 
im  da  striten :  er  liegt,  vom  pferde  geschleudert,  am  boden ;  dagegen  148,  3 
nnt  die  ob  [der]  tavelrunder  von  rehtem  prIse  hcten  stat:  160,6  der  oh  der 
iavelrunder  den  hcehsten  pris  solde  tragn\  233,24  swer  in  zeime  tische  maz; 
da  obe  der  wirt  durch  rtchheit  az;  237,16  s^cä  dö  der  taveln  hei niu  stnont, 
da  tet  man  vier  knappen  kuont  daz  se  ir  diens  niht  vergcezen  den  die  drobe 
scezen ;  280, 16  über  die  tafelrunder  wolt  er  in  durch  gesellekeit  laden ;  322,  3 
ob  er  geselleschafl  teil  nemn  ob  der  tavelrunder;  322,  6  sceze  drob  ein  triicen- 
löser  man;  608,28  daz  oh  der  tavelrunder  im  prises  niemen  glichen  mac; 
652,10  der  künec  ob  tavelrunder  az;  774,21  daz  er  mit  uns  besitze  ob  der 
tavelrunder;  776,19  diu  getorste  niht  decheinen  ivis  über  tavelrunder  komn; 
777,  5  wer  tr'uege  die  rtchsten  hant,  der  ie  von  deheime  laut  über  tavelrunder 
gesaz;  vgl.  ferner  315,  9  tavelrunder  prises  kraft  hat  erlemi  ein  geselleschafl, 
die  drüber  gap  her  Parziväl;  684, 10  er  niöht  der  tavelrunder  doch  gcniezen 
swnder,  ivand  in  geselleschefte  icernt  al  die  drüber  pflihte  gernt ;  700, 23 
mich  schiet  von  tavelrunder  ein  verholnbcerez  umnder:  die  mir  e  gäben  ge- 
selleschaft,  helfen  mir  geselleclicher  kraft  noch  drüber;  776,30  die  drt  gerten 
sunder  pfliht  über  tavelrunder;  aiich  764,3  sivaz  tavelrunder  kreft  ist  bi, 
dem  sizt  hie  niivan  riter  drt  . . .  etswenne  ich  ouch  den  pris  erstreit,  daz 
man  min  drüber  gerte.  —  Gleichwertig  den  citierten  stellen  ist  auch  Parz. 
279,21  im  gesäst  nie  über  tvirtes  bröt:  vgl.  dagegen  Grimm,  Gr.  4^,  1058 
(876),  entschieden  falsch.  Die  dem  heutigen  Sprachgebrauch  entsprechende 
fügung  fehlt  mhd.  nicht:  vgl.  z.  b.  Er.  1737  die  zuo  der  tavelrunde  säzen. 
Ebenso  ist  wortgetreu  nhd.  widerzugeben  Wh.  179,  7  übei'n  tisch  er  bakle 
spranc:  er  setzt  über  den  tisch  hinweg;  ebenso  182,7  durch  waz  so  balde 
wcere  der  marcräre  übern  tisch  gevarn.  —  Andere  ähnliche  Wendungen 
Parz.  106,21  übr  in  kom  sin  kappelän  'kam  zu  ihm  heran,  der  sterbend 
am  boden  lag';  109,14  dö  kom  ein  altwtser  man  durch  klage  über  die 
frouiven  sän ;  298,  7  da  kom  ouch  mm  her  Gäwän  über  in,  da  Keie  lac 
(mit  der  eigentümlichen  unlogischen  vorausnähme  des  deraonstrativs  vor 
das  beziehungswort);  381,7:  vgl.  Beitr.  26, 442;  Wh.  61,23  über  Vivianzen 


44  WIESSNER 

Tduct  er  flö ;  der  markgraf  kniet  nel)eu  Y.  nieder.  Ferner  Parz.  159,  29  ob 
(hm  kiinege  rou  KuMmerJant,  den  töte  FarziväUs  Jiant,  vrou  Ghiover  diu 
künegin  sprach  jcpmerlkher  vorte  sin;  353,7  ob  im  saz  wibe  hers  ein  fltiot; 
506,20  do  er  (der  verwundet  am  boden  liegende)  Gawänn  ob  im  ersach; 
518,22  dö  er  ze  werke  ilbr  mich  gesaz:  'der  künstler  setzt  sich  über  sein 
werk'  heute  noch  gebraucht,  doch  nicht  räumlich ;  535,23  daz  lät  iu  durch 
die  frouiven  leit,  die  ob  iu  sitzent:  zur  Situation  vgl.  534, 20  f.  Von  der 
gleichen  Situation  Parz.  541,  20  ob  in  saz  frornven  ein  her  in  den  venstern 
üf  dein  palas;  554,29  ich  hän  in  disen  zivein  tagen  vil  frouiven  obe  mir 
gesehen;  556,  9  daz  ir  mirz  ruochet  sagn,  umb  die  frouiven  ob  uns  hie; 
615, 1-9  do  er  si  ob  dem  brunnen  sach.  Wie  nhd.  wider  Wh.  60, 16  der 
marcräve  ersach  daz  ein  briinne  unde  ein  linde  ob  s/ner  sicester  kinde  stuont. 
Nhd.  schon  nicht  geM'öhnlich  65,  21  ich  (der  sterbend  hingestreckte  Vivians 
spricht)  solt  dich  noch  ob  mir  gesehen;  69, 19  der  marcräve  was  mit  klage 
ob  siner  sioester  kinde;  71, 1  Alsiis  ranc  er  ob  im  die  naht:  stets  dieselbe 
Situation.  Auifälliger  aber  274, 15  swie  diu  künegin  ob  im  saz,  sin  houbet 
ivas  vil  hoeher  baz  'höher  sass',  d.h.  ihr  Sitzplatz  war  höher  als  seiner. 

Gottfr.  Trist.  1685  iedoch  in  aller  dirre  not  kömen  die  sine  über  in 
(den  gefallenen  Eiwaliu);  1849  michel  jämer  unde  klagen  daz  wart  begangen 
ob  ir  grabe;  2870  ze  dem  hirze  gienc  er  obene  stän:  3015  vil  schiere  ivären 
s'  (die  hunde)  alle  da  und  stuonden  ob  ir  sptse;  16745  ein  frischer  küeler 
brunne,  durchlüter  als  diu  sunne.  da  stuonden  ouch  dri  linden  obe  . . .  die 
schermeten  den  brunnen  (anders  als  16734);  18654  da  stuont  er  guote  wile 
ob  in  weinende  unde  klagende  'an  ihrem  grabe';  2247  sns  säzen  si  ztven' 
über  daz  spil;  aiTifallender  10148,  schon  s.  42  citiert;  ferner  10201  Nuhcete 
ouch  Isöt  iif  gezogen  daz  swert  und  trat  hin  über  in;  14626  Tristan  gienc 
über  den  brunnen  sä. 

In  den  beiden  volksepen  scheinen  dergleichen  constructionen  nicht 
häufig  gebraucht  zu  sein:  aus  der  Gudr.  sind  mir  gar  keine  belege  zur 
band,  aus  dem  Nib.-l.  nicht  viele:  1858,3  da  Dancwart  mit  den  knehten 
ob  den  tiscJien  saz;  vgl.  922, 1  Dö  der  herre  Sifrit  ob  dem,  brunnen  tranc; 
2003,1  dö  kam  diu  küniginne  über  in  gegän:  Iring  liegt  todeswund  am 
boden,  Kriemhilde  tritt  zu  ihm  heran.  Vom  nhd.  weicht  es  nicht  ab,  wenn 
es  867,  2  heisst  mir  troumte  Mnt  leide,  wie  obe  dir  zetal  vielen  zwene  berge 
'wie  über  dir  zusammenstürzten',  d.h.  auf  dich  niederstürzten. 

In  mild,  prosa  herschen  ganz  die  gleichen  Verhältnisse;  vgl.  z.  b.  aus 
den  Altd.  pred.  8,  63,  5  vor  dem  tische  da  man  im  da  ob  dient;  63,9  die 
ob  sim  heiligen  tische  sine  geistliche  u-irtschaft  raineclichen  niezen ;  179,  24 
da  saz  der  havencere  ob  sime  werche  (ganz  ebenso  215,38);  190,39  do  er 
do  aines  tages  an  sime  gebet  ob  dem  alter  stuont  und  241, 10  do  stuont  der 
guote  sant  Ambrosius  ...ob  sime  alter  'an,  bei  dem  altare':  s.  s.  42. 

§  162.  3)  Sehr  merkAVÜrdig-  Avegen  des  Widerspruchs  zwischen 
der  form  und  dem  bedeutungsgehalt  scheint  auf  den  ersten 
blick  mild,  über  mit  dem  acc.  =  'jenseits'  oder  nhd.  über  mit 
dem  dat.:  also  formal  richtungsangahe  und  der  bedeutung  nach 


RUHE-   UND   RICHTUNGSCONSTßUCTIONEN.  45 

auf  die  frage  'wo'  zu  con^triüeren,  wie  es  scheint.  In  ent- 
sprechung*  des  nhd.  über  mit  dem  dativ  wäre  mhd.  ohe  mit  dat. 
zu  erwarten.  Denn  über  mit  acc.  auf  die  frage  'wo',  als  an- 
gäbe der  ruhe,  wie  im  Tatian  obar  c.  acc.  (=  lat.  super:  Graff, 
Ahd.  präp.  s.  158;  ausgäbe  von  E.  Sievers^  s.  476),  existiert  sonst 
mhd.  nicht:  über,  im  mhd.  auf  accusativische  rection  beschränkt,') 
leitet  vielmehr  stets  angaben  der  richtung  ein,  obc  solche  der 
ruhe:  die  ahd.  Verhältnisse  sind  hier  noch  viel  unbestimmter: 
s.  Graff,  Ahd.  präp.  s.  155  f. 

Bei  genauerem  zusehen  entpuppt  sich  denn  auch  dies  über 
mit  acc.  =  'jenseits'  als  angäbe  der  richtung;  wenn  Hartm. 
z.  b.  im  Greg.  2979  sagt  ich  weiz  Jiie  bi  uns  einen  stein,  ein 
lütsel  über  disen  se,  so  erklärt  sich  der  Charakter  der  localen 
bestimmung,  richtungsangabe  bei  der  Schilderung  eines  ruhe- 
zustandes,  daraus,  dass  der  blick  des  sprechenden  hierbei  über 
den  see  hinüber  schweift,  die  schon  öfters  erwähnte  erscheinung. 
über  den  se  heisst  also  eigentlich  'über  den  see  hinaus'.  Im 
Mhd.  wb.  3, 170b.  35  f.  ist  die  stelle  fälschlich  unter  col.  1  'über 
eine  fläche  hin'  citiert,  statt  unter  col.  2  'über  etwas  hinaus, 
jenseits'  (171a.  32  f.).    Ueber  die  gleiche  function  von  ahd.  ubar 


')  Vgl.  Mhd.  wb.  3, 170b.  7  f.  '  ilher:  im  ahd.  kommt  bisweilen  der  dativ 
vor:  für  das  mhd.  käme  für  den  dativ  vielleicht  die  redensart  ühev  rücke 
tragen  ...  in  betracht;  sicher  ist  der  dativ  in  md.  quellen':  dazu  werden 
u.  a.  folgende  zwei  stellen  citiert :  A.  Heinr.  69  er  truoc  den  arbeitsamen 
last  der  ercn  über  rücke  und  Gudr.  627,2  das.  er  über  rücke  truoc  den 
grözen  last:  an  beiden  stellen  ist  aber  rücke  acc,  wie  andere  inGottfr.'s 
Trist,  zeigen:  13122  über  sinen  rucke  fuorte  er  eine  rotten;  s.  auch  2645 
auch  truogen  s'  über  ir  ruckcbein  . . .  geistlich  siende  bahnen;  er  trug  eine 
harfe  über  den  rücken  kann  man  wol  heute  noch  sagen.  Es  liegt  dabei 
nicht  ellipse  vor,  etwa  von  'gelegt'  o.  ä.,  sondern  einfach  bezeichnung  der 
ausdehnung,  erstreckung.  Eichtungsangaben  ganz  ähnlicher  natur:  Parz. 
63,15  dö  leite  der  (legen  teert  ein  hein  für  sich  üfez phert,  mven  stirül  über 
blöziu  bein  in  sehr  gedrängter  ausdrucksweise;  232,16  duz  ivuren  junc- 
fromven  dar.  zwei  schapcl  über  blöziu  hur  bläeniin  icas  ir  gebende;  vgl. 
auch  230, 3  le  vier  gesellen  sundersiz,  da  enzxvischen  ivas  ein  iinderviz. 
derfür  ein  teppech  sinewel.  Dagegen  z.  b.  231:,  10  iesUchiu  ob  ir  hCire  truoc 
ein  kleine  bläemin  schapel.  Und  ebenso,  wie  nhd.  auf  dem  rücken  tragen, 
auch  mhd.  z.  b.  Trist.  18433  waz  half,  daz  er  der  quäle  entweich  von  Kurnc- 
iväle,  und  si  im  doch  üf  dem  rucke  lue  alle  zit  naht  unde  tac?  Oder  Greg. 
2291  der  schidde  diu  (Zwierzina,  Zs.  fda.  37, 413)  «/'  sin  selbes  rücke  lue; 
vgl.  auch  Trist,  1622  die  not  cun  uns  gcivcnden,  diu  uns  nu  se  rucke  lit. 


46  WIESSNER 

s.  Graff,  Alid.  präp.  s.  165  und  Graff,  Wb.  1, 86.  EicLtungsangabe 
ganz  ähnlicher  natur  z.  b.  Parz.  481,  22  ivir  gewunnen  Geön  ze 
helfe  unde  Fisön,  Eufrates  unde  Tigris,  diu  vier  wazzer  uzem 
2Kirdis,  so  nälin  hin  ziio  ir  süezer  smac  dennoch  niht  stn  ver- 
rochen  mac,  oh  kein  würz  dinne  qucenie,  diu  unser  trüren  nceme.^) 
Vgl.  übrigens  ausdrücke  wie  herwärts.  Hiniiher  im  sinne  von 
'jenseits'  im  älteren  nhd.,  s.  Kehrein,  Gr.  3,  §  294.2)  Vgl.  auch 
Schweiz,  id.  1,  59.  Fügungen  dieser  art  sind  auch  der  modernen 
Schriftsprache  nicht  fremd;  ich  notierte  mir  gelegentlich  der 
lectüre  von  Friedr.  Jodls  Lehrbuch  der  psj'chologie  z.b.  folgende 
stellen:  s.  524  Von  den  Zeiträumen,  welche  über  die  grenze  un- 
mittelbarer ivahrnehmung  hinausliegcn,  oder  s.  525  darüber  hinaus 
beginnt  dasjenige,  ivas  ich  die  horizontlinie  der  zeit  nennen  möchte. 

Zu  Iw.  554  s.  Beitr.  26,  553.  —  Wolf  r.  P.  28, 21  dö  suohte  mich  von  über 
vier  der  Schotten  Mnec  mit  stnem  her;  31, 16  tnir  die  andern  ähie  uns  suochet 
noch  des  stolzen  Fridehrandes  her,  die  yetouften  von  über  vier;  535,7  überz 
wazzer  stiiont  dez  kastei;  zu  Parz.  686, 15  s.  Beitr.  26,  400.  Wh.  32,  22  . . .  ins 
gedrenge  reit  gein  dem  strite  ieslichez  her  der  künege  von  über  vier;  94,7 
duz  ir  vater  selbe  wcere  komn  üf  AUschanz  von  über  vier;  363,22  do  en- 
phienc  des  schetises  her  von  den  gesten  über  vier  grözen  kuviber  schiere; 
412, 16  u'uz  half  s/n  gröziu  hers  Icraft,  die  im  sin  vater  schuof  ze  wer, 
vittuge  swnderrotte,  über  vier?^)   —    Im  Nib.-l.  recht  häufig,  und  zwar  in 

')  Vgl.  C.  Lucae,  De  Parzivalis  poematis  "Wolframi  Escheuhacensis 
locis  aliquot  difficilioribus  s.  33 :  'versus  23  verha  so  nähn  hinzuo,  ut  quibus 
motus  ad  locum  aliquem  exprimatur,  cum  dictis  subsequentibus,  quibus 
res  loco  acta  sine  motu  narretur,  parum  convenire  videntur'.  Sein  mis- 
verstäudnis  liegt  klar  zu  tage:  s.  n.  h.  charakterisiert  hier  als  richtungs- 
augabe  eben  einen  zustand,  keine  bewegung.  Damit  erledigt  sich  auch  der 
Vorschlag  Zarnckes  (Berichte  der  kgl.  sächs.  gesellsch.  d.  wiss.  zu  Leipzig, 
philol. -bist.  cl.  1870,  s.  201),  hinter  ziio  komma  zu  setzen  ixnd  ;>  süezer 
smac  etc.  als  der  form  nach  unabhjingigen  folgesatz  zu  fassen.  Ueber  Bechs 
(Germ.  7,  298  f.)  ungerechtfertigte  Umstellung  in  v.  23.  24  s.  Zarncke  a.  a.  o. 
ir  ist  gewis  mit  Zarncke  auf  das  folgende  würz  zu  beziehen :  vgl.  P.  Hagen, 
Der  gral  (QF.  85)  s.  32. 

^)  Das.  §  24:8.  249  will  er  Wendungen  wie  hindisen,  hindisshalb  durch 
Verderbnis  aus  hiedisen,  hiedisshalb  erkhären;  vgl.  aber  z.  b.  Uhland,  Volks- 
lieder 458  her  dishalb  des  tvassers  schlug  man  das  gelegcr  an. 

3)  Hier  wird  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch  Parz.  278, 12  einzu- 
reihen sein:  einhalp  an  des  küneges  rinc  über  eins prnnnenursprinc  stuont 
ir  poulmi  üf  dem  plan:  die  quelle  trennt  das  Zeltlager  des  königs  von  ihrem 
zelte,  Wolfram  spricht  vom  Standpunkte  der  handelnden  personen,  die  von 
Artus'  zelten  zu  dem  der  Cunneware  wandeln.  Bartsch  übersetzt  dagegen  'auf 
der  stelle,  wo  ein  quell  hervorsprudelte',  also  über  mit  dat.,  was  nicht  angeht. 


RÜHE-   UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  47 

der  stehenden  Verbindung  Wormz  ither  Bin,  stets  als  geschlossener  ausdvuck 
zu  fassen;  171,3  also  si  ivolten  riten  von  Wormz  über  Ein;  648,3  daz  shi 
sun  könne  . . .  von  Wormez  über  Bhi;  1345,  2  so  sult  ir  boten  senden  ze 
Wormz  über  Bin]  1652,3  daz  die  helde  kcemen  von  Wurmez  über  Bin; 
1677,3  saget  tvaz  ir  mir  bringet  von  Wormz  über  Bin;  1747,3  min  dienst 
ich  in  enböt  . . .  ze  Wormz  über  Bin;  1981,3  des  edeln  ingesindes  von 
Wormz  über  Bin;  2030,3  daz  du  nie  kovien  ivcerest  vonWurmz  über  Bin; 
ferner  324, 1  lieniwin  ma're  sich  huoben  über  Bin:  s.  Beitr.  26,  483  f.  (im 
Mhd.  wb.  3, 171a.  37  f.  auch  unter  der  col.  2  'jenseits'). 

In  dieselbe  kategorie  gehört  schliesslich  auch  über  gein,  z.  b.  Parz. 
762, 15.  25,  gein  über  z.  b.  Wh.  263, 17  und  gein  im  gleichen  sinne  z.  b.  Wh. 
249,  27  oder  327, 16 ;  engegen  Er.  6431 ;  Trist.  17379  {gegen)  u.  ö.,  zum  teil 
richtungsangaben  in  der  zustandsschilderung.  Vgl.  bei  Otfried  ähnlich 
z.  b.  4, 19,  42  ingegin  in,  so  ih  sageta,  so  stnant  er  inti  tJiageta.  Nhd.  gegoi- 
über,  im  älteren  nhd.  auch  bloss  gegen  im  gleichen  sinne,  z.  b.  in  Luthers 
spräche. 

Das  MM.  wb.  enthält  an  der  oben  (s.  45,  anni.  1)  citierten 
stelle  im  folgenden  den  passus:  'Sonst  stellt  stets  der  acc,  um  das 
»wo«  und  das  »wohin«  auszudrücken,  während  bei  ohe  der  dativ 
steht.'  Sieht  man  den  ganzen  artikel  des  Mhd.  wb.'s  (sowie 
in  Lexers  Wb.)  durch,  so  ergibt  sich  aus  der  natur  aller  belege 
für  räumliches  über  mit  acc,  dass  sie  eigentlich  als  angaben 
der  richtung  aufzufassen  sind,  nach  den  oben  gegebenen  ge- 
sichtspunkten.  Die  angäbe,  über  mit  acc.  stehe  auch  auf  die 
frage  'wo',  ist  nur  eine  bequeme  fassung  des  gedaukens:  das 
dabei  stehende  verbum  muss  nicht  gerade  stets  eine  bewegung 
(wie  im  regulären  nhd.  Sprachgebrauch),  es  kann  auch  einen 
zustand  bezeichnen,  was  ja  den  tatsachen  entspricht. 

§  163.  Zum  ausdrucke  der  Verbreitung  einer  bewegung 
oder  eines  zustandes  über  eine  fläche  oder  über  einen  räum 
hin  dienen  im  mhd.  auch  einige  doppelverbindungen  von 
richtungsadverbien,  die  wir  in  der  gleichen  gestalt  nhd,  zum 
teil  nicht  mehr  besitzen.    So  z.  b.  die  formel  her  unde  dar. 

Es  ist  übrigens  zwischen  dem  Sprachgebrauch  der  einzelnen  autoreu 
hier  wol  zu  scheiden.  Hartm.  gebraucht  die  formel  niemals.  —  Gottfr. 
dagegen  öfters:  Trist.  682  .s*  zogctcn  sich  her  unde  dar:  wörtlich  sind  nur 
zwei  offenbar  entgegengesetzte  richtungen  angegeben:  zum  sprechenden 
her  und  von  ihm  weg.  Es  gilt  aber  von  der  formel  ganz  dasselbe,  was 
Paul  im  Wb.  s.  219  über  hin  und  her  sagt:  'Bei  der  Verbindung  der  beiden 
gegensätze  hin  und  her  braucht  keine  Vorstellung  von  bestimmten  punkten 
vorzuliegen;  sie  ist  nur  der  ausdruck  für  abwechselnde  bewegung  nach 
entgegengesetzten  richtungen.'  Das  sich  zogen  findet  nach  allen  richtungen 
statt,  sie  wogen  nach  allen  selten  durcheinander.     Trist.  1745  si  ivunt  sicJi 


48  WIESSNER 

linde  brach  ir  Jq)  sus  unäe  so,  her  unäe  dar;  2734  si  fraf/eten  her  oder 
dar;  3883  da  yie  das  volc  her  unde  dar;  11030  und  frägete  her  unde  dar; 
13247  Der  hünic  sach  her  unde  dar;  18890  die  (sc.  schar)  täten  stherwide 
dar  mit  häzUchem  st  rite;  anders  11785  Mre  dar  oder  her,  verwandele  dise 
ger,  minn'  unde  meine  anderswäl  'dortliiu  oder  hierhin'  (d.h.  zu  jener  oder 
zu  dieser  dame),  von  einer  beliebigen  richtung.  her  —  dar  s.  Trist.  15254. 
—  Sehr  gerne  verwendet  Wo  1fr.  diese  dem  reim  so  entgegen  kommende 
formel:  Parz.  148,21  Der  Tcnappe  tmheitcungen  ivart  harte  ril  gedrungen, 
gehurtet  her  unde  dar;  408,16  diu  Icünegin  lief  her  tint  dar;  565,18  dar 
inne  (im  palas)  bette  ein  tvunder  lac  her  unt  dar  besunder,  Bartsch  '/jev 
i«rf  dar  ist  auffallend  bei  lac:  doch  vgl.  sitzen,  stän;  also:  mau  hatte  gelegt'. 
Gewis  unrichtig.  Die  auffassuug  von  ligen  als  verb  der  beweguug  wäre 
hier  sehr  gezwungen,  um  so  mehr,  als  der  näher  gelegenen  aiTffassung  von 
ligen  als  zustandsverb  nichts  im  wege  steht:  die  formel  her  unt  dar  kann 
eben  auch  verben  des  zustands  begleiten  und  bedeutet  dann  dessen  Ver- 
breitung nach  allen  richtungen  (in  einem  bestimmten  räum),  ganz  ähnlich 
dem  oben  erörterten  über  mit  acc. ;  die  erklärung  dafür  ist  die  gleiche. 
566,3  dö  gienc  min  her  Gäivän  beidiu  her  unde  dar;  567, 15  wie  daz  bette 
her  unt  dar  sich  stiez;  572,4  her  unt  dar  begimdez  (der  kämpf)  gen;  718,5 
Ärtüs  und  Bene  unt  dise  knappen  zwene  riten  her  unde  dar;  757,2  dar  an 
(am  loäpenroc)  stuont  her  unde  dar  tiwer  steine  gein  ein  ander,  Bartsch 
'nach  beiden  selten  zu:  eine  doppelte  reihe  edler  steine',  her  unde  dar 
sagt  hier  ziemlich  dasselbe  wie  gein  ein  ander  'einander  gegenüber'.  — 
AA"h.  22,  2  zegegen  wider,  her  unt  dar  ivart  mit  manlichen  siten  Hcdzebiers 
her  durchriten;  58,9  die  hörnen  her  und  dar  gehurt;  125,16  als  sm  wäpen- 
roc,  mit  steinen  dar,  drüf  verwieret  her  unt  dar;  187,29  da  ivxre  ein 
migefnunt  gebür  vil  Uhte  in  dem  schalle  gedigen  zeinem  balle  von  hurte 
her  unde  dar;  313,  20  ouch  sah  man  her  unde  dar  daz  velt  al  überglesten 
mit  phellen  den  besten;  443,  7  seht  wie  den  stoup  der  starke  wint  her  und 
dar  zetribe. 

Merkwürdig  ist  nun  dieselbe  formel  bei  Wolfr.  ziemlich 
oft  in  einer  ungleichmässigen  gestalt  gebraucht:  her  unde  da, 
also  adv.  der  richtung  und  der  ruhe. 

Z.  b.  Parz.  377,24  ouch  sach  man  her  unde  da  (reim  auf  slu)  viange 
banier  zogen  in:  Bartsch  bemerkt  dazu  'ungleichmässiger  ausdruck  für  hie 
unde  da  oder  her  unde  dar\  Die  formel  hie  unde  du  gebraucht  Wolfr. 
in  seinen  werken  nie  {hie  —  da  Wh.  114, 16).  Bei  der  häufigen  widerkehr 
der  formel  ist  auch  an  ein  schreiberversehen  nicht  zu  denken;  die  hss. 
schwanken  dabei  nur  selten,  nach  Lachmanns  lesarten  zu  schliessen.  Bei 
Gottfr.  ist  diese  iucoucinuitüt  der  formel  unerhört,  bei  Hartm.  erscheint 
sie  ja,  wie  gesagt,  überhaupt  nicht,  ebenso  in  derGudr.,  imNib.-l.  in  A 
gleichfalls  nie.  Das  Mhd.  wb.  belegt  her  unde  da  auch  nur  bei  Wolfr. 
und  zwar  ohne  jeden  commentar.  Zweifellos  ist  hier  der  gewöhnlichen 
formel  her  unde  dar,  ohne  sorge  um  die  sprachliche  und  logische  con- 
ciunität,  dem  reim  zu  liebe  gewalt  angetan.  —  Parz.  419,20  ich  hau  in 
Galiciä  beidiu  her  unde  du   mange  burc  reht  unz  an  Vedrun;    668,7  si 


RUHE-   UND    RICHTÜNGSCÖNSTRUCTIONEN.  49 

keiien  her  {Gghhi,  ghie)  micle  da  mit  Gäiväns  marschalc  üf  die  sin;  7-17,  27 
als  ein  geschrihen  permint,  stoarz  unde  blanc  her  nnde  da,  sus  nante  mim 
EcJcubä;  791,23  och  stuont  her  unde  da  turkoyse  mit  lippareä:  800,24  in 
eime  gezelt  höh  unde  wit,  da  her  unt  da  (so  DGg,  dar  dg)  in  alle  Sit  clärer 
froutcen  lac  genuoc:  der  fall  ist  ganz  gleichwertig  dem  oben  citierten 
565,18;  höchst  auffallend  wäre  hier  die  migleichmässigkeit  der  formel,  wo 
kein  reimzwang  vorliegt;  die  hss.  schwanken  denn  auch.  Jedenfalls  wäre 
die  störrige  formel  ausserhalb  des  reimes  hier  ganz  vereinzelt.  Wh.  8, 10 
Frovenze  her  unde  oucli  da  (reim  auf  India)  geivan  sit  jämers  künde ;  56, 16 
sus  streit  er  her  (so  Knt;  hie  Imopv:  reim  auf  sla)  tmde  da  ^verliehen  üf 
dem  plan;  105,25  si  sprachen  her  (so  Kmntx,  Jiie  1,  alle  hie  op)  unde  da 
'diz  ist  der  künec  von  Persiä';  193,1  Er  vrägete  inherundedä.  er  sprach 
'ich  hin  von  Meckä';  200,6  dö  sah  man  her  unde  da  (reim  auf  gra)  von 
velde  und  üz  den  porten,  ich  mein  gein  al  den  orten  sivä  gein  Orlens  diu 
straze  lac,  diu  wart  getretet  icol  den  tac. 

Aus  Otfrieds  werk  könnte  man  vergleichen  2,7,73  himil  sehet  ir 
indan,  tliie  engila  ouh  hera  nidargan.  Ni  mugid  iz  bimidan,  sehet  ir  se 
stigan  herot  inti  tharasun  ubar  then  mennisgen  sunt  Widerholte  bewegung, 
aber  nur  in  zwei  richtuiigen ,  vgl.  Joh,  1, 51  videbitis  ccelum  apertum  et 
angelos  dei  ascendentes  et  descendentes  supra  fdium  hominis. 

Wälirend,  wie  gesagt,  die  formel  hie  unde  da  bei  Wolfr. 
nie  erscheint,  gebrauclit  er  öfters  hie  iinde  dort,  dort  unde 
hie,  und  zwar  im  sinne  der  Verbreitung-,  oder  auch  von  ZAvei 
ganz  bestimmten  punkten: 

Parz.  409,  28  baz  geschict  an  spizze  hasen,  ich  ivcene  den  gesäht  ir  nie, 
dan  si  ivas  dort  unde  hie,  zicisclien  der  hüff'e  mide  ir  brüst;  ebenso  450,  9. 
514,  23.  641,  3.  690, 17.  Anders  Tit.  44,  2  immer  scbUc  hie  unt  dort  an  den 
stceten  pris  die  gezelten  'in  diesem  und  in  jenem  leben':  vgl.  144,4;  auch 
Wh.  4, 11 ;  dagegen  Wh.  78,  28  daz  ors  mit  hurte  in  näher  truoc,  daz  die 
riemen  vorme  knie  brüsten  dort  ^Dide  hie  vielleicht  ohne  bezug  auf  zwei 
best,  stellen ;  ebenso  180, 18.  225,  2.  446,  4.  S.  ferner  dort  —  hie  (in  Frank- 
reich —  in  Deutschland)  Wli.  5, 14;  ähnlich  43,26  f.;  der  gegensatz  dort  —  hie, 
hie  —  dort  ist  Wolfr.  im  Wh.  überhaupt  recht  geläufig;  vgl.  z.  b.  14, 27  f. 
(wie  Tit.  44,  2).  187, 12.  187, 13. 14.  197,  4.  209,  2.  225, 18.  247,  26  {hie  oder 
dort).  211,21.  286,26.  304,25.  316,21.  392,9.  414,14.  439,22.  441,24.  449,10. 
11  und  wol  noch  öfter.  —  Bei  Hartm.  vgl.  Er.  2468  man  sach  in  dort 
und  nü  hie;  an  Parz.  409,28  erinnert  Er.  7353  {dort  unde  hie),  hie  —  da 
s.  Ivv.  3734,  hie  —  dort  5406.  —  Gottfr.  gebraucht  auch  hie  unde  dort, 
z.  b.  Trist.  11485;  dort  unde  hie  z.  b.  Trist.  18876;  da  unde  hie  16731;  auch 
hie  —  dort  z.  b.  2393.  3638.  18877.  78.  18883.  85.  da  unde  da  9206  scheint 
eine  vereinzelte  doppelverbinduug.  Gottfr.  eigentümlich  ist  die  formel 
^vä  unde  wä  Mhd.  wb.  3,  517b.  10  f.  'hie  und  da,  an  mehreren  stellen',  fast 
nur  belege  aus  Gottfr.'s  Trist.;  ich  habe  mir  folgende  augemerkt:  653. 
3885.  3996.  7508.  8810.  9205.  10075.  11114.  15201.  16101.  Vgl.  übrigens 
uuär  anta  iiuur  =  per  loca,  j)(t^sim  Graff  4, 1198. 

Heiträge  zur  gcschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  /^ 


50  WIESSNER 

Die  im  nlid.  übliche  doppelverbinduiig  zur  bezeiclinimg 
der  'abwechselnden  bewegimg  nach  entgegengesetzten  rich- 
tungen'  (s.  s.47)  hin  und  Jier  setzt  Wolfr.  in  diesem  sinne  nie. 

Lieder  8,  31  din  wiplich  güete  neme  min  ivar,  und  st  min  schilt  hiui 
hin  und  her  steht  sie  in  ganz  anderer  fuuction:  'auf  meinem  heim wege  und 
bei  der  rückkehr  hierher'. i)  Aber  Parz.  813,6  sivie  vil  man  her  ode  hin 
spise  truoc,  sin  munt  ir  doch  niht  az.  —  Auch  bei  Hartm.  kommen  nur 
sehr  wenig  stellen  dafür  überhai;pt  in  betracht :  von  nur  zwei  beweguugen 
Iw.  2128  so  snel  ist  dehein  man  noch  niht  äne  gevidere  clazz  hin  und  her 
leidere  möht  Jcomen  in  so  kurzer  vrist.  Vgl.  her  ode  hin  7880.  Aber,  wie 
nhd.,  hin  unt  her  z.  b.  Er.  2448.  3874.  hin  —  her  von  nur  zwei  richtungen 
Er.  6865.  —  Im  Nib.-l.  s.  1609,2  hin  und  her  ividere  ivart  da  vil  gesehen 
an  meide  und  an  vromven. 

Ganz  im  sinne  von  nhd.  hin  und  her  (s.  DWb,  4,  2, 1373) 
verwendet  Gottfr.  öfters  diese  formel: 

So  vielleicht  Trist.  2577  iif  eine  schocne  sträze,  diu  ivas  ze  giioter  mäze 
breit  unde  geriten  hin  unde  her,  wenn  nicht  doch  nur  die  zwei  ganz  be- 
stimmten richtungen  der  strasseubahn  gemeint  sind.  Sicher  aber  Trist. 
3800  und  vorschete  ouch  da  starke  von  stete  ze  stete,  hin  unde  her;  ebenso 
6752.  8105.  13535.  13587.  Dagegen  Trist.  8560  gemietet  et  in  allen  daz,  daz 
si  selbe  mit  mir  varn,  hin  unde  her  mit  mir  hewarn  iutcer  dinc  und  iuwer 
ere  'auf  der  hin-  und  rückreise'. 

Häufiger  setzt  aber  Gottfr.  die  umgekehrte  formel,  her 
unde  hin,  im  nhd.  viel  seltener  als  hin  und  her,  vgl.  DWb. 
4,2,1003.2) 

So  Trist.  5650.  9181.  10817.  12050.  13527.  13682.  14670.  15698.  17157. 
17394.  18893:  also  fast  lauter  belege  aus  der  zweiten  hälfte  des  werkes, 
was  freilich  auch  zufall  sein  kann,  her  oder  hin  Trist.  17053;  hin  —  her 
4051;  her  —  hin  7605.  861:9  und  wahrscheinlich  noch  öfter. 

Einem  her  unde  dar  oder  hin  unde  her  u.  s.  w.  gleichwertig 
gebraucht  das  Nib.-l.  öfters  die  formel  tvider  unde  dan,  eigent- 
lich 'zurück  und  von  da  wider  hin',  eine  Verbindung,  die  mir 
in  Hartmanns  und  Wolframs  werken,  wie  in  Gottfrieds  Trist. 
nicht  aufgestossen  ist: 

Nib.  731,2  man  sach  die  helden  wenden  wider  unde  dan;  1473,1  Do 
suohte  er  näh  den  vergen  wider  unde  dan;  2070,2  di  versuochten  ez  vil  sere 


')  Vgl.  Wittenweilers  Ring  22  c.  22  Wer  seu  fragt  7vol  hin  also  um. 
ein  sach,  setj  sprachent  do  =  'als  sie  so  auf  dem  liiuwege  waren'.  Aehn- 
liche  knappe  Wendungen  in  der  heutigen  Umgangssprache :  hin  ivars  lounder- 
schön  v/nd  her  hat's  geregnet. 

*)  Vgl.  z.  b.  Mörike,  Gedichte  (In  der  frühe)  s.  31  Es  wühlet  mein  ver- 
störter sinn  noch  zivischen  zweifeln  her  und  hin. 


RUHE-   UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  51 

ividcr  linde  dem;  2150,1  Ber  vogt  von  Bechelceren  gie  ivider  unde  dan; 
2229,1  Die  tvlle  gie  och  Wolfhart  heidiu  ivider  nnt  dan.  —  lu  der  Gudr. 
vgl.  744, 1  Si  teilten  gröze  gäbe  wider  iinde  dan. 

Aelinlich  bei  Wolfr.  einige  male  wider  unde  für  (z.  b.  Parz. 
588,  26),  ßr  unde  ivider  (z.  b.  Parz.  591,  22  oder  AVh.  277,  26). 

Gottfr.  verwendet  öfters  die  formel  dar  unde  dan,  ursprüng- 
lich von  zwei  entgegengesetzten  richtungen  'dorthin  und  von 
dort  (wider)  weg',')  also  conträr  dem  wider  unde  dan,  meist 
auch  bei  Gottfr.  von  zwei  bestimmten  richtungen. 

Z.  b.  Trist.  16997.  17119.  17649.  NM.  hin  und  her  entsprechend  z.  b. 
Trist.  10963.  12677  'in  jeglicher  hinsieht',  dar  noch  dan  Trist.  880.  Ebda. 
15152  oh  iemen  ht  getraute  dem  bette  dar  oder  dan  daz  man  in  spurte  ab 
oder  an  (Bechstein  'anf  dem  weg  vom  bette  weg  oder  auf  das  bette  zu') 
zeigt  ab  oder  an  dem  dar  oder  dan  (genauer  *dan  oder  dar)  in  der  be- 
deutung  gleichwertig:  vgl.  dazu  833.  890.  8104.  15303.  15341.  —  Bei 
Wolfr.  s.  Parz.  21, 16  ivie  rehter  dar  unde  dan  entwichet  unde  Teeret'. 
Chiastische  Stellung. 

§  164.  Mehrfache  interessante  abweichungen  des  mhd. 
Sprachgebrauchs  vom  herschenden  nhd.  hinsichtlich  der  auf- 
fassung  von  ruhe  oder  richtung  ergeben  sich  bei  rede  Wen- 
dungen, die  einen  Vorzug,  vorrang,  ein  übertreffen 
U.S.W,  bedeuten,  in  den  präpositionalen  ausdrücken,  welche 
die  übertroff ene,  hintangesetzte,  nachstehende  person  oder 
Sache  umschreiben.  Alle  diese  rangverhältnisse  sind  ja  ur- 
sprünglich ganz  durchsichtig  local  aufgefasst  worden,  in  meta- 
phorischen redensarten,  deren  räumliches  element  im  laufe  der 
zeit  verblasste.  Hierbei  herschen,  abgesehen  vom  ruhe-  und 
richtungsverhältnis,  zwei  auffassungen  mhd.  so  gut  wie  in  der 
modernen  spräche,  die  man  vielleicht  durch  die  schlagworte 
'horizontal,  vertical'  markieren  könnte. 

§  165.  L  Horizontale  auffassung.  Die  bevorzugte, 
überlegene  person  (oder  sache)  hat  im  vergleich  zu  der  zurück- 
gesetzten, hintanstehenden  einen  günstigeren  platz  im 
ebenen  terrain,  günstiger,  insofern  er  —  ganz  allgemein 
ausgedrückt  —  irgend  einem  wertobjecte  näher  ist,  wobei  sich 
natürlich  die  widergabe  des  rang-  und  Wertverhältnisses  dui'ch 


1)  Bei  Mörike,  Gedichte  s.  200  (Der  alte  turmhahn)  heisst  es:  Mein  herr 
fangt  an  sein  predigtlein  studieren;  änderst  mag's  nicht  sein;  eine  weil  am 
ofen  brütend  steht,  unruhig  hin  und  dannen  geht. 


52  WIESSNER 

ein  raumverhältnis  auf  erfalirimg-en  des  alltäg-lichen  lebens  in 
diesem  sinne  stützt.  Das  ist  die  sinnliche  basis  solcher  Wen- 
dungen, später  längst  nicht  mehr  durchgefühlt. 

Hier  springt  nun  eine  merkwürdige  Verschiedenheit  des 
mhd.  vom  gegenwärtigen  Sprachgebrauch  sofort  in  die  äugen: 
heute  ist  uns  in  diesem  falle  (vgl.  z.  b.  ich  liebe  sie  vor  allen 
frauen)  der  vorrang,  das  übertreffen  ein  zustand,  daher  con- 
struction  der  ruhe:  vor  mit  dativ.  Neben  dieser  fügung  er- 
scheint aber  im  mhd.  auch  sehr  geläufig  vür  mit  accusativ, 
offenbar  construction  der  richtung,  wobei,  wie  die  folgenden 
fälle  zeigen,  das  verbum  keinerlei  einfluss  auf  die  casusrection 
besitzt.  Vorrang  und  Vorzug  ist  also  nach  dieser  fügung  eine 
bewegung  vor  die  übertroff ene  person  oder  sache  hin,  an 
ihr  vorbei,  so  dass  sie  zurückbleibt:  nhd.  nur  durch  vor  mit 
dem  dat.  oder  durch  mehr  als  widerzugeben. 

Hartm.  vor  mit  dat.:  Er.  2613  dö  tet  ers  vor  in  allen  'da  tat  er  es 
ihnen  allen  zuvor';  4870  ist  daz  ir  nü  ditze  tuot,  daz  loil  ich  vor  im  allen 
han  swaz  ir  mir  liebes  habt  getan;  7253  daz  im  kein  werltsache  icas  vor 
(hs.  von  sinnlos)  dem  gemache;  8264  vor  ir  (so  Haupt  und  Bech  in  der 
3.  aufläge;  die  bs.  hat  in:  die  änderung  in  ir  scheint  mir  nicht  gerade  ge- 
boten) was  diu  vierde  in  Ubes  gezierde;  8287  dö  muoste  im  ivol  gevallen 
diu  ziveinzegest  vor  in  allen;  Greg.  257  vor  allen  dingen  minne  got  'liebe 
gott  über  alles';  Iw.  6618  icaz  ob  iu  sol  gevallen  der  pris  vor  in  allen? 
—  vür  mit  acc. ;  Lieder  MF.  214, 24  Ez  ist  ein  ungelückes  gruoz,  der  get 
für  aller  hande  swcere;  unsicher  Er.  1332.  33  unde  daz  si  ncemen  .  ..  einen 
Tcus  für  einen  slac  ^ind  guote  naht  für  Übeln  tac:  denn /'wr  könnte  hier  auch 
=  'anstatt'  stehen:  durchsichtig  aber  1767  ir  scha'ne  für  die  andern  gie; 
2387  derz  dicke  für  in  hete  getan:  vgl.  Er.  2613;  2728  daz  ez  niemen 
für  in  tcete;  3359  tvcere  ich  nü  niuwan  tot  (daz  nceme  ich  für  dise  not) 
wider  unsicher;  ebenso  vielleicht  4883  jan  lebt  er  niht  den  ich  für  in  iezuo 
tcolde  sehen  (nach  Lachniauns  besserung);  5126  daz  er  xvcare  für  in  guot; 
5236  ob  st  ein  phlaster  für  in  (Haupt  'besser  als  er')  gciyrüeven  künde; 
8450  daz  ich  dar  an  gewinne  sundern  pris  für  alle  die  die  noch  her  kämen 
ie ;  8806  unde  wurde  ouch  erkant  über  elliu  disiu  lant  für  alle  ander  man ; 
9544  die  selben  stat  ich  prise  für  alle  boumgarten;  Greg.  641  st  heten  iemer 
der  werkle  spot  gedultet  für  daz  scheiden,  wider  nahe  'anstatt';  1400  daz 
ir  mich  eilenden  kneht  ...  für  allez  iuwer  gesinde  ...  habt  erzogen;  1453 
so  hast  du  tugent  und  ere  für  lasier  und  für  spot  erkor n:  'anstatt'  oder 
'lieber  als'?  1590.  91  ouch  tvas  mir  ie  vil  ger  für  den  griff'el  zuo  dem  sper, 
für  die  veder  ze  dem  siverte;  1677  ivold  ich  gemach  für  ere;  1692  er  ivirt 
vil  lihte  ein  scelie  man  und  über  (nach  Zwierzina,  Zs.  fda.  37,  413)  diu  lant 
für  manegen  herren  erkant;  1984  da  von  er  tvart  ze  schalle  und  ze  prise 
für  st  alle;   3822  da  von  get  gnade  für  daz  reht;   A.  Heinr.  80  er  tcas  für 


RUHE-   UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  53 

al  sin  Minne  gepriset  unäe  gecret;  Iw.  688  die  selben  vreude  ich  prise  für 
alle  die  ich  ie  gesach;  918  ermverdes  vür  mich  geivert;  1972  daz  si  deheiner 
vrümekheit  iemen  vür  ir  herren  jach ;  4010  und  weinen  vür  daz  lachen  Jcös ; 
6053  daz  also  gar  ze  prise  stät  vür  manegen  riter  iimer  Up ;  7382  ich  minnet 
ie  ...  den  liehten  tac  vür  die  naht;  7392  ich  minnet  ...  den  tac  vür  allez 
dazder  ist;  im  1.  Büchl.  endlich  109  daz  ich  üz  al  der  werlt  ein  wip  ze 
frotven  über  minen  lip  für  st  licete  niht  erJcorn;  1806  tvan  ich  des  tiefen 
meres  fluot  . . .  für  disen  himber  ivüete.  Also  steht  vür  mit  acc.  iu  diesem 
sinne  weitaus  in  der  niehrzahl  der  fälle  bei  Hartm.  gegenüber  vor  mit  dat. 
Vgl.  auch  Er.  2569  ivapcnroc  und  sin  kröne  mähte  in  üz  (richtungsangabe) 
schöne. 

Ebenso  gebraucht  Wolfr.  dieses  vor  mit  dat.  relativ  recht  wenig: 
Parz.  365,29  den  jungen  tvcrden  süezen  man  vor  al  der  iverlt  ich  minne 
'mehr  als  alles,  über  alles  in  der  Avelt';  nicht  wie  nhd.  vor  der  ganzen 
ivelt  =  palam,  was  an  dieser  stelle  sinnwidrig  wäre;  vgl.  692,  4;  Tit.  131,  4 
daz  ich  den  Gräharzoys  vor  al  der  werlde  nu  mit  urloube  so  minne  da- 
gegen 'vor  aller  weit,  öft'entlich';  Parz.  531,25  si  tcas  im  reht  ein  meien 
zit,  vor  allem  blicke  ein  flört;  723,  25  doch  truoc  der  werde  Parziväl  den 
pris  vor  ander  clärheit;  Tit.  9,4  daz  ir  prts  wirt  vor  anderm  prise  der 
helle;  Wh.  18,  7  daz  in  der  pris  tvcere  bereit  vor  ander  heres  fluot  (s.  Panzer, 
Beitr.  21,  228 ;  dagegen  Kraus  ebda.  542) ;  im  grenzgebiet  von  vor  =  '  an  der 
spitze  von'  oder  'in  gegen  wart  von'  liegen  fälle  wie  Wh.  30,  8  da  ieslicher 
kröne  vor  sinen  fürsten  schöne  truoc;  vgl.  73,5.  204,21.  215,29.  382,10. 
—  In  der  starken  majorität  der  fälle  setzt  Wolfr.  aber  vür  mit  acc,  dem 
nhd.  Sprachgebrauch  gegenüber  oft  recht  seltsam :  Parz.  26, 14  sin  zuht  wac 
für  alle  ziüit;  87,16  ivan  sist  im  holt  für  elliu  wtp;  257,32  doch  nceme  ich 
sölhen  hlözen  lip  für  etslich  ivol  gekleidet  ivip ;  296, 8  an  im  wac  für  der 
minnen  löt;  306,27  er  ivcere  gebluomt  für  alle  man;  334,29  etsioenne  ouch 
leit  an  dem  orte  fürbaz  ivigt;  338,6  diu  prüevet  manegen  une  haz  derneben 
oder  für  in  baz;  380,13  so  tvcer  da  pris  für  in  gegert;  388,10  die  zivene 
behielten  da  den  pris,  für  si  niemen  keinen  tvis;  '406,7  min  trimve  ein  löt 
an  dem  orte  fürbaz  wcege;  431,14  iwer  pris  für  alle  prise  tvigt;  vgl.  auch 
584,3  solten  dise  kumher  sin  al  ein,  Gäiväns  kumber  slüege  für;  635,8.  10 
für  war  der  künec  minen  lip  minnet  für  elliu  loip.  des  wil  ich  in  geniezen 
Um:  ich  pin  im  holt  für  alle  man;  686,25  sit  si  für  alle  gewinne  dienst 
büte  nach  siner  minne;  vgl.  die  anm.  von  Bartsch;  692,4  diu  such  Gäivänn 
kreftelös  den  si  für  al  die  iverlt  (GG'^gg  vor  alder  iverlde)  erkös  zir  höhsten 
freuden  kröne;  698,29  daz  er  den  pris  für  alle  man  von  rehten  schulden 
solle  hän;  715,7  din  tröst  für  atider  tröste  wigt;  Tit.  147,4  sizöchin[von 
kinde]  unze  an  schiitlich  vart  und  kös  in  für  alle  geioinne ;  Wh.  78,  6  ivand 
er  mit  strite  künde  und  niemen  für  sich  gunde  deheinen  pris  ze  bejagenne 
'er  gönnte  es  niemand,  einen  rühm  zu  erwerben,  der  über  ihn  (d.i.  den 
seinigen)  hinansgieng;  125,  30  diu  kost  für  alle  koste  gienc;  vgl.  auch  für- 
gezcehe  184,4;  205,15  Thesereiz  der  het  ie  genuoc  priss  für  sine  genöze; 
207, 10  die  fluht  ich  dö  für  sterben  kös ;  310,  2  Ich  diene  der  künsteclichen 
hant  für  der  heiden  got  Tervigant;  323,28  der  jach  daz  nie  so  guot  gezelt 
koim  üf  tvisen  noch  üf  velt,  ern  nccme  ein  kemenüten  da  für,  nahe  der  be- 


54  WIESSNER 

deutung  'anstatt',  wie  auch  in  den  vorher  citierten  stellen;  331,7  daz  nie 
fürsten  soldier  für  dich  tvart  haz  geeret;  347,19  von  dem  erst  erschinenen 
tage  unz  an  des  jüngsten  tages  schin  muoz  Thesereiz  gepriset  sin  für  al 
Adams  geslehte;  371,27  die  aber  da  nämn  ir  ende,  die  fuoren  gein  der 
Jiende  diu  des  soldes  hat  geivalt,  der  für  allen  solt  ist  gezalt  'den  man  höher 
zu  schätzen  hat  als  jeglichen  anderen  sold'.  Vgl.  noch  378,23  daz  vor 
andern  sinn  genözen  tvas  gezilt  und  gestözen  sin  höher  pris  so  rerre  für. 

Verwant  diesem  vür  mit  acc.  ist  die  adver bialformel  vor 
US,  die  AVolfr.  nicht  selten  neben  dem  verbum  gebraucht  — 
Hartm.  und  Gottfr.  nie  —  um  einen  vorrang  u.s.w.  zu  be- 
zeichnen: vgl.  unser  ehvas  voraus  haben  vor  einem. 

Parz.  357,27  sin  tat  tvas  vor  üz  so  helcant:  vgl.  Paul,  Bei tr.  2, 86,  wo 
fast  alle  in  betracht  kommenden  stellen  verzeichnet  sind;  365,25  er  müest 
vor  üz  der  höhste  sin;  608,27  und  hat  Gmcän  erworben  soVien pris  vor  üz 
besunder;  630,8  von  Lögroys  diu  herzogin  truoc  vor  üz  den  besten  schin. 
In  unserer  Umgangssprache  circulieren  übrigens  ganz  ähnliche  Wendungen : 
voraus  eine  loar  schön  u.  ä.  *)  Ferner  645, 26  mit  ivünnedicher  fromven 
schar,  die  für  war  bt  miner  zit  an  prise  vor  üz  hänt  den  strit;  700, 11  daz 
Parziväl  al  eine  vor  üz  trüeg  so  clären  lip ;  808, 17  ein  gesiz  vor  üz  geheret 
was.  Zweifellos  gehört  hierher  auch  Parz.  217, 10  vor  üz  mit  maneger 
schoie  rieh  diu  messnie  vor  im  az:  vor  üz  ist  nähere  bestimmung  des  grades 
(zu  rieh),  nicht  des  ortes  (so  Bartsch:  vorn  an);  "VVh.  102,2  deti  ich  vor  uz 
so  meine;  184,2  den  man  vor  üz  so  dorfte  jehen  priss  in  sölher  hoehe; 
189,6  und  kiust  vor  üz  daz  beste;  220,5  der  ie  werden  wiben  vor  üz  ir 
rehts  also  verjach;  254,2  den  pris  truog  er  vor  üz  al  ein;  287,4  der  vor 
üz  ist  bekant  zer  höhsten  esJclirie;  434,9  hoch  mit  höher  ahte  hat  rcemisch 
krön  vor  üz  den  strit;  462,4  den  beiden  vor  üz  wcere  benant  so  manec 
höhlicher  pris. 

Gottfr.  gebraucht  vor  mit  dat.:  Trist.  696  der  ez  des  tages  und  an 
der  stete  ze  wünsche  vor  in  allen  tete;^)  1795  daz  ist  vor  edlem  löne,  deist 
aller  triuive  ein  kröne;  3240  er  begunde  im  wol  gevallen.  vor  den  andern 
edlen  sin  herze  in  sunder  üz  erlas;  11445  den  muose  er  äne  sine n  danc  vor 
allen  dingen  meinen;  11458  hüef  es  vor  allem  giiote;  12547  daz  ime  vor 
allen  dingen  ist;  13809  daz  ist  im  danne  ein  herzeleit  vor  allem  herzeleidc; 
16526  ivan  ime  was  ie  genöte  niJit  dinges  vor  Isöte.  —  Ganz  auffallend 
selten  im  vergleich  zur  spräche  Hartm.'s  und  Wolfr.'s  setzt  er  vür  mit 
acc.  in  dieser  function:    Trist.  12528  dö  er  die  minne  vür  si  kos  (nämlich 


*)  Vgl.  Gottfr.  Keller,  Die  leute  von  Seldwyla  2,  75  was  dem  männchen 
vor  allem  aus  gefiel. 

2)  Trist.  1022  daz  min  sin  von  den  andern  allen  an  in  einen  ist  ge- 
vallen: ebenso  Golther  in  seiner  ausgäbe;  Massmann  setzt  dagegen  vor  (so 
auch  Bechstein  noch  in  der  zweiten  auQ..):  s.  Job.  Kotteukamp,  Zur  kritik 
und  erklärung  des  Tristan,  Götting.  diss.,  s.  10  und  Trist.  8515  von  den  ge- 
danken  bin  ouch  ich  von  den  andern  allen  so  sere  an  si  gevallen. 


RUHE-    UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  55 

triutce  und  ere).     Zu  vergleichen  wäre  höchstens  noch   Trist.  10902  dem 
Wunsche  s'einem  endezil,  da  vür  er  niemer  komen  kein. 

In  den  beiden  volksepen  wird  gerne  vor  mit  dem  dat.  in  diesem  sinne 
gesetzt:  Nib.  271,  4  der  man  so  grözer  schcene  vor  allen  juncvromven  jach; 
399,  3  daz  ir  mich  ruochet  (jrüezen,  fiirsten  toJiter  milt,  vor  disem  edeln  recken 
temporal,  dabei  auch  im  sinne  des  Vorzugs ;  605,  3  diu  liebe  swester  diu  ist 
mir  vor  in  allen  die  ich  noch  ie  (fcsach;  761,2  so  soltuvorim  Um  Günther 
den  recken  'vor  ihm  den  Vorzug  G.  geben';  761,4:  der  miioz  vor  allen  kü- 
nigen,  daz  tvizze,  ivcerliclie  sin;  im  übergaugsgebiet  vom  örtlichen  zum  ab- 
stracten  stehen  die  folgenden  fälle  760, 2.  3.  770,  i.  781, 4.  Ferner  877,  4 
den  lop  er  vor  in  allen  an  dem  gejeide  geivan;  918, 1  den  bris  von  allen 
dingen  truoc  er  vor  manegem  man;  958,  3  ein  leit  . . .  daz  ir  vor  allen  leiden 
an  ir  herze  gut ;  1745,  4  Dancicart  und  Wolfhart,  . . .  die  saeh  man  tvol  ir 
tugende  vor  den  anderen  jihlegen :  1908,  2  doch  such  man  vor  in  allen  Vol- 
keren stein  gein  den  vtenden,  localer  Sphäre  nahe;  2309,4  an  dem  mir  herzen 
leide  vor  edlem  leiele  geschach.  —  G  u  d  r.  165,  2  der  junge  Heigene  lernte, 
daz  helele  wol  gezam,  vor  so  manegem  degene:  die  hs.  hat  von;  vor  passt 
wol  allein  in  den  Zusammenhang  und  wird  deshalb  auch  von  allen  heraus- 
gebern  eingesetzt;  395,4  ivande  iuwer  stimme  eliu  ist  vor  aller  vreude  unde 
ob  aller  kur zivile  ein  gimme:  s.  Martins  anm.  in  der  grossen  ausgäbe;  572,3 
da  von  er  geivan  vor  anderen  degenen  also  michel  ere;  615,  3  elaz  si  ir  tugent 
prisent  vor  meiden  und  vor  wtben;  762,2  daz  er  elie  vrouwen  guol  heete  vor 
in  edlen;  775,3  ez  habe  einen  vrieelel  diu  herUche  meit,  den  si  im  herzen 
minne  vor  edler  slahte  diete;  1023,4  elie  er  vor  edlen  meiden  ze  einem  liebe 
gerne  haben  wolte.  —  Seltener  steht  dagegen  vür  mit  acc:  Nib.  550,4 
man  möhte  Kriemhilde  für  Prünhilde  jehen;  582,8  er  neeme  für  si  eine  niht 
tijisent  anderiu  wip,  nahe  der  bedeutung  'anstatt';  853,4  für  edle  mine 
vriunele  getrouwe  ich  iu  wol;  2126,3  daz  ich  in  wol  getrmve  für  edle  ander 
man.  —  Gudr.  51,3  daz  er  vür  si  alle  ...  da  spilte  mit  gevuoge;  170,4 
üz  allen  landen  gerte  er  vür  si  bezzer  eleheine:  'anstatt'?  406,3  zicelvc,  die 
ze  prtse  vür  mich  singent  verre;  578,4  vür  amier  schcene  vroiiicen  lohetc 
man  Kiitrün  tegeliche;  1020,4  e  ich  vür  minen  vriedel  ieman  minne;  vgl. 
auch  1685,  3  daz  vür  küneges  gäbe  sin  gäbe  reichte  verre. 

In  den  Altd.  pred.  3  ist  vor  mit  dat.  zur  bezeichnung  des  Vorranges 
etc.  durchaus  das  gewöhnliche:  z.  b.  17,21  tvan  in  uhiser  herre,  eler  heilige 
Christus  elo  mint  vor  andern  sinen  jungern;  30,30  von  elanne  so  bistu  ge- 
segent  unde  gehailiget  vor  allen  tviben;  214,  36  also  ist  ouch  si  vil  heriii 
kuniginne  vor  allen  heiligen  daz  aller  oberste  houpt;  233,19  der  niun  chore 
eler  ist  ieloch  ie  eiiner  vor  elem  andern  unde  ie  eiiner  ob  elem  andern,  noch 
ganz  local  zu  fassen;  246, 17  daz  in  daz  vor  einelern  gots  trüten  chiint  unde 
geivizen  ist;  246,29  daz  si  vor  einelern  gots  trüten  sunelerlichen  sint;  247,32 
die  unser  herre  vor  anelern  sinen  trüten  eilso  geheiliget  unele  gerthett;  ganz 
ähnlich  248,11.  13;  255,11  loie  eler  himiliske  kunic  da  ze  den  sinen  ewigen 
hochcitcn  elie  sinen  erweiten  holden,  sunelerlichen  ie  ainen  vor  dem  aneleren, 
da  geziert  unde  gert  habe ;  ebenso  255, 13.  16.  19.  26 ;  255, 14  ähnlich  246, 17 ; 
vgl.  auch  257,  4  elie  sint  nu  von  iinsers  herren  orelenunge  der  heiligen  Christen- 


56  WIESSNER 

hait  an  der  stet  vor.  —  Recht  selten  steht  dagegen  vilr  mit  dem  acc: 
211,  35  siver  in  dirre  weit  iht  des  hat  daz  im  lieher  ist  denne  ich  im  si  iinde 
daz  er  für  mich  minnen  loil;  218,  22  imde  ir  ditze  arme  eilende  mere  minnet 
denne  die  eivigen  haimüte  unde  ditze  vil  churce  cit  minnet  für  den  eivigen  lip. 

§  166.  II.  Verticale  anff assung.  S.  Grimm,  Gr.  4^, 
1057(875  f.),  auch  1024  (849).  Graff,  Wb.  1,  87.  Graff,  Ahd.  präp. 
s.  166—168.  Mhd.  wb.  3, 172  a.  19  ff.  Die  bevorzugte,  überlegene 
person  oder  sache  hat  gegenüber  der  zurückgesetzten,  nach- 
stehenden einen  höher  befindlichen,  überragenden,  beherschen- 
den  platz:  zahllose  redensarten,  welche  mit  dem  rangsverhältnis 
zu  tun  haben,  gehen  in  letzter  linie  auf  diese  anschauliche 
grundlage  zurück.  Ohne  weiter  auf  diese  schon  mehr  oder 
weniger  abstract  gefühlten  phrasen  einzugehen,  möchte  ich 
hier  nur  ein  moment  betonen:  zur  anreihung  der  hintan- 
gesetzten, untergebenen  u.s.w.  person  (oder  sache)  verwendet 
die  heutige  spräche  üher  mit  acc:  nichts  geht  über  einen  trunJc 
Maren  wassers]  oder  icli  liehe  dich  über  alles;  her  sehen,  gebieten, 
herr  sein  über  einen  u.  s.  w.  lieber  mit  dat.  in  dieser  f unction  ist 
in  der  Schriftsprache  ungebräuchlich.  Mhd.  aber  ist  im  gleichen 
falle  obe  mit  dat.  ganz  geläufig  in  concurrenz  mit  über  mit  acc. 
Während  also  bei  horizontaler  auffassung  die  dativische  phrase 
siegte,  drang  bei  verticaler  die  accusativische  durch. 

Hartm.  scheint  nur  über  mit  acc.  zu  gebrauchen:  1.  Büchl.  108  daz 
ich  uz  al  der  werlt  ein  loip  ze  frowen  über  mlnen  lip  für  si  Juete  niht  er- 
Icorn;  527  tocer  ich  geivaltec  über  dich  so  du  bist  über  mich;  Er.  35  diu  ist 
künegin  über  daz  lant;  2110  ouch  herren  über  der  tiverge  lant;  3363  der 
mich  von  grözer  armuot  ze  frowen  schuof  über  michel  guot;  4470  ich  bin 
Tiünec  über  Irlant ;  6036  und  Jcrönde  mich  diu  werlt  al  ze  frouiven  über  elliu 
tvip;  6200  mich  dxmiket  daz  si  tvol  gezeme  ze  frouiven  über  min  lant;  6265. 
66  joch  herre  über  ein  richez  lant:  dar  über  sidt  ir  frouwe  sin;  8604  wan 
er  was  herre  über  daz  lant;  8933  daz  ir  wünneclicher  lip  geprist  woir  über 
elliu  wip;  9374  min  vater  ist  ein  künee  rieh  ...  über  Destrigüles  lant;  9677 
ja  hat  dich  immer  mere  got  und  ellenthaftiu  hant  gekrccnet  über  elliu  lant; 
Iw.  3640  diu  ist  ouch  vrouive  über  ditz  lant;  vgl.  3621  gebietet  über  mich. 

Ebenso  verwendet  Gottfr.  nur  über  mit  acc:  Trist.  325  der  seihe 
herre  er  wcere  ein  Lohnoiscere,  künec  über  daz  lant  ze  Lohnois;  vgl.  1591; 
gebieten  über  3371.  4496;  4447  ob  du  künic  ivesen  sollest  und  herre  übr 
allez  Kurnewal;  4497  ivis  iemer  künic  über  Kurnuml;  8888  er  ist  hie  mar- 
schalc  über  diz  lant;  11401  und  daz  si  toesen  sohle  fr ouiv'  über  allez  Enge- 
lant;  13936  ir  habet  doch  ze  iuwerr  hant  beidiu  Hute  unde  lant,  diu  sint 
iuwer  umde  min:  dar  über  sit  gebietcerin;  18741  sin  lant  und  sin  ere  du 
bat  er  in  herre  über  sin. 


RUHE-   UND   EICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  57 

Wo  1fr.:  ob  mit  dat.  Parz.  43,  2i  der  ist  ob  cd  den  Floren  her;  254,25 
ouch  mahtu  tragen  schöne  immer  scelden  kröne  höhe  ob  demverden;  319,7  und 
dennoch  mer  im  ivas  bereit  schäm  ob  edlen  stnen  siten;  319,11  schäm  ist  ob 
siten  ein  güebet  uop;  399,  28  ob  den  alln  was  einer  her;  465,4  stt  er  uns  sippe 
lougent  niht,  den  ieslich  enget  ob  im  siht;  532, 14  sit  ir  sivene  ob  minnen  her; 
533,  30  diu  minne  ist  ob  den  andern  hoch;  556, 16  her,  da  ist  not  ob  aller  not; 
654, 14  die  lenge  und  ouch  die  breite  treit  iiver  pris  die  kröne  ob  anderen 
prisen  schöne;  734,30  in  bestet  ob  allem  strite  ein  vogt;  Tit.  12,  4  da^  (der 
gral  nämlich)  toas  der  wünsch  ob  irdeschem  riche ;  Wh.  1, 9  hoch  edel  ob  edler 
eelelkeit;  1,27  ivisheit  ob  edlen  listen;  45,22  der  drier  tat  iveis  so  benant,  ob 
heidenischer  ivirde  erkant ;  292, 11  man  gap  etswä  ze  swester  mir  ob  aller 
clärheit  lobes  kränz,  ein  maget,  diu  nam  der  sunne  ir  glänz  und  eine  reihe 
anderer  tähnlicher  Wendungen  mit  ob.  Vgl.  auch  Parz.  315,  2  Künc  ÄHüs, 
du  stüent  ze  lobe  höhe  dinn  genözen  obe.  —  über  mit  acc:  Parz.  13, 14:  s. 
s.  37;  49,21  hiute  bin  ich  hie  tvorelen  herre  überz  lernt;  474,22  der  icas 
ouch  herre  übern  gräl;  476,16  iveer  ich  dein  herre  übern  gred;  480,22  wer 
sol  schirmer  sin  über  des  ejrCdes  touejen?  494,29  dö  truoe  si  kröne  über 
zwei  lant;  499,4  diu  was  frouwe  überz  lant  (gleichlautend  514,  28) ;  554,17 
he7-re,  gebietet  über  mich;  558,26  ir  muget  mit  freuden  herre  sin  über  mei- 
negen  lichten  scMn;  688,14  des  kraft  was  über  in  so  gröz;  730,18  daz  er 
ir  libs  und  über  ir  lant  von  rehte  herre  iveere  (üher  diesen  Wechsel  in  der 
constructionsweise  s.  die  schon  öfters  citierte  anm.  Beueckes  zu  Iw.  3225 
und  C.  Kraus,  Beitr.  21,  546  f.);  803,3  wederz  ist  eler  knabe  der  künc  sol  sin 
übr  iicer  lernt?  823, 10  daz  sin  sivester  eine  strit  tvas  fromve  übr  memegiu 
lant  so  tvit;  824,  2  Sit  über  lant  ein  frouwe  saz  (so  nur  D;  lanch  die  übrigen); 
Wh.  1,3  schepfeere  über  alle  geschaft;  345,7  ir  sit  künege  über  zehen  richiu 
leint;  347,6  er  was  künec  über  fünf  lant;  375,24  über  den  walt  Lignedöe 
der  selbe  ouch  forstmeister  icas ;  434, 17  als  het  der  Kanabeus  suon  hcehe 
übr  alle  elheidenschaft. 

In  den  beiden  volksepen  erscheint  ob  mit  dat.:  N ib.  661,3  elen  ejwalt 
. . .  der  so  riehen  vrouwen  ob  landen  wol  gezam ;  vgl.  auch  394,  7  tvol  locer 
er  künic  rieh  ob  witen  vürsten  lanelen.  —  Gudr.  18,3  dö  muoste  er  tragen 
kröne  ob  edelen  vürsten  rtche  (zu  395,  4  vgl.  s.  55) ;  550,3  elaz  er  herre  locere 
ob  siben  riehen  landen;  1022,4  elaz  er  niht  kröne  trüege  und  eloch  herre 
hieze  ob  küneges  lande.  —  Auch  M7>e>- mit  acc. :  Nib.  768,  2  sit  er  elin  eigen 
ist  und  du  über  uns  beieliu  so  getvaltic  bist;  1064,3  der  möhte  meister  sin 
wol  in  al  der  werlde  über  islichen  man ;  1176, 1.  3  Ir  sult  ouch  werelen 
vrouwe  über  manegen  werden  man  . . .  und  über  manege  vrouwen.  —  Aus 
der  Gudr.  allerdings  ist  mir  kein  einziger  beleg  dafür  bekannt. 

Die  prosa  der  A 1 1  d.  p  r  e  d.  3  kennt  beide  fügungen ;  193, 20  so  hat 
er  sie  zivene  sunderlichen  ob  andern  sinen  heiligen  also  verre  gehailiget 
tinde  gert:  gleich  darauf  (z.  27)  der  gleiche  gedanke  in  anderer  wendung 
unde  hat  elannoch  sunelerlichen  die  zwene  herren  . . .  über  die  anelern  ir 
husgenoz  also  verre  gehailiget  xmele  geret.  Im  folgenden,  194,  41  eine  dritte 
Variation:  loan  si  nu  unser  herre  vor  andern  sinen  heiligen  sunelerlichen 
hat  geheiliget  unele  gert;  vgl.  ferner  204, 12  ...  ain  boiim,  eler  tvcis  ob  den 


58  WIESSNER 

andern  allen,  und  35  ain  botmi  . . .  der  in  allen  oh  ist  tinde  vor  ist;  248, 12 
das  si  ob  andern  sinen  heiligen  sint  fursten  unde  herren;  261, 36  so  sie 
unser  herre  über  alle  dise  tverlt  sunderlichen  da  mit  (jeliailiget  vnde  gert 
hat  (oder  Verbreitung?). 

§  167.  Am  Schlüsse  dieser  ausfülirung'en  sollen  noch  ein 
paar  adverbiale  ausdrücke,  localangaben  allgemeiner  natur,  die 
dem  modernen  schriftdeutschen  Sprachgebrauch  gegenüber  zu 
bemerkungen  anlass  bieten,  übersichtlich  erörtert  werden. 

So  z.  b.  die  in  der  heutigen  Schriftsprache  erloschenen, 
mhd.  aber  wol  geläufigen  Verbindungen  localer  adverbien  her 
dan  'von  da  (einem  entfernteren  orte)  her  (zum  sprechenden) ' 
und  hin  dan  'von  da  (einem  dem  sprechenden  näher  gelegenen 
orte)  weg,  fort':  so  wenigstens  die  ursprünglichen  bedeutungen.') 

Dem  österr.-bair.  dialekt  sind  beide  formein  heute  noch 
völlig  geläufig,  hcrdmi  bezeichnet  hier  die  richtung  zum 
sprechenden  her,  hida^i  die  vom  sprechenden  weg.  Nach  meiner 
kenntnis  unseres  dialekts  werden  übrigens  diese  Verbindungen, 
regulär  mindestens,  nicht  zur  bezeiclmung  der  richtung  bei 
bewegungsverben  verwendet,  wo  vielmehr  die  umgekehrten 
formein  datier  (=  dan  her)  und  dmii  (=  dan  hin)  üblich 
sind,2)  sondern  bei  zustandsverben.  Ja  man  fühlt  herdan,  hidmi 
schon  als  Ortsangaben  auf  die  frage  'wo',  in  der  bedeutung 
'hie',  hier  beim  sprechenden,  bez.  'illic',  abseits  vom  sprechen- 
den.   Ursprünglich   waren   selbstverständlich   alle   diese  ver- 


1 


1)  Ueber  nhd.  herdann  s.  DWb.  4,  2, 1076,  über  hindann  ebda.  1404;  hier 
auch  über  die  misverständliche  umdeutung  der  forrael  in  hintan,  die  Ver- 
nalekeu,  Deutsche  syntax  2,  158  f.  unrichtig  aus  hinien  an  erklärt.  Vgl. 
ferner  Graff,  Wh.  5,  43.  51.  52.  Mhd.  wb.  1,  303  a.  26  f.  Lexer  1,  410. 

2)  Aehuliche  Verbindungen  zweier  localadverbien  zu  einem  neuen  wort 
sind  auch  sonst  geläufig,  wobei  durch  die  verschiedene  Stellung  der  beiden 
glieder  doppelgestaltigkeit  hervorgerufen  wird.  Z.  b.  herein  —  einher  mit 
differenzierter  bedeutung;  im  dialekt  nur  einer  im  sinne  des  herein  der 
Schriftsprache.  Unser  dialekt  gebraucht  überhaupt  allgemein  die  formein  mit 
nachgesetztem  her,  hin,  im  gegensatze  zur  Schriftsprache;  z.  b.  heraus  — 
ausser  (=  aus  her);  hinauf —  avfi  (=  auf  hin);  Jtinaus  —  aussi  (=  aus 
hin)  (Gottfr.  Keller  sagt  in  den  Züricher  novelleu  einmal  [s.  332]  aber  unter 
der  hedingung,  dass  du  dem  jungen  keine  mittel  zur  einfältigkeit  und  herz- 
losen pr  ahler  ei  aushingibst);  herauf —  aufer  (=  auf  her);  hinein  —  eini 
(ein  hin);  ferner  hinab  —  äbi  (ab  hin);  herab  —  aber  (ab  her);  hinum  — 
umi  {um  hin);  herum  —  umer  (um  her);  herüber  —  überer  (über  her); 
hinüber  —  überi  (über  hin). 


RUHE-   UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  59 

bindungen  als  riclitungsangaben  gefühlt;  da  vSolche  aber  zur 
bezeichnung  der  läge  eines  zustandes  (in  der  Umgangssprache 
unserer  gegenden  z.  b.  im  schatten  lierdann  liegen,  schlafen) 
oder  einer  tätigkeit  (z.  b.  auf  dem  aclier  hidann  arheiten)  so 
gut  wie  zur  bezeichnung  der  bewegungsrichtung  gebraucht 
werden  können,  entwickelte  sich  in  diesen  fällen  dann  das  ge- 
fühl,  als  stünden  sie  auf  die  frage  'wo'  (vgl.  üherall  u.  ä.).  Der 
dialekt  benützte  die  doppelheit  der  form  zur  differenzierung: 
herdan,  hidaiz  stehen  bei  verben  des  zustandes  oder  der  tätig- 
keit zur  bezeichnung  der  richtung,  in  der  diese  liegen,  daner, 
dani  bezeichnen  ausschliesslich  die  bewegungsrichtung. 

Für  die  formein  dan  her,  dan  hin  finden  sich  in  den  hier 
untersuchten  mhd.  texten  keinerlei  belegstellen;  das  Mhd.  wb. 
a.  a.  0.  verzeichnet  auch  keine ;  vgl.  Lexer  und  Graff  a.  a.  o.  — 
her  dan,  hin  dan  dagegen  sind  mhd.  ziemlich  viel  gebraucht; 
die  Verteilung  auf  die  einzelnen  autoren  ist  allerdings  sehr 
ungleich. 

Auch  mhd.  sind  her  dan  und  hin  dan  bei  offenbaren  verben 
des  zustands  anzutreffen,  naturgemäss  in  selteneren  fällen; 
es  ist  daher  aus  der  Verbindung  dieser  richtungsangaben  mit 
einem  verbum  dieses  nicht  direct  als  bewegungsverb  zu  er- 
schliessen. 

Z.  b.  Hartm.  Greg.  1066  der  arme  hi  dem  Möster  saz,  der  riche  wol 
hin  dan  haz  'weiter  weg'.  —  Wo  1fr.  P.  636,21  daz  het  ein  underscheit 
erkant,  daz  die  rtter  eine  loant  heten  snnder  dort  hin  dan;  353,10:  vgl. 
Beitr.  26,  476 ;  763,6  bi  Gäwäne  saz  sin  ane,  Oryelüse  üzerhalp  her  dane; 
Wh.  274,  24  daz  underschiet  niht  wan  sin  gran.  mir  io(er  noch  liep,  ivcern 
die  her  dan,  d.  h.  wenn  er  die  bartsprossen  nicht  gehabt  hätte;  wesen  kann 
sicli  allerdings  mit  richtungsangaben  auch  im  sinne  der  bewegung  ver- 
binden; 390,8  iind  habe  er  verre  dort  hin  dan  'möge  er  uns  damit  weit 
vom  halse  bleiben'.  —  Gottfr.  Trist.  8947  nu  snch  er  verre  dort  hin  dan 
vier  gewäfende  man  über  unrjeverte  tmd  über  velt  ein  lützel  balder  danne 
enzelt  fliehende  gälopieren  'weit  abseits';  17418  hin  dan  lac  er,  her  dan 
lue  si:  s.  Beitr.  26,  460.  —  Ebenso  AI  td.' pred.  3:  146,41  der  ander  man 
der  stuont  aver  vil  verre  dort  hindan  alhinder  der  ture;  ebenso  223,  21.  24. 
Auch  98,  34  wan  paidiu  de  quaderstaine  unde  och  daz  holzwerch  . . .  daz 
ivas  allez  vil  verre  hindan  gefuget  unde  gordent. 

Ungleich  öfter  bezeichnen  aber  her  dan  und  hin  dan  eine 
bewegungsrichtung. 

Bei  Hartm.  freilich  sehr,  ja  auffallend  selten  gegenüber  Wol  fr.  und 
Gottfr.;    Er.  3025  vil  guhes  ruhte  si  hin  dan;    Greg.  1384  ist  hin  nach 


60  WIESSNER 

Zwierzina,  Zs.  fda.  37,  413  zu  streichen ;  Iw.  2253  7ran  er  saz  (s.  Beitr.  26,  435) 
verre  hin  dan.  —  Viel  häufiger  bei  Wolfr. :  P.  75,24  dö  reit  der  künec 
von  Zazamanc  hin  dein  da  in  niemen  dranc;  170,7  dö  man  den  tisch  hin 
dan  genam;  205,16  manec  wert  armman,  den  man  töten  truoc  her  dan; 
206,  4  die  Tcundez  fiwer  hin  dan  (Ggg  her  dan)  ivol  schaben;  230,  28  sazte 
i'uch  verre  dort  hin  dan;  292,22  er  hat  her  dan  (jespalten;  311,22  diu  den 
zivivel  lool  hin  dan  kan  schabn;  360,4  doch  bräht  der  iverde  junge  man 
vil  tjost  durch  sinen  schilt  her  dan;  386,26  dö  het  in  verr  hin  dan  getribn 
der  herzöge  Kardefablet;  437,4  her  dan  uf  ungetretet  gras  warf  erz  ors; 
522,20  der  lounde  sprach:  'hin  dan  von  mir!'  552,5  dö  man  den  tisch  hin 
dan  enpfienc;  595,30  dö  Jcerter  von  der  hure  her  dan  gein  shnc  getriwen 
wirte;  622,4  si  truogez  harnasch  her  dan;  639,3  man  truoc  die  tische  gar 
her  dan ;  663,  4  dem  künege  sunder  dort  hin  dan  wart  manc  witer  rinc  ge- 
nomn  (vgl.  Beitr.  26,  477) ;  713, 19  stet  verre  dort  hin  dan :  vgl.  Beitr.  26,  451 ; 
auch  726,  7  der  schenke  gienc  her  wider  dan.  —  Wh.  130,  2  daz  man  in 
tvtse  iedoch  hin  dan;  182,1  Man  nam  die  tische  gar  hin  dan;  270,21  als 
touwic  spitzic  rose  stet  und  sich  ir  rüher  balc  her  dan  klübt;  211,  6  tisch- 
lachen wurden  geslagn  zesamene  und  niht  hin  dan  getragn;  322,14  siver 
die  schalen  vor  hin  dan  schelt.  —  Relativ  sehr  häufig  sind  diese  adverbial- 
formeln  in  Gottfrieds  werk:  Trist.  2887  die  büege  leite  er  dort  hin  dan 
und  2911  tuot  diz  dort  hin  danne  (MF  dane,  W  dan)  baz;  2917  daz  hcete 
er  allez  über  ein  vil  schöne  dort  hin  dan  geleit;  3042  nu  nemet  iuwer  hüt 
hin  dan;  3903  Bual  gie  von  dem  ivege  stän  und  nam  sunder  dort  hin  dan 
einen  getageten  hoveman;  5183  sin  hüeteUn  und  sin  gewant  leit'  er  höf schliche 
dort  hin  dan;  7025  den  heim  den  sluog  er  ime  iesä,  daz  er  wcete  al  dort 
hin  dan;  9155  er  sprancte  verre  dort  hin  dan;  9731  Ir  friunt  der  kiinie 
nam  si  sä  von  dem  rate  dort  hin  dan;  10915  der  roc  der  was  ir  heinlich, 
er  tele  sich  nähe  zuo  der  lieh:  ern  truoc  an  keiner  stat  hin  dan;  11575 
tuot  itiwer  arme  hin  dan;  12739  ir  zungen  bringet  mir  her  dan;  13412  er 
sprancte  ein  lützel  her  dan;  16155  ivan  er  (=  Urgau)  ivas  ime  (=  Tristan) 
ze  nähe  komen  und  hcete  sinen  swanc  genomen  ze  verre  hinder  ime  hin  dan : 
Urgan  schmettert  mit  seiner  stange  hinter  Tr.,  der  ganz  nahe  bei  ihm  steht, 
nieder:  seine  waffe  reicht  zu  weit  für  den  nahkampf;  17297  so  geschieden 
die  hunde  einen  fremeden  hirz  hin  dan;  17411  und  leiten  sich  da  ivider 
nider  von  ein  ander  ivol  hin  dan;  18381  und  fuorte  in  sunder  dort  hin 
dan.  Uebertragen  Trist.  10040  nu  hete  ir  muoter  ouch  gesaget  ir  vater 
umbe  den  koufman  allez  von  ende  her  dan;  11944  von  ende  mante  st  her 
dan;  12497  Brangosne  seite  in  beiden  dö  die  rede  von  ende  her  dan;  12885 
si  sageten  ...  cd  von  ende  ir  rede  her  dan. 

Höchst  merkwürdig  ist  es  aber,  dass  her  dan  und  hin  dan  in  der 
spräche  beider  nationalepen  fast  nie  anzutreffen  sind.  Ein  einziger  fall  ist 
mir  in  der  Gudr.  aufgestossen:  1379,1  muoter,  get  hin  dein. 

§  168.  Im  Mhd.  wb.  1, 150a.  18  wird  enior  glossiert  durch 
'in  der  höhe,  in  die  höhe,  empor';  ebenso  bei  Lexer  und  in 
Benec.kes  Wb.  zum  Iwein.  Ausführlicher  spricht  über  diese 
durch  zusammenrücken  eines  präpositionalausdrucks  entstandene 


ItUHE-   UND   RICHTTJNGSCONSTßUCTIONEN.  61 

composition  Hejiie  in  seinem  Wb.:  ^»emj-ior«  in  die  höhe,  zu- 
sammenrückung- aus  ahd.  accusativ.  Verbindung  in  por,  die 
neben  dativ.  in  höre  von  einem  subst.  por,  hör  flrst,  giebel, 
gipfel  besteht;  mhd.  enhor,  enhorc  . . .  mit  dem  begriff  der  rulie 
(Iw.  300)  und  der  bewegung,  welcher  letztere  nhd.  allein  ge- 
blieben.' Darnach  ist  mhd.  enhor  (enhore)  also  entweder  trans- 
locale  oder  intralocale  bestimmung,  während  nhd.  cvipor  nur 
mehr  in  der  ersteren  function  vorkommt. 

Vom  nhd.  Standpunkte  wäre  natürlich  besonders  das  uns 
heute  befremdliche  mhd.  enhor,  enhore  auf  die  frage  'wo'  mit 
der  bedeutung  'in  der  höhe,  oben',  in  alto  (wie  DWb.  3,  433 
paraphrasiert)  interessant.  Das  von  Heyne  in  seinem  Wb.  ge- 
wählte beispiel  Iw.  300  ist  aber  ein  misgriff ;  die  stelle  lautet: 
nü  Jiienc  ein  tavele  vor  dem  tor  an  swcin  Ixtenen  enhor  'nun 
hieng  vor  dem  tore  eine  tafel  an  zwei  ketten  empor,  in  die 
höhe',  ganz  wie  im  nhd.  (nicht  'oben,  in  der  höhe').  Allerdings 
ist  hallen  hier  intransitiv  und  bezeichnet  einen  zustand,  steht 
also  in  durativer  function  wie  nhd.  hangen]  enhor  steht  des- 
wegen aber  nicht  auf  die  frage  'wo',  sondern  enthält  angäbe 
der  richtung.  Die  bewegung,  deren  reflex  in  der  richtungs- 
bestimmung  liegt,  geht  nicht  im  ruhenden  objecte  vor  sich, 
sondern  im  blicke  des  beschauers,  des  sprechenden,  der  zuerst 
die  massige  tafel  trifft  und  dann  sozusagen  an  den  ketten  zu 
deren  befestigungspunkten  emporgieitet.  Es  ist  schliesslich  ein 
ganz  gleichwertiger  fall,  wenn  wir  nhd.  z.  b.  sagen  eine  rote 
schleife  hieng  ihr  von  der  hrust  auf  die  hiiee  nieder,  oder  im 
Iw.  selbst  586  es  hanget  von  eim  aste  von  golde  ein  hecJce 
her  ahc;  und  1090  siveder  ros  od  man  getrat  iender  uz  der 
rehten  stat,  dazz  ruorte  de  vallen  und  den  haft  der  da  alle 
dise  Jcraft  imd  daz  swcere  slegetor  von  nidere  üf  höhte  enhor, 
so  nam  ez  einen  val  also  gähcs  Jier  ze  tal  daz  im  niemen  entran: 
auch  hier  wird  der  ruhezustand  durch  richtungsangaben  ge- 
schildert. 

Bei  Hart  in.  erscheint  enhor  sonst  mir  noch  zweimal  im  Iw.,  jedesmal 
zur  hezeichnung  einer  hewegungsrichtung :  4672  mit  (jrözen  kreften  stach 
er  in  enhor  uz  dem  satele  hin  und  5336  rehte  vliegent  stach  er  in  enhor 
üher  den  satel  hin.  —  Bei  Wolfr.  ist  enhor  stets  angäbe  der  richtung: 
Parz.  381, 15  dö  zucten  in  die  sine  enhor;  493, 1  Säturnus  louft  so  hohe 
enhor;  539, 17  des  prls  so  höhe  e  srvcht  enhor;  567, 12  er  hnop  sich  ,~C)n 
Sprunge  enhor;  589, 12  werc  das  Ine  stuont  enhor:  slän  ist  zustaudsverbum, 


62  WIESSNER 

'emporragte,  in  die  höhe  ragte';  649,27  hcer  iröst  im  zucket  freude  enbor; 
Wh.  45, 12')  des  jjr?s  einhor  noh  hiut  in  hoher  ivirde  siveht:  in  h.  iv.  ist  das 
medium,  in  dem  die  ganze  bewegung  erfolgt,  oder,  vielleicht  wahi'schein- 
licher,  modal  zu  fassen;  77,23  die  Schildes  schirhen  fingen  enhor;  433,10 
des  riches  vane  siceht  enhor;  uns  ungewöhnlich  401,20  von  Salenie  EJctor 
fuorte  den  vanen  höhe  enhor  'hielt  die  fahne  hoch  in  die  höhe,  trug  sie 
hoch  in  die  höhe  gerichtet';  vgl.  dazu  373,  2  Der  starke  gruve  Landrts  bürt 
den  vanen  höh  durch  sinen prts.  —  Bei  Gottfr.  erscheint  enhor  an  einigen 
nicht  leicht  verständlichen  stellen :  ganz  plausibel  ist  ja  Trist.  5242  ir  herze 
daz  fuor  rehte  enhor;  schwerer  zu  verstehen  ist  schon  10927  er  (der  mantel) 
stcehete,  da  er  nider  sanc,  weder  zer  erden  noch  enhor,  offenbar  eine  weitere 
ausführung  zu  dem  vorangehenden  er  was  ze  kurz  noch  ze  lanc;  die  glieder 
entsprechen  sich  paarweise,  aber  in  chiastischer  Stellung:  der  sinn  wäre 
dann:  der  mantel  ist  weder  zu  lang  —  er  schleift  nicht  auf  dem  boden 
nach  —  noch  zu  kurz  —  er  flattert  wegen  seiner  länge  (und  schwere) 
nicht  in  die  höhe.  —  Ferner  Trist.  13594  sus  gieng  er  allez  enhor  und  grei- 
fende mit  holden  an  müren  iinde  an  wenden,  hiz  er  z'ir  heider  hette  kam: 
von  den  erklärungsversuchen  der  schwierigen  stelle,  die  Bechstein  in  seiner 
ausgäbe  kurz  anführt,  scheint  mir  am  glaubwürdigsten  immer  noch  der  des 
Mhd.  wh.'s  (1, 150a.  31,  wobei  freilich  die  gleichsetzung  mit  höher  nicht 
glücklich  ist);  wer  in  einen  saal  geht,  scheint  nach  den  gesetzen  der  per- 
spective in  die  höhe  zu  gehen  für  den,  der  am  eingange  steht.  W.  Hertz 
(Tristan  und  Isolde  neu  bearbeitet,  2.  aufläge  1894)  übersetzt :  So  drang  er 
tiefer  in  das  zimmer.  Trist.  15981  er  (der  rise  Urgdn)  kerte  unstäteliche 
dar  mit  einer  harte  langen  stäheUnen  Stangen,  die  truog  er  höhe  unde  enhor 
'die  trug  er  hoch  in  die  höhe  gerichtet':  s.  Wh.  401,20.  Merkwürdig  ist 
Trist.  17505  diu  (nämlich  Tristan  und  Isolde)  sach  er  ouch  da  heide  in  der 
kristallen  llgen  enhor,  die  einzige  stelle  in  dem  ganzen  hier  berücksichtigten 
mhd.  textmateriale,  wo  enhor  in  der  bedeutung  'in  der  höhe,  oben'  zu 
stehen  scheint.  Sieht  mau  die  belegstellen  des  Mhd.  wb.'s  näher  an,  so  er- 
gibt sich  für  enhor  fast  durchwegs  die  bedeutung  'in  die  höhe,  empor'; 
nur  eine  stelle  ist  der  im  Trist.  Gottfr.'s  gleichzusetzen:  s.  K.  von  Würz- 
burg, Troj.  kr.  s.  14,  v.  1094  f.  diu  höchgesit  mit  eren  geblüemet  schöne  u-art 
alsus.  dar  kam  der  künic  Prtamus  von  Troye  und  zwene  siner  süne,  die 
säzen  üf  der  tilgende  hüne  schön  unde  iverdecUclie  enhor:  der  eine  der  hiez 
Hector  und  Elenus  der  ander:  sitzen  ist  hier  zustandsverb  wie  ligen  in  der 
Tristanstelle.  Vielleicht  ist  sogar  in  diesen  beiden  fällen  enhor  als  richtungs- 
augabe  zu  verstehen,  vom  heutigen  Sprachgebrauch  allerdings  abweichend, 
insofern  wir  bei  liegen,  sitzen  ein  empor  überhaupt  nicht  gebrauchen  können.'^) 
Es  wäre  dann  Trist.  17505  zu  übersetzen:   'diese  beiden  sah  er  dort  im 


1)  Bei  Lexer  falsch  citiert  (95, 12). 

■■')  Grillparzer,  Ein  bruderzwist  in  Habsburg  (ausgäbe  von  Aug.  Sauer, 
9,  74,  4)  Indes  mich  das  gespenst  der  hlut'gen  Zukunft  verfolgt  his  in  mein 
innerstes  gemach  und,  nachts  empor  auf  meinem  lager  sitzend,  der  trommel 
ruf,  des  schlachtenlürms  getos  mir  wachend  schlägt  ans  ohr,  den  träum  er- 
gänzend: hier  ist  sitzen  als  verb  der  bewegung  zu  verstehen. 


RUHE-   UND  RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  63 

krystallbett  liegen,  so  dass  sie  mit  ihren  leibern  darüber  emporragten',  das 
liegende  paar  bildet  eine  erliöbuug  über  der  Üäche  des  bettes;  ähnlich  dann 
die  stelle  im  Troj.  krieg. 

Ich  will  mich  übrigens  betreffs  der  existenz  von  mhd. 
enhore,  enbor  in  der  bedeutung  'oben,  in  der  höhe'  jeder  Ver- 
allgemeinerung der  hier  gemachten  beobachtung  enthalten; 
constatiert  sei  nur  auf  grund  der  dargelegten  tatsachen,  dass 
mhd.  enbor,  in  der  erdrückenden  niehrheit  der  fälle  mindestens, 
wie  nhd.  empor  angäbe  des  ortes  auf  die  frage  'wohin'  (nicht 
'wo')  istJ) 

§  169.  Im  laufe  der  vorliegenden  Zusammenstellungen 
wurde  widerholt  scharf  betont,  dass  die  Verbindung  eines  verbs 
mit  angaben  der  richtung  kein  unbedingt  verlässliches  krite- 
rium  für  dessen  actionsart  ist.  Richtungsbezeichnungen  be- 
gleiten eben  manchmal  auch  zweifellose  verben  des  zustandes, 
um  dessen  örtliche  ausdehnung  oder  entfernung  anzugeben:  das 
mass  einer  dimension,  einer  entfernung  ist  in  letzter  Instanz 
bewegung  von  einem  punkte  des  raums  zu  einem  andern. 

Die  spräche  geht  nun  —  eine  universelle  erscheinung, 
auf  die  zum  Schlüsse  dieser  arbeit  noch  hingewiesen  sein  soll 
—  noch  weiter;  ein  zustand,  ein  sein  wird  durch  bewegungs- 
verben  geschildert,  verbunden  mit  angaben  des  ausgangspunktes, 
der  richtung,  des  Zieles ;  ohne  dass  tatsächlich  von  einer  be- 
wegung die  rede  sein  kann,  erscheinen  metaphorisch  verben 
der  bewegung  xaz  tS^oxrjv.  Es  ist  dies  nicht  etwa  nur  eine 
erscheinung  der  poetisch  oder  rhetorisch  gehobenen  spräche: 


')  C.  Kraus,  der  überhaupt  für  diese  arbeit  lebhaftes  Interesse  zeigte, 
machte  mich  auf  eine  parallele  zu  Iw.  300  aufmerksam,  in  der  Martina  des 
Hugo  V.  Langenstein:  101,4  Svmelich  och  Mengen  an  den  füezen  höh  enbor. 
Vgl.  dazu  in  Wittenweilers  Ring  45  c,  8  .  .  .  Die  man  derschlagen  und  ge- 
vangen,  dar  zuo  höh  embor  derhangen:  vgl.  unser  aufhängen.  —  Glaube 
2295  Sint  tvart  si  ein  wih  also  gut,  daz  st  über  des  Jordanis  t'lut  ginc 
obene  inbore  mit  trockenetn  vozspore  beide  hine  und  here  (eine  stelle,  auf 
die  mich  gleichfalls  C.  Kraus  verwies)  scheint  inbore  synonym  dem  obene 
zu  stehen,  wofür  die  lautliche  gestalt  {in -bore)  spricht;  doch  möchte  ich 
auf  letzteres  argument  kein  gewicht  legen:  man  vergleiche  z. b.  nur  mis- 
verständliche  vertauscluingen  ähnlicher  natur  bei  nider  —  nidere.  Sollte 
der  fall  vielleicht  Trist.  i;}5y4  gleichzustellen  sein?  Danu  stünde  das 
folgende  hine  und  here  leicht  zeugmatisch,  insofern  inbore  natürlicli  zu 
hine  allein  passt. 


64  WIESSNER 

der  alltägliclie  spracligebraucli  weist  sie  auf  schritt  und  tritt 
auf.  Vgl.  z.  b.  nur  sich  ausdehnen,  erstrecken,  erheben,  empor- 
ragen, abfallen  (von  einer  f eiswand  z.  b.)  u.s.w.  Ebenso  in  der 
literaturspraclie  in  zahllosen  Wendungen:  z.  b.  Goethe,  Götz 
(Werke  13, 1)  222,  21  die  fenster  des  grossen  saales  gehen  steil 
herab  aufs  tvasscr;  oder  Gottfr.  Keller,  Der  grüne  Heinrich  1,176 
liornblumen  und  roter  mohn  und  in  den  tväldern  bunte  pilze 
begleiteten  mich  längs  der  ganzen  Strasse  (wo  das  subject  in 
wirklicher  bewegung  ist);  4, 112  die  linden  stiegen  unabsehbar 
in  den  dunhelblauen  durchsichtigen  himmel  hinein  u.s.w. 

Eine  bewegung  liegt  hier  nicht  in  dem  völlig  ruhigen 
object  der  gesichts Wahrnehmung,  sondern  in  ihrem  subject: 
der  blick  ist  es,  der  messend  über  das  bewegungslose  object 
hingleitet;  seine  bewegung  (tatsächlich  oder  in  der  phantasie) 
wird  dann  metaphorisch  ins  object  hinaus  verlegt.') 

Ebenso  in  der  alten  spräche.  Ich  habe  mir  aus  dem  be- 
rücksichtigten mhd.  gebiete  eine  reihe  von  fällen  notiert,  wo 
bewegungsverben,  besondei'S  gen,  gän  zur  widergabe  eines  zu- 
standes  verwendet  sind.  Von  einer  abweichung  des  mhd. 
Sprachgebrauches  vom  modernen  kann  hier  nicht  die  rede  sein, 
was  die  gesammte  erscheinung  betrifft.  Unsere  heutige  spräche, 
besonders  die  literarische,  ist  nur  im  ganzen  in  solchen  Wen- 
dungen viel  kühner  als  die  ältere. 

Bei  Hartra.  vgl.  Er.  551-i  der  stich  erg/'e  mit  solher  kraft  daz  im  nwl 
ellenlanc  der  schaft  üz  gienc  vor  dem  (lis.  den)  ongen:  Bech,  Gei'm.  7,  454 
scheint  gienc  hier  als  wirkliches,  nicht  metaphorisch  schilderndes  hewegungs- 
verh  verstanden  zu  haben  und  schreibt  daher  m^^ /«'enc:  tatsächlich  sagt  dies 
gar  nichts  anderes  als  das  gienc  der  hs.,  die  änderung  ist  also  überflüssig. 
üz  gienc  steht  im  sinne  von  'ragte  heraus'.  6640  der  ivec  didite  sivillanc 
der  zuo  den  turn  üz  gie ;  7136  dar  in  gienc  dehein  tor  me  nniivan  üz  gegen 
dem  se;  7317  als  ein  penselstrich  er  (der  strich)  gienc  zwischen  den  ören 
dan;  7325  umb  ietweder  ouge  gienc  ein  rinc  der  selben  vanoe;  7349  daz 
swarze  ein  wizer  rinc  bevie,  ein  sicarzer  umb  daz  ivize  gie;  7353  sin  kel 
die  und  üf  gezogen,  ze  rehter  mäze  gebogen,  kleine  da  se  anz  Jwubet  gie; 
7655  diu  ende  ein  liste  bevie  diu  nider  zuo  der  erde  gie;  7742  . . .  in  eine 
schiben  ...  diu  nider  für  den  zoph  gie  imde  vor  dem  houpte  hie;  7815 
. . .  an  eine  wegescheide.  tveder  ze  Britanje  in  daz  lant  giengc,  daz  ivas  in 
unerkant;  7888  da  stuont  ein  stat  vil  riche,  bezimhert  rtcMiche,  diu  einhalp 


')  Sehr  hübsch  kommt  dies  einmal  in  einer  wcndung  E.  Mörikes  zum 
ausdruck:  Gedichte  s. 268 (Sommer-refectorium) :  Ha,  wie  entzückt  aufsteiget 
das  aug  im  flug  mit  den  schlanken  pfeilern! 


RUHE-   UND    RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN.  65 

an  daz  icazzer  gie;  8522  ich  weste  icol,  der  wec  gienge  in  der  iverlt  etesivä; 
8704  ich  sage  in  daz  dar  innhe  müre  noch  grabe  gie;  8713  ...  an  einer 
ril  verhohlen  stat:  da  gienc  ein  engez  phat;  8751  man  sach  ein  ivolken 
drmnhe  gän:  die  wölke  umgibt  eleu  baiimgarten.  —  Greg.  2771  NU  gie  ein 
Stic  (der  tvas  smal)  nahe  (Zwierzina,  Zs.  fda.  37,  414)  hi  einem  se  ze  tat.  — 
A.  Heinr.  1230  unze  daz  er  durch  die  ivant  ein  loch  gände  vant.  —  Iw.  3303 
Hie  gienc  ein  vensier  durch  die  ivant;  5054  als  lanc  so  der  rüke  gut  von 
den  ahseln  her  abe;  6127  vür  die  (die  vrouwe)  sin  sträze  rehte  gienc;  7088 
daz  ietweders  stich  geriet  da  schilt  unde  heim  schiet;  7234  ivande  st  vil 
uninden  in  kurzer  stunt  enpfiengen,  die  niht  ze  verhe  giengen. 

Bei  Gottfr.  Trist.  5323  nu  hiez  er  ...  die  ritter  under  ir  rocke  leiten 
ir  halsperge  unde  ir  dinc,  und  so  daz  niemen  keinen  rinc  uz  dem  geivande 
lieze  gän:  kein  panzerring  sollte  unter  den  rocken  zu  sehen  sein;  6685 
und  was  diu  (vorher  ein  ictziu  decke)  lang  und  alse  rieh,  daz  st  ivol  ebene 
nider  gie  dem  orse  vaste  vür  diu  knie;  10949  vürbaz  da  viel  er  (der  mantel) 
selbe  ivider  imd  nam  den  valt  al  z'  ende  nider;  15849  ime  gienc  umbe  sin 
krügeltn  ein  ketene,  diu  ivas  guldtn;  16733  da  man  iiz  und  in  gie,  da  gieng 
ein  tür  eriniu  vür;  16990  Innen  an  der  erinen  tür  da  giengen  zivene  rigele 
vür;  ebenso  17432  . . .  biz  hin  an  der  fossiuren  tür.  da  giengen  zwene 
rigele  vür;  16996  ein  valle  tvas  ouch  innen  ...  die  meistoi-e  ein  heftelin, 
daz  gie  von  uzen  dar  in;  18206  swaz  er  gesehen  künde,  daz  in  diu  decke 
sehen  lie,  das  für  daz  deckelachen  gie  ze  dem  oberen  ende  etc. 

Bei  Wolf  r.  P.  60,  28  Ein  schifprücke  üf  einem  plan  (Ggg  an  einen, 
was  H.  Paul,  Beitr.  2,  74  in  den  text  setzen  will)  gieng  übr  einen  wazzers 
trän;  120,  14  da  nähen  bi  im  gienc  ein  stic;  142,4  eine  sträze  er  dö  gevienc, 
diu  gein  den  Bertcnegsen  gienc;  181,3  dar  über  (=  über  daz  wazzer)  gienc 
ein  brükken  slac;  226,6  da  gent  unkunde  ivege;  247,18  die  porten  vander 
wit  offen  sten,  derdurch  üz  gröze  slä  gen ;  313,  23  zwen  ebers  zene  ir  für 
den  munt  giengen  tcol  spannen  lanc;  397,26  Gäwäns  sträze  üf  einen  walt 
gienc;  426,6  ...  als  Munsalvcesche:  sivä  diu  stet,  von  strite  rüher  wec  dar 
gel;  535,2  Von passäschen  ungeverte  gröz  gienc  an  ein  wazzer  daz  däflöz; 
589,  2  Uf  durch  den  palas  eines/t  gienc  ein  geivelbe  niht  ze  ivit:  vgl.  C.  Lucae^ 
De  uonnullis  locis  Wolf raniiauis  s.  34  f.  (mit  tafel) ;  Wh.  97,  29  iver  sol  der 
dritten  porten  pHegu,  diu  üz  gienc  gein  dem  plane?  154,28  einen  gürtel 
bräht  von  Lunders  ...  {des  drum  tet  üf  die  erden  val:  diu  rinke  ein  rubtn 
tiure),  da  mit  tvas  diu  gehiure  umbevangen  an  der  krenke;  406,14  ez  muose 
ein  kollier  ouch  hän,  daz  sich  gein  der  kel  zesamene  vienc.  der  slitz  unz  üf 
den  geren  gienc. 

Nib.  74, 1  Diu  ort  der  swerte  giengen  nider  üf  die  sporn;  vgl.  385,6 
mit  swerten  ivolgetän,  diu  üf  di  sporn  giengen  den  wcetlichen  man.  —  Gudr. 
552, 3  diu  ros  von  Tenemarke  diu  zöch  man  üf  den  sant,  den  die  mane 
verre  üf  die  hüeve  giengen. 

In  den  Altd.  pred.  3  vgl.  z.  b.  232,34  da  gent  ouch  die  zico  reiche 
dem  enget  oben  über  daz  houpt;  ganz  ähnlich  232,39  die  sehs  iietche,  da 
man  die  heiligen  enget  mit  malt,  der  gent  dem  enget  zwo  nider  für  die  fuze, 
zwo  oben  über  daz  hopt,  zwo  die  habt  er  enneben  sincr  siten;  ähnlich  z.  42 
und  233,3. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVIL  ^ 


66 


WIESSNER 


[Nachtrag-  zu  s.  18  anm.  Vgl.  E.  T.  A.  Hoffmann  (Grisebach),  Kreis- 
leriana  36  Von  unhegüterten,  ohscuren  eliern,  oder  rvider  von.  künstlern  ge- 
boren . . . ;  Nachricht  von  den  neuesten  Schicksalen  des  hundes  Berganza 
90  . . .  von  niedern  eitern  geboren  . . . ;  ebda.  115  Er  war  von  vornehmen 
eitern  geboren.] 


Terzeichnis  der  behandelten  verl)en  etc. 

Die  Seitenzahlen  von  366 — 556  beziehen  sich  auf  bd.  26,  die  von  1 — 65  auf 

bd.  27. 


ab  erstrtten  403 

ab  ervehten  403 

ab  erzürnen  402 

ab  gewinnen  395 

an  behaben  413 

an  beherten  403 

an  blicken  503 

an  erblicken  508 

an  ertriegen  402 

an  ertwingeh  402 

an  geborn  20 

an  gesigen  411  f. 

angest  24 

an  gestriten  413 

an  getvinnen  395  f. 

an  kaphen  502  ff. 

an  läzen  3 

an  rüefen,  riiofen  522  f. 

an  sagen  534 

an  scJmen  523 

an  sehen  501  ff. 

an  sprechen  533 

an  strtten  420 

an  suochen  380 

an  vehten  420 

arcwun  26 

begän  (begen)  490 
begraben  486  f. 
bejagcn  393 
belangen  388 
[belgan  sih]  24 
bereiten  sich  480  f. 
bergen  484  f. 
besenden  11 


besliesen  487  f. 
bestaten  486 
fteiew  531 
öettm  477  f. 
betwingen  402 
&^Ym  531.  8  ff. 
&2im  519  f. 
blicken  503 
6ofe  s?«,  iverden  538 
?»-fc7teH  33  f. 

(Zar  MJide  (Zan  51 
denken  543  f.  551  f. 
dienen  404  ff. 
dienest  405  f. 
dingen  27 

(Zo?*i  ?<>t(Ze  ///e  u.  ä.  49 
drüuwen  30 
durchligen  457 
dürfen  549 

eischen  388  f. 
enbarn  532 
enbicten  538  ff', 
ewöor  60  ff'. 
engelten  16 
enpfähen  468  ff. 
erbeizcn  442  f. 
erZ^e«  20  f. 
erbiten  s.  ^//e« 
erborn  s.  gebern 
erglesten  s.  glesten 
ergraben  487 
erheben  sich  483 
er/«o?rt  400  f. 


erhceren  s.  hceren 
erkennen  514  f. 
erkiesen  11 
erklingen  s.  klingen 
erkoufen  s.  kaufen 
erliuhten  s.  liuhten 
erloicben  7 
erringen  403 
erscMnen  s.  scMnen 
erstrtten  402  f.  12 
ertwingen  401  f. 
ervarn  512 
ervehten  403 
ervinden  513  f. 
er  wein  11 
enverhen  391  ff'. 
erzürnen  402 

Of(t67t  13  f. 
gebern  16  ff. 
gebieten  10  f. 
gebüezen  16 
gedenken  s.  denken  u.  535 
gedienen  s.  dienen 
gedihcn  12 
gedingcn  s.  dingen 
gegenrede  529 
gegemoort  529 
geliehen  30 
geligen  464  f. 
geloben  s.  ZoZ^ew 
gemuothaft  387 
geniezen  15 
genözen  30 
(/ev  386 


RUHE-   UND    RICHTFNGSCONSTRUCTIONEN. 


67 


gerich  27  f. 
(jern  381  if. 
(jeruochen  s.  ruochen 
gesezzen  sht  437 
gesidcle  rihten  478 
gesigen  s.  sigen 
gesinnen  389 
gesitzen  s.  S2teen  u.  436  f. 
gestän,  gesäten  452 
gewalt  394  ff. 
getvehenen  532 
gewinnen  394  ff. 
grewiis  sm  515 
gezemen  s.  zemen 
glam,  glast  s.  glesten 
glesten  492  ff. 
grüezen,  gruoz  531 

/ta«(,    emen  nemen  an 

die  h.  u.  ä.  417  f. 
/ta^',  /ta^;  tragen  etc.  22 
hazzen  22 
/ie&e«  s/c/j  481  ft". 
helfen  8 

herhergen  473  ff. 
herherge  nemen  476  f. 
/«er  fZa»  58  ff. 
/jer  i/»»{ie  da  48  f. 
Äe/'  tmde  dar  47  f. 
/tcr  ?<«(Ze  hin  u.  ä.  50 
/j/e  unde  dort  u.  ä.  49 
hin  dan  58  ff. 
Am  tfHfZe  her  n.  ä.  50 
hoher  stän  450 f. 
/io/«  399  ff. 
hoeren  509  fi'. 
/(w.se>i  479 
/«M«CH  479 

jehen  529 
justieren  421 

kämpf  421 
kiesen  11 

fcmi  gewinnen  397 
A/ji<  /mf/ew  397  f. 
klingen  12  f. 


kamen  472 
A-o?f/Vrt  407  f. 
kriegen  421 
künden  537  f. 
kumien  547 
Ä-ioife  472  f. 

lachen  496 

Z«^  14  f. 

Zo^aw  1  f. 

Zä^^ew  2  ff. 

Zegie«  460.  467 

Zese«  376  f. 

Z«^e>j  verb  d.  bew.  457  ff. ; 

des  zustds.  466  f. 
livhten  492  ff'. 
lohen  530  f. 
Zon  nemen  414  f. 
loschieren  475  f. 
Zose»  509 

'/»«/•e  sa^ew  536  f. 
mezzen  30  f. 
minne  21  f. 
minnen  21 
müezen  547  f. 
mi'igen  547 
muoten  386  f. 
w?<of  haben  387 

nahtselde  nemen  Hl 
nemen  416  f. 
niderläzen  2  ff. 
'/^^cZer  Z/(7e>t  458  f. 
w/(Zer  s/f^e«  427  ff. 
w»(Zer  staw  (sf m)  446  f. 

oZ>  =  supra  42  ff. ;  vom 
Vorrang  56  ff. 

räche  27  f. 

r«fe»  7  f. 

rttf  nemen  415 

rechen  27  f. 

rede,  rede«  528  f. 

j'ei'se  554 

r/nc  nemen  477 


nie«  422 
ruochen  388 
riiefen,   riiofen   522  ff. ; 
e^newi  542 

sa^e»  529;  =  iiuntiare 
537  ff. 

Ysamanön\  375 

samenen  374  ff. 

samenunge  376 

schäm  376 

scheiden  389 

sc/ii»?  s.  schinen 

schinen  492  ff. 

schomcen  504  f. 

schulde  408  f. 

se/ie«.  502  ff. 

se/^e«  438  f. 

sidelen  478 
,  si'^fe  413 

sigehaft  werden  413 

sigelös  geligen  462 

s/r/e>i  409  ff. 

s<(jfe  nemen  412  f. 

s?H  s.  tvesen 

sitzen  üf  daz  ras  425  f. 
t'0>i  dew?  ro.sse  426  f. 
als  bew.-verb  430  ff. 
als  zustds.-verb436  f. 
=  ansässig  sein  etc. 
437 

snel  14 

sniden  32  f. 

sorge,  sorgen  24  f. 

spannen   (gezclt   oder 
Ziw^en)  479 

spiln  34 

sprechen  524  ff. ;  =  fest- 
setzen 540  f. 

stän,  sten  als  bew.-verb 
441  ff. ;  als  zustds.-verb 
452  f.;  =  gerichtet 
sein  453  f. ;  =  stehen 
bleiben ;  aufhören  452 

strit  422 
striten  420  ff. 
sidn  548  f. 
5* 


68 


WIESSNER,   RUHE-    UND   RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN. 


sundern  377 
suochen  377  ff. 
st(one  29 

ijost,  ijostieren  422 
tot  ligen  (beligen)  461  ff. 
tot  vaUen  463  f. 
treten  453 
trost  26  f. 
tugen  549 
tuon  489  f. 
tivingen  9 

?(&er  der  Verbreitung 
35  ff.;  =  supra42ff.; 
=  jenseits  44  ff. ;  vom 
Vorrang  56  ft'. 

über  al  39  f. 

über  lüt  40  f. 

ühersigen  410 

überstrUen  410 f. 

übei-vehten  411 

umbeligen  457 

unminne  22 

unschulde  409 

unscJiiddic  409 

urloiibes  gern  384  f. 

urloitp  416 

urloup  nemen  415  f. 

i}/  ersten  446 

i'//'  /t6/<er  .sfwM  450  f. 


wf  siV^e»  425 
üfslahen  eingezelt  478 f. 
wf  s^a»  (sfe>()  445  f. 
«^  erdröuicen  402 
«i  ertw/ngen  402 

v«;je«  4181;  11  f. 
vollen  20  f. 
vart  552 
ve/iiew  420  ff. 
t?e2(/e  Z?'</e>i  464 
verbergen  485  f. 
verdienen  403  ff. 
vergezzen  544 
verlciesen  28  f. 
verläzen  5  ff. 
verneinen  512  f. 
ver rillten  sich  481 
verscliiäden  408 
versehen  sich  519 
versenJcen  487 
versohl  408  f. 
versperren  488 
versuochen  380  f. 
verwunden  422 
vinden  513  f. 
vor  vom  Vorrang  50  ff. 
vordem  387  f. 
vorhte  24 
vor  i<^  54 
vrägen  530 


vröuiven  sich  26 
[/tms  trer^an]  15 
vür  vom  Vorrang  50  ff. 

iüan  26 

tt'ar  nemen  517  f. 

warnen  sich  481 

warten  517  ff. 

?<;a  ?m(?e  ti'd  49 

loellen  549  ff. 

«t'er  (^^e  »'.  s?>i,  komen) 

421 
«jer&e»  389  ff. 
werden  552 
wesen  552  ff". 
widersagen  537 
wider  unde  dan  50  f. 
ivillekomen  471  f. 
tcinken  542 
wizzen  515  f. 
tvunde  422  f. 
wünschen  385 

zemen  31  f. 
^^e  r«cÄ-e  451 
^^orn  23 

r»o  geiceheiien  532 
^-«0  sprec^ien  525  f. 
^TMo  vordem  387 
^-ürHC»!  23 
swtvel  26 


WIEN. 


EDMUND  WIESSNER. 


zu  ALBRECHT  VON  JOHANNSDORF. 

MF.  86,  22  iincl  noch  harfer,  hülfe  ez  iht  lautet  nach  BC 
und  ouch  me,  und  hülfe  cz  iht.  Als  lesart  von  A  gibt  Pfeiffers 
abdruck  vn  noch  harte,  wogegen  MF.  in  allen  auflagen  vn  mich 
harte  bietet,  also  nach  Lachmanns  abschriften.  Offenbar  auf 
letzterer  lesart  fussend  fragt  Schönbach  (Beiträge  zur  erklärung 
altd.  dichtwerke  1.  Die  älteren  minnesänger,  Wien  1899  = 
WSB.  141)  s.  81:  iäge  nicht  der  Überlieferung  näher  unde  ouch 
harter  — ?'  Nun  hat  aber  die  hs.  A  so  deutlich  wie  möglich 
noch,  nicht  mich.  Es  geht  also  daraus  hervor,  dass  man 
differenzen  zwischen  Pfeiffers  abdrücken  und  Lachmanns 
abschriften  nur  durch  einsichtnahme  in  die  hss.,  nicht  durch 
vertrauen  auf  eine  der  beiden  autoritäten  entscheiden  darf. 
Es  ist  geradezu  ein  mangel  des  apparats  in  MF.,  dass  an 
einer  stelle  wie  dieser  nicht  einmal  auf  die  tatsache  der  ab- 
weichung  von  Pfeiffer  hingewiesen  wird.  Für  eine  neue  auf- 
läge von  MF,  wäre  es  also  dringend  nötig,  alle  solche  zweifel- 
hafte stellen  nach  den  jetzt  ja  leicht  zugänglichen  hss.  zu 
verificieren.  Der  text  in  MF.  mit  der  leichten  und  evidenten 
besserung  von  harte  in  harter  schliesst  sich  also  eng  an  A  an. 
Uebrigens  sollte  man  an  unserer  stelle  nach  den  ausführungen 
von  C.  Kraus,  Zs.  fda.  44,  150  ff.  geneigt  sein,  die  lesart  BC 
anzunehmen,  da  für  den  conditionalsatz  hier  sicher  ein  nhd. 
*  wofern  nur'  am  platze  ist. 

87, 17  ff.  hätte  ich  gegen  Schönbachs  ergänzungsversuch 
(s.  82)  einzuwenden,  dass  lieber  geselle,  gesihe  ich  dich  ie  des- 
halb unwahrscheinlich  ist,  weil  in  dem  futurischen  ausdruck 
doch  wol  nur  iemer,  nicht  ic  stehen  könnte;  vgl.  z.  b.  gleich 
88,5  oh  ich  si  iemer  mere  gesehe.^)    Soll  also  hier  ie  reim  wort 


1)  Aus  dem  gleichen  gruude  sind  die  vorschlage  Eeinhold  Beckers 
(Alth.  minnesang  s.  223)  abzuweisen,  wenn  er  92,26  und  93,3  nicmcr  in 
nie  umändern  will. 


70  BRAUNE 

sein,  so  müsste  der  ausdruck  anders  gewant  werden.  Es  wären 
aber  auch  noch  andere  reimworte  denkbar,  z.  b,  verlie,  das 
Albrecht  auch  90,  22  im  reim  hat.  Ueberhaupt  nimmt  die 
lücke,  wie  Haupt  richtig  sagt,  alle  Sicherheit:  ich  möchte  es 
gegenüber  Schönbach  sogar  für  wahrscheinlicher  halten,  dass 
87,  20  der  mann  spreche.  Denn  die  str.  3  antwortet  jedenfalls 
nicht  auf  die  frage  der  dame  87,  15.  IG.  Vielleicht  lag  die 
antwort  in  der  lücke,  wobei  man  freilich  in  der  trümmerhaften 
zeile.  87,  17  (die  von  Haupt  und  Schönbach  angenommene 
besserung  derselben  hat  v.  d.  Hagen  zum  urlieber)  das  si  sprach 
in  ich  sprach  ändern  müsste,  mit  darauf  folgender  directer  rede. 

87, 37.  Haupt  vermutet  in  der  anmerkung  ivinde  statt 
ünde  der  hss.,  und  Schönbach  s.  82  findet  diese  Vermutung 
dadurch  bestätigt,  dass  die  spräche  des  Neuen  testamentes 
marc  und  venttts  häufig  verbinde,  unda  dagegen  gar  nicht 
kenne.  Nun  hat  ja  gewis  Schönbach  in  seiner  an  belehrung 
so  reichen  abhandlung  seine  tiefe  kenntnis  der  mittelalterlichen 
theologie  für  die  erkläruug  der  älteren  minnesinger  in  frucht- 
barster weise  verwertet.  Auch  ist  Albrecht  ein  ganz  besonders 
unter  dem  einflusse  religiöser  ideen  stehender  dichter.  Aber 
trotzdem  darf  man  nicht  schliessen,  er  könne  nur  etwas  ge- 
sagt haben,  was  auch  im  NT.  stehe.  Allerdings  ist  mcr  und 
ünde  eine  tautologische  Verbindung,  insofern  die  wogen  im 
meere  enthalten  sind.  Aber  wenn  deshalb  die  prosa  des  NT. 
mare  et  unda  vermeidet,  so  darf  ein  dichter  sich  doch  hierin 
freier  bewegen,  wie  ja  auch  Nib.  1318,2  steht  daz  in  niht 
enschadete  diu  ünde  noch  diu  fluot.  Zudem  ist  starc  ein  häufiges 
epitheton  bei  ünde  (z.  b.  Nib.  1511,  3),  auch  als  verbum  ist 
toben  dabei  durchaus  üblich.  Ich  wüsste  also  nicht,  weshalb 
man  hier  conjicieren  sollte,  zumal  die  übereinstimmende  Über- 
lieferung der  beiden  unabhängigen  zeugen  A  und  BC  dem  ein 
starkes  hindernis  entgegen  stellt. 

88, 17.  Gegen  beide  nicht  näher  verwante  hss.  (A  und  C) 
hat  Haupt  das  mi  im  eingange  des  verses  gestrichen  und  damit 
den  auftakt  beseitigt,  den  die  drei  übrigen  Strophen  des  tones 
an  dieser  stelle  haben.  Das  überlieferte  Hesse  sich  wol  ver- 
stehen, wenn  man  nach  gesten  v.  15  ein  komma,  nach  eivccUche 
V.  16  einen  punkt  setzte.  Freilich  würde  dann  der  Inhalt  von 
V.  17  sich  nur  als  eine  Variation  von  v.  16  darstellen.    Es  ist 


zu  ABBRECHT  VON  JOHANNSDORF.  71 

zuzugeben,  dass  die  lierstellung  Haupts  einen  besseren  gedauken- 
fortschritt  scliafft.  Aber  es  ist  doch  gewagt,  gegen  die  durch 
das  metrurn  gestützte   doppelte  Überlieferung  nn  zu  streichen. 

89,  5  die  aber  mit  listen  wellent  sin  hat  gegen  die  drei 
übrigen  Strophen  des  tones  einen  takt  zu  wenig.  Hornoff, 
CTerra.  33, 409.  420  sucht  dem  abzuhelfen,  indem  er  die  als  ein- 
silbigen takt  lesen  will.  Das  halte  ich  für  verfehlt,  weil 
erstens  das  relativpronomen  hier  nicht  den  logischen  accent 
hat  (der  vielmehr  auf  listen  liegt)  und  deshalb  nicht  einen 
einsilbigen  takt  füllen  kann.  Zweitens  würde  dadurch  der 
vers  gegen  die  drei  parallelen  verse  auftaktlos  gemacht.  Da 
wir  in  dieser  Strophe  nur  einfache  Überlieferung  haben  (B  und 
C  aus  der  quelle  BC),  so  ist  abhilfe  durch  conjectur  ohne  be- 
denken. V.  d.  Hagen  hat  hie  ergänzt  {die  aber  hie  mit  listen 
ivellent  stn),  was  an  sich  nicht  übel  wäre.  Aber  es  ist  noch 
ein  anstoss  da,  der  zugleich  mit  beseitigt  werden  kann,  näm- 
lich mit  listen.  Schönbach  fühlt  diesen  anstoss,  wenn  er  nötig 
findet  zu  bemerken  (s.  83):  'unter  listen  sind  hier  schlechte 
liebeskünste  verstanden:  Zauberei,  unkeusche  begierden  u. s.w.' 
Aber  würde  das  wol  durch  das  einfache  list  in  der  älteren 
mhd.  zeit  haben  ausgedrückt  werden  können?  Ich  glaube  kaum. 
Das  einfache  mhd.  list,  welches  vorwiegend  im  guten  sinne 
vorkommt,  kann  ja  in  der  bedeutung  'Schlauheit'  schon  nach 
der  ungünstigen  seite  hin  sich  neigen;  auch  wo  es  'Zauber- 
künste' bedeutet,  ist  durch  die  sache  selbst  die  Verschlechterung 
gegeben.  Aber  immer  kommt  man  noch  mit  der  grundbedeutung 
'klugheit,  Schlauheit'  aus,  also  mit  der  fundierung  auf  das  in- 
tellectuelle  gebiet.  AVo  dagegen,  wie  an  unserer  stelle,  das 
ethische  gebiet  betreten  wird  —  im  gegensatz  zu  se  relite  sich 
betvarn  — ,  da  reicht  das  einfache  list  nicht,  da  kann  erst 
durch  ein  ethisches  epitheton,  wie  valseh,  arc,  übel  etc.,  diese 
Wendung  hervorgebracht  werden.  Ich  halte  es  für  evident, 
dass  die  quelle  BC  durch  auslassung  eines  solchen  adjectivs 
vers  und  sinn  verstümmelt  hat  und  würde  lesen:  die  aber  mit 
valschen  (oder  argen)  listen  ivellent  sin,  wobei  valseh  mit  ze  rehte 
und  list  mit  sich  bewarn  correspondiert. 

89, 18.  Die  änderung  von  sich  BC  in  sin  ist  doch  wol 
unnötig.  Nach  den  beiden  schon  von  Haupt  in  der  anm.  an- 
geführten stellen  aus  Gottfried  von  Neifen  und  Walther,  denen 


72  BRAUNE 

Wilmauns  zu  Waltlier  112,  20  noch  Tauliäuser  MSH.  2,  83  a 
das  ich  mich  ir  für  eigen  jach  hinzufügt,  scheint  es  sicher, 
dass  in  der  formel  sich  für  eigen  jehen  eine  syntaktische  ent- 
gleisung  stattgefunden  hat,  indem  statt  des  genetivs  der  acc. 
der  person  eintrat,  vielleiclit  unter  heeinflussung  durch  geben. 
Die  vorläge  der  quelle  BO  muss  jedenfalls  schon  sich  gelesen 
haben.  Dem  Schreiber  BC  war  allerdings  diese  construction 
nicht  geläufig.  Nur  so  erklärt  es  sich,  weshalb  er  unter  Zer- 
störung des  i'eims  jehen  durch  gehen  ersetzte. 

90,  36.  Schönbachs  emendation  htrs  unde  lerne  geivahsen 
scheint  mir  sehr  angemessen  zu  sein.  Wenn  er  aber  weiter 
das  schöne  darauf  deuten  will,  dass  die  blumen  ^ruhig'  bei 
einander  stehen  und  sich  nicht  wie  bei  Walther  über  ihre 
länge  streiten,  so  ist  mir  das  zu  weit  hergeholt,  hur^  unde 
lanc  kann  eine  der  beliebten  Umschreibungen  für  'alle  zu- 
sammen' sein,  wie  'alt  und  jung,  arm  und  reich'  u.s.w.  und 
schöne  als  'streitlos'  zu  fassen  ist  doch  gesucht.  Der  sinn 
des  verses  wird  einfach  sein:  'die  blumen  und  kräuter  unter 
der  linde  standen  alle  zusammen  (kurze  und  lange)  schön  da, 
sie  ergaben  einen  prächtigen  anblick'.  Die  wähl  des  ausdrucks 
hurs  unde  lanc  ist  durch  die  anschauung  nahe  gelegt,  dass 
neben  den  kurzen  blumen,  wie  klee,  gras  u.s.w.,  doch  auch 
rosen  genannt  sind,  die  sich  als  sträucher  hoch  über  das  übrige 
erheben.  Wenn  Schönbachs  conjectur  ferner  dazu  dienen  soll, 
hier  einfluss  W^althers  zu  erschliessen,  so  kann  ich  darin  prin- 
cipiell  nicht  folgen.  Durch  seine  kreuzlieder  werden  für 
Johannsdorfs  dichtung  die  jähre  1188 — 90  als  sichere  punkte 
gegeben.  Walther  erscheint  für  uns  datierbar  zuerst  1198, 
und  ob  wir  seine  anfange  über  1190  zurückrücken  dürfen,  ist 
doch  zweifelhaft  (Burdach,  Walther  v.  d.V.  1,3):  jedenfalls  aber 
gehören  seine  lieder  vom  streit  zwischen  blumen  und  klee 
nicht  in  seine  anfängerzeit.  Dazu  ist  Johannsdorf  hinsichtlich 
der  reinheit  seiner  reime  entschieden  altertümlicher  als  Walther. 
Ich  kann  demnach,  so  lange  nicht  gewichtigere  beweise  er- 
scheinen, beeinflussung  Albrechts  durch  Walther  nur  für  un- 
wahrscheinlich halten. 

91, 2.  Das  ioch  der  liss.  (auch  in  C,  nicht  noch)  in  och  zu 
ändern,  ist  unnötig. 

91, 8  ff.    Von  den  vier  Strophen  dieses  tones  stammen  1.  2 


zu   AL.BRECHT   VON   JOHANNSDORF.  73 

aus  der  quelle  BC  (=  B  16.  17,  C  17.  18).  In  BC  folgte  noch 
die  Strophe  91,  36  (18  B,  19  C),  womit  die  quelle  BC  zu  ende  ist. 
Es  schliessen  sich  in  C  nun  nachtrage  aus  anderen  quellen  an, 
zuerst  (C  20)  die  Strophe  88,  5,  sodann  folgen  als  C  21.  22  die 
Strophen  3.  4  unseres  tones.  Haupt  hat  dieselben  als  beson- 
deres lied  hinter  1.  2  gesetzt.  Die  überlief ernng  aber  erlaubt 
es  ebensowol,  sie  voranzustellen  und  1.  2  folgen  zu  lassen. 
Das  empfiehlt  sich  deshalb,  weil  dann  alle  vier  Strophen  zu- 
sammengefasst  werden  können.  Die  drei  ersten  Strophen  3.  4.  1 
spricht  die  dame.  Sie  erörtert  darin  mehr  theoretisch  die 
schrecklichkeit  des  bruches  eines  minne Verhältnisses;  denn  sie 
ist  im  augenblicke  noch  frei  von  liebesempfindung:  also  ein 
ganz  anderer  Standpunkt,  als  ihn  der  dichter  in  allen  seinen 
niannesstrophen  einnimmt.  Auf  einen  mann  bezogen  erhält 
91,  34  verlüre  ich  minen  friunt  und  besonders  91, 13  wid  tverde 
ich  iemen  liep,  der  st  siner  trimve  an  mir  gemeint  besseren  sinn. 
Und  das  ir  in  91, 9  wird  verständlicher,  wenn  es  auf  sivei 
herzeliep  der  vorigen  Strophe  (91, 29)  zu  beziehen  ist.  AVir 
haben  hier  sonach  einen  mehrstrophigen  frauenmonolog;  vgl. 
Burdach,  Eeinmar  u.  A^'alther  s.  78.  Den  schluss  des  gedichtes 
bildet  dann  die  mannesstrophe  91, 15,  in  welcher  der  liebende 
ritter  die  entscheidung  über  sein  Schicksal  in  die  hand  der  bis 
dahin  noch  nicht  gebundenen  dame  legt.  —  Nachträglich  sehe 
ich,  dass  schon  B.  Obermann  in  seiner  Übersetzung  (Deutscher 
minnesang,  Reclams  ÜB.  2618  f.  s.  59  f.)  die  Strophen  in  dieser 
weise  angeordnet  hat. 

91, 36.  Schönbachs  auffassung  der  Strophe  und  seine 
darauf  gegründete  conjectur  92,  3  siver  mich  vor  ir  nennet 
kann  ich  mir  nicht  aneignen.  Im  aufgesange  sehe  ich  nicht 
zAvei  stufen,  sondern  eine.  Die  beiden  stellen  variieren  den- 
selben gedanken:  'selbst  meinen  feind  würde  ich  fi-eundlich 
empfangen,  wenn  er  von  »ihr^  lierkäme  und  mir  von  ihr  künde 
brächte;  ich  würde  ihm  daraufhin  verzeihen,  auch  wenn  er 
mich  ganz  ausgeraubt  hätte'.  Eine  Steigerung  bringt  erst  der 
abgesang:  'ja  selbst  wenn  es  ein  todfeind  wäre,  der  mir  mord- 
brand  angetan  hätte,  so  würde  ich  ihm  wenigstens  ein  jähr 
lang  freund  sein  für  eine  künde  von  ihr'. 

92,  7.  Die  echtheit  dieser  Strophe  (über  deren  metrisclie 
herstellung  Dietr.  ]V[ül]er,  Albi'.  v.  .1.,  Osnabrücker  progr.  1894, 


74        BRAUNE,  ZU  ALBRECHT  VON  JOHANNSDORF. 

s.  21  ff.  ZU  vergleichen  ist)  scheint  mir  doch  dadurch  widerlegt 
zu  werden,  dass  nur  hier  die  negation  in  der  form  tiict  auf 
scMet  und  liet  gereimt  wird,  während  in  den  sicher  echten 
liedern  Albrecht  oft  genug  nlht  und  iJd  reimt,  um  diese  formen 
als  die  ihm  zukommenden  erkennen  zu  lassen.  Vgl.  iJit :  geschiht 

86,  22;  niht  :  geschiht  88,  24  (iht :  niht  89,  19);  niht  :  ühersiht 
89,  34;  niht :  geschiht  91,  23.  94,  31. 

Finden  wir  so  für  diese  Strophe  Hornoffs  ansieht  bestätigt, 
so  wird  die  von  ihm  Germ.  33,  397  ff.  behauptete  unechtheit 
auch  der  beiden  folgenden  töne  (92, 16  ff.  93, 12  ff.)  nicht  von 
vornherein  als  unwahrscheinlich  gelten  dürfen.  Ich  möchte 
vielmehr  im  gegensatz  zu  Schönbach  hierin  Hornoff  folgen. 
Freilich  für  92, 16  ist  entscheidendes  nichts  weiter  beizubringen, 
als  dass  man  sagen  kann:  die  grundstimmung  und  der  Inhalt 
ist  von  den  sonstigen  liedern  Albrechts  sehr  verschieden. 
Dasselbe  gilt  auch  für  93,12,  in  welchem  allein  die  hiiote 
auftritt.  Aber  dieser  ton  weist  durch  seinen  ausgeführten 
dialog  in  eine  weit  spätere  zeit.  In  diesem  siebenstrophigen 
liede  (sonst  bewegt  sich  der  dichter  nur  zwischen  1 — 4  Strophen) 
ist  jede  Strophe  kunstvoll  so  verteilt,  dass  der  erste  Stollen 
und  die  erste  zeile  des  abgesangs  dem  ritter,  der  zweite  Stollen 
und  die  zweite  zeile  des  abgesangs  der  dame  zufällt.  Wol 
lässt  auch  Albrecht  die  dame  sprechen.  Aber  in  dem  liede 
91, 8  ff.  noch  in  der  altertümlichen  weise,  ohne  directe  anrede. 
Ein  ansatz  zum  dialog  findet  sich  in  dem  verstümmelten  liede 

87,  5  ff.  Aber  zu  der  stufe  des  kunstvollen  stichischen  dialogs, 
wie  in  93, 12,  ist  nicht  einmal  Walther  vorgedrungen.  E.  M. 
Werner  sagt  Anz.  fda.  7, 131:  'A.  v.  Johannsdorf  ist  von  1185 — 
1209  nachgewiesen;  ich  glaube,  er  ist  später  als  Morungeu  an- 
zusetzen, besonders  wegen  seiner  ausgezeichneten  behandlung 
des  dialogs  93, 12  f.,  er  übertrifft  noch  Walther  (vgl.  Anz.  7,  61).' 
Das  ist  ganz  richtig  beobachtet:  wenn  dieses  lied  von  Albrecht 
wäre,  so  müsste  er  ein  nachfolger  Walthers  sein  und  wäre  aus 
des  Minnesangs  Frühling  zu  beseitigen,  in  welchen  er  nach 
seinen  sicheren  liedern  und  nach  der  zeit  seines  auftretens  sehr 
wol  passt. 

HEIDELBERG.  W.  BRAUNE. 


ostgermanisch -westgermanische 
neui:rungen  bei  Zahlwörtern. 

Gliederimg-  der  Germanen  4  ff.  habe  ich  ausser  den  bereits 
bekannten  gemeinsamen  neuerungen  von  je  zwei  der  drei 
germanischen  dialektgruppen  auch  einige  bis  dahin  noch  un- 
beachtete aufgezählt,  sowie  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass 
sich  trotz  der  engeren  verwantschaft  zwischen  ostgermanisch 
und  nordgermanisch  in  einer  bestimmten  periode  auch  gemein- 
schaftliche neuerungen  des  ostgerm.  und  westgerm.  abweichend 
vom  nordgerm.  in  folge  der  Wanderung  der  Ostgermanen  aus 
Skandinavien  nach  Ostdeutschland  vollzogen  haben.  Wenn  sich 
hier  die  Wichtigkeit  einer  zuvor  überhaupt  noch  nicht  in  diesen 
Zusammenhang  gestellten  ganzen  art  von  neuerungen,  die  der 
nominalen  Wortbildung,  für  die  frage  der  gliederung  und  geo- 
graphischen Verschiebung  der  dialekte  und  der  sie  sprechenden 
Stämme  gezeigt  hatte,  so  wird  man  sich  doch  gewis  auch  da- 
nach umsehen  dürfen,  ob  nicht  auch  noch  andere  gleichfalls 
bisher  noch  nicht  herangezogene  arten  von  neuerungen  für 
diese  frage  in  betracht  kommen  können.  Gewis  wird  mein 
schriftchen  auch  in  dieser  beziehung  nocli  mannigfacher  er- 
gänzungen  bedürfen,  von  denen  eine  wenigstens  an  diesem  orte 
nachzutragen  mir  selbst  gestattet  sein  möge.  Die  art  der 
neuerungen,  auf  die  ich  hier  hinweisen  will,  betrifft  flexion 
und  bildungsweise  von  Zahlwörtern. 

In  betracht  kommt  hier  vor  allem  die  declination  der 
zahlen  4—19.  Das  got.  und  das  westgerm.  weichen  hier  in 
zwei  punkten  gemeinsam  vom  nord.  ab,  indem  sie  erstens  die 
4  nicht  unter  allen  umständen  declinieren,  und  zweitens  von 
4—19  lebendige  casus  nach  der  i- declination  bilden  können. 
In  beiden  beziehungen  hat  hier  das  nord.  nach  ausweis  der 
ver Wanten  sprachen  den  indog.  zustand  gewahrt,  wenn  man 


76  LOEWE 

von  dem  eine  besondere  erklärung  erheischenden  umstände  ab- 
sieht, dass  dasselbe  bei  13 — 19  bestimmte  erstarrte  casusformen 
für  die  ursprünglichen  flexionslosen  formen  eingesetzt  hat. 
Was  aber  die  4  betrifft,  so  wurde  dieselbe  im  indog.  gleich 
den  ihr  vorangehenden  Zahlwörtern  stets  decliniert,  was  bei 
den  ihr  folgenden  gerade  niemals  der  fall  war.  Im  got.  sowol 
wie  im  westgerm.  ist  4  aus  der  Zahlenreihe  1 — 4  ausgeschieden 
und  in  die  reihe  5 — 19  übergetreten,  wobei  es  nichts  ausmacht, 
dass  letztere  gruppe  selbst  durch  teilweise  annähme  der  /-flexion 
den  alten  zustand  gleichfalls  verlassen  hat.  Denn  obgleich  das 
got.  und  das  westgerm.  sowol  in  bezug  auf  partiellität  und 
totalität  der  flexion  wie  auch  auf  Verwendung  der  flectierten 
und  der  unflectierten  formen  von  einander  abweichen  und  in 
letzterer  beziehung  sich  sogar  noch  unterschiede  zwischen  den 
einzelnen  westgerm.  dialekten  finden,  so  wird  doch  die  4  im 
got.  wie  in  jedem  westgerm.  dialekt  genau  so  wie  5—19  und 
nirgends  so  wie  1 — 3  formell  und  functionell  behandelt. 

Ihre  alte  consonantische  flexion  hat  die  4  allerdings  auch 
nord.  nicht  gewahrt.  Sie  ist  dort  in  die  grosse,  ihr  gebiet 
überhaupt  sehr  erweiternde  adjectivische  o/«-declination  über- 
gegangen, nach  der  ja  das  zahlwort  einn  einschliesslich  seines 
plurals  sowie  die  auch  als  cardinalia  fungierenden  distributiva, 
darunter  ferner,  abgewandelt  wurden.  AVenn  gleichwol  in 
flörer,  fiörar,  fiogor  trotz  der  analogiebildung  nach  der  all- 
gemeinen flexion  der  adjectiva  doch  die  unterschiede  in  der 
Stammesgestalt  nicht  verwischt  wurden,  so  geht  daraus  doch 
wol  hervor,  dass  weniger  der  positive  trieb,  auch  die  vierzahl 
in  die  alles  gleichmachende  adjectivdeclination  überzufüliren, 
als  der  negative,  die  alte  isolierte  flexion  aufzugeben,  die  ver- 
anlassung zur  neubildung  gegeben  hat.  Dabei  wird  der  verfall 
der  consonantischen  declination  überhaupt  die  neuerung  sehr 
begünstigt  haben.  Auch  im  got.  und  westgerm.  wird  die  alte 
flexion  der  4  Avegen  ihrer  Isoliertheit  und  des  allgemeinen  Ver- 
falles der  consonantischen  declination  beseitigt  worden  sein. 
Doch  AMirde  die  vierzahl  hier  nicht  in  eine  andere  declinations- 
klasse  übergeführt,  sondern  nach  dem  muster  der  ihr  folgenden 
Zahlenreihe  jeglicher  flexion  entkleidet.  Auch  wenn  wir  über 
die  geographische  läge  des  ostgerm.  und  des  westgerm.  zu 
einander  nichts  wüssten,  würden  wir  es  für  sehr  wahrschein- 


OSTG.-WESTG.   NEUERUNGEN   BEI   ZAHLWÖRTERN.  77 

lieh  halten  dürfen,  dass  die  beiden  gTuppen  diese  neuerimg- 
gemeinsam  vollzogen  haben,  also  einmal  einander  benachbart 
gewesen  sind.  Denn  es  geschieht  doch  in  flexionssprachen 
gewis  weit  seltener,  dass  declinierte  Wörter  nach  dem  muster 
von  indeclinabeln  die  declinationsendungen  einfach  abwerfen, 
als  dass  umgekehrt  indeclinable  Wörter  endungen  von  decli- 
nierten  annehmen.  Wo  sonst  ein  wort  in  seiner  declination 
isoliert  wird,  da  ist  es  der  natürliche  Vorgang,  dass  es  sich 
nach  einer  anderen  declinationsgruppe  richtet,  wie  das  ja  auch 
in  unserem  falle  im  nord.  geschehen  ist.  Nur  der  umstand, 
dass  die  der  vierzahl  vorangehenden  drei  zahlen  alle  ganz 
verschieden  flectierten,  die  ihr  folgenden  fünfzehn  aber  gleich- 
massig  jeder  flexion  entbehrten,  lässt  es  begreiflich  erscheinen, 
dass  sie  hier  überhaupt  ihre  flexion  verlor.  Einen  analogen 
process  haben  wir  tatsächlich  auch  bei  lat.  qtiaUiwr.  Wollte 
man  indes  aus  letzterer  neuerung  schliessen,  dass  auch  das 
got.  und  das  westgerm.  leicht  unabhängig  von  einander  die 
vierzahl  ihrer  declination  beraubt  haben  könnten,  so  wird 
dem  gegenüber  wenigstens  darauf  hingewiesen  werden  dürfen, 
dass  im  lat.  die  ganze  Zahlenreihe  5—100,  nicht  bloss  5 — 19, 
auf  den  Verlust  der  flexion  hingewirkt  hat.  Noch  weit  weniger 
liesse  sich  übrigens  zu  gunsten  einer  solchen  annähme  die  tat- 
saclie  anführen,  dass  das  got.  und  das  westgerm.  verschiedene 
Stammesgestaltungen  der  4  aufweisen:  bei  der  absoluten  gleicli- 
heit  der  bedeutungen  und  der  grossen  ähnlichkeit  der  formen 
konnte  die  neuerung  natürlich  auch  über  die  ostgerm.-westgerm. 
grenze  dringen.  Jedenfalls  dürfen  wir,  da  die  neuerung  an 
sich  nicht  besonders  nahe  lag,  das  ostgerm.  und  das  westgerm. 
aber  in  der  zeit  ihrer  nachbarschaft  auch  andere  neuerungen 
gemeinsam  vollzogen  haben,  auch  den  Verlust  der  flexion  bei 
der  vierzahl  mit  Wahrscheinlichkeit  hierhin  rechnen. 

Weit  auffallender  als  die  Übereinstimmung  des  got.  und 
westgerm.  in  diesem  flexiousverluste  ist  allerdings  die  in  der 
partiellen  Überführung  der  indeclinablen  zahlen  4—  19  in  eine 
bestimmte  flexionsgruppe,  in  die  i -declination.  Es  kommt 
hinzu,  dass  got.  wie  westgerm.  die  unflectierten  formen  die 
häufigeren  bleiben.  Die  unterschiede,  die  hier  zwischen  beiden 
dialektgruppen  vorhanden  sind,  lassen  sich  leicht  als  secundär 
erkennen.  Dass  die  defective  formation,  wie  sie  im  got.  erhalten 


78  LOEWE 

ist,  sehr  leicht  zu  einer  totalen  werden  konnte,  wie  sie  west- 
genn.  vorliegi,  bedarf  keiner  auseinandersetzung.  Wenn  aber 
das  westgerm.  im  gegensatz  zum  got.  zwischen  flectierten  und. 
unflectierten  formen  functionell  scheidet,  so  entspricht  das  nur 
dem  allgemeinen  gesetze  der  Sprachentwicklung,  wonach  von 
gleichbedeutenden  formen  fast  immer  die  einen  zuletzt  wider 
untergehen  oder  in  ihrer  function  von  den  anderen  getrennt 
werden  (Paul,  Prinz,  d.  sprachg.3  s.  230  ff.). 

-Wenn  die  flectierten  formen  im  westgerm.  die  substan- 
tivische function  übernahmen,  so  erklärt  sich  das  natürlich 
daraus,  dass  hier  nicht  wie  bei  der  adjectivischen  casus  und 
genus  des  Zahlworts  bereits  durch  die  endung  des  zugehörigen 
Substantivs  gekennzeichnet  waren.')  Wenn  speciell  das  deutsche 
die  flectierten  formen  auch  da  gebraucht,  wo  die  Zahlwörter 
als  adjectiva  nach  ihrem  Substantiv  stehen,  dieselben  aber  bei 
umgekehrter  Stellung  streng  meidet,  so  hängt  das  mit  dem 
streben  nach  endflexion  zusammen,  demselben  streben,  das  die 
infictische  flexion  des  pronomens  'dieser'  im  nord.  wie  im 
westgerm.  allmählich  zu  einer  suffictischen  gemacht  hat: 
was  bei  dem  einheitlichen  worte  die  Schaffung  neuer  formen 
veranlasst  hatte,  erwies  sich  bei  der  wortgruppe  wenigstens 
von  einfluss  bei  der  auswahl  zwischen  verschiedenen  schon 
vorhandenen  formen.  Dass  übrigens  infictische  flexion  auch 
gerade  bei  Zahlwörtern  möglichst  vermieden  wird,  zeigt  sich 
besonders  in  den  ordinalien  von  13 — 19  derjenigen  germ.  dia- 
lekte,  die  auch  noch  den  ersten  bestandteil  dieser  Wörter 
durch  ein  ordinale  ausdrücken,  des  got.  und  des  ahd.:  diese 
lassen  hier  übereinstimmend  das  vordere  ordinale  ohne  flexion. 
Unflectiert  bleiben  ja  westgerm.  (die  got.  formen  sind  nicht 
belegt)  auch  die  Vorderglieder  der  cardinalia  13 — 19,  abgesehen 
nur  davon,  dass  ahd.  bei  flexion  von  13  der  vordere  bestandteil 
mitdecliniert  wird  (drin  zenin  bei  Notker).  Da  die  dreizahl 
als  selbständiges  wort  stets  flectierte,  so  hatte  sich  ein  so 


1)  Dieser  Unterscheidung-  liegt  die  zwisclien  den  ags.  pluvalformeu 
hundreclu  und  hunäred  (nach  dem  plural  hund  wie  auch  püsend  neben 
ßüsendu)  nicht  so  fern.  Ersteres  kommt  nur  in  absolutem  gebrauche  vor. 
Wo  der  plural  ausser  durch  die  vorgesetzte  einerzahl  auch  noch  durch  den 
abliängigen  pluralischen  genetiv  gekennzeichnet  war,  wurde  eine  besondere 
endung  desselben  als  überflüssig  empfunden. 


OSTG.-WESTG.   NEUERUNGEN   BEI   ZAHLWÖRTERN.  79 

starkes  gefülil  für  ihre  flexion  gebildet,  dass  sie  da,  wo  syn- 
taktisch eine  flexionsform  von  13  gefordert  wurde,  gleichfalls 
der  flexion  unterlag,  obwol  diese  hier  eine  infictische  war. 
Es  kam  als  verstärkendes  moment  hinzu,  dass  drl  selbst  nach 
der  «-declination  abgewandelt  wurde,  nach  der  an  der  be- 
treffenden stelle  ja  auch  der  zweite  bestandteil  von  clnsehan 
seine  casus  formierte. 

Das  ags.  kennt  im  gegensatze  zum  deutschen  die  flectierten 
formen  der  zahlen  4 — 19  nur  in  substantivischem  gebrauche, 
nicht  auch  in  adjectivischem  nach  Substantiven,  i)  Da  die 
flectierten  formen  gerade  bei  der  häufigsten  gebrauchsweise 
der  Zahlwörter,  der  adjectivischen  vor  Substantiven,  nicht  an- 
gewant  werden,  so  ist  es  wahrscheinlich,  dass  ihre  einschrän- 
kung  auf  bestimmte  functionen  zuerst  da,  wo  diese  noch  die 
grösste  ausdehnung  haben,  im  deutschen,  erfolgt  ist.  Von 
letzterem  aus  wird  sich  dann  diese  einschränkung  in  ab- 
geschwächtem masse  auf  das  ags.  fortgepflanzt  haben. 

Einen  unterschied  herausgebildet  haben  ahd.  und  ags. 
auch  in  der  behandlung  der  einer  in  den  zwischenzahlen.  Das 
ahd.  flectiert  hier  den  einer,  wenn  derselbe  dem  zehner  voraus- 
geht, z.  b  in  un.mn  fiOTK  inti  ohtozug  järo  (Tatian),  wol  haupt- 
sächlich, weil  in  diesem  falle  der  einer  an  der  substantivischen 
function  des  zehners  teilnimmt.  Freilich  findet  diese  flexion 
auch  da  statt,  wo  bereits  der  zehner  adjectivisch  fungiert, 
z.  b.  in  niuni  inti  niimmg  rcJde  (Tatian).  Das  mag  teils  auf 
dem  einflusse  des  durchaus  noch  überwiegenden  substantivischen 
gebrauchs  der  zehner  beruhen,  teils  auch  in  der  entfernung 
des  einers  von  seinem  substantivum  und  damit  in  seiner  rela- 
tiven Selbständigkeit  begründet  sein.  Dagegen  wurden  im 
ags.  einer  und  zehner  der  zwischenzahlen  in  weit  engerer  be- 
ziehung  zu  einander  gefühlt.  Dort  wird,  wie  sich  an  den  nur 
declinierte  formen  kennenden  zahlen  ersehen  lässt,  die  vor  den 
zehner  tretende  und  mit  ihm  durch  and  verbundene  einerzahl 
in  den  nom.-acc.  neutr.  gesetzt,  gleichviel  in  welchem  casus 
der  zehner  selbst  stellt,  z.  b.  in  pdra  hvd  and  hventisra  nianna: 
der  einer  wird  hier  trotz  des  and  ganz  als  integrierender  und 


')  Hierbei  ist  davon  a])znseheii,  dass  bei  13—19  bestimmte  erstarrte 
flexionsformen  da  gebraucht  werden,  avo  bei  4 — 12  die  nnflectierten  formen 
stehen,  worüber  weiter  x;uten. 


80  LOEWE 

deshalb  indeclinabler  wortteil  der  zwischenzahl,  deren  am  ende 
stehender  zehner  ihr  neutrales  geschlecht  bedingt,  empfunden.') 
AVird  doch  selbst  bei  den  ordinalien  wenigstens  von  twcsen 
regelmässig  die  neutralform  twd  an  die  spitze  der  mit  and 
gebildeten  zwischenzahl  gestellt,  und  sind  überhaupt  die  einer 
in  dieser  Zusammensetzung  gleichfalls  nicht  flectierbar.  Nur 
der  dativ  tivdm  {twcem)  kommt  hier  bei  den  ordinalien  vor, 
vielleicht  auch  drim\  bei  den  cardinalien  sind  beide  formen 
nachgewiesen.  Sievers,  Ags.  gr.^  §  326  anm.  und  §  338  erklärt 
dies  aus  der  einsilbigkeit  dieser  dative,  was  sicher  das  richtige 
trifft,  da  hier  die  zwischenzahl  in  ihrem  wortinneren  nicht  in 
gleichem  masse  verändert  wurde,  als  wenn  hier  wie  im  genetiv 
noch  eine  ganze  silbe  hätte  eingeschaltet  werden  müssen. 
Doch  wäre  das  auch  hier  höchstwahrscheinlich  nicht  möglich 
gewesen,  wenn  es  sich  nicht  umsonst  stets  flectierende  einer 
gehandelt  hätte. 

In  einem  falle  hat  das  ags.  abweichend  vom  deutschen 
den  flectierten  formen  eine  besondere  ausdehnung  verliehen, 
nämlich  bei  den  compositis  13 — 19.  Hier  steht  der  nom.-acc. 
des  masc. -fem.  auf  -e  durchw^eg  da,  wo  bei  4 — 12  die  unflec- 
tierte  form  gebraucht  wird.  Wenn  der  Angelsachse  in  adjec- 
tivischer  function  stets  driUne,  drityne,  feoivertene,  feoivertyne 
im  gegensatze  zum  einfachen  Un,  iyn  anwendet,  so  ist  das 
entweder  dadurch  veranlasst,  dass  man  die  dvandvacomposita 
in  höherem  grade  pluralisch  als  die  einfachen  zahlen  oder  dass 
man  bei  den  mit  doppeltem  haupttone  gesprochenen  zweisilbigen 
""driten  {*drityn),  *ßften  (*fiftyn),  *sicxfcn  (*siextyn)  beim  zu- 
sammenstoss  mit  einem  Substantiv  die  unmittelbare  aufeinander- 
folge dreier  haupttöne  unwillkürlich  als  störend  empfand,  in 
Avelchem  letzteren  falle  dann  die  dreisilbigen  composita  von 
10  nach  dem  muster  der  zweisilbigen  das  -e  angenommen 
hätten;  übrigens  könnten  auch  beide  Ursachen  zusammen- 
gewirkt haben.  Wie  man  aber  auch  die  sache  auffassen  mag, 
es  ist   klar,   dass  das  festwerden   der  casusendung   bei   den 


')  Man  vergleiche  liierinit  die  assiiiiilatiou  im  geuus  in  einer  so  ein- 
heitlichen Verbindung  wie  nhd.  das  hah  ntuJ  (jnt  neben  die  habe  aus  ahd. 
haba  =  afries.  hava;  wo  nhd.  etwa  das  hab  allein  vorkommt,  ist  es  erst 
aus  der  Verbindung  das  hab  und  gut  ausgelöst.  Paul,  Prinz,  d.  sprachg.^ 
s.  308  führt  aus  Pestalozzi  sogar  den  gen.  seines  habs  und  (jiits  an. 


OSTG.-WESTG.   NEUERUNGEN   BEI   ZAHLWÖRTERN.  81 

dvandvacompositis  erst  erfolgt  sein  kann,  nachdem  die  Schei- 
dung zwischen  formen  substantivischer  und  adjectivischer 
function  stattgehabt  hatte  oder  frühestens  während  dieselbe 
stattfand,  da  sonst  die  formen  auf  -e  auch  bei  substantivischem 
gebrauche  durch  alle  casus  geführt  sein  müssten.  So  aber 
wurde  dieser  häufigsten  casusform  diejenige  function  für  alle 
casus  verliehen,  die  bei  4 — 12  die  formen  ohne  casusendung 
erhalten  hatten  oder  gleichzeitig  erhielten.  Dass  die  functions- 
erweiterung  dieser  formen  auf  -e  bereits  zu  einer  zeit,  da  die 
Angelsachsen  noch  auf  dem  continente  sassen,  stattgehabt  hat, 
ergibt  sich  aus  der  teilnähme  des  ostfries.  daran,  wo  es  z.  b. 
fiiiwertine  gegenüber  tian  heisst. 

Freilich  hat  nun  diese  aus  einer  westgerm.-ostgerm.  neue- 
rung  hervorgewachsene  anglofries.  eigentümlichkeit  das  west- 
germ.-ostgerm. gebiet  noch  überschritten.  Dem  Verhältnis  von 
ags.  Hen  zu  driUne  bis  ni^ontcne  entspricht  nämlich,  worauf 
mich  Sievers  aufmerksam  macht,  was  den  auslaut  betrifft, 
das  von  an.  tiu  zu  prcttdn  bis  nüidn,  deren  n  ja  nur  vor 
einer  flexionsendung  erhalten  sein  kann.  Es  ist  hier  meiner 
meinung  nach  eine  anglofries.  eigentümlichkeit  in  das  benach- 
barte nord.  gedrungen,  wie  ja  diese  beiden  dialekte  vermöge 
ihrer  nachbarschaft  verschiedene  gemeinsame  neuerungen  un- 
abhängig von  den  übrigen  dialekten  vollzogen  haben.  Hatten 
einmal  im  ags.  bei  13 — 19  ganz  bestimmte  flexionsformen  die- 
jenige function  übernommen,  die  bei  4 — 12  die  unflectierten 
in  strenger  sonderung  von  den  flectierten  ausübten,  so  waren 
erstere  für  das  Sprachgefühl  selbst  zu  unflectierten  formen  ge- 
worden, die  auch  in  einen  germanischen  nachbardialekt  ein- 
dringen konnten,  der  eine  lebendige  declination  bei  5 — 19 
überhaupt  nicht  kannte.  In  diesem  mangel  einer  lebendigen 
declination  gerade  bei  diesen  zahlen,  bei  5 — 12  auch  in  dem 
mangel  erstarrter  casusformen,  stimmt  ja  das  nord.  genau  noch 
zum  indog.,  und  es  kann  daher  doch  wol  nicht  zweifelhaft 
sein,  dass  es  sich  niemals  an  der  durchflectierung  dieser  zahlen 
beteiligt  hat.  Ausserdem  Hesse  es  sich  sclnver  denken,  dass, 
wenn  einmal  eine  lebendige  «-declination  bei  5 — 19  auch  im 
nord.  aufgekommen  wäre,  die  «-casus  bei  5 — 12  wider  durch 
die  alten  indeclinablen  formen,  bei  13 — 19  durch  formen,  die 
für  das   Sprachgefühl   in   die  reihe  dieser  eingetreten  waren, 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  (J 


82  LOEWE 

verdrängt  sein  sollten,  wo  doch  1 — 4  und  substantiviscli  auch 
die  zahlen  nach  19  stets  flectierten,  und  wo  überhaupt  in- 
declinabilia  leichter  in  eine  bestimmte  flexion  übergehen,  als 
dass  declinierte  Wörter  die  ihrige  verlieren. 

Dazu  kommt  noch,  dass  unter  den  verschiedenen  theorien, 
welche  über  den  Ursprung  der  i- flexion  von  4 — 19  aufgestellt 
worden  sind,  diejenige  Osthoffs,  Morph,  unters.  1,  131  am  an- 
nehmbarsten erscheinen  muss,  wonach  got.  taihunim,  fichvörim, 
ainlihhn,  twalihim  u.s.w.  in  prwi  ihren  ausgangspunkt  haben. 
Denn  wer  über  fichvörim  von  einem  nom.  pl.  neutr.  ^fichföri 
oder  über  ainlihim,  twalihim  von  einem  *ainlibi,  *twalibi  oder 
über  fimßm  von  einem  *ftmfi  ausgeht,  müsste,  um  zum  dativ 
auf  -im  als  allgemeiner  bildungsweise  der  zahlen  4 — 19  zu 
gelangen,  eine  doppelte  analogiebildung  voraussetzen,  während 
man,  wenn  man  prim  als  musterform  zu  gründe  legt,  nur  eine 
einzige  anzunehmen  hat.  Hat  aber  die  3  die  flexion  veranlasst, 
so  lässt  es  sich  auch  am  besten  verstehen,  warum  die  nenerung 
im  ostgerm.  und  westgerm.  schon  bei  der  4  beginnt,  während 
man  im  nord.,  wo  die  4  nach  eigener  weise  und  so  gut  wie 
die  3  unter  allen  umständen  flectierte,  nur  die  4  als  muster 
einer  flexion  hätte  erwarten  können,  es  wäre  denn  dass  die  4 
selbst  die  ^■-declination  angenommen  hätte. 

Uebrigens  wird  im  ostgerm.-westgerm.  nicht  bloss  der  dat., 
sondern  gleichzeitig  auch  der  gen.  von  4 — 19  nach  dem  muster 
der  3  facultative  flexion  übernommen  haben.  Man  könnte  hier 
freilich  zunächst  daran  anstoss  nehmen,  dass  im  got.  dem  Jmje, 
Jirim  nicht  ein  *fidicönje,  fidicörim,  sondern  ein  fuhvöre,  fid- 
wörim  entspricht,  wonach  hier  also  die  substantivische  i-decli- 
nation  das  muster  abgegeben  zu  haben  scheint.  Dem  gegen- 
über muss  man  sich  aber  klar  machen,  dass  im  got.  gen.  pl. 
auch  der  substantivischen  /-stamme  einmal  ein  i  vor  der 
flexionsendung  gestanden  haben  muss.  Got.  gaste  verdankt 
seine  entstehung  erst  der  nach  dem  Vollzüge  der  vocalischen 
auslautsgesetze  geschehenen  analogiebildung:  dags,  dag  :  gasts, 
gast  =  dage  :  gaste.  Da  sich  im  plural  sonst  die  flexionen  der 
männlichen  und  weiblichen  substantiva  vollständig  glichen, 
nahmen  auch  letztere  im  gen.  pl.  -e  für  -ije  an,  während  sie 
im  sing.,  wo  sie  zwei  casus  abweichend  bildeten,  ihren  unter- 
schied von  den  masculinen  aufrecht  erhielten.    Des  weiteren 


OSTG.-WESTG,   NEUERUNGEN   BEI   ZAHLWÖRTERN.  83 

konnte  nun  allerding-s  im  got.  die  substantivische  i-declination 
auch  auf  die  numerale  einwirken,  nachdem  sich  einmal  eine 
solche  dort  gebildet  hatte.  Es  konnte  die  proportion  entstehen: 
gastim  :  fidivörim  =  gaste  :  fidivüre.  Da  ältere  formen  von  den 
analogieformen  nicht  sofort  verdrängt  zu  werden  pflegen,  so 
konnte  hier  sogar  die  doppelformigkeit  von  *gastiße  und  gaste 
auf  erzeugung  einer  doppelformigkeit  *ftdwörije  und  fidwöre 
mit  hinwirken.  Wenn  ^rije  selbst  von  keiner  analogieform 
verdrängt  wurde,  so  lag  das  daran,  dass  in  den  genetiven  von 
got.  4 — 19  überall  ein  unbetontes  i  gerade  wie  bei  den  Sub- 
stantiven der  i-declination  vorhanden  war,  Jnije  dagegen  mit 
seinem  betonten  i  den  Substantiven  ferner  stand.  Auch  ist  es 
begreiflich,  dass  eine  form,  in  der  gerade  der  in  der  analogie- 
form nicht  vorhandene  vocal  den  ton  trug,  leichter  wider- 
stand leisten  konnte  als  eine  solche,  in  welcher  der  vocal  nur 
unbetont  war. 

Wenn  es  eine  flexion  von  4 — 19,  wie  ja  auch  noch  im 
got.,  ursprünglich  nur  im  gen.  und  dat.  gab,  so  lag  das  daran, 
dass  diese  beiden  casus  speciellere  beziehungen  als  der  blosse 
subjectscasus  und  objectscasus,  die  ja  so  vielfach  unter  sich 
die  gleiche  form  haben,  zum  ausdruck  bringen,  für  ihre  be- 
sondere kennzeichnung  also  leichter  ein  bedürfnis  entstehen 
konnte.  Ganz  analog  haben  ja  auch  im  sanskrit  dieselben 
Zahlwörter  (ausser  der  noch  nach  alter  weise  durchgängig 
flectierenden  4)  in  allen  casus  mit  ausnähme  des  nom.  und 
acc.  flexionsendungen  angenommen. 

Die  Überführung  der  zahlen  4 — 19  in  die  i-declination 
hat  nach  den  vorangegangenen  erörterungen  in  einer  zeit 
stattgefunden,  in  der  die  Goten  in  den  Weichselgegenden 
Sassen.  Eine  bestätigung  dieser  chronologischen  bestimmung 
aus  anderen  momenten  dürfte  sich  wenigstens  für  den  terminus 
ad  quem  gewinnen  lassen.  Wie  ich  IF.  13, 41  f.  wahrscheinlich 
gemacht  zu  haben  glaube,  beruht  das  -e  von  krimgot.  sevene, 
nyne,  thiine  gegenüber  fyder,  fyuf,  seis  auf  anlehnung  an  die 
mit  thiine  gebildeten  dvandvacomposita,  von  denen  Busbeck 
thiinita,  thiinetua,  thiinetria  nennt,  welche  letztere  form  nur 
nur  eine  umkehrung  von  -ägs. preotyne  darstellt.  Danach  scheint 
sich  also  auch  noch  die  specielle  neuerung,  dass  in  einem  teile 
des  germ.  das  -i  des  nom.  acc.  pl.  fem.  (aus  -y/>  oder  aus  -ins, 

6* 


84  LOEWE 

Streitberg',  ürgerm.  gr.  s.  243),  welches  anglofries.  wie  krimgot. 
lautgesetzlicli  als  -e  erscheint,  an  die  adjectivisch  fungierende 
form  angetreten  ist,  noch  vor  dem  abzuge  der  Heruler  und 
Goten  an  das  Schwarze  meer  vollzogen  zu  haben.  Wir  haben 
hier  also  wahrscheinlich  einen  Vorgang,  den  ein  teil  des  west- 
germ.  mit  einem  ihm  benachbarten  teile  des  ostgerm,  (ich  halte 
die  Heruler,  die  vorfahren  der  Krimgoten,  jetzt  für  in  Mecklen- 
burg wohnende  Ostgermanen;  vgl.  IF.  13, 66  ff.)  und  dem  ihm 
benachbarten  nord.  im  gegensatze  zum  übrigen  westgerm.  wie 
übrigen  bekannten  ostgerm.  (got.)  vorgenommen  hat.  Wenn 
aber  diese  functionserweiterung  des  -i  noch  vor  dem  abzug  der 
Heruler  und  Goten  von  der  Ostsee  fallen  dürfte,  so  selbst- 
verständlich erst  recht  die  entstehung  der  i-declination  bei 
den  betreffenden  und  den  ihnen  vorangehenden  zahlen. 

Letzteres  lässt  sich  fi-eilich  noch  besser  auf  einem  anderen 
wege  zeigen.  Dem  westgerm.  f  von  ags.  twelf,  twelfa,  ahd. 
swelf,  zivelfo  steht  das  got.  h  von  twdlif  (tivalib),  tivalihe,  tiva- 
lihivintrus.  u.  s.  w.  gegenüber.  Grammatischer  Wechsel  aber 
könnte  nicht  vorliegen,  wenn  nicht  zur  zeit  der  spiranten- 
erweichung  formen  mit  verschiedener  betonung  existiert  hätten. 
Es  ist  nun  aber  sehr  unwahrscheinlich,  dass  die  got.  formen 
mit  stimmhaftem  Spiranten  nur  von  den  compositis  ausgegangen 
sein  sollten,  zumal  doch  auch  der  stimmlose  spirant  der  ordinalia 
dagegen  wirkte.  Vielmehr  wird  auch  das  h  von  tivalihe,  ttva- 
liUm  lautgesetzlich  sein.  Die  Überführung  von  4—19  in  die 
«■-declination  hat  also  höchstwahrscheinlich  schon  vor  eintritt 
des  Vernerschen  gesetzes  stattgehabt,  der  sicher  noch  in  vor- 
chiistliche  zeit,  also  lange  vor  den  abzug  der  Goten  aus  dem 
Weichselgebiete  fällt.  Wenn  sich  hier  eine  ältere  sprachliche 
neuerung  über  ein  engeres  gebiet,  das  damalige  südgermanische 
(d.h.  ost-  und  westgermanisch),  eine  jüngere  wider  über  ein 
weiteres,  das  gesammte  germanisch,  verbreitet  hat,  so  bedarf 
das  keiner  weiteren  erläuterung.  Zu  bemerken  ist  aber,  dass 
wir  durch  die  genauere  begrenzung  der  spanne  zeit,  in  welcher 
die  zahlen  4—19  ihre  «-casus  angenommen  haben,  auch  die 
zeit  näher  begrenzen  können,  in  welcher  die  vierzahl  ihre 
flexion  einbüsste,  was  natürlich  schon  geschehen  sein  muss, 
bevor  dieselbe  in  gemeinschaft  mit  den  folgenden  zahlen 
flexionslose  formen  und  «-casus  neben  einander  setzen  konnte. 


OSTG.-WESTG,  NEUERUNGEN   BEI   ZAHLWÖRTEEN.  85 

Eine  gemeinsame  neuerung  des  ostgerm.  und  westgerm. 
hat  wahrscheinlich  auch  bei  der  zahl  20  stattgefunden.  Mit 
Streitberg,  Urgerm.  gr.  §  167  sind  hier  natürlich  die  dualischen 
formen  des  nord.  (ostnord.  tinglm,  westnord,  tuttugu,  tuttogo) 
für  ursprünglich,  die  pluralischen  der  übrigen  dialekte  für 
neuerungen  zu  halten.  Die  westgerm.  bildung  zeigt  hier  in 
ihrem  ersten  gliede  deutlich  einen  dat.,  weshalb  man  das  ganze 
wort  für  einen  dat.  angesehen  hat,  wie  denn  z.  b.  Sievers,  Ags. 
gr.-^  §  324,  anm.l,  ags.  twcfmtis,  twentig,  hventig  aus  einem  ^tivdm 
tigum  verkürzt  sein  Hess.  Aber  selbst  wenn  das  ags.  wort 
indeclinabel  wäre,  so  Hesse  es  sich  doch  nicht  gut  denken,  dass 
ein  casus  von  so  specialisierter  bedeutung  wie  der  dat.,  der 
zudem  seltener  als  nom.  und  acc.  war,  die  der  Verkürzung 
anheimfallende  normalform  des  Wortes  hergegeben  haben  sollte. 
Obenein  ist  der  dativ  hier  gerade  als  Uventigiim  erhalten, 
während  üventlj  im  älteren  ags.  nur  für  nom.  und  acc.  steht. 
Auch  wäre  es  nicht  zu  verstehen,  warum  nicht  neben  twentig 
auch  ein  *örmtig  stünde.  Es  bleibt  uns  nichts  übrig,  als  nur 
das  Vorderglied  von  westgerm.  20  als  dat.  aufzufassen,  der  in 
jeder  casusgestalt  des  ganzen  Wortes  unverändert  blieb.  Die 
westgerm.  gestalt  der  30  begreift  sich  auch  auf  diese  weise 
sehr  gut.  Denn  wenn  sowol  der  dieser  zahl  vorausgehende 
zehner  sowie  alle  ihr  folgenden  ihr  vorderglied  unflectiert 
Hessen,  konnte  auch  das  ihrige  am  leichtesten  seine  flexion 
verlieren.  Hier  drang  nun  aber  der  nom.-acc.  als  normalform 
und  weitaus  häufigste  form  durch,  und  zwar  geschah  nach 
aus  weis  von  ags.  dritig,  as.  thrUich,  ahd.  drissug  diese  uni- 
formierung zu  einer  zeit,  in  der  tigjus  wie  im  got.  und  nord. 
noch  masc.  war. 

Aus  dieser  betrachtung  ergibt  sich  die  richtigkeit  der 
deutung  Streitbergs  a.  a.  o.,  der  den  dat.  hier  in  instrumentalem 
sinne  fasst,  wonach  also  ags.  hventig,  as.  Uventig,  ahd.  siveinsuc 
'mit  zwei  die  zehner,  zweimal  die  zehner'  bedeutet.  Der 
instrumental  eines  Zahlwortes  wird  ja  überhaupt  nicht  selten 
in  oder  zur  Verbindung  mit  einem  anderen  zahlworte  gebraucht. 
So  zunächst  in  sociativem  sinne  bei  dvandvacompositis  wie  in 
abaktr.  nava  satciis  Jiamnromca  '1900'  (Jackson,  Avesta  gram- 
mar  §  368,  note)  und  bei  den  ags.  zehnern,  die,  selbst  cardinalia, 
den  zweiten  bestandteil  eines  aus  einer  und  zehner  zusammen- 


86  LOEWE 

gesetzten  ordinale  ausmachen  wie  in  dridäa  eac  tiventi^um, 
während  in  den  distributiv  gebrauchten  dativischen  formein 
des  ags.  wie  ticcem  ond  üvcem,  düsendum  ond  Öiisendiim  beide 
dative  wol  in  sociativem  sinne  aufzufassen  sind.  In  dem 
seltenen  westnord.  prentdnde,  aschwed.  l)ydentdnde,  in  dessen 
erstem  bestandteil  Noreen,  Aisl.  u.  anorw.  gr.-  §  385  anm.,  einen 
dat.  erkannt  hat,  ist  dieser  hier  gleichfalls  sociativ  gebrauchte 
casus  mit  der  folgenden  zahl  zu  einem  einzigen  gebilde  ver- 
schmolzen, das  noch  einheitlicher  in  dem  schon  vor  der  assi- 
milation  des  n  an  folgendes  t  entstandenen  gewöhnlichen  west- 
nord. 7»'e//«w,  o'&iworA.  prcettan  erscheint;  wenn  der  Skandinavier 
speciell  die  13  im  gegensatze  zu  den  folgenden  zahlen  als  ein 
'zehn  mit  drei'  auffasste,  so  entsprang  das  der  empfindung, 
dass  mit  dieser  zahl  nach  der  Unterbrechung  durch  11,  12 
die  dvandvacomposita  der  10  einsetzten.  Den  dat.  in  pren- 
tdnde,  Jirdentdnde  aber  vergleicht  Noreen  weiter  gut  mit  dem 
in  ahd,  zweinsug,  ags.  twentig  (das  er  nur  unrichtig  dem  got. 
twaim  tigum  gleichsetzt),  in  dem  erst  recht  ein  einheitliches 
wort  vorliegt,  nur  dass  hier  der  dativ  nicht  in  sociativ,  sondern 
in  multiplicativ  instrumentalem  sinne  gesetzt  ist. 

Dieselbe  bildungsweise  wie  bei  der  westgerm.  20  liegt 
nun  wahrscheinlich  auch  im  got.  vor.  Wenn  man  seit  J.  Grimm, 
Gr.  2, 948,  stets  als  sichere  got.  nominativform  für  20  ein  *twai 
tigjus  angesetzt  hat  (das  nirgends  auch  nur  mit  einem  Sterne 
bezeichnet  ist),  so  ist  dem  gegenüber  darauf  hinzuweisen,  dass 
von  diesem  zahl  Worte  einzig  der  dat.  Uvaim  tigum  Iaw.  Wh '^\ 
als  beleg  existiert.  AVenn  nun  auch  ein  genau  nach  preis  tigjus 
U.S.W,  gebildetes  Htvai  tigjns  an  und  für  sich  durchaus  mög- 
lich erscheint,  so  lässt  sich  doch  auch  von  iivaim  tignni  der 
nom.  als  *twaim  tigjus  ansetzen. 

Um  die  Wahrscheinlichkeit  letzterer  annähme  zu  prüfen, 
ist  es  wichtig  zu  erfahren,  ob  die  verdrängte  dualform  im  got. 
und  im  westgerm.  gebiete  gleichzeitig  untergegangen  ist.  Diese 
frage  aber  ist  deshalb  höchstwahrscheinlich  zu  bejahen,  weil 
das  verschwinden  des  duals  aus  der  declination  in  jedem  ein- 
zelnen germanischen  dialekte  gerade  nur  mit  ausnähme  des 
duals  der  personalpronomina  erfolgt  ist,  der  dual  des  nomens 
also  überhaupt  durch  einen  gemeingermanischen  act  durch 
den  phiral  verdrängt  wurde.    Der  dual  20  aber  konnte  nicht 


OSTG.-WESTG.  NEUERUNGEN    BEI   ZAHLWÖRTERN.  87 

einfach  durch  den  phiral  beseitigt  werden,  weil  der  plural 
'die  zehner'  im  gegensatze  zur  alten  form  'die  beiden  zehner' 
von  den  formen  'drei  zehner  u.s.w.'  gerade  des  Unterscheidungs- 
merkmals entbehrt  haben  würde.  Aus  diesem  gründe  beliess 
hier  auch  das  nord.  ausnahmsweise  den  dual,  gab  jedoch  dessen 
nunmehr  völlig  isolierte  flexion  entweder  schon  gleichzeitig 
oder  sehr  bald  darauf  im  anschluss  an  die  flexionslosigkeit 
der  zahlen  5 — 19  auf.  Das  westgerm.  dagegen  liess  auch  den 
dual  20  mit  allen  übrigen  dualen  des  Substantivs  untergehen 
und  ersetzte  denselben  gleichfalls  durch  den  plural.  Wenn 
hier  nun  nicht  einfach  die  zweizahl  attributiv  zu  diesem 
plural  hinzutrat,  sondern  'mit  zwei  die  zehner'  gesagt  wurde, 
so  prägt  sich  in  dieser  ausdrucksweise  die  hier  durch  den 
ersatz  des  duals  durch  den  plural  veranlasste  schärfere  Unter- 
scheidung von  den  benennungen  'drei  zehner  u.s.w.'  aus;  die 
entstehung  war  also  derjenigen  der  an.  13  nicht  unähnlich 
(vgl.  s.  86).  Dagegen  war  es  etwas  anderes,  wenn  später  im 
anglischen  ohne  weiteren  anlass  ein  twwgentij  nach  der  Pro- 
portion dri  :  ^hvoe^en  (wofür  twcege)  =  dritis  :  twce^entig  ge- 
schaffen wurde. 

Was  nun  das  got.  betrifft,  so  hätte  dasselbe  doch  höchst- 
wahrscheinlich den  alten  dual  20  als  indeclinable  form  gleich- 
falls erhalten,  wenn  es  zur  zeit  des  Unterganges  des  nominalen 
duals  noch  in  Skandinavien  gesprochen  worden  wäre.  Da  aber 
der  dual  in  der  declination,  ausgenommen  beim  Personal- 
pronomen, höchstwahrscheinlich  bereits  verdrängt  wurde,  bevor 
die  Goten  an  das  Schwarze  meer  gerückt  waren  —  denn  sonst 
hätten  sich  letztere  an  dieser  neuerung  schwerlich  beteiligt ')  — 
so  wird  auch  der  dual  von  20  noch  zu  dieser  zeit  untergegangen 
sein.  War  nun  aber  das  verschwinden  des  duals  20  im  got. 
zu  gleicher  zeit  durch  die  gleiche  Ursache  wie  im  westgerm. 
veranlasst,  und  trat  hier  im  got.  wie  im  westgerm.  der  mit 
'zwei'  umschriebene  plural  von  *ligus  ein,  so  wird  das  got, 
diese  Umschreibung  wahrscheinlich  auch  in  derselben  weise 
v/ie  das  westgerm.  vollzogen  haben,   von  dem  es  damals  nur 


^)  Sie  taten  dies  auch  nicht  hei  Verdrängung  des  duals  durch  den 
plural  heim  verhum,  die  sich  also  nach  ihrem  ahzuge  an  das  Schwarze 
meer  üher  das  jiordgerm.  und  westgerm.  wie  viele  andere  neuerungen  ver- 
breitet hahen  wird. 


88  ^  PANZER 

durch  anderes  ostgerm.  gebiet,  nicht  aber  wie  das  nordgerm. 
durch  das  meer  geschieden  war. 

CHAELOTTENBUEG.  EICHAED  LOEWE. 


ZUM  MEIER  HELMBRECHT. 

Es  herscht  immer  noch  keine  völlige  einigkeit  darüber, 
welche  von  den  beiden  recensionen  dieses  gedichtes  in  bezug 
auf  die  localisierung  der  handlung  das  ursprüngliche  biete. 
Auch  nach  den  bekannten  Untersuchungen  von  Keinz,  deren 
schöne  ergebnisse  uns  das  gedieht  mit  neuer  lebenswärme 
erfüllten,  haben  die  angaben  der  Berliner  hs.  noch  manchen 
füi^  ursprünglicher  gegolten,  und  erst  neuerdings  ist  ihnen  in 
Strnadt  wider  ein  Verteidiger  erstanden,  i)  Und  in  der  tat 
muss  man  zugeben,  dass  die  ganze  frage  —  und  zwar  sowol 
von  den  anhängern  der  Ambraser,  als  denen  der  Berliner  hs. 
—  seltsamer  weise  niemals  ernsthaft  von  der  seite  aus  unter- 
sucht worden  ist,  die  hier  allein  eine  zwingende  entscheidung 
geben  kann. 

Denn  es  lässt  sich  nicht  verkennen,  dass  die  nachweisuugen 
von  Keinz,  so  bestechend  sie  erscheinen,  doch  tatsächlich  für 
eine  entscheidung  unserer  frage  keineswegs  durchschlagend 
sind.  Wollte  Keinz  eine  solche  erbringen,  so  hätte  er  nach- 
weisen müssen,  dass,  was  A  und  B  gemeinsam  haben,  sich  mit 
der  localisierung  von  B  nicht  vereinigen  lässt.  Das  ist  nun 
tatsächlich  nicht  geschehen.  Der  nach  weis  eines  Helmbrechts- 
hofes tut  es  noch  nicht.  Der  name  Helmbrecht  ist  weiter  ver- 
breitet, leicht  mag  es  auch  im  Traungau  bauern  und  bauern- 
geschlechter  dieses  namens  gegeben  haben  (der  hofname  ist  ja 
durch  das  gedieht  gar  nicht  bezeugt);  ja  wir  wissen  nicht 
einmal,  ob  die  erzählung  nur  überhaupt  auf  einem  wirklichen 
Vorkommnis  beruht.  Die  Versicherung  des  dichters  (v.  7  f.), 
er  habe  das  erzählte  selbst  erlebt  und  gesehen,  bietet  dafür 


^)  Linzer  Volksblatt  Tom  10.  jan.  1894;  ich  kenne  den  aufsatz  nur  ans 
dem  referat  von  Keinz,  Anz.  fda.  20,  2G2  ff. 


ZUM   MEIER  HELMBRECHT.  89 

jedenfalls  keine  gewähr;  streng  genommen  widerspricht  ihr 
schon  V.  1638,  und  die  weiter  unten  näher  auszuführende  tat- 
sache,  dass  beträchtliche  und  nicht  unwichtige  stücke  der  er- 
zählung  unserem  dichter  durch  directe  literarische  entlehnung 
zugekommen  sind,  erbringt  im  gegenteil  die  gewisheit,  dass 
zum  mindesten  nicht  alles  im  gedichte  historisches  geschehnis 
sein  kann.  Was  aber  sonst  an  geographisch  greifbaren  namen 
begegnet,  findet  sich  entweder  nur  in  A  oder  nur  in  B  •)  und 
ist  jeweils  durchaus  sinngemäss.  Nun  hat  Keinz  ja  vieles  aus 
dem  gedichte  in  spräche  und  sitte  der  Gilgenberger  gegend 
widergefunden.  Sollte  damit  aber  zugleich  die  Originalität 
von  A  er\nesen  werden,  so  hätte  er  zeigen  müssen,  dass  spräche 
und  sitte  des  Traungaus  den  angaben  des  gedieht  es  nicht 
entsprechen.  Das  ist  nun  nicht  geschehen,  2)  und  kann  wahr- 
scheinlich nie  geschehen,  indem  der  wenig  östlicher  auf  gleichem 
sprach-  und  Stammesgebiet  gelegene  Schauplatz  von  B  sich 
hierin  kaum  durchschlagend  vom  Innviertel  unterscheiden 
möchte.  Und  so  wäre  es  denn  an  sich  ganz  wol  denkbar, 
dass  die  localisierung  von  B  das  ursprüngliche  böte,  und  erst 
ein  Schreiber,  der  den  Helmbrechtshof  bei  Gilgenberg  kannte, 
die  namen  dessen  Umgebung  entsprechend  umgeändert  hätte. 

Es  gibt  nun  aber  doch  ein  von  all  diesen  Überlegungen 
ganz  unabhängiges  moment,  von  dem  aus  sich  für  eine  ent- 
scheidung  des  problems  mindestens  ein  hoher  grad  von  Wahr- 
scheinlichkeit erzielen  lässt.  Es  ist  das  das  grundsätzliche 
Verhältnis  der  beiden  hss.  zu  dem  originale,  das  sich  doch  noch 
aus  anderen  stellen  als  den  zwei  versen  mit  den  strittigen 
Ortsangaben  feststellen  lässt.  Eine  neue  ausgäbe  des  gedichtes, 
die  ich  eben  hergestellt  habe,  gibt  mir  auch  sonst  veranlassung, 
einiges  hierüber  zu  sagen. 

Ich  schicke  voraus,  dass  die  nachstehenden  ausführungen 
sich  auf  eine  neue  vergleichung  der  hss.  stützen.    Die  Berliner 


0  Ob  JcienlHe  1-127  xmd  loch  J391  als  namen  zu  gelten  haben,  ist  ebenso 
unsicher  wie  ihre  allenfallsige  localisierung. 

2)  Wenigstens  lässt  sich  das  einzige,  was  Keinz  nach  dieser  seite  an- 
geführt hat  (MSB.  1865,  824-.  32(5)  sofort  Aviderlegen.  Oestlich  vom  Innviertel 
soll  weder  das  krautessen,  noch  der  ausdruck  ruohen  graben  gelten  (sondern 
ruoben  ziehen);  aber  der  Oesterreicher  Seifr.  Helbling  sagt  1,  646  rüeben 
graben,  und  vom  krautessen  ist  ebda.  943  ft'.  ausführlich  genug  die  rede. 


90  PANZER 

konnte  ich  selbst  benutzen.  Eine  sorgfältige  collation  der 
Ambraser  hs.,  die  lierr  cand.  phil.  A.  Eicliler  in  Wien  für  mich 
anzufertigen  die  gefälligkeit  hatte,  ei-gab,  dass  Bergmanns  ab- 
druck  der  hs.  im  Anzeigeblatt  zu  den  Wiener  Jahrbüchern  der 
literatur  bd.  85.  86  (1839)  mit  grosser  genauigkeit  veranstaltet 
ist.  Er  hat  nur  die  in  der  hs,  sehr  willkürlich  gesetzten 
grossen  anfangsbuchstaben  vieler  Wörter  durchgehends  in  kleine 
verwandelt  und  sonst  einige  kleine  änderungen  der  Orthographie 
des  Schreibers  mangelnder  typen  wegen  vorgenommen,  ohne  ge- 
naue consequenz.  So  ist  das  ü  der  hs.  im  allgemeinen  durch  uo, 
öfter  aber  auch  durch  u  widergegeben,  ä  zuweilen  durch  ae, 
zuweilen  aber  auch  durch  ä  oder  a;  S  durch  oe  oder  ö.  Oefter 
schreibt  die  hs.  e  für  mhd.  ce;  der  druck  setzt  dafür  e,  e  oder  ae. 
Die  haken  über  u,  v,  iv,  y  sind  im  druck  nicht  widergegeben. 

Im  übrigen  sind  nur  folgende  meist  sehr  unbedeutende 
fehler  in  Bergmanns  abdruck  zu  berichtigen  (ich  setze  die 
lesart  der  hs,  hinter  die  klammer):  34  Ä;op/e]  lio^lie,  39  dacli\ 
tach,  44  lioere}i\  lioren,  61  iüinstern\  wünstern,  87  dem]  den, 
90  Jiorct]  höret,  108.  900,  1715  her]  heer,  111  etztrunnen]  enn- 
trunnen,  133  hleine]  Maine,  152  stvey]  Zicay,  158  soll]  soll, 
274  rocke]  roch,  362  nyni]  Nym,  396  den]  dem,  406  hat]  het, 
415  vnnz]  unns,  515  sie]  die,  529,  536  welches]  welhes,  548  ge- 
niesset]  geniessent,  574  soll]  soll,  591  vnd]  vmh,  625  zivay] 
zwey,  647  pflege]  phlcge,  707  ander]  aiinder,  755  taten]  tatten, 
824  saem]  zam,  906  scy]  sey,  929  huhnrdircn]  Buhurdieni,  954 
juncMerrn]  Junckhern,  959  Ernest]  Ernst,  980  leider]  laider, 
991  vcrnym]  vernym,  1042  sclüafen]  schlaffen,  1071,  1175 
Helmprcchtc{n)]  I£elemprechte{n),  1136  mocJitet]  mocht  et,  1218 
kuabe]  knabe,  1273  meiner]  meinen,  1304  lange]  lannge,  1379 
viel]  vil,  1402  gefüllet]  ge  füllet,  1419  man]  mann,  1460  Gote- 
linden]  Gottelinden,  1465  hoeret]  höret,  1486  sendet]  senndct, 
1494  {sie)  fehlt  und  auch  der  räum  dafür,  ebda,  got]  gott,  ebda. 
Letnpcrslint]  Lemperschlint,  1544  er  fiindcn]  erfunden,  1589 
Vaters]  Vater,  1608  in]  ein,  1664  raucher]  rauher,  1717  tvas] 
Wes,  1778  nie]  nicht,  1832  ym]  Im. 

Stellen  wir  nun  zunächst  fest,  dass  keine  der  liss.  aus  der 
anderen  abgeschrieben  sein  kann,  indem  jede  nachweisbar  echte 
verse  enthält,  die  der  anderen  fehlen.  Welche  von  ihnen  steht 
aber  dem  original  näher? 


ZUM   MEIER   HELMBRECHT.  91 

Wir  können  hier  sofort  einen  schritt  weiter  tun,  der  zu- 
nächst den  abstand  zwischen  dem  original  und  den  abschritten 
durch  ein  mittelglied  ausfüllt.  Ein  blick  auf  die  lesarten 
lehrt,  dass  beide  hss.  sich  fortlaufend  fast  in  jedem  verse  von 
einander  unterscheiden.  Wer  aber  die  abweichungen  einzeln 
prüft,  erkennt  bald,  dass  sie  trotzdem  einem  zweige  der  Über- 
lieferung' angehören.  Es  finden  sich  eine  g-anze  reihe  gemein- 
samer fehler  in  AB,  die  nicht  unabhängig  von  einander  ent- 
standen sein  können;  die  hss.  müssen  also  auf  eine  gemeinsame 
vorläge  zurückgehen,  die  nicht  das  original  war. 

Am  meisten  fällt  in  die  äugen,  dass  beide  hss.  dort,  wo 
der  dichter  eine  rede  ohne  ausdrückliche  einführung  gelassen 
hatte,  nachträglich  ein  er  spracli  hinzufügen,  das  den  vers 
zerstört:  299.  361.  471.  561.  601.  717.  1185.  1257.  1265.  1743. 
1779,  {si)  sprach  1492.  Obwol  nun  die  hss.  auch  für  sich  noch 
gelegentlich  solche  einführungen  zeigen  (A  419.  617;  B  913), 
so  kann  bei  dieser  niasse  von  fällen  doch  kein  zufälliges  zu- 
sammentreffen mehr  angenommen  werden;  besonders  ist  das 
auch  bei  v.  279  ausgeschlossen,  wo  beide  hss.  ein  bestimmteres 
der  vater  sprach  einschieben. 

Ein  weiterer  schlagender  fall  bietet  sich  in  der  bezeich- 
nung  der  abschnitte.  Haupt,  Zs.fda.4,321  hat  bereits  angemerkt, 
dass  die  hss.  an  vielen  stellen  abschnitte  der  erzählung  durch 
grosse,  bunte  anfangsbuchstaben  bezeichnen;  zumeist  geschieht 
das  dort,  wo  eine  neue  rede  anfängt.  Es  ist  nun  charakte- 
ristisch, dass  beide  hss.  fälschlich  bei  985  einen  abschnitt  an- 
deuten, statt  bei  984,  wo  die  rede  des  sohnes  beginnt. 

Dazu  kommen  dann  die  lesarten.  Zwar  wenn  beide  hss. 
1633  kost{e)  schreiben  statt  Jcüste,  und  selbst  das  unsinnige 
ar^ne  statt  härme  1388  wäre  noch  als  zufälliges  zusammen- 
treffen erklärbar,  indem  beide  Schreiber  das  veraltete  wort 
nicht  mehr  verstanden  und  nun  das  nächstliegende  dafür  ein- 
setzten. Aber  an  anderen  stellen  ist  der  zufall  ausgeschlossen. 
So  wenn  beide  hss.  627  (wol  durch  zurückgleiten  des  auges 
auf  624)  ein  rabe  schreiben  statt  des  allein  möglichen  der  r. 
oder  gleich  wider  631  {a)ive  den  raben  {a)we  den  c{h)ran  statt 
des  redten  und  der  Iran.  438  schreiben  beide  hss.  tverjset  statt 
conj.  wise,  1067  beide  einen  statt  ein,  1271  beide  meinen  statt 
miner,    1780  beide  niht  statt  nie,    1785  beide  alle  statt  alles, 


92  PANZER 

1892  beide  sinnlos  ye  statt  7iie.  In  dem  euch  AB  799  hat 
Haupt  richtig-  einen  fehler  für  in  vermutet,  das  von  der  vor- 
läge schon  in  iu  verlesen  wurde.  Ebenso  hat  Haupt  wol  mit 
recht  47  üs  Kriechen  (und  88  tenJce?)  für  das  original  an- 
genommen statt  des  von  beiden  hss.  gebotenen  von  kriechen  (und 
lenke);  für  die  vv.  32(5  f.  und  1134  sind  unten  s.  107  f.  gemein- 
same fehler  der  hss.  angenommen  und  zu  begründen  gesucht. 
96  steht  in  A  die  tvarn,  in  B  der  tvos  statt  des  zu  erwartenden 
diu  was,  das  schon  in  der  vorläge  entstellt  gewesen  sein  muss. 
Ebenso  fehlen  die  vv.  1718—20,  die  in  A  überladen  sind,  in 
B  offenbar  deshalb,  weil  sie  in  der  vorläge  schon  entstellt 
waren;  ebendaher  stammt  bereits  das  den  vers  überladende  der 
junge  A  668  und  B  hat  deshalb  gCcändert.  Auch  1651  scheint 
in  beiden  hss.  verderbt,  aber  der  Wortlaut  der  vorläge  ist  nicht 
wol  reconstruierbar.  Ein  fehlerhafter  zusatz  schon  der  vorläge 
scheint  das  von  AB  gebotene  uns  v.  185,  ebenso  gehabt  681, 
das  den  vers  zerstört.  Auch  das  vnd  v.  1053  wird  wol  (trotz 
1197)  ebenso  fehlerhafter  einschub  der  vorläge  sein  wie  das 
ir  1340,  vü  1434,  üs  1732  und  e  (aus  1796  versehentlich  ge- 
nommen) 1795.  Umgekehrt  fehlte  das  ew-  1773  wol  schon  in 
der  vorläge  von  AB.  Einige  male  ist  auch  die  Wortstellung 
in  beiden  hss.  sichtlich  nach  der  vorläge  gestört;  vgl.  die  les- 
arten  zu  719.  751.  928.  968.  1211.  1571. 

Nach  alledem  kann  es  nicht  zweifelhaft  sein,  dass  A  und  B 
—  wir  wissen  nicht  ob  unmittelbar  oder  durch  Zwischenschriften, 
jedenfalls  aber  in  directer  linie  —  einer  gemeinsamen  vorläge 
entstammen.  In  welcher  der  hss.  ist  diese  nun  genauer  wider- 
gegeben? 

Wenden  wir  uns  zunächst  zu  A,  so  wird  sofort  deutlich, 
dass  diese  hs.  vielfach  eine  falsche  lesart  bietet.  Ich  zähle  die 
fälle  vollständig  auf,  indem  ich  sie  unter  bestimmte  gesichts- 
punkte  ordne,  die  ihr  wesen  erklären. 

1.  Zunächst  zeigt  A  mehrmals  einfache  verschreibungen: 
718  lat  lat  statt  got  lat,^)  1180  habest  nemest  statt  habe  nemest, 
1347  schallar  statt  scharlat,  120  irs  tverche  statt  ir  iverehes 
und  sonst  einige  Verwechslungen  in  den  endungen,  wie  143.  157 


*)  Ich  gebe  die  richtige  lesart  hier  regelmässig  in  der  A  gemässeu 
Orthographie. 


ZUM   MEIER  HELMBRECHT.  93 

einer  statt  einen,  394  dem  statt  den,  421.  761  seihen  statt  sel- 
he{r),  578  der  statt  des,  736  meinen  statt  ?)«em;  1634  &a?c?er  statt 
?^mV?e,  1069  Hclemprechte  statt  Helmpreclit 

2.  Eine  besondere  gruppe  von  fehlem  ist  in  A  daraus 
entstanden,  dass  der  Schreiber  seine  vorläge  flüchtig  angesehen 
und,  völlig  unbekümmert  um  den  sinn,  statt  der  richtigen 
Wörter  graphisch  ähnliche  gesetzt  hat.  So  ist  statt  des  prät. 
het  mehrmals  hat  geschrieben:  842.  916.  1362;  755  sprachest 
statt  sprichest,  1756  vor  statt  von,  1101  vnd  ymmer  an  statt 
ymmer  vnz  an,  1384  tvann  statt  wän,  923  man  statt  mi(n), 
892  heilt  statt  heint,  1814  deuhe  statt  (^'/e&,  1034  nahen  statt 
vahen,  1921  ivarent  statt  varent,  1406  geivern  statt  geiverren, 
1022  &er«y7  statt  tra«7,  1028  rmtZer  statt  nY^er,  1026  /?eZ^  statt 
/«em  und  wese^  statt  t^w  e^. 

3.  Handelt  es  sich  in  der  eben  aufgeführten  gruppe  überall 
um  sinnlose  entstellung  flüchtig  gelesener,  ganz  gewöhnlicher 
Wörter,  so  werden  von  unserem  Schreiber  nun  auch  seltene 
oder  veraltete  Wörter,  die  er  vermutlich  nicht  verstand,  einfach 
durch  graphisch  ähnliche  ersetzt  ohne  jede  rücksicht  auf  den 
sinn  der  stelle.  So  ist  247.  48  mey  geschrieben  statt  men,  648 
hie  trat  statt  hin  drat,  717.  747  swester  liindeldn  statt  soetc  l: 
(vgl.  unten  s.  107),  728  de  hraytra  statt  dohra  ytra,  1077  einen 
port  abgeschlagen  statt  emen  horten  wol  beschlagen,  1713  deuol 
statt  deu  sal,  1809  heraus  statt  Rons  (d.  i.  Bü.z),  1831  von 
seinen  hinden  statt  von  siben  binden,  auch  1350  tobel  halte  ich 
für  einen  fehler  statt  hohel. 

4.  Eine  weitere  gruppe  von  fehlem  ergibt  sich  in  A  daraus, 
dass  räumlich  nahe  stehende  verse  den  Schreiber  gestört  haben. 
So  sind  nach  318  schon  einmal  die  verse  323  f.  geschrieben, 
die  dann  am  gehörigen  orte  widerholt  werden.  166  ist  tüeche- 
lein  geschrieben  statt  röclcelein  nach  tnoch  169,  235  farte 
( :  drate)  statt  iväte  nach  dem  reimwort  von  243,  275  ivol 
stenden  statt  uähen  nach  274,  277  tauben  statt  fraiven  nach 
276,  276  die  statt  den  nach  277.  657  f.  sind  die  reimwörter 
umgestellt.  940  steht  danne  statt  da  nach  939,  1031  f.  stehen 
disem  und  dem  richtiger  in  B,  1418  steht  ganz  sinnlos  starp 
statt  stap  nach  1419,  1475  vnd  fürten  auf  rossen  zu  statt  auf 
tvagen  vnd  auf  r.  z.  nach  1474,  1754  mir  statt  mich  nach  1753. 
1755.    Auch  596  do  ragte  dir  ist  wol  fehler  (vgl.  B)  nach  594 


94  PANZER 

(wo  keine  Veranlassung  bestellt  von  A  abzuweichen).  Aelinlicli 
ist  58  auf  der  hauhen  statt  darauf,  weil  jenes  wort  im  voraus- 
gehenden oft  genannt  war  (vgl.  besonders  28):  hier  mag  auch 
39  haube  fach  statt  houhetdach  verzeichnet  sein,  ebenso  110 
die  iiunne  statt  die. 

5.  In  den  letzten  beispielen  sind  wir  schon  von  den  rein 
graphischen,  also  physisch  bedingten  fehlem,  recht  eigentlichen 
'versehen',  zu  fehlem  gelangt,  die  auf  psycliologischer  grund- 
lage  ruhen.  Sie  sind  äusserst  selten  bei  unserem  Schreiber. 
Eine  kleine  gruppe  ergibt  sich  daraus,  dass  einige  male  ein- 
zelne Wörter  sich  mit  solchen  vertauscht  zeigen,  die  ihnen 
durch  sinn  oder  gegensinu  verwant  sind.  124  steht  fälschlich 
der  vater  statt  die  müter  und  entsprechend  125  der  statt  die, 
572  wetjsse  statt  sivartse,  761  dein  statt  mein.  Allenfalls  etwas 
gedacht  haben  könnte  sich  der  Schreiber  bei  seiner  lesart,  wenn 
er  1565  im  schrieb  (auf  ieglicher  1561  bezogen)  statt  m;  alle 
anderen  hier  angeführten  lesarten  ergeben  unsinn. 

6.  Sehr  selten  sind  auslassungen  in  A.  Ein  einziges  mal 
fehlt  ein  voll  wort:  602  riehen]  sonst  nur  pronomina  und  Par- 
tikeln. Mehrfach  ist  die  negation  en-  weggelassen  (650.  784. 
804.  1149.  1225.  1372.  1732;  1773  fehlte  sie  schon  in  der  vor- 
läge); ferner  fehlen  36.  1874  dar,  202  und,  628.  1742  ez,  893 
min,  973  da,  1692  er,  1699  dise,  1804  das,  1810  liin,  693  cZo  (?), 
wol  auch  1409  in  (obwol  gewern  auch  absolut  stehen  könnte). 
—  Mehrfach  fehlt  in  A  das  pronomen,  mit  dem  ein  vorauf- 
gegangenes Substantiv  aufgenommen  oder  ein  folgendes  voraus- 
genommen wird:  205  in,  423  den,  479  der,  644  diu,  890  die. 
Da  diese  stilistische  besonderheit  sonst  für  unseren  dichter 
gesichert  ist  (Helsig,  Metrik  u.  Stilistik  im  M.  Helmbr.  s.  82  ff.), 
so  wird  auch  hier  überall  B  das  ursprüngliche  haben.  Ausser- 
dem hat  A  vier  verse  ganz  ausgelassen:  1505.  06  wider  durch 
graphisches  versehen  wegen  der  gleichen  reimworte  in  1503 
und  1677.  78. 

7.  Ebenso  selten  wurde  in  A  sinn  oder  vers  durch  zusätze 
gestört.  Einiges  dankt  sein  dasein  fortgeschrittener  sprach- 
entwicklung,  wie  das  ze  278,  dir  398,  die  artikel  in  308.  549. 
794.  875.  1314.  1397,  auch  das  icU  353  lässt  sich  hier  an- 
führen. Einige  nichtssagende  partikeln  sind,  seltener  als  sonst 
in  jungen  hss.,  zugesetzt:    312  auch,    1334  wol,   966  hey,  wol 


ZUM  MEIER  HELMBRECHT.  95 

aiicli  1646  ee.  Ein  ganz  sinnloser  einschub  ist  das  vnä  (und 
seinem  statt  seinen)  in  v.  1742.  Das  mich  1600  kann  aus  der 
vorläge  stammen  (B  hat  an  derselben  stelle  ein  störendes  da), 
1662  ye  mer  vnd  mere  ist  eine  art  dittograpliie.  Mehrfach 
haben  wider  benachbarte  verse  eingewirkt:  433  ist  vnd  ein- 
geschoben nach  434,  497  nie  nach  494,  536  das  nach  537,  627 
sass  nach  624.  Eine  bedachte  zutat  kann  man  etwa  finden  in 
182  gerne  (nach  geläufiger  formel),  788  es  in  ewr  malhen  statt 
etvr  malhen  (es  =  das  essen  785);  endlich  die  verdeutlichenden 
einschübe  er  sprach  419.  617  und  der  heijsset  1934.  Dass  die 
Überladung  der  verse  1718—20  aus  der  vorläge  stammt,  ist 
oben  s.  92  bemerkt.  Einige  male  darf  man  Umstellung  der 
ursprünglichen  Wortfolge  in  A  annehmen,  so  388.  1057.  1163. 
1689.  1707.  1868,  ohne  dass  alle  fälle  gleich  sicher  sind. 

8.  Au  letzter  stelle  wären  endlich  die  gelegentlich  schon 
gestreiften  fehler  anzuführen,  die  durch  fortgeschrittene  sprach- 
entmcklung,  unverständlich  werden  alter  Wörter,  formen  und 
constructionen  in  A  entstanden  sind.  Daher  600  das  frage 
statt  des  fr.,  729  an  einander  statt  einander,  1039.  1109  nun 
statt  niuwan,  1234  dich  riiefen  statt  dir  r.,  1461  naigte  statt 
neic,  1090  die  zivei  warn  der  diernen  not  statt  der  zweier  tvas 
d.  d.  n.,  1106  pawr  statt  gepaivr,  1397  gehen  statt  gegeben,  auch 
1200  vnd  statt  noch,  1631  preuÜich  gewant  statt  hriutegewant 
und  dazu  die  consequente  Umschreibung  aller  laut-  und  flexions- 
formen  in  die  spräche  des  16.  jh.'s. 

Damit  ist  erschöpft,  was  A  an  sicheren  fehlem  bietet. 
Ziehen  wir  das  facit  aus  unseren  betrachtungen,  so  ergibt  sich 
für  das  Verhältnis  von  A  zur  vorläge  folgendes.  A  muss  seine 
vorläge  sehr  genau  widergegeben  haben.  Willkürliche,  durch 
einen  bewussten  denkact  des  Schreibers  bewirkte  abweichungen 
von  ihrem  texte  finden  sich  wol  überhaupt  nicht.  Die  haupt- 
sächlichsten fehler  in  A  erklären  sich  vielmehr  gerade  daraus, 
dass  der  Schreiber  seine  vorläge  rein  mechanisch  copierte  und 
gar  nicht  selten  völlig  unbekümmert  um  den  sinn  dessen,  was 
er  niederschrieb;  nur  bei  solcher  arbeitsweise  konnten  sich  so 
lächerliche  fehler  einstellen,  wie  wir  sie  oben  besonders  in  den 
gruppen  2  und  3  zusammengestellt  haben. 

Ein  völlig  anderes  bild  gibt  nun  die  betrachtung  von  B. 
Es  ist  schon  bezeichnend,  dass  die  nachweisbaren  abweichungen 


96  PANZER 

dieser  lis.  vom  original  sich  keineswegs  so  klar  auf  feste 
rubriken  aufteilen  lassen  wie  die  von  A.  Und  es  ist  weiter 
sehr  charakteristisch,  dass  die  lesarten  von  B  viel  weniger 
direct  falsches  und  vor  allem  eigentlich  nie  völlig  sinnloses 
bieten,  wie  wir  das  bei  A  so  häufig  gefunden  haben.  Denn 
die  wenigen  fälle,  in  denen  B  eine  sinnlose  lesart  aufweist  (212 
Vnd  vnib  vnd  vmh  statt  AI  vmh  v.  v.,  635  vasser  statt  vater, 
386  Ekvell  statt  Enhvell,  606  Vhcl  vclt  statt  Vier  velt,  1345 
fritschat  statt  fritsclial,  1003  nascr  statt  maser,  475  da  man 
statt  das  man  da)  sind  einfache  verschreibungen. 

Daneben  finden  sich  einige  wortvertauschungen,  die  man 
als  lesefehler  deuten  könnte.  Sehr  zum  unterschiede  von  A 
sind  aber  die  vom  Schreiber  fälschlich  eingesetzten  Wörter  nicht 
einfach  nach  der  ähnlichkeit  des  schrift-  oder  lautkörpers  ohne 
jede  rücksicht  auf  den  sinn  gewählt,  sondern  seine  lesart  gibt 
dem  einzelnen  satze  stets  noch  einen  wenigstens  erträglichen 
sinn,  wenn  auch  der  Zusammenhang  sie  als  falsch  erweist.  So 
wenn  228  der  trewe  det  geschrieben  ist  statt  der  stetvr  del,^) 
521  die  tvirde  statt  die  witze,  321  hosen  scliücli  vnd  karraun 
statt  li.  vnd  seh.  von  l:,  381  völliger  reieher  statt  vollicleicher, 
502  da  für  er  statt  der  für  ere,  571  dein  phlügen  als  wol 
bedachte  lesart  statt  dem  phlüge,  602  aller  reichtum  vnd 
fröden  statt  aller  reiehen  fr.,  1001  hrief  vnd  minne  statt  brief 
von  m.,  949  ivun  vn  iihercJiraft  statt  umnne  iih.,  963  reit  statt 
jeit,  1081  schüchriemen  statt  schiich  mit  riemen,  1129  richter 
statt  reicher,  1333  da  zu  hofe  statt  zu  häufe,  auch  1792  sloss 
statt  stoss  ist  nicht  blosser  schreib-  oder  lesefehler,  sondern 
v»'ol  überlegt. 

Auch  sonst  zeigt  sich  so  ziemlich  für  alle  fälle,  in  denen 
die  lesart  in  B  ohne  weiteres  als  falsch  bezeichnet  werden 
kann,  der  denkende  Schreiber,  der  fälschlich  zwar,  aber  mit 
vollem  bewusstsein  auf  grund  eines  denkactes,  von  der  vorläge 
abweicht,  die  er  nirgends  mechanisch  copiert.  Ich  führe  einige 
charakteristische  fälle  an.  81  her  Bietreich  ist  üble  correctur 
des  richtigen  JDiethern  A.  —  132  steht  durch  ir  briider  ere 
statt  dem  bruoder  durch  sin  ere:  der  Schreiber  zog  die  verse 
noch  zum  vorangehenden,  als  hätte  die  Schwester  'dem  bruder 


';  Die  richtigen  lesarteu  wider  in  der  Orthographie  von  B. 


ZUM   MEIEK   HELMBRECHT.  97 

ZU  ehren'  der  nonne  die  leinwand  geschenkt  als  weiteres  ent- 
gelt  für  die  haube.  —  249  hmve  mir  ist  gewis  falsch,  aber 
doch  sinnreich  statt  hüu-e  tvir.  —  221  f.  sind  die  plurale  ver- 
häuften,  geivunnen,  lieten  unrichtig,  da  nur  von  der  niutter  die 
rede  ist,  aber  wol  durchdacht:  der  Schreiber  nahm  anstoss, 
dass  227  unvermittelt  der  vater  angeredet  wird  und  bereitet 
sein  auftreten  gleichsam  vor,  —  269  schreibt  B  statt  tvcete, 
das  der  Schreiber  nicht  verstand,  mänte;  das  zerstört  den  reim 
( :  scete),  gibt  aber  an  sich  einen  guten  sinn.  —  Ebenso  1572 
äss  (d.  h.  äs)  statt  mas.  —  384  Ich  niüs  ot  haben  rinder  ist 
gewis  falsch,  aber  nicht  sinnlos.  —  557  des  hmves  steiirer  ver- 
stand B  wol  als  'ausüber  des  baus'.  —  642  die  ist  falsch 
für  der,  indem  dem  Schreiber  statt  hüete  641  hehüete  vor- 
schwebte. —  711  ist  statt  freiweih,  das  der  Schreiber  wol  nicht 
verstand,  einfach  ivcih  geschrieben;  ebenso  rücksichtslos  hat 
er,  aber  doch  völlig  richtig,  717.  718.  747  die  flämischen  formen 
ins  hochdeutsche  übersetzt,  während  A  sie,  mechanisch  copie- 
rend,  teilweise  sinnlos  entstellt.  —  723  steht  ^7ei«jtm(/ew  falsch 
für  den  j.:  der  Schreiber  dachte  an  Helmbrecht.  —  1114  steht 
vnd  Stummeln  oder  hahen  statt  5^.  o.  h.,  weil  B  die  Infinitive 
fälschlich  als  3.  pl.  conj.  mit  dem  vorausgehenden  verse  zu- 
sammennahm. —  1220  ist  das  von  Nonarre  Nareye  A,  das  dem 
Schreiber  von  B  unsinnig  schien,  fälschlich,  aber  sehr  verständig 
geändert  in  von  nauarre  hylarye.  —  1244  disen  hahe  ich  in  den 
rucke  A  verstand  B  das  ruclic  'rauch'  fälschlich  (wie  Haupt,  vgl, 
dagegen  Schmeller,  Bair,  wb.^  2,  48)  als  'rücken',  wobei  hahe 
natürlich  keinen  sinn  gab;  B  ändert  es  daher  in  plew  und 
erhält  so  einen  verständigen  satz.  —  1365  ist  dein  sorge  falsch 
statt  diu  sorge,  aber  doch  wol  überlegt.  —  1738  hat  der 
Schreiber  söget  iuiver,  das  er  nicht  verstand,  durch  ein  nicht 
sinnloses  sogt  aus  ersetzt.  —  1778  ist  es  falsch  für  er: 
B  dachte  an  das  leint  Uli.  —  1910  ist  fälschlich  träume 
( :  haume)  statt  tromn  ( :  houm)  geschrieben,  weil  der  Schreiber 
an  die  vier  träume  dachte,  die  der  alte  577  ff.  berichtet  hat, 
während  hier  nur  vom  letzten  die  rede  ist. 

In  all  diesen  fällen  also  (die  sich  vermehren  Hessen)  sehen 
wir  den  Schreiber  vollkommen  willkürlich  mit  dem  texte  seiner 
vorläge  umspringen,  die  er  sich  ganz  nach  seinem  Verständnis 
und  belieben  zurechtlegt.    Daraus  erhalten  wir  nun  auch  den 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  7 


98  PANZER 

massstab  für  jene  zahllosen  anderen  fälle,  in  denen  der  lesart 
von  A  eine  Variante  in  B  gegenüber  steht,  ohne  dass  letztere 
sich  ohne  weiteres  als  falsch  bezeichnen  Hesse.  Es  kann  hier 
nicht  an  eine  anf Zählung  dieser  fälle  gedacht  werden,  indem 
man  dafür  schier  jeden  vers  ausschreiben  müsste;  es  ist  aber 
klar,  dass  hier  überall  von  vornherein  die  Wahrscheinlichkeit 
besteht,  dass  der  Wortlaut  der  gemeinsamen  vorläge  in  A  be- 
wahrt, in  B  willkürlich  geändert  ist.  Man  gewinnt  den  ein- 
druck,  dass  der  Schreiber  von  B  sich  jeweils  eine  anzalil  verse 
der  vorläge  überlesen  und  dann  ohne  weitere  nachprüfung,  den 
sinn  festhaltend,  aber  im  Wortlaut  willkürlich  ändernd  (bes. 
mit  ersetzung  der  originalen  Wörter  durch  synonj^ma  und  ände- 
rung  der  Wortstellung)  in  seiner  abschrift  widergegeben  hat. 
Zudem  schreckte  er  aber  auch  vor  bewussten  änderungen 
keineswegs  zurück.  Und  wer  im  einzelnen  nachprüft,  wird 
leicht  erkennen,  dass  der  Schreiber  auch  liier  selbst  im  kleinen 
nicht  ohne  plan  und  absieht  verfahren  ist;  insbesondere  wird 
sein  bestreben,  fehlende  Senkungen  zu  ergänzen,  deutlich,  vgl. 
die  lesarten  zu  3.  29.  49.  59.  313.  516.  1066.  1489.  1599.  1617 
u.  s.  w. 

Auch  in  bezug  auf  auslassungen  und  zutaten  bewegt  B 
sich  sehr  viel  freier  als  A.  Namentlich  mit  den  partikeln 
und  pronomina  wird  sehr  willkürlich  umgegangen:  vü,  wol,  so, 
und,  auch,  ye,  ot,  liey,  gar,  da,  nu  u. s.w.;  mir,  mich,  dein,  es, 
das,  des,  icht  u.s.w.  fehlen  oder  werden  noch  viel  öfter  ein- 
geschoben, wie  es  die  willkür  oder  die  metrik  des  Schreibers 
geraten  erscheinen  Hess.  Auch  vollworte  finden  sich  ein- 
geschoben (655  stät,  844  ward  nach  843,  913  der  vater  sprach 
zur  einführung  der  rede,  954  baid,  999  andern,  1056  gnüg,  1081 
bracht  er,  1131  selaid,  1179  bösen,  1214  fürder,  1304  selb,  1512 
frawn,  1553  der  chnappe,  1773  laider  nach  1772)  meist  mit 
Störung  des  verses,  so  dass  B  auch  dort  als  unecht  gelten  muss, 
wo  seine  zutat  an  sich  keinen  anstoss  erregt.  Seltener  ist 
auslassung  von  vollworten:  282  fehlt  zehen,  524.  535  al,  709 
knehte,  1275  ist. 

Endlich  ist  auch  der  versbestand  in  B  beträchtlich  ver- 
schieden von  A.  Ein  plus  weist  B  allerdings  nur  an  zwei 
stellen  auf.  Hiervon  wird  man  die  zwei  verse  nach  44  kaum 
für  das  original  in  anspruch  nehmen  mögen:  sie  sind  völlig 


ZUM   MEIER   HELMBRECHT.  99 

inhaltsleer  und  von  ß  sichtlich  erfunden,  weil  der  Schreiber 
den  Charakter  von  v.  44  als  parenthese  nicht  erkannte  und 
nun  nach  einem  hauptsatz  für  45  f.  bedürfnis  fühlte.  Dagegen 
sind  die  plusverse  hinter  740  für  den  Zusammenhang-  zwar  ent- 
behrlich, aber  nach  form  und  Inhalt  ohne  tadel  und  dem  dichter 
wol  zuzutrauen;  da  A  auch  an  zwei  anderen  stellen  je  zwei 
verse  übersprungen  hat,  so  möchten  sie  immerhin  echt  sein. 

Viel  grösser  aber  ist  die  zahl  von  versen  und  versgruppen, 
die  B  weniger  hat  als  A.  Gerade  hier  hat  der  bestand  von  B 
öfter  Verteidiger  gefunden,  und  besonders  Helsig,  Metrik  und 
Stilistik  im  M.  Helmbr.  s.  7  ff.  ist  sehr  freigebig  mit  der  an- 
nähme von  Interpolationen  in  A  gewesen.  Schon  die  allgemeinste 
erwägung  lehrt  die  völlige  unwahrscheinlichkeit  dieser  an- 
nähme. Da  die  differenz  nicht  aus  der  vorläge  stammen  kann 
—  denn  die  war  ja  für  A  und  B  dieselbe  —  müsste  A  die 
verse  hinzugedichtet  haben,  eine  für  diesen  Schreiber,  wie  wir 
ihn  kennen,  ganz  unmögliche  annähme.  Stellen  wir  dagegen 
fest,  dass  in  B  auch  eine  ganze  zahl  einzel verse  fehlen  (152. 
324.  1062.  1292.  1698),  zu  denen  die  reimentsprechungen  in 
der  hs.  enthalten  sind,  so  wird  durch  diese  sicheren  fälle 
offenbar  auch  für  die  übrigen,  wo  es  sich  um  versgruppen 
handelt,  auslassung  in  B  von  vornherein  wahrscheinlich. 

Dabei  zeigt  denn  auch  eine  betrachtung  im  einzelnen  so- 
fort wieder,  dass  die  kürzungen  bewusst  und  unter  bestimmten 
gesichtspunkten  erfolgt  sind;  nur  245.  46  scheinen  durch  ein 
einfaches  augenversehen  übersprungen. 

355.  56.  399—402  und  413.  14  sind  sichtlich  deshalb  über- 
gangen, weil  der  Schreiber  sie  nicht  verstand,  wie  sie  auch 
dem  gelehrten  erklärer  von  heute  noch  die  grössten  Schwierig- 
keiten bereiten.  Dass  das  plus  von  A  hier  überall  dem  origi- 
nale entspricht,  ist  um  so  weniger  zweifelhaft,  als  ein  teil  von 
V.  414  auch  in  B  noch  erhalten  ist,  indem  er  dort  zu  415  hinüber 
gezogen  wurde. 

Wenn  B  1 531.  32  übergeht,  so  kann  man  zweifelhaft  sein, 
ob  der  Schreiber  sie  für  überflüssig  gehalten  oder  der  gleichen 
reimworte  von  1529  f.  wegen  übersehen  hat,  wie  ja  ganz  analog 
in  A  1505  06.  fehlen:  sie  stützen  sich  aber  gegenseitig.  Dagegen 
hat  er  21 — 26  sichtlich  darum  übergangen,  weil  sie  ihm  den 
Zusammenhang  zu  unterbrechen  und  überflüssig  zu  sein  schienen; 


100  PANZER 

hatte  er  doch  bereits  in  der  Überschrift  gesagt,  was  der  dichter 
freilich  nur  im  gedichte  selbst  anbringen  konnte.  Aehnlich 
schienen  ihm  wol  auch  253 — 58  den  fortgang  des  gespräches 
unnütz  aufzuhalten. 

1715 — 20  Hess  B  unter  gleichzeitiger  abänderung  von  1714 
vermutlich  deshalb  aus,  weil  von  einer  anstellung  des  alten  Helm- 
brecht 'bei  hofe'  früher  nichts  erzählt  war;  nach  913ff.  war  er  ja 
nur  dort  aus-  und  eingegangen,  um  käse  und  eier  zu  verkaufen. 
Ebenso  blieben  229 — 232  in  B  wie  ich  denke  darum  weg,  weil 
die  Schwester  dem  bruder  ja  nichts  geschenkt  hatte,  wenn  man 
132  mit  B  liest  durch  des  hnioder  ere,  worüber  oben  s.  96  f. 
Diesem  Schreiber  ist  mit  solchen  Überlegungen  kaum  zu  viel 
zugemutet. 

113 — 116  sind  klärlich  des  Inhalts  wegen  ausgelassen, 
indem  der  österreichische  Schreiber  des  15.  jh.'s  ein  stärkeres 
bedürfnis  empfinden  mochte,  den  mantel  über  die  schaden  der 
kirche  zu  decken  als  der  dichter  des  dreizehnten.  Die  schluss- 
verse  1923  ff.  aber  Hess  B  weg,  weil  sie  keinen  erzählungs- 
inhalt  mehr  besitzen  und  der  Schreiber  bei  1922  bereits  der 
meinung  war,  dass  der  scriptor  debet  pretium  habere. 

Ich  konnte  für  B  nicht  wie  für  A  sämmtliche  stellen  vor- 
führen, wo  seine  lesarten  sich  mit  Sicherheit  oder  Wahrschein- 
lichkeit als  nicht  ursprünglich  erkennen  lassen;  doch  wird  das 
gesagte  zui'  Charakteristik  dieser  hs.  reichlich  genügen.  Sie 
ist  in  scharfem  gegensatze  zu  A  von  einem  denkenden  Schreiber 
geschrieben,  der  mit  seiner  vorläge  absolut  willkürlich  umgieng 
und  den  text  ohne  respect  vor  der  Überlieferung  beinahe  vers 
für  vers  nach  seinen  persönlichen  Überzeugungen  einrichtete,') 


1)  Unser  B  enthält  bekanntlich  den  j.  Titurel  von  derselben  band.  Es 
dient  den  obigen  ausführungen  zur  willkommenen  bestätigung,  was  Zarncke, 
Der  graltempel  s.  405  über  diese  hs.  beobachtet:  ' Eine  ganz  vorzügliche  hs. 
scheint  D'  zu  sein,  sorgfältig  nach  guter  vorläge  geschrieben.  Aber  bald 
bemerkt  mau.  dass  der  Schreiber  (oder  seine  vorläge)  darauf  ausgeht,  den 
vers  zu  glätten  [vgl.  ol)en  s.  98].  Fast  überall  ist  der  reine  iambische 
rhythmus  hergestellt  und  namentlich  der  ausfall  der  anakrusis  fast  durchaus 
vermieden.  In  betreff  der  einsilbigen  worte  du,  du,  nü,  so,  u'ol,  eil,  gar, 
zwar  u.  a.  hat  daher  diese  hs.  kein  vertrauen  zu  beanspruchen  [s.  oben  s.  98]. 
Dass  man  dem  so  den  vers  glättenden  bearbeiter  auch  weitergehende  Um- 
arbeitungen zutrauen  dürfe,  unterliegt  keiner  frage.  Ueberall  weist  die  ver- 
gleichung  der  hs.  auch  solche  fälle,  oft  dem  nachdenken  des  bearbeiters 


ZUM  MEIER  HELMBRECHT.  101 

während  A  die  vorläge  stumpfsinnig  und  fast  mechanisch 
copierte.  Durch  diese  betrachtungen  ist  aber,  denke  ich,  nun 
auch  der  feste  punkt  gewonnen,  von  dem  aus  sich  in  dem 
streite,  von  dem  wir  ausgegangen  sind,  eine  zuversichtliche 
entscheidung  aussprechen  lässt:  wenn  A  und  B  v.  192  und  897 
in  der  angäbe  der  Ortsnamen  auseinandergehen,  so  darf  man 
nun  mit  grösster  Wahrscheinlichkeit  um  nicht  zu  sagen  Sicher- 
heit behaupten,  dass  A  das  ursprüngliche  bietet,  B  aus  eigenem 
geändert  hat.  Und  die  veranlassung  zu  dieser  änderung  in  B 
liegt  ja  durch  einen  glücklichen  zufall  klar  zu  tage.  Es  ist 
bekannt,  dass  die  Berliner  hs.  auf  dem  vorsatzblatte  in  gleich- 
zeitiger Schrift  eine  reihe  von  namen  eingetragen  zeigt:  Joliö 
Havczendörffcr,  Lienhart  Mewrll,  Marycz  Nerndlinge'' ,  tv.  v. 
Kelhashardt,  Motesta  GassnerinJ)  Strnadt  hat  die  hier  ge- 
nannten persönlichkeiten  als  angehörige  von  familien  nach- 
gewiesen, die  im  15.  jh.  im  Traungau  dicht  nebeneinander  ge- 
sessen und  untereinander  verschwägert  sind;  aus  ihren  kreisen 
muss  die  hs.  hervorgegangen  sein.  Sie  ist  also  im  Traungau 
geschrieben  und  nennt  darum  statt  des  obscuren  Hohenstein 
und  Haldenberg  lieber  Wels  und  den  Traunstein,  und  wenn 
sie  für  Wanghausen  das  kleine  Leonbach  einsetzt,  so  ist  das 
sichtlich  dem  auf  dem  Vorsatzblatt  genannten  herrn  Lienhart 
Mewrll  zu  lieb  und  ehr  geschehen,  der  nach  Strnadts  nach- 
weis  seit  1400  besitzer  von  Leonbach  gewesen  ist. 2)  So  wird 
bei  diesem  gedichte  nun  einmal  alles  lebendig;  wir  erkennen 
aus  einer  zusammenhängenden  erwägung  der  lesarten,  dass  B 
hier  neue  namen  eingeführt  haben  muss,  und  sogleich  klären 
die  nachweise  eines  historikers  aus  ein  paar  zufällig  erhaltenen 
namen  uns  auf,  wie  die  hs.  zu  solcher  änderung  gekommen  ist. 

sehr  zur  ehre  gereichende,  nach;  auch  die  Strophen,  in  denen  wir 
durch  Wolframs  bruchstücke  noch  eine  besondere  controle  ausüben  können, 
beweisen,  wie  sehr  sich  D^  oft  von  dem  ursprünglichen  entfernt'  u. s.w. 

')  Anz.  fda.  20,  263  wird  noch  ein  H  Hmstbry  aufgezählt.  Es  ist  be- 
greiflich genug,  dass  Strnadt  diesen  mysteriösen  herrn  nicht  urkundlich 
nachzuweisen  vermochte;  an  stelle  dieses  angeblicheii  namens  steht  in  der 
hs.  nämlich  ganz  deutlich  //  Hin  ist  Jtin. 

2)  Solche  naivitäten  begegnen  öfter.  In  der  abschrift  der  schönen 
abenteuer  Sucheuwirts  im  C'gm.  4871  (Germ.  7, 275,  meine  Lohengrinstud. 
s.  6  f.)  ist  im  texte  für  den  namen  des  dichters  überall  der  des  besitzers  der 
hs.,  Hans  von  Trenbach,  eingesetzt. 


102  PANZER 

Und  wir  miissteii  ebenso  aus  inneren  gründen  die  namen  in  A 
für  die  ursprüngliclien  erklären,  und  schon  liegen  die  Unter- 
suchungen von  Keinz  bereit,  die  unser  ergebnis  aufs  schönste 
erläutern  und  von  aussen  bestätigen. 

Die  vorstehende  Untersuchung  hat  zugleich  die  grundsätze 
festgelegt,  nach  denen  bei  der  kritischen  herstellung  unseres 
denkmals  zu  verfahren  ist.  Ihr  kann  nur  A  zu  gründe  gelegt 
werden,  als  der  weitaus  treuere  repräsentant  der  gemeinsamen 
vorläge,  und  die  fehler  dieser  hs.  sind  fast  mehr  aus  sich 
selbst  als  aus  B  zu  bessern.  Es  ist  wahrscheinlich,  dass  hierbei 
in  klein igkeiten  manches  in  B  erhaltene  originale,  das  in  A 
verwischt  ist,  verloren  geht;  immerhin  wird  man  bei  solchem 
verfahren  das  original  sicherer  und  reiner  gewinnen,  als  bei 
einer  reichlicheren  auswahl  von  lesarten  aus  B,  die  schliesslich 
doch  nur  nach  sehr  subjectiven  momenten  geschehen  könnte. 
Da  die  gemeinsame  vorläge  von  AB  nachweisbar  bereits  fehler- 
haft gewesen  ist,  braucht  der  herausgeber  aber  auch  kein  be- 
bedenken zu  tragen,  gegebenenfalls  einmal  über  beide  hss. 
hinaus  das  echte  durch  conjectur  herzustellen. 

"Wer  Haupts  ausgäbe  unter  solchem  gesichtspunkte  be- 
trachtet, wird  in  ihr  eine  ganz  ausgezeichnete  leistung  an- 
erkennen müssen.  Sein  text  zeigt  sich  in  jedem  worte  genau 
überlegt  und  auf  eine  klare  erkenntnis  des  hss.-verhältnisses 
gegründet.  Dagegen  sind  die  besserungs vorschlage,  wie  sie 
besonders  Pfeiffer  und  Helsig  in  massen  vorgebracht  haben, 
meist  ohne  alle  rücksicht  auf  das  grundsätzliche  Verhältnis 
der  hss.  ins  blaue  hinein  gemacht,  indem  sie  aus  B  auswählen, 
was  dem  geschmack  und  ohr  des  kritikers  gerade  zusagt;  sie 
sind  darum  auch  in  ihrer  mehrzahl  unbrauchbar.  Glücklicher 
und  vorsichtiger  ist  Lambel  in  der  2.  aufl.  seiner  ausgäbe  ver- 
fahren. Ich  habe  an  nicht  allzu  viel  stellen  veranlassung  ge- 
habt, in  der  herstellung  meines  textes  (in  Pauls  Altd,  textbibl. 
no.  11)  von  Haupt  abzuweichen.  Einiges  davon  mag  in  den  nach- 
folgenden bemerkungen  seine  erklärung  und  rechtfertigung  finden. 

V.  1.  Ob  man  im  versinnern  saget  oder  seit  zu  schreiben 
habe,  ist  aus  den  reimen  nicht  zu  entscheiden.  Sie  bieten 
-ei-  <  -age-  wie  -ei-  aus  -ege-  bez.  -äge-  mit  altem  ei  gebunden 
(pari,  geseit  :  edellceit  507;  part.  geJcleit  'geklagt'  :  hreit  1021; 
3.  sg.  treit :  hreit  153,  :  geJdcit  'gekleidet'  225,  :  part.  geleit  'ge- 


ZUM   MEIER  HELMBRECHT.  103 

legt'  189,  das  seinerseits  403  auf  bereit  gereimt  ist;  meide  : 
ougenweide  951,  meiden  :  beiden  205);  daneben  steht  aber  auch 
gesaget :  betaget  1047.  Ich  habe  hier  (und  entsprechend  im 
folgenden)  seit  geschrieben  gegen  saget  A,  weil  das  seit  B  aus 
der  AB  gemeinsamen  vorläge  stammen  muss,  indem  v.  3,  wo 
der  Schreiber  von  B  das  verbum  aus  eigenem  ergänzt  hat,  um 
nach  seiner  gewohnheit  die  Senkung  zu  füllen,  saget  geschrieben 
ist.  Auch  V.  963  beweist  die  falsche  lesart  reit  B  (jaget  A) 
für  die  vorläge  im  prät.  jeite,  nicht  jagete. 

V.  12  könnte  man  allerdings  versucht  sein,  mit  B  ttf  die 
aksel  zu  schreiben ,  wie  Neidh.  XL VII,  22  sin  Tiär  im  iif  die 
ahsel  gät,  Konrad  von  Haslau  67  die  wisen  jelient,  da^  ist  tvär, 
in  rehter  lenge  geivahsen  Jiär  stc  baz  dan  üf  die  ahsel  hin. 
Aber  B  mildert  auch  sonst  wol  den  originalen  text,  wo  er 
ihm  zu  übertreiben  scheint,  wie  es  z.b.  648,  genau  entsprechend 
unserem  falle,  mit  änderung  der  präp.  durch  den  gater  schreibt, 
wo  A  den  beiden  über  den  gater  springen  lässt;  auch  erinnere 
man  sich  der  beschreibung  Hugdietrichs:  sin  hdr  was  im  reide, 
dar  zuo  lanc  unt  val:  ez  gienc  im  über  die  ahsel  üf  die  hüffe 
hin  ze  tal  Wolfd.  B  2,3  und  der  unten  s.llO  angezogenen  parallel- 
stelle aus  Neidhard,  vgl.  auch  Erec  279  f. 

Auch  V.  14  würde  man  geneigt  sein,  B  zu  folgen  und  erz 
gevienc  zu  schreiben,  stünde  nicht  die  erfahrung  entgegen,  dass 
B  durchweg  mit  dem  präfix  sehr  willkürlich  wirtschaftet 
(sieht  B  —  gesteht  A  161,  gereiten  —  reiten  265,  hassen  —  ge- 
hassen  268,  merest  —  genierest  294,  gryppen  —  gegripen  770, 
getraut  —  traut  1038,  binden  —  gebinden  1075,  gegürten  — 
gürten  1171,  getrüege  —  trüege  1563,  getüt  —  tut  1758;  erslüg 

—  slüg  79,  erhellen  —  hellen  214;  sehen  —  besehen  262,  be- 
rewen  —  rewen  1299,  hielt  —  behielt  1710;  raehen  —  errachen 
1877;  verstvand  —  swand  1567;  zerzarte  —  zarte  1895;  gefullet 

—  erfüllet  59,  gesivachet  —  verstvachet  159,  verslos  —  beslos 
196,  bechlaide  —  geldaide  309,  zerstroubet  —  bestroubet  628 
U.S.W.,  vgl.  lesarten  zu  632.  736.  1139.  1160.  1206.  1635).  Auf 
jeden  fall  aber  muss  auch  das  vie  von  A  perfectiv  verstanden 
werden:  'er  nahm  jetzt  sein  haar  und  steckte  es  in  die  haiibe'. 
Denn  auch  im  folgenden  beschreibt  der  dichter  nicht  den  fertigen 
Helmbrecht,  sondern  lässt  ihn  vor  unseren  äugen  ein  stück 
seiner  kostbaren  kleidung  nach  dem  andern  anlegen;  dabei  ist 


104  PANZER 

mit  bewundernswerter  kunst  leise  verschleiert,  dass  die  stücke 
ja  doch  allmählich  erst  in  seinen  besitz  gelangen.  —  Dass 
vienc  die  unserem  gedichte  zukommende  form  des  prät.  ist, 
hat  Zwierzina,  Zs.  fda.  45,  67  richtig  beobachtet;  zu  den  dort 
angeführten  reimen  kommt  noch  vmhevienc  :  gienc  in  den  zwei 
vermutlich  echten  zeilen,  die  B  hinter  740  bietet.  Die  doppel- 
form gienc  — gie  (:  nie  127,  :  knie  593,  :  verlie  1815)  kann  nicht 
auffallen,  da  der  dichter  auch  lie^  ( :  stie^  661)  neben  lie  ( :  hie 
W79,,:  gie  1815)  gebraucht  und  überhaupt  doppelformen  nicht 
meidet  (sol  —  sal,  gesaget  —  geseit,  genant  —  genennet,  st  — 
ivese  u.  a.).  Auch  das  prät.  liie  ( :  lie  1679)  kann  nicht  gegen 
ein  vienc  beweisen,  da  auch  andere  dichter  die  prät.  von  vähen 
und  hähen  verschieden  behandeln,  vgl.  Zwierzina,  Zs.  fda.  45, 
51.  54.  55. 

v.  24  schreibt  Haupt  nante;  ich  habe  das  von  der  Über- 
lieferung gebotene  nennet  beibehalten  (und  so  im  folgenden 
ähnliches)  nach  v.  859  erwachet  (3.  sg.  prät.)  :  gemachet  (part.). 
Speciell  zu  nennet  vgl.  auch  das  part.  genennet :  erkennet  imp. 
1735,  gesetset :  geletzet  1465  (neben  part.  genant  497.  915.  927; 
geschant  575;  gemlt :  versalt  355.  1205,  prät.  garte  1895). 

V.  35  schreiben  die  herausgeber  seit  Keinz  das  Hin;  ich 
habe  wider  der  lim  eingesetzt.  Denn  erstens  wird  nur  diese 
form  durch  die  Überlieferung  gerechtfertigt.  A  schreibt  hier 
der  lün,  B  das  leym,  v.  86  und  95  steht  in  beiden  hss.  dem 
leym{e).  Nach  allen  regeln  einer  methodischen  textkritik  kann 
daraus  für  die  vorläge  von  AB  nichts  anderes  erschlossen 
werden  als  dtv  (oder  weniger  wahrscheinlich,  da  B  durch- 
gehends  geringere  Sicherheit  bietet,  das)  Ihn.  Zweitens  passt 
die  von  Keinz  für  'das  lün''  angegebene  bedeutung  'der  in  die 
höhe  stehende  oder  überhaupt  der  obere  teil  der  haube'  gar 
nicht  für  unsere  drei  stellen.  Die  einteilung  der  haube  ist 
nach  der  Schilderung  unseres  gedichtes  vollkommen  klar:  auf 
dem  rechten  hauptflügel  ist  die  eroberung  Trojas  dargestellt, 
auf  dem  linken  die  Karlssage;  der  trennende  streif  in  der  mitte 
ist  mit  vögeln  bestickt.  Der  randstreif,  der  vorne  am  vorderen 
haarrand  längs  der  stirne  hinläuft,  zeigt  den  tanz,  der  am 
hinteren  haarrand  zwischen  den  obren  laufende  streif  aber 
die  scenen  aus  der  Rabenschlaclit.  Mit  einem  schematischen 
grundriss  also  so: 


ZUM   MEIER  HELMBRECHT. 


105 


4.  Tanzende  ritter  und  frauen 


1.  Karlssage 


2.  Troj.  krieg 


5.  Rabenschlacht. 


8.  4  und  5  stehen  nacli  der  versicherimg-  des  dicliters  auf  dem 
Um,  was  also  nichts  anderes  bedeuten  kann  als  streifen,  hor- 
dure.  Und  hierzu  passt  die  zuerst  von  Bergmann  gegebene 
ableitung  des  wortes  aus  lat.  linibus.  Allerdings  erscheint  dies 
wort  in  den  quellen  sonst  gewöhnlich  in  ganz  anderer  form:  ahd. 
limhal,  mhd.  limbel,  Ihnmel  <  mmhulus  mit  der  bedeutung  'ein 
kleiner  streifen  leder'.  Docli  hat  bereits  J.  Grimm  in  den  GGA. 
1839,  s.  1740  für  unsere  stelle  auf  Frisch  1, 615  verwiesen,  wo 
erklärt  ist:  ^Limhel  ist  das  deminutiv  von  Leimh,  limhus,  wel- 
ches noch  im  obd.  dialekt  gewöhnlich  ist,  säum'.  Ich  habe 
zwar  in  den  mir  zugänglichen  obd.  Wörterbüchern  dies  Lcimh 
nicht  linden  können;  doch  führt  wenigstens  das  Elsässische 
Wörterbuch  1,592  neben  dem  fem.  liene  =  mhd.  line  ein  'liene 
m.  =  ein  dünner  lederstreifen'  auf.  —  Um,  wie  A  beim  ersten 
vorkommen  schreibt,  ist  ein  leicht  erklärlicher  lesefehl  er  für 
das  Um  der  vorläge.  Denn  dass  diese  die  alten  längen  nicht 
diphthongiert  zeigte,  wird  durch  eine  reihe  falscher  diphthon- 
gierungen  in  beiden  hss.  völlig  sicher  gestellt.  Nur  so  er- 
klären sich  fehler  wie  WeiUege  A  79  statt  Witege,  iveitt  'holz' 
A  1827,  wo  wit  als  wtt  misverstanden  ist,  peyssc  B  408,  das 
hizze  in  hizc  und  heleiben  B  1473,  das  heUhen  in  heUben  ver- 
lesen hat,  richter  statt  ricJier  B  1129  und  Sleintzgeiv  B  1539. 
Ebenso  erweist  der  fehler  eucli  AB  799  statt  in  und  heut  A  892 
statt  Jdnt,  wol  auch  deuhe  B  1814  statt  dieii  für  die  vorläge 
hl,  nicht  eu. 

V.  39.  Dass  hom  die  unserem  gedichte  gemässe  form  ist, 
nicht  Icam,  wie  die  herausgeber  schreiben,  ist  an  sich  gewis 
und  wird  durch  die  reime  wenigstens  indirect  bestätigt;  unter 
den  8  paaren  auf  -am  findet  sich  kein  ham,  das  doch  bequem 
genug  gewesen  wäre. 


106  PANZER 

V.  51.  Eneas  konnte  wol  aus  dem  eroberten  Troja  tifdaz 
mer  entrinnen,  aber  in  deti  kielen  kann  er  doch  nur  m/"  dem 
mer  entfliehen.  Wer  die  lesart  von  A  beibehalten  will,  müsste 
üf  daz  mer  erklären  als  'auf  das  hohe  meer',  was  wol  zu 
künstlich  wäre. 

V.  107  scheint  das  alle  A  prägnanter  als  das  von  Haupt 
aus  B  aufgenommene  edles.  'Nun  hört',  sagt  der  dichter  v.  104  f., 
'wie  die  haube  für  Helmbrecht  angefertigt  ward;  weiss  ja 
doch  noch  keiner  von  euch,  wie  er  zu  diesem  prachtstück  ge- 
kommen ist'. 

V.  110  f.  habe  ich  nach  B  hergestellt.  Die  anstössige  wider- 
holung  des  wortes  nunne  in  A  109.  110.  112  war  zu  beseitigen 
wie  das  Mibe  in  A  58;  vgl.  oben  s.  94. 

V.  164  habe  ich  mit  A  sivar  ich  danne  Mre  geschrieben. 
Die  lesart  von  B:  sivar  ich  der  lande  Mre,  die  Haupt  ein- 
gesetzt hat,  findet  im  sonstigen  gebrauch  des  gedichtes  keine 
stütze,  vgl.  460.  293.  534. 

V.  252—255  müssen  in  klammer  geschlossen  werden.  Denn 
der  alte  meier  will  mit  ihnen  nicht  die  selbstgerechte  Ver- 
sicherung abgeben,  dass  er  sich  stets  getriuwe,  gewcere  u.s.  w 
erweise;  sondern  diese  verse  sind  direct  an  den  söhn  gerichtet 
und  unterbrechen  die  beschreibung  der  allgemeinen  lebens- 
führung  des  alten,  die  nach  251  erst  255  fortsetzt:  'mit  be- 
stimmtheit  erwarte  ich  das  (dass  du  in  ehren  abstirbst),  und 
du  kannst  mirs  glauben,  denn  ich  meine  es  gut  mit  dir  {ich  hin 
getriutve)  und  bin  wahrhaft  (getvcere)  und  gebe  keinen  schäd- 
lichen ratschlag  {niht  ein  verrätcerey. 

V.  288.  Ich  habe  die  enklise  des  pronomens  beibehalten, 
wo  sie  von  einer  der  hss.  geboten  wird,  da  sie  durch  die 
reime  vand  er  :  ander  959,  tvas  er  :  maser  1003,  west  ir  :  sivester 
1053,  ivelt  ir  in  :  geht  mir  in  1527  für  den  dichter  genügend  ge- 
sichert ist.  Ich  habe  deshalb  auch  die  apokope  in  mnost  ich, 
.  sold  er  u.  s.  w.  je  nach  den  hss.  bestehen  lassen. 

V.  275  ist  die  lesart  von  A  meiner  ivol  steenden  hauhen 
mit  ihrer  anstössigen  widerholung  nach  dem  s.  93  f.  gesagten 
zu  beurteilen  und  demgemäss  zu  beseitigen. 

V.  306  f.  verfehlt  die  interpunction  von  Haupt  (punkt  hinter 
306,  komma  hinter  308)  den  sinn  der  stelle.  Lambel  hatte  sie 
in  der  1.  aufl.  beibehalten  und  v.  306  erklärt:  'für  zugunsten. 


ZUM   MEIER   HELMBEECHT.  107 

Er  würde  schwören,  dass  der,  welcher  sie  trägt,  ein  ritter  sei', 
was  natürlich  schon  deshalb  unmöglich  ist,  weil  die  haube  doch 
wol  nicht  diu  tverc  beide  heissen  kann.  In  der  2.  aufläge 
ist  sinngemäss  interpungiert  (komma  hinter  306,  punkt  hinter 
308),  aber  die  erklärung  von  306  ^für  gegen'  trifft  auch  noch 
nicht  das  richtige,  stvern  für  ein  dinc  heisst,  wie  aus  den  im 
Mhd.  wb.  2,  2,  770a  und  771a  gegebenen  beispielen  zu  ersehen 
ist,  'schwören,  dass  man  mit  einer  sache  nichts  zu  tun  hat'. 
—  Der  ganze  abschnitt  ist  deutlich  gegliedert:  1)  303 — 308, 
2)  309—317,  3)  318—324,  d.  h.  1)  wer  meine  haube  sieht, 
schwüre  tausend  eide,  dass  ich  nie  mit  ochsenpeitschen  und 
pflügen  zu  tun  hatte;  2)  habe  ich  meinen  rock  an,  so  sehe 
ich  gewis  nicht  so  aus,  als  ob  ich  je  gedroschen  hätte;  3)  habe 
ich  meine  hosen  und  schuhe  an,  so  wird  niemand  behaupten 
wollen,  dass  ich  je  zäune  gefertigt  hätte. 

V.  326  f.  habe  ich  hergestellt:  meier  Biiojn-eJd  seinem  eidem 
bin  ich  im  immer  nie  versigen.  Vorausnehmen  eines  obliquus 
im  nom.  ist  bei  unserem  dichter  sehr  beliebt;  vgl.  besonders 
1067  ein  fuhspeh  so  yuoter  den  hrälit  er  siner  muoter,  836  tär 
unde  tor  da  soltu  niht  sin  lenger  vor,  1306  ivtrouch  und  mirre 
beide  da  mite  si  dich  umbegät  und  Helsig  s.  83.  Die  her- 
stellung  von  327  erklärt  zugleich  die  Verderbnis  in  B  {ny^n- 
mer  nier). 

V.  420  besteht  keine  veranlassung,  mit  Haupt,  den  wol 
nur  metrische  bedenken  geleitet  haben,  von  A  abzuweichen. 
Das  enjambement,  wie  es  diese  lesart  voraussetzt,  findet  sich 
oft,  vgl.  462.  472.  582.  604.  1046.  1130.  1186.  1578.  1728. 

V.  522  habe  ich  mit  B  lebendiger  geschrieben  nach  542. 
A  verstand  wol  das  baz  vor  dem  comparativ  nicht. 

V.  717.  747  kann  ich  in  dem  swester  kintcMn  von  A  nur 
eine  sinnlose  umdeutung  oder  Verlesung  sehen,  wie  sie  dieser 
hs.  geläufig  sind  (oben  s.  93),  während  B  nach  seiner  art 
gewaltsam  aber  richtig  ins  hd.  übersetzt.  Dagegen  bin  ich 
764  A  trotz  Schröders  vielleicht  bestechendem  besserungs- 
vorschlag,  DLZ.  1887,  1272  auch  mit  dem  sakent  gefolgt,  das 
sich  (mit  Wilmanns,  D.  gramm.  §  72  a.  2)  als  hypernd.  bildung 
auffassen  lässt.  Die  forderung,  dass  diese  verse  in  rein  nd.  bez. 
nfrk.  spräche  übertragen  werden  müssten,  würde,  wie  mir  scheint, 
dem  Charakter  der  verspotteten  erscheinung  nicht  gerecht. 


108  PANZER 

V.  719  habe  ich  hergestellt  nach  den  vermutlich  echten 
Versen,  die  B  hinter  740  hat. 

V.  1082  liest  Haupt  mit  B  ander  m'emen;  ich  kann  dem 
aber  keinen  brauchbaren  sinn  abgewinnen.  Worin  soll  die 
hövescheit  liegen,  dass  Helmbrecht  die  schuhe  für  niemand 
anders  als  gerade  den  knecht  mitbrachte,  und  was  soll  dann 
1086  f.  heissen?  Der  knecht  hat  sich  seither  doch  nicht  ge- 
ändert. Man  muss  also  wol  mit  A  anders  lesen;  d.  h.:  auf 
andere  art  hätte  Helmbrecht  für  niemanden  schuhe  gebracht; 
so  lange  er  zu  hause  knecht  war,  wäre  es  dem  höfischen 
jungen  nie  eingefallen,  für  den  vriman  etwa  ein  paar  schuhe 
anzurühren.  Erst  jetzt,  wo  er  als  Junker  heimkehrt,  darf 
seine  hövescheit  es  sich  leisten,  dem  knecht  ein  paar  als  ge- 
schenk  zu  bringen. 

V.  1134  liegt  ein  fehler  schon  der  vorläge  vor.  Möht  et 
ers  erbUen,  wie  Haupt  liest  {mocht  et  ers  A,  möcht  ers  B), 
müsste  mit  Lambel  erklärt  werden:  'könnte  ers  nur  erleben'. 
Das  v>'äre  an  sich  ein  sehr  seltsamer  gedanke,  und  ich  finde 
zudem  kein  beispiel,  wo  erUten  so  viel  wie  'erleben'  wäre. 
Ich  lese  daher  möhtet  irs  erhiten  'wenn  ihrs  nur  erwarten 
könntet',  d.h.:  wartet  nur,  er  soll  mirs  schon  entgelten!  vgl. 
Walth.  61,  20. 

V.  1350  scheint  ein  kohel  B  doch  avoI  ein  vernünftigerer 
Aufbewahrungsort  für  kostbare  Stoffe  als  ein  tohel  A.  Die 
änderung  dieser  hs.  fällt  unter  die  gruppe  3,  oben  s.  93. 

V.  1651  mag  die  vorläge  schon  verderbt  gewesen  sein. 
Haupts  herstell ung  ist  wenig  einleuchtend;  ich  bin  A  gefolgt, 
wozu  sich  V.  26  f. :  mit  einer  Icurzen  rede  sieht  lande  ich  in  daz 
mcere  ivaz  üf  der  hiWen  wcere  erziuget  annähernd  vergleichen 
lässt.  —  mcere  als  subject  und  hcßret  als  3.  sg.  ind.  zu  nehmen 
und  zu  erklären  'hier  hört  die  geschichte  auf  mit  der  erzäh- 
lung,  wie  u.s.w.'  wird  sich  doch  wol  verbieten. 

Die  herstellung  von  v.  1732  ir  hebt  iucli  holde  für  die  tür 
ist  durch  1791  gegeben. 

V.  1746  besteht  kein  grund,  hier  schon  mit  B  in  die  2.person 
überzugehen. 

P^ndlich  bedürfen  die  sprachformen,  wie  ich -sie  in  meiner 
ausgäbe  eingeführt  habe,  in  einem  punkte  vielleicht  noch  der 
rechtfertigung.    Ich  habe  mich  im  allgemeinen  bemüht,  die 


ZUM   MKIER   HELMBRECHT.  109 

spräche  des  gedicktes  in  der  form  herzustellen,  die  durch  die 
reime  festgelegt  wird.  Dagegen  habe  ich  im  versinnern  ^,  ü,  m 
geschrieben,  obwol  nach  den  reimen  kein  zweifei  sein  kann, 
dass  der  dichter  diphthongiert  hat.  Es  waren  lediglich  prak- 
tische erwägungen,  die  mich  zu  diesem  gewis  inconsequenteu 
und  im  gründe  unwissenschaftlichen  verfahren  geführt  haben. 
Die  einfiihrung  der  diphthonge  hätte  zugleich  die  Veränderung 
der  alten  ei,  ou  in  ai,  au  bedingt,  und  es  wäre  ein  sprachbild 
entstanden,  das  den  text,  wie  die  dinge  einmal  liegen,  zur  ein- 
fiihrung ins  mhd.  unbrauchbar  gemacht  hätte.  Gerade  für 
den  ersten  Unterricht  aber  wollte  ich  das  gedieht  bereit  legen, 
das  nach  so  vielen  selten  gelegenheit  zur  anknüpfung  frucht- 
barer erörterungen  bietet.  Erleichtert  wurde  mir  der  entschluss 
zu  meinem  vorgehen  durch  die  erwägung,  dass  dem  lernenden 
ja  auch  an  anderen  punkten  bedeutet  werden  muss,  dass  unsere 
mhd.  Orthographie  eine  conventionelle  ist,  die  beinahe  von 
denkmal  zu  denkmal  einer  anderen  lautlichen  Interpretation 
bedarf.  Auch  der  Zwiespalt  zwischen  der  Schreibung  im  reim 
und  im  versinnern  liess  sich  ertragen  im  hinblick  darauf,  dass 
wir  auch  sonst  wol  vom  reim  gebotene  erscheinungen,  z.  b. 
die  diphthongierung  von  t  und  ü  vor  gewissen  consonanten, 
nicht  ins  versinnere  einzuführen  pflegen.  Consequent  wollte 
ich  dagegen  darin  bleiben,  dass  ich  im  versinnern  dann  auch 
kein  bouwen,  tromven  neben  den  sonstigen  %X,  wie  die  älteren 
ausgaben  es  schreiben,  geduldet  habe,  da  ich  diesen  formen 
nicht  mit  Martin,  DLZ.  1901,  sp.  2328  eine  ausnahmestelluug 
zuerkennen  kann;  ihr  häufigeres  vorkommen  im  reim  erklärt 
sich  nur  aus  der  grösseren  zahl  der  für  sie  gebotenen  reim- 
möglichkeiten. 

Zum  Schlüsse  noch  eine  literargeschichtliche  bemerkung. 
Dass  der  v.  217  genannte  Neidhard  den  grundton  für  unser 
gedieht  hergegeben  hat,  ist  besonders  von  Rudioff,  Unter- 
suchungen zu  M.  Helmbr.  s.  5  ff.  richtig  auseinandergesetzt 
worden.  Wenn  aber  öfter  bemerkt  wird,  dass  man  doch  nicht 
von  nachahmung  odei-  entlelinung  sprechen  dürfe  (vgl.  z.  b.  die 
anm.  vonKeinz  zu  v.29,  Lambel  s.  135),  so  ist  es  vielleicht  nicht 
überflüssig,  einmal  darzulegen,  dass  zwei  lieder  Neidhards  oder 
richtiger  abschnitte  aus  solchen,  zeile  für  zeile  in  den  M.  Helm- 
brecht aufgenommen  sind.    Einmal  die  zuerst  von  C.  Schröder 


110  PANZER 

herbeigezogene  str.  von  Hildemars  lianbe,  Haupt  86,  3  ff.  Auf 
sie  sind  uzen  vogelin  üfgenät  86,  8  wie  auf  Helmbreclits  haube 
die  vogel  üf  genät  sind  19,  und  zwar  mit  siden  86,  8  =  H.  96. 
276.  Da  hat  manic  hendel  dne  vinger  suo  geriieret  e  si  si 
gezierten  sagt  Neidhard  86,9;  von  der  linwdt  unseres  beiden 
aber  heisst  es  in  offenbarer  nachahmung  jener  stelle:  ah  dem 
tuoclie  entrunnen  ivol  sihen  wehcere,  e  ez  vohcehet  wcere  135. 
Wie  Neidhard  mit  seinem  daz  mich  niemen  liegen  lät  86,  10 
versichert  AVernher  gerade  bei  der  Schilderung  der  haube 
mehrfach  die  Wahrheit  seiner  erzählung  (9.  30  f.  60.  74.  88  f.). 
Neidhard  verflucht  86, 11  f.  denjenigen,  der  tuch  und  seide  zu 
der  haube  aus  AVälschland  gebracht  hat;  Wernher  schreit  54  f. 
sein  wehe  über  den  bauern,  der  eine  so  kostbare  haube  trägt. 
Neidhard  schildert  86, 15  f.  die  gewunden  locJae  lange,  die,  val 
und  reit,  hangent  verre  vür  daz  hinne  hin  ze  tal;  von  unserem 
beiden  heisst  es  11  f.,  dass  sein  haar  reide  iinde  val  oh  der 
ahsel  hin  ze  tal  mit  lenge  volleclichen  gienc.  Hildemar  wird 
86,231  getadelt,  weil  er  ivil  ehenhiuzen  sich  ze  werdem  in- 
gesinde  daz  hi  hoveliuten  ist  getvahsen  unde  gezogen;  der  junge 
Helmbrecht  wird  getadelt,  weil  er  sich  will  genözen  tmd  ge- 
liehen dem  wol  gehornen  hoveman  338  f.,  den  rehten  hoveliuten 
296,  deren  art  ihm  nicht  angeboren  ist  244  f.  Hildemar  wird 
86,25  geweissagt:  hegrtfents  in,  si  zerrent  im  die  hühen  also 
swinde,  e  er  wwnet  so  sint  im  diu  vogelin  enpflogen-,  unser 
held.  wird  von  den  bauern  ergriffen,  die  ihm  die  haube  so 
Meine  zarten  1895,  dass  die  aufgenähten  vögel  auf  dem  weg 
verstreut  liegen  1886  f. 

Das  zweite  ebenso  intensiv  benützte  stück  ist  Neidh.27, 15  ff. 
Dort  mahnt  die  mutter  die  tochter  ab:  tohterUn,  lä  dich  sin 
niht  gelangen,  wil  du  die  ritter  an  dem  reien  drangen  die  dir 
niht  ze  mäze  ensulen  sin,  tohterUn,  du  ivirst  an  dem  schaden  ivol 
ervunden,  ganz  wie  der  alte  meier  den  söhn  337 :  ivilt  du  dich 
sicherltchen  genözen  und  geliehen  dem  wol  gehornen  hoveman, 
da  misselinget  dir  an.  Die  alte  stellt  der  jungen  vor  27,  20: 
der  junge  meier  miiotet  din  und  führt  das  näher  aus  in  einer 
nur  in  c  überlieferten  Strophe  (Haupt  s.  128) :  der  hat  doch 
rinder  unde  stvin,  Jcorn  unde  tvin;  der  alte  stellt  dem  söhne 
280  f.  vor:  ez  ivil  gehen  dir  der  meier  liuoprecJit  sin  hint,  vil 
schäfe,  swtne  und  zehen  rint.    Die   tochter  weist  die  alte  ab 


ZUM   MEIER  HELMBRECHT.  111 

27,21:  gießet  mir  den  meier  an  die  versen.  ja  trihve  ich  einem 
rittet-  wol  gehersen:  ziviu  sol  ein  gehüiver  mir  ze  man?  wie 
Helmbrecbt  den  vater  zurückweist  300:  ich  trtace  in  hoveltchen 
siten  immer  also  ivol  getccscn  sam  die  ze  hove  ie  sint  geivesen 
und  326:  meier  Fiuoprecht  zeinem  eidem  hin  ich  im  immer  me 
verzigen.  Die  mutter  sieht  ein  27,32:  dtn  nmot  dich  allez  von 
mir  treit,  wie  Helmbrecht  226  erklärt:  min  iviUc  mich  hinz  hove 
treit,  und  die  junge  will  nichts  mehr  hören  27,33:  muoter  min, 
ir  läzet  iuiver  lägen,  wie  Helmbrecht  dem  vater  seine  mahnungen 
verweist  259:  lieher  vater  min,  siuic  und  lä  die  rede  sin.  Die 
erklärung  der  tochter  aber  27,34:  ich  ivil  mtne  vriunde  durch 
in  ivägen  ist  wörtlich  aufgenommen  in  Gotelinds  erklärung  für 
den  'ritter'  Lemberslind  1429:  nü  wizze,  doz  ich  icäge  vater, 
muoter  und  mäge,  wie  auch  schon  die  frühei'en  worte  des  Neid- 
hardschen  mädchens  27,  23:  zwiu  sol  ein  gehüiver  mir  ze  man? 
der  enkan  mich  nach  minem  vnllen  niht  getriuten  in  Helm- 
brechts bemitleidenden  äusserungen  gegen  die  Schwester  1365  f. 
widerkehren. 

Dass  sich  ausserdem  vielfache  Übereinstimmungen  besonders 
in  der  Schilderung  der  üppigen  kleidung  des  dörpers,  seines 
benehmens  beim  tanze,  dem  flämen  u.s.  w.  finden,  ist  bekannt. 
Ich  gebe  noch  kurz  eine  Zusammenstellung  auffälligerer  be- 
rührungen  im  Wortlaut,  wovon  einiges  schon  von  Eudloff  an- 
gemerkt ist.  Das  rüehen  graben  Neidh.  43,  4.  43,  23  kehrt 
Helmbr.  1361  wider.  Zu  Neidh.  50, 1  daz  sich  doch  vil  llhte 
mac  verrtden  vgl.  Helmbr.  1808  doch  mac  ez  sich  verriden. 
Zu  Neidh.  51,  35 — 38  dar  zuo  treit  er  ouch  ein  höhez  collier 
umhe  den  kragen:  derst  üf  und  iif  gezieret  wol  mit  einem  tuoche 
löten,  daz  sol  jungen  mägden  an  dem  tanze  ivol  hehagen  vgl. 
Helmbr.  204  f.,  zu  52,2  vor  im  gencese  niemen  Helmbr.  411  f., 
ZU  52, 10  dö  reit  er  daz  houhet  iif  dem  crophe  vil  verivendec- 
lichen  Helmbr.  406.  Zu  Neidh.  57, 1  er  slahes  daz  diu  sitnne 
durch  si  schine  vgl.  Helmbr.  1836  ich  zerre  in  also  kleine 
sam  daz  in  der  sunnen  vert.  Zu  64, 8  daz  er  gegen  ir  in 
ruomewät  sin  hölzel  schiuzet  vgl.  Helmbr.  1497  Lemherslint 
schöz  sinen  holz  mit  gefiiegen  Worten  stolz  gegen  Gotelinde. 
Mit  64, 13  c  dö  er  in  diu  ören  klanc  vgl.  Helmbr.  216  den 
wihen  ez  durch  diu  ören  klanc,  mit  68, 38  nü  tiiont  im  die 
secke  vil  gedon  die  da  ritent  sinen  kragen  Helmbr.  264  mir 


112  PANZER,   ZUM   MEIER   HELMBRECHT. 

suhl  oncJi  ätne  seche  nimmer  riten  den  Iragcn,  mit  93,  40  tve 
der  muoter  diu  mir  in  ze  schaden  truoc  Helmbr,  516  ive  daz 
dich  muoter  getruoc.  geuphän  schilt  Neidhard  die  bauern 
102,11  und  Helmbreclit  heisst  geutöre  41.  Neidh.  215,  z.  16 
(nur  in  c;  aus  dem  Hildemarliede)  heij  waz  er  isens  ceze  kehrt 
Helmbr.  410  hey  ivaz  ich  tsens  vrceze  {ceze  B;  vgl.  1749)  wider. 

FREIBURG  i.  Br.,  augiist  1901. 

FRIEDRICH  PANZER. 


ZUR  GOTISCHEN  ETYMOLOGIE. 

Die  folgenden  bemerkungen  sind  veranlasst  durch  Theodor 
von  Grienbergers  eingehende  und  lehrreiche  Untersuchungen 
zur  got.  wortkunde  (Wien  1900)  und  sollen  begründen,  warum 
ich  bei  der  dritten  ausgäbe  meines  gotischen  Wörterbuches, 
welche  in  Vorbereitung  ist,  aber  erst  nach  zwei  oder  drei 
Jahren  wird  erscheinen  können,  in  gewissen  punkten  von  den 
Grienbergerschen  anschauungen  glaube  abweichen  zu  müssen. 

1.  Äha.  Grienberger  s.  3  sagt:  'Das  wort  macht  den 
eindruck  einer  kurzform,  wobei  ein  mit  af-  componierter  ver- 
wantschaf tsname  vorausgesetzt  ist.  Vgl.  lat.  dbaviis  Ȋltergross- 
vater«,  ahncpös  »ururenkel«.  Da  sich  mit  kindern  gesegnete 
ehepaare  im  deutschen  »vater«  und  »mutter«  zu  nennen  pflegen, 
so  kann  aha  ursprünglich  »vater«  bedeutet  haben.'  Dieses 
letztere  ist  ganz  richtig,  und  schon  vor  einigen  jähren  (Beitr. 
22, 188)  habe  ich  die  Vermutung  ausgesprochen,  dass  wir  es 
mit  einem  alten  worte  für  'vater'  zu  tun  haben  (vgl.  Diefen- 
bach,  Vergl.  wb.  1, 1).  Freilich  glaube  ich  nicht,  dass  wir  einen 
mit  af-  componierten  verwantschaftsnamen  zu  gründe  legen 
müssen.  Hätten  wir  nur  got.  aha  'ehemann',  so  könnten  wir 
annehmen,  dass  die  ursprüngliche  bedeutung  'nachkomme,  söhn' 
gewesen  wäre  und  dass  sich  daraus  'junger  mann'  entwickelt 
hätte,  welchenfalls  wir  aha  als  eine  ableitung  von  af  betrachten 
könnten,  ähnlich  wie  as.  adaro,  ags.  eafcra  'nachkomme'.  Dem 
würde  auch  der  isländische  ausdruck  aß  eptir  afa  nicht  wider- 
sprechen, denn  afi  könnte  hier  ebensowol  'sobn'  wie  'vater' 
bedeuten.  Aber  wie  Hesse  sich  die  bedeutung  'grossvater', 
welche  aft  schon  im  altnordischen  hat,  mit  dieser  auffassung 
vereinigen?  Eine  ableitung  von  «/kann  aha — afi  deshalb 
nicht  sein,  und  falls  wir  von  der  bedeutung  'vater'  ausgehen 

Beitrage  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVIL  ft 


114  UHLENBECK 

müssen  —  daraus  lassen  sich  ja  die  bedeutungen  'eliemann' 
und  'grossvater'  beide  leicht  erklären  — ,  dann  dürfen  wir 
auch  nicht  an  die  kurzform  eines  mit  af-  zusammengesetzten 
Wortes  denken,  denn  ein  solches  hätte  nur  'ahne'  oder  'enkel', 
nicht  aber  'vater'  oder  'ehemann'  bedeuten  können. 

2.  Ahrs.  Das  ags.  wort  ist  sicher  nicht  äfor,  sondern 
dfor  und  entspricht  dem  ahd.  eihar  'herb,  schrecklich,  greulich'. 
Von  Zusammenhang  mit  dbrs  (Grienberger  s.  3)  darf  keine  rede 
sein.  Gehört  ags.  dfor,  ahd.  eihar  etwa  zu  gr.  ciIjivq  'steil,  jäh 
abstürzend,  plötzlich,  schwierig',  alxpa  'schnell,  sogleich'?  Vgl. 
mit  (p  gr.  (xl(f:vrfi,  h^ai(pvi]c  'plötzlich'.  Als  gemeinsame  grund- 
bedeutung  von  *aipr6-,  '^aipü-  wäre  'uneben,  rauh'  zu  ver- 
muten. Was  das  gotische  wort  anbetrifft,  mag  Liden  (Stud. 
zur  aind.  und  vergl.  sprachgesch.  s.  74  ff.)  das  richtige  getroffen 
haben.  Die  früher  von  mir  gebilligte  gleichung  got.  abrs  :  aind. 
ambhrnd-,  dnibhas  (Johansson,  IF.  3,  239  ff.)  scheitert  an  dem 
nasal,  und  czech.  ohr,  slowak.  ohor  'riese'  wird  wol  wie  der 
volksname  der  Avaren  aus  ahrs  entlehnt  sein  (so  Grienberger 
a.  a.  0.). 

3.  Afaikan.  Got.  -aikan,  ahd.  eihhan,  eihhön,  eihhinen 
ist  nicht  genügend  erklärt.  Osthoffs  gleichung  got.  af-ailcun  : 
aind.  ejati  (Beitr.  13,  395  f.)  trägt  den  ahd.  verwauten  keine 
rechnung  und  ist  deshalb  mit  Kögel  (Beitr.  16, 512  f.)  abzu- 
lehnen. Offenbar  verfehlt  sind  die  ausführungen  Sütterlins 
(IF.  4, 100  f.),  auf  welche  ich  nicht  einzugehen  brauche.  Grien- 
berger s.  4  stellt  -aikan  zu  lat.  äio,  indem  er  germ.  k  hier  als 
suffixal  betrachtet,  welche  auffassung  zwar  nicht  unmöglich, 
mir  aber  sehr  wenig  wahrscheinlich  ist.  Vielleicht  ist  -aikan 
eigentlich  'äussern'  und  gehört  zu  aksl.  üü  'aus'.  Lit.  Iss 
wird  dann  vor  tonlosen  consonanten  aus  *)i  entstanden  sein, 
wie  lit.  äsz  'ich'  zunächst  auf  *ä£  zurückgeführt  werden  muss 
(vgl.  aksl.  azü).  Nach  Wood  (Journ.  of  germ.  phil.  2,  219)  hätte 
auch  aind.  vddati  ursprünglich  'äussern'  bedeutet  und  wäre  es 
mit  üd  zu  verbinden,  was  jedoch  nicht  für  sicher  gelten  dail 

4.  Afdauips.  Grienberger  s.  5  f.  trennt  afdauißs,  '^afdöjafi 
von  daujjs,  dau])us  und  stellt  es  zu  lit.  dövyti  'umherjagend 
abquälen',  das  m.  e.  besser  mit  Brückner  (Die  slav.  fremdwörter 
s.  81)  als  lehnwort  aus  klruss.  davyty  aufgefasst  wird.  Slav. 
daviti  'würgen,  bedrängen,  quälen'   ist  aber  sicher  kein  facti- 


ZUR    GOT.    ETYMOLOGIE.  115 

tivimi  zu  gT.  {)tco  'laufe'  (wie  Grienberger  von  lit.  dövyti  an- 
nimmt), sondern  vielmehr  zu  an.  deyja,  as.  döjan,  ahd.  touwen 
'sterben'. 

5.  Afivalwjan.  Grienberger  s.lO  hält  das  w  von  -walwjan, 
lat.  volvo  U.S.W,  für  'participialen  Ursprunges'.  Es  gibt  aber 
eine  indog.  wz.  *uel(e)u-,  welche  im  arischen  leider  mit  *uer{e)i^- 
zusammengef allen  ist  (s.  mein  Etym.  wb.  der  aind.  spräche  s.293). 
Man  beachte  aind.  vrnöti  =  indog.  ^id^-n-m-ti  (mit  Hirt  be- 
trachte ich  nur  das  n  als  infix)  und  aind.  varüiram  =  gr. 
tXvT()Oi\  Wie  *i(el(e)ii-  sich  einerseits  zu  *iier{e)u-,  anderer- 
seits zu  *MeZ(e)-  verhält,  wage  ich  nicht  zu  entscheiden. 

6.  Aha.  Die  Wörter  aha,  alima,  ahjan  gehören  m.  e.  weder 
zur  WZ.  *og-  'sehen',  noch  zur  wz.  *«/:-  'scharf  (vgl.  Tamm, 
Etymologisk  svensk  ordbok  s.  3  f.).  Germ,  ah-  ist  'sinnen',  und 
diese  bedeutung  lässt  sich  kaum  aus  'scharf  sein',  eher  noch 
aus  'sehen'  erklären.  Gegen  die  ableitung  aus  *og-  spricht 
jedoch  das  fehlen  der  labialisation.  Vermutungsweise  stelle 
ich  die  sippe  von  aha  zu  gr.  oxvoq  'bedenklichkeit,  zaudern', 
oxvLco  'trage  bedenken,  zaudere',  6xv?]Q(jg  'saumselig',  deren 
bedeutungen  sich  wol  aus  der  des  nachsinnens  erklären  lassen. 
Dass  die  griech.  Wörter  einmal  /  gehabt  hätten,  ist  nicht 
wahrscheinlich,  denn  bei  Homer  haben  oxvoq,  oxveco  vocalischen 
anlaut  (anders  Leo  Meyer,  Griech.  etymologie  s.502).  Vgl.  Grien- 
berger s.  12. 

7.  Ahahs.  Grienberger  s.ll  vergleicht  lat.  agm7tts' dunkel'. 
Semasiologisch  ansprechend,  aber  unsicher  wegen  des  got.  h 
statt  h. 

8.  Ai^ei.  Nach  Grienberger  s.  16  wäre  aipei  eigentlich 
'die  tragende,  trächtige',  zu  gr.  olaoo  'werde  tragen',  oloxöc, 
'zu  tragen,  erträglich'.  Eher  ist  aipein-  aus  *diti-n-  eine  feminin- 
bildung  zu  einem  lallwort  *aita  'vater':  vgl.  ir.  aite  'pflege- 
vater,  erzieher',  dessen  i  aber  auch  durch  «-epenthese  erklärt 
werden  kann  (Stokes,  Urkelt.  Sprachschatz  s.  9).  Eine  ähnliche 
urschöpfung  finden  wir  auch  im  baskischen,  wo  aita  'vater' 
bedeutet.  Viel  häufiger  ist  der  typus  at{t)a  (s.  mein  Etym. 
wb.  der  got.  spräche  2  s.  18),  der  durch  das  erst  nach  der  laut- 
verschiebuug  entstandene  got.  atta  repräsentiert  wird  (anders 
Grienberger  s.  32  f.). 

9.  Arhaips.    Falls  es  wirklich  ein  germ.  *a>-5a-  'arbeiter, 


116  UHLENBECK 

knecht'  gegeben  hat,  so  darf  man  dieses  nicht  mit  Grienberger 
s.  27  f.  von  aksl.  rahü,  rohü,  urslav.  *orbü  losreissen.  Die  gemein- 
same grundform  ist  *arhho-  oder  ^orhho-.  Armen,  arhaneak 
hat  entweder  ar  oder  r  :  falls  ar,  so  werden  wir  germ.  *arda-, 
slav.  *orhu  auf  *arh]io-  zurückführen  müssen.  Die  von  Grien- 
berger vermutete  herkunft  von  '^arda-  aus  der  wz.  *ar-  'pflügen' 
ist  unwahrscheinlich,  weil  das  suffix  -hho-  sonst  nicht  zur  bil- 
dung  von  nomina  agentis  gebraucht  wird. 

10.  Asneis.  Ob  asneis,  ags.  esne,  ahd.  asni,  esni  'lohn- 
arbeiter'  mit  asans  'ernte'  zu  verbinden  sei,  möchte  ich  jetzt 
bezweifeln.  Eher  beruht  asneis  auf  dem  nur  aus  der  Frecken- 
horster  heberolle  bekannten  asna  'zins,  abgäbe'.  Schon  Hej-ne 
hat  in  seinem  glossar  zu  den  Kleineren  altniederdeutschen 
denkmälern  as.  asna  mit  ahd.  asni  verglichen. 

11.  Bairahagms.  Grienberger  s.  42  vermutet  ein  nomen 
*ba{ra-  'frucht'  zu  hairan  'tragen'.  Solch  ein  nomen  würde 
aber  eher  a  aus  indog.  o  haben.  Ein  indog.  *bJiero-  'frucht' 
ist  nicht  wahrscheinlich. 

12.  BireJcs.  Grienberger  s.  48  f.  verbindet  hirekjai,  hireiJcjai, 
bireikeim  mit  ivrehei,  wrikan,  indem  er  Schwund  eines  u-  in  der 
compositionsfuge  annimmt.  Er  beruft  sich  auf  aglaitci,  aglaiti, 
*aglaits,  in  denen  zwischen  g  und  l  ein  iv  S3aikopiert  sein  soll: 
*ag-wlaits  wäre  dann  eine  bildung  wie  an.  Jwassleitr,  sUrUitr 
u.  dgl.  (Grienberger  s.  10  f.).  Man  bedenke  aber,  dass  die  laut- 
lichen bedingungen  in  bireks  und  *aglaits  durchaus  verschiedene 
wären.  In  letzterem  falle  liesse  sich  der  Schwund  eines  tv  wol 
durch  die  Stellung  zwischen  zwei  consonanten  erklären,  wäh- 
rend in  einem  "^bi-wreks  das  iv  ebenso  erhalten  bleiben  müsste 
wie  in  frawrikan,  gawrikan,  frawröhjan,  gawrisqan.  Darum 
ist  Grienbergers  erklärung  von  bireks  wol  unbedingt  abzu- 
lehnen, seine  scharfsinnige  deutung  von  *aglaits  aber  jedenfalls 
als  möglich  zu  bezeichnen. 

13.  Dius.  Ags.  dcor  'wild,  kühn,  verwegen,  heftig'  kann 
ursprünglich  'schnaubend'  bedeutet  haben  und  zur  wz.  'hVieus- 
{*dhues-)  'atmen'  gehören.  Got.  diuza-,  an.  dyr,  ags.  deor,  ahd. 
tior  'wildestier'  ist  entAveder  eine  Substantivierung  des  adjec- 
tivs  *deuza-  'wild'  (Kluge ^  s.  394),  oder  es  schliesst  sich  als 
'das  atmende'  unmittelbar  an  die  bedeutung  der  verbal wurzel 
an.    Anders  Grienberger  s.  58,  der  den  Sibilanten  von  diuza-  als 


ZUR   GOT,   ETYMOLOGIE.  117 

ableitend  betrachtet  und  das  wort  mit  einer  ursprünglichen 
bedeutung-  'das  laufende,  schnelle'  zu  gr.  d^tm  stellt.  Will  man 
aber  dmm-  mit  .9^£Vo  verbinden,  so  wird  man  eher  von  'herum- 
laufend, herumstreifend'  ausgehen  müssen:  vgl.  etwa  a.mä.mrgd- 
'im  walde  herumschweifendes  tier,  wild,  gazelle',  das  trotz  des 
(j  kaum  von  mrjdti,  av.  mardsaiti  'streift,  wischt',  gr.  afisQ-yco 
'streife  ab',  ofWQyvv^ui  'wische  ab'  getrennt  werden  kann. 

14.  Breihan.  Grienberger  s.  59  f.  vergleicht  lit  drimhü, 
dnhti  'in  dickflüssigen  oder  breiartigen  stücken  fallen'.  Aber 
dieses  ist  nicht  zu  trennen  von  drybau,  dryhoti  'dick  und  voll 
hangen,  besonders  von  breiigen  oder  auch  sonst  weichen 
massen',  das  in  einen  ganz  andern  vorstellungskreis  als  den 
des  treibens  hineinführt.  Lit.  drih-  {dryh-)  hat  kein  echtes  i, 
sondern  gehört  in  die  sippe  von  drebiü,  drebti  'breiiges  werfen, 
dass  es  spritzt',  gr.  xQb(fco  'mache  dick,  mache  gerinnen',  an, 
draf,  ags.  drcef,  ahd.  pl.  treMr  'hefe,  treber',  ags.  drof,  ahd. 
truohi  'trübe',  got.  drühjan  u.s.w.  An.  sncer  drifr  bedeutet 
auch  nicht  dasselbe  wie  lit.  snegas  driniba  (eigentlich:  'der 
Schnee  fängt  an  dick  zu  werden')!  Grienberger  hat  sich  durch 
die  bewegungsbedeutung  von  lit.  drimhh  ('dick  und  breiig 
fallen')  zu  seiner  combination  verleiten  lassen,  aber  diese  ist 
hier  nicht  von  haus  aus  der  verbalwurzel  eigen,  sondern  nur 
durch  die  inchoative  conjugationsweise  verursacht,  wie  aus  dem 
durativen  dryboti  ('dick  und  voll  hangen')  klar  hervorgeht. 
Vgl.  hundü,  husti  'erwachen'  :  hundü,  hudefi  'wachen';  juntü, 
jüsti  'durch  das  gefühl  gewahr  werden,  zu  fühlen  bekommen'  : 
jaucmi,  jaüsti  'fühlen';  himhü,  Tabu  'woran  hängen  bleiben, 
sich  anhäkeln'  :  kybau,  Jcyboti  'dauernd  hangen';  kvimpü,  kvlpti 
'zu  duften  beginnen'  :  kvepiü,  kvepeti  'duften';  mingü,  mtgti 
'einschlafen'  :  megh,  megöti  'schlafen';  ssunku,  szüMi  'auf- 
schreien' :  smukih,  .smüJdi  'schreien',  welche  beispiele  sich 
ohne  mühe  vermehren  Hessen.  Drimhü,  drihti  ist  also  nichts 
anderes  als  'anfangen  dick  und  breiig  zu  sein',  während  germ, 
*drtban  vielmehr  'fortwährend  in  unruhige  bewegung  ver- 
setzen' und  'sich  fortwährend  unruhig  bewegen',  also  'treiben' 
und  'sich  treiben'  bedeutet.  Leider  weiss  ich  *dridan  nicht 
zu  erklären.  Verhält  es  sich  etwa  zu  lit.  drehit,  dreheti 
'zittern,  beben'  wie  an.  svkta  'sengen,  brennen'  zu  ahd.  swedan 
'langsam    dampfend    brennen'     und    germ.    *gripan    zur    wz. 


118  UHLENBECK 

*ghreb{h)-?  In  andern  Worten:  haben  wir  in  dreheti  :  *ärtban 
einen  bisher  unbeachteten  fall  der  wurzelvariation  e  :  ei  zu 
sehen  ? 

15.  Fatirmüljan.  Grienberg'er  s.  66  stellt  ahd.  inw^a,  an. 
müli  'maul'  zu  gr.  fivm  'schliesse  mich',  das  mit  recht  von 
Prellwitz  s.  207  als  eine  onomatopoetische  bildung  aufgefasst 
wird.  Mveiv  ist  eigentlich  'den  laut  mft  (gr.  fw,  fw)  ver- 
ursachen, mu-  sagen'.  Vgl.  czech.  myjati  'muhen',  lett.  maut 
'brüllen',  lat.  mutio,  muttio  'mucke',  mfitus  'stumm',  und  mit 
Ä;-suffix  russ.  mycati  'brüllen',  myl-  'gebrüll',  serb.  slov.  czech. 
mukati  'brüllen',  gr.  fivxäof/ai  'brülle',  mhd.  mulien,  muiven, 
mügen  'brüllen'  (das  aber  eher  mit  Kluge ''  s.  274  als  eine 
junge  neuschöpfung  zu  betrachten  ist),  aind.  müJca-  'stumm'. 
In  diesen  Zusammenhang  gehört,  wie  schon  Prellwitz  s.  205 
gesehen  hat,  das  vorzugsweise  von  tieren  gebrauchte  müla, 
natürlich  nicht  als  'die  sich  schliessende',  sondern  als  'die 
muhende,  den  mu-l?ii\t  machende',  und  dasselbe  gilt  von  aind. 
muklia-,  das  aber  neben  'maul,  rächen,  schnauze'  auch  'mund, 
angesicht'  bedeutet.  Got.  munps  ist  wahrscheinlich  von  müla 
zu  trennen  und  nach  alter  annähme  mit  lat.  menttim  verwant. 
Auch  an.  ags.  mund,  ahd.  miint  'band',  das  nach  Grienberger 
ebenfalls  'die  sich  schliessende'  bedeutet  hätte,  möchte  ich 
anders  beurteilen,  denn  wenn  vdr  eine  wurzeletymologie  dafür 
suchen,  ist  es  geraten,  den  wahrscheinlichen  Zusammenhang 
mit  lat.  manus  nicht  aus  dem  äuge  zu  verlieren. 

16.  Filhan.  Die  grundbedeutung  des  Wortes  wird  doch 
wol  'graben'  sein.  Schrader  (Reallex.  s.  869)  vergleicht  lit. 
pelke  'torfbruch',  pelldos,  pelhe's  pl.  'torf.  Falls  der  guttural 
ableitend  ist,  darf  man  noch  aksl.  pleti,  russ.  poloü  'jäten' 
heranziehen.  S.  v.  filhan  gibt  Grienberger  nebenbei  eine  ety- 
mologie  von  ahd.  swelahan  'schwelgen',  welche  wesentlich  mit 
der  meinigen  (Beitr.  26, 308)  identisch  ist.  Ich  bemerke  aus- 
drücklich, dass  nicht  mir,  sondern  Grienberger  die  priorität 
gebührt.  Gr.  tlxco  ist  aber  auf  grund  von  bXxöq  :  lat.  sidcns, 
ags.  sulh  wol  als  "suelkö  aufzufassen,  woneben  "^uellw  in  aksl. 
vlekq,,  lit.  velhü  (vgl.  mein  Etym.  wb.  der  aind.  spräche  s.  277 
s.  V.  valJcds). 

17.  Fi  tan.    Dass  fitan  'gebären'  mit  an.  fefa  'seinen  weg 
finden,    zurechtkommen,    finden'    identisch    sei,    ist   durchaus 


ZUR   GOT.   ETYMOLOGIE.  119 

imwahrsclieinlich.  Feta  gehört  mit  fet  'schritt'  zur  wz.  ^peä- 
' gehen';  fitan  aber,  dessen  bedeutung  sich  kaum  mit  der  von 
feta  vermitteln  lässt,  ist  nicht  von  ir.  idu,  pl.  idain  'geburts- 
welien'  zu  trennen  (Feist,  Beitr.  15, 547)  und  hat  also  indog.  i. 
Darum  ist  Grienbergers  gleichung  (s.70)  fitan  :  ?L])Y.ptst  'tragen', 
pulimai  'wir  bringen',  pudanns  'getragen  habend',  obwol  sema- 
siologisch  ansprechend,  auf  grund  des  vocalismus  äusserst  be- 
denklich. Vielleicht  gehört  apr.  pist  mit  hd.  fassen  zusammen 
(Berneker  s.  312).  Dieselbe  ablautsstufe  wie  in  scpr.  pist,  pidimai 
i^ped-)  finden  wir  in  got.  fetjan  'schmücken',  ags.  fceted  'ge- 
schmückt', deren  verwantschaft  mit  hd.  fassen  freilich  nicht 
ganz  sicher  ist. 

18.  Frasts.  Aind.  häld-  bedeutet  sowol  'einfältig,  töricht' 
wie  'kind,  knabe'.  Darum  ist  es  möglich  got.  frasti-  'kind' 
mit  d.\ü.  prostii  'einfach,  einfältig'  zu  verbinden.  Anders  Ost- 
hoff (Beitr.  20,  89  ff.),  Grienberger  s.  74  f. 

19.  Fratvardjan.  Got.  fratvardjan  'verderben,  entstellen', 
ahd.  fanvartan  'verderben',  fanvurt,  ags.  forwyrd  'das  ver- 
derben' sind  einerseits  von  got.  fraivair^an,  ahd.  farwerdan, 
as.  farweräan,  ags.  forwcorpan  'zu  gründe  gehen',  andererseits 
von  ahd.  ivari(j)an,  ags.  ivyrdan,  as.  a-wardian  'verderben' 
kaum  zu  trennen.  Nach  Schade  s.  1101  hätte  frawardjan  zwar 
mit  frawairpan  nichts  zu  tun  und  wäre  es  vielmehr  mit  aksl. 
vr(idu  (aus  *verdu)  'schaden,  beschädigung,  Verletzung,  wunde' 
urverwant.  Eher  aber  glaube  ich,  dass  ahd.  wart{j)an,  ags. 
ivyrdan,  as.  -wardian  sich  aus  frawardjan  —  farwartan  losgelöst 
und  von  diesem  die  bedeutung  'verderben'  übernommen  haben, 
welche  eigentlich  nur  durch  die  Zusammensetzung  mit  fra-  ver- 
ursacht war.  As.  a-  in  a-wardian  scheint  nur  perfectivierend 
ZU  sein. 

20.  Gadrahan.  Die  grundbedeutung  von  ags.  nl,  drabhe, 
an.  nl.  draf,  ahd.  trebir  ist  'dicke,  breiige  masse'  (s.  mein  Etym. 
wb.  der  got.  spräche  ^  s.  37  s.  v.  dröbjan),  und  Grienberger  s.  79  f. 
stellt  diese  sippe  mit  unrecht  zu  gadrahan  'aushauen'.  Dagegen 
muss  ich  zugeben,  dass  verwantschaft  von  gadrahan  mit  aksl. 
^'drohi  'kleines  zeug',  drohmu  'fein,  zerstückelt',  drohiti  'fein- 
machen, zerstückeln'  sehr  wahrscheinlich  ist  und  dass  ich  sie 
in  meinem  Etym.  wb.  nicht  als  'ganz  unsicher'  hätte  bezeichnen 
sollen.    Aus  dem  baltischen  vergleiche  ich  jetzt  noch  lit.  drohe' 


120  UHLENBECK 

'leinwand',  drahuiis,  drehuzis  'ein  kleicUingsstück',  deren  ältere 
bedeutung  'abgehauenes  stück  zeug'  gewesen  sein  wird.  Eine 
parallele  dazu  ist  aksl.  r^hü,  russ.  ruh  'lumpen',  czecb.  ruh 
'kleid',  Obersorb.  ruh  'leinenes  tuch',  russ.  ruhacha  'hemd'  zu 
aksl.  *r(ihiti,  russ.  ruhiti  'hauen'  (vgl.  Miklosich  s.  281). 

21.  Ganipnan.  Ags.^enipan  'dunkel  werden',  ^ewy)  'mist, 
nebel,  wölke',  sendpan  (Exod.  475),  wozu  auch  wol  nl.  geniep 
(*genijp)  in  in  liet  geniep  'im  finstern,  heimlich,  heimtückisch', 
geniepig  'heimtückisch',  erweisen  für  got.  ganipnan  'betrübt 
werden'  die  eigentliche  bedeutung  'sich  verfinstern'.  Vermut- 
lich beruht  die  sippe  auf  einer  wz.  ^neih-  'dunkel  glänzen' 
und  'glänzen'  im  allgemeinen:  vgl.  lit.  mbras  'schwarzer  käfer, 
Johanniswürmchen'  (das  Grrienberger  s.89  mit  recht  heranzieht), 
ii'.  noih,  noeh  'heilig',  apers.  naiha-  'schön,  gut'.  Auch  Liden 
(Stud.  zur  aind.  und  vergl.  Sprachgeschichte  s.  60)  nimmt  'glän- 
zend' als  grundbedeutung  von  ir.  noih  und  apers.  naiha-  an, 
im  übrigen  aber  beurteilt  er  die  Wörter  ganz  anders,  indem  er 
ihr  h  auf  hh  zurückführt  und  als  ableitend  betrachtet. 

22.  Garedan.  Grienberger  s.90  f.  vergleicht  lit.  redas,  reda 
'Ordnung',  re'dgti  'anordnen,  bekleiden,  schmücken'.  Mit  un- 
recht, denn  die  litauischen  Wörter  sind  zweifelsohne  aus  der 
sippe  von  aksl.  r^dü,  russ.  klruss.  rjad  'Ordnung'  entlehnt:  s. 
Miklosich  s.  276  und  Brückner,  Die  slav.  fremdwörter  s.  125. 
Für  die  bedeutung  'bekleiden,  schmücken'  von  lit.  redyti,  isz- 
redyti  vgl.  russ.  rjaditX,  das  u.  a.  'ankleiden,  putzen'  bedeutet, 
izrjaditt,  narjaditV]}UtzeYi,  ausschmücken',  narjad  'anzug,  putz'. 

23.  Gatarnjan.  Zusammenhang  von  gafarnjan  mit  lid. 
;sorn  (Grienberger  s.  92  f.)  ist  mir  zweifelhaft.  Jedenfalls  hat 
0orn  nichts  mit  lit.  durnas  'rasend,  toll'  zu  tun,  denn  dieses 
ist  sicher  aus  klruss.  wruss.  diirnyj,  poln.  durny  entlehnt:  s. 
Brückner,  Die  slav.  fremdwörter  s.  82.  171. 

24.  Gatim  an.  Grienberger  s.  93  f.  stellt  gatiman,  gatarnjan, 
lat.  domäre  u.s.w.  zu  gr.  dem,  ölör/fii  'binde'.  Dies  kann  nicht 
richtig  sein,  denn  die  wurzel  von  öto)  ist  nicht  *de-,  sondern 
*de-  (vgl.  aind.  dyati,  dita-,  dätar-,  dänian-),  während  für  gatiman, 
gatarnjan  eine  wz.  *demä-  anzusetzen  ist. 

25.  Gilpa.  Das  wort  gill)a  'sichel'  ist  noch  immer  dunkel. 
Mit  an.  gelda  'castrieren'  wird  es  nichts  zu  tun  haben,  denn 
an.  geldr,  ahd.  galt  'gelt,  keine  milch  gebend,  unfruchtbar',  das 


ZUR   GOT.   ETYMOLOGIE.  121 

offenbar  mit  gelda  verwant  ist,  lässt  sich  kaum  aus  einer  wurzel 
mit  der  bedeutung  'schneiden'  ableiten.  Persson  (De  origine 
ac  vi  primigenia  gerundii  et  gerundivi  latini  s.  31)  vermutet 
für  gilpa  die  grundbedeutung  'gewetzt,  geschärft'  und  denkt 
an  Zusammenhang  mit  lett.  galMa,  galüäs  ' Wetzstein',  lit.  ga- 
Idndu,  gldndau  'wetze,  schärfe',  welche  etymologie  zwar  mög- 
lich, kaum  aber  wahrscheinlich  ist.  Grienberger  s.  97  dagegen 
will  güpa  mit  aksl.  Mcbo,  lit.  gclefis,  geUts  'eisen'  vermitteln, 
was  begrifflich  und  formell  als  äusserst  bedenklich  bezeichnet 
werden  muss,  denn  einerseits  wird  die  sichel  wol  älter  sein 
als  der  gebrauch  der  metalle  (vgl.  Schrader,  Eeallex.  s.  763), 
und  andererseits  beruht  zeUso  —  gclezis  auf  einer  zweisilbigen 
WZ.  ^g(Ji)eleg{h)-  {:  ^\\  yalxöc;'^),  woraus  gillm  sich  durchaus 
nicht  gewinnen  lässt.  Bedenken  wir  aber,  dass  viele  Wörter 
für  'sicher  von  wurzeln  mit  der  bedeutung' schneiden'  abgeleitet 
sind,  so  werden  wir  dies  auch  von  gil])a  vermuten  dürfen. 
Solche  fälle  sind  nämlich  gr.  aQjii],  aksl.  srüpü  (^sirpü)  zu  lat. 
sarpere  'beschneiden,  durch  schneiden  der  seitenzweige  be- 
rauben', ahd.  sarf,  sarpli,  sarpf  'scharf;  gr.  yQwjcior  zu  lat. 
carpere  pflücken',  lit.  Icifpti  'mit  der  scheere  schneiden',  aind. 
Irpäna-  'schwert',  gr.  oca.Qjiöq  'frucht',  ags.  luerfest,  ahd.  herhist 
'ernte,  herbst';  gr.  Sgejiccpt]  zu  öq8jt(x)  'schneide';  lat.  secula  zu 
secäre  'schneiden';  Simä.dätra-,  npers.cZäs  zu  aind.  ^a^i 'schneidet' ; 
lat.  falx  mit  lit.  dalgis  'sense'  (s.  Schrader  a.a.O.)  zu  hd.  dial. 
dalgen  'schlagen',  eigentlich  wol  'schneiden'.  Demnach  kann 
gü])a  zu  einer  wz.  *ghel-  'schneiden'  gehören,  welche  in  armen. 
ddem  'furche,  pflüge',  aind.  Jiala-  'pflüg'  (s.  Hübschmann,  Ar- 
men, gramm.  1, 471)  vorzuliegen  scheint. 

26.  Grundu-.  Auf  grund  von  an.  grunnr  mit  nn  aus 
nj)  müssen  wir  das  d  von  grundu-  auf  vorgerm.  t  zurückführen 
(Kluge  6  s.  153).  Darum  gehört  grundu-  nicht,  wie  Grienberger 
s.  99f.  annimmt,  zu  ags.  gr  indem  'zerreiben',  dessen  d  wegen 
lit.  grendu,  grendiiu  'reibe',  lat.  frendo  'knirsche'  als  Vertreter 
von  vorgerm.  dh  betrachtet  werden  muss.  Entfernter  Zusammen- 
hang zwischen  '"ghrn-tu-  und  *ghrcn-dh-  ist  allerdings  nicht 
ausgeschlossen,  denn  eine  ursprüngliche  bedeutung  'zerriebenes, 
zerbröckeltes'  ist  für  grundu-  sehr  wahrscheinlich  (Persson, 
AVurzelerw.  s.  72  f.).  Zunächst  vergleiche  ich  grundu-  aber  mit 
gr.  ;(f()«c  (fi)  'kies",  das  früher  ein  ^- stamm  gewesen  sein  kann 


122  UHLENBECK 

und  dann  sein  d  von  ÖEiQad-,  aind.  drslidd-  übernommen  haben 
wird.  Die  grimdform  von  "^x^gär-  ist  *ghcrnt-,  womit  ^glirrd- 
in  grundu-  ablautet.  Das  neutrum  yjQctdoc.  ist  entweder  eine 
verhältnismässig  junge  bildung,  oder  aber  es  verdankt  sein  d 
dem  einfluss  von  xegäc,  nachdem  dieses  schon  ein  J- stamm 
geworden  war.  Nach  Persson  hätten  grundu-  und  ifgäq  nur 
die  Wurzel  *gJier-,  ^'ghr-  mit  einander  gemein. 

27.  Hazjan.  Grienberger  s.  111  f.  vergleicht  mit  unrecht 
lat^  queror,  das  mit  aind.  rvdsiti  auf  indog.  '^kiies-  beruht,  wozu 
aus  dem  germ.  an.  livcesa,  ags.  VuvcEsan  'keuchen'  (anders  Zu- 
pitza,  Germ.  gutt.  s.  58). 

28.  Iliufan.  Grienberger  s.  113  denkt  an  Zusammenhang 
mit  lit.  hiijyfdi,  hfqKiuti  'schwer  atmen',  das  mit  hväpas  'hauch, 
duft',  hvepti  'hauchen',  lcvej)eti  'duften'  verwant  ist  (s.  mein 
Etym.  wb.  der  aind.  spräche  s.  58  s.  v.  Icüpyati).  Vielleicht  trifft 
Grienberger  das  richtige,  denn  auch  lat.  queror  'klage'  :  aind. 
Qvas-  'atmen,  schnaufen,  seufzen'  hat  eine  ähnliche  bedeutungs- 
entwicklung  durchgemacht.  Identisch  mit  limfan  wäre  aind. 
cöpati  'bewegt  sich,  rührt  sich',  ursprünglich  entweder  'atmet, 
ist  lebendig'  oder  aber  'ist  in  wallender  bewegung'  :  die  wz. 
H'euep-  vereinigt  ja  die  bedeutungen  'hauchen'  und  'wallen' 
in  sich.  Das  verbum  cöpati  ist,  abgesehen  vom  Dhätupätha, 
nur  aus  einem  rätsei  bekannt:  kmi  svij  jätam  na  copati?  andam 
jätum  na  copati. 

29.  Hlifan.  Hierher  stellt  Grienberger  s.  116  f.  noch  lit. 
sUpti,  lett.  slept  'verbergen,  verheimlichen'.  Aber  wie  beurteilt 
er  das  anlautende  s  in  sUpti?  Geht  er  etwa  mit  Johansson 
(Beitr.  14, 295)  von  einer  wz.  *sk(e)lep-  aus,  welche  sich  einer- 
seits zu  *klcp-  (got.  hlifan,  lat.  depo,  gr.  xXtxrco),  andererseits 
zu  "^'slep-  (lit.  slepti,  lett.  slcpt)  entwickelt  hätte? 

30.  Hröt.  Nach  Grienberger  s.  119  f.  wäre  hröt  vielleicht 
mit  gr.  'AQÜÖTj  'spitze  eines  baumzweiges'  zu  verbinden.  Dieses 
ist  aber  eigentlich  'die  schwingende'  und  gehört  zu  xQadüo) 
'schüttele,  schwinge'  (so  Prell witz  s.  161.  Leo  Meyer,  Griech. 
et.  s.  390  f.).  Grienberger  und  Hirt  (Ablaut  s.  77)  stellen  hröt 
übrigens  mit  ableitendem  dental  zu  gr.  xägä  'haupt'.  Wahr- 
scheinlicher ist  die  etymologie  Wiedemanns  (IF.  1, 194)  :  wie 
dach  zu  decken,  so  wird  hröt  zu  aksl.  kryti  gehören. 

31.  Inraühtjan.    Got.  inraühtjan  'ergrimmen'   ist   selir 


ZUR   GOT.   ETYMOLOGIE.  123 

verschieden  erklärt  worden.    Leo  Meyer  (Got.  spräche  s.  278) 
und  Johansson  (Beitr.  15,  236)  denken  an  Zusammenhang  mit  gr. 
oQft],  das  auf  einer  indog.  wz.  *nerg-  beruht  (vgl.  ir.  ferg  'zorn', 
aind.  m-j-  'kraftfülle')   und   dessen  tief  stufe   im  germ.  eher  ur 
als  ru  enthalten  würde.     Leo  Meyer  vergleicht   auch   aind. 
rghmjdti  'bebt,  tobt,  rast',  rgltävant-  'tobend,  stürmisch',  wovon 
gr.  ogyjofiai  'rege  mich,   tanze'   nicht  getrennt  werden  kann: 
die  grundbedeutung  der  wurzel  ist  'sich  wild  bewegen',  woraus 
die   bedeutung  von  mraühtjan  sich  allerdings  erklären  Hesse. 
Grienberger  s.  129  f.  stellt  mraühtjan  zu  ahd.  riohhan  'rauchen, 
dampfen,   duften,  riechen',    ags.  reocan   'rauchen,  duften',   an. 
rjüM  'rauchen,  dünsten',  womit  er  auch  das  aji.  Xey.  ags.  reoc 
'wild'  (Beow.  122)  verbindet.     Inraühtjan  wäre  dann  eigentlich 
'zu  rauchen  anfangen,  in  dampf  geraten',  und  gr.  />i~//oc;  'ge- 
mütswallung*  :  aind.  ilhrmd-  'rauch'  wird  von  ihm  als  parallele 
dazu  angeführt.    Wider   anders  Zupitza  (KZ.  37, 405),   der  in- 
raühtjan mit  ir.  redit  'wutanfall'   vergleicht.     Der  Wahrheit 
am  nächsten  dürfte  aber  Diefenbach  (Vergl.  wb.  2,  167)  ge- 
kommen sein,  wenn  er  am  Schlüsse  des  artikels  sagt:  'vielleicht 
dürfen  wir,  mit  andrer  grundbedeutung,  eher  ahd.  giruhit  »ex- 
asperat«  von  ruh,  nhd.  rauh,  rauch  vergleichen'.     In  der  tat 
glaube  ich   jetzt,   dass  inraühtjan  in  die  sippe  von  ags.  ruh, 
ahd.  ruh  gehört:  vgl.  aind.  rukshd-  'rauh,  dürr,  herb,  unwirsch', 
lit.  rüksztas  'sauer',  rüksdas,  raühsslas  'runzel',  rüläi  'runzelig 
werden',   raüUi  'runzeln'.     Es   fragt   sich   dann  nur,   ob   das 
dem  got.  verbum  zu  gründe  liegende  substantivum    "raühti- 
'herbe,  unwirschheit'  oder  aber  'das  runzeln  der  stirn'  bedeutet 
habe.     Inraühtjan  ahmin,  inraühtjan  in  sis  wäre  letzternfalls 
eigentlich  'sich  runzeln  im  geiste,  sich  runzeln  in  sich',  ein 
bildlicher  ausdruck,  der  sich  leicht  verstehen  lässt, 

32.  Jiuleis.  Gegen  Grienbergers  etymologie  (136  f.),  nach 
welcher  *kqlo-  mit  Mi.  jenJcü,  jelii  'blind  werden'  zu  verbinden 
wäre,  spricht  der  von  ihm  nicht  beachtete,  aber  kaum  leugbare 
Zusammenhang  von  jenkü,  jekti  mit  äJdas  'blind',  lat.  aquilus 
'dunkel'.  Das  j  von  jhUi  ist  ebensowenig  ursprünglich  wie 
dasjenige  von  jimläi  'gewohnt  werden',  jaukmti  'gewöhnen' 
(:  aksl.  vyknati,  uciti  u.s.w.).  Falls,  wie  ich  vermute,  der 
name  des  julfestes  zu  aind.  yäc-  gehört,  so  wird  er  sich  auf 
die  einladuuff  der  abgeschiedenen  seelen  zum  totenfeste  beziehen. 


124  UHLENBECK 

Diese  modiflcation  meiner  früheren  ansieht  verdanke  ich  einem 
gespräche  mit  dr.  Edv.  Lehmann  (Kopenhagen). 

33.  Kalhjö.  Got.  mip  kalkjöm  'mit  huren',  kaJJdnassus 
'hnrerei,  ehebruch'  sind  noch  nicht  genügend  erklärt.  Diefen- 
bach  (Vergl.  wb.  2,  439  f.)  denkt  an  die  sippe  von  ir.  celg  'list, 
verrat',  aus  welcher  kolJ<yjö  entlehnt  sein  könnte.  Leo  Meyer 
(Got.  spräche  s.  3)  vergleicht  das  vieldeutige  aind.  järd-  'lieb- 
haber,  buhle',  das  eher  mit  gr.  yafißQOQ  zusammengehört  (von 
Bradke,  IF.  4,  87  ff.).  Schrader  (Eeallex.  s.  67)  vermutet  ent- 
lehnung  aus  einer  spräche,  wo  ein  mit  k  anlautendes,  mit  gr, 
jtaXXaxlc,  jta^.Zaxrj,  jiälXaB,  urverwantes  wort  existierte,  indem 
er  das  jr  von  üraXlaxh  auf  grund  von  aksl.  clovehu  'mensch' 
aus  indog.  q  erklärt.  Aber  clovekü  hat  gewis  nichts  mit  dem 
lehnwort  jiaXXaxig  zu  tun,  das  nicht  von  hebr.  piUeges,  plleges, 
aram.  ptlaqtä,  pelaqtä  und  wahrscheinlich  auch  nicht  von 
armen,  harfs  (mit  h  aus  fj?)  getrennt  werden  darf  (vgl.  Lewy, 
Semit,  fremdwörter  s.66  f.  Jensen,  ZDMG.  ^8,  468  f.;  Hittiter  und 
Armenier  s.  211  f.).  Eine  ansprechende  etymologie  von  clovekü 
(eig.  'menschenkind',  vgl.  ags.  Jude,  hcelcd,  ahd.  lielid  'mann' 
und  lit.  vaikas  'knabe,  söhn')  hat  Brugmann  (IF.  12, 26)  vor- 
geschlagen. Schraders  *kaUaki-  der  einen  oder  der  anderen 
5afe«?- spräche,  woraus  kalkjö  sich  als  entlehnung  erklären 
Hesse,  hängt  also  nicht  nur  in  der  luft,  sondern  es  ist  mit 
bestimmtheit  als  misproduct  zu  bezeichnen,  denn  jiaXXaxlg  hat, 
wie  die  semitischen  Wörter  und  armen,  harts  (?)  beweisen, 
niemals  mit  q  angelautet,  sondern  es  ist  mit  p  aus  einer 
spräche  Vorderasiens  entlehnt  worden.  Schrader  gibt  übrigens 
seine  Vermutung  nur  'in  ermanglung  einer  besseren'.  Sie  Hesse 
sich  aber  vielleicht  doch  in  etwas  modificierter  gestalt  als 
möglich  aufrecht  halten,  nämlich  wenn  man  kalk-  durch  assi- 
milation  aus  *2^alk-  erklären  wollte.  Dieses  *palk-  könnte 
dann  auf  gr.  jtaXXaxiq  oder  auf  eine  thracische  form  dieses 
lehnwortes  zurückgeführt  werden.  Aber  welch  ein  gebäude 
aus  unbeweisbaren  hypothesen!  Siebs  (KZ.  37,  313),  der  sich 
nicht  auf  eine  Widerlegung  älterer  ansichten  einlässt,  gibt  jetzt 
eine  neue  erklärung  von  kalkjö,  indem  er  es  mit  ags.  scielcen 
'dienerin,  hure'  verbindet.  Aber  dieses  ist  das  femininum  zu 
scealc  wie  ivielen  zu  wealh,  Itignen  zu  pe^n,  Jn{e)iven  zw  peoiv. 
Wenn  ich  Siebs  recht  verstehe,  so  betrachtet  er  kalkjö  als  eine 


ZUE  GOT.  ETYMOLOGIE.  125 

art  fem,  zu  sMll-s.  Warum  dann  aber  nicht  *s]ialJijö?  Und 
wie  erklärt  sich  bei  Siebs'  auffassung  die  bedeutung  von 
Jialkinassus,  das  auch  'von  männlicher  seite  ausgeübte  hurerei' 
(Grienberger  s.l37)  bezeichnet?  Etwas  brauchbares  über  Jicdljö 
ist  meines  wissens  noch  nicht  vorgebracht.  Mit  slov.  mlik- 
zene  (Miklosich  s.  406)  hat  kalhjö  selbstverständlich  nichts  zu 
tun,  und  Siebs  hätte  seine  zweifelnde  bemerkung  darüber  unter- 
drücken sollen.  Falls  aber  Grienberger  das  zweite  Ic  in  Imllijö, 
Jcalkinassus  mit  recht  für  ableitend  hält,  so  liegt  es  nahe,  an 
verwantschaft  mit  aksl.  icUti,  ielati  'wünschen,  begehren, 
trauern'  zu  denken,  Kalkjö  wäre  dann  eigentlich  'die  lüsterne', 
Vcalkinön  'lüstern  sein',  kalkinassus  'lüsternheit'.  Anders  über 
zeUti,  Mati  Zubaty  (Arch.  f.  slav,  phil,  IG,  425),  der  von  dem 
begriffe  des  seelenschmerzes  ausgeht,  während  ich  allen  be- 
deutungen  von  Meli,  zalX,  salovati  den  begriff  des  'begehrens, 
sich  sehnens'  zu  gründe  lege.  Vgl.  russ.  zelatt  'wünschen,  be- 
gehren, verlangen,  sich  nach  etwas  sehnen',  zali  'es  ist  zu  be- 
dauern, es  ist  schade',  iahst i  'mitleid,  betrübnis',  zaleti  'be- 
dauern, beklagen,  schonen',  mlkij  'kläglich,  beklagenswert', 
ialko  'es  erregt  mitleid',  salovaU  'einen  gern  mögen,  einem 
gewogen  sein;  schenken,  verleihen,  beschenken;  besuchen', 
zalovattsja  'sich  beklagen,  sich  beschweren'.  Das  i  von  Mäi 
steht  meiner  etymologie  von  kalkjö  nicht  im  wege,  denn  auch 
nach  Hirts  ausführungen  über  die  gutturalfrage  (BB.  24,  218  ff,) 
sind  wir  berechtigt,  die  c'- laute  der  srtfejM-sprachen  sowol  auf 
reine  velare  wie  auf  labiovelare  zurückzuführen  (vgl,  Zupitza, 
KZ,  37, 398  ff,),  Slav.  s  =  indog.  reinvelarem  g  liegt  vor  in 
aksl.  zeravX  :  gr.  ytQaroq,  aksl.  Medica  :  lat.  gelu,  aksl.  ztma  : 
gr.  Yt[ico,  lat.  gcmo.  Slav.  s  =  indog.  reinvelarem  gh  linden 
wir  in  aksl.  sely  :  gr.  x^-^i^e,  aksl,  Madükü  :  gr,  ;fo2a()f c.  Got. 
kalkjö  veihält  sich  also  zu  aksl.  Meli  wie  got,  kalds  zu  aksl. 
Medica.  Was  aber  das  zweite  k  in  kalkjö  anbetrifft,  könnte 
man  im  zweifei  sein,  ob  wir  es  mit  einem  suffix  zu  tun  haben, 
oder  ob  wir  kalk-  Cgol-g-)  als  eine  bildung  mit  gebrochener 
reduplication  auffassen  müssen. 

34.  Kara.  Bei  Grienberger  s.  138  lesen  wir:  'Grund- 
bedeutung von  kara  scheint  »besch werde«  zu  sein.  Das  wort 
also  wol  ablautend  zu  got.kaürus,  gr.ßaQvg,  lat.  (/>-avw  »schwer«'. 
Man  bedenke  aber,  dass  got.  kaüru-,  urgerm.  Vcuru-  auf  *gMm- 


126  UHLENBECK 

mit  5  aus  einer  älteren  labiovelaren  media  zurückgeliJb  und  dass 
der  Verlust  der  lippenrundung  durch  das  folgende  u  verursacht 
ist.  Wäre  Jcara  mit  kaiirus  verwant,  so  hätte  es  ^cjara  lauten 
müssen,  aus  welchem  gründe  ich  Grienbergers  Vermutung  nicht 
billigen  kann. 

35.  Kaupatjan.  Got.  Imupatjan  ist  nur  ^xoXacpiC.£iv\ 
Darum  ist  ableitung  von  einem  stamme  ^kaiqiat-  'köpf  wahr- 
scheinlicher als  Grienbergers  etymologie  (s.  139),  nach  welcher 
Txaiipatjan  eigentlich  'jemand  als  waare,  als  corpus  vile,  behan- 
deln' bedeutet  hätte  und  als  got.  neubildung  zu  iMujJön  oder 
zu  einem  dem  ags.  ceaj)  'vieh',  ahd.  Jwuf  'handel'  entsprechen- 
den nomen  aufzufassen  wäre. 

36.  Kr  iu  st  an.  M.  e.  hat  Iriustan  mit  ags.  crüdan  'drängen, 
treiben',  nl.  hruien  'trudere,  propellere'  nichts  zu  schaffen  (vgl. 
Grienberger  s.  142),  wol  aber  kann  es  mit  russ.  grusti  'gram', 
aksl.  sügrustiti  s§  'sich  grämen'  ( :  lit.  grüdäu  'stampfe,  rühre 
das  gemüt')  zusammenhängen.  Zu  germ.  *krüdan  'treiben' 
gehört  aber  as.  krüd,  ahd.  krüt  'kraut',  dessen  ursprüngliche 
bedeutung  'trieb'  gewesen  sein  wird  (z.  t.  anders  Franck 
s.  523  f.).  Der  dental  ist  ableitend,  wie  aus  gr.  ßgvco  'strotze, 
sprosse'  (eig.  'treibe')  hervorgeht.  Germ.  *krüd-  'treiben'  ist 
zunächst  aus  ^qrnd-  entstanden;  die  lippenrundung  ist  vor  dem 
r  gesetzmässig  verloren  gegangen.  Vgl.  Kluge"  s.  225,  der  kraut 
zwar  nicht  mit  *krudan  'treiben',  wol  aber  mit  gr.  ßgico  ver- 
binden möchte. 

37.  Kunaivida.  Nach  Grienberger  s.  143  wäre  in  kuna- 
widöm,  dessen  u  er  als  lang  ansetzt,  eigentlich  'in  leibesbanden'. 
Dagegen  lässt  sich  aber  einwenden,  dass  ein  germ.  *krma-  'leib' 
sonst  nirgends  eine  spur  hinterlassen  hat.  Grienberger  sieht 
freilich  in  lit.  künas  'leib'  ein  altes  lehnwort  aus  dem  germ., 
und  zur  stütze  seiner  auffassung  von  kunaivida  beruft  er  sich 
auf  lit.  kumjczia  'halseisen',  das  nach  ihm  von  künas  abgeleitet 
wäre,  in  Wirklichkeit  aber  aus  poln.  wruss.  kunica  entlehnt 
ist  (Brückner,  Die  slav.  fremd  Wörter  s.  99).  Das  nicht-lit.  suffix 
von  kumjczia  hätte  Grienberger  warnen  sollen!  Gehört  lit.  künas 
etwa  mit  kelt.  *kouno-  'schön'  (s.  Stokes,  Urkelt.  Sprachschatz 
s.  89)  zu  ahd.  scomvön,  ags.  sceawian  'schauen',  got.  skauns 
'schön',    skuggwa  ' Spiegel'  u.s.w.?    Dann  wäre   kelt.  ^kouno- 


ZUR   GOT.   ETYMOLOGIE.  127 

von  lit.  smuniis  zu  trennen.    Etwas  positives  über  hinawida 
aber  weiss  ich  nicht  vorzubringen. 

38.  L eh  eis.  Grienberger  s.  147  stellt  *Ma-  'medicina' 
(aksl.  Iw.  lekii)  zu  ahd.  lacha  'lache',  nind.  Iahe  ' Salzlake'  : 
an.  Ukr  'bach'  und  geht  von  einer  bedeutung  'heilquelle, 
mineralwasser'  aus.  Aber  die  sippe  von  lekeis  ist  wol  sicher 
aus  dem  keltischen  entlehnt,  und  ich  hätte  dies  in  meinem 
Et.  wb.  der  got.  spräche  2  s.  101  nicht  anzweifeln  sollen  (vgl. 
Stokes,  Urkelt.  Sprachschatz  s.  251). 

39.  Liuts.  Grienberger  s.  150  f.  trennt  Zmfe  'heuchlerisch, 
falsch',  lutön  'betrügen',  ags.  lot  'betrug',  lytig  'listig,  falsch', 
lütian,  ahd.  lu^en  'verborgen  liegen,  sich  versteckt  halten', 
aksl.  luditi  'täuschen'  von  an.  lata,  ags.  lütan  'sich  neigen'. 
Die  begriffe  'list'  und  'falschheit'  haben  sich  aber  auch  sonst 
aus  'krummheit'  entwickelt,  und  deshalb  glaube  ich,  dass  auch 
^leucl-  'täuschen,  trügen'  nicht  von  *leud-  'sich  beugen,  sich 
neigen'  verschieden  sein  wird.  Vgl.  ags.  seap  'krumm,  falsch'  : 
aksl.  gü{h)nati,  gyhati  'biegen';  aksl.  Iqkavu  'listig,  arglistig'  : 
l^hq,,  Iqsti  'biegen';  aind.  hut'da-  'gebogen,  kraus,  krumm,  falsch, 
hinterlistig';  ags.  tvrenc  'krümmung,  list,  ranke'  :  wrencan 
''drehen'.  Ags.  lütian  und  ahd.  lu^en  werden  ursprünglich  'ge- 
bogen sein'  bedeutet  haben. 

40.  Luftus.  Grienberger  s.  152  f.  vergleicht  lit.  luhä  'ein- 
zelnes brett  der  stubendecke',  pl.  lubos  'die  bretterne  stuben- 
decke',  lett.  luba  'dachschindel',  luhU  'spleissen'.  Die  halt. 
Wörter  scheinen  aber  eher  aus  dem  slav.  entlehnt  zu  sein  (s. 
Brückner,  Die  slav.  fremdwörter  s.  104.  177).  Diefenbach  (Vergl, 
wb.  2,  154)  und  Wood  (Journ.  of  germ.  phil.  2,  221)  stellen 
luftus  'luft',  an.  lopt  'luft,  oberes  geschoss  des  hauses'  zu  hd. 
lüpfen,  das  zur  indog.  wz.  Heij.p-  'abschälen,  losmachen'  gehört. 
Vielleicht  aber  ist  got.  luftus,  an.  lopt  'luft'  von  an.  lopt  'oberes 
geschoss'  zu  trennen.  Ist  luftu-  etwa  aus  '^Iptu-  entstanden 
und  mit  aind.  dlpa-  'klein,  gering',  lit.  alpstu,  alpti  'verschmach- 
ten, ohnmächtig  werden',  alpnas  'schwach,  ohnmächtig'  verwant? 
Die  ältere  bedeutung  von  luftu-  wäre  dann  'dünn,  ätherisch'. 

41.  Manauli.  Grienberger  s.  155  erklärt  das  wort  aus 
man-  (vgl.  manleika)  und  ^aulja-  zu  germ.  *aula-,  indog.  *oq(9)lö- 
('als  direete  entsprechung  zu  oculus').    Unwahrscheinlich,  weil 


128  UHLENBECK 

sonst  keine  spur  eines  '^aida-  'aug-e'  zu  finden  ist.    Eher  hat 
Holthausen  (Anz.  fda.  24, 34)  das  riclitige  getroffen. 

42.  Ma])a.  Vielleicht  ist  majm  eig.  'zermalmer,  verderber' 
und  gehört  zu  lat.  mateola  ' Werkzeug  zum  einschlagen  in 
die  erde',  aksl.  motyha  'hacke',  aind.  matyä-  'egge  oder  walze' 
(ähnlich  Persson,  Wurzelerw.  s.  34).  Euss.  motatt  'vertun,  ver- 
schwenden' gehört  nicht  hierher,  sondern  ist  mit  motati  'has- 
peln, aufwinden'  und  motatX  'bewegen,  schütteln'  identisch. 
Dagegen  kann  aind.  mathma-  'wanze',  dessen  bildungs weise 
freilich  dunkel  ist,  mit  Diapa  zusammengehören.  Auch  von  der 
WZ.  "^mel-  'zermalmen'  sind  zugleich  Wörter  für  schädliche 
insecten  und  für  Werkzeuge  zum  schlagen  abgeleitet:  vgl.  got. 
malö,  an.  mQlr,  aksl.  mott  'motte',  ahd.  miltva,  mhd.  miUve 
'milbe'  :  aksl.  rnlatü  'hammer',  lat.  malleus,  martulus  ("^mal- 
tulus)  'dasselbe'.  Anders  über  majja  Hirt  (Ablaut  s.  95)  und 
Grienberger  s.  157. 

43.  Nidwa.  Nach  Grienberger  s,  166  wäre  nidtva  ein  mit 
dem  Suffix  ^-iua  gebildetes  abstractum  von  *w?'-  'nieder',  das 
unerweitert  in  ags.  niliolid),  ni{o)wol,  neoivol,  neol  vorläge. 
Aber  Cosijn  (Tijdschr.  v.  ned.  taal-  en  letterk.  8,  243  ff.)  hat 
wahrscheinlich  gemacht,  dass  das  einmalige  nihold  (Corpus- 
glossen)  nur  ein  Schreibfehler  für  niJiol  ist  und  dass  dieses 
mit  nhvol  in  gramm.  Wechsel  steht.  Nihol,  niivol  ist  also  gar 
keine  Zusammensetzung  von  ni-  und  hcald,  sondern  eine  ab- 
leitung  von  indog.  *mq-  mit  Z-suffix.  Cosijn  vergleicht  die 
sippe  von  aksl.  po-niknati,  nicati  'pronum  esse',  nici  'pronus' 
ohne  eine  Z-ableitung  nachweisen  zu  können.  Ist  nihol,  niwol 
zunächst  mit  dem  part.  niMü  zu  verbinden?  Das  germ.  wort 
beruht  auf  *nüßo-,  ^niqU-,  slav.  nildü  dagegen  auf  *neiqlo-. 
Was  got.  nidwa  'rost'  anbetrifft,  wage  ich  nichts  positives 
vorzuschlagen.  An  Grienbergers  ^ni-tiid  'niederschlag'  glaube 
ich  nicht,  aber  auch  Lidens  etymologie  (Stud.  zur  aind.  und 
vergl.  Sprachgeschichte  s.  60),  welche  an  lat.  rcnuleo,  niico  an- 
knüpft, ist  nicht  ganz  überzeugend. 

44.  Nöta.  Got.  nöta  m.  oder  nutö  n.  'schiffshinterteil'  ist 
vielleicht  eig.  'der  obere  teil':  vgl.  ?i^^\.nadä  'über'.  Anders 
Grienberger  s.  167  f.  (vgl.  Diefenbach,  Vergl.  wb.  2, 120). 

45.  Qi])an.    Grienberger  s.  172  vergleicht  lat.  veto.    Mit 


ZUR   GOT.   ETYMOLOGIE.  129 

unreclit,  denn  veto  hat  indog.  u  (s.  Stokes,  Urkelt.  sprachscliatz 
s.  268.  Zupitza,  Germ,  glitt,  s.  87). 

46.  Eile  an.  Zu  riJmn,  ufrahjan  gehört  aus  dem  baltischen 
alit.  ranszitis  (d.i.  ranzytis),  lit.  rähjtis,  lett.  rözites  'sich  recken', 
das  sich  zunächst  an  aind.  rnjdti  anschliesst  (s.  Bezzenberger, 
Beitr.  zur  geschichte  der  lit.  spräche  s.  42).  Auch  das  hierher- 
gehörige an.  raJch;  ags.  ranc  zeigt  den  nasal  (Zupitza,  Germ, 
gutt.  s.  198).  Von  dieser  sippe  zu  trennen  sind  lit.  reisiüs, 
reisztis  'sich  brüsten,  die  brüst  hervortun',  rdizytis  'sich  recken', 
ahd.  reihhan,  ags.  rcecan  'reichen'.  Wider  in  einen  andern  Zu- 
sammenhang gehört  ahd.  rihJian  'regnare',  das  trotz  des  starken 
praet,  gereih  mit  Kluge  6  s.  314  als  eine  ableitung  von  *n7i;- 
' herscher'  zu  betrachten  ist.  Grienbergers  ausführungen  über 
reilis  (s.  175  f.)  sind  verfehlt,  denn  es  ist  durchaus  unzulässig, 
germ.  ^nh-  von  kelt.  nx,  lat.  rex,  aind.  rdj-  losziireissen.  Die 
'angebliche  entlehnung'  aus  dem  keltischen  bleibt  mir  noch 
immer  wahrscheinlich. 

47.  Bülisns.  Grimm  (s.  Diefenbach,  Vergl.  wb.  2, 178)  ver- 
bindet röhsns  'vorhof,  verhalle'  mit  as.  ralmd,  ags.  reced  'ge- 
bäude,  haus,  palast,  tempel',  das  nach  Osthoff  (IF.  8,  62)  in  die 
sippe  von  ir.  do-imm-urc  'ich  enge  ein',  aind.  argala-,  argalä- 
'riegel'  hineinführt,  und  Wood  (Journ.  of  germ.  phil.  2,  229  f.) 
stellt  das  got.  wort  zu  gr.  aQxim,  lat.  arceo  'wehre  ab',  arx 
'bürg',  arca  'kiste',  lit.  rahmti  'schliessen',  räJdas  'Schlüssel', 
armen,  argel  'hindernis'.  Ich  glaube  jetzt,  dass  rühsns  wirk- 
lich mit  der  ursprünglichen  bedeutung  'einschliessung,  ein- 
geschlossener räum'  im  letzten  gründe  auf  indog.  "^areg-  oder 
"^areli-  beruht,  natürlich  ohne  entscheiden  zu  können,  ob  wir 
dem  got.  Worte  die  wurzelform  mit  g  oder  die  /j-dublette  zu 
gründe  legen  müssen,  Got.  röhs-ni-  (denn  so  teile  ich)  ist  aber 
nicht  unmittelbar  von  *areg-,  *arek-  abgeleitet,  sondern  es  ist 
ein  -m'-abstractum  zu  einer  5-erweiterung  dieser  wurzel.  Eine 
solche  aber  liegt  vor  in  aind.  m/is/m^/  'bewacht,  beschützt,  be- 
hütet, wehrt',  das  sowol  im  klassischen  sanskrit  wie  in  der 
veda- spräche  mit  r  auftritt  und  somit  kaum  indog.  l  enthalten 
wird.  Bdkshaü  verhält  sich  zu  ''''arek-  wie  gr.  aXegm  zu  *aleh 
und  nur  dann  kann  man  rdksJiati  und  aXe^co,  oder  besser  indog. 
*{d)relcs-  und  *cdeks-  mit  einander  gleichsetzen,  wenn  man  indog. 
*areJc-  {*areg-)  und  *ale]c-  als  differenzierungen  einer  und  der- 

Keitriige  zur  geschiclue  der  deutschen  spräche.     XXVII.  9 


130  UHLENBECK 

selben  wiirzel  betrachtet.     Anders  über  röhsns   Grienberger 
s.  176  f.  (gr.  ccQ^yco,  agcoyt'/). 

48.  Sagqs.  Vielleicht  haben  wir  germ.  ^sanqi-z  anzu- 
setzen. Nach  Grienberger  s.  177  wäre  lett.  sanhis  'sumpf, 
pfuhr  aus  diesem  germ.  ^savqi-z  entlehnt,  und  wirklich  lässt 
die  bedeutung  des  lett.  Wortes  sich  leicht  als  eine  specialisierung 
des  begriff  es  'Senkung'  auffassen.  Dennoch  scheint  Grienberger 
lett.  sanhis  unrichtig  zu  beurteilen.  Warum  soll  das  wort 
deim  aus  dem  germ.  entlehnt  sein?  Eher  gehört  es  als  echt- 
baltisches wort  zu  lit.  senhh,  seldi  'fallen,  sich  senken  (vom 
Wasserstande)',  seJclhs  'seicht',  aksl.  pre-s^knqti,  2^re-s^cati  'ver- 
siegen' (weiteres  bei  J.  Schmidt,  Krit.  der  sonantentheorie 
s.  62  ff.).  Got.  sigqan,  sagqs  (nur  dat.  saggqa)  repräsentieren 
eine  neben  indog.  ^senq-  stehende  wurzelvarietät  mit  aus- 
lautender media,  worauf  auch  armen,  aiikanim  'falle'  hinzu- 
weisen scheint  (s.  Meillet,  MSL.  8,  288). 

49.  Saiivala.  Die  alte  gleichung  sanvala  :  gr.  aiokog 
'beweglich'  wird  doch  das  richtige  treffen.  Die  bedeutungs- 
entwicklung  ist  so  ziemlich  dieselbe  wie  bei  russ.  retivoje  'herz, 
gemüt'  :  retivyj  'unruhig,  heftig,  eifiig,  feurig,  mutig'.  Neben 
*saiuolo-  steht  *saiuo-,  das  in  lat.  saevus  'wild'  erhalten  ist. 
Vgl.  Grienberger  s.  179. 

50.  Saiws.  Nach  Grimm  (s.  Diefenbach,  Vergl.  wb.  2, 183) 
wäre  saiwi-  'see,  meer'  mit  saiwala  'seele'  verwant.  Das  tertium 
comparationis  ist  die  rastlose  bewegung.  Jetzt  glaube  ich, 
dass  diese  auffassung  von  saiwi-  jeder  andern  vorzuziehen  ist : 
die  wogende  wassermasse  ist  nach  ihrer  saevitia  benannt.  Ahd. 
gisig  'stagnum,  palus,  lacus'  gehört  nicht  hierher,  sondern  zu 
ahd.  sigan.    Vgl.  Grienberger  s.  179. 

51.  Saupa.  Grienberger  s.  182  f.  stellt  5«M7>a 'Ao/oc' zum 
pronominalstamm,  der  in  ahd.  sus,  susUh  vorliegt.  Dieses  wird 
kaum  richtig  sein.  Wood  (Journ.  of  germ.  phil.  2,  218)  geht 
aus  von  einer  bedeutung  'fountain,  spring,  source',  woraus  sich 
'cause,  reason,  origin'  entwickelt  hätte,  und  vergleicht  goil.saupr 
'sprudelquelle',  ■Sig^.sead,  mhd.  sö^  'brunnen'  (got.  saul>s  'opfer'). 

52.  Sifan.  Mit  *safjan  —  *5ö/"  'wahrnehmen',  das  von 
alters  her  (vgl.  lat.  sa2no)  in  die  ablautsreihe  von  alan,  lat. 
alo  gehört,  kann  5?"/«^  'fi'ohlocken'  trotz  Grienberger  s.  184  f. 
nicht  verwant  sein.    Auch  an.  seß,  ags.  sefa,  as.  seto  'sinn, 


ZUR   GOT.   ETYMOLOGIE,  131 

gemiit'  ist  wegen  seines  e  von  *safjan  —  *söfzi\  trennen.  Wol 
aber  werden  sifan  und  sefi  —  sefa  —  sedo  zusammengehören, 
denn  auch  germ.  *hugi-  vereinigt  die  bedeutungen  'sinn'  und 
'freude'  in  sich.  Wood  (Journ.  of  germ.  phil.  2,  218)  vermutet 
ebenfalls  Zusammenhang  von  sifan  mit  sefa  und  vergleicht 
ferner  aind.  sdpati  'pflegt,  macht  sich  zu  tun  um',  gr.  tjtco 
'besorge,  behandele'  und  gr.  sxpco  'koche,  siede',  armen,  ephem 
'koche,  backe'.  Die  indog.  wz.  *5ep-  bedeutet  etwa  'sich  rastlos 
und  ungestüm  bewegen,  rührig  sein,  wallen'. 

53.  SJcip.  Got.  an.  afries.  as.  skip,  ags.  scip,  ahd.  seif,  scef 
'schiff'  beruht  auf  germ.  *sliipa-  und  ist  also  nicht,  wie  Grien- 
berger  s.  189  f.  annimmt,  mit  as.  sTieppian,  ahd.  scepfan  'schöpfen' 
zu  verbinden.  Bedenken  wir  aber,  dass  Wörter  für  'boot,  schiff 
oft  auf  bezeichnungen  von  'bäum'  oder  'holz'  zurückgehen,  so 
liegt  es  nahe,  einen  ähnlichen  lu^sprung  von  *skipa-  zu  ver- 
muten. Germ,  "^skipa-,  vorgerm.  *s]dbo-  beruht  wahrscheinlich 
auf  einer  wurzelvarietät  von  indog.  ^^skcip-  'spalten'  in  aksl. 
scepiti,  cepiti  'spalten',  gr.  oxijimv  'stab,  stock',  oxoijcoc  'töpfer- 
scheibe',  lat.  sctp)io  'stab,  stock',  an.  sJcifa,  ahd.  selha  'scheibe' 
(vgl.  Zupitza,  Germ.  gutt.  s.  156).  Die  bedeutungen  'stock'  und 
'scheibe'  lassen  sich  aus  'abgespaltenes  holzstück'  erklären,  und 
*s]:ibo-  'schiff  verhält  sich  semasiologisch  zu  "^sJceip-  'spalten' 
wie  an.  heit,  ags.  hat  'boot'  zu  '^hekl-  'spalten',  womit  Liden 
(Stud.  zur  aind.  und  vergl.  sprachgesch.  s.  34)  und  Kern  (Tijd- 
schr.  V.  ned.  taal-  en  letterk.  17, 237)  es  überzeugend  verbunden 
haben. 

54.  Slaivan.  Grienberger  s.  192  vergleicht  lat.  langueo, 
languor,  indem  er  von  einer  wurzel  mit  auslautender  labio- 
velarer  media  aspirata  ausgeht.  Die  gruppe  yu  in  langueo 
scheint  aber  vielmehr  auf  indog.  ^w  zu  beruhen:  vgl.  gr.  Xayycür 
'zaudern',  .^«//«gco  'zaudere',  lit.  lingMi  'sich  wiegen,  wackeln', 
und  ohne  nasal  gr.  yMjaQÖq  'schmächtig',  h'iYco  'höre  auf,  ir. 
lacc  'schlaff,  schwach',  an.  slalcr,  ags.  slcec,  ahd.  slali  'schlaff 
U.S.W.  Langueo  i.st  also  wol  von  einem  nomen  Haftg-uo-  ab- 
geleitet. Slawan  aber  gehört  mit  mhd.5?«r  'faulenzer,  faulenzen', 
schw.  dial.  slummen  'schmächtig,  schwach',  norw.  dial.  sloyma 
'diinn  werden,  vom  getreide',  ags.  sMwa  'schlummer'  (s.  Persson, 
KB.  19,  262)  zu  lit.  lidujus,  lidutis  'aufhören',  lett.  Vauju,  l'ant 
'zulassen',  apr.  au-JaUt  'sterben',  au-lausennien  acc.  'das  sterben', 

9* 


132  ÜHLENBECK 

lit.  lavönas  deiche'.  Die  5-lose  form  der  wurzel  wird  im  germ. 
durch  got.  leiv,  letvjan  und  durch  an.  Iura  'schhimmern',  mengl. 
luren  'düster  blicken',  mhd.  luren  'lauern'  vertreten. 

55.  S  war  an.  Das  verbum  hat  den  ablaut  von  alan  und 
wird  deshalb  nicht  zur  wz.  *uer-  (gr.  hqco  u.s.w.)  gehören. 
Oder  haben  wir  es  mit  einem  ähnlichen  fall  wie  faran  :  aksl. 
2:>era  zu  tun?    Vgl.  Grienberger  s.  204. 

56.  Swes.  Mit  Grienberger  s.  204  haben  wir  sivesa-  als 
eine  participialbildung  zu  betrachten.  Jetzt  erkläre  ich  sivesa- 
aus  *stvessa-,  indog.  *suedh-to-  zu  gr.  eiooO-a,  Id^oq,  rj&og,  lat. 
sodalis  ( :  suesco,  sucvi,  suetus).  Für  germ.  ss  statt  des  zu 
erwartenden  sd  aus  dh-t  vgl.  gawiss,  diswiss  zu  gawidan.  Sives 
ist  also  eigentlich  'gewohnt,  vertraut'. 

57.  Tahis.  Grienberger  s.  207  trifft  mit  Wood  (Publ.  of 
the  mod.  lang.  ass.  14, 334)  zusammen.  Anders  Bugge  (Beitr. 
24,  446  f.).  Mit  unrecht  stellt  Grienberger  lit.  daimjcää  'topf 
zur  WZ.  ^dl-:  es  ist  vielmehr  aus  poln.  donica  entlehnt  (Brückner, 
Die  slav.  fremdwörter  s.  79). 

58.  Tals  Jan.  Ist  lit.  su-taUti,  taUyti,  lett.  tahlt  'prügeln' 
aus  got.  taUjan  'belehren,  zurechtweisen'  entlehnt?  Anders 
Zupitza  (Germ.  gutt.  s.  205). 

59.  Tel' an.  Hirt  (Ablaut  s.  30)  stellt  tekan  zu  lat.  tango, 
gr.  xtraymv:  das  erhaltene  t  wäre  durch  den  einfluss  von  attekan 
=  attinyere  zu  erklären.  Dieses  kann  nicht  richtig  sein,  denn 
vorgerm.  *ad-Ug-  (*atteg-)  hätte  *assek-  ergeben  müssen.  Tekan 
bleibt  also  unerklärt,  denn  lat.  digikis  hat  wurzelhaftes  i  und 
gehört  mit  taihis  zusammen,  während  gr.  öäxrvXoq  nach  Brug- 
manns  ausführungen  (IF.  11,  284  ff.)  wol  auf  "^dnt-qido-  beruhen 
und  mit  an.  ündr  'zinke,  zacke,  spitze'  verwant  sein  wird. 

60.  Timrjan.  Zur  wz.  *dem-  'zimmern'  stelle  ich  auch 
noch  aksl.  d^tlü  'specht'  aus  *dem-tlo-  (eig.  'zimmerer'). 

61.  Peihan.  Grienberger  s.  214  vergleicht  lit.  ^mM,  ^^M 
'taugen,  passen',  tdih(s  'ebenmässig  gefügt,  geordnet',  apr. 
teickut  'schaffen'.  Aber  as.  githungan,  ags.  gejmngen  weist 
auf  eine  wz.  *tenk-,  und  ])eiJian  ist  erst  durch  entgleisung  in 
die  ablautsreihe  von  heitan  hineingekommen.  Vielleicht  sind 
lit.  ükti,  teTkti,  tdihus  ähnlich  zu  beurteilen  (Zupitza,  Germ, 
gutt.  s.  140),  denn   tinkü  aus  indog.  ''Hnkö  hätte  zunächst  die 


ZUR   GOT.   ETYMOLOGIE.    '  133 

neubildimg  üMi  hervoiTufen  können,  wodurch  dann  der  anstoss 
zu  ablautsbildungen  der  ?- reihe  gegeben  wäre. 

62.  Piuhs.  Die  ursprüngliche  bedeutung  ist  wol  nicht 
'räuber',  sondern  'dieb' :  vgl.  piuhjö  'heimlich,  verstohlen'. 
Daher  gehört  es  eher  zu  lit.  tüpti  'sich  niederkauern',  tupeti 
'hocken,  kauern'  (auf  wen  diese  gleichung  zurückgeht,  weiss 
ich  nicht)  als  zu  gr.  tvjctco  'schlage'  (Grienberger  s.  215). 
Auch  aksl.  tati,  ir.  tdid,  aind.  täyü-,  stäyü-,  stend-  bezeichnen 
den  dieb  als  den  heimlichen,  verstohlenen  (vgl.  aksl.  taja  'ver- 
berge', taj  'heimlich',  aind.  stäydti  'ist  verstohlen'). 

63.  P  Top  Jan.  Grienberger  s.  218  beurteilt  lit.  tröhjti 
'durchbringen,  schädigen'  nicht  richtig.  Ohne  zweifei  ist  trötyti 
ein  lehnwort  aus  dem  slavischen:  vgl.  aksl.  tratiti  'verbrauchen', 
slov.  tratiti  'verwenden,  verschwenden',  serb.  tratiti  'verlieren', 
poln.  trade  'verschwenden',  klruss.  tratyty  'hinrichten',  russ. 
tratiti  'verbrauchen,  verschwenden,  vertun,  verlieren'  (Brückner, 
Die  slav.  fremdwörter  s.  147.  Miklosich  s.  360).  Ueber  verwant- 
schaft  von  Jrrö]>Jan  mit  tratiti  zuletzt  Hirt,  Beitr.  23,  293. 

64.  PrUts  fi  1 1.  Verwantschaf t  mit  usjjriutan  (Grienberger 
s.  218f.)  ist  unwahrscheinlich:  eher  hat  Persson  (BB.  19,  268) 
das  richtige  getroffen.  An.  Jrrot  'mangel'  beruht  natürlich 
nicht  'auf  dem  des  mechanisch  geschädigten,  durch  abstossen 
defect  gemachten',  sondern  schliesst  sich  nahe  an  das  verbum 
an:  vgl.  er  veizluna  prijtr,  par  til  er  ]}raut  sJcer  qU  u.  dgl.  (s. 
Cleasby-Vigfusson  s.  746).  An.  proti  'geschwulst'  hat  nichts  mit 
Prot  'mangel'  zu  schaffen,  denn  es  gehört  mit  prütinn  'ge- 
schwollen', ags.  prutian  'aufgeblasen  sein',  also  auch  mit  got. 
prutsfiU,  ags.  prüstfell  zusammen. 

65.  Ufta.  Der  begriff  'frequent'  könnte  sich  aus  dem 
des  gestreuten  entwickelt  haben.  Das  dem  adverbium  zu 
gründe  liegende  adjectiv  *M/to-  identiflciere  ich  mit  aind.  part. 
uptd-  'geworfen,  gestreut,  gesät'  zu  vdpati  'wirft,  streut,  sät'. 
Pronominaler  Ursprung  von  ufta  (vgl.  Diefenbach,  Vergl.  wb. 
1,64.  Leo  Meyer,  Got.  spräche  s.  79)  ist  mir  nicht  wahrscheinlich. 

66.  Ulhandus.  Urverwantschaft  von  ulhandus  mit  kXi<fäq 
(Grienberger  s.  225)  ist  durchaus  unwahrscheinlich.  Man  be- 
achte, dass  iXt(päq  in  der  älteren  zeit  nur  'elfenbein'  bedeutet, 
weshalb  verwantschaf t  mit  aXffOQ  'weisser  fleck  auf  der  haut', 
lat.  albus  'weiss'  jedenfalls  möglich  ist.    Wenn  Grienberger 


134  •  UHLENBECK 

s?,t(fäg  in  die  sippe  von  eXarpog,  iXXöc  liineinzieht,  trägt  er 
der  ursprünglichen  bedeutung  'elfenbein'  keine  rechnng.  Gegen 
Palander  (Ahd.  tiernamen  s.  100)  nehme  ich  an,  dass  ulbanchts 
irgendwie  aus  aXt<päg  (-vr-)  entstanden  ist.  Der  bedeutungs- 
unterschied  steht  dieser  annähme  kaum  im  wege.  Apr.  tvelo- 
blundis  ist  nicht  'vielleicht',  sondern  gewis  erst  aus  dem 
slav.  entlehnt,  denn  es  setzt  die  neben  velihadü  belegte  form 
velihladü  voraus.    Zunächst  wird  es  auf  poln.  tvielhlnd  beruhen. 

67.  Usstagg.  Grienberger  s.  233  f.  hält  den  imperativ 
usstagg  nicht  für  eine  corruptel,  und  wirklich  findet  ein  got. 
*siaggcm  eine  stütze  in  an.  stanga  'stechen'.  Identisch  mit 
stanga  wäre  *staggan  freilich  nicht,  denn  das  an.  verbum 
flectiert  wie  fagna,  got.  faginön.  Auch  mit  mhd.  stengen  'zur 
arbeit  antreiben'  {*stangjan)  lässt  ein  got.  ^staggan  sich  nicht 
identificieren.  Jedenfalls  gehört  usstagg  in  die  sippe  von  an. 
stinga,  ags.  stingan,  wozu  u.  a.  an.  stgng,  ahd.  stanga  ' Stange'. 
Mit  unrecht  stellt  Grienberger  diese  Wörter  zur  wz.  *st(h)ä-, 
deren  bedeutung  sich  kaum  mit  der  von  stingan  vermitteln 
lässt.  Auch  mit  as.  stekan,  ahd.  stehhan,  lat.  insilgäre,  gr. 
öt/^cö,  öTiy^ia  U.S.W,  wird  stingan  nicht  verwant  sein,  denn 
einerseits  w^eist  germ.  g  auf  indog.  gli  oder  k,  andererseits 
lassen  sich  bei  ^stig-  keine  nasalierte  formen  auftreiben.  Eine 
w^z.  ^stegh-  'stechen'  aber  kann  vorliegen  in  russ.  stegati,  steg- 
nut\  'hauen,  peitschen,  steppen',  und  dazu  könnte  stingan  eine 
präsensbildung  mit  nasalinfix  sein:  vgl.  lit.  stingü,  stlgti  'ruhig 
werden,  ruhe  finden  zum  bleiben  an  einer  stelle',  stlnJcstu,  stmkti 
'gerinnen,  steif  werden'.  Die  bedeutungen  'ruhe  finden  zum 
bleiben'  und  'gerinnen'  können  sich  aus  'stecken  bleiben'  ent- 
wickelt haben,  und  lit.  in  kann  auf  n  zurückgehen.  Begrifflich 
zu  weit  ab  steht  lit.  stcngiu,  stengti  'sich  anstrengen'.  Oder 
hat  dieses  einmal,  nicht -reflexivisch,  'stacheln,  antreiben'  be- 
deutet und  lässt  es  sich  mit  mhd.  stengen  'zur  arbeit  antreiben' 
(*stangjan)  vergleichen,  das  sicher  zu  stingan  gehört?  Aber 
warum  lautet  das  wort  dann  nicht  stengtis? 

68.  Waihsta.  Falls  ivaihsta  'ecke'  zu  ahd.  tvlhhan,  aind. 
vijdte  gehört  (Grienberger  s.  234),  so  müssen  wir  ahd.  winhil, 
ags.  ivincel  ferne  halten,  denn  dieses  hat  wol  sicher  in  aus 
indog.  en:  vgl.  ahd.  winlcan  'schw^anken,  nicken,  winken',  ags. 
wincian   'nicken,  winken',    ahd.  wanlwn,   an.  vaMa  'wanken'. 


ZUR   GOT.   ETYMOLOGIE.  135 

lit.  vmgis  'bogen,  krümmiing"'  {in  aus  n),  vengiu,  vengti  'ungern 
tun',  alban.  vank,  vangu  'feige,  radkranz',  aind.  vanjula-  'ca- 
lamus  rotang'.    Danach  ist  auch  Kluge^s.  426  zu  berichtigen. 

69.  Wainags.  Grienberger  s.  235  und  Wood  (Mod.  lang, 
notes  16, 23)  vergleichen  u.  a.  lit.  vaina,  vainas  'krieg',  das 
sicher  aus  slav.  vojna  entlehnt  ist,  wie  vatskas  'heer'  aus  slav. 
vojsJio  und  vajavoti  'bekriegen'  aus  slav.  vojevati  (vgl.  Brückner, 
Die  slav.  fremdwörter  s.  150).  Slav.  voj,  voinii,  vojniM  'krieger', 
vojna  'krieg',  vojslv  'heer',  vojevati  'krieg  führen'  gehören 
wahrscheinlich  zu  aksl.  j;o-yma^i  'unterwerfen',  bulg.  na-vijani 
'siege',  lit.  vcjh,  vyti  'nachjagen,  verfolgen',  aind.  veti  'ist  hinter 
etwas  her,  verfolgt'  u.s,  w. 

70.  Wainei  Grienbergers  erklärung  (s.  235)  aus  tvenja  ei 
ist  unhaltbar.    Man  würde  wenigstens  wenei,  weinei  erwarten. 

71.  Wöpjan.  Wöpjan  ist  urverwant  mit  aksl.  vahiti.  Lit. 
vohyti  'locken',  lett.  mZ;?^  'Vorgericht  fordern',  das  von  Grien- 
berger s.  243  f.  herangezogen  wird,  ist  aus  dem  slav.  entlehnt 
(Brückner,  Die  slav.  fremdwörter  s.  154.  188).  Frivöhyti  'an- 
locken' beruht  auf  russ.  privdhitt,  wruss.  privdbic  und  iszvöhyti 
'herauslocken'  auf  einem  russ.  isvdhiti,  wruss.  izvdhic  (letztere 
Zusammensetzung  kann  ich  nicht  nachweisen).  Poln.  ivdb'  '  lock- 
pfeife' ist  wegen  seines  erweichten  h  nicht  mit  ags.  ivöp,  as. 
wöp,  ahd.  ivuof  gleichzusetzen,  sondern  als  eine  andere  ableitung 
derselben  wz.  zu  betrachten. 

72.  Wrilian.  Nicht  mit  Grienberger  s.  245  zu  gr.  ()i]yvvm, 
tQQcoya,  das  im  got.  etwa  ^ivrelmn,  *tvaiwröJc  (wie  letan,  lailöt) 
lauten  würde.    Auch  die  bedeutungen  stimmen  nicht. 

73.  WriJ)us.  Es  ist  nicht  geraten,  mit  Grienberger  s.  245  f. 
tvrijms  als  ablautsform  zu  dän.  vraad,  ags.  wrceÖ  zu  betrachten 
und  es  von  aind.  vräta-  loszureissen. 

74.  Wruggö.  Falls  ahd.  ringan,  ags.  wrin^an  mit  ahd. 
würgen  verwant  ist,  darf  lit.  rengiüs,  reügtis  'sich  schwerfällig 
bücken'  nicht  mit  Grienberger  s.  246  herangezogen  werden, 
denn  ivurgen  gehört  sicher  mit  lit.  vermi,  aksl.  vrü^cj,  zusammen. 
Liden  (Ein  balt. -slav.  anlautsgesetz  s.  9f.)  will  ivringan  von 
würgen  trennen,  indem  er  wegen  aschw.  vrä,  an.  r^  'winkel, 
ecke'  das  g  von  wringan  auf  vorgerm.  k  zurückführt:  es  ist 
aber  durchaus  nicht  ausgemacht,  dass  vrä  —  rg  mit  icringan 
verbunden  werden  muss.    Es  sei  aber  bemerkt,  dass  auch  bei 


136  UHLENBECK,  ZUR  GOT.  ETYMOLOGIE, 

Lidens  auffassimg-  von  ivringan  Zusammenhang  mit  rcfigtis 
ausgeschlossen  ist.  Reügtis  ist  wahrscheinlich  mit  ags.  ivrencan 
verwant  (s.  zuletzt  Liden  a.  a.  o.  s.  13  f.). 

Auf  den  vorhergehenden  Seiten  habe  ich  zwar  manches  be- 
sprochen, was  mir  in  Grienbergers  Untersuchungen  als  verfehlt 
oder  gewagt  erscheint,  viele  andere  seiner  etj'-mologien  aber 
habe  ich  beiseite  gelassen,  auch  wenn  sie  mich  durchaus  nicht 
überzeugen.  Nur  da  wollte  ich  auf  seine  auf  Stellungen  ein- 
gehen, wo  ich  etwas  schlagendes  dagegen  einwenden  konnte. 
Die  etymologische  Wortforschung  bleibt  leider  zu  sehr  von 
subjectiven  anschauungen  und  neigungen  abhängig,  und  in 
den  meisten  fällen  kann  ja  niemand  sagen,  dass  gerade  seine 
eigene  auffassung  die  richtige  ist. 

LEIDEN,  october  1901.  C.  C.  UHLENBECK. 


UEBER  MARTI  THINCSO,  ALAESIAGIS  BEDE 
ET  FIMMILENE  (?),   TUIHANTI, 

(langob.)  THINX,  (got.)  PFAHS  und  (mnl.)  DINXEN-, 
JDIJSSENDACH  etc.,  (mnd.)  DINGSEDÄGH  etc. 

In  betreff  der  lesart  des  auf  einem  der  bei  Housesteads 
(Borcovicium)  aufgefundenen  votivaltäre  nach  llarti  stehenden 
Wortes  herscht  keine  einstimmigkeit.  Nach  Hübner  (s.  West- 
deutsche zs.  für  geschichte  und  kunst  3,121),  Scherer  (S.Sitzungs- 
berichte der  Berliner  akademie  1884,  s.  571)  und  Weinhold  (s. 
Zs.  fdph.  21,  2)  wäre  aus  den  Photographien  bez.  abklatschen 
und  abschriften  Tkmgso  zu  lesen  (doch  betont  erstgenannter, 
dass  die  6  und  C  in  der  inschrift  nicht  scharf  unterschieden 
sind).  Nach  Siebs  (s.  Zs.  fdph.  24, 452),  dem  eine  ihm  von  Wein- 
hold geliehene  sonderphotographie  zur  Verfügung  stand,  steht 
tatsächlich  ein  C  da,  wenngleich  eine  unbedeutende  verdickung 
am  unteren  bogen  möglich  erscheinen  lässt,  dass  ursprünglich 
ein  G  gemeisselt  war.  Pleyte  (s.  Mededeelingen  der  k.  akad. 
van  wetenschappen,  afd.  letterk.  3,  2,  112)  erklärt  aber  aus- 
drücklich, dass  nach  der  Photographie  das  vor  s  stehende 
schriftzeichen  mit  dem  C  von  cives,  nicht  mit  dem  G  von  Gcr- 
niani,  Augusü  und  Alacsiagis  übereinstimmt.  Zu  einer  ent- 
scheidung  dürfte  hier  vielleicht  die  folgende  erwägung  führen. 

Scherer  erblickte  (Sitzungsber.  574),  unter  berufung  auf  das 
in  der  U)-kunde  von  Arezzo  begegnende  got.  Imgsis,  in  thvmjsa- 
einen  adjectivstamm,  der  mittelst  des  secundärsuffixes  -a-  von 
dem  neutralstamme  thingsa-  abgeleitet  wäre,  der,  im  langobard. 
thinx  erhalten,  sich  zu  dem  gemeingerm.  neutralstamme  thinga- 
' Volksversammlung'  verhielte  wie  got.  wcihs,  stamm  wcihsa-, 
zum  stamm  wlM-  (lat.  vicus).  Ihm  schloss  sich  Weinhold,  was 
die  formelle  deutung  betrifft  (s.  Zs.  fdph.  21, 4),  ohne  bedenken 


138  VAN   KELTEN 

an.  Beide  übersahen  indessen:  erstens  dass  das  etymologisch 
und  semantisch  dunkle  hugsis  als  gen.  zu  einem  nom.  *lmgs 
steht,  der,  je  nachdem  das  w  lang  oder  kurz  war,  zu  den  aus 
der  -«5-klasse  in  die  -a-declination  übergetretenen  got.  bildungen 
weihs,  J)eihs  (mit  regelrechter  synkope  von  -i-)  bez.  ahs,  ais 
(mit  analogischer  synkope,  vgl.  Beitr.  21, 476^)  zu  stellen  ist; 
zweitens  dass  langobard.  thinx  nicht  ohne  weiteres  mit  einem 
Tlmujso  zu  gründe  gelegten  neutralstamme  thingsa-  zu  iden- 
tificieren  ist,  indem  für  ersteres  synkope  eines  vor  -s  stehenden 
vocals  geltend  zu  machen,  2)  für  das  in  rede  stehende  wort  der 
altarinschrift  aber  schwerlich  an  vocalschwund,  sondern  viel- 
mehr an  bildung  durch  mit  s  anlautendes  suffix  zu  denken 
(s.  gleich  unten) ;  drittens  dass  in  solchem  derivatum  einem 
bekannten  lautgesetz  zufolge  vor  -s  nur  h,  keinenfalls  die 
gutturale  media  am  platze  wäre. 

Kauffmann  stellt  (s.  Beitr.  16, 209)  ein  Jmigs  =  'cuneus' 
auf,  das  im  grammatischen  Wechsel  zu  got.  J)eihs  stände  und 
eine  ableitung  ergeben  hätte,  die  sich  in  der  formel  3Iars 
Thingsus  =  'Genius  cunei'  vorfände;  zu  gleicher  zeit  aber 
erwähnt  er  Kluges  in  Pauls  Grundr.  1 ',  317  geäusserte  yqy- 
mwtimg  Thingsus  ?i\is  Jmigiso-?  Siebs  leitet  (Zs.  fdph.  24,  454) 
pings  her  aus  flectiertem  ])ingses,  das  entweder  auf  tenqses 
oder  auf  tcnqueses  zurückgienge.  Von  grammatischem  Wechsel 
kann  hier  aber  schwerlich  die  rede  sein,  weil  aus  hs  nach 
Verners  gesetz  kein  gs  hervorgieng.    Und  was  die  annähme 


^)  Wo  fahs  (aus  *fahis)  zu  streichen,  das  mit  rücksicht  auf  ahd.  fahs, 
ags.  feax  etc.   als  durch  -s  (nicht  -is)  gebildetes  derivatum  zu  gelten  hat. 

'■')  Zunächst  synkope  nach  Sievers'  gesetz  in  den  flectierten  formen 
thinxes  etc.  (aus  *ßi)igises  etc.),  dann  auf  amilogischem  wege  thinx  für 
*pin(jis. 

Beachtenswert  ist  das,  im  gegensatz  zu  dem  sonst  in  westgerm. 
primär  bildungen  als  rest  von  altem  postvocalischen  -s(-)  begegnenden 
-»•(-)  (vgl.  ags.  salor,  dögor,  si^or,  stiilor,  hocor,  hryöer,  ahd.  ahir,  ehir, 
iresiii;  trebir,  afries.  hnther,  as.  ei'ero,  hönero  etc.),  in  unserem  wort  er- 
scheinende -s,  dem  meines  wissens  nur  das  -s  des  ahd.  as.  masculinen  -isa- 
stammes  /f//.s  und  von  langobard.  jjans  'votum,  bannum"  [vgl.  Brunner, 
Deutsche  rechtsgesch.  1, 147  anm.  22]  zur  seite  steht).  Hiernach  aber  ist  für 
thinx  und  paus  das  nämliche  ableitungssuffix,  jedoch,  was  thinx  (vielleicht 
auch  was  paMs)  betrifft,  neutr.  genus  anzusetzen;  vgl.  im  Edict.  Eoth.  §  171 
'  omne  (varr.  omnem  mit  dem  häufigen  -em  für  -e  des  nom.  acc.  sg.  neutr.) 
thinx  ...  quod  prius  feceraV  und  174  'thinx,  quuä  cuitca  feciV- 


UEBER    MARTI    THINCSO    ETC.  139 

von  vocalsynkope  in  der  paeniütima  angeht,  so  sei  auf  in  unserer 
insclirift  stehendes  Fimmilene  oder  besser  Fimmüenie  (s.  unten 
s.  146)  hingewiesen:  der  vocalsch wund  in  der  paenultima  eines 
Simplex  ist  bekanntlich  jüngeren  datums  als  die  Wirkung  der 
auslautsgesetze,  und  auf  noch  im  dialekt  der  dedicierenden 
Tuihanti  gesprochenes  *-i  (aus  *-l)  des  nom.  sg.  ist  zu  schliessen 
aus  dem  -e-  der  endung  -enie,  das  erst  in  der  folge  durch 
dieses  -i  und  das  -j-  der  flectierten  casus  in  -i-  umgewandelt 
werden  sollte.  [Die  annähme  eines  durch  vor  der  Umwandlung 
von  'C-  erfolgte  vocalapokope  entstandenen  -cn  des  nom.  sg., 
das  in  der  folge  durch  anlehnung  an  -innj-  der  anderen  casus 
zu  -in  geworden  wäre,  dürfte  sich  nicht  empfehlen,  da  sich 
von  einem  für  den  fall  zu  erwartenden  nachzügler  -cn  nicht 
die  geringste  spur  findet;  vgl.  dem  gegenüber  neben  ags.  hrpcs, 
cynn  etc.,  as.  hed,  flet  etc.  und  lainni,  muddi,  ahd.  hrucki,  hunni 
etc.  begegnende  reste  der  alten  nominativform  as.  feni,  ahd. 
heti,  mhd.  rihe  etc.  und  beachte  hierzu  Beitr.  16,  278  mit  anm.  2]. 
Ausserdem  aber  wäre  wol  zu  erwarten,  dass  der  Steinmetz, 
wenn  er  ein  Jmig-so  oder  Jungs  aus  dem  munde  seiner  auftrag- 
geber  gehört  hätte,  den  stimmlos  gesprochenen  guttural  +  s 
durch  X  oder  es  (vgl.  wegen  dieser  vulgärlat.  Schreibung  das 
Corpus  inscript.  lat.  8, 1111)  und  nicht  durch  gs  dargestellt  hätte. 

Ob  man  dann  aber  vielleicht  an  nachlässigkeit  des  Stein- 
metzen glauben  dürfte,  der,  als  er  ein  Pingiso  einzumeisseln 
hatte,  das  /  vor  s  ausliess?  Dies  für  möglich  zu  halten,  ver- 
bietet die  Inschrift  der  südlich  vom  Hadrianswall,  in  Brougham 
Castle  (also  nicht  weit  von  der  fundsteile  des  Borcovicium-altars) 
aufgefundenen  altars,  die  Hübner  zuletzt  (s.  Westdeutsche  zs. 
3, 124)  als  Deo  Belatucadro  (wegen  dieses  keltischen  namens 
des  Mars  vgl.  Glück,  Kelt.  namen  bei  Caesar  s.  6)  a  muro  sivi 
(oder)  Tustingso  etc.  entzifferte,  und  die,  wenn  auch  ihre  ver- 
witterten Schriftzüge  keine  absolut  zuverlässige  fixierung  des 
inhalts  gestatten,  doch  keineswegs  zur  lesung  von  vor  -so 
stehendem  i  berechtigt. 

Nicht  die  geringste  Schwierigkeit  macht  uns  im  gegenteil 
eine  lesart  Thincso.  Aus  mnl.  dijs{s)endach,  dJcendach  (mit  c 
zur  darstellung  von  gedehnter  stimmloser  sibilans,  wie  z.  b.  in 
bloecem  =  Uoesseni,  'liijcele  =  liijssele,  vgl.  wegen  des  ersten 
belegs  Mnl.  wb.  i.  v.,  wegen  des  andern  Rijmkron.  v.  Viaenderen 


140 


VAN   HELTEN 


6551.  6761.  7027.  7581.  9317)  und  dinxenäacli  ^dienstag'  (s. 
wegen  der  belege  Mnl.  wb.  2,  209)  ergibt  sich  die  ehemalige 
existenz  von  zwei  zur  bezeidmung  von  ^Tiwaz  oder  -oz  ver- 
wanten  formen,  von  *Pingisö  (wozu  der  gen.  ^Pingisen  oder 
-isin,  der  durch  die  Avirkung  von  Sievers'  sjiikopegesetz 
Pincsen-  oder  -in  =  mnl.  dinxen-  ergab)  und  von  durch  binde- 
vocalloses  suffix  gebildetem  *PinJisö  (wozu  *I>in]isen  oder  -sin, 
woraus  "^Plhsen  oder  -in,  dem  durch  das  westnfrk.  gesetz  der 
assimilierung  von  hs  zu  ss  mnl.  dijssen-  etc.  entspricht). 
Solches  *PtnJisö  nun  konnte  der  römische  Steinmetz  durch 
Thincso  darstellen:  das  th  als  notbehelf  zur  bezeichnung  von 
dentaler  stimmloser  spirans  (wie  in  Tacitus'  Nerthus,  Germ.  40, 
Greg.  Turonensis'  Thoringiam  2,9  und  den  Beitr.  25,457  er- 
wähnten tlmnginus,  Thcodcgisilus  etc.);  n  zur  bezeichnung  des 
nasalelements,  das,  wie  aus  ags.  afries.  und  dialektisch-mnl.  ü 
aus  q  (in  ags.  fön,  hon,  dohte,  hröhte  etc.,  afries.  hr ächte,  [e]brocht, 
thugte,  thochta  memoria,  mnl.  dochte,  gedacht,  hrochte,  hrocht 
neben  dachte  etc.)  hervorgeht,  sich  verhältnismässig  lange  muss 
behauptet  haben  und  erst  einzeldialektisch  schwand;  i)  c  eben- 
falls als  notbehelf  zur  bezeichnung  der  im  lat.  fehlenden  stimm- 
losen Spirans  (man  beachte  die  lautsubstition  x  bez.  et  für  hs 
bez.  ht  bei  der  widergabe  von  germ.  Wörtern  durch  lat.  autoren 
oder  bei  entlehnung  derselben  in  roman.  sprachen  und  vgl. 
hierzu  das  Zs.  fda.  9,  246,  bei  Mackel,  Die  germ.  elemente  in  der 
franz.  spräche  s.  137  und  Beitr.  25,  275.  460  bemerkte,  sowie  die 
im  Grundr.  f.  germ.  phil.  12,  332  aus  lat.  Schriftstellern  citierten 
taxonina  adeps  'dachsfett',  taxo  'dachs'). 

^)  Vgl.  auch  Streitbergs  Urgerm.  gramm.  §  93.  Gegen  dieses  ö  kann 
das  in  Tacitus'  Annales  11, 16.  17  überlieferte  Actunicro  mit  actu-  =  ags. 
6ht-  in  Öhthcre  (?)  (vgl.  Bremer,  Zs.  fdph.  22,  251)  nicht  als  beweis  für  im 
l.jh.  n.  Ch.  stattgefundenen  schwund  des  nasalelements  avif kommen;  denn 
vorausgesetzt  dass  die  Überlieferung  in  der  tat  Tacitus'  Schreibung  des 
namens  repräsentiere  (vgl.  in  Nipperdejs  ausgäbe  dieses  autors  die  note  zu 
Actumero:  'Der  name  ist  unsicher,  da  die  hs.  c.  17  Catumero  hat  und  bei 
StraboS,  4  steht  OvxQOfaj(joi-  rjytfiörog  Xätnor,  welches  derselbe  zu  sein 
scheint'),  so  dürfte  hier  wol  ein  fall  einer  völlig  begreiflichen  uichtschreibung 
des  nasalelements  vorliegen.  Bremers  bemerkuug,  dass  die  Römer,  die  in 
ihrem  m^sa  den  nasalvocal  durch  en  widergaben,  wenn  damals  noch  nasal- 
vocal  gesprochen  wäre,  Anetumerus  geschrieben- hätten,  kann  nicht  für 
einwandfrei  gelten :  die  auf  historisclier  basis  beruhende  darstellung  von  f s 
durch  ens  bedingt  doch  keineswegs  die  darstellung  von  fremdem  q,h  durch  anc. 


UEBER   MARTI   THINCSO   ETC.  141 

Die  so  für  den  Borcovicium-altar  zu  fixierende  lesart 
Thincso  gewährt  keinen  schwachen  grund  dazu,  für  das  von 
Hübner  aus  dem  oben  erwähnten,  in  Brougham  Castle  auf- 
gefundenen altar  herausgelesene  -tingso  als  die  eigentliche 
lesart  -tincso  zu  vermuten. 

Nach  Scherer  (Sitzungsber.  s.  574  ff.)  und  Weinhold  (Zs.  fdph. 
21, 4  f.)  wäre  ihr  3Iars  Thingsus  unter  anknüpf ung  an  lango- 
bard.  tliinx^)  als  'gott  der  Volksversammlung'  bez.  als  'gerichts- 
gott'  zu  fassen.  Indessen  abgesehen  davon,  dass  sich  von  einer 
sich  auf  die  Volksversammlung  oder  die  gerichtssitzung  be- 
ziehenden function  des  *Tiwas  oder  -os  keine  spur  findet,^)  wäre 
es  nach  Kauffmanns  benierkung  (Beitr.  16, 207)  schwer  zu  be- 
greifen, was  die  fiiesischen  cavalleristen  am  Hadrianswall  (lies 
die  in  dem  cuneus  Frisioriim  stehenden  Tuihanti,  d.  h.  Soldaten 
aus  TAvente)  dazu  veranlasst  haben  könnte,  dem  'Präsidenten' 
des  im  thmg  versammelten  Volkes,  ihrem  volksversammlungs- 
gott  oder  ihrem  gerichtsgott  einen  dankaltar  zu  errichten, '■*) 
Siebs  setzt  (Zs.  fdph.  24, 454)  ein  mit  got.  peihs  'zeit'  in  Zu- 
sammenhang stehendes  Thing  oder  Thing{i)so  an,  das  in  der 
bedeutung  'gott  der  zeit'  eine  benennung  des  himmelsgottes 
repräsentieren  sollte,  bleibt  uns  jedoch  eine  sachliche  begrün- 
dung  dieser  annähme  schuldig;  aus  den  spuren  aber,  welche 
der  nordische  mythus  von  Tyr  und  Fenrir  und  die  erzählung 
von  des  gottes  fahrt  zu  Hymir  von  dem  einstmaligen  himmels- 
gott  *Ttwo^  oder  *I)nvo^  aufweisen  (vgl.  Zs.  fdph.  21, 1  und  Pauls 
Grundr.  32, 316  f.),  ist  schwerlich  für  die  nordische  mythologie, 
geschweige  denn  für  die  der  südlicheren  Germanen  auf  eine 
noch  in  der  für  die  forschung  zugängliche  periode  erhaltene 
Verehrung  von  *Tuva^  oder  -oz  als  himmelsgott  zu  schliessen. 
Einleuchtender  erscheint  beim  ersten  blick  in  sachlicher  hin- 
sieht Hirschfelds  und  Kauffmanns  fassung  von  3fars  Thingsus 

>)  S.  unten  den  excurs  I. 

2)  Aus  dem  vom  heerwesen  handelnden  cai).  7  der  Germania  ist  dem 
Zusammenhang-  gemäss  nur  auf  eine  von  den  priestern  im  namen  des  kriegs- 
gottes  ausgeübte  militärische  gerichtsbarkeit  zu  schliessen:  et  ditces 
exemplo  potius  quam  imperio ;  siprompti,  si  conspicui,  si  ante  aciem  agant, 
admiratione  praesimt.  Ceterum  neque  anmadvertere  neque  vincire,  ne 
verberare  quidem  nisi  sacerdotibus  permissum:  non  quasi  in  poenam  nee 
dncis  iussu,  sed  velut  deo  imperante,  quem  adesse  bellautibus  credunt 

*)  S.  unten  den  excurs  II. 


142  VAN   HELTEN 

oder  besser  T/M"ncsH.s  (s.  oben)  als  'sclmtzgott  des  cuneus',  dem 
die  cives  Tuihanti  nach  dem  vorbild  rein  römischer  dedicationen 
an  den  Genius  legionis,  Genius  centuriae,  Genius  coliortis  etc. 
ihre  votivaltäre  gewidmet  hätten  (vgl.  Westd.  zs,  f.  gesch.  ii. 
kunst  8, 137  anm.  49.  Beitr.  16,  207.  209).  Doch  regen  sich  hier 
die  folgenden  bedenken:  erstens  ist  die  annähme  von  mit  got. 
l)eihs  im  ablautsverhältnis  stehendem  Jyings  oder  ev.  von  dem 
got.  wort  formell  entsprechendem  J)tnlis  (s.  oben),  dem  mit  rück- 
sicht  anf  die  identität  zwischen  ding-  nnd  heerverband  eine 
aus  'Volksversammlung'  entwickelte  bedeutung  cuneus  beizu- 
messen wäre,  und  von  aus  solchem  ])V^}is  gefolgertem  Mars 
Thincsus  =  Genius  cunei  zu  problematisch;')  zweitens  würden 
die  nicht  den  cuneus  Frisioriim  bildenden,  sondern  nur  dem- 
selben zugeteilten  dedicanten  wol  nicht  eine  eventuell  dem 
ganzen  cuneus  obliegende  religionspflicht  übernommen  haben; 
und  drittens  ist  es  wenig  glaubhaft,  dass  ein  eigentlich  'mit 
dem  ctineus  in  Verbindung  stehend'  bedeutendes  adjectiv  sich 
zu  einer  für  den  gott  verwanten  selbständigen  benennung 
emporgeschwungen  hätte,  die  in  den  gegenden,  wo  *Jjingisen{e)^ 
bez.  *Jnnhsen(e)s  da^oz  als  widergabe  von  dies  Martis  auf- 
gekommen, den  alten  namen  Tlwaz  verdrängt  hatte. 

Am  einfachsten  würde  sich  jedenfalls  auch  mit  rück  sieht 
auf  den  Charakter  der  dedicanten  unsere  frage  lösen, 
wenn  für  ""Pi^lisö  bez.  *Pingisö  (vgl.  oben)   eine  bedeutung 


1)  In  betreff  des  auch  sonstwo  in  beziehung  zu  Thincso,  thinx  und 
piiifi  erwälmten  got.  peihs  (s.  noch  Cosijn,  Mededeelingen  der  k.  akad.  von 
wetenschappeu,  afd.  letterk.  3,  2, 114.  Heinzel,  Wiener  sitz.-ber.  phil.-hist. 
cl.  119,  52.  Siebs,  Zs.  fdph.  24,  453)  sei  im  vorbeigehen  bemerkt:  erstens  dass 
der  Zusammenhang  eines  'zeit'  bezeichnenden  nomens  mit  'rechtsstreit,  klage, 
gerichtliches  verfahren,  rechtssitzung,  Volksversammlung'  u.s.w.  bedeutenden 
Wörtern  sich  in  semantischer  hinsieht  kaum  begreift;  zweitens  dass  got. 
fieihs  nicht  im  allgemeinen  'zeit'  bedeutete,  sondern  als  ausdruck  für  'die 
geeignete'  bez.  'die  für  etwas  bestimmte  zeit'  begegnet  (vgl.  Rom.  13,  11 
jah  pata  tvitandans  pata  peihs,  paiei  viEl  ist  uns  ju  ns  slepa  urreisan  = 
xcd  ro^TO  eiSoztg  ror  xaiQov,  ozi  w(jcc  rj^aq  tjöij  fc  VTirov  ey£(Jx)-fjfcci; 
und  1.  Thessal.  5, 1.  2  Appan  U  pö  pcilisu  jah  mEla,  hrdprjus,  ni  puurhum 
ei  izivis  mdjcmna;  unte  silhcuts  (ßaytjicö  witup  putei  dags  frmijiiin  swe 
piuhs  in  naht  swa  qimip  =  Il£()l  dh  zuir  ■/j)6riüv  xal  xwv  xatttöir,  udthpoi, 
UV  XQeluv  txers  vfxtv  y()ä(pta&ai.  avxol  /«(>  äxiJißwi^  ol'dcae  ort  tj/-tt-ij(c 
xv(jiov  ujg  xXtTiTijg  iv  vvxxl  ovxwq  l'()'/£xai)  und  als  solcher  etymologisch  zu 
lit.  xwi-tihti  'passen'  zu  stellen  ist. 


UEBER  MARTI  THINCSO   ETC.  143 

'krieger'  glaubliaft  zu  machen  wäre.  Und  dies  ersclieint  mir 
in  der  tat  möglich :  zwar  nicht  durch  berufung  von  dat  du  neo 
dana  halt  dinc  ni  gcleitos  mit  sus  sippan  man  (Hildebr.  81), 
wo  divic  'rechtsstreit'  nach  Scherer  (Sitzungsber.  d.  Berl.  akad. 
1884,  s.  575)  durch  Übertragung  für  'kämpf  stehen  könnte, 
sondern  durcli  heranziehung  von  etjanologisch  niclit  von  Inmj 
etc.  zu  trennenden  aslov.  tqza  lis,  rixa,  onus  (eig.  'das  zur  an- 
strengung  nötigende'),  t^gati  rixari,  t^gü  labor,  t§zaM  agricola, 
t^mteli  agricola,  operarius,  t^rMi  opus  facere  etc.,  die  für  die 
Wörtersippe  auf  semantisch  zu  gründe  liegendes  'sich  an- 
strengen' bez.  'anstrengung'  hinweisen  (vgl.  ahd.  filz  opera 
und  contentio,  dissensio),  mit  rücksicht  worauf  nach  ahd.  ags. 
ivinnan  'sich  anstrengen'  und  'kämpfen',  mli^.hrieg  'anstrengung' 
und  'kämpf  für  die  derivata  ""Imlis  (mit  suffix  -5,  wie  die  zu 
der  -tt-klasse  übergetretenen  neutra  ahd.  falis,  sahs,  ags.  feax, 
seax,  meox  etc.;  oder  "^Jmhso  mit  suffix  -so,  wie  das  masc.  ahd. 
lefs?  wegen  der  geschlechtlich  niclit  zu  fixierenden,  mit  -s  oder 
-50  gebildeten  verbalia  *tehs,  *tahs  'diebstahl'  vgl.  Beitr.  25,  575), 
und  *Jnngiso  (mit  suffix  -iso,  wie  wie  langob.  tJdnx,  s.  oben 
s.  138  anm.  2)  eine  bedeutung  'kämpf  anzusetzen  wäre;  dazu 
als  schwache  secundärbildung  (vgl.  got.  spilla  'verkündiger', 
staua  'richter'  zu  5p?7Z 'fabel'  und 'Verkündigung',')  staita'ur- 
teir,  ags.  steora  'Steuermann'  zu  steor  'Steuer')  "^Jni^hsü  und 
'*])ingisö  'kämpfer'.^) 

1)  Diese  bedeutung  anzusetzen  nach  spillön  'verkündigen'. 

*)  Als  Varianten  der  (oben  s.  139  aufgeführten)  zu  diesen  götternamen 
stehenden  chjs(ii)en-,  dlnxemladi  begegnen  in  mnl.  quellen  noch  (wegen  der 
belege  s.  Mnl.  wb.  a.  a.  o.) :  tlinsen-,  dinccmlach  durch  compromiss  aus  dinxeu- 
und  dijsseu-  (dlcen-)  dach;  disensdach  durch  einwirkung  von  woedens-  in 
woedensdach  'mittwoch';  dinx-  und  dtjsdach  mit  dmx-,  dijs-  durch  an- 
lehnung  an  maen-,  sondach  (neben  manen-,  Sonnendach;  Synkope  durch  die 
Wirkung  vom  mnl.  gesetz,  das  ausfall  von  -e-,  d.  h.  -a-,  zwischen  gleichen 
dentalen  erforderte)  oder  aus  compositionsstamra  *p/ngisa-,  *pi"]isa-  (vgl. 
ahd.  mänatay).  Beachte  noch  bei  Kiliaen  verzeichnetes  dijsnen-,  d'iscndagh 
(die  form  ist  nach  De  Bo's  Idiot,  noch  jetzt  in  Westflandern  in  schwang); 
dingsdayh  (=  im  jetzigen  nul.  üblichem,  als  divsdach  gesprochenem  namen) 
mit  divs-  aus  dinx-  durch  synkope  von  zwischen  nasal  und  s  sehendem  Je 
(vgl.  bei  Kiliaen  verzeichnetes  pingslerdagh,  nnl.  piustcren  aus  liinlcstereyi, 
das  noch  als  historische  Schreibung  erhalten  geblieben,  sowie  bei  Kil.  er- 
wähntes und  auch  nnl.  a)igst,  d.h.  aust,  für  mnl.  aitxt);  dijmdagh  (eine 
noch  jetzt  dialektisch,  u.  a.  in  der  provinz  Gelderland  gesprochene  form  mit 


144  VAN  HELTEN 

Wie  aber  erklärt  sich  die  Verwendung  von  Thincso  als 
dativ  in  der  Inschrift?  Es  liegt  auf  der  hand,  dass  der 
römische  Steinmetz,  wenn  er  aus  dem  mund  des  oder  der  germ. 
dedicanten  den  namen  des  göttlichen  wesens,  dem  die  mdmung 
galt,  im  nom.  oder  im  dat.  hörte,  das  sufflx  der  einen  oder  der 
anderen  form,  falls  dasselbe  einer  in  der  Inschrift  zu  verwen- 
denden dativendung  gleich  oder  ähnlich  war,  ganz  oder  nahezu 
ungeändert  (d.  h.  nur  nach  bedarf  umgebildet)  in  den  lat.  text 
eintrug.  So  findet  sich  auf  einem  im  oberen  Ahrtale  ge- 
fundenen altare  (s.  Bonner  jahrb.  des  Vereins  von  altertums- 
freunden im  Eheini.  53, 172)  zu  Mercurio  (vgl.  Zs.  f da.  35,  208) 
ein  germ.  dat.  Hannini  (zu  ^Hannjö,  wahrscheinlich  =  'todes- 
gott',  vgl.  Siebs  in  Zs.  fdph.  24,  146  ff.).  So  haben  die  Neha- 
lennia-votivsteine  als  dativ  entweder  Nelialen{n)iae  bez.  -e  = 
germ.  *Nehcden{n)iea  oder  (seltener)  Ne}ialen{n)i  (s.  die  von 
Kauf f mann  in  den  Beitr.  16,  211  f.  zusammengestellten  In- 
schriften) =  dem  nom.  auf  altes  -eni  oder  -enni  (mit  nn  aus 
den  fiectierten  casus).  Eine  genaue  parallele  aber  zu  diesem 
Nehalcn{n)i  gewährt  unser  Thincso  sowie  auch  das  nach  dem 
oben  (s.  139)  erörterten,  auf  dem  altar  von  Brougham  Castle 
zu  lesende  Tustincso,  für  dessen  t  =  germ.  Jj  man  Tacitus' 
Caiunlda  (Ann.  2,  62.  63)  mit  Catu-  =  (ags.  headu-,  ahd.  Haclu-), 
die  bei  lat.  Schriftstellern  begegnenden,  auf  germ,  *J)ahso  (=  ahd. 
dahs)  hinweisenden  taxo,  taxonina  adeps  (s.  oben  s.  140)  ver- 
gleiche, dessen  Tus-  aber  Schwierigkeit  bereitet:  die  fassung 
von  Tus  als  durch  Omission  entstandener  lesart  für  Tius  (die 
in  den  Sitzungsber.  der  Berl.  akad.  1884,  s.  575  für  nicht  un- 
denkbar gehaltene  latinisierung  von  Tjus  zu  Tus  ist  a  limine 
abzulehnen)  bedingt  die  annähme  von  (allerdings  an  sich  nicht 
unbegreiflichem)  misverständnis  des  Steinmetzen,  der  Tius  mit 

durch  das  ^j■-zeicllen  dargestelltem,  aus  i  entwickeltem  diphthong  a^i);  durch 
compromiss  von  dijs-  und  dins-  (mit  durch  einwirkung  von  s  für  v  ein- 
getretenem dentalen  nasal;  die  form  dins-  gilt  noch  jetzt  im  nnl.  neben 
divs-).  Sodann  auch  in  Schiller -Lübbens  wb.  erwähntes  dingsedaghes  mit 
dingse-  aus  *pingi.sa-  und  die  in  Schmellers  wb.'-*  2, 1071  aus  dem  13.  jh.  an- 
gehörenden Urkunden  des  Berliner  archivs  citierten  di)is{c)-,  dincedagh, 
dijsdach.  Rätselhaft  ist  mir  das  -t-  in  bei  Schmeller  begegnenden  daist-, 
dingstdag,  bei  Schiller-Lübben  stehendem  dingstage  (das  wol  als  Schreibung 
für  dingst-dage  zu  gelten  hat)  und  von  Kiliaen  i.  v.  dingsdagh  verzeich- 
netem dijsldagh.    Auch  dynschedach  (bei  Sch.-Lübb.)  ist  mir  unklar. 


UEBER   MARTI    THINCSO    ETC.  145 

dessen  appositum  für  ein  wert  gehalten  hätte,  und  von  (mit 
der  erfahnmg  im  widersprach  stehendem)  in  zweisilbiger  form 
vor  cons.  im  nrwestgerm.  stattgefundenem  vocalschwund;  läge 
es  hier  aber  nicht  nahe,  in  Tus-  ein  (mit  t  für  J)  stehendes) 
JrUs-  zu  erblicken,  das  sieh  dem  unverkennbar  in  an.  Jmshund, 
-ImndraÖ  'tausend'  (d.h.  'grosses  hundert')  zu  tage  tretenden 
compositionsteil  Jms-  'gross-'  vergliche  (beachte  dazu  Beitr. 
13,  327  f.  und  Pauls  Grundr.  1-,  491),  und  also  aus  Tustincso  zu 
erschliessendes  '"''Pusjni^liso  als  'grosser  krieger'  zu  deuten? 

Durch  die  gebotene  Zurückweisung  von  *Tüccu  oder  -os  als 
'volksversammlungs-,  gerichts-,  himmels-  und  schutzgott'  kommt 
die  (übrigens  zum  teil  auch  in  formeller  hinsieht  zu  beanstan- 
dende) deutung  in  wegfall  von  seinen  zwei  (auf  den  beiden 
Borcovicium-altären  erwähnten)  begleiterinnen  Alaesiagis  (Alai- 
siagis)  Bede  et  Fimmüene  (diese  beiden  namen  stehen  bekannt- 
lich nur  auf  dem  einen  der  altäre,  der  auch  Marti  Thincso 
statt  des  in  der  anderen  Inschrift  einfach  als  Marti  erseheinen- 
den götternamens  bietet)  als  'den  allgeehrten,  gebot  und  ge- 
schickte ausführung'  (s.  Sitzungsber.  d.  Berl.  akad.  1884,  s.  579  f.), 
'den  schrecken  der  erle  (d.  h.  stürm,  blitzfeuer),  Mora  et  Festi- 
•natio'  oder  'der  für  das  bodthing  und  der  für  das  fimelthing 
als  schützerin  des  friedens  tätigen  göttin'  (s.  Westd.  zs.  3,  292  f. 
und  Sitzungsber.  der  Wiener  akad.  phil.-hist.  cl.  119,  51  ff.),  'den 
gesetzessprecherinnen,  der  zum  ding  fordernden  und  der  durch 
belehrung  Streitsachen  zum  endlichen  austrag  bringenden'  (s. 
Zs.  fdph.  21,  12  ff.),  'den  gewaltig  einherfahrenden  göttinnen, 
der  schreckenden  Bed  und  der  stürmenden  Fimmila'  (s.  Zs.  fdph. 
24, 441  ff.),  'den  hilfreichen,  der  helfenden  trösterin  und  der  eile 
(mit  der  die  ersehnte  hilfe  erwartet  wird)'  (s.  Beitr.  IG,  201  ff.); 
vgl.  auch  noch  Hennings  alaisiagis  'den  lehrenden'  (Zs.  fda. 
42, 19:5).  Vielmehr  sind  als  die  gefolgschaft  des  kriegsgottes 
bildend  personificierte  abstracta  nach  art  voi)  Aü^ioq  und  <Pößoc, 
Favor  und  Fallur,  genossen  des  'Ji()7]ci  bez.  Mars  (vgl.  Grinnn, 
Mytli.2  s.  188  und  Myth.  1^,  172)  zu  erwarten.  Und  ich  möchte 
demnach  vorschlagen,  für  JBedc  an  das  von  Siebs  (Zs.  fdph. 
24,  448  f.)  behufs  seiner  'schreckenden  Bed'  berufene  iindurhä- 
doda  =  'durch  schrecken  niedergestreckt'  (Hei.  4851  uurthun, 
nämlich  die  Juden,  die  Jesus  gefangen  nehmen  wollten,  als 
dieser  sich  zu  erkennen  gab,  undarhädoda,  ihat  sia  undar 

Beiträge  zur  guschichte  der  deulsciien  spräche.     XXVII.  ^Q 


146  VAN   HELTEN 

hac  fellun)  anzuknüpfen,  das,  wie  aus  undar-  zu  folgern,  eigent- 
lich als  kämpf esausdruck  für  'durch  einflössen  von  schrecken 
besiegen'  verwant  sein  niuss;  also  *Bciedu,  wozu  als  dat. 
^Bäedm,  latinisiert  Bede  (vgl.  auch  die  nach  Zimmers  in  der 
Zs.  fdph.  24, 449  erwähnter  mitteilung  mit  imderhädoda  ver- 
wanten  altir.  hüadraim  turbare  und  hi'iadach  'siegreich'). 

Als  die  colleg-in  dieser  'schrecken  erregenden  göttin'  aber 
wäre  die  personification  von  'gewantheit'  (=  'die  kriegsgewant- 
heit  verleihende')  am  platz,  deren  bezeichnung  durch  Fimmi- 
lenie  sich  m.  e.  folgenderweise  plausibel  machen  lässt  (ich  sage 
Fimmilenie  mit  -ie,  nicht  mit  -e,  wie  bisher  gelesen  wurde: 
der  Photographie  der  Inschrift  zufolge  steht  hier  nach  Fimmile- 
nicht  die  einfache,  durch  Verwendung  eines  Striches  für  den 
zweiten  verticalschaft  des  n-  und  den  verticalschaft  des 
e- Zeichens  gebildete  ligatur,  sondern  es  findet  sich  noch  ein 
den  oberen  horizontalstrich  des  c-zeichens  nach  links  gleichsam 
fortsetzender,  den  verticalschaft  des  n-  (und  c) Zeichens  über- 
ragender kurzer  strich,  der  sonst  bei  den  e- zeichen  nicht  be- 
gegnet und  in  dem  man  versucht  ist,  einen  durch  versehen 
statt  des  über  dem  zweiten  verticalstrich  des  w-zeichens  stehen 
sollenden  kurzen  «-Zeichens  gemeisselten  horizontalstrich  zu 
erblicken;  Avegen  eines  solchen  w-zeichens  mit  darüber  stehen- 
dem i  vgl.  die  in  nummer  36  und.  441  von  Brambachs  Rheini- 
schen Inschriften  begegnende  darstellung  von  ni):  mit  rücksicht 
auf  das  bereits  von  Scherer  (Sitzungsber.  der  Berl.  akad.  1884, 
s.  579)  behufs  seiner  Fimilö  'geschickte  ausführung'  heran- 
gezogene an.  fimr  'geschickt,  behend'  (vgl.  auch  in  den  Malb. 
gll.  erscheinendes,  Beitr.  25,  298  besprochenes  fimlch  'gewant, 
gelernt')  wäre  eine  adjectivbildung  (nach  art  von  ahd.  fesil 
'fruchtbar',  chragü  'schwatzhaft',  durhü  'durchlöchert',  vgl. 
Kluge,  Nom.  stammbild.  §  190)  fimiloz  'gewant'  anzusetzen 
{fim-  und  fimil-  zu  einer  verbalwurzel  fmi  gehörend;  wegen 
des  mm  für  m  vgl.  Sitzungsber.  der  Berl.  akad.  1884,  s.  579  f. 
und  beachte  auch  die  Beitr.  25, 247  betonte  nachlässigkeit  der 
vulgärlat.  Schreibung  von  einfachem  und  doppeltem  cons.);  dazu 
ein  mit  suffix  -m,  flect.  -n{n)j-  gebildetes  ab str actum,  das 
sich  vergleicht  mit  as.  tvöstun  und  tvusiunnia  'wüste'  (aus 
*wUstuni  etc.  zu  *tcUstu-),  as.  fastunnia  'fasten'  (aus  *fastum 
etc.  zu  *fastu-),  as.  henginnia  'zustand  des  hängens'  (aus  Vianginl 


UEBER   MARTI   THINCSO   ETC.  147 

etc.  zu  hanf/i-,  stamm  des  prototypus  von  ahd.  hengcn;^)  das 
einfache  n  von  -enie  ist  vieldeutig:  die  durch  j  erwirkte  con- 
sonantendehnung-  könnte  einer  jüngeren  Sprachperiode  an- 
gehören als  die,  woraus  unsere  Inschrift  stammt  (vgl.  indessen 
die  gewis  nicht  gerade  jungen  Nehalenniae-  bez.  -ewme-belege), 
oder  das  n  kann  durch  ein  Wirkung  des  einfachen  ii  des  nomi- 
nativs  für  nn  eingetreten  sein,  oder  es  kann  durch  unacht- 
same Schreibung  für  nn  stehen. 

Für  die  deutung  von  alai-  bez.  alaesiagis  endlich  haben 
Kauffmann  und  Sievers  durch  ihre  erörterungen  über  das  wort 
(Beitr.  16,  201  ff.  und  257  ff.)  den  weg  gebahnt;  nur  hat  man 
das  adjectiv  nicht  durch  'den  hilfreichen'  zu  übersetzen,  son- 
dern durch  'den  kriegsehre,  sieg  verleihenden'  (vgl.  mhd.  mnl. 
durch  restrictive  Verwendung  des  nomens  für  'kriegsehre,  sieg' 
stehendes  ere). 

Dass  die  weibliche,  bekleidete  und  die  kein  symbol 
tragende  rechte  erhebende  figur  auf  der  rechten  seile  des 
einen  der  Borcovicium-altäre  (wegen  der  beschreibung  derselben 
s.  Westd.  zs.  3, 121,  wegen  ihrer  nachzeichnung  Archaeolog. 
Aeliana  von  1884,  X  und  besonders  abbildung  I  in  den  Mede- 
deelingen  der  k.  akad.  van  wetenschappen,  afd.  letterk.  3,  2) 
eine  Alaisiaga  darstellt,  unterliegt  natürlich  keinem  zweifei. 
Fraglich  ist  es  aber,  ob  die  auf  dem  halbkreisförmigen  (eben- 
falls bei  Housesteads  gefundenen)  relief  rechts  und  links  von 
Mars  schwebenden,  nackten  (oder  doch  nur  ein  eng  an- 


^)  Scherers,  Weiiiholds,  Siebs',  Kauffmanns  und  Heinzeis  ansatz  von 
Fimilö  (s.  Sitz.-ber.  d.  Berl.  ak.  188-t,  s.579.  Zs.  fdpb.  21, 13.  2i,  J48.  Beitr.  IG, 
205  und  note  4.  Wiener  sitz.-ber.  pbil.-hist.  cl.  119,  53)  als  durch  -üo  gebil- 
deter ableitung,  wozu  eine  form  mit  -en-  als  flexionselemeut,  hat  den  oben 
heryorgehobenen,  der  ligatur  für  ne  beigegebenen  strich  gegen  sich,  der 
eben  nicht  auf  eine  lesart  ne  hinweist.  Uebrigens  wäre  gegen  die  annähme 
von  -eti-  als  stammabstufuiig  der  schwachen  fem.  declination  einzuwenden, 
dass  die  hinsichtlich  ihrer  bilduiig  völlig  dunklen  namen,  nämlich  der  name 
Caterenc  der  gemahlin  des  burguudischcn  forsten  Gundobald  (vgl.  Grimms 
Gesch.  d.  d.  spr.  s.  491^)  und  IJadolena  (in  Fürstemanns  Namenb.  1,  1145), 
schwerlich  als  Zeugnisse  für  solches  -en-  dienen  können,  dass  aber  für  Hlu- 
denae  neben  Hludanae  (s.  Beitr.  18, 134  f.)  keinesfalls  ein  gerra.  dativ  -eni 
bez.  -ani  für  möglich  zu  halten  (wie  sollte  der  Steinmetz  diese  endungen 
in  -enue,  -anac  unigf^bildet  haben?),  sondern  eben  im  hinblick  auf  das  mit 
-a-  wechselnde  -e-  an  participiale  oder  damit  gleichstehende  bildung  zu 
denken  ist. 

10* 


148  VAN   HELTEN 

liegendes,  kurzes  g-ewand  tragenden),  in  der  erhobenen 
recliten  etwas  stabälinliclies,  in  der  herabhängenden 
linke  einen  kränz  haltenden  weiblichen  gestalten  (wegen 
deren  beschreibung  bez.  nachzeichnung  ich  auf  Westd.zs.  3, 124  f. 
und  5,  tafel  13,  Archaeologia  Ael.  a.  a.  o.  und  Mededeel.  der 
k.  akad.  abbildung  III  verweise)  desgleichen  Älaisiagae  seien. 
Hübner  (Westd.  zs.  3, 126)  und  Scherer  (Sitz.-ber.  der  Berl.  akad. 
1884,  s.  581)  nehmen  hier  zwar  Identität  an;  doch  erblickten 
Mr.-.  Six  van  Hillegom,  Plej'te  (s.  Mededeel.  der  k.  akad.  s.  104) 
und  Hirschfeld  (Westd.  zs.  5,  321  anm.  2)  in  den  nackten  figuren 
zwei  Eroten  und  äussert  sich  Heinzel  (Wiener  sitz.-ber.  phil.- 
hist.  cl.  119,  54)  betreffs  der  frage  folgenderweise:  'bei  den 
altären  handelt  es  sich  um  den  germanischen  Mars  Thincsus, 
bei  dem  relief  um  den  römischen.  Die  schwebenden  nackten 
...  gestalten  rechts  und  links  von  Mars  sind,  wie  mir  die 
collegen  Beundorf  und  Bormanu  versichern,  römische  genien'. 
Jedenfalls  empfiehlt  es  sich  bei  dieser  Sachlage,  aus  den  ge- 
stalten des  reliefs  nicht  etwaige  Schlüsse  behufs  einer  deutung 
des  Älaisiagae  zu  ziehen. 

Excurs  I. 

Langobardisch  (gaire-) thinx. 

Ueber  die  bedeutung  dieses  Wortes  und  über  das  compo- 
situm gaire-,  gäre-,  gärithinx  sei  es  mir  gestattet,  hier  einen 
kurzen  excurs  zu  bringen.  Nach  Pappenheim,  der  (in  Gierkes 
Untersuchungen  zur  deutschen  Staats-  und  rechtsgesch.  14,  30) 
die  semantische  Identität  der  beiden  Wörter  hervorhebt,  sollen 
die  nomina  niclit  nur  'rechtsgiltige  Schenkung'  und  'das  ver- 
tragsmässige  vermachen  eines  Vermögens  oder  eines  teils  des- 
selben', sondern  auch  'Volksversammlung'  bezeichnen  (s.  daselbst 
spec.  s.  35.  45  ff.  und  30  f.  und  A'gl.  wegen  der  letzten,  auch  von 
anderen  rechtsgermanisten  angenommenen  bedeutung  die  in 
der  Zs.  der  Savigny-stiftung  7,  53  note  1  verzeichnete  literatur). 
Schi'öder  deutet  (in  der  ebengenannten  Zs.  7,  53  ff.)  gairethinx 
als  'freilassung  durch  zuwerfen  des  gers',  als  'erbeinsetzung 
durch  gerreich ung'  und  als  'durch  erhebung  oder  beiührung 
eines  Speeres  sj^mbolisierten  übertragungsact'.  Brückner  über- 
setzt (in  seiner  Sprache  der  Langobarden  s.  212.  205)  thinx 
durch  'das  ding,  die  auf  dem  ding  vollzogene  rechtsgiltige 


UEBER   MARTI    THINCSO    ETC.  149 

handlung',  bes.  Schenkung'  und  gairethmx  durch  'das  öffent- 
liche ding,  zu  dem  die  Langobarden  mit  dem  ger  bewaffnet 
kamen',  sowie  durch  'die  auf  dem  ding  vollzogene  handlung, 
bes.  Schenkung'. 

Wegen  der  bedeutung  'Volksversammlung',  die  aus  Eotha- 
rius'  Edict.  c.  386  Prorsetifcm  vero  äisposiiionis  nostrae  edidvm 
. . .  in  hoc  mcnihrammi  scriherc  iussinms,  pcrtractantes  et  suh 
hoc  tarnen  capitnlo  rcscrvantcs  ...  ,  quin  etiam  et  per  gaire- 
thinx  secunäum  ritus  gcntis  nostrae  confirmantes,  ut  sit 
haec  lex  firrna  et  stahelis  hervorgehen  sollte,  beachte  man  zu- 
nächst Schröders  bemerkung  (in  gedachter  Zs.  7,  53):  dass 
erstens  die  auslegung  von  gairethinx  als  'Volksversammlung' 
gegenüber  dem  Wortlaute  des  Ed.  Roth,  per  gairethmx  secun- 
äum ritus  gentis  nostrae  confirmantes  undurchführbar  sei,  da 
das  erfordernis  der  Zustimmung  der  Volksversammlung  unmög- 
lich als  ritus  gentis  nostrae  hätte  bezeichnet  werden  können; 
und  zweitens  die  worte  secunäum  ritus  g.  n.  notwendig  die  an- 
wendung  eines  volksrechtlichen  Symbols  andeuten.  Sodann 
aber  vergleiche  man  die  gleich  unten  anzuführende  stelle,  deren 
et  per  gairthinx  ipsum  confirmit  genau  mit  dem  per  gaire- 
thinx confirmantes  von  cap.  386  übereinstimmt  und  so  zu  der 
folgerung  nötigt,  dass  auch  an  letzterer  stelle  ein  'durch  rechts- 
giltige  Schenkung'  bezeichnender  ausdruck  vorliegt:  die  gesetz- 
sammlung  wird  hier  eben  als  eine  vom  fürsten  dem  volk  ver- 
liehene Schenkung  dargestellt. 

Wegen  der  bedeutung  'rechtsgiltige  vergabung'  ist  cap.  224 
des  Ed.  Roth,  zu  beachten:  Si  quis  servum  suum  ]}roprium  aut 
ancillam  suani  lileros  äimittere  voluerit,  sit  licentia  qualiter  ei 
placuerit.  Nam  qiii  fulcfree  et  a  sc  extrem  cum,  iä  est 
haamunä,  facere  voluerit,  sie  äehit  facere.  Traäat  eum  prius 
in  manu  alteri  homines  liheri  et  per  gairthinx  ipsum 
confirmit;  et  ille  sceonätis  traäat  in  tertium  in  eoäem 
moäo,  et  tertius  traäat  in  quartum.  Et  ipse  quartus 
äucat  in  quadruhium  et  thingit  in  gaiäa  et  gisil,  et  sie 
dicat:  äe  quattuor  vias  uhi  volueris  amhulare,  liberam  habeas 
potestatem  ...  Et  si  sine  heredes  legetimüs  ipse  qui  haamunä 
factus  est,  moriuus  fuerit,  curtis  regia  Uli  succiäat,  nam  non 
patronus  aut  hereäes  patroni  ...  Item  qui  fulcfree  fecerit 
et   quattuor  vias    ei   äeäerit   et  haamunä  a  se,   iä   est 


150  VAN   HELTEN 

extraneum,  non  fecerit,  talem  legem  patromis  cum  ipso  vivat, 
trmiquam  cum  frairem  mit  cum  alio  parente  sno  libero  Lango- 
hardo:  id  est  si  filiüs  mit  filias  legitimus,  cpii  fulcfree  f actus 
est,  non  demiserit,  patronus  succidat.  Hieraus  ergibt  sich,  dass 
ZAvar  für  den  formalisraus  der  vollfreilassmig  (wodurch  der 
unfreie  fulcfree  'gemeinfrei'  und  cmiund  'von  der  Vormundschaft 
befreit'  wurde)  ausser  der  (auch  für  die  freilassung  zum  fulcfree 
vorgeschriebeneu)  führung  iji  quadntlium  noch  eine  j^er  gair- 
tliinx  zu  conflrmierende  traditio  in  manu  alfcri  homines  liberi 
erforderlich  war,  diese  confirmatio  per  gairthinx  aber,  wie 
Pappenheim  (s.  35)  richtig  betonte,  nichts  auf  die  freilassung 
als  solche  bezügliches  enthält  und  nur  das  tradere  in  manu 
betrifft.  Demgemäss  ist  auch  in  cap.  222  des  nämlichen  edicts 
Si  quis  ancillam  suam  propriam  matrimoniare  volucrit  sihi  ad 
uxorcm,  sit  ei  licentiam;  tamen  deheat  eam  libera  tJüngare  .  .  . 
et  legctimam  facere  per  gairthinx  das  p.  g.  als  ausdruck  für 
'durch  Schenkungsformalität'  zu  fassen.  Auffällig  erscheint 
hierneben  zwar  der  umstand,  dass  tliingare  nicht  nur  'vertrags- 
mässig  vermachen',  sondern  auch  'freilassen'  bezeichnet  (s. 
Edict.  Rothari  156.  222.  224.  Liutpr.  9.  55.  77.  140);  ob  aber 
Pappenheim  im  rechte  ist,  wenn  er  (s.  39)  meint,  dass  tliin- 
gare ursprünglich  nur  diejenige  freilassung  bezeichnete,  die 
per  thinx  stattfand,  in  der  folge  aber  neben  dieser  engeren 
bedeutung  die  weitere  von  'fi-eilassen  (überhaupt)'  angenommen 
hätte,  dürfte  zu  bezweifeln  sein:  bei  der  scharfen  Unterscheidung 
der  mit  gairethinx  und  ohne  dasselbe  stattfindenden  frei- 
lassungen,  wäre  es  kaum  denkbar,  dass  ein  eigentlich  für  die 
erste  gerichtshandlung  verwanter  ausdruck  auch  für  die  andere 
in  schwang  gekommen  wäre.  Eher  begreift  sich  für  thingare 
ein  semantischer  entwickelungsgang:  'veräussern  durch  rechts- 
giltigen  act',  woraus  durch  specialisierung  der  bedeutung  'frei- 
lassen'. 

Für  die  erklärung  der  erwähnten  bedeutungen  des  offenbar 
zu  germ.  ping  gehörenden  langobard.  Substantivs  (vgl.  oben 
s.  138  anm.  2)  und  des  verbs  pingun  (woraus  thingare  des  lat. 
textes)  ist  natürlich  von  einer  grundbedeutung  'rechtsstreit' 
bez.  'einen  rechtsstreit  führen'  auszugehen;  daraus  durch  be- 
griffliche ausdehnung  'rechtsgeschäft'  bez.  'ein  rechtsgeschäft 
vornehmen',  woraus  durch  specielle  Verwendung  'gerichtliche 


UEBER   MAllTI   THINCSO    ETC.  151 

Vergabung'  und  S^ertragsmässiges  vermachen'  bez.  'veräussern 
durch  rechtsgütigen  act'. 

Mit  rücksicht  auf  die  bedeutungen  'rechtsgiltige  Schenkung' 
und  'vertragsmässiges  vermachen'  empfiehlt  es  sich  wol,  der 
bei  der  veräusserung  üblichen  formalität  des  in  den  schoss 
Werfens  eingedenk  (vgl.  Schröder,  Deutsche  rechtsgesch.^  s.  60 
note  10  und  Beitr.  25,  453  ff.),  für  den  ersten  compositionsteil 
von  gairetliinx  nicht  einen  reflex  von  an.  geirr,  ahd.  as.  ger 
'speer'  ins  äuge  zu  fassen,  sondern  ein  dem  stamm  von  ahd. 
gero,  ags.  6«''^'j  ^^^-  9'<^'^'^  'schoss'  entsprechendes  gairc-  (gciir-, 
gärt').  Gegen  solche  deutung  spricht  gewis  nicht  die  von 
Schröder  (Zs.  der  Sav.-stift.  7,  54)  vermutete  Identität  der  durch 
per  gairthinx  und  in  gaida  et  gisil  der  oben  citierten  §  224 
bezeichneten  Symbole:  indem  das  tJiingit  in  gaida  et  gisil  ('soll 
er  freilassen  mit  den  bänden  auf  der  pfeilspitze  und  dem  pfeil- 
schaft', vgl.  wegen  dieser  ausdrücke  Schröder  a.  a.  o.  s.  54  f.) 
sich  auf  die  vom  dritten  treuhänder  zu  vollziehende  freilassung 
bezieht,  hat  die  von  dem  patronus  und  den  zwei  andern  ti-eu- 
händern  vorzunehmende  traditio  den  zweck,  den  mit  der  voll- 
freilassung  zu  beglückenden  zum  extraneum  von  dem  patronus, 
d.  h.  in  bezug  auf  denselben  zum  cmmnd  zu  machen.  Ausser- 
dem aber  macht  die  vorgeschlagene  fassung  das  aufstellen 
zweier  scharfsinniger,  jedoch  schwach  begründeter  hypothesen 
Schröders  unnötig,  nämlich  der  annähme  (s.  Schröder  a.  a.  o.  s.  5), 
dass  der  festucatio  oder  werpitio  eine  gerreichung  zu  gründe 
gelegen  und  der  Vermutung  (a.  a.  o.  s.  59),  dass  der  könig,  die 
Übertragung  der  gesetze  dem  volke  bestätigend,  sich  bei  dem 
gairetliinx  beteiligt,  also  zugleich  mit  der  versammelten  volks- 
gemeinde  den  sper  erhoben  und  durch  die  luft  geschwenkt 
habe  oder  dass  eine  berührung  seines  Speeres  durch  die  der 
übrigen  stattgefunden. 

In  formeller  hinsieht  ist  ferner  aus  thingare  (=Jnngm, 
vgl.  as.  thingon,  ahd.  dingün)  auf  ein  neben  *pingis  bez.  Jmix 
stehendes  (oder  jedenfalls  ehemals  stehendes)  ^J)ing  zu  schliessen, 
denn  zu  ''''])ingis  oder  Jrinx  könnte  nur  ein  verb  *J)ingisun  oder 
pinxün  gehören. 


152  VAN   HELTEN 

Exciirs  II. 

T  u  i  h  a  n  t  L 

Für  die  fixienmg-  der  etlmisclien  Zugehörigkeit  der  auf  den 
beiden  Borcoviciiim-altären  erwähnten  Tuihanti  fehlt  uns  jeg- 
licher anhält  (vgl.  auch  Bruuner  in  der  Zs.  der  Sav.-stift.  5,  227). 
Ueber  die  etymologie  des  Völker-  und  des  dazu  geliörenden,  auch 
nach  besiedlung  des  Tui]ianti-\3iT\^ts,  durch  die  Sachsen  erhalten 
gebliebenen  gaunamens  eine  Vermutung. 

Nach  aslov.  saditi  judicare,  s(pdij  judex  wäre  germ.  '^liantaz 
oder  -«»  (bez.  -oz  oder  -ö«)  Judicium  und  daraus  gebildetes,  sub- 
stantiviertes bahuvrihi  -  adjectiv  *Ttcihnnfan  (bez.  -ö»)  'zwei 
gerichtsbezirke  enthaltender  gau'  (also  eig.  mit  ellipse  eines 
dem  althochd.  getvi,  goinvl,  got.  gmvi  entsprechendem  nomens) 
denkbar.  [Die  alte  Stammform  des  dazu  gehörenden  völker- 
namens  ist  aus  dem  latinisierten  Tuilmnti  nicht  zu  ermitteln; 
vgl.  Tacitus'  Angli,  Frlsii,  Chasuarii  =  alten  Anglijez  oder 
-Is  (ags.  Ensle),  Fnson{e)3  (afries.  Frisa),  CJiasowaröz.] 

Durch  vocalapokope  und  ausfall  von  h  (das  ■wort  wurde, 
als  das  simplex  ausser  gebrauch  geraten,  nicht  mehr  als  com- 
positum empfunden),  sowie  contraction  der  zusammenstossenden 
vocale  zum  diphthong  entstand  aus  *Ttvihanta  jüngeres  ^Ttviant, 
das  mit  locativsuffix  -/')  begegnet  in  in  pago  Nortlduianii  (anno 
797,  s.  Lacombl.,  Urkundenb.  1,  n.9),  in  xmgo  NorJittueanti  (anno 
799,  s.  Lac.  1,  n.  14)  mit  den  eo,  ea  (für  io,  ia)  der  as.  litera- 
rischen denkmäler  zu  vergleichendem  ca  (d.  h.  fa,  s,  Beitr.  16, 
289  und  254)  und  in  pago  Thuehenti  (anfang  der  2.  hälfte  des 
9.  jh.'s.,  s.  Mon.  Germ.  SS.  2,  680)  mit  falschem  Th  und  mit  h 
als  trennungszeichen  der  componenten  des  diphth.,  i''  und  aus  a 
geschwächtem  «^  Aus  dem  diphth.  contrahiertes  e  bez.  etwa 
schon  daraus  gekürzten  (im  jetzigen  Ttvente  vorliegenden)  vocal 
gewähren:  in  Ttvente  (a,  1028,  s.  van  Mieris,  Charterb.  v.  Holl. 
en  Zeeland  1,  63),  comiiatum  Turnte  nuncupatum  und  infra 
Tuente  (zw.  1027  und  1054,  s.  Muller,  Cartul.  van  Utrecht  s.  93) 
mit  aus  dem  locativ  in  andere  casus  eingedrungener  endung; 


*)  Wegen  desselheii  vgl.  ausser  Beitr.  8,  324  ff.  uoch  Beitr.  14, 121. 
15,  487  f.  und  2(],  559  (den  15,  487  verzeiclineten  as.  locativ  Grupilimß  hat 
Schilling  übersehen,  als  er  Beitr.  26,  559  meinte,  dass  die  endung  -/  bisher 
bei  -rt- Stämmen  ausser  in  Th/atmaUi  und  den  von  Althof  beigebrachten 
-bergi  nicht  für  das  as.  belegt  wäre). 


UEBER   MARTI    THINCSO    ETC.  153 

und  mit  lat.  endung  in  Tuenta  (a.  1050,  s.  v.  d.  Bergh,  Oor- 
kondenb.  v.  Holl.  eii  Zeeland  ii.  83),  hona  Thnenthir,  per  Tuen- 
tJiiam  (a.  1291  bez.  zw.  1298 — 1304,  s.  Oorkoiidenb.  v.  Groningen 
en  Drente  1, 126.  140),  pc>-  Tventhiam,  Thventye  gen.  (a.  1329, 
s.  Müller,  Regesta  van  liet  bisdom  Utrecht  1,224.271;  wegen 
noch  anderer  belege  s.  Oorkb.  v.  Gron.  en  Drente  2, 482).  Man 
vergleiche  auch  den  parallel  gebildeten  naraen  des  nördlich 
A'^on  Twente  gelegenen  gaus:  in  pago  Thricnte  vocato  (a.  994 
und  1025,  s.  Mon.  Germ.,  Dipl.  reg.  1, 143  und  Muller,  Cartular, 
V.  Utrecht  s.  75)  mit  k  =  die  von  oben  citiertem  Tkuehenü, 
de  Tlirient  (10.  oder  11.  Jh.,  s.  Crecelius,  Collectae  etc.  1,  12),  in 
pago  Thrcant  (a.  820,  s.  Lac.  1,  n.  40),  beides  in  der  nominativ- 
form, in  pago  Threnie  nomiuafo  (a.  lOOG,  s.  Muller,  Cartul.  v. 
Utr.  s.  72),  comitattim  de  TJirenfe  (a.  1024  bez.  zw.  1056  und 
1062,  sowie  a.  1025,  s.  Muller,  Cartul.  s.  74.  97  und  Oorkb.  v. 
Gron.  en  Drente  1, 13),  m  cornitatu  T{li)rente  (a.  1040,  s.  Muller, 
Cartul.  s.  84  und  81),  infra  Thrente  (zw.  1027  und  1054,  s.  Muller, 
Cartul.  s.  93),  nostre  ditioni  in  Thrente  (a.  1046,  s.  Muller,  Cartul. 
s.  89),  dccano  de  Thrente  (a.  1217,  s.  Oorkb.  v.  Gron.  en  Drente 
1,  42),  in  pago  ThrBnte  nominato  (zw.  1050  und  1062,  s.  Muller, 
.Cartul.  s.  95);  und  mit  lat.  endung  qin  inde  transiens  venit 
Thrianta  (Mon.  Germ.  SS.  2,  381),  in,  de  Thrmta  (a.  1200  bez. 
1224,  s.  Oorkb.  v.  Gron.  en  Drente  1,29.  46),  in  cornitatu  Threntia, 
scuUelo  Threniie,  per  Threntiam  (a.  *1225  bez.  1247.  1250.  1291, 
s.  Oorkb.  V.  Gron.  en  Drente  1,  55.  69.  72.  128),  in  Drcnthia, 
Brenthie,  -tye  gen.,  per  Brenthiam  (a.  1256.  1291  und  1329,  s. 
Oorkb.  V.  Gron.  en  Dr.  1,  79.  126.  127.  Muller,  Eegesta  v.  h. 
bisdom  Utrecht  1,  224.  281);  (wegen  noch  anderer  belege  s. 
Oorkb.  V.  Gron.  en  Dr.  2,  442). 

GRONINGEN.  W.  VAN  HELTEN. 


zu  THEOBALD  HOECK. 

Köster  bemerkt  Anz.  fda.  26,  288,  dass  von  den  gedichten 
des  Schönen  blumenfelds  cap.  46. 47  n.  a.  für  den  g'esang,  andere 
walirscheinlich  für  den  spreclivortrag-  gedichtet  seien.  Zur 
näheren  feststellung  dieses  Unterschieds  eignet  sich  die  be- 
obachtung  der  bei  Hock  häufigen  enjambements,  denn  ein 
gedieht  mit  enjambement  von  Strophe  zu  Strophe,  wie  etwa 
Hücks  cap.  2,  oder  von  vers  zu  vers,  wie  cap.  76,  ist  schlecht- 
liin  unsangbar,  und  auch  bei  leichteren  enjambements,  wie  z.  b. 
21, 23  f.,  hätte  sich  Hock,  wenn  er  für  den  gesang  gedichtet 
hätte,  die  Wirkung  mutwillig  stark  beeinträchtigt.  Wie  sehr 
das  Verständnis  des  textes  von  der  erkenntnis  des  enjambements 
abhängt,  zeigt  14, 11  ff.,  wo  Jellinek,  Zs.  fdph.  32,  398  In  in  On 
ändern  will,  während  bei  richtiger  interpunction  Höcks  text 
einen  guten  sinn  gibt: 

Vncl  da  ich  wuer  ein  Knableiii  uuer, 

Verzehret  ich  mein  Jugeudt 

In  fürwitz.  Liehes-Tugeudt 

Mich  jrret  nichts:  vmh  thet  ich  stieren 

Mit  Fischen,  Voglen,  andern  Thiereu. 

Beim  gesang  kann  das  Verständnis  solcher  Strophen  nicht 
erreicht  werden,  das  ist  nur  möglich  bei  stillem  lesen  oder 
Sprechvortrag.  Dafür  also  werden  von  Höcks  gedichten  die 
bestimmt  sein,  die  enjambements  aufweisen,  das  sind  78  von 
den  92.  Und  von  den  übrigbleibenden  sind  wider  die  meisten 
aus  inhaltlichen  gründen  unsangbar:  cap.  4.  12.  15.  23.  33.  44. 
55.  69.  73,  lauter  gedichte  moralischer  oder  referierender  art, 
die  am  Schlüsse  meist  mit  einem  drum  eine  gute  lehre  aus- 
sprechen, oder  mit  einem  also,  sivar,  in  summ  ihren  bericht 
zusammenfassen.  So  bleiben  nur  7.  8.  27.  47  und  68,  doch  stehen 
auch  ihrer  sangbarkeit  bedenken  entgegen. 


zu    THEOBALD    HOECK.  155 

Wenn  hier  auch  die  einschnitte  meist  am  ende  der  rhyth- 
mischen reihen  liegen,  so  erfolgt  doch  keine  regelmässige 
gliederung  der  Strophe  in  perioden.  So  läuft  in  cap.  7  der 
text  ohne  interpunction  durch 

zwischen  reihe  1  und  2  in  Strophe  2  und  6, 
9  '^  1 

„       3     „     4    „         „       2,  3  und  4, 
4  5  1 

!■!  11  ^  11  ^  11  11  ^1 

ausserdem  findet  sich  einmal  interpunction  in  reihe  3,  dreimal 
in  reihe  5,  und  zwar  hier  wider  einmal  nach  der  ersten  hebung, 
zweimal  nach  der  zweiten  Senkung.  Aehnlich  haben  cap.  8 
und  27  nach  allen  reihen  ausser  nach  2  gelegentlich  inter- 
punction, und  auch  in  cap.  68,  dessen  Strophen  sich  im  all- 
gemeinen in  zwei  gleichgebaute  perioden  zerlegen  lassen,  wird 
dieses  princip  in  Strophe  5  durchbrochen.  So  lebendig  diese 
wechselnde  periodisierung  beim  Sprechvortrag  wirkt,  beim 
gesang  stört  sie.  Dasselbe  gilt  in  cap.  7.  8  und  27  von  der 
repetition  am  ende  jeder  Strophe,  die  sich  zwar,  wie  fast  alles 
bei  Hock,  wirksam  recitieren  lässt,  aber  beim  versuch,  die 
gedichte  zu  singen,  gegen  die  vorletzten  reihen  abfällt:  am 
.stärksten  ist  der  abfall  für  mein  gefülil  7,  30  und  8,  25,  also 
da,  wo  der  selbständige  Inhalt  der  letzten  reihen  die  kraft- 
vollste recitation  erlaubte.  Und  wenn  man  endlich  über  die 
sangbarkeit  von  cap.  68  urteilen  will,  wird  man  die  worte 
iven  ichs  sagen  soll  68,  17  nicht  ganz  übersehen  dürfen. 
Mehr  fällt  ins  gewicht,  dass  Hock  seine  gedichte  nicht  lieder 
nennt,  sondern  capitel,  und  seine  Sammlung  nicht  liederbuch, 
sondern  (s.  2,  z.  10)  TraääÜein,  dass  er  in  der  vorrede  und 
sonst  immer  nur  von  einer  moralischen  Wirkung  seiner  gedichte 
zu  sprechen  w^eiss,  dass  er  s.  2,  z.  13  und  mehrfach  in  cap.  5 
von  seinen  lesern  spricht,  endlich  dass  er  nirgends  ausser  in 
einem  falle  die  melodie  angibt,  nach  der  die  gedichte  zu  singen 
wären.  Cap.  46  hat  Hock  offenbar  auf  eine  ihm  bekannte 
melodie  gedichtet,  deren  la  la  la  la  am  Schlüsse  jeder  Strophe 
in  sein  gedieht  übergegangen  ist.  Aber  das  enjambement 
zwischen  str.  10  und  11  (das  über  den  schlusstriller  hinweggeht!) 
macht  Höcks  gedieht  unsangbar.  Darauf  folgt  nun  als  cap.  47 
des  neudrucks,  im  original  aber  bemerkenswert  genug  ohne 
nummer,  das  einzige  gedieht  der  Sammlung,  über  dem  wie 


156  GOETZE 

sonst  in  den  liederbüchern  der  zeit  die  melodie  angegeben 
wird,  zugleich  das  einzige,  bei  dem  weder  formelle  noch  inhalt- 
liche gründe  die  sangbarkeit  ausschliessen.  Dieses  gedieht  er- 
regt nnn  durch  seinen  Inhalt  schweren  zweifei  an  seiner  echt- 
heit.  Zwar  dass  der  dichter  hier  keine  seiner  sonstigen  quellen 
benutzt,  oder  dass  er  47, 11  f.  in  Itali&n  gewesen  zu  sein  vor- 
gibt, kann  einen  solchen  zweifei  nicht  begründen,  aber  dptss 
Hock,  der  kenner  Ovids,  der  in  cap.  25  das  paar  Mars  und 
Venus  eingehend  behandelt  hat,  Mars  für  den  vater  der  Venus 
halten  sollte,  ist  unglaubhaft.  Das  geschieht  aber  in  cap.  47, 
dessen  dichter  der  Venus  den  dienst  aufsagt:  Driimh  ivil  ich 
von  dir  fliehen,  Mit  deini  Vatter  hin  ziehen,  Ihm  dienen  in  dem 
Krieg.  Anderseits  bieten  reime  und  i'hythmik  des  liedes  nichts, 
was  bei  Hock  unmöglich  wäre,  mit  voller  «Sicherheit  lässt  sich 
also  nicht  behaupten,  cap.  47  sei  das  einschiebsei  eines  un- 
befugten, der  sich  durch  Höcks  cap.  46  an  das  ihm  etwa 
anderweit  bekannte  Volkslied  erinnert  fühlte.  Mag  aber 
cap.  47  echt  sein  oder  nicht,  jedenfalls  nimmt  es  eine  solche 
ausnahmestellung  ein,  dass  die  vorsieht  geboten  erscheint, 
beim  urteil  über  den  gesammtcharakter  von  Höcks  dichtung 
von  dieser  zweifelhaften  nummer  abzusehen  und  den  sonst 
glatten  befund,  dass  Hock  für  den  Sprech  vertrag,  nicht  für 
den  gesang  gedichtet  hat,  durch  sie  nicht  stören  zu  lassen. 
Wer  es  für  unwahrscheinlich  hält,  dass  gewissermassen  unter 
den  äugen  des  dichters  ein  fremdes  lied  in  seine  Sammlung 
geraten  sein  soll,  vergleiche  die  Anz.  fda.  26,  305  ausgeschie- 
denen Zusatzstrophen,  an  deren  unechtheit  sich  doch  nicht 
zweifeln  lässt.  Einzig  bei  cap.  11  str.  6  scheint  die  ausschlies- 
sung  nicht  genügend  begründet,  weil  sie  wol  nur  wegen  der 
zweisilbigen  Senkungen  11,30  und  11,83  vorgenommen  ist; 
wir  werden  aber  sehen,  dass  zweisilbige  Senkungen  Hock  nichts 
fremdes  sind. 

Mit  der  erkenntnis,  dass  Hock  nicht  für  den  gesang  ge- 
dichtet hat,  erschliesst  sich  auch  eine  andere  eigentümlichkeit 
seiner  gedichte  dem  Verständnis.  Nur  wenn  dem  dichter  nicht 
die  melodie  im  obre  klingt,  nach  der  einmal  das  entstehende 
lied  gesungen  Averden  soll,  ist  es  möglich,  dass  er  fehlerhafte 
verse  baut,  das  ist  aber  Hock  auffallend  oft  widerfahren.  Die 
verse  6,4.  16,10.22.  44,30.   57,33.  80,3.15.  89,15  haben  so, 


zu   THEOBALD   HOECK.  157 

wie  sie  dastehen,  einen  fuss  zu  viel,  5,26.  67,35.  92,35  einen 
fuss  zu  wenig-,  dem  ersten  verse  von  cap.  30.  41.  46  und  68 
fehlt  der  auftakt,  6,  8  hat  gar  zwei  füsse  zu  viel.  Der  drucker 
kann  diese  fehler  nicht  verschulden,  sondern  der  dichter  selbst, 
der,  abgesehen  davon,  dass  er  seine  gedichte  in  unfertigem 
zustand  dem  druck  übergeben  hat,  damit  verrät,  dass  er  mit 
dem  äuge  für  das  äuge  gedichtet  hat.  Man  hilft  dem  dichter 
nach,  nicht  einer  fehlerhaften  Überlieferung,  wenn  man  diese 
metrischen  fehler  wegconjiciert,  ebenso  wenn  man  etv/a  nach 
27,8  Der  ChristcnJicit  einschiebt,  nd.ch.  4S,  18  Vernunft  vnd  Ehr 
vermugend,  nach  45, 28  Klug  Heden  fürn  Vnd  Bäsonniern,  nach 
57, 18  Lust  vnd  Begirden.  Zudem  wäre  die  mehrzahl  der  derart 
fehlerhaften  verse  'nur  mit  unerlaubter  willkür  einzurenken' 
(Anz.  fda.  26,  303).  Mit  mehreren  dieser  verse  sucht  sich  Köster 
auf  eine  unphonetische  art  abzufinden,  er  schlägt  Anz.  fda. 
26,  298  vor,  16,  22  v' schmachten,  57,  33  v'stehen  zu  lesen.  Diese 
kürzung  mit  BÄbendts  58,  8  zu  vergleichen,  gienge  auch  dann 
nicht  an,  wenn  hier  bis  und  nicht  wie  6,25  bei  contrahiert 
wäre.  Ein  ausfall  des  r  an  dieser  stelle  ist  weder  aus  Hock 
noch  sonst  zu  belegen,  und  wenn  man  vrschmächten  schreibt, 
bleibt  das  wort  doch  dreisilbig,  so  gut  wie  es  dreisilbig  bliebe, 
wenn  man  vrschmächtn  schriebe.  Ebenso  bleiben  die  reime 
12,  6  f.  und  38,34.  36  klingend,  auch  wenn  man  sie  mit  Anz. 
fda.  26,  295  Schaidn  :  erlaidn,  Gnadn  :  schadn  schreibt.  Ein 
metrischer  fehler  ist  aber  in  der  Verwendung  dieser  reime  nach 
Beitr.  13, 134  nicht  zu  sehen. 

Köster  gebraucht  dasselbe  auskunftsmittel  auch  zu  dem 
zwecke,  die  im  texte  des  Blumenfelds  nicht  seltenen  zwei- 
silbigen Senkungen  zu  beseitigen.  Er  liest  z.  b.  3,63  Wers  nit 
mag  leydn  der  küfs  cucJis  punt,  6,  11  Aufsstehn  bifshcr  vnd  auch 
geduldn  hab  mihsen.  Die  Senkungen  bleiben  natürlich  zwei- 
silbig, ebenso  der  auftakt  3,  24  Muster  aufs  euch,  schneidn  zu 
jhrm  Zeug,  oder  11,30  Abr  tausent  Lust  vnd  Freivden.  Auch 
verse  wie  3, 18  Scidn  auff  euch  tvinden  nach  der  art,  4,  23  Das 
böfs  entgegen  erlcydn  nit  auch,  33,  20  Auch  gwinnen  vnd  nicht 
verlieren,  die  ja  schematisch  ohne  zweisilbige  Senkung  gelesen 
werden  könnten,  wird  man  nicht  im  ernst  so  lesen  Avollen. 
Da  aber  somit  Hock  sichere  zweisilbige  Senkungen  hat,  darf 
man  nicht  correcturen  vornehmen,  bloss  um  solche  zu  beseitigen, 


158  GOETZE 

also  lüclit  6,80  der,  11,2  dem,  11,31  mtr,  11,38  cim,  19,8 
auch,  45,  36  vnd,  75,  63  da  streichen.  Im  g-egenteil  fordert  der 
sinn,  an  einigen  stellen  gegen  den  text  zweisilbige  Senkungen 
oder  auf  takte  zu  schaffen,  nämlich  38,9  Wo  Lieh  recht  ist 
Calid  vnd  Standhafft  statt  V'Lieh  (vgl.  tvo  lieh  nit  ist  mit  trewen 
schein,  da  thut  die  lieh  misUngen  Ambraser  liederbuch  181, 13  f.), 
15, 10  Gleichen  nachtheil  er  thut  gehen  st.  Gleich,  16, 10  Dafs 
wir  das  ewig  vmh  das  seitlich  niöcJiten  enverhen  st.  iverhen, 
87,  34  f.  An  Schildt  setztn  oder  in  Helm,  Liefsn  au  ff  dem  Bein 
hin  schivimmen  st.  seist,  Liefs,  wol  auch  3,  63  Wers  nit  mag 
leyden  der  Idifs  euchn  imnt  (denn  hund  ist  bair.  masc,  vgl. 
Zs.  fdph.  32,  398),  16,11  Da  sein  wir  aher  Christen  nur  miim. 
Munde  st.  mit  Munde.  So  ergibt  sich  ein  minimum  von  86 
zweisilbigen  Senkungen  und  auf  takten,  davon  fallen  13  auf  die 
ersten  sechs,  18  auf  die  letzten  sieben  gedichte  Höcks.  Auf- 
fallendes ist  an  diesem  befund  durchaus  nichts,  denn  Hock 
hat  ja  nicht  für  den  gesang  gedichtet,  und  so  konnten  ihm 
die  zweisilbigen  Senkungen  und  auftakte  praktisch  gar  nicht 
im  wege  sein.  Im  gegenteil  wäre  es  befremdend,  wenn  gerade 
ein  solcher  dichter  'zu  den  ersten  gehörte,  die  am  ende  des 
16.  jh.'s  für  strophische  gedichte  reine  Jamben  anwenden  möchten' 
(Anz.  fda.  26,  303,  vgl.  Zs.  fdph.  32,  401).  Endlich  darf  man 
auch  nicht  ausser  betracht  lassen,  dass  Hock  in  seiner  weise 
zweisilbige  Senkungen  theoretisch  gelten  lässt,  wenn  er  19,  36  f. 
vom  deutschen  dichter  verlangt:  Man  viufs  die  Pcdes  gleich 
so  wol  scandiren.  Den  Dactilum  vnd  auch  Spondeum  rieren. 
Angesichts  dieser  stelle  ist  es  unwahrscheinlich,  dass  Hock 
zweisilbige  Senkungen  hat  meiden  wollen,  wenn  er  es  aber 
gewollt  hat,  ist  es  ihm  mislungen  wie  manchem  vor  ihm,  ein 
novum  bieten  seine  verse  in  diesem  punkte  keinesfalls. 

Die  folgenden  knappen  bemerkungen  gehen  nicht  darauf 
aus,  neue  quellen  von  Höcks  gedickten  nachzuweisen  —  in 
dieser  hinsieht  würde  die  lateinische  lyrik  der  zeit  noch  viel 
ausbeute  gewähren  —  sondern  sie  wollen  das  Verständnis  des 
textes  fördern  und  die  zahl  der  unverständlichen  stellen  ver- 
ringern. 

S.  2,  z.  12  doch  in  genere  steht  parenthetisch:  ohne  jemand 
bestimmten  treffen  zu  wollen:  vgl.  cap.  38  Überschrift:  in  gemein 
rede  ich.  —  2, 14  lies  entscheidnus  st.  entscheidens.  —  cap.  1, 


zu   THEOBALD   HOECK.  159 

V.  8.  2, 16  ff.  44,  2  weisen  auf  frühere  dichtungen  Höcks  hin, 
die  nach  1,  8  auch  veröffentlicht  wurden,  nach  4,  7.  5,  58  viel- 
leicht nicht  in  deutscher  spräche  ahgefasst  waren.  —  1,30 
Also  ivurt  er  iviczig  mit  seinem  schaden  Sachs,  Fabeln  3,  62,  43. 

—  1,41  Nimmer  than  ist  die  beste  Sit fs!  Sachs,  Fastn.  57,  383. 

—  2, 14  Biiel  ist  vielleicht  'g-ehuhle'.  —  2,  53  man  könnte  an 
die  lesung-  Ihcit  st.  Mert  denken,  wenn  nicht  Höcks  mundart 
ein  leeren  =  'plagen'  kennte:  Sachs,  Fabeln  67,196.  3,171,9. 
Fastn.  36,266.  37,210.  45,319.  46,283.  Der  sinn  ist  also: 
das  gesetz  plagt  den  nicht,  der  fromm  ist,  die  katze  fängt 
nur  die  maus  (der  moralist  nur  den  sünder),  nur  der  nichts- 
würdige tadelt  alles.  —  2,  58  1.  ronn  st.  vom.  —  3,  3  durch 
die  ungeschickte  Wortstellung  ist  der  sinn  verdunkelt,  gemeint 
ist:  so  lasst  euch  gleich  einen  pass  schreiben.  Das  ganze  ge- 
dieht ist  der  pass,  der  nach  Landes  brauch  die  künftige  reise 
vorzeichnet,  ziehet  3, 8  ist  passez.  Die  erste  hälfte  des  ge- 
dichtes  hat  ähnlichkeit  mit  Lauremberg,  Scherzgedichte,  be- 
schluss  V.  91—102.  Zur  idee  des  passes  für  bücher  vgl.  Schade, 
Satiren  1^,  151.  —  3,36  1.  gschorne  Clerisey  st.  geschicorne.  — 

3,  56  Hey  ich  will  drumb  nicht  sterben,  dann  ich  bin  der  ders 
andern  thut:  Wir  sind  Clirisamskinder :  vns  rMirt  kein  Schinder 
Garg.  323  (1582).  —  4,  4  ebenso  sicher,  wie  gras  zu  heu  wird, 
gefällt  dir  das  nicht.  —  4, 18  ist  Ja  gegen  Kochs  Je  beizu- 
behalten. —  4,23  erleyden  bedeutet  ^'erleiden'.  Wie  die  stelle 
Anz.  fda.  26,  299  anfgefasst  wird,  gibt  sie  keine  klare  antithese. 

4,  55  schiveig  du  st.  schweigstu.  —  5,  5  es  kann  schliesslich  aus 
allem  gutes  folgen,  vgl.  85,  48  f.  jenem  st.  jedem  kann  ich  für 
keine  besserung  halten.  —  5, 43  ff.  die  beziehung  zu  Garg.  6 
(1582)  hat  schon  Hauffen,  Euph.  7,  821  bemerkt.  —  5,  56  Bas 
auch  die  Teutsche  sprach  süsiglich  wie  Griechische  springe 
Garg.  54.  —  6, 15  Wolt  Gott,  ich  tver  bey  Schaff  vnd  Bindt 
Erzogen,  als  ein  Hirten  Jcindt,  Oder  baldt  ividcr  alles  hoffn  In 
meinem  ersten  Bad  ersoffn  Barth.  Riugwalt,  Eckart  J  la  (1590). 

—  6, 43  enthält  vielleicht  eine  anspielung  an  die  historia  von 
Christoffel  und  Feronica,  wie  sie  Schumann  im  Nachtbüchlein 
no.  22  erzählt.  Anklänge  an  diese  geschichte  bietet  auch  6,27: 
und  fiel  Cupido  mit  einem  pfeyl  auff  ihn,  auch  Venus  mit  ihrem 
strich  und  liebe,  das  er  gantz  taub  und  gleich  mat  ivard  Naclitb. 
80, 4  und  15,38:   Es  ist  wol  ivar,  tvann  einer  kein  gelt  hat,  so 


160  GOETZE 

ist  er  veracht  von  iveih  und  hinden,  freunden  und  fe'mden  unnd 
müfs  Jimder  der  tliür  sitzen,  da  er  sunst,  ivann  er  gelt  het,  miifst 
oben  an  tisch  sitzen  146, 21.  Nach  5, 27  kennt  ja  Hock  das 
Nachtbüclilein.  —  7,  19  1.  niclit  st.  ich.  —  8, 1  Nun  hin  ich  ein- 
mahl frey  Von  Liehes  Banden  . . .  Kein  Traivren  ist  hey  mir  nicht 
mehr  vorhanden  Venusgärtlein  no.  30,  vgl.  no.  68.  —  9,  13  hör 
ist  der  parenthetisch  gesetzte  imperativ,  die  interpunction  nach 
3Ieer  ist  zu  streichen,  dagegen  nach  Segel  punkt  zu  setzen. 
Ring  bedeutet  bei  Hock  14,  21.  7(3,  27  (ebenso  z.  b.  Sachs,  Fastn. 
40,32)  leicht,  sorglos,  Tegel  ist  seine  form  für  'tiegel'  (vgl. 
Sachs,  Fabeln  65,  261)  und  wird  hier  'glückshafen'  bedeuten. 
Der  sinn  der  stelle  ist  also,  dass  wir  das  leben  leichtherzig 
aufs  spiel  setzen.  —  11,32  \.  gleieJivil  st.  gleichu-ol.  —  12,1  tra 
sie  mich  hctten  lassen  bleihen,  als  ich  hin,  teeren  sie  des  vnd 
anders  mer  von  mir  vertragen  hlihen.  Murner,  Luth.  narr  hg. 
von  Kurz  4.  Las  jdern  hleihen  teer  er  ist  Eingwalt,  Eckart 
0  3b.  —  13,  13  1.  Netz  st.  Nöst?  —  13,28  nach  mcim  hrauch 
'wie  mirs  ergangen  ist',  ■ —  13,38  Der  nit  einr  ürten  hcytten 
mag,  Der  ist  ein  schlächtcr  tvirt,  fürwar  Manuel,  "W'einspiel 
V.  1296  f.  Äin  schlechter  wirdt,  der  gehaissen  ivirdt,  so  nicht 
ain  Zöch  mag  x)orgen  Jaufuer  liederbuch  11  (Neue  Heidel- 
berger Jahrbücher  3,  275).  Es  mufs  auch  sein  ein  höser  Wirth, 
der  eins  nicht  borgen  Imn,  es  Minpt  noch  ivohl  ein  gleicher 
Fall,  dafs  ich  jhm  tvol  bezahlen  Jean,  ich  weifs  ivol  meinen 
Mann  Venusgärtlein  no.  114.  Es  ist  auch  ein  schlechter  3Iann, 
der  kein  Stibchen  borgen  Jean,  hifs  zum  andern  Morgen  136 
(aus   Grefflinger,   Seladons   weltliche  lieder,   Frankfurt  1651). 

—  14, 18  1.  solt  St.  wolt.  —  14,  26  Jiäll,  mhd.  Jimle  'glatt'.  — 
14,  45  1.  leicJiter  st.  leyder.  Leyden,  wie  Anz.  fda.  26,  300  vor- 
geschlagen wird,  steht  als  Verstärkung  nur  beim  uomen,  nicht 
beim  verbum.  —  14,58  1.  Jier  st.  EJir.  —  15,35  Jdinget  ist 
'gelingt'.  —  15,55  als  das  VolJc  tvirt,  also  tvirt  der  priester 
Lotzer,  Sendbrief  (1523)  B  2  a.  —  16,34  du  kannst  zw^ar  alt 
werden,  aber  nicht  ewig  leben,  dagegen  ist  das  ewige  leben 
im  jenseits  ohne  ende,  etvig  ist  gar  ein  langer  Jcaitf  Uhland, 
Volkslieder  no.  353.  —  16,  52  2^ecJcen  'schlagen'  Schmeller  1,  202. 

—  17,  34  jeder  Mansch  ist  fast  des  andern  Teuffei,  off't  meJir 
als  der  Teuffei  Selbsten,  Homo  Jiomini  lupus.  Homo  Jiomini 
diaholus  Moscherosch,  Gesichte  ed.  Bobertag  28.   —   17,37  1. 


zu   THEOBALD   HOECK.  161 

Freundschafft  st.  Freund  —  17,  45  die  zusatzstroplie  leitet  zu 
cap.  18  über.  17,45  gibt  noch  einmal  die  lehre  von  cap.  17: 
nur  so  lange  man  noch  nicht  ins  wasser  gefallen  ist,  ist  vorsieht 
etwas  wert.  Darauf  folgt  das  im  einzelnen  unklare  recept 
zu  einem  liebeszauber,  an  das  der  interpolator  durch  18,  39 
erinnert  wurde.  Zur  sache  vgl.  Epp.  obsc.  vir.  2,42.  —  18,29 
es  sein  vil  die  do  gelauhen  vnd  sprechefi,  das  allcijn  die  hrin- 
nende  stral  der  liebe  sich  von  dem  gesicht  der  äugen  hegeben, 
vnd  nit  meynen  noch  sprechen  ivöllcn  das  etlich  durch  hören 
sagen  grosse  liebe  enpfangen  haben  Decameron  hg',  von  Keller 
272, 16.  —  19, 51  Vnd  mufs  ich  nur  bey  hiesiger  gelegenheit 
ohne  scheiü  dieses  errinnern,  das  ich  es  für  eine  verlorene  arbeit 
halte,  im  fall  sich  jemand  an  vnsere  deutsche  Poeterey  machen 
wolle,  der,  nebenst  dem  das  er  ein  Poete  von  natur  sein  mufs, 
in  den  griechischen  vnd  Latcimschen  büchcrn  nicht  ivol  durch- 
trieben ist  Opitz,  Poeterey,  neudr.  19,  vgl.  Borinski,  Poetik  der 
renaissance  50.  —  19,  56  JDoch  mufs  ich  gleichwol  behennen,  das 
auch  an  Verachtung  der  Poeterey  diejenigen  nicht  ivenig  schuldt 
tragen,  ivelche  ohn  allen  dancJc  Poeten  sein  ivollen,  vnd  noch 
eines  theils  zum  vberflufs,  ebener  massen  ivie  Julius  Cesar  seine 
kaJde  glitte,  sie  jhre  vnwissenheit  vnter  dem  Lorbeerhrantse 
verdeclicn  das.  12.    —    20,  38  1.  verschtvelgen   st.  vber schwelgen. 

—  21, 40  gmain  ist  subst.,  vgl.  DWb.  unter  Gemeinde  3  d  ^. 

—  21,48  1.  ^schaffen  st.  beschaffen.  —  22,  61  Zu  Todt  die  guten 
Steiger  fallen  . . .  die  guten  Sivimmer  Ertrinclcen,  ivennjr  stünd- 
lein Iwmbt  Sachs,  Fastn.  8,  206  ff.  Gute  schivymer  ersauffen  gern. 
Gute  Tilymer  fallen  gerne  Luthers  Sprichwörtersammlung  4.  5 
und  commentar.  Die  besten  fechter  werden  erschlagen  Simrock, 
Deutsche  Sprichwörter  2314.  —  23, 18  Wol  'welches'.  —  24, 12 
1.  aufhern  st.  anfarn.  —  24, 21.  71,  40  Murner  NB.  60.  —  25,  22 
Wer  von  versagen  tvil  verzagen,  dem  mag  wol  nimmer  lieb  be- 
tagen  Schmeller  1,593  aus  Cgm.  379  f.  45,  vgl.  Hans -Sachs- 
Forschungen  367.  —  26, 11  tücl'c,  mhd.  dicJce,  bair.  bis  ins  19.  jli. 
belegt.  —  27,  2  dz  Firmament,  die  Ellement  ivuren  tragen  mit 
mier  laid  Jaufner  liederbuch  11,5.  —  28,17  schcncJcen:  dass 
man  dir  etwas  schenkt.  —  28,  25  Wan  wuecher  guct  das  haf- 
telt  nicht,  Wie  man  pey  allen  ivuchrern  sieht,  Vnd  raicht  nit 
an  den  driten  stamen  Sachs,  Fastn.  78,  273  ff.  —  31, 15  1.  trinld 
St.  treyt.   —   33,  9  1.  Beichs  Piäth  st.  Bäth  liäth    —   33, 10  1. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII  W 


162  GOETZE 

Klöster  Bäth  st.  Klöster.  —  34,  34  hundert  jar  vnrecht  tJion 
ward  nie  hain  stund  recht  Lotzer,  Sendbrief  (1523)  B  2  a.  Bann 
unrecht  thiin  hundert  jar  Ward  nie  kein  stunde  recht  fürwar 
Schade,  Satiren  2  2, 166.  —  35,9  er  als  der  eynfeltig  pauer  tut 
tJiete,  der  nach  dem  enpfangen  schaden  den  stal  züspert  Deca- 
meron  427,  26.  ir  wölt  erst  den  stall  zu  tliun,  so  die  Mw 
hinaufs  sein  Scliade,  Satiren  3 2, 144  (Regensburg  1524).  So  dw 
den  ivilt  den  stal  zv  machen,  So  ist  dir  schon  heraus  die  Jctv 
Saclis,  Fabeln  153,  144  f.  So  schon  ist  aus  dem  stall  die  hve 
231, 121.  Jetzt  so  ist  aufs  dem  Stal  die  Ku,  Witt  du  den  Stal 
erst  sperren  zu  369,  75  f.  Sein  mantel  hench  Er  nach  dem  wint, 
E  im  ztvrint,  Weil  die  Jiw  ist  im  stalle  3, 163,  63  ff.  Hoichta, 
Ju,  Ju,  den  Gatter  zu,  das  aufstieg  kein  Ku  Garg.  125.  ivas 
darf  man  das  loch  stopfen,  tvan  die  hüner  aufsgeflogen  sind? 
Praktik  57.  —  35,  38  Des  sprichworcz  hab  ich  gleich  war 
gnümen:  So  pald  gen  marck  die  narren  Mimen,  So  losen  den 
die  kremer  gelt  Sachs,  Fastn.  79, 253  ff.  Hans-Sachs-Forschungen 
360.  — :  37  Überschrift  und  23  Sollicitiren  ist  Juristenwort,  vgl. 
Drescher,  Arigo  100.  —  38  Wann  schmal  vnd  ring  ist  lieh 
vnd  gunst  Bey  Blutfreunden  Sachs,  Fabeln  358,  54.  —  38,  30 
1.  hulden  st.  schulden.  —  38,  59 — 62  geben  eine  sapphische 
Strophe,  Avenn  man  ohscuris  vor  nehidis  einschiebt.  —  39,1 
Sachs,  Fabeln  3,  169,  11—20.  —  39,  7 :  10  Güttern  :  hefürdern, 
49, 17  :  18  hefürdern  :  Güttern  sind  reine  reime,  da  in  Höcks 
mundart  wie  fast  in  ganz  Ostmitteldeutschland  r  vor  dentalem 
verschlusslaut  ausgefallen  ist,  wenn  in  der  nächsten  silbe  ein 
zweites  r  folgte.  Dieses  lautgesetz  gilt  für  Baiern  seit  dem 
14.  Jh.,  vgl.  DWb.  s.  V.  fodern.  Lexer  s.  v.  vordem,  vürder, 
vürderer.  Weinhold,  BG.  §  162.  Drescher,  Arigo  141  f.  Sachs 
reimt  Fabeln  86,  215  f.  (1546)  fadem  (poscere)  auf  hadern, 
Uhland,  Volkslieder  no.  192  (1555)  Tatter  auf  hausvatter,  Hätz- 
lerin  2,  58,  231  f.  voder  auf  hader,  Aus  oberpfälzischen  Urkunden 
von  1557:  damit  fuderlich  der  Kirchenrath  ...  bestellet  und  he- 
furdert  tverden  Brunner,  Geschichte  der  reformation  des  klosters 
und  Stiftlandes  Waldsassen  s.  140.  damit  der  Gottesdienst  ge- 
fodert  und  erhaltten  141.  das  den  amptleuthen  hierin  fuder- 
liche heueich  zugeschickt  wurden  142.  mit  ahihuung  der  abgötti- 
schen Bilder  und  anderer  der  gl.  füderliche  Verrichtung  144. 
das  sie  Gottes  werkh  treiben,  reine  lehre  födern  und  hanndhaben 


zu   THEOBALD   HOECK.  163 

145.  Ires  Vermögens  födern,  handhaben  und  erhaltten  145.  Aus 
den  modernen  mundarten  \g\.  Athur,  gaderobe,  hazer,  mattern, 
patterre,  und  umgekehrt  lartholsch  (Albrecht,  Leipziger  mund- 
art  143).  Entsprechend  ist  bei  Hock  11,28  Medrer  zu  lesen, 
40, 17  f.  Tatern  —  matern,  48,  1  u.  ö.  hefüdert,  56,  14  matert. 
—  40,  25  Wir  asn  vnd  dnmclien,  sassen  zamen  Vnd  lohten  sant 
Werten  alivegen  Sachs,  Fastn.  12,  244  f.  —  42,  21  1.  Bern  st. 
Ben.  —  43, 41  sein  ist  das  gericht,  vgl.  Eöm.  12, 19. — 44, 15 
1.  Muffen  st.  hafften.  ■ —  45,  28  1.  scalieren  st.  salieren.  —  46, 10 
wer  reifs  nicht  nach  Zs.  fdph.  32,  398  in  siefs  ändern  will, 
muss  doch  refs  schreiben,  denn  das  wort  reimt  auf  hes  Sachs, 
Fastn.  13, 154.  37,  96.  Fabeln  46,  32.  137,  8,  es  Fabeln  76, 18. 
3,  196,  5,  Biogenes  Fastn.  44,  290,  les  Fastn.  81,  52,  füerhes 
Fabeln  158,  26,  fres  Fabeln  3,  32, 46,  versa fs  Hätzlerin  2,  58, 154, 
vergess  Ambraser  liederbuch  56,  46.  —  46,  20  Wie  man  denn 
spricht:  Zwen  Hund  allein  Bleiben  nicht  eins  an  einem  bein 
Sachs,  Fastn.  43, 123.  siven  hund  an  einem  beine,  die  seind 
selten  eins  Ambraser  liederbuch  32, 19  f.  tvie  zwey  hunde  an 
einem  Jcnochen  sich  durchaus  nicht  vertragen  Jiönten  Ziegler, 
Asiatische  Banise,  neudr.  373,  25.  —  46, 26  (der  verschuldete 
•  zecher  spricht)  Vnd  wens  vns  gleich  vmbschlecht  alsant,  Nem 
wir  den  langen  spis  int  hant:  Im  feld  die  schuldger  vns  nicht 
finden  Sachs,  Fastn.  64,  215  ff.  —  46,35  prangen  "stolz  einher- 
gehen': Barmit  wil  ich  den  haimhin  prangen  Sachs,  Fastn.  82, 42, 
ebenso  Fabeln  29, 47.  93, 11.  3, 19, 41,  ironisch  mit  dem  ge- 
danken  an  pranger:  Müest  im  stocJc  auf  dem  Kirclioff  prangen 
Fabeln  349,  30.  —  47,  5  gemeint  ist  ein  kartenspiel,  bei  dem 
man  'sich  aussagt',  wenn  man  31  punkte  hat.  —  47,9  Leid- 
lichr  wer  mir,  vnd  het  auch  lieber  Bas  drey  oder  vierteglich 
Fieber  Sachs,  Fastn.  26,  5.  Berhalb  wer  mir  nutzer  vnd  lieber, 
Bas  ich  het  das  vierteglich  Fieber  28, 13  f.  —  49,  24  iveil  vnter 
guten  Freimden  all  ding  soll  gemeyn  sein,  wie  der  Lufft  vnnd 
der  Sonnenschein  Garg.  91  (1582).  —  51,  34  1.  vom  st.  vorn.  — 
52  Überschrift  Zeit  (nU  labor)  macht  hew  Luther,  Sprichwih'ter- 
sammlung  no.  321.  Also  haben  auch  die  Gräci  gesagt:  Ager 
non  producit,  sed  annus  Luther,  Erlanger  ausgäbe  48, 177.  — 
55, 1  wems  glück  ivol  wil,  der  hat  gut  spiel,  mag  allzeit  frö- 
lich  leben  Ambraser  liederbuch  197,  7  f.  Assez  bicn  danse,  ä 
qui  la  fortune  chante  Moscherosch,  Gesichte,  neudr.  133.  —  56, 49 

11* 


164  GOETZE 

ich  hob  eyn  geßterten  magen,  er  ist  iveit  hol  vnd  wachtelgleichich 
wie  S.  Benedicts  Stiffel,  hodenlofs  on  solleder,  ivie  der,  tvelchen 
der  Teuffei  zu  Spir  mit  talern  solt  füllen  Garg".  383.  Sachs, 
Fabeln  350.  —  59,24  iveichen  'mild  werden'.  —  59,30  War 
thüet  das  alt  Sprichwort  noch  jeden:  Des  herren  fäes  munter 
vnd  tvacJcer  Düngen  gar  ivol  den  seinen  aclcer.  Auch  so  werd 
das  fiech  allermaist  Von  seines  herren  atvgen  faist,  So  er  selb 
darsv  schawen  thiv  Sachs,  Fabeln  148, 260  ff.  —  62, 23  1.  auff 
st.-,  auch.  —  64,  5  Ich  ivurt  zv  aim  maister  einpracht,  Der  sünst 
noch  ain  geseien  het,  Mit  dem  auf  der  stör  arheitn  thet,  Wie 
den  der  prauch  ist  in  dein  lant  (im  Unterinntal),  Peg  vns 
heraüsen  vnpelmnt  Sachs,  Fabeln  259,  6  ff.  —  64, 14  ein  ein- 
steckkalender  mit  stiften,  früher  im  Leipziger  Dominicaner- 
kloster, befindet  sich  jetzt  auf  der  Universitätsbibliothek  zu 
Leipzig-.  Nach  dem  kalender  wurden  die  tempora  amoris  be- 
stimmt, s.  Schönaich  ed.  Köster  206,  25  ff.  495,  46.  —  64, 34. 
85,  68.  89, 14  fürwitziges  st.  fünvitz  (Zs.  fdph.  32,  397)  erklärt 
sich  als  umgekehrte  Schreibung,  wenn  Hock  das  adjectiv  für- 
ivitz,  das  Sachs,  Fabeln  281, 47.  331,130.  333,211  braucht, 
gekannt  hat.  —  65, 3  Hie  hah  ich  grohe  fedren  gschnitten 
Scheidt,  Grobianus  v.  98.  —  65, 18  sprach  wie  Schmeller  2,697, 
Tfeiffen  wie  Schumann,  Nachtb.  280, 4.  282, 12.  —  65,  23  Aufs 
vnd  ein  machen  die  Meydlin  gern  Garg.  259  (1582).  —  65,  35 
man  erwartet  das  gegenteil  von  wendten  schimpff.  —  65,45  Aber 
botz  Murrners  guckguch,  ivas  sehe  ich,  du  hast  ein  krummen 
Latz,  bist  aufsgethan  Garg.  401  (1582).  Der  gut  Lentz  ivas 
ausgethon,  het  kein  sichern  platz  mehr  Frey,  Gartenges.  33  f. 
Das  bild  stammt  vom  austragstübel.  —  66,  59  ich  glaub  müg- 
liclicr  sein  da fs  mein  apfelgrau  pferd  schreiben  und  lesen  lerne, 
dann  dafs  unsere  ptfaffen  und  bischof,  ivic  die  iezund  leben, 
selig  werden  Neu  Karsthans  bei  Schade,  Satiren  2  2, 24.  —  68, 14 
1.  zugrissen  st.  zugenissen.  —  68, 15  das  lestii  mich  gemessen, 
ja  hinder  sich  Ambraser  liederbuch  4,  9.  defsgleichen  liebet 
sie  auch  mich,  von  Hertzen  grund  ja  hinder  sich  Venusgärtlein 
no.lll.  —  71,4  weicht  von  der  üblichen  fassung  ab:  Vbel  essen 
vnd  hart  ligen  Sachs,  Fastn.  52, 367.  Fabeln  144, 134.  160, 18. 
282,84.  282,154.  335,10.  3,20,78.  3,22,158.  Schumann,  Nachtb. 
18,  11  f.  —  73,  3  Da  mit  freüntlichen  augenplicken  Die  lieb  mit 
lieb  sich  thuet  erquicken  Sachs,  Fabeln  215,  87  f.  —  73,  30  ab- 


zu   THEOBALD   HOECK.  165 

liähcre  eine  weibsperson  fleischlich  gebrauchen  Fischer,  Schwab, 
Wörterbuch  1, 30.  Staub-Tobler  2,  935.  —  75, 52  1.  Bie  st.  Der. 

—  7G,  16  so  fein  er  sich  auch  anpasst,  so  muss  er  doch  ...  — 
76,47  bleibt  auch  nach  Anz.  fda.  26, 298  unverständlich,  etwa 
nach  60,  24  zu  bessern:  In  schier  zum  Narren  Schmidt.  —  79, 1 
JBächssenschiessen,  Glocken  giessen,  Teiiffel  bannen,  Armprost 
spannen,  iver  dz  nicht  wol  Jean,  solls  vnderivegen  lan  Garg.  331 
(1582).  —   79,  9  ivas  ausrichtsam.  —  81,  5  1.  Türcli  st.  March 

—  81, 22  Der  pfaff  sich  segnet  vnde  Recht  tvie  ein  pfeüffer 
stünde  Sachs,  Fabeln  52,  39  f.,  ebenso  3,  96,  39  f.  Stund  als  ein 
pfeyffer  an  der  stet,  Der  ainen  dancz  verderbet  het  168,  145; 
ebenso  210,96.  315,115.  schemeten  sich,  wie  ein  Pfeifer  der 
den  Dantz  verterbt  hat  Garg.  206  f.  —  83, 26  1.  Sols  eines 
tauren:  wenn  das  jemand  dauert,  so  bitte  man  den  bauern: 
dann  wird  er  übermütig  (so  im  einklang  mit  Schmeller  1,457; 
anders  Anz.  fda.  26,  314).  —  84,  31  Dannjhr  wüfst,  das  Körbel- 
Jcraut  grosse  hrafft  hat,  also  dafs  jhene  Fraw  jhren  Mann,  der 
sonst  einen  bei  jhr  fand,  vberredt,  er  hett  Korbein  gessen,  iveil 
er  noch  einen  bei  jr  sah  Garg.  231.  —  85, 11  1.  Dem  alles  st. 
So  allem.  —  87,  39  f.  Wann  man  aber  alle  huren  solt  die  Thonaiv 
hinab  schichen,  wurden  die  tveiber  leyäen  theür  werden  Montanus, 
Schwankbücher,  neudr.  54  f.  —  91,  85  f.  her,  sehr  zu  streichen, 
vgl.  Anz.  fda.  26,  289.  —  92,  49  1.  vilen  st.  wilden. 

LEIPZIG,  13.  december  1901.         ALFRED  GOETZE. 


DER  I- UMLAUT  VON  E 
IN  DEN  ALTNORDISCHEN  SPRACHEN. 

Wie  bekannt,  gibt  es  in  den  altn.  sprachen  viele  Wörter, 
bei  denen  während  einer  frülieren  periode  eine  lautentwicklung 
von  kurzem  e  zu  kurzem  i  eingetreten  ist,  z.  b.  isl.  mihill  (ver- 
glichen mit  gY.fiiyac),  birna  'bärin'  (<  %ernwn,  Ygl.hera  'bärin'), 
hi^ia  'bitten'  (<  *deMon).  Diese  entwicklung  ist  durch  den 
auf  die  wui'zelsilbe  folgenden  vocalischen  oder  consonantischen 
i-laut  hervorgerufen  worden.  Dieselbe  erscheinung  findet  sich 
auch  in  den  andern  germ.  sprachen  wider,  ausser  im  got.,  wo 
germ.  kurzes  e  überhaupt  in  kurzes  i  übergegangen  oder  doch 
nahezu  mit  diesem  laute  zusammengefallen  ist. 

Nachdem  schon  ältere  forscher,  wie  Jessen  und  Heinzel, 
gelegentlich  eine  entwicklung  von  e  zu  i  vor  einem  folgenden 
/-laute  betont  hatten,  unterwarf  Läffler  in  der  Tidskrift  for 
filologi  n.r.2, 1  ff.  146  ff.  231  ff.  die  frage  einer  sehr  gründlichen 
und  verdienstlichen  Untersuchung.  Ihr  resultat  ist  (vgl.  s.  288), 
dass  der  Übergang  e  zu  i  vor  folgendem  «-laut  während  der  zeit 
der  germ.  Spracheinheit  eingetreten  sei.  Das  lautgesetz 
ist  also  seiner  meinung  nach  urg  er  manisch;  und  dieser  seiner 
auffassung  sind  seitdem  fast  alle  forscher  beigetreten,  die  sich 
später  zu  der  frage  geäussert  haben. 

Auch  in  den  gebräuchlichsten  handbüchern  wird  diese 
lautentwicklung  als  urgermanisch  hingestellt.  Dies  tun  z.  b. 
noch  Brugmann  im  Grundriss  1-  (1897)  und  Betlige  in  der 
Laut-  und  formenlehre  der  altgerm.  dialekte,  hrsg.  von  Dieter 
(1898 — 1900).  Emil  v.  Borries,  der  eine  Specialabhandlung  über 
dieses  thema  mit  dem  titel  'Das  erste  Stadium  des  i-umlautes 
im  germanischen'  (1887)  veröffentlicht  hat,  meint,  dass  das 
2.  und  3.  jh.  n.  Chr.  'die  blütezeit  des  wandeis  von  e  zu  «'  (s.  81) 
gewesen  sei. 


DER  I-UMLAUT  VON  E   IM  ALTN.  167 

Der  einzige,  der  hiergegen  in  gewisser  beziehimg  opponiert 
hat,  ist  meines  Wissens  Bugge.  Im  Arkiv  n.  f.  4, 9  f.  spricht  er 
sich  folgendermasseu  aus: 

'Nach  Bremer  soll  dieser  lautübergang  [e  >>  *  vor  folgendem  t,  j] 
von  der  deutschen  Nordseeküste  ausgegangen  und  das  e  in  betonter 
offener  silbe  in  folge  der  einwirkung  eines  folgenden  i  im  l.jh.  n.Chr. 
zu  i  geworden  sein.*)  Doch  scheint  urnordisch  erilaR  in  den  Inschriften 
von  Kragehul,  Lindholm,  Varnixm  und  entstellt  auf  mehreren  bracteaten, 
namentlich  auf  no.  49  und  4:9b  bei  Stephens  (spät  urnord.  eiriiaR  Veblungs- 
naes,  By)  zu  zeigen,  dass  betontes  kiu'zes  e  in  offener  silbe  im  urnord. 
bis  gegen  600  unverändert  blieb,  wenn  in  der  nächsten  silbe  *  nach  nicht 
palatalem  cousonanten  folgte.  Im  7.jh.  hatte  zwar  das  /  der  zweiten 
silbe  palatalisierend  auf  das  e  der  ersten  silbe  in  eiriiaR  gewirkt,  dasselbe 
jedoch  noch  nicht  zii  i  verändert.  Dasselbe  wort  führen  die  Irischen 
annalen  zum  jähre  847  in  der  form  ereil  an.  Dass  ein  betontes  e  in 
offener  silbe  im  urnord.  durch  den  einfluss  eines  i  der  folgenden  silbe 
nicht  zu  i  verändert  worden  ist,  geht  auch  aus  norw.-isl.  seÖir  aus  *se- 
zvider  *sewidai,  hUÖo  hleÖo  aus  *hlewiÖun  hervor.  Ebenso  kann  altdän. 
skialnap  aus  urnord.  *skeJmößuR  oder  *skelimÖHR  erklärt  werden.  Ält- 
norw.  setr  stammt  am  ehesten  von  urnord.  *setiR,  altnorw.  rekr  von  urnord. 
*reqiR.  *rehviR.  Der  gegensatz  zu  sigr  hat  wol  seinen  grund  in  dem  g 
des  letzteren.'*) 

Bugge  ist  aber  der  ansieht,  dass  in  geschlossener  silbe 
ein  kurzes  germ.  e  zum  mindesten  schon  in  urnord.  zeit  in  i 
übergegangen  sei,  wenn  in  der  nächsten  silbe  i  (i)  folgte,  und 
zwar  unabhängig  davon,  welcher  consonant  dem  /-laut  der 
endung  voraufgieng,  z.  b.  *birgiwgu  (a.  a.  o,  s.  8  f .) ,  *sibjosteR 
(Norges  indskrifter  s.  34). 

Der  ansieht  Bugges,  dass  der  <-umlaut  von  e  in  offener 
silbe  noch  nicht  in  urnord.  zeit  eingetreten  wäre,  trat  z.  b. 
Noreen,  Urgerm.  lautlehre  s,  15,  anm.  3  entgegen. 

Ich  bin  der  meinung,  dass  die  lehre  von  der  lautentwick- 
lung  von  e  zu  i  vor  /,  *  in  folgender  silbe,  was  die  Verhältnisse 
in  den  altn.  sprachen  anlangt,  gründlich  zu  verändern  ist. 

Die  allermeisten  Wörter,  die  hierbei  mit  in  betracht  kommen, 
sind  solche,  in  welchen  der  e-laut  der  Wurzelsilbe  durch 
einen  oder  mehrere  cousonanten  von  dem  folgenden 
i-  oder  j-laut  getrennt  ist,  also  Wörter  vom  typus  mikill, 


1)  Vgl.  Bremer,  Zs.  fdph.  22,  252. 

*)  Vgl.  auch  Norges  indskrifter  s.  101. 


1G8  KOCK 

hirna  (<  ^^dermön).  Diese  sind  darum  unbedingt  die  wiclitigsten, 
und  ich  behandle  sie  deshalb  zuerst. 

Dann  will  ich  einiges  über  solche  Wörter  bemerken,  wie 
das  vielleicht  aus  urnord.  zeit  nachgewiesene  ]m]0R  Tune  (alt- 
sch^\. Jmar,  isi.pridr),  d.h.  Wörter,  in  welchen  ein  conso- 
nantisches  i  +  vocal  (vorurnord.  ^lireiöz)  unmittelbar  auf 
den  germ.  e-laut  folgte. 

Im  Arkiv  4, 141  ff.  =  Beitr.  14,  53  ff.  (vgl.  auch  Beitr.  18, 
417  ff.)  versuchte  ich  zu  zeigen,  dass  man  in  den  altn.  sprachen 
für  den  'gewöhnlichen'  i-umlaut  (d.h.  für  den  i-umlaut  gutturaler 
vocale)  zwei  verschiedene  perioden  geliabt  habe,  welche  durch 
eine  dritte  dazwischenliegende  getrennt  waren,  in  der  kein 
i-umlaut  eintrat. 

Diese  meine  ansieht  über  die  i-umlautsperioden  in  der 
altn.  spräche  in  einem  hauptsächlich  vorhistorischen  Stadium 
dürfte  nunmehr  allgemein  angenommen  sein. 

Ich  will  nun  hier  nachzuweisen  suchen,  dass  in  Wurzelsilben 
mit  e-laut,  auf  den  ein  oder  mehrere  consonanten  sowie  zugleich 
ein  i-  oder  i-lant  folgten,  der  Übergang  von  e  zu  i  während 
der  gemeinnord.  zeit  eingetreten  ist,  und  zwar  während  zweier 
getrennter  perioden,  die  vollkommen  den  beiden  perioden 
des  'gewöhnlichen'  i-umlauts  entsprechen. 

Ehe  ich  dies  im  einzelnen  zeige,  will  ich  jedoch  im  an- 
schluss  an  Bugges  oben  angeführte  auslassungen  erst  dartun, 
dass  die  herschende  ansieht  über  die  entwicklung  von  e  zu  i 
unrichtig  ist,  d.h.  also  die  ansieht,  dass  e  schon  in  urgerm. 
zeit  in  jeder  Wurzelsilbe  zu  i  übergegangen  sei,  auf  welche 
ein  vocalischer  oder  consonantischer  /-laut  folgte. 

Das  praet.  zu  M..}üyia  'schützen'  heisst  in  der  alten  spräche 
lüepa.  Die  inff.  *}iauion,  ^prauion  sind  zu  isl.  Jieyia,  preyia 
und  die  praett.  *Jiatviöön,  ^liraiviöön  zu  isl.  IuIIm,  J)rapa  ge- 
worden. In  ganz  entsprechender  weise  entwickelte  sich  der 
inf.  *hleuion  (vgl.  ags.  lilieivan)  zu  isl.  lüyia  und  das  praet. 
*hletviäön  zu  isl.  hU])a\  vgl.  Sievers,  Beitr.  15,  402.  Kock,  IF. 
5, 157.  161  f.  Dieses  isl.  hUpa  zeigt,  dass  die  entwicklung  von 
e  zu  i  vor  i  nicht  urgerm.  ist.  Denn  wenn  dies  der  fall  ge- 
wesen wäre,  so  hätte  Viletvi^ön  in  urgerm.  zeit  zu  *hliividön 
werden  müssen,  woraus  sich  im  isl.  ViUpa  entwickelt  haben 
würde;  dann  aber  wäre  das  isl.  hlejja  nicht  zu  erklären. 


DER   I-UMLAUT    VON   E  IM   ALTN.  169 

Das  got.  s'mjan  'nälieix',  scliwed.  sy  würde  isl.  im  inf. 
^syia  lieissen:  das  praet.  lieisst  im  isl,  sepa,  das  part.  sclw.  In 
liarmonie  mit  hJyia  :  Jilejm  sind  die  älteren  formen  des  wortes 
folgende  gewesen:  inf.  *seuion  :  praet.  ^setvidön  :  part.  *setviöo2 
(vgl.  die  eben  angef.  stellen).  Wenn  irgend  ein  urgerm.  i-wm- 
lant  vorhanden  gewesen  wäre,  so  wären  die  formen  isl.  praet. 
sejja,  part.  se])r  nicht  zu  erklären. 

Im  älteren  isl.  ist  der  name  des  volkes  der  Wenden  ge- 
wöhnlich nom.  Vinjjr,  gen.  VmJ)a;  ein  vers  von  Arnorr  Jarla- 
skald  zeigt  jedoch,  dass  er  den  gen.  Ven])a  (vgl.  u^ndlande  im 
Ägrip)  gebrauchte.  Wie  bekannt  gibt  die  Schreibung  mit  np 
(nicht  nd)  in  VinJ)r  an ,  dass  zwischen  dem  w  und  7>  ein  vocal 
A^erloren  gegangen  ist  (vgl.  hinda  mit  nd,  aber  praet.  vanpa 
etc.  aus  *wanidö  etc.)  Bei  Plinius  heisst  das  volk  Venedi,  bei 
Tacitus  Veneti,  bei  Jordanes  Winidae;  im  ahd.  wird  Winid  ge- 
brauclit;  s.  Bugge,  Ark.  2,  228  ff.  287.  Bremer,  Zs.  fdph.  22,  251. 
Diese  formen  zeigen,  dass  der  name  in  urgerm.  zeit  *Wened-, 
etwas  später  ^WcnirJ-  geheissen  hat.  Wäre  nun  urgerm.  der 
i-umlaut  durchgeführt  worden,  so  hätte  *Wenid-  in  allen  casus 
zu  *Wimd-  werden  müssen;  und  es  wäre  dann  unmöglich,  den 
.e-laut  in  isl.  gen.  Venpa  zu  erklären. 

Bei  Jordanes  findet  sich  als  name  eines  volkes  im  süd- 
lichen teile  der  skandinavischen  halbinsel  Bergio,  ein  wort, 
welches  mit  herg  zusammenhängt.  Dasselbe  hat  trotz  des 
folgenden  i  den  e-laut  der  Wurzelsilbe  beibehalten.  Vgl.  Bugge, 
Ark.  n.  f.  4, 9,  der  jedoch  den  e-laut  durch  beeinflussung  von 
Seiten  der  spräche  des  got.  Schreibers  erklären  will. 

Der  comparativ  und  der  Superlativ  zu  ülr  lieissen  isl. 
verri,  verstr,  welchen  formen  im  got.  der  comparativ  tvairsiza, 
im  ahd.  wirsiro,  wirsisto,  im  alts.  wirsa,  wirsista,  ivirrista,  im 
ags.  iviersa,  tvierrest{a),  tviersta  entsprechen.  Nimmt  man  an, 
dass  es  einen  urgerm.  i-umlaut  gegeben  habe,  so  sind  isl.  verri, 
verstr  vollkommen  unerklärlich.  In  urnord.  zeit  haben  die- 
selben offenbar  geheissen :  *ivermm,  *tcermstaR  in  der  zweiten 
silbe  mit  einem  i,  das  schon  in  urgerm.  zeit  vorhanden  ge- 
wesen sein  muss.  Man  müsste  also,  wenn  ein  germ.  i-umlaut 
existiert  hätte,  isl.  *virri,  *virstr  zu  finden  erwarten. 

Die  Schreibung  erilap  in  den  Inschriften  von  Kragehul, 
Lindholmen  und  Varnum  zeigt,  dass  zur  zeit  der  abfassung 


170  KOCK 

derselben  das  gerra.  e  in  der  Wurzelsilbe  niclit  in  i  über- 
gegangen war,  Aveun  darauf  consonant  +  i  folgte.  Dies  wird 
auch  diuxli  ereil  in  den  Irischen  annalen  zum  jähre  847  be- 
stätigt; Bugge  a.a.O.  Ohne  erfolg  haben  Läffler,  Burg,  Noreen 
und  Brate  dieses  mit  ihrer  auffassung  unvereinbare  erilaR  zu 
erklären  versucht. 

Läffler  denkt  sich  in  der  Tidskr.  f.  fil.  n.r.  2,  316  die  mög- 
lichkeit,  dass  der  auf  das  e  folgende  r-laut  'das  e  länger  vor 
der  ein  Wirkung  des  folgenden  i  geschützt  habe',  und  Burg,  Die 
alt.  nord.  runeninschriften  s.  39  meint,  in  den  nord.  sprachen 
sei  der  i-umlaut  des  e  durch  ein  auf  das  e  folgendes  r  über- 
haupt verhindert  worden.  Indessen  zeigen  Wörter  wie  hirti 
'klarheit',  Urta  ^berhtian  'klar  machen',  hirting  'erglänzen' 
( :  hiartr  *ber]itaR,  vgl.  got.  hairhts),  pl.  birnir  'baren'  (  :  sg. 
Moni),  pl.  firjrir  (  :  sg.  fior^r  'bucht'),  birki  'betulae',  birhia 
'birkensaft',  birJcinn  'birken'  ( :  biork  'birke',  *berJcu)  u.  a.  m. 
zur  vollen  evidenz,  dass  ein  folgender  r-laut  in  den  nord. 
sprachen  nicht  im  stände  war,  die  entwicklung  von  e  zu  i  bei 
folgendem  /,  i  zu  hindern. 

In  der  Nordisk  revy  1884—85,  sp.  362  nimmt  Noreen  an, 
dass  der  e-laut  in  erilaR  von  der  im  ags.  eorl,  alts.  erl  begeg- 
nenden Stammform  ""erlo-  entlehnt  sei,  und  Brate  ist  in  Bezz. 
Beitr.  11, 183  der  gleichen  ansieht.  Zu  gunsten  dieser  hypo- 
these  Hesse  sich  auch  das  urnord.  erla  (auf  der  Etelhemspange) 
anführen,  welches  so  von  Noreen,  BB.  11,  201  und  von  mir  in 
den  Bidrag  tili  svensk  spräkhistoria  s.  108  ff.,  von  Bugge  jedoch 
in  Norges  indskrifter  s.  148  und  schon  in  der  Tidskr.  f.  fil.  7, 246 
mrla  gelesen  wird. 

Noreens  erklärung  des  e-lautes  in  erilaR  ist  aber  offenbar 
eine  gekünstelte.  Lautgesetzlich  hätte  das  wort  nach  ihm 
*irilaR  heissen  sollen.  Statt  dessen  aber  treffen  mr  in  drei 
verschiedenen  Inschriften  erilaR  (später  eirilaR),  und  es  ist  gar 
kein  zweifei,  dass  auch  das  gewöhnliche  appellativum  isl.  iarl, 
altschw.  icerl  von  diesem  in  urnord.  zeit  verhältnissmässig  oft 
begegnenden  erilaR  ausgegangen  ist.  Im  uom.  pl.  hiess  dieses 
in  urnord.  zeit  *erilöR,  im  gen.  pl.  *erüö,  im  acc.  pl.  ^crilann, 
formen,  die  nach  dem  verlust  des  i  nom.  *erlaii,  gen.  acc.  *erla 
und  durch  brechung  iarlan,  iarla  ergaben.  Nach  dem  pl.  iarlar, 
iarla  ist  dann  der  sg.  iarl  gebildet  worden;  vgl.  sg.  harl  (ur- 


DER   2-UMLAUT   VON    E  IM   ALTN.  171 

nord,  *karilaR)  nach  dein  pl.  karlar.  Es  wäre  nun  wunderbar, 
wenn  sowol  das  urnord.  erilaR  (drei  mal)  als  auch  das  irische 
lehuwort  ereil  und  das  isl.  iarlar  (pl.  zum  sg.  iarl)  eine  form 
darstellen  (oder  auf  eine  solche  zurückweisen)  sollten,  in  wel- 
cher das  e  durch  analogiebildung  erklärt  werden  müsste.  Da 
ist  doch  die  annähme,  urnord.  erilaa,  das  ir.  lehuwort  ereil  und 
der  isl.  pl.  iarlar  seien  ganz  einfach  lautgesetzliche  formen, 
bei  weitem  vorzuziehen. 

Die  Unmöglichkeit  der  jetzt  herschenden  auffassung,  nach 
der  es  nur  eine  periode  der  entwicklung  von  e  zu  i  vor  i,  i 
gegeben  haben  soll,  geht  noch  aus  folgenden  umständen  hervor. 

Das  ir.  ereil  ist  auf  ein  gemeinnord.  *crün,  *erül  zurück- 
zuführen. Hieraus  können  wir  den  schlusssatz  ziehen,  dass 
wenigstens  in  gewissen  gegenden  die  entwicklung  von  e  zu  / 
um  das  jähr  800  in  *erül  und  natürlich  auch  in  andern  mit 
diesem  gleichzustellenden  Wörtern:  "^meöi  (dat.  sg.  zu  M.miopr; 
dat.  später  mijri),  '^meJcill  (isl.  niikill :  niiolc  'viel',  präp.  "^medil 
(isl.  mipU)  etc.  noch  nicht  eingetreten  war. 

Vielleicht  könnte  jemand  darum  annehmen  wollen,  dass 
der  Übergang  von  e  zu  i  vor  i,  i  in  den  altn.  sprachen  in  allen 
Stellungen  erst  nach  dem  jähre  800  eingetreten  wäre. 

Wie  aber  stimmt  dies  zu  der  tatsache,  dass  eine  entwick- 
lung von  e  zu  i  vorliegt  in  praet.  urnord.  *derdidö  >  dirßa 
(zu  dirfa  'dreist  machen';  vgl.  isl.  diarfr  <  ^derdan),  in  urnord. 
inf.  *derdian  >  dirfa  und  in  vielen  andern  Wörtern?  Ich  führe 
beispielsweise  nur  an  praet,  girnda  (<  *gernido),  inf.  girna 
(<  *german,  vgl.  giarn),  birna  'bärin'  (<  *berniö,  vgl.  hiorn, 
bera),  Irpa  (<  *JErpiö,  vgl.  iarpr). 

Die  entwicklung  ^derbido  >  dirfpa  steht  eben  in  directem 
widerstreit  mit  formen  wie  *erill,  *meöi  etc.  um  das  jähr  800, 
wenn  man  nur  eine  umlautsperiode  annimmt. 

Denn  wann  gieng  denn  der  i-laut  der  zweiten  silbe  in 
langsilbigen  Wörtern,  wie  praet.  dirfpa  (<  *derdiäo)  und  inf. 
dirfa  (<  *derdian)  verloren?  Die  Björketorp-inschrift  aus  den 
Jahren  700 — 725  hat  in  dem  langsilbigen  worte  barutR,  d.  h. 
b{a)rytii  (<  *briutiR  'bricht')  das  i  der  zweiten  silbe  bereits 
verloren.  Ferner  lehrt  uns  hosli  (<  *haside,  dat.  von  ViasidaR 
'hasel')  mit  verlorenem  k,  dagegen  sunu  (acc.  'söhn')  mit  stehen- 
gebliebenem u,  beide  in  der  Rökinschrift,  dass  der  vocal  der 


172  KOCK 

mittelsilbe  in  dreisilbigen  Wörtern  fr  tili  er  verloren  gieng,  als 
derselbe  vocallaut  als  nltimayocal  in  zweisilbigen  Wörtern. 
Also  miiss  z.  b.  das  praet.  (*derdiöfö  >)  isl.  cUrfpa  und  aucli 
der  Inf.  {*deidian  >)  isl.  dirfa  den  «-laut  der  zweiten  silbe 
bereits  verloren  haben,  ehe  der  f-laut  in  dem  barutn  (hri/tR) 
des  Björketorpsteins  verloren  gieng,  also  vor  dem  jähre  700  (725). 

Aber  wenn  der  /-laut  in  *derdiöö,  *derdian  vor  der  ent- 
wicklung  von  e  zu  /  im  dat.  *mcdi  >  mijn  etc.  verloren  ge- 
gangen wäre,  und  man  doch  nur  eine  periode  für  die  entwick- 
lung  von  e  zu  i  gehabt  hätte,  so  würde  ja  *derdiäö,  *derdian 
niemals  eine  entwicklung  von  e  zu  i  bekommen  haben,  und 
die  isl.  dirfpa,  dirfa  etc.  wären  nicht  zu  erklären. 

Hieraus  dürfte  mit  voller  gewisheit  hervorgehen,  dass  die 
herschende  auffassung  betreffs  der  entwicklung  von  c  zu  i  vor 
/,  i  unhaltbar  ist;  die  entwicklung  kann  nicht  urgerm.  gewesen 
und  nicht  gleichzeitig  in  allen  Wörtern  eingetreten  sein,  wo 
sie  in  den  altn.  literatursprachen  vorliegt. 

Dagegen  stellt  sich  die  sache  sehr  einfach,  wenn  man  für 
die  entwicklung  von  e  zu  i  zwei  getrennte  perioden 
annimmt,  die  den  beiden  für  den  ('gewöhnlichen')  i-um- 
laut  der  gutturalen  vocale  in  den  altn.  sprachen  ent- 
sprechen. 

Ich  stelle  nämlich  folgendes  schema  auf: 

I.  Die  ältere  «-Umlautsperiode.  Der  i-laut  der  zweiten 
silbe  gieng  in  lang  silbigen  Wörtern  verloren  und  bewirkte 
dadurch  (durch  seinen  wegfall)  den  «-umlaut. 

Der  /-Umlaut  der  gutt.  vocale:  Der  j-umlaut  von  e: 

praet.  *dümidö  >  cUmda  praet.  *derbiÖö  >  dirfpa 

inf.  *dömian  >  dema  inf .  *derhian  >  dirfa. 

IL  Während  einer  darauf  folgenden  periode  gieng  der 
i-laut  der  zweiten  silbe  der  kurz  silbigen  Wörter  verloren,  aber 
ohne  umlaut  zu  bewirken. 

praet.  *tdliÖö  >>  Uüpa  praet.  ViletoiÖö  >  hUpa. 

III.  Die  jüngere  «-umlautsperiode.  Ein  noch  immer 
erhaltenes  i,  j,  bewirkt  den  umlaut. 

Der  umlaut  der  gutt.  vocale:  Der  umlaut  von  e: 

pl.  *gastiii  >»  gesttr  pl.  *feröiK  >  f/'rßir 

inf.  Halje^an  >  telia  inf.  *skelian  >  skilia. 


DER   I-UMLAUT   VON    E  IM   ALTN.  173 

Die  accentuierung  von  *derdiäö  war  natürlich  dieselbe  wie 
die  von  ^äömidö,  nnd  die  accentuierung  von  ^hUiviöö  war  die- 
selbe wie  die  von  "^taliöö.  Der  schwächer  accentuierte  i-laut 
der  langsilbigen  *derdi^ö,  ^dömidö  gieng  früher  verloren  als 
der  stärker  accentuierte  ?-laut  der  kurzsilbigen  Vüewido,  *taliöö. 

Da  der  ältere  i-umlaut  sowol  in  *derdid>ö  >  dirfjja  als  auch 
in  ^dömidö  >  dömda  durch  den  verlust  des  «-lauts  der  zweiten 
Silbe  bewirkt  wurde,  und  da  der  /-laut  der  beiden  wörter- 
gruppen  gleichzeitig  verloren  gieng,  so  trat  natürlich  der  i-i\m- 
laut  gleichzeitig  in  dirfpa  und  in  dömda  ein. 

Auch  der  jüngere  /-umlaut  ist  gleichzeitig  oder  wenigstens 
annäherungsweise  gleichzeitig  in  "^ferdin  >  firpir  und  in  "^yaslin 
>  gestw  durchgefühi-t  worden. 

I.  In  Übereinstimmung  mit  dieser  meiner  theorie  ist  der 
ältere  umlaut  von  e  zu  i  z.  b.  in  folgenden  langsilbigen 
Wörtern  eingetreten*):  praet.  fir])a  '^firräa  (<  "^ferridö,  vgl. 
fiarran,  got.  fairra),  praet.  und  inf.  hirpa  'hüten'  (•.hior])), 
nista  'mit  nest  (reisekost)  versehen',  vir])a  'abschätzen'  (:  vcrj»-), 
hrigpa  'verändern'  (vgl.  das  starke  verb  bregPa),  praet.  rigndi, 
inf.  rigna  (  :  regn),  praet.  siglda,  inf.  sigla  ( :  segl)^  praet.  shirpa, 
inf.  shirra  ( :  shiarr),  praet.  spilta,  inf.  spüla  ( :  spiall),  praet. 
vüta,  inf.  vüla  (vgl.  z.  b.  Kluge,  Et.  wb.^  unter  wild),  Mrna 
(<  *kerniö  =  Jäarni  'butterfass'),  vipta  (=  veptr  'subtemen'), 
firar  pl.  (<  ^ferhiön,  vgl.  fior  'leben'),  Jwirr  (der  umlaut  stammt 
aus  dem  acc.  sg.  Vctverrian-  etc.,  vgl.  got.  qairrus). 

Der  ältere  i- umlaut  ist  auch  in  dem  worte  ' Schwester' 
eingetreten.  Im  nom.  sg.  hatte  man  in  urnord.  zeit  swestar, 
im  nom.  pl.  *stvestriR  (vgl.  Bugge,  Ark.  n.  f.  4, 17).  Der  nom.  pl. 
*stvestriR  wurde  durch  den  älteren  /-umlaut  zu  "^stvistm,  worauf 
sich  das  i  auf  den  sg.  verbreitete,  so  dass  man  nom.  "^stvistar  : 
obliqu.  casus  *stüistur,  jung,  sgstur  erhielt. 

II.  Während  der  zeit  zwischen  der  älteren  und  der  jüngeien 
i-umlautsperiode  ist  das  i,  ohne  umlaut  zu  bewirken,  z.  b.  in 
folgenden  kurzsilbigen  Wörtern  verloren  gegangen: 


')  Liiifler  teilt  in  seiner  abhaudhing-  in  der  Tidskr.  f.  ftl.  u.  r.  2  eine 
ausführliche  beispielsammlung  mit,  nnd  ich  habe  jene  Sammlung  anwenden 
kiJnuen,  obgleich  —  wie  schon  erwähnt  —  Läffler  und  ich  sehr  verschiedene 
ansichten  betreffs  der  lautentwickhmg  von  e  zu  i  haben. 


174  KOCK 

Praet.  urnord.  ^lüeiviöö  >  isl.  hlepa  (zu  }ihjia\  urnord.  *5e- 
u'idö  >  isl.  scJm  (zu  isl.  *S7/?«,  schwed.  sij,  vgl.  got.  siujan). ') 

Wie  s.  170  erwähnt  worden  ist,  liiess  urnord.  erilaR  im  nom. 
pl.  *eril(jR,  gen.  erüö,  acc.  *erilanR;  später  nacli  Verlust  des  / 
nach  kurzer  Wurzelsilbe  *erlaR,  *erla,  *erla  und  nach  der  durch- 
fährung der  jung,  «-brechung  iarlar,  iarlu,  iarla,  woraus  sich 
der  sg.  iarl  bildete.  Ein  urnord.  *sl-elinUjmR,  *sJcelinöäuR  (vgl. 
das  verbum  sMia)  wurde  durch  den  Verlust  des  i  nach  kurzer 
Wurzelsilbe  und  durch  übrigens  bekannte  lautgesetze  zu  *sJiel- 
ndöR,  welches  duixh  die  jüngere  a-brechung  weiter  zu  altschw. 
sJcialnaJjer,  altdän.  skialnath  entwickelt  wurde. 

Der  Wechsel  isl. Tl^/^r 'Wenden',  gen.Venl^a  (gewöhnl.VinJja) 
ist  folgendermassen  zu  erklären.  Das  wort  wird  als  consonan- 
tischer  stamm  flectiert;  man  hat  also  gehabt  nom.  acc.  pl. 
*Wenid[i]R  :  gen.  pl.  ^Weniöa.  In  dieser  form  "^WeniÖa  wurde 
das  i  nach  kurzer  Wurzelsilbe  synkopiert,  ohne  umlaut  zu  be- 
wirken, also  Wcnöa.  Dagegen  wurde  später  durch  den  jüngeren 
^■-umlaut  der  nom.  acc.  pl.  '"^WeniÖR  zu  ^WiniÖR.  Da  nun  der 
Völkername  Eistr  'Esten',  der  auch  ein  conson antischer  stamm 
ist,  gen.  Eista  :  nom.  acc.  EistR  flectiert  wurde,  so  veränderte 
sich  die  flexion  gen.  Wenöa  :  nom.  acc.  ^WmiäR  zu  gen.  VenÖa  : 
nom.  acc.  Vhidr  (später  bekam  der  gen.  Vinlm  sein  i  von  Vinpr). 
In  ähnlicher  weise  gieng  auch  der  vocal  der  ableitungssilbe 
z.  b.  im  pl.  elptr  'schwane'  (^alM[{\R,  vgl.  ahd.  alhi^)  verloren. 

Hier  mögen  noch  ein  paar  Wörter  erwähnt  werden,  obgleich 
es  zweifelhaft  ist,  ob  sie  hierher  gehören.  Indoeur.  urgerm.  ""esi 
'bist'  heisst  isl.  es,  das  im  Island,  als  3.sg.  fungiert.  Dem  urgerm. 
"^medi  (vgl.  gwfikxä,-)  ahd.wvY/)  entspricht  isl.  me})  'mit'.  Falls 


1)  Vgl.  auch  Kock,  W.  5, 158.  162  f.  betreffs  der  entwicklmig  *Meiviöd 
>•  hlepa,  *sewiÖö  >  sepa,  sowie  betreffs  der  praet.-form  JiUpu  \mä  des 
part.  sepa. 

")  Die  beurteilung  bieivou  stellt  im  Zusammenhang  mit  der  schwer 
zu  lüseuden  und  viel  umstrittenen  frage,  ob  indoeur.  vocale  im  absoluten 
auslaut  in  urgerm.  zeit  verloren  giengen  oder  nicht;  vgl.  über  diesen 
gegenständ  z.b.  Sievers,  Beitr.  5,  119  ff.  Paul,  ebda.  G,  121  ff.  170.  van  Helfen, 
ebda.  14,  282  f.  17,  567  f.  (vgl.  auch  IF.  7,  339  ff.).  Bremer,  Zs.  fdph.  22, 249. 
Jahrb.  d.  ver.  f.  niederd.  spracht.  16, 163.  Jellinek,  Germ,  flexion  s.  17.  Hirt, 
IF.  6,  72.  Streitberg,  Urgerm.  gr.  §  170.  Brugmanu,  Gruudr.  1,  §  659,  anm.  u. 
1^  §  1029.  Walde,  Die  germ.  auslautgesetze  §  110  (vgl.  auch  IF.  12, 372  ff.). 
So  weit  ich  sehe,  ist  diese  auslautsfrage  noch  ungelöst. 


DER   I-UMLAUT    VON   E  IM   ALTN.  175 

indoeur.  urgerm.  -e,  -i  im  absoluten  auslaut  mindestens  kurz- 
silbiger  zweisilbler  noch  urnordiscli  erhalten  blieb,  so  wurden 
urnord.  "^esi,  *medi  lautgesetzlich  zu  isl.  es,  mej).  Es  ist  aber 
auch  möglich,  dass  es,  me])  schon  im  urgerm.  einsilbig  wui'den. 
(Der  Wechsel  anorw.  meJc,  peli,  seh  neben  isl.  anorw.  mik,  J)il; 
sili  dürfte  auf  jeden  fall  anders  aufzufassen  sein.)  Die  be- 
urteilung  des  e-lautes  in  es,  meJ)  hat  aber  natürlich  in  keiner 
weise  irgend  welchen  entscheidenden  einfluss  auf  die  hier  von 
mir  dargestellte  theorie  über  den  /-umlaut  des  kurzen  e. 

III.  Während  der  Jüngeren  i-umlautsperiode  wurde  der 
umlaut  durch  einen  noch  immer  in  der  endung  erhaltenen 
i-  oder  *-laut  bewirkt,  und  der  jüngere  «-umlaut  wurde  sowol 
in  kurzsilbigen  wie  in  langsilbigen  Wörtern  durchgeführt. 

Beispiele  für  kurzsilbige  Wörter:  hipül  (vgl.  part.  hepinn 
zu  hipia),  himinn,  aschw.  himil  ( :  alts.  Jiedan,  ags.  heofon),  isl. 
Pilir  (völkername,  vgl.  Pelamgrl:),  aschw.  ihl  'eiszacken'  (:  isl. 
iohull,  iaM),  isl.  dat.  sg.  tigi,  nom.  pl.  tigir  ( :  nom.  sg.  tegr,  tigr, 
aschw.  tiugher),  dat.  Jäli,  nom.  pl,  küir  ( :  nom.  sg.  kiolr),  adän. 
Filing  (vgl.  aschw.  Fikmgxhedhe  Svenskt  dipl,  2,  21,  FiwlmigJis- 
stadha  ebda.  5, 403  und  isl.  Fiolvarr,  Lundgren,  Fornsvenska 
personnamn  pä-m^r  och- ung  s.  13).  Da  isl.  vmr 'freund',  alts. 
tvini  mit  dem  lat.  Venus  'Schönheit'  zusammenzubringen  sein 
dürfte  (vgl.  Noreen,  Ark.  n.  f.  2,  308),  so  gehört  auch  der  pl. 
vinir  hierher.  ^ 

Beispiele  für  langsilbige  Wörter:  fipri  n.  {-.fiopr),  snilli  t 
snillmgr  ( :  sniallr),  milti  n.  ( :  aschw.  mialte),  virli  n.  ( :  verJi) 
-vipri  n.  ( :  vepr\  gildi  n.  (  :  gialda),  hilpir  ( :  kiolp),  spillir, 
Spilling  ( :  sjnaU),  hilmir  ( :  hialmr),  aschw.  Birghir,  isl.  Birgingr 
(  :  biorg),    filling    'feil  von  jungen   ziegen'    (  :  feil),    Skilßngr 


1)  In  Übereinstimmung  mit  dieser  auftassnng  erkläre  ich  den  namen 
Vingolf.  Es  heisst  in  der  Snorra  Edda  (ed.  Finnur  Jonsson  s.  19):  Annan 
sal  gerpu  ßeir;  pat  var  hi^rgr,  er  gypiurnar  ättu,  oh  var  Jiami  allfagrt 
hüs;  hann  icalla  vienn  Vingolf.  Die  etymologie  des  Wortes  Vingolf  ist  bis 
jetzt  dunkel  gewesen.  Dass  es  kurzen  Maut  in  der  ersten  silbe  hatte,  ist 
aber  unzweifelhaft  (vgl.  Finnur  Jönsson,  Ark.  n.  f.  2,  280  ff.).  Das  erste 
compositionsglied  Vin-  hat,  meiner  meinung  nach,  hier  die  bedeutung 
'schön'  beibehalten;  vgl.  teils  lat.  Venus  'Schönheit'  und  isl.  vcmn  'schön' 
(mit  anderer  ablautstufe),  teils  den  ausdruck  allfagrt  hits.  Vingolf  h^- 
deutet  also  'der  schöne  saal'. 


176  KOCK 

(  :  sMdlf)j  livijdingr  ( :  Jivejjo),  hvirfiU  ( :  Jwerfa),  ascliw.  Wirmü- 
sliogher  ( :  isl.  Vermaland),  nimne  *nmmi  'verstand'  ( :  isl. 
nemo)  etc.; 

isl.  sitia  (  :  setimi),  liggia  (  :  leginn),  gilia  (vgl.  ascliw. 
gkülsJccqyer,  giolslrqjer  'imziichV),  si'fiar  \}\.,  sifiungr  {:  sefi  'ver- 
wanter'),  pl.  n/piar  (sg.  m'pr  'verwanter'  :  nefi,  lat.  nepos), 
Jrilia  'diele'  (vgl.  das  flmiisclie  lelinwort  teljo)  etc. 

Wie  bereits  erwähnt,  haben  die  Inschriften  von  Veblungs- 
n?es  und  Bj  (beide  ums  jähr  650)  eirilap,  die  Inschriften  von 
Kragelml,  Lindholmen  und  Varnum  (welche  älter  sind)  dagegen 
erilaR.  Die  Schreibung  eirilan  ist  vielleicht  so  aufzufassen  (vgl. 
Bugge,  Ark.  n.  f .  4,  9),  dass  die  palatalität  des  e-lautes  in  spät- 
urnord.  zeit  durch  einen  in  der  folgenden  silbe  befindlichen 
und  noch  in  den  literatursprachen  vorhandenen  ?-laut  wenig- 
stens dialektisch  in  gewissem  masse  vermehrt  wurde,  ohne  dass 
jedoch  der  e-laut  der  Wurzelsilbe  in  dieser  Stellung  in  i  über- 
gegangen wäre. 

In  verschiedenen  Wörtern  ist  in  gewissen  formen  der  ältere, 
in  andern  der  jüngere  umlaut  eingetreten.  Dies  ist  z.  b.  in 
einem  fem.  /-stamm  wie  gi2^t  'gäbe'  der  fall.  Dasselbe  wurde 
in  urnord.  zeit  flectiert  sg.  nom.  *geftiR,  acc.  '^gefk)  pl.  nom. 
*geftJii,  acc.  ''"gcftniR  (später  durch  analogiebildung  ^geffu).  Im 
nom.  acc.  sg.  trat  der  ältere  umlaut  ein  (gipt),  im  nom.  acc.  pl. 
der  jüngere  {giptir).  Ebenso  verhält  es  sich  mit  nij^t  'ver- 
wantin'  (vgl.  lat.  neptis),  -sipt  'verwantschaft'  (enthalten  in 
Icarlsipt,  livennsipt,  vgl.  sefi)^  vist  'auf enthalt'  (vgl.  vesa,  vera). 
Feminina  wie  z.  b.  dirf])  'keckheit',  denen  got.  Wörter  auf -?^rt 
entsprechen  (vgl.  got.  mildißa  etc.)  erhielten  auch  in  gCAvissen 
casus  älteren,  in  andern  jüngeren  /-umlaut.  Man  flectierte 
z.  b.  sg.  nom.  *derdijm,  ^derhiÖu  :  gen.  "^derdiJwR,  *derdiööJi.  Der 
nom,  *derdi]ju,  *derdiJu  wurde  durch  den  jüngeren  /-umlaut  zu 
*dirdid;  der  gen.  *dcrd-i])ön,  ^derlJidoR  dagegen  durch  den  älteren 
i-umlaut  zu  *dirddfaii.  Später  gieng  auf  dem  wege  der  analogie 
(vgl.  *dirdäait)  der  /-laut  der  ultima  von  *dirdiff  verloren  und 
man  erhielt  dirfp  :  gen.  dirfJmR.  In  virl-J),  virld  ( :  verlx),  birgj) 
( :  hiarga),  girnd  ( :  giani),  snüd  ( :  sniallr),  vild  ist  die  entwick- 
lung  eine  ganz  ähnliche  gewesen. 

Isl.  niß-  'nebel'  kommt  nur  als  erstes  glied  von  compositis 


DER   I-UMLAUT   VON   E  IM   ALTN.  177 

vor:  Niflhcimr,  Niflhcl,  niflfarlnn,  niflvegr.  Ihm  entspreclien 
alid.  nebul,  alts.  nedal;  der  2-laiit  in  isl.  nifl-  lehrt  uns  jedoch, 
dass  seine  ältere  form  ""nebil-  gewesen  ist.  Beitr.  18, 422  habe 
ich  gezeigt,  dass  adän.  namen  wie  Regnüd,  Ilegnhurgh,  Begn- 
frith  etc.  lautgesetzlich  aus  *Ra^ina-heldiR  etc.  entwickelt  sein 
können.  Dieses  ^Ea^ina-Jicldin  wurde  nämlich  durch  den  Ver- 
lust des  'compositionsvocals'  und  des  ultima vocals  in  ^-heldtR 
zu  *Bagin-hildR,  und  später  dann  durch  den  jüngeren  i-umlaut 
zu  "^Be^inüd^R).  Erst  darnach  wurde  der  Maut  der  zweiten 
silbe  in  *Beginild  >  Begnild  synkopiert.  Die  entwicklung  von 
*nebila-liahnaR  >  *nedil-hahnaR  >  ^nidil-hemiR  >  NifJ-heimr 
kann  ganz  analog  gewesen  sein.  Doch  ist  es  ungewis,  ob  das 
i  der  zweiten  silbe  von  isl.  ^nibil-heimR  (Niflheum-)  lautgesetz- 
lich verloren  gegangen  ist  oder  in  folge  der  einwirkung  eines 
vormals  angewanten  simplex  *mfl.  Bei  der  flexion  '*nidiU  : 
pl.  "^nidlaR  (lautgesetzlich  "^neblaR)  wurde  nämlich  leicht  ein 
sg,  "^nihl,  *mfl  neugebildet. 

Wie  bekannt,  ist  der  umlaut  gutturaler  vocale  oft  auf  dem 
wege  der  aualogie  in  formen  eingedrungen,  wo  er  lautgesetz- 
.lich  nicht  berechtigt  ist.  So  heisst  es  z.  b.  von  ferill  im  pl. 
ferlar  statt  lautgesetzlichem  *farlar  (<  "^farilüR).  In  ähnlicher 
weise  hat  sich  bisweilen  das  durch  ^-umlaut  entstandene  i  auf 
dem  wege  der  aualogie  verbreitet.  So  hätte  z.  b.  die  laut- 
gesetzliche  flexion  von  hijyill  heissen  sollen:  nom.  sg.  hipill 
(<  '^beöilaR)  :  nom.  pl.  %ej)lar  (<  %eöiloR),.  aber  das  i  ist  vom 
sg.  in  den  pl.  biliar  eingedrungen.  Im  späten  ascliw.  hat  bipU 
einmal  im  dat.  pl.  bedhlom  Lg.  III,  aber  der  e-laut  dieser  form 
ist  jung.  Das  subst.  bidhü  wurde  im  späten  aschw.  lautgesetz- 
lich zu  bedhil  durch  die  entwicklung  von  i  zu  e  in  offener 
silbe  (Kock,  Fornsv,  Ijudl.  2,  454  ff.),  und  aus  dem  sg.  bedhil  hat 
der  dat.  pl.  bedhlom  sein  e  erhalten.  Wie  bipül  :  bijjlar  ist 
auch  himinn  :  himnar,  aschw.  liimil :  himlar  zu  erklären.  Isl. 
sigl)r  'sicher  hat  einmal  flectiert:  nom.  sg,  *sesiäaR  :  nom.  pl. 
"^'se^iööR,  später  nom.  sg.  *sisi^R  (durch  jüngeren  umlaut)  :  nom. 
pl.  *sesdaR.  Von  *si^icfR  wurde  der  /-laut  auf  *sc^^aR,  sigjjar 
übertragen,  wonach  dann  wider  der  nom.  sg.  sigj)r  gebildet 
wurde;  vgl.  den  Ursprung  von  iarl,  Jcarl  etc. 

Die  lautgesetzlichen  formen  von  verben  des  typus  ascliw. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVll.  \2 


178  KOCK 

Jcrcefia  sollten  bekanntlich  lauten  inf.  Jcrcefia  :  praet.  krafpe  : 
part,  Jcr(BiviJ)er,  in  sj'nkopierten  casus  (nom.  pl.  etc.)  krafpir 
etc.  Bisweilen  begegnen  uns  jedoch  im  aschw.  formen  des 
praet.  und  der  synkopierten  casus  des  part.  pass.,  in  welche 
der  umgelautete  vocal  auf  dem  wege  der  analogie  eingedrungen 
ist,  z.  b.  praet.  hwffdhe  (vgl.  z.  b.  Kock,  Beitr.  18, 443).  Auch 
in  Jüngern  isl.  hss.  finden  sich  beispiele  solcher  formen. 

Das  verbum  skilia  hätte  lautgesetzlich  im  isl.  sküia  :  praet. 
*skeipa  :  part.  pass.  skilij^r,  und  in  den  sj^nkopierten  casus 
(nöm.  pl.  etc.)  *skelpir  etc.  flectiert  werden  müssen.  Da  nun 
das  praet.  skil])a  und  die  synkopierten  casus  des  part.  pass. 
skiljjir  etc.  heissen,  so  ist  der  «"-laut  vom  inf.  skilia  etc.  und 
vom  part.  skilipr  her  eingedrungen;  vgl.  den  Vorgang  bei  dem 
aschw.  praet.  krmffähe.  In  derselben  weise  lassen  sich  isl. 
])ilia  'mit  bretterbekleidung  versehen"  :  praet.  pillja  :  part. 
])ili])r  erklären.  Diese  auffassung  des  i-lautes  in  den  praett. 
skü])a,  ])ilj)a  wird  durch  das  praet.  vilda  (zu  vilia)  bestätigt. 
Da  das  got.  tvilda  keinen  vocal  zwischen  dem  l  und  d  hat,  und 
das  älteste  isländisch  (z.  b.  das  Stockholmer  Homilienbuch)  vilda 
mit  Id  (nicht  IJ)  wie  im  praet.  skiljja  [<  ^skeliäö]  verwendet), 
so  ist  in  urnord.  zeit  auch  kein  «-laut  zwischen  dem  l  und  d 
von  vilda  verloren  gegangen.  Dessen  wurzelvocal  i  muss 
also  vom  inf.  vilia  etc.  (vgl.  lat.  velim  mit  e)  entlehnt  worden 
sein,  wo  er  lautgesetzlich  ist.  In  ebensolcher  weise  haben  die 
praett.  skilpa,  piljja  ihren  wurzelvocal  entlehnt. 

Warum  aber  sind  in  den  nord.  sprachen  die  praett.  skilpa 
und  ]jilj)a  die  einzigen  gebräuchlichen  formen,  während  die 
praet.-formen  des  typus  kneffdlie  im  ältesten  isländischen  noch 
gar  nicht,  in  etwas  späteren  isl.  hss.  nur  selten  und  im  aschw. 
nicht  eben  häufig  vorkommen?  Die  frage  ist  leicht  zu  beant- 
worten. Die  Ursache  ist  die,  dass  die  spräche  eben  nur  die 
beiden  verben  skilia  und  pilia  von  diesem  tj^pus  besass,  dass 
dagegen  eine  grosse  menge  von  verben  wie  krefia  :  kraf^a, 
velia  :  valjja,  dvelia  :  dvalpa  etc.  flectiert  wurden.  Man  empfand 
darum  den  Wechsel  von  e  :  a  im  inf.  krefia  :  praet.  krafpa  als 
etwas  für  die  flexion  des  wortes  notwendiges,  während  der 
äusserst  seltene  Wechsel  von  i :  c  in  skilia  :  *skeljja,  pilia  : 
"pelpa  als  etwas  abnormes  aufgefasst  und  darum  auf  dem  wege 
der  analogie  entfernt  wurde. 


DER  jr-UMLAUT    VON    E  IM   AIVrN.  179 

Verben  vom  typiis  rerpa  :  varj)  :  orjmtn  haben  im  isl.  in 
Übereinstimmung-  mit  der  vocalisation  im  inf.  und  in  der  1. 
und  3.  person  pl.  den  vocal  e  im  praes.  sg.  {vcrpr  etc.).  Schon 
mit  der  alten  auffassung  des  umlauts  von  e  erklärte  man  das  e 
in  verpr  (statt  *virpr)  etc.  als  auf  dem  wege  der  analogie  von 
ver])a,  verpiim  eingeführt,  und  diese  aufassung  ist  richtig.  Da 
das  aschw.  —  im  gegensatz  zu  isl.  hresta,  hregPa  (bei  Gul^l'ormr 
Sindri  jedoch  einmal  salbrigpandi,  s.  Finnur  Jonsson,  Det  norsk- 
isl.  skjaldesprog  s.  91),  sleppa,  spretta  mit  praes.  hrestr,  hregpr, 
sleppr,  sprettr  —  die  formen  hrisfa  (neben  hrcesta),  hrighpa, 
slippa  (neben  slceppa)  und  das  neuschw.  spritta  anwendet,  so 
meint  Brate,  Äldre  Vestmannalagens  Ijudlära  s.  17,  dass  der 
i-laut  in  hrista,  hrighjM  und  möglicherweise  auch  in  slippa, 
spritta  von  den  lautgesetzlichen  praes.-formen  hrister  (<  %restiR) 
etc.  herrühre,  wie  er  auch  denselben  Ursprung  für  das  i  in  den 
kurzsilblern  aschw.  gin-a,  gita,  nima  annimmt.  Zu  einer  zeit, 
wo  auch  ich  der  ansieht  war,  der  i-umlaut  des  e  sei  urgerm., 
suchte  ich  im  gegensatz  zu  jener  annähme  Brätes  den  ?-laut 
in  aschw.  hrista  etc.  durch  analogieeinwirkung  von  selten  der 
grossen  menge  von  verben  des  typus  finna  zu  erklären.  Da 
man  flectierte  funno  :  fan  :  finna;  spimno  :  span  :  spinna  etc., 
so  wurde  bei  der  flexion  hrusto  :  hrast :  hrcesta  etc.  die  form 
hrcesta  (hrccster)  zu  hrista  {hrister)  etc.  umgebildet  (Ark.  n.  f. 
2, 18).  Da  wir  aber  jetzt  eingesehen  haben,  dass  der  «-umlaut 
von  e  nicht  urgerm,  ist,  sondern  aus  einer  weit  jüngeren  zeit 
herrührt,  so  ist  es  wahrscheinlich,  dass  aschw.  hrista  etc.  teil- 
weise den  lautgesetzlichen  i-laut  im  praes.  sg.  ^hristn  etc.  be- 
wahrt haben;  zu  seiner  Verbreitung  aber  hat  die  einwirkung 
der  verba  von  dem  oben  hervorgehobenen  typus  funno  :  fan  : 
finna  besonders  kräftig  beigetragen. 

Den  e-  (ce-)  laut  in  isl.  verri,  verstr,  aschw.  vcerre,  vcerster 
erkläre  ich  auf  folgende  weise.  Streng  lautgesetzlich  hätten 
diese  formen  i-laut  haben  sollen,  Urnord.  *wermm,  *tvermstaR 
(vgl,  s.  169)  waren  nämlich  langsilbler,  und  hätten  in  allen 
formen  lautgesetzlich  umlaut  bekommen  sollen.  Die  entwick- 
lung  wurde  aber  durch  analogieeinwirkung  gestört.  Bei  der 
flexion  nom,  sg,  "^werRistan  :  nom.  pl,  *wermsteR  entAvickelte  sich 
der  pl,  *tverRistCfi  etc,  durch  den  älteren  umlaut  zu  ^tvimsteR 
etc.,  während  der  e-laut  im  sg.  *iveriiist{a)ii  vorläufig  unver- 

12* 


180  KOCK 

ändert  stehen  blieb.  Bei  der  flexion  ^icermstR  :  pl.  HvlrsteR 
wurde  später  der  e-laut  von  der  ersteren  form  auf  die  letztere 
übertragen,  so  dass  man  einen  pl.  HversteR  erhielt,  und  nach 
dem  pl.  *tversteR,  verstir  wurde  der  sg.  verstr  (statt  des  laut- 
gesetzlichen *ivirRistR,  welches  durch  den  jüngeren  /-umlaut 
aus  *tverRistR  entstanden  war)  gebildet.  Der  yocal  e  wurde 
aus  dem  Superlativ  auf  den  comparativ  (verri)  übertragen. 
Eine  sehr  gute  parallele  hierzu  hat  man  in  dem  comparativ 
hatri  [neben  hetri],  superl.  hastr  [neben  he^fr].  Lautgesetzlich 
sollte  man  (in  folge  des  ^Ä-umlauts)  im  compar.  nur  hetri,  im 
superl.  sg.  *hetistr,  im  pl.  ha^tir  erwarten  (Kock,  Ark.  n.  f. 
4, 257  f.).  Nach  dem  pl.  ba^tir  wurde  aber  der  sg.  ha^tr  ge- 
bildet, und  aus  dem  Superlativ  das  a  in  den  comparativ  ein- 
geführt, so  dass  man  hatri  erhielt. 

Die  vocalisation  von  verri,  verstr  bildet  eine  kräftige  stütze 
für  meine  annähme  zweier  getrennter  perioden  der  entwicklung 
von  e  zu  i  vor  /,  denn  nimmt  man  nur  eine  umlautsperiode 
an,  so  wird  der  e-laut  in  diesen  formen  ganz  unerklärlich. 

Neben  isl.  iarl  findet  sich  der  name  Erlingr.  Gewöhnlich 
dürfte  das  Verhältnis  dieser  beiden  formen  zu  einander  so  auf- 
gefasst  werden,  dass  *Iarlingr  durch  /-umlaut  zu  *Ierlingr, 
Erlingr  geworden  sei.  Ich  habe  jedoch  Fornsv.  Ijudl.  1,  50, 
anm.  2.  227  ff.  Alt-  und  neuschw.  acc.  s.  225.  Beitr.  18, 459  und 
an  anderen  orten  gezeigt,  dass  Wörter  auf  -ing,  -ang,  -ung  in 
der  alten  spräche  auf  diesen  silben  facultativ  fortis  hatten,  und 
dass  bei  dieser  accentuierung  weder  bei  gutturalen  vocalen 
der  i- umlaut  eintrat  (aschw.  im{n)ninger  neben  pmminger), 
noch  bei  u  der  a-umlaut  (isl.  liundng  'honig'),  noch  der  i(-um- 
laut.  In  Übereinstimmung  hiermit  erkläre  ich  Erlingr  statt 
des  zu  erwartenden  *lrlingr  daraus,  dass  der  fortis  auf  der 
zweiten  silbe  lag  oder  doch  liegen  konnte  (''ErUngaR).  Im 
isl.  hertingr  :  hirtingr  'lucido  colore'  (vgl.  hiartr)  findet  sich 
dieser  Wechsel  wider;  hertingr  hat  ursprünglich  auf  der  zweiten, 
hirtingr  auf  der  ersten  silbe  den  fortis  gehabt. 

Im  Ark.  n.  f.  4, 256  ff.  habe  ich  gelegenheit  gehabt  zu 
zeigen,  dass  in  einem  genau  begrenzten  falle  der  /-umlaut 
auch  in  kurzsilblern  eingetreten  ist,  welche  den  i-laut  nach 
der  Wurzelsilbe  verloren  haben.     Dies  ist   nämlich  der  fall, 


DER   I-UMLAUT   VON    E  IM   ALTN.  181 

wenn  auf  die  kurze  silbe  die  lautverbind ung  -in-  folgte;  dann 
haben  i  und  r  im  verein  den  umlaut  bewirkt,  so  z.  b.  im  praes. 
sg.  *JwmiR  >  Icom'R  >  Jcemr  (zu  Jioma)]  ^fariR  >  *far^R  >  ferr 
(zu  fara),  pl.  ^hnotiR  >  *hnot'R  >  /m^/r  (zu  /?Mo#j.  Dieser  um- 
laut ist  nach  dem  verlust  des  i  in  kurzsilblern  wie  *taMö  > 
talj)a  eingetreten,  und  dürfte  gleichzeitig  oder  doch  ungefähr 
gleiclizeitig  mit  dem  jüngeren  /-umlaut  durchgeführt  worden 
sein.  Ich  habe  diese  erscheinung  ^■Ä-umlaut  genannt.  Diese 
meine  ansieht  scheint  nunmehr  von  den  meisten  forschern  an- 
genommen zu  sein. 

Da  wir  gefimden  haben,  dass  der  ?- umlaut  des  e  in  den 
vorhistorischen  nord.  sprachen  während  zweier  getrennter 
Perioden  eingetreten  war,  wie  das  auch  mit  dem  i-umlaut  der 
gutturalen  vocale  der  fall  ist,  so  liegt  die  Vermutung  nahe, 
dass  der  /ß-umlaut  auf  den  vocal  c  ebenso  eingewirkt  habe, 
wie  auf  die  gutturalen  vocale. 

Doch  gibt  es  der  fälle,  in  denen  man  mit  gewisheit  einen 
//f-umlaut  von  e  constatieren  kann,  nur  wenige,  und  das  be- 
ruht darauf,  dass  mit  ausnähme  der  2.  und  3.  person  sg.  praes. 
gewisser  starker  verba  nur  äusserst  w^enige  Wörter  zu  finden 
sind,  in  denen  der  ^ä- umlaut  des  c  lautgesetzlich  einzu- 
treten hatte. 

Ein  derartiges  wort  ist  aber  sigr  'sieg'.  Das  skr.  saJias 
und  die  bei  Tacitus  aufgezeichneten  germ.  namen  Segimerus, 
Seginnmdus,  Segestes  zeigen,  dass  sigr  ein  05/e5-stamm  mit  indo- 
eur.  e  in  der  Wurzelsilbe  gewesen  ist.  In  urnord.  zeit  hat  das 
wort  *segiR  geheissen,  woraus  dann  durch  «^-umlaut  sigr  ent- 
stand. Der  nom.  sg.  urnord.  HveniR  (vgl.  oben  s.  175)  ist  in 
derselben  weise  zu  isl.  vinr  'freund'  ebenso  wie  ^peiviR  (vgl. 
got.  ])kvi)  zu  isl.  piR  '  Sklavin '1)  geworden. 

Ausserdem  liegt  ?/f-umlaut  in  der  2.  und  3.  pers.  sg.  praes. 
gewisser  verba  vor.  Dies  ist  der  fall  in  isl.  hipr,  altschw.  hiper 
(<  urnord.  %eÖiR\  zu  hipia),  isl.  sitr,  aschw.  siter  (<  urnord. 
■"^§e^?■/^;  zu  sitia),  isl.  liggr,  aschw.  liglier,  ligger  (<  urnord.  *le^iR] 
zu  liggia),  isl.  piggr,  diSohw . pigger  (<  urnord.  *pe^iR;  znpiggia), 
isl.  sJcilr  :  aschw.  skil  (<  urnord.  *sJieliR;  zu  sUlia),  also  in 
praesensformen  von  verbis,   die  auch  im  inf.  und  in  der  3.  pl. 


•)  Vgl.  z.  t.  Kock,  IF.  5, 154. 


1 82  KOCK 

praes.  i  in  der  Wurzelsilbe  haben.  Obwol  die  2. 3.  pers.  sg.  praes. 
von  Jnlia,  so  viel  ich  weiss,  in  der  alten  spräche  nicht  nach- 
gewiesen sind,  so  hatten  doch  auch  diese  formen  natürlich  i 
in  der  Wurzelsilbe. 

Kurzsilbige  starke  verba  mit  e  als  wurzelvocal  im  inf. 
und  der  3.  pl.  praes.  (bera,  efa  etc.)  haben  dagegen  im  isl. 
immer  und  im  aschw.  unbedingt  am  häufigsten  den  wurzel- 
vocal e  (ce)  auch  in  der  2.  und  3.  pers.  sg.  praes.  (isl.  bcrr,  etr 
etc.,  aschw.  beer,  ceter  etc.).  Forscher,  die  den  /-umlaut  des  e 
für  urgerm.  halten,  erklären  das  e  (ce)  in  berr,  beer  etc.  als 
auf  dem  wege  der  analogie  von  bcra  (bcpra)  etc.  her  eingeführt. 
Diese  erklärung  ist  richtig,  und  eine  ähnliche  analogieeinwir- 
kung  hat  sich  bei  den  langsilbigen  verbis  (isl.  verpr  etc.  s. 
s.  179)  geltend  gemacht.  Hiermit  lässt  sich  vergleichen,  dass 
im  aschw.  die  lautgesetzlich  umgelauteten  vocale  m  (e),  e  etc. 
(im  praes.  sg.  isl.  ferr,  Icemr  etc.)  meistens  auf  dem  wege  der 
analogie  durch  a,  o  (aschw.  far,  A'omber  etc.)  ersetzt  worden 
sind,  vocale,  die  aus  den  übrigen  formen  des  verbums  ein- 
gedrungen sind.  Das  aschw.  hat  aber  den  wurzelvocal  i  in 
den  verbis  gnva,  praes.  gnver  (neben  gcewa,  praes.  gmver\  gita, 
praes.  giter  (neben  gceta,  praes.  gceter),  nima  (im  Skänegesetz  inf. 
nmmce,  aber  praes.  sg.  nnnber);  vgl.  isl.  gefa,  geta,  nema  (vgl. 
oben  s.  179).  Da  die  obige  Untersuchung  gezeigt  hat,  dass  die 
lautgesetzliche  entwicklung  von  e  zu  i  in  der  2.  3.  sg.  praes. 
nicht  urgerm.,  sondern  weit  jünger,  und  zwar  durch  den  nord. 
?Ä- Umlaut  entstanden  ist,  so  darf  man  annehmen,  dass  der 
i-laut  in  aschw.  ghca,  gita,  nima  teilweise  von  den  dui'ch  ir. 
umgelauteten  praesensformen  giiver,  gitcr,  niniber  ausgegangen 
ist;  zu  seiner  Übertragung  auf  andere  formen  der  verba  haben 
jedoch  die  von  mir  im  Ark.  n.f.  2, 18  f.  angeführten  umstände 
kräftig  beigetragen.  Auch  im  praes.  sg.  aschw.  slr  'sieht'  (ur- 
nord.  *.seh)iR  mit  dem  einheitlichen  laut  h  wie  im  got. 
saihan)  liegt  /^-Umlaut  vor  oder  kann  er  doch  vorliegen.  Da 
aber  aschw.  sea  dialektisch  zu  sia  (Kock,  Ark.  n.  f.  1,  382  f.)  ge- 
worden ist,  so  kann  der  «-laut  in  str  wenigstens  zum  teil  auch 
von  sia  übertragen  worden  sein. 

Hier  möge  eine  bemerkung  über  die  flexion  der  verba 
Imyia  'schlagen'  und  gnyia  'tosen'  platz  finden.  Man  flectierte 
im  isl.  inf.  hiyia,  praet.  lnil)a  (neben  Inypa,  Jcnupa),  part.  htipr 


DER    I-UMLAUT   VON    E  TM   ALTN.  183 

(neben  hiy{i)])r,  lmü{i)pr)  und  inf.  gnyia,  praet.  in  einer  lis. 
der  Heimskr.  1,  112  (ed.  Finnur  Jönsson)  gni]iu  (neben  der  ge- 
wöhnlicheren gnüjM,  gnyjjo);  vgl.  besonders  Finnur  Jonsson,  Det 
norsk-isl.  skjaldesprog  s.  107.  In  vorgeschichtlicher  zeit  hat  der 
inf.  von  hmjia  ^hicuian  geheissen  (vgl.  Sievers,  Beitr.  15, 402), 
praes.  sg.  '^hietviR,  praet.  "^hieivWö,  part.  nom.  sg.  *hieividaR, 
nom.  pl.  ■'"htcivideR.  Hieraus  entstanden  lautgesetzlich  inf.  Inyia, 
praes.  sg.  (durch  den  //J-umlaut)  *knhüR,  *kmR,  praet.  "'hieda, 
part.  nom.  sg.  VcnnvidR,  nom.  pl.  H-neivdiR,  HmediR.  Bisweilen 
finden  sich  in  der  literatursprache  formen  wie  kkeß  (<  "^Iiefit 
zu  Jcefia  :  praet.  Jcafjta),  wo  der  /-laut  der  zweiten  silbe  durch 
den  einfluss  des  nom.  pl.  Jcafpir  etc.  verloren  gegangen  ist 
(vgl.  Kock,  Beitr.  18,  433).  Ebenso  ist  auch  der  vocal  der 
zweiten  silbe  in  VmhvidR  durch  den  einfluss  der  synkopierten 
formen  HmewÖiR  etc.  verloren  gegangen,  so  dass  man  VcniivÖR 
>  liniin-  bekam.  Aus  dem  part.  hiilyr  und  dem  praes.  '"^hnlÖR 
i^hiipr)  ist  t  bisweilen  auf  das  praet.  (knijja)  übertragen 
worden.  Die  formen  hiylm  :  hiy{i)lir,  Imüjm  :  l-nü{i)J)r  sind 
natürlich  neuschöpfungen  zu  dem  praes.  Jmyia  (vgl.  Sievers 
a.  a.  0.  Kock  a.  a.  o.  s.  434).  Das  praet.  gnipa  ist  in  derselben 
weise  wie  hiipa  zu  erklären.  Nach  Jmyia  :  knyjm,  hmpa  hat 
jedoch  gnyia  :  gnyj)a  auch  auf  dem  wege  der  analogie  bisweilen 
die  form  gnijja  neu  bilden  können;  die  bedeutungen  der  beiden 
verba  berühren  sich  nämlich  z.  t.;  vgl.  gnyia  d  'trsenge  ind  paa 
om  saadanne  ting,  af  hvilke  man  ser  sig  forul?empet  eller 
besvferet'  (Fritzner '^). 

Die  isl.  Wörter  r0lc{h)r  n.  'dunkel'  (auch  ragna  reh)  und 
setr  n.  'sitz'  sind  gleichwie  sigr  o.9/e,s- stamme;  vgl.  teils  got. 
rirps,  gr.  EQfßog,  skr.  rajas,  teils  gr.  töog,  skr.  sddas  (Kluge, 
Nom.  Stammbildungslehre  §  145).  Das  isl.  rekih))'  hat  sich  aus 
einem  urnord.  ""reh' an  entwickelt.  Es  ist  ungeAvis,  ob  setr  in 
urnord.  zeit  *setaR  (von  dem  aus  man  isl.  *siatr  erAvartet)  oder 
*setin  (von  dem  aus  man  isl.  *sitr  erwartet)  geheissen  hat.  Der 
e-laut  in  setr  ist  von  den  verwanten  Wörtern  sef,  setliüs,  set- 
berg,  -seti  (in  hepseti,  dröttseti,  hdseti)  etc.  entlehnt  Avorden. 

Ich  füge  einige  bemerkungen  über  folgende  Avörter  hinzu, 
in  welchen  man  ohne  g-rund  /-umlaut  von  e  hat  sehen  Avollen, 
oder  doch  vielleicht  gern  zu  sehen  geneigt  sein  dürfte. 


184  KOCK 

In  der  Ascliw.  gramm.  s.  153  nimmt  Xoreen  die  namen 
Vir])ar  :  Vcercend  mit  als  beispiele  für  Wörter  mit  germ.  i- Um- 
laut des  e  auf,  jedoch  ohne  grund.  Der  name  der  landschaft 
Yärend  heisst  im  Cod.  bildst.  Ywmnd,  in  latinisierter  form  im 
Dipl.  1. 461  W(erandia,  in  VGL.  4  Warnend,  im  isl.  Vernd  und 
Verund.  Die  be wohner  der  landschaft  heissen  Virjjar  (gen. 
Uirpa,  dat.  Uirjmm  SML.  Add.  1,  7);  vgl.  Rydqvist  2, 268.  Bugge, 
Norsk  sagafort^lling  og  sagaskrivning  i  Irland  s.  154.  Värend 
hat  im  neuschw.  die  acc.  1  mit  levissimus  auf  der  ultima. 
Gleichwie  nun  aschw.  Jmsand  mit  der  acc.  1  und  levissimus 
auf  der  ultima  zu  Jmscend,  neuschw.  tusen  mit  ce,  e  in  der 
ultima  geworden  ist  (Kock,  Alt-  und  neuschw.  accent.  §  162), 
so  ist  Vcerand  mit  derselben  accentuierung  zu  Vrermid,  Värend 
geworden.  Die  form  Vcerand  mit  a  in  der  ultima  ist  also  alt. 
Virpar  hat  indoeur,  i,  das  in  '^Wirand-  >  Vcerand  durch  den 
o-umlaut  lautgesetzlich  zu  ce  geworden  ist;  s.  meine  darstellung 
des  «-Umlauts  Beitr.  23, 544  ff.  Falls  Virjjar  'bewohner  von 
Värend'  mit  dem  isl.  vir]}ar  'männer'  identisch  und  mit  dem 
isl,  i'err' mann'  (dessen  e  durch  «-umlaut  aus  /  entstanden  ist, 
vgl.  lat.  vir)  verwant  ist,  so  wird  diese  meine  auffassung  da- 
durch noch  bestätigt. 

Schon  Bugge  hat  im  Ark.  n.f.  4, 10,  anm.  angenommen,  dass 
hiwigaR  in  der  Aarstadinschrift  in  der  ersten  silbe  indoeur. 
/-laut  (nicht  ein  durch  «-umlaut  aus  älterem  e  entstandenes  i) 
habe.  iniR  auf  dem  Möjebrostein  hat  in  der  Wurzelsilbe  ein 
langes  i,  was  alternativ  schon  von  Noreen,  Aisl.  gramm.-  s.  261 
vermutet  worden  ist.  Wenn  Noreen,  Urgerm.  lautl.  s.  15  als 
stütze  für  die  annähme  eines  urgerm.  i-umlauts  des  e  das  ur- 
nord.  alawin  anführt,  dürfte  es  genügen,  daran  zu  erinnern, 
dass  diese  runenverbindung  (alawin)  sich  nur  auf  dem  bracteaten 
no.  67  findet,  und  dass  Burg,  Die  alt.  nord.  runeninschriften 
s.  174  dieselbe  mit  drei  fragezeichen  versieht.  Diese  äusserst 
unsichere  runenverbindung  muss  also  wenigstens  vor  der  band 
ganz  von  der  discussion  ausgeschlossen  werden.  Dies  gilt,  so 
weit  ich  sehe,  auch  betr.  des  von  Noreen  ebenda  angeführten 
wiliR  (auf  dem  hobel  von  Vi);  die  bedeutung  dieses  Wortes  ist 
nämlich  völlig  dunkel. 

Auf  dem  bracteaten  Stephens  no.  57  liest  man  gibuauna,  Avas 
von  Läffler   in  der  Antiqv.  Tidskr.  6,  no,  2,  s.  14   in   gibu  auna 


DER   I-UMLAUT   VON   E  IM   ALTN.  185 

geteilt  und  mit  'der  ahnen  gäbe'  übersetzt  wird.  Im  Ark. 
n.  f.  4, 23  äussert  Bug'ge  anlässlicli  des  /-lautes  in  gibu:  'es 
lässt  sich  kaum  noch  entscheiden,  ob  in  urnord.  gibu  =  anorw. 
gJQf  {Jj^ifHer)  das  i  durch  einwirkung  von  selten  des  folgenden  u 
. . .  oder  des  voraufgehenden  g  entstanden  ist'.  Dagegen  meint 
Noreen,  ürgerm.  lautlehre  s.  15,  dass  das  durcli  den  urgerm. 
/-Umlaut  entstandene  i  im  praes.  sg.  '^gidin  auf  dem  wege  der 
analogie  auf  gibu  (aschw.  gf'f)  übertragen  worden  sei.  Burg 
a.  a.  0.  s.  49  ist  dagegen  der  ansieht,  dass  in  dieser  Inschrift 
die  /-rune  sowol  in  haltika  als  auch  in  gibu  den  wert  von  c 
gehabt  habe,  eine  auffassung,  die  Bugge  schon  früher  aus- 
gesprochen hatte.  In  diesem  falle  würde  gibu  ganz  einfach  die 
ausspräche  gebu  ergeben. 

Nun  ist  aber,  wie  Bugge  später  in  Norges  indskrifter  s.  305, 
anm.  mit  recht  hervorhebt,  die  ganze  deutung  der  runen- 
verbindung  gibuauna  als  'der  almen  gäbe'  zweifelhaft.  Wie 
mein  freund  prof.  Tegner  bemerkt,  stehen  dieser  deutung  auch 
sachliche  Schwierigkeiten  entgegen.  Die  Inschrift  ('Icli  lieisse 
Hariuha,  der  wenig  wissende.  Eine  gäbe  der  ahnen')  findet 
sich  auf  einem  bracteaten,  der  also  eine  'gäbe  der  ahnen'  sein 
soll.  Wer  sollte  nun  diesen  bracteaten  haben  anfertigen 
lassen,  Hariuha  oder  die  ahnen?  Wenn  Hariuha  ihn  hätte 
verfertigen  lassen  (was  die  worte:  'ich  heisse  Hariuha,  der 
wenig  wissende'  andeuten  würden),  so  kann  er  schwerlich  'eine 
gäbe  der  ahnen'  sein,  denn  es  wäre  doch  gar  zu  gekünstelt, 
anzunehmen,  dass  Hariuha  nur  das  material  (gold)  von  den 
'ahnen'  erhalten  und  dann  selbst  den  bracteaten  habe  ver- 
fertigen lassen.  Wenn  ihn  dagegen  die  'ahnen'  verfertigen 
Hessen  (und  darauf  deuten  die  worte  'eine  gäbe  der  ahnen' 
hin),  so  ist  die  Inschrift  'ich  heisse  Hariuha,  der  wenig  wissende' 
sonderbar. 

Unter  solchen  umständen  dürfte  man  wo^  bereclitigt  sein, 
dieses  in  seiner  bedeutung  so  problematisclie  wort  gibu  aus 
der  discussion  über  die  lautentwicklung  von  e  zu  /  auszu- 
schliessen.^) 

*)  Wenu  man  iiiclitsdestoweuiger  die  existenz  eines  urnord.  uom.  sg\ 
gibu  annehmen  will,  so  kann  dieselbe  mit  meiner  auffassung  des  /-unilauts 
von  e  folgendermassen  erklärt  werden.  Im  Ark.  n.  f.  2, 17  babe  ich  gezeigt, 
dass  im  aschw.  folgendes  lantgesetz  angewendet  Avurde:   'Aveun  in  kurz- 


186  KOCK 

Wenn  nun  die  runenverbindung  gibuaiina  auf  dem  brac- 
teaten  no.  57  ganz  dunkel  ist,  so  ist  dies  in  gleichem  grade 
bei  birgwgu  auf  dem  Opedalstein  der  fall.  Bugge  fasst  im  Ark. 
n.f.  4, 8  birgwgu  als  nom.  sg.  eines  fi'auennamens  ä\t.'*Bergingu 
auf.  Der  wert  der  fi\nften  rune  in  birgwgu  (hier  nach  Bugge 
immer  durch  u  widergegeben)  ist  aber  sehr  zweifelhaft.  Nach 
dem,  was  Bugge  im  Ark.  n.f.  4, 6  selbst  mitteilt,  hat  er  ihr 
erst  'nach  langem  zaudern'')  den  wert  v  zuerteilt.  Hierzu 
kommt,  dass  andere  Wörter  mit  der  ableitungssilbe  -ing  in 
uinord.  Inschriften  nicht  (wie  das  in  birgwgu  der  fall  ist)  mit 
g  nach  u  geschrieben  werden,  sondern  es  hat  der  kämm  von 
Vimose  harwa,  der  Skäängstein  hariwa  nur  mit  w  (nicht  ng). 
Auch  Noreen  (Aisl.  gramm.2  s.  261)  hält  die  lesung  birgwgu  für 
zweifelhaft  und  ihre  bedeutung  für  ganz  dunkel.  Wenigstens 
vor  der  haud  darf  mau  also  das  höchst  zweifelhafte  birg/;gu 
ganz  gewis  nicht  mit  in  die  discussion  über  die  ent^ncklung 
von  e  zu  i  ziehen.  2) 


silbleru  die  palataleu  cousonanten  l-,  g  dem  fe-laut  der  Wurzelsilbe  voran- 
gehen und  die  folgende  silbe  zugleich  einen  i-laut  enthält,  so  geht  der 
ce-laut  in  /  über',  z.  b.  kcetil  ^  Jcitt/l,  kitfei.  Schon  bevor  in  späturnord. 
zeit  der  ältere  /-umlaut  des  e  durchgeführt  wurde  (in  *derhiöö  >  d/'rfpa 
etc.),  ist  im  wesentlichen  übereinstimmend  mit  dem  genannten  schwed. 
lautgesetz  folgendes  urnord.  lautgesetz  angewendet  worden:  'Avenigstens 
in  kurzsilblern  ist  der  e-laut  in  /  übergegangen,  wenn  ihm  die  palatalen 
cousonanten  l;  g  voraufgiengen  und  zugleich  in  der  nächsten  silbe  ein  ^ 
folgte',  z.  b.  pr.  *geb/R'^*gibtit.  Von  *gibiR  ist  der  /-laut  auf  das  subst. 
'*gebu  übertragen  worden,  so  dass  man  g/bu  bekam  (vgl.  z.  t.  Noreens  oben 
referierte  ansieht  von  gibn).  Vgl.  Kock  a.  a.  0.  s.  18  f.  über  aschw.  ghvin, 
giirir  etc.  Mit  der  hier  ev.  angenommenen  urnord.  lautentwicklung  von. 
*gebin  zu  '''gibiR  lässt  sich  auch  vergleichen,  dass,  obgleich  in  urnord.  zeit 
der  a-umlaut  in  kurzsilblern  mit  i  in  der  Wurzelsilbe  sonst  eintrat,  dies 
jedoch  nicht  der  fall  war  bei  Wörtern,  in  denen  k,  g  dem  /-laut  voran- 
giengen  (isl.  skip,  skin  etc.,  nicht  ^skej),  *sken  etc.,  Kock,  Beitr.  23, 545). 

')  'efter  Isenge  at  have  vaklef. 

^)  Uebrigens  wäre  es  natürlich  denkbar,  dass  wenn  ein  '^b/rg/vgu  in 
urnord.  zeit  existiert  haben  sollte,  die  entwicklung  von  *berg/vgu  zu  *bir- 
givgu  vor  der  älteren  /-umlautsperiode  des  e  (in  *äerbiÖö  >  äirfpa)  ein- 
getreten wäre,  und  das  zusammenwirken  des  palatalen  ^  imd  des  ?-lauts 
der  zweiten  silbe  die  frühzeitige  entwicklung  zu  ^birgiugu  hervorgerufen 
hätte.  Vgl.  dass  im  gotischen  ß  zu  %  übergegangen  ist,  wenn  demselben 
sowol  ein  k  als  ein  /  nachfolgte  Qekeis'^  kikcis  etc.:  Kock,  Ark.  n.f.  2,20, 
anm.  KZ.  36, 583). 


DER  I-UMLAUT   VON    E  IM   ALTN.  187 

Der  indoeur.  diphthong  ei  ist,  wie  bekannt,  in  allen  germ. 
literaturspraclien  zu  langem  t  geworden  {gworelym  :  gotsteigan, 
isl.  stzga  etc.).  MögliclierAveise  bildet  der  auf  einem  denkstein 
bei  Xanten  vorkommende  name  Älateivia  ein  beispiel  eines 
noch  erhaltenen  ei  (vgl.  Much,  Beitr.17, 168.  Streitberg,  Urgerm. 
gramm.  §  64,  a).  Dass  schon  in  urnord.  zeit  der  indoeur.  di- 
phthong  ei  in  i  übergegangen  ist,  geht  hervor  z.  b.  aus  dem 
nom.  sg.  f.  minu  Opedal,  acc.  sg.  m.  minino  Strand  (vgl.  isl. 
mimi  <  indoeur.  *meino-),  dat.  sg.  woduride  Tune  (vgl.  isl.  ripa, 
vorgerm.  ""reidh-).  Also  dürfte  der  indoeur.  diphthong  ei  in 
späturgerm.  zeit  zu  7  monophthongisiert  worden  sein. 

Da  also  e  +  consonant  +  i  oder  i  in  urgerm.  zeit  noch 
unverändert  erhalten  geblieben  (noch  urnord.  erüaR  etc.),  der 
indoeur.  diphthong  ei  (vor  consonanten)  jedoch  in  urgerm.  zeit 
zu  i  geworden  ist  (inf.  ""sii^an-  etc.),  so  fragt  man  sich:  wie 
ist  in  urgerm.  bez.  urnord.  zeit  e  +  heterosyllabischem  i  + 
vocal  in  der  Wurzelsilbe  behandelt  worden  bei  Wörtern  wie 
z.  b.  indoeur.  ""treies  {gwxQtia,  goi.  p'eis  'drei')?  Die  Wörter, 
welche  hierbei  in  betracht  kommen,  sind  gering  an  zahl,  und 
es  ist  unsicher,  ob  sich  in  irgend  einer  urnord.  Inschrift 
etwas  derartiges  findet.  Statt  der  früher  allgemein  angenom- 
menen lesung  der  Tuneinschrift  pu'woR  . . .  arbiwa  . . .  siwosteR 
lesen  aber  Vigfusson,  Corpus  poeticum  1,  573  und  (nunmehr) 
Bugge,  Norges  indskrifter  s.  29  ff.  ]m\OR  . . .  arbija  sijosteR.  Falls 
diese  letztere  lesung  richtig  ist,  so  ist  j^rijoR  der  nom.  fem.  zu 
dem  Zahlwort  'drei'  und  sijosteR  'die  nächsten  verwanten'  der 
nom.  pl.  m.  des  Superlativs  zu  einem  urgerm.  adj.  "^seiaz  (vgl. 
afries.  sia  'spross,  nachkomme');  s.  Bugge  a.a.O.  s.  33  f.  und 
Läffler  in  den  Uppsalastudier  s.  1  ff.  Ark.  n.f.  8,98  ff.  21-1  ff.') 
In  diesem  fall  zeigen  f>rijOR  aus  älterem  ^preiöz  und  sijosteR  aus 
älterem  *sewstai,  dass  e  +  heterosyllab.  i  +  vocal  wenigstens 
schon  in  urnord.  zeit  in  ii  übergegangen  ist,  und  diese  entwick- 
lung  ist  wol  in  diesem  falle  in  späturgerm.  zeit  eingetreten. 


^)  Bugge  uimnit  a.  a.  (>.  an,  das«  sijosteR  eine  felilritzung  für  'sibjosteR 
sei,  während  Läftler  sijosfCR  für  richtig  eingemeisselt  hält  und  es  mit  afries. 
aia  zusammenstellt.  Ich  halte  Bugges  auffassung  nicht  für  die  richtige, 
teils  weil  man  mit  ihr  eine  fehlritzung  anzunehmen  genötigt  ist,  teils  weil 
(wie  diese  meine  ahhaadlung  zeigen  dürfte)  c  vor  consonanten  +  v  in  urnord. 
zeit  nicht  in  /-laut  übergegangen  ist. 


188  KOCK 

Ijautphysiologisch  ist  es  äusserst  leicht  begreiflich,  class  die  ent- 
wicklung-  von  e  zu  /  vor  heteros}-!!.  i  (in  j^ijoR  etc.)  leichter  und 
darum  zeitiger  eingetreten  ist,  als  die  entwicklung  von  e  zu  i  vor 
consonanten  -f  ?  (in  erüaR,  im  dat.  sg.  "^medi  >  isl.  mipi  etc.). 

Der  germ.  diphthong  eu  ist  in  urnord.  Inschriften  in  iu 
übergegangen,  wenn  u  oder  /  in  der  nächsten  silbe  folgte: 
liubu  Opedal,  iu]?ingaR  Reistad,  niuwiia  bracteat  Stephens  no.  80; 
er  ist  jedoch  als  cu  stehen  geblieben,  wenn  die  nächste  silbe 
ein  a  oder  ö  enthielt:  skil^aieubaR  Skärkind,  ÄleugaR  Skääng, 
Menno  Vimose  (Burg,  Die  alt.  nord.  runeninschrifteu  s.  36. 
Bugge,  Ark.  n.  f.  4,  22).  Da  der  diphthong  eii  nicht  nur  vor  i, 
sondern  auch  vor  ii  in  m  tibergegangen  ist,  so  ist  es  selbst- 
verständlich, dass  wir  es  hier  nicht  mit  einem  «-umlaut  im  ge- 
wöhnlichen sinne  zu  tun  haben.  Vielmehr  kann  man  die  ent- 
wicklung so  auffassen,  dass  der  diphthong  eu  in  urnord.  zeit 
in  iu  übergegangen  ist,  wofern  diese  entwicklung  nicht  von 
einem  in  der  folgenden  silbe  stehenden  a  oder  ö  verhindert 
wurde. 

Aus  der  obigen  Untersuchung  geht  unter  anderm  hervor, 
dass  der  kurze  e-laut  in  urgerm.  zeit  nicht  zu  i  wurde,  wenn 
consonant  (bez.  consonanten)  +  i  oder  i  darauf  folgten.  Diese 
lautentwicklung  ist  zu  sehr  verschiedenen  zeiten  und  unter 
teilweise  sehr  verschiedenen  Verhältnissen  in  den  verschie- 
denen germ.  sprachen  nach  der  Spaltung  der  urgerm.  spräche 
eingetreten.  "Während  Tacitus  Segimcrus,  Seginmndus,  Hermi- 
noncs  schreibt,  hat  dagegen  Vellejus  Paterculus  (unter  Augustus 
und  Tiberius)  Sigimerns  (ausführlicheres  bei  Bremer,  Zs.  fdph. 
22,251).  Dies  zeigt  aber,  dass  bei  gewissen  südgerm.  Völ- 
kern das  e  in  der  Wurzelsilbe  schon  sehr  zeitig  in  /  über- 
gegangen ist,  wenigstens  wenn  darauf  ein  palataler  consonant 
+  i  folgte. 

In  diesem  zusammenhange  erinnere  ich  an  meine  Unter- 
suchung des  a- Umlauts  Beitr.  23,  484  ff.  Ich  kam  dort  unter 
anderm  zu  dem  resultat,  dass  der  a-umlaut  von  u  und  von  i 
nicht  urgerm.,  sondern  in  den  verschiedenen  germ.  sprachen 
nach  der  Spaltung  der  urgerm.  spräche  eingetreten  sei.  Da 
wir  nun  gesehen  haben,  dass  auch  ein  kurzer  e-laut  nicht  in 
urgerm.   zeit  in  i  übergegangen  ist,   wenn  darauf  consonant 


DEE  I-UMLAUT   VON   E  IM   ALTN.  189 

(bez.  consonanten)  und  /  oder  /  folgten,  so  sind  also  mehrere 
wichtige  lautentwicklimgen ,  die  meistenteils  für  urgerm.  ge- 
halten wurden,  nunmehr  als  einzelsprachlich  aufzufassen.  Dies 
harmoniert  vollständig  damit,  dass  der  i-umlaut  gutturaler 
vocale  seit  langem  als  eine  einzelsprachliche  erscheinung  auf- 
gefasst  worden  ist.  Nach  der  Spaltung  der  urgerm.  spräche 
haben  sich  also  im  wesentlichen  gleichartige  umlauts- 
tendenzen  geltend  gemacht.  Diese  tendenzen  aber  sind  in 
den  verschiedenen  germ.  sprachen  teilweise  zu  verschiedener 
zeit  aufgetreten  und  zum  guten  teil  in  sehr  verschiedenem 
umfange  und  unter  sehr  verschiedenen  bedingungen  durch- 
geführt. 

Als  hauptresultat  der  vorstehenden  Untersuchungen  glaube 
ich  folgendes  bezeichnen  zu  können: 

1.  AVenu  auf  einen  kurzen  e-laut  in  der  Wurzelsilbe  ein 
consonant  (bez.  consonanten)  und  i  oder  i  folgten,  so  blieb 
der  e-laut  doch  in  urgerm.  zeit  unverändert,  und  er  wurde  in 
der  urnord.  bez.  gemeinnord.  spräche  in  folgender  weise  be- 
handelt: 

I.  Die  ältere  /-umlautsperiode.  Der  i-laut  der  zweiten 
Silbe  gieng  in  langsilblern  verloren  und  bewirkte  gleich- 
zeitig mit  seinem  wegfall  umlaut,  z.  b.  praet.  *dcrdidö 
>  dirfjja. 

II.  Während  einer  Zwischenperiode  gieng  der  i-laut  der 
zweiten  silbe  in  kurzsilblern  verloren  ohne  umlaut  zu  be- 
wirken, z.  b.  praet.  ^Meividö  >  Jdelm. 

III.  Die  jüngere  umlautsperiode.  Ein  bisher  noch  er- 
haltenes /;  i  bewirkte  umlaut,  z.  b.  pl.  ^'ferdin  >  firjm'. 

AVenn  dem  c-laut  einer  kurzen  Wurzelsilbe  in  der  nächsten 
silbe  die  lautverbindung  in  folgte,  so  trat  ?ß-umlaut  ein,  z.  b. 
*sesiR  >  sigr. 

Dagegen  bewirkte  ein  mit  fortis  accentuiertes  /  keinen 
umlaut,  z.  b.  Erlingr  (<  ^ErUngan). 

Sowol  der  «'-umlaut  als  auch  der  Vß-umlaut  haben  also  in 
demselben  umfange  auf  e  wie  auf  die  gutturalen  vocale  ge- 
wirkt. 


100        KOCK,  DER  I-UMLAI)T  VON  E   IM  ALTN. 

2.  Der  indoeur.  diplithong  ei  ist  schon  in  urnord.  zeit  in 
7  übergegangen,  z.  b.  minu  (Opedal),  und  diese  lautentwicklung 
kann  darum  als  in  späturgerm.  zeit  eingetreten  aufgefasst 
werden.  Falls  man  auf  dem  Tunestein  l^ijoR,  sijosteR  lesen 
muss,  so  bilden  diese  Wörter  beispiele  für  die  lautentwicklung 
von  e  zu  i  unmittelbar  vor  i  +  vocal,  und  auch  diese  laut- 
entwicklung kann  in  diesem  falle  in  späturgerm.  zeit  ein- 
getreten sein. 

-.     LUND,  im  Januar  1902.  AXEL  KOCK. 


J 


zu  DEN 
LIEDERN  DER  JENAER  HANDSCHRIFT. 

Jetzt  wo  die  Übertragungen  der  Jenaer  lieder  nach  langen 
conferenzen  und  vielen  correcturen  und  revisionen  reinlicli  ge- 
druckt vorliegen  und  wo  die  zeitliche  entfernung  das  äuge 
für  die  mängel  der  eigenen  arbeit  schärft,  mögen  noch  einige 
bemerkungen ')  zu  dem  werke  folgen. 

Es  handelt  sich  dabei  vor  allem  um  eins.  Wie  bd.2,  s.  109  ff. 
gezeigt  ist,  gehören  die  Jenaer  lieder  zur  art  des  gemischten 
rhythmus.  Gewisse  orchestische  reihenformen  liegen  zu  gründe. 
Mit  diesen  ist  spräche  verbunden,  so  dass  ein  orchestisch- 
sprachlicher  rhythmus  entsteht,  der,  wie  s.  111  f.  annimmt,  dem 
orchestischen  näher  steht  als  dem  reinen  sprachlichen.  Oefters 
hat  auch  der  melische  rhythmus  anteil  an  der  mischung,  be- 
sonders in  den  liedern  Wizlavs. 

Die  orchestischen  reihenformen  sind  streng  bestimmt.  Sie 
festzulegen  ist  auch  in  unserem  falle  nicht  schwer.  Dagegen 
sind  die  formen  des  reinen  sprachlichen  und  besonders  meli- 
schen  rhythmus  frei  und  wechselnd.  Eücksicht  auf  den  melo- 
dischen sinn  der  composition  kommt  hinzu.  Die  notation  gibt 
für  die  rhythmisierung  keinen  anhält.  Deshalb  ist  es  unmög- 
lich, in  jedem  falle  den  wirklichen  rhythmus  eines  der  lieder 
eindeutig  in  noten  oder  zeichen  zu  fixieren.  2)    Dem  geschmack 

^)  Oefter  begegnende  unrichtige  Silbentrennungen  wie  iros-teryn  statt 
tro-sieryn,  gelü-cTce  statt  gelüc-lce  wird  sich  der  leser  leicht  selbst  verbessern. 
Er  lese  also  auch  dic-ke,  erste,  vur-sten,  irlo-ste,  mei-ster,  sin-yhen,  Icun-sten, 
tru-ghen,  hoi^-sten.  Bei  den  Substantiven  auf  -heit  ist  zweckmässiger,  statt 
der  etymologischen  Schreibung  z.  b.  hunnec-heit,  die  teiluug  baime-cheä  zu 
wählen,  wie  meist,  aber  nicht  durchgehend  geschehen  ist.  Richtiger  wäre 
auch  wol  beste,  Jcristen  u. s.w. 

2)  Vgl.  2, 149. 


192  SAR AN 

bleibt  vieles  überlassen:  der  eine  wird  diese,  ein  anderer  jene 
nuance  vorziehen.  Ich  hatte  ans  diesem  gründe  zuerst  die 
absieht,  schematisch  zu  übertragen,  d.  h.  die  orchestischen 
grundformen  rein  schematisch  zu  notieren  und  alles  sprach- 
lich-melische,  alles  was  den  individuellen  sinn-  und  stilgemässen 
Vortrag  angeht,  dem  leser  anheimzustellen.  Dadurch  wären 
freilich  notenbilder  entstanden,  die  den  praktischen  musiker  be- 
fremdet, jedenfalls  das  singen  und  spielen  der  Übertragungen 
etwas  beeinträchtigt  hätten.  Nach  Übereinkunft  mit  Holz  und 
BernouUi  habe  ich  von  dieser  rein  scheraatischen  notation  ab- 
stand genommen  und  die  rhythmisierung  so  gestaltet,  dass  sie 
dem  wirklichen  Vortrag  erheblich  näher  kommt.  Freilich  sind 
noch  reste  der  älteren  weise  geblieben,  die  ich  ohne  schaden 
hätte  beseitigen  können.  Anderes  musste  bleiben,  da  ohne 
Willkür  eine  entscheidung  für  diese  oder  jene  figur  nicht  mög- 
lich gewesen  wäre. 

Was  an  der  Übertragung  rein  schematisch  ist,  wird  s.  150 
angedeutet.  Es  ist  vor  allem  die  notierung  der  reihenschlüsse. 
Sehr  oft  muss  man  sich  eine  fermate  dazu  denken,  ähnlich  wie 
beim  protestantischen  kirchenlied.  Die  s.  112  citierte  stelle 
einer  meistersingertabulatur  scheint  das  sogar,  wenigstens  für 
die  gereimten  stücke,  zu  fordern.  Der  sinn  verlangt  es  auch 
für  die  reimlosen  sehr  oft,  die  fälle  verdeckter  oder  schwacher 
einschnitte  ausgenommen.  Durch  die  fermate  wird  die  zeit  der 
Schlussnote  merklich  verlängert. 

Wo  das  Schema  der  orchestischen  grundform  durch  pause 
genügend  zeit  lässt,  ist  jedoch  Schlussdehnung  auch  im  text 
ausgedrückt  worden  und  hätte  noch  öfters  ausgedrückt  werden 
können.  So  ist  z.  b.  in  II  (Stolle),  1,3  b  auf  {rey-)ne  eine  -^T^ 
nur  zu  denken.  Ebda,  in  Ib  ist  aber  die  schlussdehnung  durch 
die  ganze  note  über  -heit  ausgedrückt. 

Rein  schematisch  mussten  Schlüsse  behandelt  werden  wie 
11,43,9b  trayen,  ebda.  8a'  -ivcyen,  d.h.  wo  der  text  zwei  'ver- 
schleif bare'  Silben  (v^x),  die  notierung  ligatui-  auf  der  ersten 
derselben  hat.  Hier  ist  zunächst  die  frage  zu  entscheiden,  ob 
solche  Worte  beim  Vortrag  wirklich  zwei  silben  oder  nur  eine 
(iragn,  wegn)  zu  beanspruchen  haben.  Das  kann  nur  durch 
umständliche  kritische  und  statistische  Untersuchungen  ermittelt 
werden,  Untersuchungen,  die  für  den  zweck  unserer  publication 


zu   DEN   LIEDERN   DER  JENAER   HS.  193 

nicht  angestellt  zu  werden  brauchten.  Erweisen  sich  diese 
Worte  wirklich  als  zweisilbig,  so  muss  die  ligatur  zerlegt  wer- 
den; entsprechen  in  anderen  Strophen  dann  einsilbige  reime, 
werden  die  töne  wider  verbunden.  Bedarf  ein  solcher  schluss 
einer  fermate,  so  wird  die  zweite  note  der  ligatur  im  vertrag 
gedehnt.  Wo  der  schluss  der  zu  gründe  liegenden  reihenform 
durch  pausen  auszufüllen  wäre,  hätte  man  auch  im  notentext 
platz,  ohne  Störung  der  Übersichtlichkeit  die  dehnung  zu  be- 
zeichnen. III,  43,  8a'  -ivegen  könnte  man  daher  event.  notieren: 
1  J  J-  I  I  J  J^J 

wegen  oder  ii^ßyen.  Doch  bedürfen  solche  ausätze  noch 
umständlicher  begründung. 

Auch  wo  über  einem  zweisilbigen  wort  der  form  C  ><  nur 
eine  note  steht,  ist  die  notation  schematisch  zu  verstehen. 
VII,  1,7  b  o&e  =  J  ist  vielleicht  als    |  J  J.  |    auszuführen. 

Ich  gehe  nun  die  einzelnen  lieder  durch,  i) 
11,1.    Hinter  Ib  hristenheit  setze  ein  komma.    Der  sinn 
ist:  wenn  man  das  lob  der  engel  und  der  rechtgläubigen  Christen 
verbände,  so  würde  es  doch  noch  nicht  genügen. 
Ebda.  10  b.    Vielleicht  besser    |  ^  I  J 

-leit  . 
III,  17, 6  b  fussnote  f  lies  swie. 

43,8  a'.    Vielleicht    |  J  J.  | 

-wegen.    9  b  lies  über  den  (liuten)  eine 
halbe  note  statt  des  vierteis. 

54,8  a'  stört  die  doppelte  (schematisch  gemeinte)  halbe 
pause.    Besser  wäre    |  J  J  |    oder    |  J  J.  | 

sicJd  sieht . 

Ebda.  9  b.  Für  phlegen  —  und  10  b  iveg^n  —  gilt  dasselbe 
wie  oben  für  -ivegpi.  Der  Strichbalken  gehört  liinter  die  zweite 
pause. 

57,  la  hinter  wesen  ein  punkt.  In  3  a  kommt  dem  (vriun-)de 
statt  der  ligatur  nur  ein  a  zu.  Die  fussnote  1  ist  durch  eine 
entsprechende  bemerkung  zu  ergänzen.  Fussnote  **  lies  vur- 
scamten,  da  die  Orthographie  sc  fordert. 

0  'T  ^  bedeutet,  dass  an  solchen  stellen  die  hs.  ligatur  hat,  diese  aber 
rerlegt  werden  muss. 

Beiträge  zur  geschkhte  der  deutschen  spräche.     XXVIl,  X3 


194  SAUAN 

63,  fussnote2  ist  die  von  Holz  -  Bernoiilli  vorgesclilagene 
Streichung-  des  g  gewis  richtig. 

IV,  14,  Ib.  Man  braucht  wol  kaum  des  reimes  auf  tsorn 
(=  J)  wegen  die  ligatur  über  {ge-)horn  ebenfalls  =  J  zu  setzen. 
I  J  J  I    oder    I  J  J.  I    ist  für  sie  gefälliger.    Ebenso  schreibe 

ich  jetzt  für  den  schluss  von  5  b  nert    |  J  J  |  J  ,    trotzdem 

wert  in  6  a  nur  als  J  angesetzt  ist.  Durch  Schlussdehnung 
kann  leicht  ausgleich  geschaffen  werden,  falls  ein  solcher  über- 
haupt nötig  ist. 

V,  1,  5b.  Ob  gan,  {ge)-ivan  auch  1  J  J  |  oder  |  J  J.  |  . 
7  b  Mn  entsprechend  ^  . 

3,  5  b  setze  vor  uzen  einen  gedankenstrich. 

TI,  4, 4b  sind  in  der  fussnote  2  die  eckigen  klammern  um 
d  zu  streichen. 

28, 1  b  ist  die  füllpause  hinter  stoz  in  spitze  klammern  (  > 
gesetzt  zu  denken;  sie  fällt  beim  Übergang  von  2  zu  3  natür- 
lich fort.  Dasselbe  gilt  auch  von  später  auftretenden  ein- 
geklammerten pausen.  Neben  dem  g'  über  Ben  (3  a)  ist  ein  g' 
in  spitzen  klammern  ( J)  nachzutragen;  es  tritt  für  g'=  J  beim 
Übergang  von  3  zu  4  ein.  Das  d'  über  -feu  (3  b)  notiere  man 
als  viertel  und  setze  in  spitzen  klammern  noch  ein  d'  daneben, 
also  J  ( J ) ,  damit  der  Übergang  von  3  zu  1  glatt  werde.  Zu 
3  a'  vergleiche  die  anmerkung  s.  86. 

41,1a  Magen  =  |  J  J-  |  J  ?    la'b,  2a'b  sind  wegen  der 

engen  syntaktisch-melodischen  Verbindung  der  beiden  reimstücke 
besser  als  sechser  mit  zusammenziehung  aufzufassen.    Also 

_   1    _    1    _.!.'C3^    -  -      i     Ä 

ist  daz,  daz  mich    vürsneit    mynne,     o  Ave! 
daz  gro-  ze  her  -    tze  -  leit    ymmer     me. 

Indes  ist  der  schluss  beider  reihen  von  -sncit,  -leit  an  durch 
Inhalt,  Stimmung,  binnenreim  und  die  verzierende  viertönige 
ligatur  so  bedeutsam,  dass  er  eine  verlangsamung  des  tempos 
fordert.  Die  notenwerte  der  Übertragung  können  deshalb  bleiben. 
Nur  streiche  man  den  punktierten  balken,  der  zwischen  f  und  g 
steht  und  punktiere  zum  zeichen  der  dehnung  den  taktstrich 
zwischen  g  und  f  der  ligatur. 


zu   DEN    LIEDERN   DER  JENAER   HS.  195 

In  3  b  ist  neben  das  d'  =  J  über  mich  ein  zweites  d'  =  ^ 
in  spitzen  klammern  zu  setzen.  Es  tritt  beim  Übergang  von 
4  zu  5  ein.  —  In  der  fussnote  1  lies  {vnt-)laden.  —  Die  halbe 
pause  in  7a'  über  lebe  ist,  als  füllpause,  in  spitze  klammern 
zu  setzen.  —  In  der  fussnote  4  auf  s.  15  streiche  das  ein- 
geklammerte g.  —  19  a'"  lies    1  ^^  I  J    ^^^^d  streiche  die  halbe 

^  ^^ 

pause.  —  Fussnote  1  streiche  'hs.'  —  Fussn.  no.  3  lies  |  ^  |  ^  I 

lieh  . 
—   Kette  32b  setze  a  über  -d{e)  in  runde  klammern,  weil  es 
ergänzt  ist.    —   47  a  lies    J   J 

Idagen  . 
YII,  1,  Ib  wird  man  tac  als     |  J    J  |  ,    aber  3  b  mac  als 
J   J    I   J    notieren  dürfen.    —    2  a   {ivi-)sen  des  Übergangs 

wegen  ohne  pause  und  als  |  J  J.  |  oder  |  J  J  |  .  Die  nota- 
tion  über  den  reimen  von  2  b,  4  b,  5  b,  6  b,  7  b  ist  schematisch; 
vielleicht  als     |  J  J.  |     auszuführen. 

XT,  1,  2b,  4b  ist  am  schluss  hinter  der  halben  pause  noch 
eine  zu  ergänzen:  —  |  --  .  Ebenso  am  schluss  von  Gb.  Ueber 
die  ausführung  der  ligatur  vgl.  oben  s.  192  f.  Kette  6  ist  in 
diesem  ton  der  kette  2,  d.  h.  stollen  2,  sehr  ähnlich.  S.  die  fuss- 
note 1  auf  s.  22. 

XIII,  1,  6b.  Die  dehnung  im  4. — 5.  takt  ist  von  Bernoulli 
aus  melodischen  gründen  als  wünschenswert  bezeichnet  worden. 
Rhythmisch  wäre  sie  nicht  nötig. 

XV,  9,  2  b.    Hinter  gut  ist  ein  komma  passender. 

XYI,  1,  2  a.  Die  eingeklammerte  note  muss  ein  viertel  sein. 

XXI,  s.  34,  fussn.  1  lies  '3b  und  5b  =  stoUenscliluss  und 
fast  =  5  a". 

69,3.  Zwischen  3a  und  b  punktierter  balken  (verdeckte 
lanke).    Hinter  8  b  doppelbalken. 

81,  7a.    Ueber  daz  lies  c'  h  a.    Fussnote  2  lies  'stollens  2'. 

XXIir,  1,  5a  lies  menschenouge[ii\. 

48, 1  b.  (gol-)de  ist  als  1  J  J  |  auszuführen  und  zu  schreiben. 

56,7  b.    phliget,  8  b  siget  eventuell  =     I  J  J-  I  J  • 

XXIV,  12,  7  b  schreibe  vil  =    U  |  J  • 

13* 


196  SARAN 

15,1b  ist  vielleicht  vroyde  auf  \  o  \  J  o  \  ^^^^^  ^'^^^^  ^^^^ 
I  J  J  I  ^  zu  dehnen.  Dann  entsprechen  die  Schlüsse  von  Ib,  2  b 

und  3  b.  Ib,  2  b  wären  dann  textvierer,  auf  die  zeit  eines 
Sechsers  gestreckt. 

18,  la  schreibe  Uil  =  |  ©  |  J  --- ,    5a  man  =  |  ©  I  o  I  • 

19,3b  ist  der  taktstrich  hinter  her  zu  punktieren,  weil 
her  ist  einen  gedehnten  fuss  ausmacht. 

22, 3  a.    Der  punktierte  taktstrich  vor  -che  ist  durchzu- 
ziehen, weil  -che  eine  hebung  bekommen  muss.    Dasselbe  gilt 
für  3  a'.     Die   Strophe   ist   metrisch   schwierig.     Bleibt   man 
streng   bei    der    hs.,    so    muss    man    annehmen,    die    reihen 
3a_-!-_l_l_lw  und  3a' ^-------^  seien  durch  schluss- 

verlängerung  auf  die  zeit  eines  sechsers  gedehnt  worden.  Das 
ist  sehr  wol  möglich,  nur  dass  man  dabei  die  schwerlich  zu 
rechtfertigende  form  de  heylige  mit  in  kauf  nehmen  müsste. 
Diesen  in  der  rhythmik  s.  146  festgehaltenen  Standpunkt  habe 
ich  in  den  Übertragungen,  deren  druck  später  als  der  der 
rhj^thmik  fertig  geworden  ist,  verlassen  und  vorgezogen,  de 
hey-li-ghen  zu  schreiben,  zwei  noten  ergänzend.  Aber  auch  so 
ist  die  Periode  noch  nicht  in  Ordnung.  Man  nimmt  wol  am 
besten  an,  dass  in  3a  zwei  silben  fehlen: 

3a   JU  J  IJLU  U  JU  J  U  JJ  U 

dem  valschen    rate         du  (— — )  uut  -  wi    -    che. 

Von  der  ligatur  über  tvi-  trenne  man  zugleich  die  ersten  zwei 
noten  ab.  In  3  a'  streiche  man  die  beiden  ergänzten  noten 
wider  und  verteile  die  silben  etwas  anders  unter  die  melodie, 
auch  hier  wider  von  der  ligatur  über  li-  die  ersten  zAvei  noten 
wegnehmend.    Also 

3a'    J  U  J  I  J    J^J  I     J    JJ  I  J  J  I  JLU  I  JJ 

de  hey-li-  ghen  mit-    pliau   dich    al  ghe-  li che. 

Durch  diese  änderung  wird  die  anmerkung  auf  s,  88  unten  von 
den  Worten  'Denn  ein  zusammenstoss'  an  gegenstandslos. 

XXV,  48,  6  b.     Hinter  harmimge  doppelbalken. 
66.    Ueber  die  Schlüsse  von  la",  3a',  4a'  vgl.  das  oben 
gesagte. 


zu   DEN    LIEDERN   DER   JENAER  HS. 


197 


71,5  b.  6  b  setze  hie,  die  =    |  ^  1  J  . 
94,2  b.    Hinter  lihe  pimkt. 

108,  la.  4  a  setze  tvol,  an  =  \  J  J  \  .    Ebenso  2  a.  5  a  tvol, 
man.    Ebenso  9a  nam.    Fussnote  1  lies  'ton  h.' 
XXIX  Leicli  14b  lies  statt  J"7j    J  J  J  . 

15  a  ist  das  eingeklammerte  d  ohne  klammern  zn  lesen, 
das  zweite  d  =  J  in  spitze  zn  setzen.  Denn  d  ==  J  verbindet 
sich  mit  dem  letzten  viertel  von  14b  znr  halben.  1(3 a.  17a 
dagegen  beginnen  mit  d  =  J  .  Dasselbe  gilt  für  19  a.  28  a.  — 
59  b  setze  tac  =  ^  . 

37, 17  b  streiche  den  strichbalken  am  schlnss. 

XXXb,  27,  3b  hinter  Imnder  strichbalken. 

Anmerkungeu  (s.  85  ff.). 

In  der  Vorbemerkung  ist  zu  den  tönen,  von  denen  die 
lis.  nur  den  text  überliefert,  XIX,  4  nachzutragen.  Die  analyse 
wird  unten  noch  gegeben. 

I  Fragment.     7\  ist  von  10b  hinter  IIb  zu  rücken. 

II,  1,5a.  Diese  anmerkung  ist  zu  streichen,  da  sie  durch 
•die  von.  Holz  in  der  Überlieferung  eingesetzte  besserung  gegen- 
standslos gew^orden  ist. 

S.  86,  z.  15  V.  0.  lies  VI,  1.  —  19  v.  o.  lies  13—27. 

S.  87,  z.  11  V.  u.  streiche  die  anmerkung. 
XIX,  4. 


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1. 



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2. 

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5. 

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6. 

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7. 

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a- 

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c- 

—  c  — 

-d. 

a- 

-b 

6- 

—  e- 

-d. 

f- 

-g 

f- 

-f- 

■S 

h- 

-h- 

-g. 

S.88,  Z.8  v.o.  lies  'str.37'.   —  Z.  4— 1  v.u.  streiche  von 
den  Worten  an  'Denn  ein  zusammenstoss'.    Vgl.  oben  s.  196. 

Rhythmik  (s.91ff.). 
S.  101,  z. 4  v.u.  lies  statt   'die  blosse  gruppierung'   'die 
blosse  Zusammenfassung  und  entsprechung'. 


198  SARAN 

S.  110,  z.  10  V.  0.  lies  'oben  s.  98'. 

S.  112,  fussnote  2  lies  'orcliestiscli-spracliliclie  reilienform'. 

S.  113,  notenbeispiel  kette  4  a  lies  Stva.  —  Der  einschnitt 
zwischen  la  nnd  b  ist  zwar  durch  reim  und  katalexe  fest- 
gelegt, diu'ch  die  enge  syntaktische  Verbindung  der  beiden 
reihen  entsteht  indes  die  gerade  hier  sehr  bedeutsame  Wirkung 
einer  absichtlich  übergangenen,  verdeckten  lanke.  Darum 
halte  ich  es  jetzt  für  richtiger,  den  balken  zwischen  1  a  und  b 
zu  punktieren.  S,  130  sind  dann  die  worte  z. 21  v.o.  'reim 
immer'  zu  streichen.  Es  gibt  also  auch  verdeckte  lanken  bei 
endreim  der  reihe. 

S.  117,  kette  la  ist  die  eckige  klammer  über  die  ganze 
ligatur  a  —  g  zu  setzen. 

S.  123,  z.  1  v.u.  lies  '39a.  40a',  z.2  v.u.  lies  'leich  3a'. 

S.  124,  z.  7.  8  v.o.  streiche  'XXV,  36,  5b'.  Der  reimverhält- 
nisse  wegen  ist  die  stelle  da^  er  —  luder  in  einen  zweier  und 
vierer  zu  zerlegen. 

Ebda.  z.  13  v.u.  streiche  'XXV,  52, 3b'. 

S.  125,  Z.18  lies  '5  reihen:  XXV,35, 1— 2'  u.s.w. 

S.  126,  z.  13  V.  u.  Dass  man  im  minnelied  nicht  von  drei-, 
sondern  richtiger  Zweiteilung  reden  müsse,  zeigt  P.  Meyer, 
Romania  19  (1890),  s.  11  f. 

S.  127,  z.  9  ff.  V.  u.  sind  nicht  klar  genug  gefasst.  Z.  9  ist 
'den'  gesperrt  zu  denken.  Deutlicher  wäre:  einschnitte  nenne 
ich  die  grenzen  zwischen  den  schlagen  und  zwischen  solchen 
gruppen,  die  durch  Zusammenfassung  entstehen.  Sie  liegen 
deshalb  fast  alle  auf  der  plusseite  des  Systems. 

S.  128,  Z.6  v.u.  lies  'in  XVIII,  1'. 

S.  131,  z.  1  V.  u.  streiche  'VI,  30, 2'.  —  Z.  2  v.  u.  lies  'leich 
35.  36'. 

S.  132,  z.  6  V.  0.  lies  'leich  35.  36'.  —  Z.  11  v.  o.  lies  's.  99, 
fussnote  3'. 

S.  135,  z.  12  V.  0.  lies  '11, 1,  2a  vuge\ 

S.  137,  z.  4  V.  0.  streiche  'z.  b.  VI,  leich,  6  a'  und  die  fussu.  1. 

8. 145,  z.  4  lies  'leich  20a'  ...  ich  '.  —  Z.  8  v.  o.  lies  'bei- 
nahe zerreisst'.  —  Z.  11  v.o.  lies  'leich  30a",  —  Z. 9  v.u.  lies 


zu  DEN  LIEDERN  DER  JENAER  HS,  —  ZU  WALTHER  84,  30  ETC.    199 

:  1_1_^_.  —  Z.12  V.U.  lies  'd.h.  L^l^jT^'.  —  Z.  13  v.u. 
lies  20  statt  19.  ^ 

S.  146,  z.  17  V.  0.  ff.  Zu  diesen  zeilen  vgl  das  oben  s.  196 
gesagte. 

S.  149,  z.  16  v.u.  ff.  Schlüsse  der  form  v^x  mit  ligatur 
auf  der  ersten  und  widerholung  der  schlussnote  der  ligatur 
auf  der  zweiten  silbe  habe  ich  auf  Holzens  Vorschlag-  so  auf- 
gefasst,  als  ob  die  note  über  der  zweiten  silbe  nicht  dastände. 
Meist  wird  diese  auffassung  das  richtige  treffen.  Vgl.  etwa 
VI,  4, 3  b  und  4  b.  Manchmal  ist  aber  doch  wol  widerholung 
des  tones  anzunehmen.  Vgl.  VI,  30, 2  b  und  2  a  mit  3  b.  Die 
rhythmische  form  der  Schlüsse  ist  eben  nicht  genügend  sicher 
zu  erkennen. 

HALLE  a.  S.  FRANZ  SARAN. 


ZU  WALTHER  84,  30  UND  18,  1—28. 

Die  von  Lachmann  gegebene  erklärung  und  textgestalt 
des  Spruches  84,80  befriedigt  nicht  völlig,  ob  wol  sie  von  den 
herausgebern  und  erklärern»)  auch  weiterhin  beibehalten  ist. 
Die  Situation  ist  folgende.  2)  Friedrich  IL  hat  Deutschland 
verlassen  und  ist  in  Italien.  Walther  verweilt  in  Deutschland. 
Offenbar  von  Italien  aus  hat  der  kaiser  dem  sänger  eine  grosse 
auszeichnung  zu  teil  werden  lassen.  Deshalb  ist  es  Walthern 
nicht  möglich  (m  Mn)  persönlich  zu  danken,  wie  er  gerne 
möchte.  Er  muss  seinen  dank  übermitteln  lassen.  Die  vom 
kaiser  gewährte  auszeichnung  (mtver  ere  v.  37),  die  für  den 
dichter  zugleich  einen  nutzen  (frum  v.  37)  darstellt,  ist  eine 
kerze.  Sie  ist  JcündecUchen  gesendet.  Das  bedeutet  schwerlich, 
wie  Wilmanns  deutet,  'klüglich'.  Jcändec  bedeutet  auch  'be- 
kannt, bekannt  machend',  das  adverb  also  'öffentlich'.  Auch 
Paul  erklärt  im  glossar  'offen,  vor  aller  äugen', 

*)  Wackernagel  deiitet  anders.    Paul  verhält  sich  zweifelnd. 
=*)  Vgl.  Wilmanns,  Leben  s.  137. 


200  SARAN 

Die  grosse  der  auszeiclmung-  wird  in  v.  34  f.  durch  die 
wirkung-en  geschildert,  die  von  der  —  brennend  vorgestellten 
—  kerze  ausgehen.  Ihr  licht  hat  uns,  d.  h.  bei  uns  in  Deutsch- 
land, viele  äugen  völlig  geblendet  {er ■'blendet).  V.  34  kann,  so 
wie  ihn  Lachmann  gibt,  unmöglich  richtig  sein.  Soll  die  kerze 
auch  dem  empfänger,  für  den  sie  frum  und  ere  bedeutet,  die 
Wimpern  versengen  und  die  äugen  völlig  blenden?  Gewis  nicht. 
Man  lese  also  der  construction  von  v.  34  entsprechend:  diu 
hat  uns  der  häre  vil  hesenget  an  den  hrän.  Das  feuer  der 
kerae  Avar  so  intensiv,  dass  es  bei  uns  in  Deutschland  viele 
haare  in  den  wimpern  versengt,  viele  äugen  völlig  geblendet 
hat.  Das  bild  ist  witzig  übertrieben.  Hinter  erhiendet  setze 
man  einen  punkt. 

V.  36  erklärt  Lachmann:  'wenigstens  haben  alle  einen 
grossen  teil  des  weissen  im  äuge  zu  mir  gewant,  neidisch  nach 
meinem  glück  geschielt'.  Die  wörtliche  widergabe  der  zeile 
ist  dem  sinne  nach  sicherlich  richtig.  Das  beweist  der  aus- 
druck  schuhen  v.  37.  Wer  schuhet,  wendet  das  weisse  der 
äugen  nach  vorn.  Aber  grammatisch  lässt  sich  die  stelle 
kaum  so  rechtfertigen.  Der  blosse  dativ  mir  neben  wenden 
in  der  bedeutung  'nach  mir  hinwenden'  scheint  mir  nicht  mhd. 
Parallelen  finde  ich  wenigstens  nicht.  Man  streiche  also  si 
und  lese  dafür  ^c.  Das  subject  alle  genügt  ja  völlig  für  den 
vers.  Doch  übersetzt  Lachmann  mit  'wenigstens'.  Diese  Über- 
setzung überzeugt  ebensowenig  wie  die  erklärung  von  Wil- 
manns  zur  stelle,  der  die  partikel  als  einleitung  eines  be- 
teuernden Satzes  nimmt.  Seine  parallelen  aus  MF.  lassen 
die  bedeutung  'dennoch'  noch  durchschimmern.  Mit  dieser 
adversativen  bedeutung  lässt  sich  aber  hier  nichts  anfangen. 
Es  ist  noch  'bis  jetzt  noch'  zuschreiben.  Also  übersetze  ich: 
'bis  jetzt  noch  haben  alle  viel  von  dem  weissen  ihrer  äugen 
zu  mir  hin  gewendet'. 

Was  bedeutet  diese  wendung?  Lachmann  und  alle  er- 
klärer  nach  ihm  beziehen  sie  auf  neidisches  schielen.  Aber 
diejenigen  welche  nach  der  kerze  schauen,  brauchen  doch  nicht 
zu  schielen.  Und  denkt  man  die  beziehung  des  verses  36  zur 
kerze  weg,  dann  versteht  man  erst  recht  nicht,  wie  jene 
Wendung  'neidisch  nach  dem  glücke  jemands  schielen'  bedeuten 
kann.    Ich  glaube,  der  sinn  der  worte  ist  ein  anderer.    Wenn 


zu  WALTHER   84,30   UND    18,1—28.  201 

man  jemand  das  weisse  der  äugen  zudrelit,  sieht  man  an  ihm 
vorbei.  Dreht  man  ihm  viel  des  weissen  zu,  dann  sieht  man 
weit  vorbei.  Ich  finde  in  den  Worten  also  einen  ausdruck  der 
nichtachtung,  des  geflissentlichen  ignorierens.  Hinter  v.  36 
setze  man  doppelpunkt  und  übersetze  nun:  'noch  bis  jetzt 
haben  mich  alle  geflissentlich  ignoriert:  nun  hat  mein  nutzen 
und  eure  ehrenbezeigung  ilir  vorbeisehen  in  dieser  (z.  33  mit- 
geteilten) weise  zu  schänden  gemacht',  d.  h.  ich  nehme  jetzt 
eine  geachtete  Stellung  ein. 

Die  Überreichung  der  kerze  bedeutet  eine  kaiserliche 
gnade,  die  vorteil  und  ehre  zugleich  verlieh.  Welcher  art  sie 
gewesen  ist,  hat  man  noch  nicht  feststellen  können.  Es  ist 
nicht  einmal  zu  sagen,  ob  die  Übersendung  der  kerze  wörtlich 
oder  bildlich  verstanden  werden,  symbolisch  oder  wirklich  auf- 
gefasst  w^erden  muss.  Das  iuwer  herze  deutet  auf  eine  kerze 
besonderer  art;  eine  die  der  kaiser  in  procession  getragen  hat? 
Die  kerze  ist  nach  dem  empfang  angezündet  worden,  wie 
V.  34f.  zeigt.  Auf  dem  altar  einer  kirclie?  Ist  es  erlaubt,  eine 
stelle  bei  Gregor  von  Tours,  Hist.  Franc.  10,9  (s.412)  zur  deutung 
heranzuziehen?  Brunner  erwähnt  sie  D. rechtsgesch.  2,  x  (nachtr. 
zu  1, 244).  Mir  hat  sie  mein  in  mittelalterlicher  rechtsgeschichte 
wolbewanderter  College  Wechssler  nachgewiesen,  mit  der  frage, 
ob  sie  sich  verwenden  Hesse,  die  in  rede  stehende  strophe 
AValthers  zu  deuten.  Gregor  sagt  dimissi  sunt  postea  multo  a 
coniuge  Waroci  cum  cereis  et  tahulis  quasi  liheri.  Giesebrecht 
übersetzt  freilich  'bei  kerzenschein'.  Brunner  meint  aber  a.a.O., 
der  herr  habe  dem  knecht  ausser  dem  freibrief  auch  eine  Wachs- 
kerze gereicht  als  symbol  der  freilassung.  Der  freigelassene 
sei  dadurch  in  die  klasse  der  cerarii  eingetreten.  Ich  habe 
sonst  keine  beispiele  für  diese  art  der  freilassung  finden  können. 
War  sie  im  13.  jh.  überhaupt  noch  üblich? 

Ist  die  stelle  für  unsern  spruch  verwendbar,  dann  hätten 
wir  ein  zeugnis  dafür,  dass  der  dichter  vom  kaiser  freigelassen 
und  in  die  social  und  materiell  gut  gestellte  klasse  der  wachs- 
zinspflichtigen ')  erhoben  wäre. 


')  Ueber  diese  vgi.  Schröder,  DRC-f."  s.  223. 450  und  die  dort  angeführte 
literatur. 


202  SARAN 

Passen  würde  die  deutung  an  sicli  sehr  gut.  Doch  mögen 
andere,  rechtskundige  entscheiden,  ob  sie  zulässig  ist. 

Man  kann  aus  der  Strophe  mit  Sicherheit  weiter  nichts 
schliessen,  als  dass  Walther  von  seinen  naclibarn  oder  ge- 
nossen zunächst  ignoriert  wurde  und  erst  durch  eine  über- 
raschend grosse  auszeichnnng  seitens  des  kaisers  achtung  er- 
langte. Die  Strophe  gehört  mit  84, 14  zu  demselben  ton. 
AValther  fühlt  sich  in  dieser  offenbar  gross  im  besitz  seines 
lehens  und  der  Zugehörigkeit  zu  den  ministerialen  des  kaisers. 
Bezieht  sich  v.  36  vielleicht  auf  diese  kreise,  in  die  der  arme 
Sänger  durch  des  kaisers  gnade  aufgenommen  war?  Man 
könnte  84,  30  geradezu  mit  84,  14  zu  einer  einheit  verbinden. 

Mit  diesem  Spruche  bringt  man  seit  Lachmanu  18, 15  in 
Verbindung.  Der  Meissner  bringt  Walthern  nach  C  ein  lief, 
nach  A  ein  lieht.  Die  lesart  von  C  lehnt  Lachmann  als  sinnlos 
ab  und  setzt,  besonders  im  hinblick  auf  84, 33  lieht  in  den 
text.  Von  den  herausgebern  schreibt  nur  Paul  liet,  ohne  im 
übrigen  den  sinn  zu  erklären.')  Er  hält  die  Strophe  für  ein 
lob  des  Meissners,  nicht  Ludwigs. 

Aber  lieht  ist  unmöglich,  und  zwar  aus  grammatischen 
gründen.  Der  Meissner  hat  Walthern  das  geschenk  gebracht, 
AValther  besitzt  es.  Nun  heisst  es  in  der  nächsten  zeile,  es 
vert,  d.h.  es  ist  unterwegs.  "Wäre  das  geschenk  ein  licht,  so 
könnte  es  nur  heissen  daz  viior.  Oder  man  müsste  annehmen, 
Walther  habe  das  licht  weiter  gegeben,  es  sei  die  bestimmung 
der  kerze  gewesen,  von  band  zu  band  zu  gehen.  Aber  was 
bollte  dieses  bedeuten? 

Die  Schwierigkeiten  heben  sich,  wenn  man  liet  schreibt. 
Eine  liedstrophe  hat  AYalther  vom  Meissner  empfangen.  Sie 
ist  von  Ludwig  ausgegangen,  sei  es  dass  er  sie  selbst  gedichtet, 
sei  es  dass  er  sie  hat  von  seinem  hofdichter  machen  lassen. 
Die  Strophe  ist  noch  im  Umlauf  (vert).  Publicum  und  sänger 
verbreiten  sie  immerfort  weiter.  Auf  diese  weise  (vielleicht 
aucli  im  auftrag  Ludwigs)  ist  sie  Walthern  zugekommen.  Der 
inhalt  der  Strophe  ist  für  Walther  so  schmeichelhaft  (v.  19.  23), 

')  Vgl.  auch  Iloltzniaini,  Genn.  1,250,  der  h'ct  verteidigt,  jedoch  \m- 
haltbare  coiubiuatiouen  daran  knüpft. 


zu   WALTHER  84,30   UND    18,1—28.  203 

dass  er  Ludwigs  nicht  mit  ebenso  schönem  lobe  gedenken 
kann,  wie  dieser  des  dichters.  Der  dank  Walthers  für  die 
grosse  ehre  richtet  sich,  wie  der  schluss  der  Strophe  von  v.  21 
an  beweist,  an  den  urheber  des  liedes,  also  an  Ludwig,  nicht 
an  den  Meissner.  Ludwig  ist  offenbar  ein  vornehmer  herr:  das 
tvert  V.  22  und  vor  allem  der  Inhalt  der  verse  26  ff.  beweisen 
es.  Wer  es  ist,  lässt  sich  nicht  feststellen;  für  Ludwig  von 
Baiern  spricht  nichts. 

Was  war  das  nun  für  eine  liedstrophe?  Li  A  und  C  geht 
18, 15  unmittelbar  eine  andere  gleichen  tones  voraus,  die  in 
form  und  Inhalt  nicht  wenig  für  Walther  anstössiges  hat, 
nämlich  18, 1.  Wilmanns  weist  auf  v.  4  lat  ez  A,  latz  C  hin, 
eine  bei  Walthern  ungewöhnliche  kürzung  bez.  eingangssenkung. 
Ferne]'  die  schwebende  betonung  von  v.  9  singe{n)t,  die  man 
anerkennen  muss,  wenn  man  nicht  eingangspause,  also  Unregel- 
mässigkeit im  reihenanfang  zugeben  will.  v.  10,  den  Lach- 
mann ändert,  bietet  in  A  eine  schwebende  betonung:  daz  ge- 
licliet  sich  relite  dlse  ars  ünde  mäne;  in  der  besser  passenden 
lesart  von  C  ausfall  der  Senkung  drs  ünde  mäne.  Durch- 
schlagend ist  keine  dieser  stellen,  zusammengenommen  bedeuten 
sie,  zumal  innerhalb  einer  Strophe,  doch  etwas.  Sicher  für  die 
unechtheit  spricht  nur  die  art,  wie  Walther  erwähnt  wird. 
Es  wird  von  ihm  in  dritter  person  geredet,  er  wird  wie  ein 
unbeteiligter  mit  her  eingeführt.  Auch  darf  man  billig  be- 
zweifeln, ob  sich  Walther  den  derben  vergleich  von  v.  10  ge- 
stattet hätte.  Liest  man  die  Strophe  ohne  Voreingenommenheit, 
so  ist  der  sinn,  dass  Walther  von  einem  uns  unbekannten  gegen 
angriffe  eines  Wicman  oder  Volcnant  in  schütz  genommen  wird. 
Alan  meint  zwar  (Wilmanns  z,  strophe),  Walther  rede  hier  in 
dritter  person  von  sich,  um  durch  objectivität  stärker  zu  wirken. 
Es  ist  aber  sonst  nicht  seine  noch  der  fahrenden  art,  polemik 
in  dieser  objectiven  weise  zu  treiben;  gegen  angriffe  eines 
andern  Sängers  hätte  er  sich  wol  direct  scharf  gewendet. 
Auch  würde  der  angeblich  objective  ausdruck  nur  die  wirkuug 
der  Strophe  schwächen  statt  sie  zu  heben. 

Kurz,  form  und  Inhalt  der  strophe  sprechen  nicht  für 
Walther.  Paul  bezweifelt  deshalb  die  echtheit  (ausg.  z.  st.). 
In  der  tat,  warum  soll  sich  nicht  eine  für  Walthers  kunst 
eintretende,  seinen  namen  nennende  strophe  in  Sammlungen 


204  SARAN,   ZU  WALTHER   84,30  UND    18,1—28. 

seiner  lieder  verirrt  liaben?  Eine  Strophe,  die  den  Marner 
gegen  die  angriffe  eines  kunstgenossen,  des  Meisners,  verteidigt, 
siehe  Jen.  hs.  XI  (Gervelin),  18.    Vgl.  auch  XXI,  88.') 

Ich  meine  nun,  dass  das  liet  Walth.  18, 1  die  in  18, 15 
erwähnte  Strophe  ist.  Ein  Sänger  Wtcman  oder  Volcnant  muss 
danach  vor  Ludwig  Walthers  kunst  (18, 12)  irgendwie  abfällig 
erwähnt  haben:  Ludwig,  ein  gönner  und  Verehrer  dieser  kunst, 
lässt  jene  antwortstrophe  dichten,  in  der  vielleicht  das  sehr 
derbe  bild  18, 10  auf  seine  eigenen  ausdrücke  zurückgeht. 
Die  Strophe  kommt  in  Umlauf,  durch  den  Meissner  auch  zu 
Walther.  Der  dichtet  die  dankende  antwort  18, 15  und  nun 
circulieren  beide  Strophen  zusammen,  so  wie  sie  die  Über- 
lieferung in  A  und  C  noch  bietet.  Denn  beide  Strophen  sind 
später  auch  zusammen  in  die  sammelhandschriften  eingegangen. 
Wir  haben  ein  beispiel  dafür  auch  in  der  Jenaer  hs.,  wo  II,  5 
eine  strophe  des  Harteckers  ist,  auf  die  Stolle  II,  6  antwortet. 
Beide  liet  sind  dann  in  der  hs.  dem  Stolle  zugeschrieben  worden. 
In  C  findet  sich  Walther  18, 15  ausser  als  no.  131  noch  einmal 
als  no.  109,  hier  aber  allein,  ohne  18, 1.  Der  Sammler,  auf  den 
diese  Überlieferung  zurückweist,  hat  vielleicht  noch  den  Ur- 
sprung und  die  beziehung  der  beiden  liet  gekannt. 


1)  Ich  füge  für  die,  welche  sich  von  der  richtigkeit  der  ausfühnuigeu 
von  Sievers  in  seiner  rectoratsrede  üherzengt  haben,  hinzu,  dass  beide 
Strophen  auch  in  der  tonlage  stark  differieren.  Walth.  18, 15  liegt  in 
meiner  Vortragsweise  ziemlich  hoch,  Avie  Walthers  lieder  überhaupt,  18,1 
merklich  tiefer. 

HALLE  a.  S.  FEANZ  SARAN. 


GÄN  UND  STÄN  IM  MEMENTO  MORI. 

Als  ergänzung  entsprechender  beobachtung-en  für  das  ale- 
mannische und  bairische  Sprachgebiet  und  vorwiegend  spätere 
zeit  lohnt  es  sich,  die  Verwendung  der  ä-  bez.  (5 -formen  der 
verba  gä7i  und  stein  im  alemannischen  Memento  mori  fest- 
zustellen. 

Zweimal  —  str.  6,  5  zergät  ( :  sersldt  6,  6)  und  str.  16,  4  gät 
(inmitten  des  verses)  —  zeigt  das  gedieht  die  regelrechten  alem. 
a-formen;  ihnen  steht  eine  mit  e  gegenüber:  gen  str.  11,  6;  diese 
isolierte,  in  einem  alem.  denkmal  so  früher  zeit  aulfällige  form 
ist  vermutlich  des  reims  wegen  gesetzt  —  ein  anderer  grund 
ist  kaum  zu  finden  (vgl.  unten)  — ,  und  es  ist  doch  die  Um- 
stellung drin  gen  vorzunehmen,  welche  Steinmeyer,  MSD.  2-',  165 
schon  vorgeschlagen  hat,  allerdings  infolge  anderer  erwägung.') 

Bestärkt  wird  jene  Vermutung  durch  die  str.  11,  8  folgende, 
durch  den  reim  ( :  armen)  hinlänglich  gesicherte  form  sten  (die 
einzige  dieses  verbums  im  M.  m.),  welche  wie  die  e-formen  von 
gän  sonst  dem  bair.  und  fränk.  dialekt  eigen  ist. 

Dass  die  wenig  reimfähigen  e-formen  da,  wo  sie  nicht 
durch  den  reim  gefordert  wurden,  später  bei  alem.  dichtem 
viel  seltener  Verwendung  fanden  als  die  (sehr  reimfähigen)  mit  ä 
bei  bairischen  (vgl.  Bohnenberger,  Beitr.  22, 214  ff.),  kommt  hier 
—  besonders  für  str.  11,  6  gen  drin  —  auch  in  betracht. 

Wir  haben  also  im  M.  m.  wahrscheinlich  zwei  parallelen 
zu  den  in  der  folge  zeit  vorkommenden,  aber  ziemlich  seltenen 
fällen,  dass  ein  alem.  dichter  der  reinheit  des  reims  zu  liebe 
die  seinem  dialekt  fremden  e-formen  von  gdn  und  stän  ge- 


')  Der  reim  seihen  :  drhi,  den  Steinmeyer  durch  die  Umstellung- 
bessern  möchte,  wäre  an  sich  im  M.  m.  wol  möglich,  vgl.  Scherer,  Zs.  fda. 
24,  442. 


206  MENDIUS,   GAN  UND   STÄN  IM   MEMENTO   MORI. 

brauclit.  wie  umgekehrt  bair.  dichter  häufig  die  alemannischen 
mit  ä  setzen.  1) 

Freilich  ist  auch  an  die  möglichkeit  zu  denken,  an 
welche  hr.  prof.  Braune  erinnerte,  dass  der  alem.  fassung  der 
Strasshurger  hs.  ein  nicht  alem.  original  zu  gründe  liegt.") 
Dann  würden  sich  die  oben  bezeichneten  Verhältnisse  der  e-  bez. 
a-formen  in  dem  gedieht  entsprechend  umkehren.  Auch  andere 
formen  verbieten  eine  solche  annähme  nicht  durchaus. 


^)  Vgl.  Braune,  Ahd.  gr.^  §§  382  iiiid  anm.  2.  383  und  anm.  1  (über  den 
Wechsel  von  «- und  e-formen  auffränk.  und  bair.  gebiet  in  ahd.  zeit  ebda. 
§  383,  anm.  2,  dazu  Bohuenberger  a.  a.  o.  210).  Bohuenberger  s.  209  ff.  Kraus, 
Festgabe  für  Heiuzel,  Halle  1898,  s.  152  ff.  ZAvierzina,  ebda.  s.  467  f.  (Wein- 
hold, Alem.  gr.  §  332,  s.  323.  §  336,  s.  330). 

''')  Die  Vermutung,  dass  dieses  gerade  bair.  gewesen  sei,  möchte  ich 
nicht  aussprechen  etwa  mit  hinweis  darauf,  dass  auch  der  anfang  des  Ezzo- 
lieds  in  derselben  Strasshurger  hs.  offenbar  aus  einer  bair.  quelle  geflossen 
ist  —  die  formen  hechom  2,7  (:  gmidon;  =  bequctm  Vor.  hs.)  und  chom 
6,9  (-.u-ären,  Steinm.  wäron;  =  hechom  [■.iväreu]  Vor.  hs.)  machen  dies 
wahrscheinlich  (vgl.  Braune  a.a.O.  §  340,  anm.  3c);  siet  1,  6  (=  siiit  Vor.  hs.) 
könnte  auch  fränk.  sein  (Braune  §§  382  und  anm.  2.  383  und  anm.  1)  — ; 
denn  die  vielleicht  anzunehmende  vorläge  des  M.  m.  konnte  selbstverständ- 
lich von  der  des  Ezzolieds  dialektisch  verschieden  sein. 

HEIDELBERG.  OTTO  MENDIUS. 


GRAMMATISCHE  MISCELLEN. 

12.    Zum  i-umlaut  im  augelsächsischeu. 

Zur  füllung  des  bogens  mögen  hier  ein  paar  gelegentliche 
notizen  zur  lehre  vom  «-umlaut  im  ags.  platz  finden. 

1)  In  §  100,  anm.  3  meiner  Ags.  grammatik  ist  darauf  hin- 
gewiesen, dass  der  vocal  des  ersten  gliedes  eines  compositums 
bisweilen  durch  den  vocal  der  Stammsilbe  des  zweiten  gliedes 
umgelautet  wird,  wie  z.  b.  in  hlcef-disc  neben  lildf-ord.  Dazu 
möchte  ich  nachtragen,  dass  sich  diese  erscheinung  im  ang- 
lischen  namentlich  auch  bei  eigennamen  zeigt.  So  hat  (wie 
für  die  namen  mit  Ed-  bereits  Chadwick,  Studies  in  OPl  s.  4 


SIEVERS,   GRAMMATISCHE   MISCELLEN.  207 

beobachtet  hat)  der  Liber  vitae  die  namen  Ed-uini,  Eed-ric, 
Hcem-^üs,  der  lat.  Beda  Ed-uini,  jEd-uini,  Ed-ric,  Eed-gils, 
H(Em-gils,  neben  Ead-uini  LY.  und  vielen  iimlautslosen  formen 
(vgl.  die  belege  in  Sweets'  OET.  506.  627.  629  etc.) ') 

Es  wäre  verlockend  (wie  dies  in  der  Ags.  gr.^  in  der  anm. 
s.  227  f.  geschehen  war),  ancli  den  formgegensatz  in  den  namen 
der  verwantenreihe  Hr ed-ric  :  Hröö-sdr,  -mund,  -ulf  im  Beowulf 
hierher  zu  beziehen.  Aber  die  sache  ist  doch  höchst  zweifel- 
haft, da  hier  das  erste  glied  als  alter  5-stamm  an  sich  zwischen 
Umlaut  und  nichtumlaut  schwanken  kann.  Schon  in  den  ältesten 
quellen  zeigt  sich  dies  schwanken,  und  zwar  ohne  rücksicht 
auf  den  vocal  des  zweiten  gliedes.  Nach  den  OET.  641.  648 
hat  z.  b.  der  LV.  Hrod-for,  -uaru,  -uald,  -uulf  neben  Hrod-frith, 
-uini  und  umgekehrt  Hrwö-herct,  -hurs,  -jßofu,  -Idc,  -uald  neben 
nur  einem  Hrded-uini.  Und  abgesehen  von  dem  mehrsilbigen 
(poetischen)  lirödor  kennt  die  spätere  (poetische)  spräche  ausser- 
halb der  Personennamen  bekanntlich  überhaupt  nur  umgelau- 
tetes  hreö. 

2)  Zu  §  100,  anm.  6  ist  als  ältester  literarischer  beleg  für 
nichtumlaut  alter  i- stamme  im  ersten  glied  von  compositis 
scultheta  in  den  Corpusgl.  799  Sweet  =  20, 26  Wright-Wülker 
nachzutragen.  Dazu  treten  dann  einige  alte  eigennamen  mit 
Sa-  statt  des  spätem  See-.  Im  lat.  Beda  steht  Sabercto  etc. 
bei  Sweet,  OET.  39. 54  in  allen  alten  hss.,  69.  375  wenigstens 
neben  Sceherchto  etc.  (die  alte  Moorehs.  kennt  nur  die  ä-form). 
Ebenso  lesen  wir  in  den  Sachs,  genealogien  bei  Sweet  179, 13  f. 
S{aweard)ins,  Sd-weard,  Sd-herliting  und  Sd-berht.  Da  dem- 
nach nun  die  beispiele  für  nichtumlaut  nicht  mehr  allzu  isoliert 
erscheinen,  so  darf  man  das  nichteintreten  des  umlauts  wol  für 
die  eigentliche  lautliche  norm  erklären. 

Es  ist  darum  auch  nicht  unwahrscheinlich,  dass  die  im 
spätws.  nicht  seltene  form  nead  für  nied,  nyd  erst  aus  com- 
positis ohne  Umlaut  wie  nead-^afol,  sild,  -hdd,  -Jices,  -öcarf,  -ivis 
etc.  (Bosworth-Toller  717  ff.)  abgelöst  worden  ist,  ebenso  mög- 
licherweise gemeinwests.  leode  leute  (woneben  ein  Hiede  gar 
nicht  vorkommt)  aus  den  zahlreichen  compositis  mit  liod-,  Uod-. 

1)  Das  von  Chadwick  a.  a.  o.  fussn.  als  ausnähme  angeführte  Ed-^ylli, 
stellt  sich  vielleicht  zu  Ags.  gr.  §  lüü,  anm.  5.  Vgl.  das  kent.  Jle-gyÖe, 
Hce-^yöe  urk.  34,3.  19  neben  Ilea-syde  3  (OET.  441  f.). 


208  SIEVERS,   GRAMMATISCHE   MISCELLEN. 

Auszuschliessen  sind  dagegen  liier  natürlich  bildungen  wie 
ons-sum,  sivot-mete,  stvöt-stence  neben  den  adjectiven  eusc,  sivete, 
denn  hier  liegen  der  composition  bekanntlich  noch  die  alten 
w-stämme  zu  gründe. 

3)  Zu  den  Ags.  gr.  §  100,  anm.  7  erwähnten  compositis  ohne 
Umlaut  im  zweiten  glied  lassen  sich  etwa  noch  nachtragen  (be- 
lege bei  Bosworth- Toller,  wo  nicht  anders  angegeben):  mit 
Partikel  an  erster  stelle:  ce-cnosle  degener  (Wright-Wülker), 
de-,  d-scdere  (?)  nicht  geschoren  (nicht  *-sciere,'^-scyre);  or-leahtre 
tadellos,  or-tüdri  effectum  Corp.  723  (hs.  nach  Sweet,  Wülker 
und  Hesseis  onüidri]  vgl.  aber  Wright-Wülker  226, 19  Effetum 
ortydre);  mit  Zahlwort:  tivy-höie  doppelbusse  habend,  twi-hweole 
zweirädrig  (nur  acc.  üvihweolne),  ticy-sceatte  doppelt  zu  zahlen, 
dri^care  dreijährig,  fyöer-föte  vierfüssig  {feoÖor-föta,  -o  pl.  LR.^); 
ferner  earfod-Jidtve  schwer  zu  sehen,  midfeonve  in  mittlerem 
lebensalter  befindlich  CP.  385,  31,  toran-ea^e  triefäugig. 

Von  sufflxbildungen  ohne  umlaut  kommt  ausser  den  a.  a.  o. 
bereits  erwähnten  -isc  (vgl.  noch  ceorlisc,  s<^'aÄlisc  und  bes. 
namen  wie  sallisc,  romdnisc),  -incel  (belege  s.  Ags.  gr.  §  248, 
anm.  4)  und  -inj  (man  beachte  besonders  die  patronymica  wie 
Eafins,  Eopxnns,  Brandinj,  Wödenins  etc.,  die  überhaupt  keinen 
umlaut  haben,  auch  das  adverbiale  -insa  wie  in  eallin$a  neben 
eallungd)  das  -en  jüngerer  stoffadjectiva  in  betracht,  wie  in 
swejlen,  stoccen,  treotven  (seolcen  neben  sücen,  seolfren  neben 
sylfren)  zu  sivefl,  stocc,  lieoiv,  sioluc,  siolufr  u.  ä. 

LEIPZIG,  8.  märz.  1902.  E.  SIEVERS. 


DIE  SUBSTANTIVFLEXION 
SEIT  MITTELHOCHDEUTSCHER  ZEIT. 

I.  teil:   Masculina. 

Aus  dem  beg-riff  der  scliriftspraclie  als  kimstspraclie  ergibt 
sicli  die  tatsaclie,  dass  diese  den  verschiedensten  einwirkimg-en 
von  seilen  der  mundarten  ausgesetzt  ist.  Zalilreiclie  schwierig-- 
keiten  bieten  sich  bei  der  erklärung  der  nhd.  sprachlichen 
Verhältnisse,  wenn  man  unmittelbar  an  die  spräche  der  mhd. 
klassiker  anknüpft.  Erst  die  erforschung  der  mundarten  hat 
neue  ausblicke  eröffnet  und  zur  erkenntnis  mancher  erschei- 
nungen  geführt.  Seit  Jacob  Grimm  bis  auf  die  gegenwart 
hat  es  nicht  an  gelungenen  versuchen  gefehlt,  eine  brücke 
zwischen  nhd.  und  mhd.  sprachniedersetzung  zu  schlagen.  Für 
die  ganze  nhd.  epoche  aber  —  ich  meine  die  zeit  von  1350 — 
1800  —  ist  das  gebiet  der  formenlehre  noch  nicht  behandelt 
worden.  In  der  vorliegenden  arbeit  habe  ich  mir  die  aufgäbe 
gestellt,  einen  teil  dieses  zweiges  der  nhd.  grammatik  im  Zu- 
sammenhang zu  betrachten:  es  ist  die  flexion  des  Substantivs. 

In  der  einleitung  überblicke  ich  zunächst  die  abhandlungeu, 
die  sich  mit  dem  gegenständ  beschäftigen,  und  suche  den  wert 
ihrer  ausführungen  für  meine  darstellung  zu  bestimmen.  Daran 
wird  sich  die  aufzählung  sprachwissenschaftlicher  einzelunter- 
suchungen  schliessen,  die  für  die  nhd.  zeit  recht  zahlreich  sind, 
für  mein  thema  indes  wegen  der  Unzulänglichkeit  ihres  materials 
oft  im  Stiche  lassen.  Es  folgen  die  angaben  der  von  mir  ge- 
prüften texte  und  daran  reihen  sich  zum  Schlüsse  der  einleitung 
die  titel  der  älteren  grammatiken,  deren  regeln  zur  ergänzung 
der  aus  den  texten  gewonnenen  resultate  nicht  durften  über- 
sehen werden. 

Beiträge  zur  gescliichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  "14 


210  MOLZ 

In  betreff  der  citate  ist  folgendes  zu  bemerken: 
Die  angaben  des  fundortes  sind  meist  unterblieben,  wenn 
eine  form  aus  Gortzitza,  Kelirein  oder  einer  andern  darstellung 
entlehnt  wurde.  Aber  auch  bei  einigen  von  mir  selbst  unter- 
suchten texten  sind  leider  die  belegsteilen  nicht  notiert  worden. 
80  bei  Rosenblut,  Folz,  Purgoldt,  Pauli,  Manuel,  Alber,  Julius 
von  Braunschweig,  Mathesius  und  Ayrer.  Ich  verfuhr  bei  der 
Prüfung  der  denkmäler  natürlich  statistisch,  unterliess  aber  im 
anfang,  durch  falsche  Vorbilder  verleitet,  die  genauere  auf- 
zeichnung  des  fundortes  jeder  form.  In  diesem  falle  nun  bitte 
ich  um  glauben.  Dem  wissenschaftlichen  wert  der  darstellung 
geschieht  darum  kein  abtrag;  da,  wo  meine  notizen  für  die 
lexikographie  Interesse  beanspruchen  dürfen,  sind  die  beleg- 
st eilen  aufgezeichnet.  Für  die  belegstellen  galt  mir  bei  allen 
denkmälern  dasselbe  princip:  die  erste  zahl  gibt  die  seite  an, 
die  zweite  die  zeile.  Ein  stern  hinter  einem  citat  bedeutet, 
dass  die  betr.  form  im  reim  steht. 

Arbeiten  über  die  nhd.  substantivflexion. 

W.  0.  Gortzitza,  Die  nhd.  substantivdeclination.  1.  teil, 
progr.,  Lyck  1843.  2.teil,  Herrigs  archiv  16, 405ff.  3.  teil,  progr., 
Lyck  1866.  Gortzitzas  arbeiten  sind  besonders  für  die  zeit  der 
blute  der  deutschen  literatur  als  Sammlungen  von  hohem  werte. 
Ihnen  verdanke  ich  im  wesentlichen  die  citate  aus  den  werken 
von  Herder,  Wieland,  Goethe,  Schiller  u.  a. 

J.  Kehrein,  Grammatik  des  15.— 17.  jh.'s.  1,  §  267—318. 
Die  Sammlungen  Kehreins  waren  zur  ergänzung  meiner  eigenen 
Untersuchungen  willkommen.  Albrecht  von  Eyb,  Aventin,  Sachs, 
Moscherosch  sind  abei'  von  neuem  geprüft,  wodurch  zugleich 
ein  massstab  für  die  Zuverlässigkeit  von  Kehreins  citaten  ge- 
wonnen wurde. 

Klaudius  Bojunga,  Die  entwicklung  der  nhd.  substantiv- 
declination, Leipzig  1890.  Burdach  hatte  ohne  zweifei  auch 
Bojungas  abhandlung  im  äuge,  als  er  von  einzeln  verdienst- 
lichen Specialuntersuchungen  auf  dem  gebiete  der  nhd.  spräche 
redete.  Bojunga  hat,  anknüpfend  an  die  forschungen  von  Paul 
und  Behaghel,  die  associativen  und  lautphysiologischen  Vor- 
gänge in  der  nhd.  substantivflexion  dargestellt.  Der  weg,  den 
Bojunga  in  dieser  beziehung  eingeschlagen,  ist  auch  von  mir 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  211 

verfolgt  worden.  Auf  seine  Untersuchung"  muss  ich  also  ein 
für  allemal  verweisen.  Das  material  indes,  auf  das  sich  Bo- 
jungas  erörterungen  gründen,  kann  nicht  als  genügend  be- 
zeichnet werden.  Der  mangel  an  ausreichender  lectüre  hat 
den  verf.  zuweilen  zu  irrigen  Schlüssen  geführt.  Auch  die 
heimat  und  damit  die  dialektischen  eigentümlichkeiten  der  ein- 
zelnen schriftsteiler  haben  bei  Bojunga  nicht  die  gebührende 
beachtung  gefunden.  Trotzdem  bietet  das  ganze  der  arbeit 
eine  so  reiche  fülle  von  sicheren  ergebnissen,  dass  ich  den  ins 
allgemeine  gehenden  theoretischen  erörterungen  nicht  allzu  viel 
neues  hinzufügen  kann. 

0.  Behaghel,  Pauls  Grundr.  I2,  752  ff. 

Endlich  muss  hier  noch  erwähnt  werden  W.  Friedrich, 
Die  flexion  des  hauptworts  in  den  heutigen  mundarten,  Giessener 
diss.,  Halle  1901.  Die  arbeit  Friedrichs,  die  eine  Zusammen- 
fassung der  in  der  modernen  dialektliteratur  zerstreuten  an- 
gaben über  die  flexivischen  erscheiuungen  des  hauptworts  in 
den  mundarten  darstellt,  ist  zur  ergänzung  meiner  ausführungen 
herangezogen.  Oft  genug  stehen  die  bei  Friedrich  erwähnten 
tatsachen  auch  mit  meinen  ergebnissen  in  einklang.  Der  ver- 
gleich des  heute  in  der  mundart  bestehenden  und  der  in  unsern 
texten  begegnenden  erscheiuungen  wird  in  diesem  falle  einen 
rückschluss  auf  den  Zeitpunkt  gestatten,  seit  welchem  die 
mundart  sich  in  ihren  heutigen  bahnen  bewegt.  So  wird  auch 
Friedrichs  arbeit  dazu  beitragen,  manche  Wandlungen,  die  sich 
in  unserer  nhd.  substantivfiexion  vollzogen  haben,  ins  rechte 
licht  zu  rücken. 

Da  aber  alle  natürliche  Sprachentwicklung  einem  ununter- 
brochenen Wandel  unterworfen  ist,  werden  die  angaben  Fried- 
richs häufig  mit  den  in  meinen  texten  landschaftlich  begrenzten 
eigentümlichkeiten  nicht  übereinstimmen.  Dem  gegenüber  soll 
meine  arbeit  gleichsam  die  geschichte  der  flexion  auch  in  den 
Schriftsprachen  der  einzelnen  dialektgebiete  aufzeigen  bis  zu 
dem  Zeitpunkt,  wo  die  im  wesentlichen  auf  md.  grundlage  be- 
ruhende nhd.  bildungssprache  sich  bahn  zu  brechen  beginnt; 
d.h.  nach  dem  auftreten  Luthers.  Ich  rede  ausdrücklich  von 
der  flexion  der  Schriftsprachen  einzelner  dialekte.  Denn  es 
darf  als  ausgemacht  gelten,  dass  die  spräche  eines  Kyb,  Pauli, 
Aventin  oder  irgend  eines  andern  autors  aus  der  frühnhd.  zeit 

14* 


212  MOLZ 

weit  entfernt  gewesen  ist,  die  reine  lieimisclie  mundart  widerzu- 
geben. Wann  lagen  die  in  der  abhandlung  Friedrichs  gezeich- 
neten flexivischen  Verhältnisse  in  den  mundart en  vor?  Zu  wel- 
chem Zeitpunkte  gaben  die  mundarten  die  Casusunterscheidung 
auf?  Diese  fragen  lassen  sich  an  der  hand  der  erwähnten  disser- 
tation  durch  eine  sorgfältige  prüfung  solcher  denkmäler,  die  be- 
sonders mundartliches  gepräge  tragen,  einer  sicheren  lösung 
zuführen.  Die  beantwortung  dieser  fragen  greift  über  mein 
thema  hinaus.  Vielleicht  kann  bei  anderer  gelegenheit  darauf 
eingegangen  werden. 

Schliesslich  ist  es  noch  wichtig,  darauf  hinzuweisen,  dass 
bei  der  reflexion  über  die  gestaltung,  den  aufbau  einer  Schrift- 
sprache psychologische  erwägungen  in  höherem  grade  am  platze 
sind  als  bei  der  erklärung  dialektischer  eigentümlichkeiten. 
Die  mit  der  niederschrift  eines  wortes  zusammenhängender  rede 
verbundene  müsse  und  Überlegung  weckt  weit  mehr  die  er- 
innerungsbilder  verwanter  vorstellungskategorien  als  die  rasch- 
heit des  gesprochenen  wortes.  Dazu  wäre  vor  allem  die  be- 
handlung  der  mhd.  schwachen  masculina  in  den  mundarten 
(Friedrich  s.  40.  46)  und  in  der  Schriftsprache  (s.  unten  unter 
'masculina  mit  -ew-suffix')  zu  vergleichen, 

Vorarbeiten. 
J.  Grimms  darstellung  der  nhd.  spräche  in  seiner  Deutschen 
grammatik  leidet  unter  dem  allgemeinen  mangel  seiner  zeit  an 
genauerer  kenntnis  der  Schriften  des  14. — 17.  jh.'s.  Dieser 
lücke  ist  sich  Grimm  bekanntlich  wol  bewusst  gewesen.  Er 
gibt,  Gr.  vorr.  xi  dem  wünsch  ausdruck,  dass  andere  unser 
wissen  von  dem  werden  der  Schriftsprache  durch  sprachliche 
Untersuchungen  der  schritten  jener  zeit  des  Übergangs  ver- 
tiefen möchten.  Dem  rufe  des  meisters  folgte  als  erster  K.  A. 
Koberstein,  der  in  den  jähren  1828 — 1852  mit  seinen  Unter- 
suchungen Ueber  die  spräche  des  österreichischen  dichters 
Peter  Suchenwirt  den  reigen  der  einschlägigen  sprachwissen- 
schaftlichen Sonographien  eröffnete.  Im  jähre  1844  hat  Fr. 
Pfeiffer  in  der  einleitung  zu  Boners  Edelstein  s.  x  von  neuem 
die  Wichtigkeit  sprachlicher  Untersuchungen  der  schriftlichen 
denkmäler  der  in  rede  stehenden  periode  betont.  Die  gegebenen 
anregungen   sind   auf   fruchtbaren   boden   gefallen.    Aus  der 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  213 

grossen  zahl  der  bis  jetzt  erschienenen  hierhergehörigen  ab- 
handlimgen  sind  in  meiner  darstellung  folgende  benutzt:  über 

Abraham  a  Santa  Clara:  C.  Blanckenburg-,  lieber  die  spräche 
Abrahams,  Halle  1897.  —  F.  Laue  her  t,  Ueber  die  sijrache  Abrah.,  Alem. 
17,  77  ff. 

Alberus,  Erasmus:  W.  Fundiiiger,  Die  darstelhiug  der  spräche  des 
Erasmns  Alb.,  Freiburg  1892. 

Dornblüth,  Augustin:  C.  Boucke,  Dorublüths  Observationes,  Frei- 
burg 1895. 

Elisabeth  Charlotte  von  Orleans:  A.Urbach,  Ueber  d.  spräche 
in  den  deutschen  briefen  der  herzogin  Elis.  Charl.  v.  Orl.,   Greifswald  1899. 

Goethe:  A.Lehmann,  Goethes  spräche  und  ihr  geist,  Berlin  1852. 
—  E.  Alb  recht.  Zum  Sprachgebrauch  Goethes,  Crimmitschau  1877.  —  Erich 
Schmidt,  Anz.fda.  20,  310.  —  Paul  Kuauth,  Goethes  spräche  und  stil  im 
alter,  Leipzig-  1898. 

J.Grimm:  K.  G.  Andre  sen,  Ueber  die  spräche  Grimms,  1869. 

Haller:  Horak,  Die  entwicklung  der  spräche  Hallers,  Bielitz  1890  f. 

Herder:  Th.  Längin,  Die  spräche  des  jungen  Herder  in  ihrem  Ver- 
hältnis zur  Schriftsprache,  Freiburg  1891. 

Heribert  von  Salurn:  Adolf  Hu  eher,  Ueber  H,  v.  Salurn,  Inns- 
bruck 1872. 

Kaufringer:  K.  Eulin g,  Ueber  spräche  und  verskuust  Kaufriugers. 
Lingen  1899. 

H.V.Kleist:  G.  Minde-Pouet,  H.  v.  Kleist,  seine  spräche  und  sein 
•  Stil,  Weimar  1892. 

Klopstock:  "Würfl,  Ueber  Klopstocks  poetische  spräche,  Herrigs  arch. 
64,  271-340.  65,  250—320. 

Lessing:  Fr.  Tj-rol,  Lessings  sprachliche  revision  seiner  jugend- 
dramen,  Berlin  1893. 

Luther:  K.Franke,  Grundzüge  der  Schriftsprache  Luthers,  Neues 
Laiis.  mag.  24  (1888).  —  G.  Kiessling,  Bibelsprache  und  rahd.,  6.  Jahresb. 
d.  sem.  zu  Zschopau  1876.  —  0.  Hertel,  Die  spräche  Luthers  im  Sermon  von 
den  guten  werken,  Zs.  fdph.  29,  433  ff.  —  [Nicht  zugänglich  war  mir  W.  W. 
Flor  er,  Substantivtlexion  bei  M.Luther  (Bibelausg.  1545),  Ann  Arbor  1899 
(diss.  der  Cornell  univ.)]. 

Thomas  Murner:  Fr.  Lauch  er  t,  Studien  zu  Thomas  Murner,  Alem. 
18, 139  ff.  283  ff.  19, 1  ff. 

Schiller:  F.  M.  E.  Kasch,  Mundartl.  in  der  spräche  Schillers,  Greifs- 
wald 1900. 

S  u  c  h  e  n  vv  i r  t :  C.  A.  K  0  b  e  r  s  t  e  i  n ,  Quaestiones  Suchenwirtianae  spec.  H. 
Numburgi  1842. 

Volksbuch  vom  Dr.  Faust:  Edwin  Hagfors,  Die  substantivdecli- 
nation  im  Volksb.  v.  dr.  F.,  Memoires  de  la  societe  neo-philologique  ä  Hel- 
singfors  2  (1897),  65  ff. 

Unter  diesen  verdienen  die  arbeiten  von  Blanckenburg, 
Andresen,  Horak,  Würfl,  Franke,  Hertel,  Laiichert, 


214  MOLZ 

Kasch  und  Hagfors   als  für  unsere  abhandlung  besonders 
wertvoll  hervorgehoben  zu  werden. 

Untersuchte  texte. 
Selbst  untersucht  habe  ich: 

14.  Jahrhundert:  Ulrich  Boner,  lier.  v.  Franz  Pfeiffer.  —  Matthias 
Beheims  Evaugelienbnch,  her.  v.  Bechsteiu.  —  Urkunden  in  Weizsäckers 
Reichstagsacten  ä.  r.  1  und  bei  Janssen,  Frankfurts  Eeichscorr.  1. 

15.  Jahrhundert:  Urkunden  hei  Chmel,  Urkunden,  briefe  und  zur 
geschichte  Maxim.  (Bibl.  d.  lit.  ver.  10)  imd  im  Urkundenbuch  der  Stadt  Arn- 
stadt (Thür.  geschieh tsqu eilen  1).  —  Joh.  Purgold t,  Eechtbuch  (Sammlung 
der  rechtsquellen  2).  —  Chroniken  deutscher  städte:  Augsburg  1.  3.  5, 
Nürnberg  4.  5,  Mainz  1.  —  Stretlinger  chronik  (um  1450)  her.  v.  Bäch- 
told  (Bibl.  älterer  schriftw.  d.  deutschen  Schweiz  1).  —  Michael  Beheim, 
Buch  V.  d.  Wienern  (1466),  her.  v.  Karajan.  —  Hans  Eosenblut,  in  der  Bibl. 
des  lit.  ver.  bd.  28.  29.  no.  5.  16.  39-42.  45.  47—49.  65—104.  116.  bd.  30, 
s.  1083— 1185.  —  Hans  Folz,  ebda.  bd.  28.  29.  no.  1.  7.  38.  44.  60.  112. 
bd.30.  s.  1197— 1323.  —  Niklas  von  Wyle,  Translationen,  ebda.  bd.  57.  — 
Buch  der  beis-piele  der  alten  weisen  (1481),  ebda,  bd.56.  —  Sebastian 
Brant,  Narrenschiff,  her.  v.  Zarncke.  —  Albrecht  von  Eyb,  Ehebüchlein 
und  dramenübertragungen,  in  den  Schriften  z.  gerra.  phil.,  her.  von  M.  Eoe- 
diger,  h.  4f.  —  Ulrich  Füeterers  prosaroman  von  Lanzelot,  her.  von  A. 
Peter  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  175). 

16.  Jahrhundert:  Chroniken  deutscher  städte:  Augsburg  4, 
Mainz  2.  —  Die  geschichten  und  taten  Wilwolts  von  Schaumburg  (Bibl. 
d.  lit.  ver.  bd.  50).  —  Sterzin g er  spiele  (1510—1511),  her.  von  0.  Zingerle 
(Wiener  neudi-ucke  9).  —  Weisskunig,  her.  von  A.  Schulz,  Wien  1888  (Jahr- 
buch der  kunsthistorischen  samml.  des  allerh.  kaiserhauses  bd.  6).  —  Joh. 
Pauli,  Schimpf  und  ernst  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  85).  —  Niklas  Manuel, 
Bibl.  alt.  Schriften  der  deutsch.  Schweiz  2  (1878).  —  Joh.  Turmair  gen. 
Aventinus,  Baierische  chronik,  her.  von  M.  Lexer,  1,  2  (München  1883), 
s. 581— 903.  —  Justus  Jonas,  Briefwechsel,  ges.  von  Gustav  Kawerau,  Halle 
1885.  —  ErasmusAlberus,  Wider  die  verkehrte  lehre  der  Carlstadter, 
1556.  —  Paul  Eebhuhn,  Dramen  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  49).  —  Zimme- 
rische clironikl  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  91).  —  Hans  Sachs,  Werke  bd.  16 
(Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  179).  —  Burkhard  Waldis,  Esopus,  Deutsche  bibliotkek 
1,1,1 — 292.  —  Nicolaus  Herman,  Die  sonntagsevangelien,  Bibl.  deutscher 
schriftsteiler  a.  Böhmen  bd.  2  (1895).  —  Joh.  Mathesius,  Werke,  Bibl. 
deutsch,  schriftst.  aus  Böhmen  bd.  4.  9.  —  Heinrich  Julius  von  Braun- 
schweig, Dramen  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  36).  —  Cyriacus  Spangenberg, 
Von  der  musica  und  den  meistersängeru  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  62).  —  Jacob 
Ayrer  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  78— 80).  —  Nicodenms  Frischlin,  Deutsche 
dichtungeu  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  41).  —  Georg  Eoll enhagen,  Froschmeuseler, 
her.  von  K.  Goedeke  (Leipzig  1876),  s.  1—150. 

17.  und  18.  Jahrhundert:  Joh.  Rud.  Fischer,  Letzte  weltsucht  imd 
teufelsbrut,  Ulm  1623.  —  Martin  Opitz,  Buch  von  der  deutscheu  poeterei, 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  215 

162-1:  (Hall,  ueuflr.  1).  —  J.  M.  Moscherosch,  Wunderliche  i;nd  wahrhaf- 
tige gesichte  Philanders  von  Sittewald,  Strassbnrg  1643,  1. 1.  —  Simon 
Dach,  Gedichte,  her.  von  H.  Oesterley  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  130),  s.  91—290. 

—  Marino  Kalloandro,  Nürnberg  1656,  2  teile.  —  Andreas  Gryphius, 
Trauerspiele  (Bibl.  d.  lit.  ver.  bd.  162),  s.  1—100.  —  Christian  Weise,  Die 
drei  ärgsten  erzuarreu,  1673  (Hall,  neudr.  12— 14).  —  Daniel  Casper  von 
Lohenstein,  Grossmütiger  feldherr  Arminius  oder  Herrmann,  Leipzig  1689, 
s.  1 — 150.    —    Amandas  de  Amando,   Der  verliebte  Europäer,  Wien  1682. 

—  Dauid  Georg  Morhof,  Unterricht  von  der  teutschen  spräche  und  poesie, 
Kiel  1682.  —  Christian  Reuter,  Schelmuftsky.  Lustspiele:  Die  ehrliche 
frau.  Frau  Schlampampe  (Hall,  neudr.  57.  58.  59).  —  Chronik  der  gesell- 
schaft  der  mahler,  1721—1722,  Bibl.  alt.  schriftw.  d.  deutschen  Schweiz 
2.  Serie,  h.  1  (1887).  —  Parnassus  boicus  oder  neu  eröffneter  musenberg 
bd.  2.  3,  München  1723—1726.  —  (Georg  Litzel),  Der  undeutsche  katholik 
durch  Megalissus,  und  im  anhang:  Jesuiteupoesie,  Jena  1731. 

Für  die  wähl  der  untersuchten  texte  sind  die  von  Burdach, 
Kluge,  Schröder,  v.  Bahder  (in  der  einleitung  zu  seinen  Grund- 
lagen des  nhd.  lautsj^stenis)  aufgestellten  gesichtspunkte  mass- 
gebend gewesen.  Vgl.  die  literaturangaben  in  Pauls  Grundr. 
12,674.1) 

Aeltere  grammatiker. 
Von  älteren  grammatikern  wurden  zu  rate  gezogen: 

J.  Ch.  Adelung,  Lehrgebäude  der  deutschen  spräche,  bd.  1,  Leipzig 
1782.  —  K.  Fr.  Aic  hing  er,  Versuch  einer  deutschen  Sprachlehre,  Frankfurt 
und  Leipzig  1753.  —  Laur.  Albertus,  Deutsche  grammatik,  her.  von  C. 
MüUer-Fraureuth,  Strassbnrg  1895.  —  J.Bödiker,  Grundsätze  der  deutschen 
spräche,  Colin  a.  d.  Spree  1690;  vermehrt  durch  Frisch,  Berlin  1729;  durch 
neue  zusätze  vermehrt  von  Joh.  Jac.  Wippel,   Berlin  1746.   —   (Braun), 


1)  Den  dort  angeführten  Schriften  seien  die  folgenden  hinzugefügt: 
R.  von  Raum  er,  Ueber  die  entstehung  der  nhd.  Schriftsprache,  in  dessen 
Gesammelten  sprachw.  Schriften  (1863),  s.  189  ff.  —  Ders.,  Das  deutsche 
Avörterbuch  der  gebrüder  Grimm  und  die  entwicklung  der  nhd.  Schrift- 
sprache, ebda.,  s.  331ft.  —  W.  Scher  er,  Die  deutsche  Spracheinheit,  vor- 
trage und  aufsätze  (1874),  s.  45  ff.  —  E.  Wülcker,  Luthers  Stellung  zur 
kursächsischen  kanzleisprache ,  Germ.  28,  191  ff.  —  Eugen  Wolf,  Ueber 
Gottscheds  Stellung  in  der  geschichte  der  deutschen  spräche,  Festschr.  für 
R.  Plildebrand  (1894),  s.  208  ff.  —  Bruno  Arndt,  Der  Übergang  vom  mittel- 
hochdeutschen zum  neuhochd.  in  der  spräche  der  Breslauer  kanzlei,  Breslau 
1898  (dazu  vgl.  die  rec.  von  W.  Scheel,  Zs.  fdph.  31  (1899),  s.  514  ff.).  — 
J.Luther,  Die  reformationsbibliographie  und  die  geschichte  der  deutschen 
spräche,  Berlin  1898.  —  E.Schröder.  Rec.  von  Lindmeyrs  diss.  über  den 
Wortschatz  in  Luthers,  Emsers  und  Ecks  Übersetzung  des  Neuen  testaments, 
Gott.  gel.  auz.  iÜ2  (1900),  274  iL 


216  MOLZ 

Anleitung  zwr  deutschen  sprachkuust,  Münclien  1765.  —  Jac.  Brücker, 
Teutsche  grammatik,  Frankfurt  1G20.  —  J.  Clajus,  Deutsche  grammatik 
(1578),  her.  von  Fr.  Weidling,  Strassburg  1894.  —  Nath.  Duesius,  Cona- 
pendium  grammaticae  germ.,  Amstelodami  1668.  —  Girhert,  Grammatik, 
JMühlhausen  i.  Th.  1653.  —  J.  Chr.  Gottsched,  Vollständige  und  neuerläu- 
terte deutsche  Sprachkunst,  6.aufl.,  Leipzig  1776.  —  Chr.Gueintz,  Deutscher 
Sprachlehre  entwurf,  Cöthen  1641.  —  Joh.  Mich.  Heinz e,  Anmerkungen  über 
herrn  prof.  Gottscheds  deutsche  Sprachlehre,  Gott,  und  Leipzig  1759.  —  Jac. 
Hemmer,  Deutsche  Sprachlehre,  Mannheim  1775.  —  Chr.  Fr.  Hempel,  Er- 
leichterte hochdeutsche  Sprachlehre,  Frankf.  und  Leipzig  1754.  —  Die  teutsche 
Grammatica  von  dem  Informatore  der  teutschen  spräche  bei  dem  Petersb. 
gymuasium.  Gedr.  bei  d.  akademischen  buchdruckerei,  Petersb.  1730  (citiert 
Euss.  gramm.).  —  Joh.  Hei.  Meichsner,  Handbüchlein,  1564.  —  Joh.  Nast, 
Der  teutsche  Sprachforscher,  1.  teil,  Stuttg.  1777.  —  Alb.  Gelinge r,  Deutsche 
grammatik,  her.  von  W.  Scheel,  Halle  1897.  —  Is.  Pölmaun,  Neuer  hoch- 
deutscher Donat,  zum  grund  gelegt  der  neuhochd.  grammatik,  Berlin  1671. 

—  J.  S.  Y.  Popo witsch,  Die  notwendigsten  aufaugsgründe  der  teutschen 
Sprachkunst,  Wien  1754.  —  St.  Ritter,  Grammatica  germanica,  Marpurg 
1616.  —  H.  Schoepf,  Institutiones  in  lingiiam  germanicam  sive  alleman- 
nicam,  Mainz  1625.  —  J. G.  Schottel,  Ausführliche  arbeit  von  der  teutschen 
haubtsprache,  Braunschweig  1663.  —  J.C.  Stieler  (der  Spate),  Kurze  lehr- 
schrift  von  der  hochteutschen  sprachkunst  (anhaug  zu  seinem  Wörterbuch). 

—  J.  B.  Thomasiuus,  Nouvelle  grammaire  allemande,  Basle  s.  1.  Rhin  1692. 

—  J.  G.  H.Weber,  Deutsche  sprachkunst,  Frankf.  a.M.  1759. 

Einige  ältere  werke  waren  mir  nicht  zugänglich;  andere 
boten  nichts  wesentliches.')  Wichtig  für  meine  Untersuchung 
waren  dagegen  in  erster  linie  die  grammatiken  des  18.  jh.'s, 
deren  entstehung  wol  meist  auf  Gottscheds  energisches  ein- 
treten für  eine  geregelte  gemeinspraclie  zurückzuführen  ist. 
Es  sind  dies  die  werke  von  Aic hinger,  Braun,  Hemmer, 
Nast  und  Popowitsch.  Diese  lehnen  sich  in  ihren  aus- 
führungen  sicher  an  Gottsched  an,  dessen  Grundlegung  einer 
deutschen  sprachkunst  bereits  im  jähre  1724  erschienen  war. 
Aber  gerade  auf  dem  gebiete  der  declination  zeigen  sich  bei 
ihnen  wichtige  abweichungen  von  Gottsched,  die  mundartlichen 
einfluss  widerspiegeln. 

Welch  wichtige  rolle  Adelung  bei  der  regelung  der  flexi- 
vischen  Verhältnisse  des  nhd.  Substantivs  gespielt  liat,  wird 
dem  äuge  des  aufmerksamen  lesers  nicht  entgehen.    Er  war 


')  Dahin  gehören:  FabianF rank,  Deutscher  sprach  art  und  eigenschaft, 
1531.  —  Deutsche  sprachkunst,  Halle  1630.  —  Neue  kurze  und  deutliche 
Sprachkunst,  Regensburg  1687. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  217 

es,  bei  welchem  sich  selbst  unsere  grossen  dichter  in  fällen 
des  zweifeis  rats  erholten. 

Wörterbücher. 
Neben   dem   Deutschen  Wörterbuch   der   brüder   Grimm, 
wurden  die  älteren  Wörterbücher  von  Dasypodius,  Maaler 
Henisch,  Stieler,  Steinbach  und  Frisch  zur  ergänzung 

herangezogen. ') 

Anlage. 

Was  die  anläge  meiner  arbeit  im  ganzen  betrifft,  so  mussten 
für  die  einteilung  in  flexionsklassen  zunächst  die  nhd.  Verhält- 
nisse massgebend  sein.  Innerhalb  dieser  klassen  bildet  dann 
das  mhd.  die  weitere  grundlage.  Freilich  ist  es  nicht  immer 
möglich,  die  mundartlichen  besonderheiten  der  einzelnen  denk- 
mäler  von  dieser  basis  aus  zu  erklären.  Wenigstens  ist  nicht 
immer  mit  Sicherheit  zu  entscheiden,  inwieweit  seit  älterer  zeit 
eine  Sonderentwicklung  in  einzelnen  dialekten  stattgefunden 
hat.    Doch  sind  diese  fälle  selten. 

Den  mannigfachsten  einflüssen  waren  die  flexivischen 
gruppen  unter  sich  ausgesetzt.  Berührungen  und  Übergänge 
dieser  art  werden,  sofern  sie  nur  vereinzelt  auftauchen  und 
nicht  zur  ausbildung  von  besondern  klassen  führen,  bei  der 
darstellung  der  entwicklung  jeder  einzelnen  klasse  mit  erwähnt 
werden:  so  wird  z.  b.  der  pl.  armen  seine  stelle  bei  der  behand- 
lung  der  männlichen  «-stamme  finden,  und  nicht  bei  der  misch- 
klasse  der  masculina;  ebenso  der  pl.  arme  nicht  bei  den  «-stammen. 
Durch  diese  art  der  behandlung  wird  es  leichter,  den  umfang 
der  associativen  Vorgänge  zu  verfolgen,  denen  jede  gruppe  aus- 
gesetzt gewesen  ist. 

I.   Uinlautsfäliige  a- stamme. 

Die  zahl  der  nach  dem  reinen  t3^pus  der  a- stamme  flec- 
tierenden  Wörter  ist  durch  die  weite  ausdehnung  des  umlauts 
stark  vermindert  worden.  Schon  im  mhd.  gab  es  deren  relativ 
nur  wenige.  Aber  ihre  anzahl  wurde  durch  den  übertritt  einer 
reihe  von  i-stämmen,  durch  den  anschluss  einer  anzahl  schw^acher 
masculina  und  einer  menge  von  fremden  Wörtern  vermehrt. 


>)  Andere  benutzte  Schriften  werden  im  lanfe  der  darstellung  namhaft 
gemacht  werden. 


218  MOLZ 

1.  Mild,  a-stämme,  die  sich  im  nlid.  behauptet  habeu: 
ann,  yurt,  lidlm,  huncl,  krach,  laut,  pimld,  schuh,  tag,  thron,  tod. 

Die  a-stämme  sind  bei  der  entwickhing-  des  deutschen  bis 
zum  nhd.  herab  mannigfachen  Schwankungen  unterworfen  ge- 
wesen. Am  liäufigsten  treten  sie  zur  flexion  der  «-stamme  über, 
deren  numerisches  übergewicht  die  a-stämme  zur  annähme  des 
Umlauts  drängte.  Die  folgende  Übersicht  zeigt,  wo  und  wann 
diese  berührung  auch  in  literarischen  erzeugnissen  eine  rolle 
gespielt  hat. 

Bairiscli:  arme  Braun;  —  hälme  Braun;  —  Jcirchtägen  Oest.  weist. 
294,39;  tag  Sterz,  sp.  272,274,  Weiskunig  6,21.  325,8;  landtägen  Chmel 
(1513) ;  reichsteig  Aventin  663,  2 ;  tag  Aventin  839,  24 ;  tag,  tagen  Abraham ; 
tilgen  Parn.  boic.  2, 104;  freitägen  Parn.  boic.  3,330;  tage  (und  tage)  Braun; 
—  töd  Aventin  787, 28. 

Alemannisch:  hiind^  und  hiind*  Manuel;  händ(e)  in  Luzeru  (nach 
Brandstetter) ;  —  schuh  Geiler,  Murner  (Schelm.);  —  an  Sonntagen  und  feier- 
ff/r/f?j  Strassb.  pol. -ordn.  1560 :  —  töd,  töden  SireÜ.  ehr.;  ^öf7e  Geiler;  töd 
Pauli,  Tschudi,  Oelinger. 

Schwäbisch:  örmeNast;  —  /(«>/f?f  Nast;  /i^mrZDorublüth;  —  reichs- 
tag,  reichstägen  Augsb.  4,  303,  22.  5, 116,  4.  367, 13 ;  tagen  Urk.  d.  schwäb. 
bundes20:  tilg,  tagen  Zimm.  ehr.  4, 11.  36,26.  352,7.  444,27;  galatäge,  an 
montägen  Schubart;  tage,  namenstäge,  gehurtstilge,  rechtstäge,  sommertilge 
Schiller  (Briefe). 

Süd-  und  ostfränkisch:  jaghünd*  Ayrer:  —  schlich  H.  Sachs  197, 
22.23  (schuhe  ebda.  495, 10);  —  tilg*  H.  Sachs  397, 14;  fleischtilge,  fasttilge 
Harsdörf . ;  tilge  Kalloandro  2,  210.  260.  290 ;  reichstägen  Stieler  1 ;  tilge  und 
tage  Stieler,  Wb. ;  —  töde  Eyb,  4.  Bib.,  Kalloandro  1, 118,  Stieler,  Wb.;  — 
thronen*  Folz,  Sachs. 

Westmitteldeutsch  bes.  rheinfränkisch:  «;v»cGrinim;  — hünd 
belegt  Hemmer  für  die  gegcnd  von  Mannheim ;  —  reichstilg,  fasttilg  Albenis ; 
tilg  (und  tag)  Schöpf;  tilg  Grimmelsh. ;  tilg  belegt  für  Mannheim  Hemmer. 

Ostmitteldeutsch  und  niederdeutsch:  ör>?(c Hippel,  H.v. Kleist; 
ja/tri«(7e«  Joh.  Mathesius ;  tilg  (und  »äcWc)  Fleming;  fä/ye  Schupp;  Jcirchtäge 
Spindler;  gehurtstäge  Immermann;  —  töde  Job.  Mathesius. 

Es  sind  also  im  wesentlichen  obd.  denkmäler,  in  denen 
bei  den  rt-stämmen  sporadisch  der  umlaut  auftritt.  Es  bedarf 
indes  der  ausdrücklichen  hervorhebung,  dass  die  inundarten 
niemals  so  weit  gewirkt  haben,  um  die  umgelauteten  formen 
zur  regel  zu  machen.  Aus  der  geringen  zahl  der  beispiele 
erhellt,  dass  die  umlautsformen  gegenüber  den  nicht  umgelau- 
teten formen  nur  sporadisch  auftreten.    Dass  gerade  das  obd. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  219 

gebiet  dem  eintreten  des  umlauts  bei  den  a-stämmen  geringen 
widerstand  entgegengesetzt  hat,  erklärt  sich  aus  dem  bestreben 
der  spräche  nach  trennung  der  numeri,  die  nach  dem  eintreten 
der  apokope  so  oder  auf  andere  weise  eintreten  konnte. 

Neben  dem  umlaut  bot  sich  zum  ausdruck  der  pluralischen 
function  die  schwache  endung  -en.  Diese  stellte  sicli  besonders 
da  leicht  ein,  wo  häufiger  (dualischer)  pluralischer  gebrauch 
einen  masc.  «-stamm  mit  dem  plural  der  fem.  w-a- stamme  in 
fühlung  brachte.  Diese  berührung  war  durch  die  Überein- 
stimmung des  artikels  und  durch  das  numerische  übergewicht 
der  fem.  w-plurale  über  alle  arten  der  pluralbildung  ermög- 
licht. Der  M-bildung  kam  noch  das  streben  nach  deutlicher 
Scheidung  der  numeri  zu  statten. 

pl.  armen  Pauli,  Werders  Ariost,  Fleming,  Chr.  Weise  78,  Haller,  Alexis, 
Musäus.  Zur  erklärung  des  plurals  armen  sei  noch  auf  die  pl.  angen,  oJiren 
verwiesen.    Vereinzelt  ist  as.  armen  Füet.  67. 

pl.  halinen  Waldis  216,  5,  Schiller,  Goethe;  weitere  belege  bei  Gertz. 
3,2.  Aus  dem  n-pl.  giengen  auch  «-hildinigen  des  sing,  hervor:  das.  halmen 
4.  Bib.,  as.  Strohhalmen  Wicel. 

pl.  thronen  Aichinger,  Schiller,  Goethe  (neben  throne);  weitere  belege 
bei  Gortz.  3,  i. 

Der  pl.  schuhen  findet  sich  Zimra.  ehr.  100,  85  in  der  Verbindung  sehen 
schuhen  hoch;  es  ist  wol  an  eine  formenübertragung  der  massbestimmung 
eilen  zu  denken. 

punkt  stm.  In  frühnhd.  zeit  ist  fast  allein  die  schwache  flexion  von 
inmlit  üblich.  Zuweilen  ist  auch  ein  übertritt  in  die  nrt-klasse  bewerkstelligt: 
ua. 2runJcten  Geiler,  g&.punktois  Fischart.  n-bildungen  des  sing,  begegnen: 
Stretl.  Chr.,  Brant  102, 17,  Wyle,  B.  d.  beisp.  U5,  38,  .Alber,  Brücker,  Chr.  d. 
gesellsch.  der  maier  94;  w-formen  des  pl.:  Urk.  v.  1379  des  Gerb.  v.  Wirzburg 
bei  Weizs.  1,  AVyle,  Pauli,  Strassb.  pol.-ordn.  v.  1560,  Alber,  Steinhöwel, 
Volksb.  V.  dr.  F.  18, 17.  37,  Oelinger,  Albertinus ;  pl.  punMe  Mainz  1, 132,  9. 
Die  vocalische  flexion  besteht  auch  bei  Ickelsamer.  Zur  erklärung  der  ».-l)il- 
dungeu  kann  nur  die  begriffliche  vcrwantschaft  mit  buchstabe  herangezogen 
werden.  So  ist  bei  Alberus  die  Verbindung  punkten  und  huchstahcn  sehr  im 
schwänge. 

Vereinzelt  steht  die  Übertragung  der  neutralen  5 -plural- 
form bei 

pl.  hälmer  Freidank  77, 12  var.  n.  Lexer,  Stieler,  Popowitsch,  Gottsched, 
Grimm.  Die  begrifflich  verwanten  pl.  hlüiter,  gräser,  Umher  haben  die  aus- 
gleichung  bewirkt. 

2.  Im  mhd.  schwanken  zwischen  der  a-  und  /-decli- 
nation:  yraä,  hag. 


220  MOLZ 

pl.  hiifj  Oest.  weist.  1,  284, 27.  293,  41  u.  ö.,  häge  Pestalozzi,  ^&gQ\i.  hlüicn- 
liayc  Lenau. 

3.  Aus  alter  i-flexion  sind  im  nlid.  schliesslich  zur 
a-klasse  übergetreten:  aal,  hau,  daclis,  druck,  fund,  grat, 
-halt,  liort,  hilf,  JcalJc,  laclis,  luchs,  pfuhl,  rost,  ruf,  schlot 

aal. 

pl.  ääle  Oeliiiger,  Goetlie;  :  acde  Stieler,  Steinbach,  Gottsched,  Adelung; 
aal  swm.  bei  Schöpf. 

bau. 

,  pl.  bau,  bauen  Ang-sb.  1,287,22.  5, 296,  27,  Sachs  414, 18*;  kircJihäu  Augs- 
4, 168,  27 ;  :  baue  Hempel,  Adelung. 

Der  pl.  baue  ist  in  der  kunstmässigen  Schriftsprache  fast 
nur  üblich  zur  bezeichnung*  der  Wohnungen  der  biber,  dachse 
und  fuchse,  während  im  sinne  von  'häuser'  die  erweiterte 
form  hauten  an  seine  stelle  getreten  ist. 

druck. 

pl.  drücke  findet  sich  noch  im  19.  jh.  neben  drucke.  Goethe 
gebraucht  nur  drücke.  Jetzt  existiert  die  form  drucke  im  sinne 
von  'das  gedruckte';  drücken  und  drucken  verhalten  sich  wie 
drücke  und  drucke.  Dass  hier  die  obd.  form  in  die  Schrift- 
sprache aufnähme  fand,  erklärt  sich  sachlich  leicht.  Auch 
war  die  durch  die  doppelformen  geschaffene  begriffliche  diffe- 
renzierung  dem  analj^tischen  streben  der  spräche  angemessen. 

Neuere  nhd.  composita  lehnen  sich  in  ihrer  pluralbildung 
an  die  ihnen  lautlich  zunächst  stehenden  verben  an:  nachdrucke, 
neudrucke,  aber  ausdrücke,  eindrücke;  vgl.  Paul,  Prinzip.''  §  177. 
Behaghel,  Germ.23,267ff. 

fund. 

pl.  fünde  Manuel,  Tschudi,  Geiler,  Eyb,  Wickram,  Luther,  Fischart, 
Waldis,  Rachel,  Moscherosch  34,  Gottsched,  Braun,  Adelung,  J.  Grimm.  Der 
pl.  fimdc  ist  aus  älterer  zeit  überhaupt  nicht  zu  belegen. 

halt, 
pl.  halte:  in  heimlichen  halten  Aventin  877,  24. 

huf. 
pl. /(»/(?  Augsb.  5, 183, 7,  Wyle,  4.  Bib.,  Luther  uachDWb.;  :  hufc  Stieler, 
Adelung;  :  hxifen  Schiller,  Uhland,  Zschokke,  Löhr,  Gutzkow,  vgl.  Gortz.  3,  5. 

Zur  erklärung  der  form  Imfcn  sei  noch  an  den  pl.  sehen 
erinnert.  Auch  sei  die  fem.  sing,  form  hufc  Steinbach  erwähnt, 
die  für  die  häufigkeit  des  plur.  gebrauchs  in  der  form  hufen 
Zeugnis  ablegt. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  221 

dachs,  lachs,  luchs. 

pl.  dächse  Stieler,  Gottsched,  Miisäiis ;  lächse  Stieler,  Steinbach  (ueben 
lachse);  :  lachse  Brai;n,  Adelung;  luchse  Brockes  (nach  DWb.),  Hoffmanu 
von  Fallerslebeu,  Grimm,  Gerb.  Hauptmann,  Schi,  und  J.;  :  luchse  Steinbach, 
Adelung-. 

Auf  obd.  boden  wurden  diese  Wörter  häufig  zu  der  klasse 
der  schwachen  masculina  hinübergezogen,  in  deren  rahmen  sie 
durch  ihren  begrifflichen  Inhalt  passten.  Consonantisch  flec- 
tieren:  dachs  bei  Mich.  Beheim,  Braun,  luclis  bei  Nast,  Braun. 
Schmeller  s.  263  belegt  wenigstens  für  den  ostlechischen  dialekt 
die  conson.  flexion  von  dachs  {fuchs),  lachs,  luchs.  Das  auf- 
geben des  umgelauteten  plurals  ist  durch  die  Seltenheit  der  an- 
wendung  dieses  numerus  veranlasst  (vgl.  unten  s.  224). 

pfuhl. 
dp.  pfülen  Waldis  43,20.  45,80;  pl.  pfühle  Gottsched. 

ruf. 

pl.  ausrufe  Duller,  Grabbe,  Goethe. 

Schlot. 

pl.  Schlote  Ayrer,  An.  Grün. 

4.  Zwischen  neutrum  und  masculinum  schwanken 
in  mhd.  zeit  docht,  mord,  ort,  pfad.  Das  neutrale  geschlecht 
dieser  Wörter  ist  (ausser  landschaftlich)  heute  untergegangen. 

docht 
wird  in  der  älteren  nhd.  epoche  fast  nur  als  n.  gebraucht: 
Luther,  Olajus,  Schöpf  (n.  f.),  Stieler,  Steinbach;  n.  und  ni.  Gott- 
sched, Adelung;  m.  Frisch,  Nast. 

pl.  dachte  und  düchter  Steinbach;  dachte  und  dächte  Gottsched,  Ade- 
lung; dächte  Nast. 

mord. 

n.  Boner,  Manuel,  Mich.  Beheim,  Augsb.  5,  318. 17,  Aventin  853,  30,  Sachs 
285,20,  Zimm.chr.189,3;  :  m.  Füet.79,  Waldis  14,290,  Spangenb.  81,  Stieler, 
Steinbach.  pl.  mörd{e)  Augsb.  5,  96,  5,  Aventin,  Mathesius,  Zincgref,  Opitz  22, 
Kalloandro  2,235;  :  mord  Sachs  237,41. 

ort. 
n.  Stretl.  Chr.,  Füet.  74,  Aventin  600,28.  641,5  tf.,  Zimni.  ehr.  15,18,  Sachs 
209,2,  Schöpf,  Abraham;  :  n.  und  m.  Matth.  v. Beheim,  Mich.  Beheim,  Luther, 
Pauli,  Alber,  Frischlin,  Oelinger,  Ayrer,  Ritter,  Stieler,  Parn.  boic.  2,  70.  72. 
3,328,  Aichinger;  :  m.  Waldis  202,  7,  Spaugenberg  28,  Steinbach. 

Die  bildung  örter  fällt  in  frühe  zeit.  Schon  der  Hallenser 
Übersetzer  der  Evangelien  gebraucht  zu  dem  neutralen  ort  (eine 
münze)  den  pl.  orter e  L.  21, 2.    Zu  dieser  bedeutung  kommt  das 


222  MOLz 

wort  später  auch  als  n.  nocli  bei  Ritter  vor.  Von  dem  pl.  örter 
des  11.  war  die  Übertragung  der  s-form  auf  den  pl.  orte  des  m. 
leicht  möglich. 

pl.  orte  und  örter  werden  promiscue  gebraucht  in  der  4.  Bib.,  in  den 
Urk.  z.  gesch.  Max.,  örter  Chmel  441,  von  Luther,  bei  Just.  Jonas  orte  = 
'stellen  in  büchern'  brief  von  1524 ;  örter  ^=  'dörfer'  brief  von  1539,  Alber, 
Sachs  örter  232,20,  Zimm.  ehr.  9,  4.  22,6  u.  ö.,  J.  v.  Braunschw.  u.s.w. 

Nur  selten  ist  ort  mit  den  «-stammen  in  contact  getreten: 
pl.  ort,  orten  Augsb.  2, 294, 10.  314,8.  5,337,22;  nap.  orte  J.  v.  Braunschw. 

pfad. 

n.  Jeroschin;  pl.jj/'äfZer*  und  j;/'('u?c*  Hugo  v.  Langenstein;  u.  Schottel; 
■pl. pfad  Sachs  477,  3  (gen.?);  m.  pl.  jj/'rtfZe  Stieler;  n.  und  ni.  Steinbach;  ni. 
Frisch. 

5,  Einige  w-stämme  sind  in  die  a-declination  ein- 
getreten: aar,  hörn,  molcli,  mond,  sahn,  staar,  strauss  (avis), 
hräutigam,  Jeiclinam,  unlwld,  tvidcliopf.  Die  Verschiebung  ist 
zu  verschiedenen  zeiten  geschehen,  je  nach  Inhalt  und  laut- 
gestalt  der  Wörter. 

aar. 

aar  findet  sich  im  B.  d.  beisp.  mit  der  uebeuform  är  (auch  bei  Stieler). 
Die  starke  pluralform  ür  B.  d.  beisp.  110,  2  könnte  die  Vermutung  nahelegen, 
dass  der  umlaut  aus  dem  pl.  eingedrungen  ist  (vgl.  den  Schweiz,  sg.  frösch); 
as.  aar  B.  d.  beisp.  104,  6  (vereinzelt;  sonst  herscht  im  B.  d.  beisp.  die  li-flexion 
vor);  aar  stm.:  pl.  uare  Steinbach. 

born  (stswm.) 

setzt  im  nhd.  nur  die  a-flexion  fort.  M.  born  der  gerechtigkeit  Mainz  1; 
as.  born  Mainz  1,316,32;  pl.  borne  Purgoldt;  :  börne  Luther,  Pölmann, 
Gottsched.  ^    , 

molch. 

mhd.  moWe  swm. ;  pl.  mo/c/te«  J.v.Braimschw.;  :  mohh  stm.;  \A.molchc 

Steinbach,  Aichinger.  ^ 

'  ^  mond. 

Auf  md.   gebiet  findet  sich  früh  die  starke  form:  pl.  mande  Matth. 

V.  Beheim  L.  1, 24,  aber  auch  ds.  vi anden  L.  1, 26,  pl.  m anden  L.  4, 25 ;  ds.  m onde 

1345  Urk.  d.  st.  Arust.,  gs.  monden  1487  ebda.,  vwxdc^  Mainz  1,54, 1;  np.  wane 

Mainz  1,  44,  4.  —  Luther  flectiert  das  wort  scliwach.    Vereinzelt  ist  bei  ihm 

gs.monds.    Just.  Jonas  gs.  moMfZs,  dis.  mond;  Joh.  Mathesius  gs.hcumonden; 

Volksb.  V.  dr.  F.  gs.  monds  70,11;   Opitz  ns.  monde  38,  gs.  mondens  9,  as. 

monden  id;  Kalloandro  1  gs.  mondens  76;  Schupp  flectiert  stark ;  Sira.  Dach 

gp.  monden  200,  Loheustein  gds.  monden  15.  9.  10.  67,  Weise  ds.  monden  40, 

ii\).  monden '62;  Iloffm.  v.  Fallersl.  ds.  moiuZen;  Pölmann,  Steinbach  ns.  auch 

mit  uiiorg.  n:  monden,  Ilempel,  Ciottsched,  Heinze  schreiben  die  consonan- 

tisclie  flexion  vor.   Frisch,  Adelung  dagegen  die  heute  geläufige  «-flexion. 

—    Auf  übd.  bodeu  finden  wir  ds.  mon  B.  d.  beisp.  106,11  (vereinzelt,  gs. 


NHD.  SÜBSTANTIVFLEXION.  223 

monen  5  m.),  Wihvolt  193,  Aveutiu  894,21 ;  gs.  des  vwnes  schein  Sachs  499, 12 
und  20,  55,  35,  des  mondes  glinster  Sachs  20,  59,  7;  gp.  monden  Moscherosch  (32. 
pl.  monden  Schiihart,  Schiller,  Uhland;  7noK(^  swm.  Nast,  wo»(?  stm.  Braxiu. 

salm. 

Nur  die  «-flexiou  ist  zu  belegen:  pl.  scdvien  Augsb.  3,  18,  20,  Ayrer, 
ns.  sahnen  mit  unorgan.  n  nach  dem  muster  anderer  fischnamen  wie  karpfen: 
Maaler,  Schöpf,    salm  swm.  Popo witsch,  Aichiuger,  Nast. 

staar. 

pl.stoflrenFolz,  J.Grimm;  staar  swm.  Ayrer,  Schöpf, Nast;  s/aar  sing. st., 
pl.sw.  Hemmer;  staar  stm.  Steinbach,  Gottsched, Hempel,  Aichinger,  Adelung. 

strauss. 

mhd.  strüze  stswm. ;  gs.  struzes  Boner,  ngp.  straiissen  4.  Bib.,  as.  strauss 
Luther,  up.  s^ransse«  Luther,  gs.  s/rai<s.sen  Dietenberger ;  s/>Y<i«ss  swm.  Nast, 
Aichiuger,  stm.  Gottsched,  Hempel. 

Hiernach  ist  erst  im  18.  und  19.  jli.  die  schwache  flexion 
der  erwähnten  «-stamme  untergegangen.  Besonders  haben 
sich  die  bezeiclmungen  lebender  wesen  erst  spät  der  a-decli- 
nation  angeschlossen  und  hier  ist  Mitteldeutschland  für  unsere 
heutigen  Verhältnisse  massgebend  geworden. 

Die  mehrsilbigen  hriutigame,  lichame,  unholde,  ividehopfe 
giengen  nach  nhd.  betonungsgesetzen  des  auslautenden  e  ver- 
lustig und  traten  von  der  a-form  des  nominativs  ganz  zu  der 
a-declination  über.  Die  cons.  flexion  von  hräutigam  und  leichnam 
erscheint  in  nhd.  zeit  nicht  mehr. 

bräutigam. 

stm.  Matth.  v.  Beheim,  M.  25, 1.  9, 15,  Roseublut^  Augsb.  5, 110,27.  Eyh, 

E.92, 15.  1    .    , 

'  leichnam. 

stm.  Matth.  V. Beheim,  M.6,22.  10,28,  Urk.  v.  1376. 1377  Weizs.l,  Aiigsb. 

1,  305, 17,  Rosenblut,  Urk.  d.  st.  Arnst.  v.  1487;  vereinzelt  gs.  lichnamen  Urk. 

V.  1376  Weizs.  1.  in 

unhold. 

swm.  Jeroschin;  jA.  nnholdcn  A.\entm  662,6;  J.Engel,  Wieland  nach 

Gortz.  3,  4. 

unJiold  büsste  durch  den  Untergang  des  in  mhd.  zeit  ge- 
bräuchlichen adjectivs  unliolt  seinen  adjectivcharakter  ein  und 
trat  mit  trunhenhold,  raufhold,  hohold  in  eine  lautlich-begriff- 
liche gruppe. 

G.  Auch  fremde  Wörter  schlössen  sich  in  ihrer 
flexion  den  a -stammen  an:  dolch,  dorn,  dorsch,  schuft, 
Stoff  u.  a. 


224  MOLZ 

dolch. 
Mit  seinem  eintritt  in  unsere  spräche  folgt  äolcli  in  seiner 
flexion  den  ««-stammen. 

ns.  dolch  Dasypod.,  Fischart,  Henisch;  dolchen  bair.  nach  Schmeller; 
gs.  dolchens  Pauli, ')  ds.  dolchen  J.  v.  Braunschw.,  as.  dolchen  Pauli  2  m., 
B.  der  liebe  (Frkf.  1587)  nach  DWb.,  Ayrer  2m.;:  dolch  Sachs  90,  4,  J.  von 
Braunschw.,  Heuisch,  Opitz  nach  DWb. ;  pl.  dolchen  Fischart  (Gargantua), 
Kirchhof  (Weudunm.)  uach  DWb.  —  Lessing  flectiert  nach  der  «-decliua- 
tion.    Ebenso  später  die  grammatiker  Aichinger,  Adelung. 

dorsch. 
swm.  Nast. 

Damit  wäre  die  a-klasse,  wie  sie  unsere  spräche  heute 
bietet,  im  wesentlichen  erschöpft.  Es  bleibt  uns  noch  übrig-, 
den  gründen  nachzuforschen,  die  für  das  festhalten  der  mhd, 
a-flexion  oder  für  den  eintritt  in  die  a-klasse  bestimmend  waren. 
Bei  der  grossen  anziehungskraft,  denen  diese  stamme  von  selten 
anderer  gruppen  ausgesetzt  waren,  wird  es  nicht  möglich  sein, 
für  alle  nhd.  a-formen  eine  sichere  erklärung  zu  finden. 

AYenn  wir  die  häufigkeit  des  pluralgebrauchs  betrachten, 
erkennen  wir,  dass  arme,  hiinde,  schuhe,  tage  formen  der  un- 
unterbrochenen Überlieferung  sind,  während  auf  der  anderen 
Seite  die  seltenen  hörne,  krache,  molche,  moncle  und  die  bildungen 
hauche  (Klopst.),  knalle,  strande  (An.  Grün)  des  umlauts  ent- 
behren, um  den  pl.  zum  zwecke  der  leichteren  Verständlichkeit 
nicht  zu  stark  vom  sing,  zu  differenzieren. 

Bei  einem  wort  hat  der  ?-pl.  mit  bedeutungswandel  singu- 
lare function  angenommen:  grot — (/r«Ye, wodurch  die  umgelautete 
form  des  alten  grat  unmöglich  wird:  felsengrate  Bechstein,  Fahrt. 
Aehnlich  sind  die  fälle,  wo  der  umgelautete  pl.  ein  bereits  be- 
stehendes wort  ergeben  würde:  hag,  halni,  laut,  pfiiM.  An 
dieser  stelle  verdienen  die  plurale  halle  des  donners  (Klopst.), 
schalle  (Lessing)  erwähnung. 

Die  starke  einschränkung  der  gebrauchssphäre  hat  bei  fund 
den  anlass  zum  eintritt  in  die  a-klasse  gegeben.  Der  pl.  fünde 
in  der  bedeutnng  'listen,  kniffe,  sinnreiche  einfalle'  (so  noch 
bei  Rachel  und  3Ioscherosch)  ist  heute  untergegangen,  und  wir 
reden  fast  nur  noch  von  altertümlichen  funden^)    In  dieser 


')  In  Paulis  Schimpf  und  ernst  dürfte  das  wort  am  frühesten  belegt  sein. 
2)  Vgl.  aber  Nietzsche,  M.A.  1, 70:  Die  gute  und  liebe  als  die  heilsamsien 


NHD.   SÜBSTANTIVFLEXION.  225 

seltenen  Verwendung  fand  der  pl.  an  dem  lautlich  nahe  stehen- 
den Jiunde  eine  mächtig-e  stütze.  Grimm  gebraucht  noch,  offen- 
bar in  bewusster  anlehnung  an  die  alte  spräche,  den  pl.  filnde: 
die  neuen  fände  (der  naturwissenschaft)  Kl.  sehr.  1,  53. 

Paroxytona. 

Bis  hierher  haben  sich  meine  erörterungen  auf  die  oxytona 
beschränkt.  Von  den  mehrsilbigen  schwachen  masculinen,  die 
zu  der  a-declination  verschoben  sind,  ist  bereits  die  rede  ge- 
wesen. Die  Schicksale  der  starken  paroxytona  sind  hier  noch 
zu  behandeln. 

herold  wird  in  frühnhd.  zeit  vielfach  consonantisch  flectiert: 

Wilwolt  as.  herolden  46,  np.  hcrolden  16 ;  Pauli  siug.  und  pl.  herolden ; 
Aventiu  ds.  herolden  773,23,  np.  herolden  789,6;  Zimm.  ehr.  as.  erenholden 
17,  27 ;  aber  Augsb.  5,  372,  25  as.  herold.    H.  Sachs  decliniert  herold  stark. 

Die  w-formen  finden  in  der  begrifflichen  verwantschaft  mit 
böte,  gesante  ihre  erklärung. 

Nach  analogie  von  wochen  oder  monden  bildet  Brücker  den 
pl.  monaten. 

Schiller  bildet  den  \A.  stviesp alten  in  anlehnung  an  den 
.pl.  des  Simplex.  Adelung  fordert  in  seinem  wb.  den  starken 
pl.  ztviespalte. 

pl.  ahörne  Braun,  pl.  amböse  Kalloandro  1, 117,  Braun; 
pl.  man  et  Eosenblut  29,  654, 10,  menet  (mit  entrundung)  Folz; 
pl.  unfläter  Pauli,  dp.  unflätern  Aventiu  810,24.  Hier  dürfte 
neutrales  genus  zu  gründe  liegen.  Trotzdem  bleibt  die  bildung 
wegen  der  im  tiefton  stehenden  Stammsilbe  bemerkenswert. 
Es  besteht  nämlich  im  nhd.  das  gesetz,  dass  der  umlaut  die 
letzte  silbe  nicht  ergreift,  wenn  diese  im  tief  ton  steht.  >) 
aliorn,  ambos,  bräutigam,  herold,  hobold,  leichnam,  nionat,  un- 
hold, unflat,  Zwiespalt  sind  deshalb  für  den  umlaut  unempfänglich. 
Auf  die  ausnahmen  des  gesetzes  (anwälte,  bischöfe,  hersöge)  sei 
hier  nur  hingewiesen;  später  wird  des  näheren  davon  die  rede 
sein.    Dem  gesetze  folgend  gieng  Unterhalt,  dessen  letzter  be- 


kräuter  und  kräfte  im  verkehr  der  menschen  sind  so  kostbare  fände,  dass 
man  wol  wünschen  müsste,  es  werde  in  der  Verwendung  dieser  balsamischen 
mittel  so  ökonomisch  wie  möglich  verfahren. 

^)  Im  obd.  war  dies  gesetz  nicht  in  dem  umfang  giltig  wie  im  md. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVll.  \q 


226  MOLZ 

standteil  im  mhd.  ein  ?- stamm  ist,  aber  in  der  nlid.  epoclie 
mit  starker  einscliränkunj^  der  bedeutimg  in  pluralischer  Ver- 
wendung untergegangen  ist,  zu  den  n-stämmen  über.  Auch  der 
pl.  swiespalte  bestätigt  das  gesetz;  vgl.  pl.  spült  Dasypod.,  lat. 
t.  Ri  2. 

Es  ist  ferner  in  der  nhd.  flexion  durchgehends  regel,  dass 
der  Umlaut  sich  nicht  über  die  letzte  silbe  hinaus  erstreckt. 

Aber  hdbicht,  hranich  giengen  zuweilen  ihres  nebentonigen 
i  (e)  verlustig  und  nahmen  im  pl.  den  umlaut  an;  ns.  hahJc  und 
haheJc,  pl.  JiebJce  Boner.  Mit  dem  antreten  des  secundären  t 
war  Synkope  des  nebentonigen  i  erschwert,  weil  die  consonanten- 
gruppe  hellt  eines  gieitlauts  bedurfte: 

habicht  stm.  Waldis  16,  Steinbacli.  ns.  kranch,  pl.  krünch  Pauli,  ns. 
kranch  oder  kranich  Stieler,  pl.  kränch,  kränehen  Sachs  204,  27. 28. 

Jiranich  trat  wahrscheinlich  nach  dem  vorbild  von  storchen 
zu  den  w-stämmen  über  bei  B.  Waldis  22, 13.  25.  99, 4.  7  und  im 
pl.  bei  J.  V.  Braunschw. 

Verbal  SU  bstantiva. 

Partikelcomposita  mit  betonter  letzter  silbe,  denen  ein 
verbum  desselben  Stammes  zur  seite  steht,  nehmen  den  umlaut 
nicht  an:  hesueh,  versueh,  erfolg,  verlast  u.  a.;  aber  ergüsse,  he- 
seldüsse  wegen  der  daneben  stehenden  güsse,  sehlüsse,  ebenso 
wie  einwürfe,  vorwürfe.  Der  pl.  von  anlass  heisst  anlasse  und 
neben  dem  pl.  erlasse  steht  erlasse,  weil  die  proportion  besteht 
-lass  :  -lasse  =  -lasse  :  -lässt. 

Fremdwörter. 

Zur  richtigen  historischen  Würdigung  einzelner  von  dem 
heutigen  Sprachgebrauch  abweichenden  plurale  von  fremd- 
wörtern  bei  unsern  grossen  dichtem  geben  wir  einige  fiülhe 
belege. 

pl.  haronen  Füet.  16.  95,  Rollenh.  112,  Reuter;  so  noch  bei  Giseke, 
Kling-er,  Goethe,  Schiller,  Wieland  nach  Gortz.  3,  6;  —  pl.  j^ofroHt-uSpaugen- 
l)erg:  19 ;  so  Immerraann  nach  Gortz.  3,  6 ;  ds.  paironen  Stretl.  ehr.  1  m. :  patron 
ebda.  6m.;  —  pl.  delphinen  Spangenberg  74 ;  —  pl.  Spionen  Verl.  Europäer  68 ; 
so  Scliiller,  Aichinger;  Adelung  fordert  pl.  spione;  —  pl.  Skorpionen  Wie- 
land;  atomen  Goethe,  Wieland;  romancn  Schubart,  Wieland  ;  ein  .''-pl.  romäne 
ist  bei  Lessing  belegt. 


NHD.   SÜBSTANTIVFLEXION.  227 

II.  Umlautsuiifähige  masciilina. 

Stammliaftes  a  und  i  mussten  in  ihrer  Wirkung-  auf  den 
voraufgehenden  vocal  oder  diplithong-  zusammenfallen,  wenn 
die  vorhergehende  Wurzelsilbe  des  umlauts  unfähig-  war.  Wol 
keine  gruppe  deutscher  substantiva  war  so  wenig-  analogischen 
einflüssen  ausgesetzt  als  die  der  Wörter  dieser  form.  In  der 
ganzen  nlid.  epoche  schwanken  nur  einzelne  Wörter  in  der 
älteren  zeit  zuweilen  zu  den  w-stämmen  hinüber. 

Berüliruug  mit  den  n-  bez.  «a-stämmen. 

reim, 
mhd.  rim  stm.    Die  consonantische  bez.  wa-flexion  von  reim 
war  im  15.  und  16.  jh.  auf  dem  ganzen  Sprachgebiet  üblich. 

ns.  reimen  Maaler,  Volksb.  v.  dr.  F.,  Rollenhagen,  bair.  nach  Schmeller, 
M.B.  264;  gs.  reimens  Opitz  4-1,  Schupp;  das.  reimen  Zimm.  ehr.  3, 195,  29. 
4,280,22,  Spangenberg  130,  Haller;  «-pluralformen:  H.  v.  Trimberg  (nach 
einem  citat  in  Spang.  Musica),  Brant,  N.  vorr.  9,  Wilwolt  2,  Zimm.  ehr.  264, 
10. 11.  286,  7,  Luther,  Aveutin  874, 15,  Waldis  3, 11,  Nie.  Herman  5,  Spangen- 
berg 4. 5.  31.  57  u.  ö.,  Weckherlin  2,  7, 19,  Mosclierosch,  Lohenstein  8,  Haller, 
Litzel,  Megalissus  5. 28,  Kliuger,  Juug-Stilling  1,  86,  Hebel  1832.  3,  404.  Opitz 
hat  starke  und  schwache  formen  im  pl.  vgl.  44;  9.  17.  19.  41.  42;  Simon 
Dach  pl.  reime  151 ;  Gueintz  pl.  reime  6,  Morhof,  Ged.  pl.  reime  und  reimen 
106.  101,  Stieler.  Steinbach  pl.  reime. 

Einen  stichhaltigen  grund  für  diesen  übertritt  geltend  zu 
machen,  bin  ich  nicht  in  der  läge.  Wenn  die  späteren  belege 
für  den  w-pl.  einen  schluss  erlauben,  so  kann  ich  mir  die  be- 
wegung  vom  pl.  ausgehend  denken.  Dass  das  wort  schliesslich 
wider  zui'  alten  flexion  zurückkehrte,  hängt  mit  seiner  engen 
begrifflichen  verwantschaft  mit  vers  zusammen,  das,  wie  leicht 
erklärlich,  keinen  w-plural  bilden  konnte  (vgl.  pl.  vers[e]  C. 
Spangenberg  58-  60,  Opitz  9.  32.  42). 

sinn. 

Bei  sinn  bleibt  die  a-flexion  im  sing,  stets  gewahrt,  nur 
der  pl.  geht  zu  den  w-stämmen  über.i) 


^)  Bei  meinen  citaten  wird  der  gen.  pl.  dann  ausgeschlossen,  wenn 
bei  dem  betr.  autor  auch  bei  andern  masculinen  gleichheit  der  form  des 
gen.  und  dat.  pl.  erscheint  oder  gar  dem  gen.  pl.  auf  -en  starke  formen  des 
nom.  und  acc.  gegenüberstehen. 

15* 


228  MOLZ 

iigp.  sinnen  2  m.  Eoseubhit,  nap.  s/n/t  3  m.  Rosenbliit. ;  g]}.  sinnen  B.ä. 
beisp.  39, 12;  pl.  sinnen  Eebhuhn,  Fleming,  Gryphius  24, 14:3.  50, 193,  Mosche- 
roschl76.  gp.  sinnen  S.Dach 91.  144.  151.  200,  pl.  sinne  und  sinnen  Pöl- 
mann,  Steinbach,  Hempel,  pl.  sinnen  Stieler,  Russ.  gramm.,  Weber,  pl.  sinnen 
neben  sinne  Haller,  Herder,  Schiller,  Goethe,  Wieland,  Immerniann.  Nur  starke 
formen  bei  Eyb,  Waldis  243,  24,  Alber,  Spaugenb.  18.  33,  Ayrer ;  Frisch,  Braun. 

Ausser  dem  öfteren  pluralisclien  gebrauch  können  die 
häufig  widerkehrenden  adverbiellen  ausdrücke  von,  zu,  hei 
sinnen  in  Verbindung  mit  verben  bei  der  bildung  der  w-form 
von  einfluss  gewesen  sein.i) 

Im  laufe  der  entwicklung  zeigt  sich  vorzüglich  auf  obd. 
gebiet,  besonders  bei  bezeichnungen  lebender  wesen,  die  ten- 
denz,  zu  den  «-stammen  überzutreten.  Ich  beschränke  mich 
darauf,  die  liier  in  betracht  kommenden  fälle  zu  eitleren: 

ds.  dieben  Manuel ;  —  as.  feinden  Urk.  v.  1498  und  1508  bei  Chmel ;  — 
ds.  hechten  Abraham,  hecM  swm.  bei  Braun;  —  np.  knechten  Haller;  — 
gs.  krebsens  Abraham,  krebs  swm.  bair.  Schmeller  264 ;  —  ds.  küngen  2  m. 
Stretl.  ehr.  —  gs.  des  kinigen  diener  Augsb.  5,  371,  31 ;  —  gs.  rnüncJien  Volksb. 
V.  dr.  F.  26, 16 ;  münch  stswm.  bei  Ayrer,  münch  swm.  bair.  Schmeller  262 ; 
gp.  der  münchen  und  pfaff'en  Alber  (eine  Verbindung,  die  den  Schlüssel  zur 
erklärung  der  «-formen  bildet),  gs.  münchen  Verl.  Europäer 240 ;  —  as.  spechten 
Folz,  Sachs  20, 156,  6 ;  —  np.  ivinden  (=  '  Windhunde')  Füetererll;  —  gs. 
Zwergen  Ayrer.  —  Vereinzelt  steht  pl.  pfeilen  (nach  strahlen  gebildet)  Mor- 
hof*790,  Melissus23,  as.  strichen  Alber,  np.  f allstricken  J.Mathesius. 

Die  consonantischen  stamme  freund,  feincl  schlössen 
sich  in  ihrer  flexion  früh  den  «-stammen  an. 

viend,  pl.  viende  Matth.  v.  Beheim  ;  np.  frunde  Urk.  d.  st.  Arnst.  1345 ; 
ap.  fiende  ebda. ;  pl.  frunde  Weizs.  Urk.  v.  1377.  1378.  frunde  Janssen  1  (Urk. 
V.  1383),  freunde  Eyb. 

Die  pluralformen  feind,  freund,  die  bei  Luther  häufiger 
als  andere  worte  ohne  flexivisches  e  stehen,  wären  danach  als 
ein  reflex  der  Volkssprache  anzusehen,  die  wol  länger  als  die 
spräche  der  kanzlei  die  ui'sprünglichen  Verhältnisse  gewahrt  hat. 

Der  ja -stamm  käse  hat  sich  von  den  alten  ja-stämmen 
im  nhd.  allein  behauptet. 

Aber  Chr.  Weise,  Erzn.  105  wie  leicht  wäre  es  geschehen,  dass  deine 
frau  mit  butter  und  käsen  zu  tun  hätte;  —  man  erwartet  ^•öse ;  doch  kann 
die  stelle  für  eine  berühi'ung  mit  der  cons.  flexion  nicht  als  beweisend  be- 
trachtet werden. 


*)  Bei  der  betrachtung  der  feminina  wird  sich  zeigen,  wie  von  dem 
d.  pl.  nuten  zuweilen  die  ausbreituug  dieser  in  stereotypen  Wendungen  oft 
gebrauchten  form  auf  den  ganzen  plural  erfolgte. 


NHD.  SUBSTANTIVFLEXION.  229 

Aus  dem  System  der  schwachen  declination  sind 
herausgetreten  blitz,  heim,  kern,  leim,  stern;  greif, 
hirscli,  l-erl,  seh  ehrt.  Alle  sclnvanken  im  mhd.  zwischen 
a-  und  w-declination.  Ausschliesslich  schwach  flectierte  grise, 
nlid.  greis. 

blitz. 
iis.  hh'tzen  Eyb,  gs.  6//teen  4.  Bib.,  ds.  öZtteen  Agricola ;  Luther  flectiert 
meist  stark,     np.  ?>Z/t^e>t  Volksb.  v.  rtr.  F.  51,  20;    die  starke  flexion  besteht 
bei  r>asyp.,  Clajus,  Stieler. 

heim. 
In  nhd.  zeit  erscheint  nur  bei  Rosenblut  die  pl.-form  keimen ;  daneben 
steht  der  ds.  heim. 

kern. 

Schwache  bildungen  sind  fast  nur  noch  auf  obd.  boden  bezeugt :  ns.  kern 
Dasyp.,  Maaler,  kernen  bair.  nach  Schmeller,  M.  B.  264.  das.  kernen  Boner, 
Geiler,  Wyle,  Haller.  gs.  kerens  Geiler,  as.  keren  Füeterer  197  (mit  zer- 
dehnung);  kern  swm.  Dasyp.,  Maaler,  ap.  Ä-^rn^-H  Rollenhagen,  Froschm.  47. 
Stieler  flectiert  sing,  st.,  pl.  sw. ;  kern  stm.  Steinbach. 

leim, 
ns.  leimen  Murner,    ds.  leimen  Luther,  Alber,  Dietenb.,  Schottel  1147. 
leim  stm.  Dasyp.,  Stieler. 

Stern. 

Die  n-flexion  findet  sich  bei  Matth.  v.  Beheim,  Wyle,  Murner,  Pauli, 
Manuel,  Agricola  (pl.),  Seb.  Münster,  Dasypodius,  Maaler  (pl.),  Rollenhagen, 
Froschm.  (pl.)  137.  123.  124.  Bei  Luther  überwiegen  die  starken  formen. 
Schwanken  herscht  in  der  4.  Bib.  und  bei  Dietenberger.  Die  «a-form  des 
gen.,  sternens,  ist  bei  Seb.  Münster  belegt,  ns.  Sternen  bair.  nach  Schmeller 
264.  Die  starke  flexion  begegnet  bei  Suchenwirt  41, 465.  510,  Rosenblut, 
Folz,  B.  d.  beisp.  98,  24,  Purgoldt,  Aventin  652,  2.  628,18,  Nie.  Herman  39, 
Job.  Mathes.  (gs.),  Sachs  202,  37,  Ayrer,  J.  v.  Braunschw.,  Weckherlin  2,  242, 
103  und  294,  Zincgref,  Schupp.  Im  17.  jh.  lebt  nur  die  n-form  des  plurals 
noch  fort,  die  von  Stieler  als  fehlerhaft  gekennzeichnet  wird ;  pl.  Sternen 
Opitz  9.  43.  50,  Fleming,  Spee,  S.  Dach  117.  272,  Job.  Rist.  pl.  sterne  Mor- 
hof  677.  Bei  Klopstock  ist  die  starke  flexion  allein  im  gebrauch,  die  auch 
von  den  grammatikern  Hempel,  Braun  gefordert  wird,  während  in  der 
Schweiz  noch  der  pl.  Sternen  herscht,  wie  Hallers  Schriften  zeigen. 

Wie  bei  kern  hat  auch  bei  stern  die  entwicklung  einer 
svarabhakti,  die  der  bildung  der  n-torm  im  wege  stand,  dazu 
beigetragen,  dass  die  vocalische  flexion  zur  herschaft  gekommen 
ist:  steren  Sachs  202,37. 

Einige  der  persönlichen  begriffe  schwanken  noch  heute 
zwischen  der  n-  und  a-declination.  Dem  gewählteren  bedürfnis 
der  gegenwart  dürfte  indes  die  a-flexion  mehr  entsprechen. 


230  MOLZ 

greif. 

gs.  greifen  Folz,  greif  swm.  Schöpf,  pl.  greifen  Moscherosch  25,  Wie- 
land, Goethe.  greis. 

greis  swm.  Pölmann,  Stieler,  greis  stm.  Steinbach,  Gottsched,  Braun. 
Der  Schwab,  grammatiker  Nast  bewahrt  die  cons.  flexion;  ebenso  Schiller, 
Uhland.  Weitere  belege  für  die  H-decIiuation  s.  bei  Gertz.  2,  421,  Branky, 
Herrigs  archiv  64, 379. 

hirsch. 

Boner  iind  Matth.  v.  Beheim  flectieren  stark.  Im  15.  jh.  schwankt  die 
flexion  wie  in  mhd.  zeit;  hirsch  swm.  Stretl.  ehr.,  4.  Bib.,  hirsch  swstm. 
Füeterer,  B.  d.  beisp.  (Füeterer  as.  hirsch  und  hirschen  218.  219.  227 ;  B.  d. 
beisp.  ds.  hirschen  S2,2S,  gs.  hirschen  97 ,  Ib,  äs.  hirsch  96,  3i).  —  Im  16.  jh. 
mehren  sich  die  starken  formen:  hirsch  swm.  Teuerdank;  as.  hirschen  und 
hirsch,  pl.  hirschen  Pauli;  pl.  hirschen  Aventiu  896,  24 ;  hirsch  stm.  Waldis 
55, 10.  69, 1.  77, 1.  81, 14.  21, 13.  78,  33  (vereinzelt  ds.  hirschen  55, 1),  Zimm. 
ehr.  100,  30.  31.  33.  105,5;  ds.  hirschen  Mathesius;  hirsch  swm.  Sachs  82,  9. 
474, 18,  Ayrer,  Kalloandro  2, 102  ds.,  pl.  hirschen  Spangenberg  23.  —  Im 
17.  jh.  und  später  treten  schwache  formen  nur  noch  sporadisch  auf:  as.  hirschen 
Opitz,  Hofmansw.,  dsp.  hirschen  Abraham,  gds.  hirschen  W.  Alexis,  gdas. 
hirschen  Immermann.  Aber  as.  hirsch  Weckherlin  266, 107.  Stieler  kennt 
nur  die  rt-decUnation.  Zitm  hirschen  ist  noch  heute  als  gasthof  bezeichnung 
im  Süden  weit  verbreitet. 

kerl. 

kerl  swm.  Wickram,  Seb.  Münster  np.,  Ziucgref  ds.;  Irrl  stswm.  Chr. 
Weise.  Bei  Weise  fand  die  cons.  flexion  an  der  bewahrung  des  e  im  ns. 
12.  13  eine  stütze:  ds.  kerlen  4.  33,  kerle  26.  30.  32;  as.  kerlen  24.  np.  kerlen 
20.  40.  kerl  stm.  Wilwolt  (np.  kerl  186),  Christ.  Keuter  (Schelm.),  nap.  kerl 
48.  56.  57.  83,  Stieler. 

Schelm. 

Schelm  stm.  4.  Bib.  gds.,  Eyb,  D.  np.  92, 1,  Aventin  np.  891, 1.  Die 
schwache  flexion  ist  bis  zum  18.  jh.  vorhersehend.  Belege  für  cons.  decli- 
nation  bieten  die  Schriften  von  Geiler,  Murner,  Pauli  (ds.),  Manuel,  Seb. 
Frank,  Alber,  Sachs,  Frischlin  (pl.),  Eollenhageu,  Froschm.  115  (pl.) ;  Ayrer 
(schwankt  im  sing.),  R.  Fischer  57.  58.  72,  Zincgref,  Moscherosch  (as.),  Reuter, 
Weise  (np.  42,  vgl.  ns.  schelme  146)  und  die  älteren  grammatiken  von  Ritter 
und  Schoepf.  scheint  swstm.  Waldis  as.  schelmen  285, 10  :  schehn  115, 5, 
pl.  Schelmen  264,7;  J.  v.  Braunschw.  ds.  schelm  2  m.,  as.  schelmen  6  m.  : 
schehn  3m.,  ap.  schehne  Im.  Bei  letzterem  war  entschieden  ein  anfang 
zur  starken  flexion  gemacht,  die  später  von  Stieler,  Hempel,  Adelung  als 
norm  aufgestellt  wird.  Steinbach,  Frisch  und  die  obd.  grammatiker  Braun, 
Nast,  Popowitsch  fordern  die  n- flexion.  Noch  häufig  sind  »«-formen  bei 
Schiller,  Wieland,  Fr.  Müller,  Goethe,  Spindler,  W.  Alexis.  —  Erwähnung 
verdient  schliesslich  noch  der  gen.  sing,  schelm  ens  Wyle,  Murner,  der  eine 
mischung  von  n-  und  o- flexion  darstellt,  wie  sie  auch  bei  bezeichnungen 
lebender  wesen  nicht  selten  sich  einstellte.  In  der  composition  hat  sich 
die  schwache  form  erhalten:  schelmenstück. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  231 

Alle  liier  erwähnten  «-stamme  sind  ihres  auslautenden  e, 
das  im  mhd.  noch  häufig  gewahrt  wurde,  verlustig-  gegangen. 
Bei  l-ern,  stcrn,  sclielm  (und  hahn,  schwan)  führte  vielleicht  die 
Verschmelzung  der  flexionsendung  mit  dem  das  wort  auslauten- 
den nasal  zuerst  zur  starken  flexion  und  damit  zum  e- losen 
nominativ:  sternen  (das.)  >  stern'n  >  stern.  Bei  sclielm  ist 
auch  noch  die  häufige  anwendung  als  Scheltwort  in  der  anrede 
in  anschlag  zu  bringen,  greis,  mhd.  grise,  Hess  das  end-e  wol 
unter  dem  einfluss  lautlich  nahestehender  Wörter  schwinden. 
Welches  auch  die  gründe  für  den  Schwund  des  e  gewesen  sein 
mögen,  für  das  allmähliche  durchdringen  der  «-flexion  —  ab- 
gesehen von  den  oben  erwähnten  fällen  —  war  die  «-form 
des  nom.  sing,  bestimmend. 

Alle  consonantischen  stamme,  die  des  plurals  ent- 
behren, werden  im  nhd.  zur  annähme  der  starken 
flexion  gedrängt. 

brei. 

mhd.  hrie,  erscheint  in  nhd.  zeit  überhaupt  nicht  mehr  in  schwacher 
form.  Belege  für  die  starke  flexion  finden  sich  bei  Boner,  Mich.  Beheim, 
Eosenblut.  Das  auslautende  -e  niusste  nach  vocal  schwinden,  vgl.  die  mhd. 
Worte  auf  -ie  wie  vogetie. 

gemahl. 

d.  (jemaheln  Boner,  as.  gemahl  Mathesius,  Frischlin,  Ayrer. 

groll. 

ns.  groll  Dasyp.,  Maaler ;  ds.  grollen  Geiler,  Spangenberg  163 ;  as.  grollen 
Pauli,  Aventin,  J.  v.  Braunschw.  2  m.,  Spee,  Abraham  :  «/ro/?  Frischlin,  .J.  v. 
Braunschw.  2  m. ;  groll  stm.  Stieler.  Der  bairische  grammatiker  Braun 
kennt  nur  den  nom.  sing.  r/roZZe«,  der  mit  Schmellers  forschungen  M.B.26i 
in  einklang  steht. 

pfühl. 

m\v\. phnlice,  swm.  Es  ist  mir  nur  begegnet  as.j^fuhlen  (=  mhä. phulwe 
swm.)  Weckherlin  2, 286, 369. 

reif. 

mhd.  rife  '  gefrorner  tau '  :  ns.  reif  Dasypod.,  reifen*  Waldis  201,  39 ; 
gs.  reifens  Suchenwirt  9,  32 ;  ds.  rifen  Stretl.  ehr.,  B.  d.  beisp.  19,  3,  reifen 
Eyb,  E.  45, 17;  re//' stm.  Luther,  Ayrer  (ds.).  Stieler,  Steinbach. 

Die  unorganische  nom. -form  reifen,  g.  reifens  überrascht 
durch  ihr  spätes  auftreten  bei  dem  grammatiker  Hempel. 

Die  Zeitbestimmungen  mUtivoeh;  april,  märz,  mai  und  len;s 
haben  sich  den  zunächst  stehenden  bezeichnungen  der  a-decli- 
nation  angeschlossen. 


232  MOLZ 

mittwoch. 
mild.  miUe-ivoclie  fem.  Der  Wechsel  des  geschleclits  und 
der  flexion  hat  sich  unter  dem  mächtigen  einfluss  des  genus 
der  bezeichnungen  der  andern  Wochentage  vollzogen;  aber  um- 
gekehrt hat  auch  das  mhd.  schwache  fem.  müte-ivoche  vereinzelt 
die  bezeichnung  eines  andern  tages  beeinflusst: 

an  der  sechsten  samstagen  ürk.  v.  1382,  Angsb.  1,  71, 19,  vgl.  an  der 
nechsten  rnttwochen  Augsb.  1,  25, 13.  Mag  nun  mittwoch  durch  Übertragung 
zuerst  die  starke  flexion  angenommen  (äs.initwoch  f.  Augsb.  1,  90, 11.  2,  23,40, 
Mich.  Beheim  393,  30),  oder  zuerst  den  geschlechtswandel  durchgemacht 
haben:  das  resultat  war  dasselbe.  Der  Wechsel  des  genus  lässt  sich  be- 
reits in  Urkunden  des  14. jh.'s  nachweisen:  des  mitwochen  1385  Weizs.  1, 
as.  mitivoch  m.  1405  Janssen  1,  ds.  mitwocJi  m.  1430.  1438  Janssen  1,  as. 
mttivoc7im.Ma,mz  1,293,  3b.  Im  15.  jh.  tindet  sich  witicocli  mit  weiblichem 
geschlecht  nur  noch  in  Aveuig  Schriften:  ds.  mitwochen  f.  Stretl.  ehr.,  juit- 
woch(en)  f.  Mich.  Beheim  393,  30.  405,19.  Im  16.  jh.  ist  die  alte  form  (ds. 
mitwochen)  nur  noch  bei  dem  Schweizer  Manuel  anzutreffen,  dessen  lite- 
rarische tätigkeit  in  die  zwanziger  jähre  fällt.  Für  die  herschaft  des 
männlichen  geschlechts  im  16. jh.  hier  einige  belege:  ds.  miticoch  Zimm. 
ehr.  285,  22,  Nürnberg  4, 15,  3.  19,  7.  9,  mitwoch  Pauli,  as.  miticoch  Mathesius. 
Die  schwache  flexion  indes  erhält  sich  neben  der  starken  bis  ins  17. jh.: 
ds.  mitwochen  Luther,  Serm.  gs.  ynitwochen  Just.  Jonas  (Br.  v.  1539)  :  mit- 
ivochs  3  m.  ebda.;  ds.  «sc7«er?»?'tt«'oc/iew  Volksb.  v.  dr.  F.  91,  3.  4.  123,29,  am 
mitwochen  Schupp.  —  Der  gen.  mit  analogischem  s  (mitwochens)  ist  ver- 
einzelt: des  nechsten  mitwochens  Urk.  v.  1412  bei  Janssen  2,  250.  —  Nach 
aualogie  der  adverbialen  Zeitbestimmungen  tags,  nachts  (frähjaJirs  Goethe) 
bildet  Just.  Jonas  mitwochens  nach  michaelis  Br.  v.  1521. 

april. 

mhd.  ahereJle,  aprille  swm.  :  ds.  ahereUen  Stretl.  ehr.,  Wyle  358,  25, 
aprilen  Abraham,  :  cqn-il  Aventin  587, 17,  Agricola,  Mathesius;  gs.  aprilen 
Frischlin,  Ayrer*,  aprilens  Nürnberg  5, 491, 19,  Sleidanus. 

märz. 

mhd.  merze,  merz  swm.  ns.  mürz  Dasyp.,  Maaler;  ds.  märzen  Stretl. 
ehr.,  Eosenblut,  Pauli,  Agricola,  Sachs,  Rollenhagen  138,  Opitz  45,  Spee, 
Halle)-,  "Wieland,  Grillparzer,  K.Otto,  :  mürz  Opitz;  gs.  mürzens  Agricola, 
Sleidanus,  Maaler,  Hofniansw.,  märzen  Eyb,  Aventin  890,  27,  Seb.  Frank. 
Stieler  und  Frisch  weisen  noch  formen  der  cons.  flexion  auf.  Noch  im  jähre 
1770  verwirft  der  Liebhaber  der  Wahrheit  in  seinen  anmerkungen  über  die 
v.  h.  Jac.  Hemmer  herausg.  abhandl.  über  die  deutsche  spr.  (Mannheim  1770) 
Hemmers  starke  bildung  den  27.  märz,  '  weil  das  wort  ohnwiderruflich  zur 
dritten  (=  cons.)  abänderung  gehört'.  Braun  setzt  die  starke  flexion  an, 
während  bei  Popowitsch  und  Nast  noch  die  schwache  gewahrt  wird. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  283 

mal. 

mhfl.  meie,  meige  s-wm.  Die  schwache  flexion  erhält  sich  his  ins  18.  jh.: 
gs.  makn  4.  Bib.,  Sachs,  bis  Wieland,  Immermaun,  Gutzkow;  ds.  maicn 
Stretl.  Chr.,  Rosenblut,  Folz,  Füeterer  265,  Pauli,  Agricola,  Waldis251,  67, 
Joh.  Mathesius,  Ayrer*,  bis  Fr.  Müller,  Herder,  :  mai  Waldis  284,  9,  Klop- 
stock;  as.  ?«rtiVR  Rosenblut,  :  w?aiKlopstock;  gs.  ma/ens  Agricola,  Sleidanus, 
Opitz;  mni  swm.  Stieler,  mai.  stm.  Frisch.  Einen  rest  älteren  sprach- 
standes  bietet  maienbaum,  maienivand. 

lenz. 

mhd.  lenze  swm.  gs.  lenzen  4.  Bib.,  Purgoldt  bis  DroUinger,  E.  Kleist, 
Wieland,  lenzens  Opitz,  Weckherlin  2, 151, 110;  ds.  UnzcnV&wW,  Seb. Münster, 
]\Iathesius,  Spangenberg  34,  Opitz  23,  Fleming,  S.  Dach  202,  Joh.  Rist,  bis 
Wieland ;  as.  lenzen  Agricola,  lenz  Joh.  Rist ;  lenz  swm.  Stieler,  Nast,  Popo- 
witsch. 

In  gebundener  rede  ist  noch  heute  die  schwache  form  von 
mai  und  lens  erlaubt.  Bairische  mundarten  (vgl.  Schmeller  264) 
haben  die  cons.  flexion  von  april,  märz,  Uns,  mal  bis  heute 
bewahrt  und  sogar  lierhst  nach  dem  muster  dieser  in  die  w-decli- 
nation  eintreten  lassen. 

III.   i- stamme. 

Die  ansieht,  dass  die  umlautsbewegung  von  Oberdeutsch- 
land ausgegangen  sei,  kann  heute  als  überwunden  gelten.  Ja 
man  hat  es  wahrscheinlicli  gemacht,  dass  der  umlaut  sich  von 
norden  nach  Süden  verbreitete  und  im  md.  in  früherer  zeit 
und  in  weiterem  umfang  zur  geltung  kam  als  in  Oberdeutsch- 
land;!) vgl.  Paul,  Mhd.  gramm.  §  40,  anm.  3.  Beitr.  4,  542.  549. 
Rückert,  Die  nhd.  Schriftsprache  2,  58  ff.  Pietsch,  Luther  und 
die  liochd.  Schriftsprache  s.  40  ff.  Michaelis,  Beiträge  z.  geschichte 
d.  deutschen  rechtschreibung  h.  2,  72  ff.  81  ff.  92.  J.  Luther,  Zs. 
fdph.24,68.  Anz.fda.l5,332ff.  O.Hertel,  Germ.28,452.  Behaghel, 
Pauls  Grundr.  l\  694,  §  40. 

Bereits  im  mhd.  war  die  mehrheit  der  alten  «-stamme  der 

1)  Ausgeschlossen  von  unserer  betrachtung  bleiben  an  dieser  stelle  die 
md.  denkmäler  des  14.  und  15.  jh. 's,  weil  in  Mitteldeutschland  der  umlaut 
besonders  von  o  und  ti  erst  im  laufe  des  16.  jh.'s  in  vollem  umfang  grapliisch 
bezeichnet  wurde.  Noch  in  Luthers  erstlingsschriften,  z.  b.  An  den  christl. 
adel  t.  nation,  ist  die  bezeichnung  des  umlauts  nicht  durchgefülirt,  während 
in  der  bibelausgabe  von  1545  die  bezeichnung  allgemein  ist:  es  handelt 
sich  dabei  lediglich  um  einen  orthographischen  unterscliied  zwischen  den 
früheren  und  den  späteren  werken  Luthers. 


234  MOLz 

mischimg  mit  den  /-stammen  unterlegen.  Das  eintreten  des 
Umlauts  hieng  bei  der  declination  nicht  mehr  von  der  Wirkung 
eines  palatalen  Clements  ab,  der  umlaut  wurde  vielmehr  als 
mittel  zur  kennzeichnung  der  pluralischen  function  empfunden. 
In  nhd.  zeit  begegnen  in  denkmälern,  wo  die  bezeichnung 
des  Umlauts  durchgeführt  ist,  nur  selten  umlautslose  formen 
von  Wörtern  die  im  nhd.  einen  ?-pl.  bilden. 

Nur  der  j)!.  icolfe  begegnet  noch  zuweilen.  Die  dem  stammvocal 
folgende  cousouautenverbiudung  l  +  cons.  kann  hier  für  den  mangel  des 
unüauts  nicht  in  die  wagschale  geworfen  werden,  vgl.  iväldc.  Der  pl.  ivolfe 
begegnet  bei  Boner,  Füeterer  140,  Luthers  Bibel  v.  1545,  Sachs  110,  36.  Bei 
Waldis  besteht  schwanken  zwischen  umgelautetem  und  umlautslosem  plural, 
vgl.  201,2.  202,8.  Doch  war  der  /-pl.  bereits  im  14.  jh.  üblich:  tvölf  Vrk. 
V.  1375,  Augsb.  1, 143, 11. 

Neben  den  umlautslosen  pluraleu  schachte,  schcdke  sind,  wie  bereits 
im  späteren  mhd.,  schachte,  schälke  durch  den  Sprachgebrauch  anerkannt. 

Jul.  von  Braunschweig  kennt  nur  den  pl.  fluche.  Der  pl.  gmde  H. 
V.  Kleist,  Uhland,  Döff.  Schi,  ist  wol  auf  den  eiufluss  von  rosse  zurückzuführen. 

Nur  bei  Boner  hat  der  umlaut  auch  den  sing,  eines  Wortes  ergriffen: 
nds.  fröseh,  eine  form,  die  allgemein  schweizerisch  ist. 

Landschaftlich  beschränkt  ist  der  übertritt  zu 
den  w-(wa)stämmen  bei  haum,  kämm,  schwamm,  stamm,  ström. 

bäum. 

US.  bäum;  gs.  baumens  Sachs  223, 4  (von  baumens  ästen).  10,60,35, 
Ayrer ;  ds.  bäumen  Wyle,  Pauli  (vereinzelt),  Sachs  500, 15,  Ayrer  (6  n-  und 
4  a-fonnen);  apfelbaumen  Sterz,  spiele  144,  796 ;  as.  bäumen  Wyle,  Sachs 
20,306,25,  Ayrer  (3  h- und  5  ft-formen) ;  np.  bäumen  Ayrer  (daneben  steht 
bäum);  (gp.  bäume  Eyb,  E.  97, 19);  dp.  bäumen  Stretl.  ehr.  (vereinzelt),  Eyb, 
Füeterer  220.  228.  246,  Sachs  511,  21.  10,36,32,  Ayrer;  dp.  bäumen  Sachs 
20,405,8;  ap.  bäum  Sachs  261,  39,  bäume  Sachs  332,  8. 

Für  die  mit  umlaut  gebildete  form  des  pl.  bedarf  es  keiner 
weiteren  belege;  sie  findet  sich  in  allen  anderen  von  uns  durch- 
gesehenen texten. 

darm. 

pl.  därmen  Ritter. 

kämm. 

ns.  kämm  Dasyp.,  Maaler;  ds.  kämmen  Manuel. 

schwamm. 

ns.  schwamm  Dasyp.,  Maaler;  ds.  schwammen  Moscherosch,  man  kanns 
mit  keinem  schwammen  mehr  abwischen  Henisch561;  i)\.  schwämme  D&syj^., 
schtvammen  Moscherosch,  Abraham ;  dp.  schwammen  Sachs  16, 23. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  235 

stamm. 

ns.  stamm  Dasyp.,  Maaler,  Zimm.  ehr.  44,  29.  131,8;  stanwicn  Sncheu- 
■vvirt  27,  37,  Füeterer  27,  Seb.  Münster,  Tschudi,  Aj'rer*,  Abraham,  bair.  nach 
Schmeller,  M.B.  264;  gs.  stammens  Wyle,  Aventin  893,  21,  Dasyp.,  Maaler, 
Zinim.  ehr.  41,  31.  21, 12.  129, 17,  Tschudi,  Dietenberger,  Fischart,  Weckherlin 
2,235,78,  Zincgref,  Moscherosch  69 ;  ds.  stammenM.Beh.eim  (nehen  stawwe), 
Eoseubhit  (neben  stamme),  Stretl.  ehr.,  Wihvolt  139,  Manuel,  Eebhuhn  (:  samen), 
Agricola  (neben  stamme),  Zimm.  ehr.  25,  34.  143,  29,  Seb.  Münster,  Sachs  (nur 
in  der  bindung  4,  22.  5,  24.  131,  9.  100, 19.  20,  67,  22),  Dietenberger  (neben 
stamme),  Fischart,  Maaler,  Frischlin,  Ayrer*,  Heniseh  391,  Weckherlin  (nach 
Fischer), Moscherosch  124. 128,  Schupp,  Jesuitenpoesie  1. 12;  as.stainmenZimm. 
ehr.  519, 15,  Sachs  20,  43,  28,  Ayrer*,  Fr.  Spee,  Weckherlin  (nach  Fischer) ; 
pl.  stemmen  4.  Bib.  3  m.,  ap.  stammen  Weckherlin  2, 156,  30,  pl.  staminen 
Abraham  (vgl.  Schmeller,  BWb.  2'',  755).  Angesichts  so  reichen  belegmate- 
rials  für  die  cons.  bildung  der  flexion  von  stamm  erscheint  es  angebracht, 
auch  die  fundstätteu  der  vocalischeu  flexion  ai;fzuzeichnen :  gs.  Stamms  Rosen- 
blut, Luther,  Aventin,  Waldis91,34,  Sachs  104,  29,  Fleming,  Hofmansw. ; 
ds.  stamm  Füeterer  317,  Agricola,  Aventin  836,  2,  Seb.  Frank,  Sachs  4,  20. 
131, 12.  20, 77, 26,  R.  Fischer  18 ;  as.  stamm  Joh.  Arndt,  Hofmansv^^ ;  pl.  stamm 
Frischlin. 

Strom. 

as.  strömen  Volksb.  v.  dr.  F.  68,  38,  ström  Volksb.  v.  dr.  F.  61,  6.  72, 15; 
ds.  Strom  ebda.  60,  38 ;  gs.  lanclstromens  Parn.  boic.  1725  s.  244 ;  pl.  strömen 
und  strömen  Volksb.  v.  dr.  F.  22,  5.  47,  29.  51,  25.  65,  29.  52,  32.  54,  39. 

Wie  erklärt  sich  dieser  process  einer  formenübertragung 
von  den  n-,  wa- stammen  auf  die  a- stamme?  Nach  Behaghel, 
Pauls  Grimdr.  1-,  §  100, 4  'ist  auslautendes  n  mit  einer  be- 
stimmten einschränkung  erlialten  im  grössten  teil  des  bairischen 
und  dem  östlichen  teil  des  ostfi^änkischen.  Die  ausnähme  be- 
steht darin,  dass  nach  stammschliessendem  labialen,  dentalen, 
gutturalen  nasal  das  n  abgefallen:  z.  b.  kumnia,  finäa,  singa\ 
Zur  nördlichen  grenze  dieser  erscheinung  vgl.  Friedrich  s.  13. 
Schwach  Üectierte  substantiva  mit  stammauslautendem  nasal, 
z.  b.  vane,  nmne,  same,  rame\  daume,  yaume\  strieme,  rieme 
haben  im  obliquus  und  pl.  in  jenen  landschaften  die  formen 
van9,  namd,  samd,  ramo;  daimid  u.  s.  f.  Wenn  nun  der  pl.  von 
stamm,  schwamm,  Icamm,  hatmi,  ström  nicht  durch  den  umlaut 
kenntlich  gemacht  wurde,  so  kam  ilim  das  flexi vische  e  zu, 
das  nach  nasal  in  jenen  gegenden  mit  dem  festen  e  der 
schwachen  endung  -cn  identificiert  wurde.  Für  die  scln-ift- 
liche  fixierung  ergaben  sich  so  im  pl.  die  formen  stammen, 
haumen,  strömen  etc.    Von  dem  pl.  aus  wäre  danach  der  sing. 


236  MOLZ 

in  die  i?-declination  eing-etreten.  Auch  bot  ja  der  dat.  sing-., 
so  lange  er  sein  flexiyisclies  e  gewahrt  hatte,  zur  anknüpfung 
mit  der  M-flexion  gelegenheit.  Freilich  setzt  diese  ganze  h3^po- 
these  ein  sehr  frühes  dialektisches  verstummen  des  n  nach 
stammhaftem  nasal  voraus:  es  müsste  der  auslautende  nasal 
bereits  gegen  ende  der  mhd.  zeit  gesch\^^mden  sein,  zu  einer 
zeit,  wo  überhaupt  in  diesen  mundarten  e  als  flexi visches 
zeichen  noch  existierte.  Sonst  wäre  nicht  einzusehen,  warum 
diese  a-stämme  die  pluralbildung  mit  umlaut  vermieden  hätten. 
Dass  aber  meine  annähme  einigermassen  berechtigung  hat, 
geht  hervor  aus  dem  reichen  belegmaterial  besonders  aus 
Schriften,  die  dem  bairischen  und  ostfränkischen  gebiet  ent- 
stammen. Es  darf  schliesslich  nicht  übersehen  werden,  dass 
die  in  rede  stehenden  Wörter  lauter  concreta  bezeichnen. 

träum,  das  lavitlich  derselben  analogischen  spliäre  ausgesetzt  war, 
flectiert  bei  H.Sachs  in  vocalischer  form:  gs.  traums  20,550,28,  ds.  tramn 
20,  454,  33,  ap.  träume  20,  455, 15. 

Die  plurale  stammen,  strömen  sind  Jirt-plurale  wie  ns.  hast  —  pl.  kästen, 
oder  ns.  grab  —  pl.  graben. 

Eine  pluralform  strömen  hat  einen  ideellen  nom.  sing,  strömen  zur 
Voraussetzung. 

Der  mhd.  «-stamm  bäum  scheint  sich  im  ostfränk.  dem  einfluss  der 
/-stamme  besonders  lange  entzogen  zu  haben.  Bei  H.  Sachs  stehen  um- 
gelautete  und  umlautslose  formen  nebeneinander;  bei  Ayrer  kommt  die 
^-form  des  pl.  in  den  von  mir  geprüften  drei  bänden  überhaupt  nicht  vor. 
Es  lässt  sich  also  hier  die  berührung  mit  den  n-stämmen  aus  dem  streben 
nach  Scheidung  der  mimeri  erklären. 

Vereinzelt  steht  gs.  gaugens  Haller,  1.  aufl. 

Die  plurale  topfen  Purgoldts  Rechtsb.,  Sterz,  spiele  197, 152  und  no.pfen 
Goethe  (Faust  4867  W.A.)  sind  durch  association  bedeutungsverwanter  Wörter 
können,  kanten,  schusseln,  schalen  hervorgerufen.  Der  pl.  schachten  bei 
Joh.  Mathesius  (n.  schachte)  und  Herder  ist  durch  die  iorniGii  Stollen,  gruben; 
schlachten  zu  erklären. 

Eine  momentane  auomalie  liegt  in  den  Verbindungen  tonen  und  melo- 
ilcien  Spangenberg  57  (vgl.  tön  und  melodeicn  67),  vom  wolfen  nnd  dem 
rahen  Waldis  201, 1. 

Sonstige  berührung  mit  den  n-stämmeu. 

fuchs. 
Der  ^■- stamm  fuchs  zeigt  in  der  älteren  spräche  grosse 
neigung  zu  den  n-stämmen  überzutreten. 

Wyle  184, 19  pl.  fuchse;  Sterz,  spiele  ap.  fuchsen  271,259:  "Waldis  ds. 
fiichsen  31, 1.  113, 1,  as.  fuchsen  58, 20  (aber  stm.  68, 9.  58,  24.  113,  3),  Sachs 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  237 

gs.  fuchsen  474, 19  (aber  stin.  47G,  1 1),  Mathesius  gs.  fuchsen,  Ayrer  dp. 
fuchsen,  Weckherlin  2  gs.  fuchsen  284,  331  (aber  pl.  fiichs  283,  286),  Mosche- 
rosch  as.  fuchsen,  Abraham  gdas.  fuchsen  (vgl.  Scbmeller  s.  263).  Zuweilen 
finden  sich  n-bildungen  noch  bei  Schupp  und  Frisch. 

froscli, 
gs.  froschen  vereinzelt  B.  d.  beisp.  121,  gp.  froschen  Wyle  185, 24,  pl. 
froschen  Haller.    Die  consonantische  flexion  von  frosch  ist  selten. 

abt. 
Eine  zwiefache  anomalie  bietet  gs.  aptens  Dornblütli.    Als 
personenbezeiclinung-  konnte  sicli   aht   den  «-stammen  leicht 
anschliessen,   vgl.  mönch,  bischof.    Ueber  das  gen.  -s  wird  bei 
den  schwachen  masc.  die  rede  sein. 

Lehn-  und  fremdAvörter. 

Das  fremdwort  plan,  dessen  übertragene  heute  fast  allein 
übliche  bedeutung  erst  im  18.  jh.  aufgekommen  ist,  entbehrt 
des  Umlauts  bei  Herder,  Lessing,  Goethe,  Schiller,  Uhland, 
Grimm,  während  Mügge,  Mosen,  J.  Contessa  der  i-torm  den  Vor- 
zug geben.  Die  grammatiker  Hempel,  Nast,  Adelung  fordern 
die  nicht  umgelautete  pluralform.  ^\.  plen  miä.  plctze  Purgoldt; 
pl.  plane  Stieler. 

Von  den  fremd  Wörtern  auf  -al  ist  die  umgelautete  obd. 
form  des  plurals  von  kardinal  in  die  Schriftsprache  eingedrungen: 
pl.  cardinäl  Urk.  v.  141.5,  Augsb.  1, 117, 14.  3,  73, 18.  Der  ge- 
wählteren prosa  dürften  die  a-pl.- formen  der  übrigen  fremd- 
wörter  auf  -al  besser  anstellen.  So  wird  der  dat.  pl.  heute 
Xmncipalen  lauten  und  nicht  principülen  Augsb.  4,  233,  36. 

Der  pl.  von  Implan  heisst  Jmpläne  (Augsb.  4, 143,  9,  Pauli), 
aber  der  pl.  von  altan  lautet  altane.  Hier  bergen  die  Ver- 
hältnisse der  Schriftsprache  ein  stück  culturgeschichte. 

Das  lehnwort  bischof  erscheint  mit  umgelautetem  plural 
bereis  im  mhd.  (Griesh.  pred.).  In  den  Chroniken  von  Augs- 
burg, Nürnberg  ist  die  i-form  des  plurals  allgemein: 

pl.  hischöf{e)  Urk.  v.  1378,  Augsb.  1,  57,  23.  3. 169,  22.  5,  66, 11,  Nürn- 
berg 5,  729,  26,  bischof  Pauli. 

Indes  hat  die  Stellung  des  umzulautenden  vocals  in  tiefton. 
silbe  noch  langes  schwanken  zwischen  a-  und  «-formen  zur  folge: 

pl.  bischof (e)  Stretl.  ehr.,  Rosenblut,  Murner,  Aventin  605, 15.  658, 19, 
Zinim.  Chi-.  29,  23.  76,16.31.  146,6,  Waldis  266,  38,  Alber  (vereinzelt  pl.  bi- 
schof e),  Mathesius,  Spangenberg  12.  116,  Abraham. 


238  MOLZ 

Dass  die  «-form  schliesslicli  zm^  herschaft  gekommen  ist, 
liegt  in  der  tatsache  begründet,  dass  die  namen  der  geistlichen 
stände  (kaplan,  aht,  probst,  Jcardinal,  papst)  überhaupt  im  pl. 
den  Umlaut  angenommen  haben  (zu  dem  /-pl.  von  probst  und 
aht  vgl.  Augsb.  1,  70,  2).  Der  einwirkung  dieser  eng  verbun- 
denen gruppe  konnte  sich  bischof  auf  die  dauer  nicht  entziehen. 

Wenn  Schmeller,  M.B.  262  sagt,  dass  bischof  in  bair.  dia- 
lekten  der  cons.  flexion  folge,  so  berührt  das  wie  ein  nach- 
klang der  einstigen  politischen  bedeutung  dieses  amtes,  die 
den  träger  dieser  würde  in  die  reihen  der  fürsten,  grafen  und 
herren  stellte.    Vgl. 

np.  fürsten,  bischofen  und  grafen  Eoseublut,  gp.  hischofen,  fürsten, 
grafen  Alber,  ds.  erzbischofen  1494  Chmel,  gas.  bischofen  Volksb.  v.  dr.  F. 
80,  30.  24, 33,  das.  bischofen  Paru.  boic.  1723  s.  100  (vereinzelt). 

Uebertritt  zu  den  «-stammen. 
Der  cons.  stamm  fiios  flectiert  im  mhd.  nach  den  «-stam- 
men und  nur  der  dp.  hat  häufig  die  a-gestalt,  vgl.  die  ausführ- 
liche darstellung  von  Bojunga  s.  33  ff. 

Im  frülmbd.  setzt  sich  der  a-dat.-pl.  noch  in  einigen  isolierten  Wen- 
dungen fort:  zugen  aus  zu  fassen  Augsb.  3, 12,  5,  mit  beiden  fussen  Nürn- 
berg 5,  701,16  (aber  mit  den  füssen  Nürnberg  5,  701, 12),  d\i.  fussen  Volksb. 
V.  dr.  F.  48,  7. 

Ausser  diesem  vereinzelten  cons.  stamm  traten  eine  reihe 
von  w- Stämmen  zu  den  «'-stammen  über. 

hahn. 

mhd.  han,  haue  swm.  pl.  hän  Geiler,  nap.  hän  Pauli,  das.  hanen,  dp. 
hauen  ebda.  H.  Sachs  hat  starke  und  schwache  biegung  nebeneinander.  Die 
^■-form  des  pl.  begegnet  dann  bei  Hofmauswaldau.  Stieler  kennt  nur  die 
voc.  flexion.  Das  sind  gegenüber  der  menge  von  «-formen,  die  im  16.  und 
17.  jh.  belegt  sind,  vereinzelte  beispiele.  Die  »-flexion  herscht  bei  Aventin 
(as.  814, 15),  Luther,  Burk.  Waldis  15, 1.  100, 1.  2,  Rollenhagen  (ds.),  Ayrer, 
J.  V.  Braunschw.,  Schöpf,  Opitz  (pl.),  Zincgref  (as.),  Moscherosch  (pl.  25. 143), 
Schottel,  Sprichw.  1116,  Abraham.  —  Den  stand  der  entwicklung  im  18.  jh. 
erläutern  die  Zeugnisse  der  grammatikei':  Hempel,  Aichinger,  Nast  lassen 
neben  der  starken  declination  noch  die  schwache  in  geltung;  Steinbach, 
Gottsched,  Braun,  Adelung  setzen  hahn  in  die  reihe  der  «-stamme. 

Mundartlich  ist  die  alte  flexion  lebendig  geblieben,  vgl. 
Schmeller  264.  In  der  Schriftsprache  hat  sich  in  Zusammen- 
setzungen ein  rest  der  cons.  flexionsweise  erhalten:  hahnenfuss, 
hahnenriif. 


NHD.  SUBSTANTIVFLEXION.  239 

Schwan, 
mhd.  stvan,  sivane  swstm.    Die  gleichheit  der  entwickliing  von 
Schwan  und  halin  ist  bei  der  ähnlichkeit  der  lautbilder  natürlicli. 

Im  16.  imd  17.  jh.  ist  die  w-flexion  fast  allein  im  gebrauch:  schwan 
swm.  Eyb,  Luther,  Seb.  Münster,  Sachs  20,  301, 1,  Fischart,  Rollenhagen  7.  59, 
Ayrer,  Spaugenberg  24,  Weckherlin  2,  352,  224.  244.  315, 109,  Schoepf,  Opitz, 
Spee,  Abraham,  Grimmeishausen,  Stieler.  Auch  im  18.  jh.  und  später  be- 
hauptet sich  noch  die  cons.  declination  neben  der  vocalischen:  Haller,  Herder, 
Wieland,  Goethe  in  seiner  Jugend.  Im  pl.  noch  Hauff,  Eichendorf.  —  Die 
mit  Umlaut  gebildete  pluralform  taucht  zuerst  bei  den  Mitteldeutschen 
Fleming,  Hofmanswaldau  auf  (pl.  schwane  Morhof,  Ged.  s.  114).  Später  ist 
der  umgelautete  pl.  bei  Brockes,  Günther,  Ramler,  Pestalozzi,  Klinger,  Platen, 
Grillparzer  belegt.  Steinbach,  Gottsched,  Adelung  geben  allein  die  umlauts- 
form  als  Schriftdeutsch  aus,  während  Hempel,  Aichinger,  Nast  beide  arten 
der  flexion  anerkennen.  In  den  mundarten  des  Südens  (Schmeller  264)  lebt 
die  cons.  flexion  fort,  vgl.  Zum  scJitvcmen.  In  den  meisten  Zusammen- 
setzungen, wie  schwanenbusen,  sdiivancnhals  ist  die  /(-form  allein  üblich. 

Zum  ausgang'spunkt  für  die  /-flexion  diente  hier  der  sing. : 
der  e-lose  nom.  sing.,  der  bei  lebenden  wesen  wol  am  häufigsten 
gebrauchte  casus,  trat  in  die  gruppe  der  a-stämme  und  je  nach 
dem  machtverhältnis  zwischen  dem  nom.  und  den  obliquen 
casus  des  sing,  musste  sich  die  a-  oder  w-flexion  einstellen. 
Die  entwickliing  lehrt,  dass  oft  genug  der  nom.  sing,  an  macht 
der  summe  der  obliquen  casus  überlegen  war: 

ds.  han  Boner ;  gs.  hans  Ringwald ;  as.  han  :  hauen  =  4:3  Rosenblut, 
han  Waldis  117, 14;  das.  lian  Mathesius,  as.  sc/t?t'art  Luther,  Alber,  Mathesius, 
Waldis  142,  33,  Abraham ;  ds.  schivan  Schupp. 

Der  pl.  konnte  erst  secundär  mit  den  ?- stammen  in  be- 
rührung  kommen,  zumal  die  w-form  an  der  gruppe  der  namen 
der  Vögel  (kennen,  tauben,  enten)  eine  stütze  hatte. 

So  bildete  sich  bei  Hemmer  eine  mischdeclination  aus :  hahu,  gs.  hahus 
etc.,  pl.  hahnen.  —  In  der  Russ.  gramm.  und  in  der  von  Braun  lautet  die 
flexion  von  schwan  ebenso. 

Nach  Friedrich  s.  16  ist  im  obersächsischen  und  angrenzen- 
den mundarten,  ebenso  im  niederdeutschen  Verschmelzung  der 
endung  -en  mit  dem  vorangehenden  nasal  anzutreffen.  Diese 
angaben  stehen  mit  den  meinigen  insofern  in  einklang,  als  es 
gerade  md.  autoren  sind,  bei  denen  zuerst  vocalische  bildungen 
von  hahn  und  schwan  begegnen. 

kauz. 

mhd.  küze,  Ms  swstm.  :  pl.  käutze  Kirchhof  (Wendunm.),  kautzen  Ma- 
thesius, Grimmeishausen,  Abraham,  Simrock  Volksb.  4, 137 ;  as.  kautzen  Maler 


240  MOLZ 

Müller,  Goethe  (Mitsch.),  pl.  kautze  und  Mutze  Steinbcach,  katitze  H.  v.  Kleist: 
kautz  swm.  Nast. 

storch, 
mhd.  storch,  storche  stswm.  Im  15.  jh.  ist  von  der  mhd.  gruudlage 
aus  noch  kein  schritt  in  der  Weiterentwicklung  geschehen:  as.  storchen 
Rosenblut,  gs.  ein  Storches  nest  Folz,  ds.  storch  Folz,  np.  storchen  B.d.  heisp. 
lOi,  10,  storch  swm.  Geiler,  Eyb.  Im  16.  jh.  tritt  die  z-bildung  des  pl.  auf, 
neben  welchem  die  schwache  flexion  sich  in  weiter  ausdehnung  erhält :  storch 
sm.  Pauli  (dsnp.),  Aventin  (as.  873,  30),  Seb.  Münster,  Waldis  (ds.  57,  9.  58,  42, 
as.  57,  3.  58,15),  Fischart  (as.),  Rollenhageu  (ds.) ;  storch  stm.  Luther  (gas.), 
Mathesius  (as.),  Ayrer  (np.  storch).  Der  «-plm-al  ist  von  Kehrein  am  frühesten 
bei  Aventin  belegt.  Wie  bei  Aventin  steht  bei  Waldis  der  ^■-plural  storche 
45,  104  mitten  unter  den  n  -  bildungen  (s.  oben  und  dp.  storchen  44,  64). 
Auch  bei  Eollenhagen  steht  dem  /-plural  die  n-torm  des  gen.  sing,  gegen- 
über. —  Im  17. jh.  scheint  die  ?i- flexion  nur  noch  vereinzelt  aufzutreten: 
as.  storchen  Ziucgref,  siorcken  Weckherlin  2,  350, 151,  aber  pl.  storche  Schottel, 
Sprichw.  1124.  —  Im  18.  jh.  ist  dem  lexicographen  Steiubach  und  den  gram- 
matikern  Hempel,  Aichinger,  Braun  nur  die  «-flexion  des  Wortes  vertraut. 
Der  Schwabe  Nast  allein  duldet  noch  die  schwache  biegung. 

tropf 
ist  eine  nlid.  bildung",  die  sich  in  vollständiger  differenzierung" 
von  dem  mhd.  trojjfe  losgelöst  hat.  Für  den  verlust  des  end-e 
war  die  Verwendung*  des  wortes  als  Scheltwort  entscheidend, 
vgl.  Behaghel,  Germ.  23,  271.  Die  starke  flexion  drang  von  dem 
e- losen  nom.  erst  allmählich  in  die  obliquen  casus:  die  voll- 
ständige trennung  von  tropfen  in  den  obliquen  casus  erfolgte  spät. 

ds.  tropfen  Weise  34;  pl.  tropfen  Frisch,  Megalissus  54,  /^-o^^/e  Hempel, 
tropfe  Braun ;  tropf  swm.  Aichinger ;  ds.  tropfen  Grimm,  Märchen  1, 152. 

anwalt. 
mhd.  amvalte  swm.  rätgehe,  ividersaclie  standen  in  mhd.  zeit 
als  Synonyma  amvalte  gegenüber.  Die  beiden  ersten  traten 
in  eine  neue  ableitung  ein,  und  amvalte,  das  des  auslautenden  e 
lautgesetzlich  verlustig  gieng,  vertauschte  die  schwache  flexion 
mit  der  starken.  Das  eintreten  der  {- pluralform  war  durch 
ivalcl  —  wälde  begünstigt  worden. 

Belege :  pl.  anwalde  Urk.  v.  1-105,  Oest.  weist.  1, 111, 46,  und  dp.  anwalden 
ebda.  111, 4,  pl.  amvült  Aventin  631,  24,  gs.  anwalts  li94  Chmel,  ds.  amvalt 
Wilwolt  118,  as.  anwalt  Fischart,  ds.  anwalt  Ayrer.  Ganz  vereinzelt  as.  an- 
valten  Verl.  Europäer  36. 

Die  a-form  des  pl.,  wie  sie  Adelung  und  Grimm  angeben, 
besteht  noch  heute  neben  der  /-bildung,  und  ist  aus  der  ge- 
ringen stärke  des  accents  der  silbe  ivalt  zu  erklären. 


NHD.   SUBSTAKTIVFLEXION.  241 

herzog. 

mild,  herzöge  swm.  Das  nebentonige  e  der  endsilbe  musste 
in  seiner  Stellung  nach  tiefton  fallen.  In  den  Urkunden  des 
14.  jh.'s  tritt  besonders  die  apokope  bei  der  verAvendung  des 
Wortes  als  titel  hervor  (Weizs.  1).  Im  15.  jh.  ist  die  abstossung 
allgemein  durchgedrungen.  Der  a-nom.  bildete  für  die  starke 
flexion  einen  anknüpfungspunkt.    , 

Die  schwache  declination  ist  im  15.— 17.jh.  vorhersehend: 

herzog  swm.  Stretl.  ehr.,  Mich.  Beheim,  Folz  (np.),  Eyb,  E.  (sg.),  Wilwolt 
185.  191,  Pauli,  Manuel  (pl.),  Luther,  Jonas,  Augsb.  3,  93, 10.  190, 1,  Ziinm. 
ehr.  (np.  18, 14,  ds.  71, 10),  Joh.  Mathesius  (dsnp.),  Frischliu  (pl.),  Rolleuhageu 
(pl.  112),  J.  V.  Braunschw.  (gs.  Gm.),  Schoepf,  Weckherliu  2,  451  (ds.).  198  (as.), 
Moscherosch,  Schupp  (das.),  Abraham. 

herzog  ist,  wo  es  zur  bezeichnung  des  Standes  vor  eigen- 
namen  diente,  früh  aus  dem  System  der  cons.  flexion  aus- 
geschieden. 

Vgl.  Urk.  V.  1375  bei  Weizs.  1  dem  obgenanten  herzog  Huprecht,  Wil- 
wolt 180  zu  dem  herzog  von  Güch,  Pauli  dem  herzog  von  Mailand.  Bei 
Just.  Jonas  unterbleibt  die  flexion  fast  immer  vor  eigennamen.  Vgl.  Augsb. 
5,  51, 15.  103.  190,  5,  gs.  herzogs  Ottern  söhn  Augsb.  5,  304,  33. 

Hier  liegt  wol  der  grund  für  die  Verschiebung.  Man 
könnte  zwar  daran  erinnern,  dass  graf,  fürst  in  der  Stellung 
vor  eigennamen  häufig  genug  vorkommen,  ohne  ihre  cons. 
flexion  eingebüsst  zu  haben.  Darauf  wäre  aber  zu  erwidern, 
dass  bei  ihnen  auch  in  dieser  proklitischen  Stellung  die  flexion 
nur  höchst  selten  aufgegeben  ist.  Und  wenn  man  fragt,  warum 
gerade  herzog  die  flexion  in  diesem  falle  verloren  hat,  so  kann 
nur  geantwortet  werden,  dass  die  grössere  lautgestalt  des 
Wortes  in  der  gruppe  der  ^^-stämme  vereinzelt  war  und  die 
volle  w-form  der  proklise  nicht  entsprach. 

Vgl.  dazu  mit  dem  markgraf  Casamirus  Augsb.  5, 129, 1,  ds.  landgraf 
Nürnb.  5,  632,  23.  24,  gs.  des  viarkgrafs  weih  Gerli.  Hauptmann  (Schluck 
und  Jan). 

Die  a-formen  tauchen  zuerst  in  Urkunden  auf  —  und  das 
ist  eine  stütze  für  meine  auffassung;  denn  hier  war  natürlich 
die  unflectierte  form  als  titel  häufig  im  gebrauch. 

np.  di  jungen  herzöge  1410,  Janssen  1, 169;  ds.  herzog  1410,  ebda.  171, 
herzöge  1415  ebda.;  gs.  herzogs  Wyle. 

Bei  Füeterer  begegnen  zuweilen  a-bildungeu:  ds.  herzog  217,  as.  hersog 
79.  105.    Ebenso  bei  Aventin :  ein  bruder  herzogs  Milo  604, 10,  np.  herzog 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVII.  \Q 


242  MOLZ 

597,  33.  Der  pl.  lautet  bei  Alber  herzöge  und  herzogen,  bei  Sachs  ds.  herzog 
224,  2.  20,  30i,  4.  27,  as.  herzog  226, 19,  bei  Ayrer  gds.  Aer.^Of/.  Bei  Hofmaus- 
waldau  uud  Lohensteiu  scheinen  die  starken  formen  durchgeführt. ')  Im 
18.  jh.  ist  die  a-flexion  schliesslich  ganz  durchgedrungen:  pl. /icr^-Of/e  Stein- 
bach, Megalissiis  35,  Parn.  boie.  1725,  s.  328. 

Vor  der  mitte  des  18.  jh.'s  ist  nacli  Gortzitza  die  {-bildung 
des  pl.  niclit  belegt.  Die  «-form  lierzoge  wird  nocli  von  Ade- 
lung gefordert.  Unseren  diclitern  Goethe,  Schiller,  Uhland  ist 
nur  die  umlautslose  pluralform  vertraut,  während  Klinger, 
W.  Alexis,  Gutzkow,  Tieck,  Laube  die  umgelautete  form  hersöge 
bevorzugen,  deren  schriftsprachliche  giltigkeit  noch  von  An- 
dresen,  Sprachgebr.  und  sprachricht."  s.  34  geleugnet  wird.  Be- 
sondere gründe  für  die  umlautung  des  vocals  mit  nebenaccent 
kann  ich  hier  nicht  beibringen. 

In  bair.  dialekten  besteht  noch  heute  die  consonantische 
flexion,  die  sich  natürlich  auch  in  der  ortsbezeichnung  Hersogen- 
huscli  gehalten  hat. 

IV.  Masculina  mit  ^»-pliiral. 

Eine  abweichung  von  der  starken  flexion  ist  die  bildung 
des  pl.  mit  dem  suffix  r.  Diese  bildungsweise  kommt  ursprüng- 
lich nur  neutris  zu  und  ist  erst  im  nhd.  auch  auf  masc.  aus- 
gedehnt worden,  nachdem  schon  vorher  die  kleine  gruppe  der 
neutralen  5-stämme  in  mhd.  und  fi'ühnhd.  zeit  grösseres  gebiet 
gewonnen  hatte. 

Wenn  auch  neutrum  und  masc.  in  ihrer  flexion  eine  innige 
berührung  zeigen,  so  genügte  das  allein  doch  nicht,  eine  Über- 
tragung des  >--pl.  auf  männl.  Substantive  zu  ermöglichen.  Es 
müssen  also  wenigstens  für  die  ersten  bildungen  gewichtige 
associative  momente  hinzug-ekommen  sein,  um  die  Wirkung  der 
analogie  zu  unterstützen. 

Wie  die  neutrale  nebenform  eines  Wortes  zur  Vermittlung 
des  plurals  auf  -er  diente,  haben  wir  bereits  bei  ort  gesehen 
(vgl.  s.  221  f.). 


*)  Nach  dem  DWb.,  dessen  uneingeschränkte  angäbe,  dass  die  decli- 
nation  von  herzog  bis  ins  17.  jh.  die  schwache  sei,  nach  meinen  erhebungeu 
der  berichtigung  bedarf  So  ist  z.  b.  bei  Sachs  keine  /<-form  den  4  «-formen 
von  bd.  16.  20  gegenüberzustellen. 


NHD.  SÜBSTANTIVFLEXION.  243 

Wir  betrachten  zuerst  die  gruppe  von  Wörtern,  die  auch 
unter  dem  einfluss  neutraler  nebenformen  zur  annähme 
der  r-bildung  gedrängt  wurden: 

gott. 

mhd.  got.  a-  und  «-stamm.  Die  r-biklung  des  pl.  stellt  eine 
Übertragung  aus  dem  neutralen  abgot  dar. 

ahcjötter  Aiigslj.  1,  291,7.  29i,  4,  Wilwolt  31.  goüer  Eyb,  E.  51, 17.  27,22, 
Munier  (neben  galt),  Aveutin  637, 11,  Luther,  Just.  Jonas,  Alber. 

Die  masc.  nebenform  von  ahgot  liegt  zu  gründe  bei 

pl.  uhgött  Suclienwirt  39,  56.  60,  gp.  uhgöüen  Stretl.  ehr.,  pl.  abgött  Folz, 
Brant  18, 69. 

Daraus  erklärt  es  sich,  dass  im  15.  jh.  der  pl.  götter  durch- 
aus noch  nicht  allgemein  durchgeführt  ist: 

pl.  gött  Stretl.  Chr.,  Folz  (gix  götter),  B.  d.  beisp.  44-,  34.  81,16.  142,34. 
151,2,  und  noch  später  pl.  gött,  götten  Pauli,  gött  Manuel,  Sachs*  159,  30 
(vereinzelt). 

-tum,  -tümer. 

irrtum,  reichtum.  Die  voc.  declination  dieser  beiden  masc. 
reicht  bis  ins  17.  jh. 

Die  4.  Bib.,  Luther,  Aventin  793,  3,  Just.  Jonas  (Briefe  v.39.  41),  Alberus, 
Zimm.  ehr.  193,  8.  15,  Seb.  Münster,  Dietenberger,  Spener,  Abraham,  Dornblüth 
decliuieren  irrtum  in  traditioneller  weise,  irrtümer  wird  von  Schottel  ge- 
fordert, das  nach  Kehrein  zuerst  bei  Grimmeishausen  belegt  ist. 

Anders  gestaltet  sich  die  geschichte  der  pluralform  re/chtimer.  Der 
früheste  beleg  findet  sich  bei  Folz,  B.  30.  1230 ;  daneben  erscheint  die  form 
reichtum.  Später  erscheint  die  r-form  bei  Eyb,  E.  37, 18,  bei  Luther  zuweilen, 
bei  Just.  Jonas  1539,  während  die  4.  Bib.,  Seb.  Münster,  Volksb.  v.  dr.  Faust 
74,  29,  Eud.  Fischer  14,  Schupp  mir  die  a-form  kennen.  Schottel  und  Stieler 
reichtümer. 

bösewicht. 
Ob  bei  der  erweiterten  pluralform  einfluss  des  mhd.  n.  w-iht 
vorliegt  (von  dem  eine  r-form  z.  b.  bei  Lexer  3,  883  bezeugt  ist), 
lässt  sich  schwer  entscheiden. 

Die  bildung  ööseivichter  begegnet  bei  Luther  und  seinen  anhängern 
Alberus  und  Job.  Mathesius.  Ferner  bei  Aventin,  Sachs,  Zesen,  Moscherosch. 
Die  pluralform  tiuchter  wird  von  Klopstock  gebraucht.  Ayrer,  J.  v.  Braun- 
schw.,  Weckherlin,  Goethe  haben  die  form  hösewichte,  die  auch  von  Braun 
und  Nast  ausdrücklich  gefordert  wird,  während  Schiller  die  vollere  bildung 
bevorzugt. 

Nicht  unter  dem  einfluss  der  doppelgeschlechtigkeit 
stehen  die  andern  r-formen,  die  heute  in  der  Schriftsprache 
üblich  sind: 

16* 


244  MOLZ 

1.  mannJ) 

Die  flexivisclieii  Verhältnisse  dieses  cons.  Stammes  in  nhd. 
zeit  scheinen  keineswegs  genügend  aufgehellt  zu  sein.  Im  mhd. 
stehen  sich  die  plurale  man  und  manne  gegenüber.  Mit  dem 
eintritt  der  apokope  kam  die  form  man  auf  oberdeutschem 
boden  allein  zur  herschaft,  während  die  md.  form  manne  lautete. 
Dass  der  plural  man  als  zum  gleichlautenden  pronomen  gehörig 
aufgefasst  wui'de,  ist  wegen  des  grossen  Unterschieds  der  function 
wenig  wahrscheinlich. 

Ich  betrachte  die  Schicksale  des  Wortes  in  chronologischer 
folge,  und  lasse  für  die  gruppierung  die  heimat  der  schrift- 
steiler massgebend  sein. 

pl.  manne  Jeroschin,  Mainz  1,  396, 19  (1398).  Die  spräche  der  kanzlei 
gibt  den  formen  mit  e  den  vorzug:  pl.  manne  ürk.  v.  1382,  häufig  Weizs.  1, 
Urk.  V.  1429  und  li37,  Janssen  1,  Urk.  d.  Stadt  Arnst.,  lehenmanne  (liOß)  ebda., 
nap.  man,  manne,  dp.  mannen  Pnrgoldts  Rechtsbiich  und  noch  vereinzelt  bei 
Luther,  nap.  man,  dp.  mannen  Eosenblut,  Folz,  4.  Bib.,  Wilwolt  60,  88,  pl. 
manne  Eyb,  E.  67, 15.  nap.  man,  dp.  mannen  Mich.  v.  Beheim,  Füeterer  9. 
11.  iS.  165.  301,  35,  B.  d.  beisp.  69,29.  143, 1.  147, 19,  Augsb.  1  alle  man  280, 21 
(1469).  3,  27,  6  (1480).  nap.  man,  dp.  mannen  Stretl.  ehr.,  Wyle  (manne  346,25. 
847,  29),  Geiler,  Braut  (nach  Zarncke),  Muruer,  Sterz,  spiele  33.  153.  75.  97, 
Pauli,  Maniiel. 

Die  cons.  flexion  fand  an  der  unflectierten  form  nach  zahlen 
und  der  begrifflich  nahe  verwanten  gruppe  ivij),  Mnt  eine 
kräftige  stütze  (nach  Bojunga).  Diesen  letzteren  halt  verlor 
sie  aber,  als  die  beiden  neutra  den  r-pl.  annahmen.  Diese  Ver- 
schiebung war  um  1450  auf  einem  grossen  teile  des  Sprach- 
gebiets vollzogen.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  die  voc. 
decliuation  von  iveib  und  kind  auch  noch  später  auftritt,  weil 
die  loslösung  dieser  häufig  gebrauchten  Wörter  aus  der  klasse 
der  a- Stämme  zögernd  und  nur  allmählich  geschah.  Im  ein- 
zelnen werde  ich  darüber  bei  den  neutris  zu  handeln  haben. 
Es  liegt  die  annähme  Bojungas  nahe,  dass  die  r-bildung  männer 
auf  association  mit  den  eng  verbundenen  tveihcr,  Jänder  zurück- 
zuführen sei.  Auch  ihr  Zusammenhang  mit  dem  pl.  (jötter  wird 
aus  der  örtlichen  Verteilung  beider  neuschöpf  ungen  hervorgehen. 


•)  Die  übrigen  umgelauteten  r-plurale  s.  unten  unter  no.  3.  —  Meine 
angaben  sind  durch  das  DWb.  6, 1553  und  Kehrein,  Gramm.  1,  §  280  ergänzt. 
Vgl.  Bojunga  42  ft". 


NHD.   SüBSTANTIVFLEXION.  245 

Per  pl.  mönner  taucht  zuerst  in  einer  Mainzer  urk.  vom  jabrc  1-129 
auf,  vgl.  Mainz  1,375,15.  376,2.  Die  nächstfolg-enden  belege  bietet  die  Mainzer 
Chronik  1,  deren  abfassung  in  die  erste  hälfte  des  lö.jh.'s  fällt:  Mainz  1,59,29. 
61,  33.  68,  3.  dp.  mannen  ebda.  83,  26.  Vgl.  pl.  kinder  Mainz  1,  5-i,  13.  60,  29. 
Aus  dem  DWb.  entnehme  ich  pl.  wütiner  Hess,  weist.  11:49.  Schliesslich  be- 
gegnet vereinzelt  die  r-form  bei  dem  Nürnberger  Folz,  dessen  wiege  wol 
in  Mainz  gestanden  (gp.  männer,  dp.  münnern)  und  in  der  4.  Bib.,  als  deren 
heimat  Nürnberg  betrachtet  wird  (pl.  männer).  Bei  dem  Ostfranken  Eyl) 
ist  der  pl.  männer  fast  allein  im  gebrauch  (Ehebüchlein).  Vereinzelt  ist  er 
auf  ferner  liegendem  gebiet:  B.  d.  beisp.  72,  36  in  der  anrede,  Urk.  d.  Stadt 
Arnst.  1487.  Bei  den  Chronisten  von  Nürnberg  dagegen  um  die  wende  des 
15.  jh.'s  ist  die  r-form  alleinherschend:  Nürnb.  4,  221, 17.  5,  582,  6.  654, 12—14. 
Die  geschichteu  und  taten  "Wilwolts  v.  Schaumburg  (der  Verfasser  ist  Franke, 
die  zeit  der  abfassung  1507)  weisen  im  uap.  stets  die  ;--bildung  auf.  Der 
Alemanne  MuDier  gebraucht  einmal  die  r-bildung  in  seiner  späteren  Schelmen- 
zunft 1512;  ebenso  Pauli  1518  in  Jaiufmänner,  eine  form,  die  den  Stempel 
des  Imports  zu  tragen  scheint. 

Verfolgen  wir  jetzt  das  Schicksal  dieser  handlichen  und 
lebenskräftigen  form  im  Zeitalter  der  reformation. 

Wenn  icli  von  dem  sporadischen  auftreten  der  cons.  flexion  absehe, 
ist  die  paragogische  form  männer  bei  Luther,  Eebhuhn,  Just.  Jonas,  Job. 
Mathesius,  Spangenberg  in  voller  geltung.  Ebenso  bei  Seb.  Frank,  "Waklis 
230,  49,  Alberus,  Zimm.  ehr.,  Sachs,  Tschudi.  Die  cons.  plurale  haben  noch 
das  übergewicht  bei  Aventin  (männer  789,27),  Seb.  Münster  (gdp.  mannen), 
Fischart  (gp.inan,  äi^.manneti).  In  einer  Strassb.  pol.-ordn.  von  1560  erscheinen 
nur  pl.  mann  und  dp.  bei  mannen  und  iceibern. 

Im  laufe  des  16.  jh.'s  also  verbreitet  sich  die  form  über 
das  ganze  Sprachgebiet,  nicht  zum  geringsten  unter  dem  ein- 
fluss  der  von  Ostmitteldeutschland  ausgehenden  protestantischen 
literatur.  Trotzdem  die  alem.  und  bair.  dialekte  dem  eindringen 
der  r-form  hindernisse  entgegenstellten,  war  die  herschaft  des 
erweiterten  plurals  um  1550  entschieden.  Bojunga  irrt  sicher, 
wenn  er  glaubt,  der  pl.  männer  sei  bereits  fünfzig  jähre  nach 
seinem  ersten  auftreten  in  volle  aufnähme  gekommen.  Wie 
aus  den  vorgeführten  umfangreichen  erhebungen  gerade  aus 
dem  15.  und  16.  jli.  zur  genüge  erhellt,  war  damals  diese  form 
kaum  über  fränk.  gebiet  hinausgedrungen.  In  der  zweiten 
hälfte  des  16.  jh.'s  und  später  tritt  die  cons.  form  des  ngap. 
mehr  und  mehr  zurück;  neben  der  r-form  stellt  sie  sich  zu- 
weilen bei  demselben  schriftsteiler  ein. 

So  bei  Sachs  275, 14.  417,  30  und  in  der  bindung  60,  33.  187, 12.  10,  29,  34, 
im  Volksb.  v.  dr.  F.  männer  61,  3,  mann  32, 17,  bei  Ayrer,  Logau  pl.  manne, 
Spee  pl.  man  (nach  dem  DWb.).    Noch  der  grammatiker  Pölmaun  (1671) 


246  MOLZ 

lässt  die  beiden  plurale  manne  und  männer  zu  recht  bestehen   und  fügt 
hinzu:  'ratmanne  =  senatores  ist  besser  als  ratmänner\ 

Die  Schriftsprache  kennt  noch  einen  andern  pl.  von  mann, 
nämlich  die  w-bildung  mannen,  die  nur  mit  bestimmtem  be- 
deutungsinhalt,  im  sinne  von  'dienstleute',  im  gebrauche  ist. 
Diese  Schöpfung  ist  alt  und  jung.  Ganz  vereinzelt  lässt  sie 
sich  in  der  frühnhd.  epoche  nachweisen;  dann  tritt  sie  am 
ende  des  18.  jh.'s  anscheinend  ganz  unvermittelt,  mit  beschrän- 
kung  ihrer  früheren  gebrauchssphäre,  von  neuem  auf  den  plan. 

Das  früheste  auftreten  der  «-form  ist  durch  Lexeri,2021  aus  dem 
Säckiuger  urbar  von  1320  belegt.^)  Dann  finde  ich  den  np.  mannen  in  einer 
urk.  von  1385  bei  Weizs.  1  und  bei  Aventiu  603,  9. 

Bojunga  hebt  hervor,  dass  die  ^^-declination  für  man  einen 
anknüpfungspunkt  bot,  insofern  diese  eine  reihe  von  begriffen 
in  sich  schliesst,  die  alle  modiflcationen  von  man  darstellen: 
hnahe,  huhe\  tote,  bürge,  hirte, pfaff'e,  singe]  FranJce,  Hesse,  Sachse, 
Normanne.  Dem  lässt  sich  noch  folgendes  hinzufügen:  die 
ganze  klasse  der  w- stamme  hatte  obd.  nach  dem  eintritt  der 
apokope  im  n.  s.  die  «-form  angenommen,  und  so  waren  die 
a-  und  w-flexion,  zumal  wenn  noch  eine  begriffliche  beziehung 
stattfand,  einem  wechselseitigen  einfluss  ausgesetzt.  Wir  haben 


1)  Heyne  im  DWb.  und  nach  ihm  Bojunga  betrachten  mit  unrecht  den 
gp.  mannen  bei  Wyle  iO,  22.  357,  2-1  als  sicheren  beleg  für  »-flexion.  Dieser 
Irrtum  fliesst  aus  einer  verkennung  der  Schweiz,  declinatiousverhältnisse. 
Bekanntlich  hatte  hier  früh  ein  ausgleich  zwischen  d.  und  gp.  nach  dem 
System  der  fem.  a- stamme  in  allen  declinationsklassen  stattgefunden.  So 
liegen  die  tatsachen  bei  Boner,  bei  dem  Kilchherrn  von  Sarnen  —  das  ist 
der  Verfasser  der  8tretl.  ehr.  —  und  noch  bei  Haller.  So  gut  also  Tschudi 
den  gp.  männern  bildet,  sagt  Wyle  mannen.  Es  ist  selbstverständlich,  dass 
auch  die  andern  iiexionsklasseu  bei  ihm  diesen  ausgleich  zeigen.  Nicht 
besser  steht  es  um  Bojungas  zweites  argument.  Auch  aus  Seb.  Münster 
belegt  Kehrein  den  gp.  mannen,  den  B.  wider  als  sichern  beleg  für  die 
pluralische  w-bildung  von  man  überhaupt  ausgibt.  Münster  lebte  zur  zeit 
seiner  schriftstellerischen  production  in  Basel ,  d.  h.  auf  hochalem.  boden, 
wo  er  sich  dem  sprachlichen  einfluss  seiner  gelehrten  collegen  nicht  ent- 
ziehen konnte.  Diese  behauptung  lässt  sich  noch  durch  Münsters  gen.-bil- 
dungen  gutem,  schlossern  (vgl.  Kclireiu  1,  §  302)  stützen.  Auch  bei  Murner 
ist  der  g\). mannen  im  Wechsel  mit  der  form  man  belegt:  kein  beweis 
für  die  schwache  pluralbildung  mannen,  wol  aber  ein  zeugnis,  wie  hoch- 
alem. einfluss  sich  in  Niederalemannien  geltend  machte.  Es  ist  also  bis 
dahin  nichts  mit  den  belegen  der  schwachen  pluralforni  mannen  in  früh- 
nhd. zeit. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  247 

üben  8.  225.  228  bereits  gesehen,  wie  herold,  manch  durch  die 
eng  verbundene  gruppe  böte,  gesante  — pfaffe  zu  den  w-stämmen 
liinüberschwanken.  Der  pl.  hnechten,  der  von  Haller  gebraucht 
wird,  ist  ein  neues  argument  für  die  richtigkeit  der  deutung 
Bojungas.  Noch  grösseres  gewicht  aber  lege  ich  auf  die  w-form 
des  d.  s.,  die  in  der  bindung  in  den  Sterz,  spielen  erscheint  (d.  s. 
manncnf'  Sterz,  sp.  198, 170),  und  die  den  sporadischen  übertritt 
von  man  zu  den  w-stämmen  zur  gewisheit  macht.  Eine  momen- 
tane anomalie  konnte  sich  überdies  aus  der  häufig  wider- 
kehrenden Verbindung  man  und  frauen  ergeben.  Auf  ähnliche 
fälle  ist  bereits  oben  s.  236  hingewiesen  (vgl.  np.  tonen  und 
melodeien  Spangenberg).  Für  den  ersten  beleg  im  Sack,  urbar 
kommt  noch  in  betracht,  dass  durch  den  hochalem.  formen- 
ausgleich  zmschen  g.  und  d.  pl.  die  ursprüngliche  Verteilung 
des  sprachlichen  gewichts  der  a-  und  w-formen  im  pl.  verschoben 
wurde;  oder  anders  ausgedrückt:  auf  einem  gebiete,  wo  zu  den 
oben  besprochenen  factoren  noch  die  gleichheit  des  g.  und  d.  pl. 
(mannen)  hinzukam,  war  eine  berührung  mit  den  w- stammen 
erleichtert,  insofern  innerhalb  des  pl.  selbst  die  «-formen  den 
häufigeren  «-formen  gegenüber  an  macht  gewonnen  hatten. 

Für  die  erklärung  der  uns  geläufigen  form  mannen  stehen 
zwei  wege  offen: 

1)  Die  annähme  gelehrter  entlelmung.  Der  g.  ])].  mannen, 
wie  er  bei  Wyle,  Murner,  Seb.  Münster  begegnet,  konnte  von 
den  gelehrten  männern  des  18.  jli.'s  als  eine  zu  der  schwachen 
pluralbildung  gehörige  form  aufgefasst  werden.  Mehr  Wahr- 
scheinlichkeit schliesst  in  sich  die  annähme  einer  directen  ent- 
lelmung aus  der  bair.  chronik  Turmairs,  die  von  Goetlie  so 
wert  gehalten  wurde,  und  in  der  Lotte  Schiller  'prächtige 
Sachen'  fand. 

Vgl.  np.  mannen  Aventiu  603,  9,  dienstmannen  ebda.  603, 14;  ap.  lands- 
hauptmanneii  ebda.  663,  30. 

2)  Die  annalime  von  formenübertragung.  Es  mag  auf 
den  ersten  blick  gewagt  erscheinen,  die  Wirkung  der  analogie 
für  die  bildung  mannen  geltend  zu  machen.  Bei  genauere]- 
Prüfung  dagegen  sprechen  gewichtige  gründe  dafür,  dass  in  der 
tat  eine  Übertragung  aus  der  a-form  mannen  des  d.  pl.  vorliegt. 

Betrachten  wir  zunächst  die  geltung  dieser  form  bei  Schrift- 
stellern des  15.  und  IG.  jh.'s.    Der  d.  pl.  mannen,  der  den  an- 


248  MOLZ 

forderungen  der  numeraltrennung  in  jeder  weise  entsprach, 
war  mit  dem  auftreten  der  neuen  r-form  männcr  durchaus 
nicht  verdräng!  worden. 

dp.  mannen  Maiuz  1,  83,  26.  Bei  Ej'b  gestaltet  sich  das  Verhältnis  der 
o-  und  r-formen  durch  den  ganzen  plural  so:  nap.  männcr  :  manne  =  7:1, 
dp.  männern  :  mannen  =  10  :  8.  Bei  Wilwolt  kommt  anf  den  ersten  120 
Seiten  überhaupt  nur  der  dp.  mannen  vor  und  zwar  4  mal,  dem  im  nap. 
4  mal  die  form  männer  gegenübersteht.  In  der  Zimm.  ehr.  ist  es  auch  vor- 
nehmlich der  d. pl.,  der  seine  alte  form  gevi^ahrt  hat:  lehenmannen  121,14. 
419,.15,  mannen  192,34.  315,  5  und  4, 110,  6  und  ganz  vereinzelt  a.  pl.  man 
=  'iehnsleute'  192,31. 

Für  spätere  autoren  ergibt  sich  folgendes')  bez.  des  ge- 
brauchs  des  d.  pl.  mannen. 

Sachs  150,  22.  10,  28,  5.  20,  401, 1.  474,  31,  B.  d.  liebe  1587,  Ziucgref, 
Grimmelshausen  (her.  v.  Kurz)  4.  41,  Reuter  dp.  edelmannen  2  m.,  Würzb. 
verordu.  v.  1765  imsern  gesammien  vasalkn,  mannen  und  lehenleuten  (vgl. 
Schmeller  1, 1602). 

Im  gebrauch  nach  zahlen  hat  der  d.  pl.  bis  zum  17.  jli. 
die  flectierte  form  gewahrt. 

Allgemein  ist  die  flectierte  form  des  d.  pl.  bei  der  zählformel  in  den 
Chroniken  von  Augsburg  und  Nürnberg  (Augsb.  3,  32, 15.  33, 13.  18).  Ferner 
vgl.  Füeterer  34.  48,  Wilwolt  79,  34,  Alberus,  Dial.  F.  3,  28,  Spangenberg  41 
mit  den  400  mannen. 

Es  ist  unzweifelhaft,  dass  die  nach  zahlen  häufige  Ver- 
wendung des  d.  pl.  mannen  mit  dazu  beigetragen  hat,  dass 
die  dativform  mannen  auch  in  selbständiger  Stellung  vor  dem 
Untergang  bewahrt  wurde.  Die  bildung  mannen  lebte  also  im 
d.  pl.  bis  ins  18.  jh.  in  gewissem  grade  fort.  Gegen  ende  des 
18.  jh.'s  nun,  als  unsere  declination  in  ihrer  heutigen  gestalt 
beinahe  ausgebildet  war  und  eine  mischklasse  nach  der  decli- 
nationsweise  von  hauer,  nuclibar,  Baier,  Untertan,  trupp  sich 
festgesetzt  hatte,  konnte  die  alte  dativform  mannen  als  mit 
diesen  zu  einem  System  gehörig  empfunden  werden.  Wenn 
wir  die  bedeutung  der  nhd.  form  mannen  =  'dienstleute',  wie 
sie  von  Stolberg,  Schillei-,"^)  Goethe,  Platen  diesem  pl.  beigelegt 


^)  Ich  habe  diese  belegstellen  des  rr-pl.  an  anderer  stelle  ausgeschlossen, 
weil  die  a-form  des  d.  pl.  in  späterer  zeit  eine  isolierte  form  darstellt,  die 
von  dem  System  der  a-flexion  losgelöst  weiterlebt. 

^)  Denn  auch  der  mächtige  liurgund,  der  ländergewaltige,  hat  seine 
mamten  alle  herbeigeführt  Jungfrau,  prol.  3.  a. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  249 

Avurde,  ins  aiige  fassen,  kommen  wir  zu  der  erkenntnis,  dass 
dieser  bedeutungsinhalt  sich  mit  dem  in  älterer  zeit  nach 
zahlen  wol  am  häufigsten  üblichen  in  auffallender  weise  deckt. 
Die  lectüre  von  schritten  des  16.  und  17.  jh.'s  erzeugte  die  neu- 
hildung  mannen,  für  deren  hedeutung  besonders  der  gebrauch 
nach  zahlen  massgebend  wurde. 

Es  ist  interessant  zu  beobachten,  wie  es  bereits  rund 
hundert  jähre  vor  dem  auftreten  der  schwachen  pluralbildung 
mannen  keinem  geringern  als  Schottel  passierte,  den  alten  d.  pl. 
mannen  als  eine  form  des  *^-plurals  aufzufassen. 

Der  Satz,  aus  dem  Schottel  seine  beobachtnng  ableitet,  laixtet  bei  ihm : 
Nachdem  uir  vermeinen,  recht  zu  clenseJhen  Niederlanden  su  haben  und  in 
unserer  eigenen  suche  nicht  lool  richter  sein  mögen  . . . ,  so  meinen  ivir,  dass 
billig  sei,  dass  die  Sachen  vor  des  heil,  reichs  mannen  ausgetragen  werde. 
In  Literis  Sigismundi  1426.  —  Und  Schottel  bemerkt  am  aufang  s.297:  'mann 
macht  die  mehrere  zahl:  männer,  mannen  und  man\ 

Das  Zeugnis  Schotteis  möge  als  stütze  für  die  richtigkeit 
meiner  auffassung  dienen.  In  dem  nhd.  mannen  ist  also  nicht 
sowol  eine  gelehrte  entlehnung,  als  vielmehr  eine  gelehrte 
analogie  zu  erblicken,  und  mannen  =  klienstleute'  stellt  sich 
danach  als  zwillingswort  neben  den  erstarrten  pl.  mann  in  der 
Zählformel. 

2.  Nicht  umlautsfähige  r-plurale. 

In  gewissem  grade  war  der  pl.  für  die  r-form  empfäng- 
licher, w^enn  der  wurzelvocal  des  betr.  wort  es  des  unilauts 
nicht  fähig  war. 

geist. 

Der  pl.  (jcister  tritt  schon  mhd.  vereinzelt  auf,  vgl.  Lexer 
1,  798.  Die  annähme  der  r-form  im  pl.  wird  durch  die  begriff- 
liche beziehung  zu  männer,  göiter,  gespenster  einleuchtend. 

Vgl.  bedeutende  gcister;  rollcngeister  Augsb.  5,  388,  7.  Als  zeugnis  für 
eine  besondere  Seite  der  verwantschaft  mit  göiter  diene  ein  citat  ans  Aventin: 
ein  grosser  meister  der  schtvarzen  hunst,  tvie  man  die  geistcr  und  göiter 
zwingen,  pannen  ...  soZ  777,  29.  30.  Es  ist  dienlich  hervorzuheben,  dass 
Aventin  später,  wo  der  pl.  von  geisi  nicht  in  Verbindung  mit  göiter  er- 
scheint, die  a-form  schreibt:  ngap.  f/e/s<  777,  32.  778,4.  30.  779,  2G,  ä\i.  geisien 
807,  23  und  selbst  mit  den  göttern  und  gcisten  783, 27.  Die  a-form  des  pl. 
ist  noch  intact  bei  Matth.  v.  Beheim,  in  der  Stretl.  ehr.  (gdp.  geisten),  im  B. 
d.  l)eisp.  99, 17,  in  der  4.  Bib.,  bei  Eyb,  Wyle,  Geiler,  Pauli,  Manuel. 

Die  ersten  r-bildungcn  in  nhd.  zeit  finden  sich  bei  Agricola,  Luther 
(der  im  anfang  auch  noch  überwiegend  die  «-form  gebraucht),  bei  dem 


250  MOLZ 

gelehrten  humauisten  Aventiii,  in  der  Ziram.chr.  (280,26.  3i,  gp.  ycisf  106,31), 
bei  Alberus,  Walclis  192,  42,  Job.  Matbesins,  Nie.  Herman  230,  wäbrend  nocb 
Sachs  9,  22  und  Dietenberger  die  alte  form  anwenden.  Mit  dem  ende  des 
16.  jh.'s  ist  die  r-form  allein  giltig:  Volksb.  v.  dr.  F.,  J.  v.  Braunscbw.,  Ayrer, 
ß. Fischer  8;  J.Grimm  zuweilen (iiL^/e^sfe);  in  abgeleiteter  bedeutung Goethe: 
von  extrakten  tmcl  geisten. 

leib.i) 
leib  ist  synonymum  oppositum  von  geist,  mit  dem  es  ausser- 
dem durch  partielle  laiitgleichlieit  verbunden  ist.  2)  Das  war 
das  entscheidende  moment,  dass  der  r-pl.  leiher  in  der  Schrift- 
sprache eingang  gefunden  hat.  In  lautlicher  hinsieht  war  der 
pl.  le'iber  für  die  gebundene  rede  mit  iveiber  eng  verquickt: 
das  einzige  subst,  reim  wort  auf  iveiher  ist  leiher:  zwei  formen, 
die  sich  in  der  bindung  leicht  zusammenfanden.  Auch  noch 
eine  begriffliche  beziehung  von  leih  könnte  man  geltend  machen: 
bei  pluralischem  gebrauch  der  Verbindung  leib  und  gut  konnte 
eine  formenübertragung  von  guter  ausgehen. 

Vgl.  als  . . .  Maximilian  . . .  bewegt  worden  ist,  uns  die  genad  . . .  zu 
ihnen,  das  icir  die  Juden  aWiie  bei  uns  mit  ihren  leiben  auch  rarenden 
beweglichen  guetern  aus  der  stat  Ulm  thuen  mugen  Chmel  s.  20-1,  und  Zimm. 
ehr.  520,  27  mit  iren  leib  und  gutem. 

In  älterer  zeit  ist  die  Unterdrückung  der  flexionsendung 
bei  dem  ersten  teil  einer  zweigliedrigen  Verbindung  häufig. 
Indes  fällt  die  endung  nur  dann  weg,  wenn  das  casussuffix 
des  ersten  gliedes  in  selbständiger  Stellung  mit  dem  des  zweiten 
gliedes  übereinstimmt.  Theoretisch  wäre  also  die  Verbindung 
mit  ihren  leih  und  gutem  in  der  Zimm.  chronik  der  früheste 
beleg  für  den  r-pl.  Idber  (vgl,  aber  d.  pl.  leihen  Zimm.  ehr.  59, 8). 


1)  Bojuuga  s.  139  irrt  sicher,  wenn  er  glaubt,  leib  biete  in  begrifflicher 
hinsieht  keine  eutsprechuug  mit  einem  einen  ;--pl.  bildenden  Substantiv. 
Wenn  er  ferner  eine  lautlich  functionelle  Verbindung  von  leiber  und  Jcörjjcr 
annimmt  und  die  mögiichkeit  einer  nachbildung  durch  eine  bei  Eyb  vor- 
kommende stelle  anwülder  und  redner  als  bewiesen  betrachtet,  so  zweifle 
ich  sehr,  dass  bei  der  genannten  verbiudiuig  die  form  anwälder  durch 
redner  beeinflusst  ist;  vielmehr  wird  eine  Übertragung  von  wülder  vor- 
liegen: eine  bildung,  die  bei  Eyb  bereits  vorkommt.  Der  reim  leiber  : 
iveiber  konnte  ei"st  von  secundärer  bedeutung  sein;  wie  aus  dem  ferneren 
Schicksal  von  leiber  ersichtlich  ist,  machte  die  bildung  glück,  während  eine 
form  Ständer  (:  bänder)  bei  H.Sachs,  die  bildung  einer  lauue,  einen  mis- 
erfolg  bedeutete. 

^)  Beachtenswert  erscheint  das  sehwanken  von  leib  zwischen  m.  und  n. 
geschlecht  bei  dem  Niederdeutscheu  J.  v.  Braunschweig. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  251 

Indes  darf  man  auf  solche  kleinigkeiten  nicht  gewicht  legen 
wollen.  Der  pl.  leiher  konnte  in  weiterem  umfang  erst  dann 
gebildet  werden,  nachdem  der  pl.  geister  geschaffen  war.  Das 
entspricht  den  tatsachen.  Wenn  auch  leiber  nicht  erst  im 
17.  jh.  sich  bildet  (wie  Heyne  im  DWb.  glaubt),  so  fällt  doch 
die  bildung  erst  in  die  zweite  hälfte  des  16.  jh.'s. 

Die  ersten  beiypiele  der  r-form  bietet  Sachs:  leiber  :  weiber  311,33. 
413, 22.  10,  42,  24.  82,  4.  Vgl.  dagegen  leib  ap.  :  tveib  as.  382,  34  und  im 
innern  des  verses  ap.  leib  417,  30. 

Man  würde  sicher  irren,  wenn  man  annähme,  der  reim 
sei  allein  die  Veranlassung  zur  bildung  der  r-form  gewesen. 
Dagegen  spricht  das  zeugnis  des  Ostfranken  Laur.  Albertus 
s.  84,  der  im  jähre  1573  bereits  die  /--form  leiher  zur  norm 
erhebt. 

Von  Oelinger  kann  man  wol  absehen,  da  dieser  wol  nur  in  abhängig- 
keit  von  Albertus  den  pl.  leiber  fordert.  Ein  weiterer  beleg  der  r-form  im 
16.  jh.  findet  sich  im  Volksb.  v.  dr.  F.  (leiber  75,  7).  Nie.  Frischlin  sagt:  und 
kommen  dann  die  beUelweiber  mit  ihren  geraden  starJcen  leibern  Wendelg., 
2.  auftr.,  4.  sc.  Ayrer  wendet  noch  den  pl.  die  leih  in  einer  bühneuanweisung 
an.  Die  grammatiker  Ritter  1610,  Gueintz  1641  setzen  leib  unter  die  mit 
der  r-pluralform  gebräuchlichen  masc,  wälirend  Girbert  1653,  Pölmann  1671 
die  formen  leibe  und  leiber  beide  als  giltig  betrachten.  Schupp  hat  dp. 
leibern.  Schliesslich  sei  noch  darauf  hingewiesen,  dass  Luther,  Alberus, 
Mathesius  nur  die  «-form  des  pl.  leibe  geläufig  ist. 

3,  Umlautsfähige  r-plurale. 
Man  kann  für  wald  und  tviirm  nicht  geltend  machen,  dass 
die  gruppe  /,  r  +  cons.  dialektisch  umlauthindernd  gewirkt 
habe,  und  so  durch  den  mangel  eines  deutlichen  kennzeichens 
der  pluralischen  function  dem  eindringen  der  r-form  tür  und 
tor  geöffnet  gewesen  wäre.  Im  mhd.  steht  noch  ivalde  neben 
ivälde  (vgl.  Unterivalden);  in  nhd.  zeit  hingegen  war  das  muster 
analoger  /-plurale  bei  der  grossen  ausdehnimg  des  umlauts 
mächtig  genug,  um  die  a-form  des  plurals  ganz  zu  verdrängen,') 

wald. 
Die  annähme  der  überti'agung  der  r-form  von  den  begriff- 
licli   verwanten  gräser,   kräuter,  hläüer,  höher  ist   nicht   der 

0  Vgl.  ngap.  xmlde,  dp.  loälden  Oest.  weist.  1,  285,  42,  Stretl.  ehr.,  Augsb. 
1,  43, 10  (1375),  Füeterer  172,  Augsb.  2, 13, 24.  pl.  wurme  Griesh.  predigten, 
Füeterer  lÜO. 


252  MOLz 

einzige  gesiclitspunkt,  aus  dem  der  r-pl.  uäldcr  erklärt  werden 
kann.  Auch  auf  die  häufige  Verbindung  zvald  inid  fehl,  'deren 
älmliclien  ausklang  man  auch  im  pl.  nicht  vermissen  wollte', 
hat  Bojunga  bereits  hingewiesen.  Nun  aber  ist  hoU  nicht 
nur  sinnverwant  mit  tcahl,  sondern  eine  seite  seines  begriff- 
lichen Inhalts  deckt  sich  wie  im  mhd.  so  noch  bis  weit  in  die 
nhd.  zeit  hinein  mit  der  bedeutung  von  tvald  vollkommen,  vgl. 
frz.  bois  und  forcf. 

Zu  dieser  becleutniig  you  holz  vgl.  Wilvvolt  88,  Zimiii.  ehr.  487, 1,  Saehs 
-109, '9,  "Waldis  20,  7.  J.  v.  Braimscliw.  wendet  in  der  mehrzahl  der  fälle  höh 
im  sinne  von  wald  an.  Bei  ihm  lantet  das  Sprichwort:  tvie  man  ins  hals 
ruft,  so  ruft  man  auch  tvider  heraus.  Ayrer  schreibt:  nu  siecht  man  da 
nun  iceit  und  breit  um  die  Stadt  nichts  als  fehler  und  iviesen,  weiuberg  und 
schöne  hächlein  fliessen,  ■  viel  gärten,  hölzer  und  grüne  auen.  Und  später: 
die  holzer  voller  weier  sein.  Stieler  schliesslich  bemerkt  zur  bedeutung  von 
holz:  '. . .  non  solum  trahes  et  ligna  fissa  sive  segmina  lignea;  verum  etiam 
ipsam  silvara,  saltum  et  nemus  significans'. 

Wenn  also  dem  pl.  tiälde  ein  pl.  höher  mit  identischem 
Inhalt  der  bedeutung  gegenüberstand,  ergibt  sich  mit  grosser 
Wahrscheinlichkeit,  dass  der  pl.  höher  bei  der  analogischen 
bildung  der  form  teciJder  den  wichtigsten  factor  ausmachte. 
So  hätte  die  Übereinstimmung  der  bedeutung  zweier  Wörter 
zum  ausgleich  ihrer  form  in  der  pluralischen  function  geführt. 
Unsere  spräche  hat  später  aus  gründen  der  Zweckmässigkeit 
der  anwendung  jedes  der  beiden  Wörter  ein  enger  begrenztes 
gebiet  zugeAviesen  und  damit  die  Ursache  ihres  formellen  aus- 
gleichs  aufgehoben,  während  die  Wirkung  der  einstigen  be- 
deutungsgleichheit  weiterlebt,  indem  die  m.  pluralform  in  ihrer 
)--gesialt  den  Stempel  des  n.  trägt. 

Die  i-form  des  pl.  ist  im  15.  und  16.  jh.  fast  allein  im 
gebrauch: 

ngap.  wäld(e),  dp.  u-dlden  Augsb.  2, 13,  22,  Folz,  Füeterer  172,  i.  Bib., 
Wyle,  Chmel  1498,  Pauli,  Aventin  605,  20.  30,  Luther,  Alberus,  Waldis  166, 5, 
Münster,  Zimm.  ehr.  10,  7.  302, 17.  303, 15,  Augsb.  3, 114,  4.  4,  39,  21,  Herman 
230,  Sachs,  Dietenberger,  Fischart,  Volksb.  v.  dr.  F.  46, 16,  Spangenberg  23, 
Weckherlin  2,  69, 98.  169,  83.  395, 152. 

Dieser  grossen  reihe  von  citaten  des  mit  /-  gebildeten  pl. 
kann  ich  nur  zwei  belege  der  r-form  (aus  jedem  jh,  einen) 
zur  Seite  stellen: 

gp.  Wälder  Eyb,  E.  82,  4  (ap.  tvälde  Eyb,  E.  87,  16),  ap.  wiHdcr  Joh. 
Mathesius. 


NHI).   SUBSTANTIVFLEXION.  253 

Erst  im  laufe  des  17.  jli.'s  verdräng-en  die  r-bildungen  die 
alten  formen: 

pl.  icälder  Opitz,  Harsdörfer,  Spee  (neben  wälde),  Kalloandro  1,  IIG. 
Der  g-rammatiker  Pöhnann  gibt  die  plurale  wähle  und  wälder  als  gleich- 
berechtigt an.    Für  Stieler  ist  die  r-form  die  üblichere. 

wurm. 

Die  entsteliung:  des  r-pl.  tvürmer  ist  wenig-  durchsichtig'. 
Nicht  stichhaltig  erscheint  mir  die  annähme  Bojungas,  der  in 
der  r-bildung-  den  einfluss  des  neutralen  wortgeschlechts  nd. 
dialekte  erblickt.  Die  formen  ivormer,  ivorme  bei  Agricola 
tragen  wol  durch  den  mangel  der  unilautsbezeichnung  nd. 
gepräge,  während  der  Übergang  des  u  zu  o  nicht  allein  dem 
nd.  eigentümlich  ist  (vgl.  Behaghel,  Pauls  Grundr.  I2,  698,  §  49). 
Die  neigung  des  u  zu  0  ist  z.  b.  in  hess.  dialekten  besonders 
vor  Verbindungen  mit  r-laut  weit  verbreitet:  torm,  tvorm,  dorst, 
horscli.  Lautliche  gründe  können  beim  übertritt  des  pl.  nicht 
im  spiele  gewesen  sein,  vgl.  türme,  stürme.  Ueber  die  örtliche 
Verteilung  des  pl.  würmer  in  den  lebenden  mundarten  vgl. 
Friedrich  s.  48. 

Vielleicht  könnten  die  abgeleiteten  bedeutungen  des  Wortes 
^  'armseliger  mensch,  schurke,  kind  im  zustand  schwacher 
hilflosigkeit'  einen  anhält  für  die  erklärung  der  r-form  geben. 
Bei  diesen  Inhalten  konnte  der  pl.  mit  männer,  weiber,  kinder 
in  begriffliche  beziehung  gebracht  werden.  Vgl.  dazu  den 
gebrauch  des  pl.  tvürnier  bei  Mathesius  (icürmer  =  ' Schurken', 
und  teufelsivürmer)  und  annähme  die  des  neutralen  geschlechts 
nach  dem  muster  von  länd  in  der  zweiten  übertragenen  be- 
deutung  bei  Freytag,  Tieck,  Hackländer,  Wildenbruch. 

Vom  15. — 17.  jh.  herscht  der  «-pl.  im  gebrauch  vor. 

ngap.  würm(e),  dp.  imrmen  Füeterer  190,  Eyb,  Pauli,  Manuel,  Agricola, 
Luther,  Alberus,  Sachs  222,  41,  Oelinger,  Volksb.  v.  dr.F.  51,  31.  54,28.  118,37, 
Ayrer,  Helber  28,  Weckherlin  2, 97,  31.  -141, 11,  Arndt,  Girbert,  Schottel,  Mor- 
hof,  üed.  225.  pl.  icürmcr  vereinzelt  bei  Eyb,  Manuel,  Agricola,  Just.  Jonas, 
Br.  V.  1541,  Zesen,  Morhof  669  (über  Mathesius  s.  0.),  pl.  ivürme  und  würmer 
Hofmansw.,  Abraham,  Pölraann,  Stieler.  Wie  wenig  allgemein  noch  im 
18.  jh.  die  von  Gottsched  geforderte  r-form  des  pl.  war,  lehren  die  Zeug- 
nisse von  Steinbach,  Bödikerlll,  Ilempel,  Aichinger,  die  wärme  und  wärmer 
gelten  lassen.  Den  Oberdeutscheu  Dornblüth,  Braun,  Nast  ist  überhaupt 
nur  'Wärme  bekannt.  Klopstock  hat  pl.  wärme  Mess.  2,  541.  18, 139,  ebenso 
Haller.  Der  r-pl.  wird  von  Adelung  als  vulgär  verworfen  und  noch  bei 
Wielaud,  Goethe,  Grimm  kommt  die  form  wärme  vor. 


254  MOLZ 

mund. 
mnnder  ist  nach  mäuler  gebildet,    maul  für  tminä  war  ja 
noch  im  18.  jh.  sehr  üblich.    Noch  bei  Lessing  besteht  keine 
strenge  Scheidung  der  beiden  begriffe. 

pl.  mnnder  4.  Bib.,  häufig  später  bei  W.  Alexis.  Sonst  ist  in  der 
älteren  zeit  mir  die  form  münde  belegt :  Eyb,  Wyle,  Seb.  Frank,  Fleming, 
Hofmansw.,  Stieler.  Steiubacli  gibt  den  nmlaiitslosen  pliiral  i«?(jif7e  an,  der 
der  edlen  spräche  der  gegenwart  wol  am  besten  ansteht. 

Vormund. 

Im  mhd.  existieren  ausser  dem  nhd.  rormund  noch  zwei  Substantive 
mit  demselben  begrifflichen  Inhalt:  Vormunde,  vormiinde  swm.,  Vormünder 
stm.  Dem  reformator  ist  nur  die  sch^A'ache  bildung  rormimde  vertraut,  die 
auch  in  den  Urk.  d.  Stadt  Arnst.  üblich  ist:  ugdp.  Vormunden  1416 — 1193, 
as.  Vormunden  Purgoldt,  np.  vormünden  Job.  Mathesius.  Lebenskräftiger 
war  die  form  vormunder:  pl. /"wrjnt^i^^er  Dietenberger,  gs.  vormunders  Päni. 
boic.  1723,  s.  128.  Der  a- stamm  vormund  hat  sich  in  der  Schriftsprache 
allein  festgesetzt.  Bei  Alberus,  Münster  findet  sich  bereits  die  nhd.  r-pl.- 
form  Vormünder,  die  sich  unter  einwirkung  des  o-stammes  vormnnder  (vgl. 
Vormünder  ns.  Zimm.  ehr.  178, 13)  und  durch  die  begriffliche  beziehung  auf 
münner  bildete.  Auch  konnte  eine  analogische  beeinflussung  von  münder 
ausgehen  (vgl.  pl.  n-üJder,  aiiwülder  Eyb),  pl.  Vormünder  Schlipp  bis  Hempel, 
Aichiuger,  Adelung.    Lessiug  bildet  den  pl.  vormünde. 

rand. 
ränder  ist   nach  den   ähnlich  klingenden  händer,   länder, 
11  fänder  gebildet;    demselben  gleichklang  verdankt  der  plural 
bränder  bei  Hempel  seine  entstehuug. 

pl.  runde  Steinbach,  Nast,  runder  Stieler,  Adelung. 

Strauch  —  Sträuche, 
sträuclier  ist  eine  nachbildung  nach  den  sinnverwanten  hlätter, 
gräser,  dörner,  felder,  wälder. 

pl.  Sträuche  Stieler,  Steinbach,  Braun,  Nast.  Adelung,  Goethe,  sträuclier 
Pückler,  Steffens  nach  Gortzitza. 

Die  gruppe  hlätter,  gräser  u.  a.  gab  zuweilen  noch  für  eine 
reihe  anderer  begriffsverwanter  Wörter  den  typus  des  pl.  ab. 

Hierher  gehören  die  sporadiscli  auftauchenden  bildungen 

üster  Fleming;  hüumer  Abraham,  Antesperg  (bair.  nach  Schmeller, 
M.B.  234;  vgl.  Friedrich  s.  48);  büscher  Fleming,  Hempel;  siräusser  Gott- 
sched, Hempel  (neben  stränsse),  Gutzkow,  Heine,  Pückler,  Spindler  (auch 


NHD.  SUBSTANTIVFLEXION.  255 

bair.  nach  Schmeller  23-1);')    stöcJccr  (über  graben  und  stöcJcer)  Verl.  Euro- 
päer 326;  zioeiger  Eyb. 

rest  —  reste. 

Der  pl.  rester,  der  bei  Laube  häufig  vorkommt,  gehört  der 
kaufmännischen  spräche  an,  welcher  der  wesenlose  collective 
pl.  reste  zur  bezeichnung  der  einzeldinge  nicht  genügte. 

Die  pl.  Mösser  Weise  95  (mit  erdklössern),  Gottsched, 
Hempel  und  Idötzer  Alberus,  Gottsched,  Hempel  sind  wol  aus  den 
neutralen  nebenformen  der  beiden  worte  hervorgegangen. 

Die  r-forni  därmer  Luther,  Gueintz,  Girbert,  Steinbach 
und  Hempel  (neben  därme)  muss  als  dialektische  eigentümlich- 
keit  des  md.  aufgefasst  werden.  Der  pl.  steiner,  der  nach 
Friedrich  s.  48  auf  einem  grossen  teil  des  Sprachgebiets  ver- 
breitet ist,  ist  mir  nur  bei  Abraham  begegnet. 

Vereinzelt  stehen: 
dp.   iu  ihren  särgern  (vgl.  gröber),    pl.  blicJcer  und  blitzer  Abraham, 
dp.  tkürmern  (vgl.  häuser)  Morhof,  Ged.  236. 

Y.  Masculina  auf  -el,  -er,  -en. 

1.  Volle  endungsformen  mit  flexivischem  e. 
Im  mhd.  stossen  die  abgeleiteten  m.  auf  -el,  -er,  -en,  wenn 
die  Wurzelsilbe  lang  ist,  das  e  der  endsilbe  ab,  häufig  aber 
auch,  w'enn  sie  kurz  ist  (Paul,  Mhd.  gr.  §  121).  Dieser  unter- 
schied in  der  behandlung  der  stamme  mit  langer  und  kurzer 
Wurzelsilbe  wurde  mit  dem  eintreten  von  Behaghels  lautgesetz 
(vgl.  Behaghel,  Die  deutsche  spräche  s.l59,  Pauls  Grundr.  1^,  709, 
§  70)  getilgt,  so  dass  in  frühnhd.  zeit  die  Verhältnisse  nicht 
mehr  von  den  heutigen  abweichen.  Im  pl.  herscht  endungs- 
losigkeit,  und  nur  im  dativ  steht  noch  n.  Bei  den  Wörtern 
auf  -n  ist  auch  dieses  dativ -»^  fortgefallen.  Der  einfluss  des 
md.,  das  bei  den  masc.  mit  liquidem  suffix  auf  einem  grossen 
teile  seines  gebietes  das  e  länger  als  andre  dialekte  gegen 
die  verstummung  schützte,  war  nicht  nachhaltig  genug,  um 
spuren  in  der  Schriftsprache  zu  hinterlassen. 

Im  md..  wie  es  aus  dem  Evangelienbuch  des  sog.  Matth.  v.  Keheira 
uns  entgegentritt,   ist  das  e  der  endsilbe  ohne  rücksicht  auf  die  Quantität 


^)  Bei  der  pluralbildung  sträusscr  fällt  nocli  die  ähnlichkeit  des  laut- 
bildes  mit  hüuser,  dänscr  ins  gewicht. 


256  MOLZ 

des  stainmhafteu  vocals  erhalten:  pl.  engele,  himmele,  vögele;  ackere;  ds.  und 
pl.  priestere,  ftngere,  hrudere.  In  der  1.  Mainzer  chronik  machen  wir  die- 
selbe beobachtung:  pl.  ari?Me  134, 13,  seMiissele7b,lS,  frevele  77, 19,  zettele 
137, 11.  241, 18,  hilrgermeistere  75, 17,  rittere  354,  30,  ackere  215,  30.  Wormser 
quellen  2:  pl.  rittere  341, 12,  dienere,  hilrgermeistere  238.  240.  Vereinzelt 
in  Augsb.  3  pl.  geprüdere  93,  21.  In  den  Urk.  d.  Stadt  Arnst.  ist  die  erhal- 
tung  dieses  flexivischen  e  häufig:  pl.  ackere  1418  (ecker  1493),  hrudere  lil7 
(gs.  hruderes  1306),  hurgere  1332,  dienere  1345,  ds.  und  pl.  priestere  1443, 
artikele  1416  (ds.  capitele  1416).  Aus  Purgoldts  Rechtsbuch :  pl.  engele,  vögele, 
ratismeistere.  Janssen:  pl.  ^-ef^ere  1429.  Weizsäcker:  ]A.  dienere  1373,  hurgere 
1375,  ds.  und  pl.  keisere  1376,  pl.  hilrgermeistere  1376.  Augsb.  3  vereinzelt 
hrüäere  37,  25.    Murner  dp.  richteren,  sorgeren. 

Luthers  Schriften  sind  fast  frei  von  derartigen  bildungen:  die  formen 
hühele,  engele,  jüngere,  ketzere,  meistere,  sündere,  hrüdere,  dp.  engelen  sind 
bei  ihm  ganz  vereinzelt. 

In  späterer  zeit  tauchen  hin  und  wider  formen  mit  e  auf:  np.  hrüdere 
Zimm.  ehr.  353, 15,  ds.  fleischere  J.  v.  Braunschw.,  pl.  nachfolgere,  sachwaltere, 
engele  Harsdörfer,  rittere  Kalloandro  2, 199.  247.  280,  liehhabere  ebda.  1,  28, 
schreihere  Moscherosch  82,  schwägere  ebda.  110. 

Girbert  und  Schotte!,  die  die  pl.  bürgere,  riclifere,  engele, 
himmele  als  norm  aufstellen,  blieben  hier  ohne  nachahmer:  sie 
haben  sich  hier  nicht  über  ihre  heimische  mundart  erhoben. 

Im  nd.  ist  die  Unterdrückung  des  e  der  schwächstbetonten 
Silbe  im  dreisilbigen  Sprechtakt  nicht  durchgedrungen  (vgl. 
Behaghel,  Pauls  Grundr.  12,710,  §  70,3.  Lübben,  Mnd.  gramm. 
§  67.  Friedrich  s.  41)  Auf  ein  paradigma  wie  np.  die  bürgere, 
gp.  derer  bürgerer,  dp.  denen  bürgeren,  ap.  die  bürgere  Schottel 
s.  307  näher  einzugehen,  erspare  ich  mir  die  mühe;  man  sieht, 
wie  hier  die  allerdings  unrichtige  Setzung  des  pronomens  das 
muster  für  die  flexion  abgegeben  hat.  Derartige  bildungen 
(zu  denen  wir  auch,  beiläufig  bemerkt,  die  pl.  Idägerer  u.  a.  bei 
Schottel  rechnen),  sind  jeden  sinnes  bar  und  haben  niemals  in 
der  spräche  selbst  eine  rolle  gespielt. 

Schliesslich  ist  hier  noch  auf  das  zähe  festhalten  des  c 
im  pl.  der  noni.  agentis  hinzuweisen,  eine  erscheinung,  die  auf 
die  spräche  der  kanzlei  beschränkt  ist,  sich  aber  hier  bis  über 
die  mitte  des  18.  jh.'s  behauptet. 

Vgl.  Hemmer,  Abliandl.  üb.  d.  deutsche  spräche,  Mannheim  1769,  s.  128 
und  Verteidigung  seiner  abhandl.,  Mannli.  1771,  s.  262.  Hemmer  äussert  sich 
so:  'die  mit  überflüssigem  e  verlängerten  Wörter  als  hurgere  u.dgl.  kommen 
sehr  häufig  in  den  Schriften  unserer  kanzleien  und  rechtsgelehrten  vor'; 
'und  wie  oft  findet  man  nicht  die  glüuhigere,  Jclügere\ 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  257 

Es  lässt  sich  zur  reclitfertig-img-  dieses  conservativen  Ver- 
haltens des  kanzleistils  geltend  machen,  dass  die  hier  in  frage 
stehenden  mit  e  gebildeten  plurale  der  hei  actenstücken  ge- 
forderten präcision  des  ausdrucks  vielfach  dienlich  sein  konnten. 
Der  pater  Dornblüth,  der  in  obd.  weise  das  auslautende  e 
sonst  stets  abwirft,  kann  seine  Weisheit  nur  aus  der  kanzlei- 
stube  geholt  haben,  wenn  er  die  pl.  hürgere,  anhetere,  wider- 
sächere  als  die  allein  richtigen  betrachtet.  Der  obd.  literatur 
sind  diese  formen  fremd. 

2.    Das  Suffix  -el. 

Umlaiitsformeu. 

Die  ausdehnung  des  umlauts  auf  den  pl.  der  mit  -el  ab- 
geleiteten Substantive  fällt  noch  in  die  zeit  des  mhd.  Der 
Umlaut  setzte  sich  da  fest,  wo  eine  strenge  Scheidung  der 
numeri  zweckmässig  erschien.  In  frühnhd.  zeit  waren  der 
analogie  der  i- stamme  auch  eine  reihe  von  Worten  dieser 
gruppe  gefolgt,  die  in  der  Schriftsprache  den  umlaut  nicht 
angenommen  haben: 

pl.  liöbel  1362  Augsb.  1,  257,  42,  dp.  haspeln  Nürnb.  5,  480, 1.  pl.  üngel 
Seb.  Frank,  tädel  Aventin,  {bückel  Braun),  vgl.  Friedrich  s.  43. 

In  die  Schriftsprache  sind  nur  folgende  mit  umgelautetem 
plural  aufgenommen:  a2)fel,  hammel,  Jiandel,  mangel,  mantel, 
nebel,  nagel,  saitel,  schnahel,  vogel. 

Beim  pl.  von  vogel  scheint  der  umlaut  am  spätesten  durch- 
gedrungen zu  sein.  Des  umlauts  ermangelt  der  pl.  vogel  bei 
Boner  und  im  B.  d.  beisp.  51, 28.  60, 13  u.  ö.  In  späterer  zeit 
ist  die  i-bildung  des  pl.  in  dieser  gruppe  nicht  mehr  fruchtbar 

gewesen. 

«-Plurale. 

Im  16.  Jh.,  als  die  a-  und  w-fem.  sich  zu  einer  klasse  ver- 
schmolzen, machte  sich  eine  rückwirkung  der  weibl.  Substan- 
tive mit  -eZ- Suffix  auf  die  mit  -el  abgeleiteten  masc.  fühlbar 
Häufig  gebrauchte  plurale  der  masc.  übernahmen  die  form  des 
fem.  So  entstanden  die  formen  angeln  Stieler  {angel  m.  ebda), 
muskeln:  bildungen,  aus  denen  sich  die  weibl.  sing.-form  migel 
Steinbach  und  musM  loslöste  (Bojunga  122  ff.).  Wir  bilden  zu 
Pantoffel  den  pl,  pantoff'eln  (schon  bei  Pauli  pantoflen)  und  zu 
stacliel  den  pl.  stacheln  (Waldis  216, 16),  und  trotz  des  fast  aus- 

Tieitrage  zur  geschichte  der  deutsclien  spräche.     XXVIl.  YJ 


258  MOLZ 

schliesslich  dualischen  und  pluralischen  gebrauchs  dieser  Wörter 
erfolgte  der  übertritt  zum  weibl.  geschlecht  nicht.  Der  begriff- 
liche Zusammenhang  mit  schuh;  sporn,  dorn  war  hier  für  die 
bewahrung  des  männlichen  geschlechts  ausschlaggebend, 

pantoffel,  Stiefel. 

pl.  puntoffel  Hauff,  Oelilenschläger,  Spiudler,  Nast,  panioffeln  Pauli, 
Dasypodius  sub  baxece  {pantoff'len  oder  söhn),  Stieler,  Lessiug-,  Wieland, 
Weber,  Hempel,  Adelung,  Hebel,  Bürger,  Eicheudorif.  pl.  stiefel  Pauli, 
Zimm.  ehr.  406,  33.  34,  Job.  Matbesius,  J.  v.  Brannscbw.,  Ayrer,  Scbottel, 
Braun,  Nast,  Adelung,  Goetbe,  Hebel,  Bürger,  Platen,  J.  Paul,  Ubland  u.  a. ; 
stiefeln  Alberus,  Bitter,  Scbupp,  Stieler,  Steinbacb,  Hempel,  Goetbe,  Heine, 
H.  V.  Kleist,  Immermann,  Tieck  u.  a.  (vgl.  Gortz.  3,  2). 

Es  mag  auf  den  ersten  blick  überraschen,  dass  in  der 
Schriftsprache  heute  der  pl.  pantoffeln  giltig  ist,  während  der 
pl.  stiefeln  von  unserm  grammatisch  geschulten  sprachbewusst- 
sein  verworfen  wird.  Der  grund  für  diese  erscheinung  liegt 
auf  der  band:  die  begriffe  schuh  und  stiefel  werden  von  dem 
Volke  überhaupt  nicht  recht  auseinander  gehalten;  es  stehen 
also  die  pl.  schuhe  und  stiefel  in  engster  wechselseitiger  be- 
ziehuug,  während  der  begriffliche  Zusammenhang  zwischen 
pantoffeln  und  schuhe  mehr  locker  ist. 

Für  die  annähme  des  n  im  pl.  w^ar  es  unwesentlich,  ob  der 
vocal  der  Wurzelsilbe  umlautsfähig  war  oder  nicht.  Es  wider- 
strebte auch  nicht  (wie  Bojunga  meint)  dem  wesen  der  Sub- 
stantive mit  natürlichem  männlichen  geschlecht,  einen  w-pl.  zu 
bilden  (onkeln  Töpfer,  Lustsp.  4,  365).  Dass  das  nur  selten  ge- 
schah, erhellt  aus  der  Seltenheit  der  Verwendung  solcher  plurale, 
die  dadurch  in  dem  System  der  a-flexion  gehalten  wurden. 

Nocb  einige  beispiele  für  die  flexiviscbe  berübrung  des  pl.  mit  den 
fem.  n-  a-stämmen:  np.  artikeln  Gerb.  v.  Würzb.,  Weizs.  1,  pl.  flügelni.  Bib., 
np.  siiiegeln  Purgoldt,  artilculen  Strassb.  pol.-ordn.  1560,  gp.  engelen  Job. 
Matbesius,  pl.  himmehi  Dietenberger,  für  gott  cngeln  und  menschen  ver- 
hasstes  luster  Scbupp,  gieheln  Goethe,  Halm,  vipfeln  Eichendorff,  stiimmeln 
Rehfues  (vgl.  Gortz.  3,  5),  zetteln  Braun. 

Es  ist  als  eine  eigentümlichkeit  seiner  heimischen  mundart 
zu  betrachten,  wenn  Abraham  zuweilen  die  pl.  aposteln,  engein, 
makein  gebraucht.  Bei  Heribert  von  Salurn  begegnet  teufein. 
Nicht  ohne  grund  also  wendet  sich  der  bair.  grammatiker 
Braun  gegen  die  bildungen  aposteln,  teufein,  himmeln.  Auch 
durch  Schmellers  zeugnis  (M.B.  237,  §  801)  wird  der  mundart- 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  259 

liehe   Charakter  der  pl.  schimmeln,  teufein  (stiefeln)  bewiesen 
(vgl.  auch  Friedrich  s.  50). 

apostel. 
Das  fremdwort  flectiert  in  der  frühnhd.  Sprachperiode  häufig* 
schwach. 

Beheims  Evang-elieubuch  bietet  folgendes  paradigma :  ns.  apostole  Job. 
13,16,  gds.  apostolen  S.v.  bl.5b,  l.v.  bl.  2b,  ngap.  apostolen  l.v.  bl.  2b, 
M.  10,  2,  L.  6, 13.  Dazu  Mainz  1  (1397),  gs.  aposieln  369,  26.  Urk.  d.  st.  Arnst. 
1481  gs.  apostehi.  In  späterer  zeit  bat  nur  der  pl.  noch  seine  cons.  form 
gewahrt.  Purgoldt  np.  aposteln,  Luther,  Serm.  np.  aposlolen,  Manuel  np. 
aposteln,  Just.  Jonas  pl.  aposteln  (Br.  v.  1530—1512),  Alberus  meist  iiu  pl. 
aposteln  (auch  pl.  discipeln),  Job.  Mathesius  noch  häufig  pl.  aposteln. 

Die  cons.  flexion  des  Wortes  im  pl.  ist  zur  zeit  der  refor- 
mation  vorhersehend,  und  die  erklärung  dieser  erseheinung 
ist  in  der  engen  begrifflichen  beziehung  auf  proplieten,  x)atri- 
archen  zu  suchen,  wie  denn  in  der  stehenden  Verbindung  pro- 
pheten  und  aposteln  (so  noch  meist  bei  Mathesius)  die  w-form 
des  pl.  sich  am  leichtesten  einstellt.  Zur  abwehr  der  Ver- 
mutung, der  w-pl.  aposteln  in  frühnhd.  zeit  sei  mit  den  n-^\. 
der  masc.  auf  -el  in  eine  linie  zu  stellen,  sei  noch  bemerkt, 
dass  Manuel,  Alber  u.  a.  wol  aposteln  bilden,  aber  nur  pl.  teufel, 
ariikel,  Schlüssel,  winkel. 

3.  Das  Suffix  -er. 
Die  klasse  der  suffixalen  bildungen  auf  -er  erfuhr  im  nhd. 
durch  den  eintritt  der  ursprünglichen  ja-stämme  auf  -cere  einen 
mächtigen  zmvaehs.  Diese  bildungen  —  die  sog.  nomina  agentis 
—  lauten  im  sing,  bereits  um,  sofern  nicht  in  nhd.  zeit  ana- 
logische einflüsse  einen  rückumlaut  bewirkten  (vgl.  maier,  mhd. 
müler)  oder  neue  ableitungen  vorgenommen  wurden  (ygl.pr ahler). 
So  wurde  durch  die  im  sing,  und  pl.  gleiche  lautgestalt  der 
zahlreichen  nom.  agentis  im  sprachbewusstsein  das  gefühl  für 
den  mangel  eines  kriteriums  der  plur.  function  der  -er-gruppe 
geweckt,  und  im  laufe  der  entwicklung  erstarkte  das  gefühl 
für  die  formale  gleichsetzung  von  sing,  und  pl.  so  sehr,  dass 
eine  reihe  frühnhd.  i-\}\.  des  umlauts  später  verlustig  giengen. 

Vgl.  döner  1371  Augsb.  1,  24,  5,  üuger  Oest.  weist.  1,  285,  25.  292,  8,  dp. 
üufjern  Augsb.  3,  4,  3  (pl.  änger  noch  Braun),  dp.  pöhtern  Mich.  Beheini,  Folz, 
np.  seine  spen,  senile  und  hüder  Murner,  Adel  t.  n.  Ich  zweifle  nicht,  dass 
sich  diese  belege  noch  mehren  Hessen. 

17* 


260  MOLZ 

Seit  niM.  zeit  haben  den  umlaut  gewahrt  vater,  hruder; 
scliivager.  Zu  diesen,  die  unter  sich  eng*  verbunden,  war  bereits 
im  mhd.  hammer  getreten.  Hierzu  trat  im  nhd.  noch  acJ:er, 
zu  dem  schon  früh  ein  i-pl.  gebildet  wurde: 

dp.  ackern  Augsb.  1,  1377.  51,  10.  222,  U,  Uik.  v.  1438  bei  Janssen, 
Folz  U.S.W. 

Wenn  wir  nun  die  häufigkeit  der  Verwendung  aller  um- 
lautsfälligen bildungen  auf  -er  ins  äuge  fassen:  anlxcr,  hamster, 
kanlicr,  kater,  Iwclier,  hulter,  marder,  maser,  oter,  quader,  sacher, 
scliober,  sumer,  taler,  ziüjer,  und  dazu  die  oben  im  i-pl.  belegten, 
so  drängt  sich  uns  die  Überzeugung  auf,  dass  kein  wort  in 
gleicher  weise  in  beiden  numeri  zugleich  anwendung  fand  als 
acker.  Von  den  genannten  Wörtern  auf  -er  sind  einige  unter- 
gegangen, andere  bilden  überhaupt  keinen  pl.  Die  übrigen 
herschen  entweder  besonders  im  sing,  oder  im  pl.:  anher,  donner; 
maser,  qnader  (daher  masern,  quadern  und  die  quader).  Bei 
taler,  sumer,  vidier  wäre  noch  an  ihre  fast  ausschliessliche 
Stellung  nach  Zahlwörtern  zu  erinnern.  —  Es  entspricht  also 
lediglich  dem  zweckmässigkeitsaufbau  einer  kunstsprache,  wenn 
aclier  den  umlaut  im  pl.  auch  später  gewahrt  hat.  Dass  auch 
dem  ^'-pl.  äclier  gegenüber  die  ganze  macht  der  mit  dem  sing, 
gleichen  pluralformen  sich  zuweilen  geltung  verschaffte,  beweist 

ap.  acker  Stretl.  ehr.,  dp.  ackern  Manuel,  nap.  acker  Zimni.  ehr.  130, 11. 
199,28,  gp.  acker  Spaugenber  58 : 
alles  beispiele,  die  nicht  nach  zahlen  stehen,  wo  die  umlauts- 
lose form  leichter  verständlich  wäre. 

vater,  bruder;  Schwager. 
Die  männlichen  Substantive  auf  -ter:  vater,  hruoder  bleiben 
in  mhd.  zeit  im  sing,  meist  unflectiert,  während  der  pl.  gewöhn- 
lich mit  umlaut  {veter,  brüeder)  gebildet  wird. 

Die  unflectierte  form,  des  sing,  tritt  in  frühuhd.  zeit  mehr  und  mehr 
zurück:  Matth.  v.  Beheim  gs.  rater  und  vateres,  bruder  und  hruderes,  ds. 
brudere;  Weizs.  1:  1377  gs.  raters,  1385  briiders;  Urk.  d.  st.  Arnst.  gs.  l-tl6 
vater,  1481.  1487  1490  vaters,  1306  bruderes,  1471  bruder,  1496  bruders; 
Chmel  1487  gs.  vaters,  1B8Ö  bruders;  Janssen  1:  1411  gs.  bruders  (yei-einzelt 
bruder);  Mich.  Beheim  gs.  bruder  und  bruders.  Stretl.  ehr.,  Folz,  Eyb,  Wil- 
wolt,  Pauli,  Manuel  flectiereu  vater  und  bruder  stets  nach  der  weise  der 
'/-Stämme;  ebenso  Flieterer,  der  nur  ganz  vereinzelt  die  cons.  form  gs. 
vater  171,  bruder  229  aufweist.  Auch  im  B.  d.  beisp.  begegnet  nur  selten 
eine  unflectierte  form:  gs.  vaters  58,  29,  bruders  77, 19  :  bruder  14G,  15.    Bei 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXTON.  261 

Purgoldt  finden  sich  hin  und  wider  alte  genetivformen.  Brant  nnd  Murner 
allein  schAvanken  noch  sehr  zwischen  den  ererbten  und  den  analogischen 
formen.  Brant  gs.  ra/er  9, 60.  90,20  :  vaters  iO,2B.  94,23;  Murner  gs. 
vaier  :  vaters  in  der  Schelmenz.  2  :  3. 

Der  f-pl.  väter,  hräder,  der  sich  in  mlid.  zeit  ausbildete, 
entstand  unter  dem  einfluss  der  masc.  '^-stamme, ')  Der  tendenz, 
den  pl.  durch  den  unilaut  kenntlich  zu  machen,  entsprangen 
in  mhd.  zeit  noch  die  pl.  hemmere,  zeliere  und  wahrscheinlich 
andre,  die  nur  wegen  der  Seltenheit  ihres  Vorkommens  erst 
aus  späterer  zeit  zu  belegen  sind  (s.  oben).  Für  schwager 
Avurde  die  flexion  von  vater,  hruder  vorbildlich. 

Berührung  mit  den  Jt-stämmen. 

vater,  bruder. 
Zur  bezeichnung  des  Schöpfers  wird  im  ahd.  der  ?icc.  fateran 
(vgl.  truhünan)  gebraucht,  der  in  seiner  flexivischen  endung 
den  gebrauch  als  eigenname  widerspiegelt.  Im  mhd.  setzt  sich 
die  schwache  form  vateren,  vettern  fort,  und  dringt  obd.  später 
auch  in  den  d.  und  g\  s.  ein  (vgl.  Weinhold,  Mhd.  gramm.  §  464), 


1)  Bojunga  sagt  s.  25:  'der  plural  wurde  durch  das  uumeraldifferen- 
zierungsgesetz  in  die  analogie  der  fem.  r-stämme  gedrängt',  und  s.  30: 
'mnoter,  tohter  giengen,  durch  die  flexionsgleichheit  der  masc.  rt-stämme 
verleitet,  zu  den  fem.  /-stammen  über,  nach  deren  vorbild  erst  muoter,  dann 
tohter  den  umlaut  annahm,  der  sich  dann  auch  auf  die  masc.  r-stämme 
übertrug'.  Wie  unhaltbar  diese  hypothese  ist,  lässt  sich  auf  den  ersten 
blick  erkennen:  wie  sollte  di;rch  die  flexionsgleichheit  (sie!)  der  masculinen 
rt-stärame  und  der  cons.  stamme  muoter,  tohter  eine  berührung  der  beiden 
■-/er -Substantive  mit  den  fem.  «-stammen  zu  stände  kommen?  Welche  der 
beiden  klassen,  die  der  masc.  oder  die  der  fem.  auf  -er  stand  in  innigerem 
contact  mit  den  /-stammen?  Ueber  die  masc.  vgl.  oben.  Die  berührung 
der  fem.  aiif  -er  mit  den  /-stammen  war  sehr  gering;  nur  die  starken  -er- 
bildnngen  und  so  auch  muoter,  tohter  stimmten  im  sing,  mit  den  /-stammen 
überein.  Dass  diese  berührungsfläche  nicht  weit  genug  war,  /-plurale  zu 
erzeugen  (wir  sehen  von  ganz  vereinzelten  fällen  ab),  lehrt  die  geschichte 
der  flexion.  Dass  die  vereinzelten  cons.  stamme  muoter,  tohter  in  engerer 
gruppeugemeinschaft  mit  den  a-  und  n-stämmen  der  fem.  als  mit  den  masc. 
o-stämmen  standen,  beweisen  die  schon  ahd.  auftretenden  nap.  tohtera, 
tohierun  und  der  in  mhd.  zeit  häufigere  übertritt  in  die  flexionsweise  der 
schwachen  feminina  (s.  Weinhold,  Mhd.  gramm.  §  409).  Wenn  der  /-plural 
schliesslich  doch  eintrat,  kann  er  allein  von  den  männlichen  verwantschafts- 
namen  (mit  denen  die  wcäbliclien  stets  eine  eng  geschlossene  grujjpe  bil- 
deten) ausgegangen  sein.  Die  a-formen  vmotcre,  tohtcre  lassen  den  hohen 
grad  der  Zusammengehörigkeit  mit  vatcr,  hriioder  erkennen, 


2(32  MOLZ 

Im  nlid.  sind  die  cons.  bilduiigeii  des  sing-,  von  vatcr  und 
hrnäcr  durchaus  keine  Seltenheit.  Sie  tauchen  auf  dem  ganzen 
spraclig-ebiet  bis  ins  17.  jh.  auf.  Dem  nmd.  ist  die  schwache 
form  im  allgemeinen  fremd  geblieben.  Nur  der  gen.  vaderen 
findet  sich  zuweilen  (vgl.  Lübben,  Mnd.  gramm.  §  73).  Für  die 
erklärung  der  grösseren  ausdehnung,  die  die  schwache  flexion 
von  vater  und  briider  in  der  nhd.  epoche  gefunden  hat,  können 
verschiedene  gründe  beigebracht  werden.  Zunächst  fällt  natür- 
lich der  einfluss  der  w- flexion  der  eigennamen  ins  gewicht. 
Eine  einwirkung  auf  vater  gieng  ferner  von  der  cons.  flexion 
von  gevaUer,  vctter  aus.  Mhd.  gevatere,  vetere  giengen  ihres 
end-e  lautgesetzlich  verlustig,  wodurch  die  ohnehin  bestehende 
verwantschaft  mit  vater  noch  um  eine  grössere  ähnlichkeit 
der  lautgestalt  vermehrt  wui'de.  Schliesslich  wäre  noch  an 
juncherre,  hure  zu  erinnern,  die  nhd.  in  der  form  junJier,  lauer 
mit  vater,  bruder  in  dieselbe  ableitung  traten,  und  die  bis  spät 
in  die  nhd.  zeit  ihre  alte  cons.  flexion  fortsetzten.  Die  äusse- 
rung  dieser  analogien  war  im  nhd.  niemals  mächtig  genug, 
den  i-pl.  väter,  brüder  zur  w- flexion  hinüberzuziehen.  >)  Die 
einflüsse,  denen  die  biegung  von  vater,  bruder  unterstand, 
wurden  im  laufe  der  entwickluug  bis  auf  den  ersten  durch 
änderung  der  flexionsweise  der  schwachen  masc.  auf  -er  be- 
seitigt, und  so  kommen  im  18.  und  19.  jh.  nur  noch  schwache 
bildungen  von  vater  und  bruder  vor,  bei  denen  durch  den  mangel 
des  unmittelbar  verbundenen  artikels  die  analogie  der  eigen- 
namen deutlich  hervortritt,  deren  stelle  sie  vertreten: 

Lessing  des  Feleus  brudern,  W.  Alexis  ich  will  mit  vatern  reden,  SpiutUer 
dem  Jicrrcn  ratern  (vgl.  Gortz.  2,  424). 

In  vertraulicher  rede  hat  sich  im  nördlichen  Deutschland 
bis  auf  unsere  zeit  die  «-form  in  einigen  Wendungen  erhalten: 
es  vatern  sagen  DWb.,  ich  hab  es  vatern  gegeben  Sachs -Villatte. 

Im  folgenden  gebe  ich  eine  Übersicht  der  schwachen  bil- 
dungen von  vater  und  bruder  in  nhd.  zeit: 


*)  Es  kommt  schliesslich  auch  bei  dein  übertreten  zur  cons.  flexion 
die  in  nhd.  zeit  sich  vollzieliende  gruppenverschiebnng  nach  dem  begriff- 
lichen Inhalt  in  betracht.  Auch  die  späteren  belege  der  H-bildung  suffixaler 
masc.  auf  -er  lassen  erkennen,  dass  es  vornehmlich  bezcichnnugeu  von  per- 
sonen  sind,  die  vereinzelt  mit  den  >t-stämmen  fühlung  genommen. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  263 

vaterJ) 

ds.  in  got  vatern  1365  Mainz  1,352,8;  gs.  ires  rutern  und  vettern 
Füeterer  6,  vatern  Äugsb.  2, 123, 16.  17.  156, 18.  5, 190, 18,  Chmel  149-t  s.  23. 
1496  s.  105,  Sterz,  sp.  41,  Aventin,  Luther,  Job.  Mathesius  (vatern  :  vaters 
=  3:1;  auch  gs.  schwagern),  Nie.  Herinan  43,  Fischart,  Spaugenberg  40.  97, 
J.  V.  Braunschw.,  Arndt,  Opitz,  Fleming,  Gryphius  40, 109,  S.  Dach  105,  Hof- 
niansw.,  Morhof,  Unt.  782,  Lohenstein  61,  Charl.  v.  Orleans ;  seines  frommen 
und  leiblichen  vaterns  Zimm.  ehr.  363,  3,  seines  lierrn  vaterns  ebda.  312,  33. 
409,  33,  seines  vaterns  ebda.  489,  2 ;  2)  ds.  vatern  Aventin,  Frischlin,  J.  v.  Braun- 
schw., Abraham,  H.  v.  Salurn,  seinem,  irem  herrn  vatern  Zimm.  ehr.  356,  33. 
77,  9,  Kalloandro  1,52;  as.  vatern  Zimm.  ehr.  488,36,  Nie.  Herman  36,  Spangen- 
berg 47,  J.  V.  Braunschw.,  Abraham,  Charl.  v.  Orleans. 

briider. 
gs.  brudern  Augsb.  2,  31,21.  22,  Joh.  Mathesius  (brudern  :  bruders  = 
2  :  3),  Nie.  Herman  124,  J.  v.  Braimschw.  (brudern  :  bruders  =  13  :  3),  Arndt, 
Opitz,  Fleming,  Gryphius 21,  66,  Lohenstein,  Charl.  v.  Orleans,  Günther;  ds. 
brudern  J.  v.  Braunschw.,  Gramm.  Brücker,  Weckherlin,  H.  v.  Salurn,  Abra- 
ham ;  as.  brudern  Aventin,  J.  v.  Braunschw.,  Kalloandro  1,  55,  Charl.  v.  Or- 
leans, seinen  lierrn  brudern  Kallonandro  1,  52.  Zum  auftreten  der  n-formeu 
in  den  lebenden  muudarten  vgl.  Friedrich  s.  45.  50. 

Sonstige  fälle. 
Seltener  ist  die  berülirung'  mit  den  w- stammen  bei  den 
übrigen  Wörtern  auf  -er.    Man  beachte,  dass,  abgesehen  von 
einem  falle,  es  nur  personenbezeichnimgen  sind,   die  mit  den 
w-stämmen  sporadisch  in  contact  getreten  sind. 

ds.  fingern  Wyle  38,  8,  as.  cantzlern  Augsb.  3,  222, 12,  ds.  meistern  Reb- 
huhn, ds.  amtsschreibern,  rentmeistern  Volksb.  v.  dr.  F.  3, 5,  ds.  liebhabern 
Gramm.  Brücker,  as.  rittern  Kallqaiulro  2, 199.  Besonders  der  Schwabe  Weck- 
herlin (nach  Kasch)  hat  mehrere  solcher  cons.  formen:  ds.  bürgern, pfarrern, 
rittern,  as.  Jcaisern,  lesern,  maistern.  Wieland  Schreibern  dieses,  mich  oster- 
sängern,  Immermann  as.  Schlachtenmalern.^) 

Aus  häufigem  pluralischem  gebrauch  erklären  sich  die 
«-plurale  flitteru  Laube,  Lewald,  goldammern  Nieritz  (vgl. 
amseln,  drosseln),  nccjern  Wieland,  H.  v.  Kleist,  tellern  Schütze, 
splittern  Gramm.  Braun. 


1)  Der  imterschied  der  bedeutuug  (ob  himmlischer,  geistlicher  oder 
leiblicher  vater)  ist  gleichgiltig  für  die  form. 

2)  Vgl.  Vetter;  sonst  rindet  sich  keine  mischung  von  a-  und  »t-form 
schwacher  masc.  in  der  Zimm.  ehr. 

2)  Nicht  hierher  gehören  gp.  rittern  imd  knechten  Mainz  1,116,6, 
meistern  Eyb,  E.  38, 22.  40,  7.  Es  sind  das  nur  beweise  für  die  in  frühnhd. 
zeit  bestehende  tcndenz,  nach  dem  muster  der  fem.  a-stämme  einen  aus- 
gleich  des  gen.  und  dat.  pl.  in  anderen  flexiousklassen  herbeizuführen. 


2(l4  MOLZ 

Momentane  aiionialieJohJlatliesiiis:  «i//f//c^  angern  und  aucn. 

Hemmer,  Abliandl.  v.  1769  s.  127  weist  darauf  hin,  dass 
manchmal  dem  d.  sing,  in  fälschlicher  weise  ein  n  angehängt 
werde.  Z.  b.  von  pater  S.,  dieses  oder  jenes  ordens  priestern\ 
von  hcrrn  E, . . . ,  erangcl.  Inth.  prcdigern.  Auf  titeln  alter 
bücher  begegnet  man  derartigen  bildungen  oft.  Z.  b.  hei  N.  N., 
h'uchdruclern;  weitere  belege  gibt  Schmeller,  M.B.  263,  §  836. 
Auch  hier  ist  die  schwache  flexion  der  eigennamen  für  die 
meist  als  apposition  stehende  artikellose  «-form  als  ausschlag- 
gebender factor  zu  betrachten. 

Uebertritt  der  »-stamme  auf  -ere,  -er  zu  den  a-stämmen. 

Hierher  gehören  adelar,  adeler,  adler  swm.,  after  swm.,  ampfer 
swm.,  i'o^erswm.;  hevere,  Zerer  swstm.,  gtre,  (/m- stswm.,  schiver, 
scMvere  stswm.,  habere,  liaher  svi'Stm.,  jünger  s^\m.,juncherre  swm. 

Das  wichtigste  moment,  das  im  nhd.  zu  dem  übertritt  ge- 
führt hat,  ist  ein  rein  lautlicher  Vorgang.  Das  auslautende  -e 
des  uom.  sing,  musste  nach  Behaghels  lautgesetz  fallen.  Einige, 
wie  after,  toter,  entbehrten  es  schon  mhd.  Durch  die  apokope 
kam  mit  dem  nom.  sing,  als  medium  eine  enge  berührung  mit 
den  suffixalen  bildungen  auf  -er  zu  stände,  deren  zahl  durch 
die  ja -Stämme  in  nhd.  zeit  ausserordentlich  vermehrt  wurde, 
wodurch  die  vocalische  flexion  dieser  gruppe  der  consonantischen 
an  macht  bei  weitem  überlegen  war.  Diese  superiorität  wirkte 
im  nhd.  so  weit,  dass  fast  alle  cons.  formen  der  abgeleiteten 
subst.  auf  -er  verdrängt  wurden. 

Im  pl.  sind  in  den  formen  lauern,  vettern  spärliche  reste 
der  «-flexion  erhalten  (vgl.  mischklasse  11). 

Je  weniger  lebendig  ein  wort  in  der  erinnerung  der 
sprechenden  ist,  um  so  leichter  wird  es  seine  flexion  der  klasse 
unterordnen,  mit  der  die  unflectierte  form,  der  begriffsträger, 
eine  gruppe  bildet.  So  traten  adler,  after,  ampfer,  Mfer,  schiefer 
recht  früh  in  die  starke  flexion  über.^) 

adler. 
np.  orfe?am  Matth.  V.  Belieim,  M.  24,  28,  L.  17,  37,   gs.  adlers  Angsb.l, 
61,  28,  Folz,  ds.  adler  Midi.  Beheim,  Folz,  B.  d.  beisp.,  Pauli,  as.  aüler  1375 


1)  Es  war  nicht  möglich,  beispiele  für  alle  diese  subst.  aus  älterer  zeit 
beizubringen.  Es  wird  indes  dadurch  die  richtigkeit  meines  satzes  kaum 
in  frage  gestellt. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  265 

Aiigsb.  1,  61, 10,  Stretl.chr.,  Mich.  Beheim,  ds.  adle  mW  eckherlhi  2,  vgl.  weiter 
oben  berühniiig  mit  den  w-stämmen  iind  gs.  adlers  Weckherlin  2, 288, 425, 
ds.  adler  ebda.  2, 149, 44.  d  0 1 1  er 

ds.  dottern  Pauli.  . 

scliieier. 

gs.  schiefern  vereinzelt  bei  Matliesius  (daneben  steht  ds.  und  uap. 
scliicfe^^^  geier. 

mild,  gire  swm.  Nach  der  diplitliongiennig  von  i,  u,  ü 
entwickelte  sich  im  nhd.  vor  r  im  auslaut  eine  svarabhakti. 
Im  inlaiit  kam  diese  nicht  zur  geltung;  so  steht  /e-wer  (mhd. 
vmr)  neben  feurig  (mhd.  vhmc),  semer  (mhd.  siir)  neben  säure 
(mhd.  sntre).  Danach  miisste  sich  nach  apokope  des  aus- 
lautenden e  im  nom.  sing,  für  die  flexion  von  gir  folgendes 
paradigma  entwickeln:  \\s.  geier,  gdas.  und  pl.  ^e/rejz. 

So  lautet  das  paradigma  bei  Dasypodius  (sub  vtdtvr  ns. ;  ds.,  up.) ;  vgl. 
ferner  ds.  gyren  B.  d.  beisp.  51,5  (auch  ivygen  ebda.  17,  5),  Seb.  Münster,  as. 
(lyren  Manuel  (gijr  Maaler  202),  ap.  geyren  Sachs  20, 164,  2.  7  (aber  auch  dp. 
geyem  Sachs  20,  164,  22),  gp.  geyren  Weckherlin  2,  288,  422. 2) 

Die  lautgesetzlichen  formen  der  obliquen  casus  unterlagen 
später  dem  einfluss  der  Substantive  mit  -er-suffix,  zu  denen  die 
nom.-form  die  brücke  bildete. 

Am  frühesten  findet  sich  die  vocalissche  flexion  bei  Waldis  (ds.  geier 
84,  6.  121. 1).    Bei  Stieler  und  Steinbach  hat  geier  vocalische  flexion. 

hafer 
zeigt  nd.  lautform  und   drang  seit  dem  18.  jh.  in  die  Schrift- 
sprache ein. 

Lessing,  Fichte,  Goethe,  Bürger  schreiben  noch  haher.  J.  Grimm 
schrieb  stets  habcr,  und  in  dieser  form  ist  das  wort  im  DWb.  angesetzt 
(0.  Jänicke,  lieber  die  nd.  demente  in  unserer  Schriftsprache,  Wriezen  1869). 
In  unseren  texten  ist  mir  die  nd.  lautgestalt  nur  in  urk.  der  dem  nd.  gebiet 
benachbarten  Stadt  Arnstadt  begegnet:  gs.  Jiafern  1444.  1493. 

Die  schwache  flexion  herscht  in  frülmhd.  zeit  vor.  Bei 
diesem  conservativen  verhalten  (vgl.  dagegen  adler)  war  die 
cons.  flexion  der  bedeutungsverwanten  rogge,  ivelse  nicht  ohne 


')  gater  m.  n.  asp.  schuügaüern  Füetererll2. 192,  ap.f/((//erSachs411,4; 
niasc.  genus  dürfte  zu  gründe  liegen;  Stieler  kennt  nur  der  gatter  (vgl. 
Schmeller  §  848,  ns.  gattern  masc). 

2)  Beiläufig  sei  hier  einer  interessanten  contamination  gedacht.  Die 
stelle  lautet  den  fing  der  ivilden  gäns,  nachtraben  weyren  und  geyren.  Für 
iveyren  erwartet  man  tveihen.  Die  form  vryren  beruht  auf  niischung  mit 
dem  lautlich  ähnlichen  und  begrifflich  identischen  geyren. 


266  MOLZ 

aualogisclie  eiiiwirkung  geblieben.  Aus  den  obliquen  casus 
drang  häufig  ein  n  in  den  nom.  sing.  Spricht  diese  tatsache 
nicht  für  die  wahrung  des  auslautenden  uasals  in  den  mund- 
arten  der  älteren  zeit?  Mit  dem  nom.  sg.  Jiahern  war  ein 
neuer  parallelismus  zu  der  flexion  anderer  bezeichnungen  von 
getreidearten  geschaffen,  sofern  auch  ihre  form  des  nom.  rogyen, 
weken  lautete. 

ns. /tf<&e>- meist;  aber /frt&em  Mainz  1,  222.  32,  Rosenblut,  Pauli,  Sterz, 
sp.  197, 14-5,  Ayrer;  gs.  habern  Mainz  1,  207,  21,  Augsb.  3,  98,  6,  aber  habers 
Hätzlerin;  ds.  /m&em  Waldis  260,  5,  Sacbs  431,  33,  J.  v.  Braunschw.  (oft) ; 
as.  habern  ßoseublut,  Mich.  Beheim,  Geiler,  Job.  Mathesius,  Waldis  52,  62. 
170, 30,  Fischart,  Ayrer,  J.  v.  BraunschAv.,  Schottel,  Abraham. 

jünger. 

Vgl.  Andresen,  Zs.  fdph.  23, 268. 

Die  schwache  flexion  tritt  in  nhd,  zeit  nur  sehr  selten  in 
erscheinung: 

pl.  Jüngern  Dietenberger.  Schon  bei  Matth.  v.  Beheim  dringt  zuweilen 
die  starke  form  durch:  ds.  jmujere  M.  10,  25,  J.  19,  27,  pl.  jmigere  M.  17,  6. 
'Hier  hat  der  terminus  schon  die  substantivische  form  mit  der  substantivischen 
function  angenommen'  (Bechstein,  einl.  seiner  ausg.  lxxv).  Bei  Sucheuwirt 
ist  die  starke  flexion  herschend,  wie  später  bei  Manuel,  Luther,  Eebhuhn, 
Jonas  u.  a. 

Junker. 

mhd.  jimcherre.  Durch  den  Untergang  eines  mhd.  alt-herre 
und  durch  das  allmähliche  schwinden  der  unflectierten  form 
des  adj.  wurde  der  Zusammenhang  der  composition  junc-herrc 
im  laufe  der  entwicklung  verdunkelt.  Die  Vorstellung  der  Zu- 
sammengehörigkeit mit  herr  eiblich,  erlosch.  Dass  das  erst 
spät  geschah,  darauf  deutet  die  Schreibung  jungherren,  junJc- 
hcrrn,  die  sich  bis  ende  des  16.  jh.'s  erhalten  hat.  Die  schwache 
flexion  ist  bis  ins  17.  jh.  vorhersehend. 

n\\junJcern  Mainz  1, 178,  6,  SiS.  Junkern  Rosenblut,  ni).  jungherrenEylo, 
D.  20,  3,  das.  und  np.  jimkern  Pauli,  gs.  jitnkherren  Zimni.  ehr.  310,  24,  as. 
junkeren  Manuel,  Ans.  jimkern  Mathesius,  äs.  junkherrn  Sachs  210,  2,  ap. 
Junkern  Yolksb.  v.  dr.  F.  103,  10,  np.  junkherren  Spangeuberg  15-1,  ds.  junJc- 
herrn  Frischlin,  gdas.  und  nap.  junkern  Ayrer,  J.  v.  Braunschw.,  ds.  Junkern 
iinä  Junker  R.  Fischer,  Vorr.,  n\}.  ju/nJcern  Moscherosch 60,  äs.  junkernWeise 
13,  as.  Junker  ebda.  206. 

Die  starken  bildungen  tauchen  in  der  Übergangszeit  nur  vereinzelt  auf: 
gp.  jtmAcr  Mainz  1, 181,  2,  gs.  des  j unkers  knecht  2ni.  Pauli,  as.  Junker  ver- 
einzelt bei  Ayrer,  gs.  des  junghers  Stiefschwester  Ayrer,  as.  junker  Verl. 
Europäer  111.  113. 


NHD.   SUBSTANTIVB'LEXION.  267 

Vor  eigeimanieii  unterbleibt  die  flexiou  von  Jimkey  meist:  den  j unker 
Georfjen  Mathesiiis,  den  jmiker  Leipolt  Ayrer. 

Die  rt-fonn  des  gen.  kommt,  wie  es  scheint,  zuerst  in  der  Stellung 
des  sächsischen  genetivs  zum  ausdruck. 

Im  18.  jh.  ist  die  schwache  bildung  (pl.  Junkern  Wieland  nach  Gortz. 
3,  4)  vereinzelt.  Aichinger  allerdings  setzt  noch  gegen  ende  des  18.  jh.'s 
die  cons.  flexion  an,  während  Hempel  nur  dem  cous.  pl.  geltung  zuerkennt. 
Der  Oesterreicher  Popowitsch  stellt  die  reine  a-flexiou  als  norm  auf. 

4.  Das  Suffix  -en. 

Weinbold,  Mhd.gTamm.  §  458.  459.  Paul,  Mhd.gramm.  §  129, 
anm.2.  AVeinliold,  Alem.gramm.  §  391.  §  401.  Lübben, Mnd.gramm. 
§  72, 2.  Schmeller,  M.B.  §  839.  Gortzitza  3,  8  ff.  Kelirein  §  306— 
311.  Behaghel,  Germ.  23, 270  ff.  und  Pauls  Grundr.l^  §  181—183. 
Bojunga  s.64ff.  Andresen,Spi'acligebr.  und  spracliriclitigk.''s.28ff. 
Friedricli  s.  40.  43. 

In  mild,  zeit  existierten  bereits  eine  kleine  anzalil  w«-stämme, 
die  alle  dadurcli  charakterisiert  sind,  dass  sie  unpersönliche 
begriffe  ausdrücken:  atem  (atcn),  lodern  (boden),  huoscm  (buosen), 
degen,  faden,  gülden,  ^),  liafen,  morgen,  orden,  regen,  segen,  tvagen, 
descme  swm.  und  besem  stm.2) 

Wie  bei  den  masc.  mit  -l,  -r-suffix  haben  auch  bei  den 
«a- Stämmen  ein  teil  der  umlautsfähigen   (boden,  faden,  hafen; 

1)  '  Gulden,  subst.  adjectiv,  bewahrte  die  alte  lautgestalt;  als  gülden 
und  gülden  an  gold  angleichung  erfuhr,  weil  die  begriffliche  verwautschaft 
verloren  gegangen  war.  Neben  gidden  erscheint  auch  im  16.  jh.  (und  17.) 
gülden,  das  eine  neue  Substantivierung  von  gülden  ist.'  J.  N.  Zimmermann, 
Isolierte  formen  im  nhd.,  1880.  gülden  und  gülden  verhält  sich  ähnlich 
wie  drucke  und  drücke.  Gidden  ist  die  obd.  form,  die,  wie  sich  sachlich 
leicht  erklärt,  in  die  Schriftsprache  eingang  gefunden  hat.  Auf  bair.  gebiet 
begegnet  gülden  nur  bei  Abraham.  Die  Schwaben  und  Alemannen  kennen 
nur  die  form  gülden  (Zimm.  ehr.  348;  Manuel,  Helber).  Die  form  gülden 
ündet  sich  neben  gidden  bei  Wilwolt,  Nürnberg  4,  271, 13  (1502),  Sachs  81, 
31.  33,  Ayrer;  Waldis38,58.  160,12,  Alberus;  Rebhuhn,  ,Ioh.  Mathesius,  Chr. 
Weise  50;  J.  v.  Braunschw.,  Schotte!  1143.  Bei  J.  v.  Braunschw.  herscht 
gülden  vor. 

^)  Besen  erscheint  noch  in  schwaclier  flexion  bei  Matthias  v.  Belieim : 
dp.  besemen  M.  12,  44,  L.  11,  25;  vgl.  dagegen  gs.  besems  Folz.  hesem  wurde 
zu  lesen,  sei  es  dass  satzphonetische  gründe  eine  assimilation  des  m  heischten, 
wie  sie  im  gen.  sing,  besens  eintrat,  sei  es  dass  die  Übermacht  der  e«-bil- 
dungen  zum  ausgleich  führte,  as.  lesen  Ayrer.  as.  lesem  Chr.  Weise  33. 
Allein  atem  hat,  durch  das  verl)um  ahnen  gestützt,  in  der  Schriftsprache 
sein  auslautendes  m  gewahrt  (Manuel  atem  und  atcn). 


2ß8  MOLZ 

ordcn,  tvagen)  zum  zwecke  logischer  differenzierung-  den  Um- 
laut angenommen.  Die  beiden  letzten  lauten  in  der  älteren 
spräche  nur  auf  obd.  gebiet  um,  und  auch  da  orden  nur  zu- 
weilen. Es  ist  mir  leider  nicht  möglich,  alle  in  betracht  kom- 
menden Ma-stämme  mit  umlaut  im  pl.  aus  früher  zeit  zu  belegen. 
Aber  nach  dem,  was  man  von  der  ausdehnung  des  umlauts 
weiss,  kann  es  keinem  zweifei  unterliegen,  dass  auch  bei  den 
««-Stämmen  die  /-bildung  des  pl.  wenn  nicht  in  die  mhd.  (vgl. 
wegene),  so  doch  in  die  früheste  zeit  der  nhd.  epoche  fällt. 

Bairisch:  faden  PopoAvitsch,  örden  Griesb.  pred.,  ivägen  Sterz,  sp. 
268, 162,  Weissk.  219,  47,  Aventin  758, 2.  838,  7,  Brann,  Popowitsch. 

Alemannisch:  häfen  Boner,  Panli,  Manuel,  ö<T?(?>i  Wyle  173, 1,  Manuel, 
toägen  Pauli,  Manuel. 

Schv/äbisch:  /lOra&örfe«  Augsb.  2,  159.  12,  ööcZf«  Friscblin,  häfcn 
Zimm.  ehr.  390, 11,  öfen  ebda.  416, 3,  örden  Augsb.  3,  62, 12.  225, 12,  Ziram. 
ehr.  133, 19  {orden  Zimm.  ehr.  156,  9),  wägen  (1374)  Augsb.  1,  60,  24.  237, 15. 
258(1362).  2,41,4.  44,6.  4,48,13.  5,308,9.  333,15,  Zimm.  ehr.  271, 32.  6,24. 
200,9.22,  Frischlin;  Aichinger;  Schiller. 

Süd-  und  ostfränkisch:  höden'Folz,  {faden  Stieler),  liüfen  Nürnb. 
5,  552,  4,  Sachs  424, 17,  Ayrer,  örden  Nürnb.  4,  335, 14,  {orden  Stieler),  trägen 
Nürnb.  4,  284.  8,  Ejb,  E.  70,  9,  Wilwolt  38,  Sachs  262,  31.  431, 33,  tvagen  und 
tcägen  Stieler. 

Westmitteldeutsch:  höden  Schö^^f,  fussboden  Goethe,  faden  Goethe, 
faden  und  fäden  Grimm,  tcägen  Volksb.  v.  dr.  F.  14, 19,  Gramm.  Schöpf,  tcägen 
Goethe. 

Ostmitteldeutsch:  häfen,  öfen  Mathesius. 

Niederdeutsch:  hoden  imd.  böden  Steinhuch,  /«V/e«  Gottsched,  faden 
und  fäden  Herder,  tcägen  Schupp,  wagen  Steinbach,  tvagen  und  wägen  H. 
V.  Kleist,  Gutzkow. 

Bei  der  engen  begrifflichen  beziehung,  welche  die  ««-stamme 
mit  einer  grossen  zahl  dei'  «-stamme  verband,  kann  es  nicht 
wunder  nehmen,  dass  im  noni.  sing,  vereinzelt  ein  über- 
springen zu  den  «-stammen  erfolgte: 

ns.  fad,  ns. /*«/' Dasypodius,  ns.  /«cremte  Wyle  69,  5 ;  ns.  /<«/"  Augsb.  3, 
231,  23,  Zimm.  ehr.  408,  24,  Frischlin,  ns.  crdbod  und  hod  E.  Fischer  6.  20. 
104;  ns.  rege  und  regen  4.  Bib.;  ns.  f/wW  Waldis  265,10;  ns.  trag  Luther, 
Sermon;  ns.  hafe,  ofe,  tvage  Schottel. 

Die  fälle  sind  selten.  Die  formen  Schotteis  erklären  sich 
daraus,  dass  nd,  dialekte  die  ältere  flexionsweise  der  unpersön- 
lichen nhd.  ««-Stämme  gewahrt  haben.  Es  wären  zu  den 
formen   Jiafe,   ofe,   ivage  die  mhd.  «-stamme  galg,  gart,  liopfe, 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  269 

hrage,  hiot,  hioch,  mage,  lumpe,  reche,  rase,  rogge,  rieme,  schräge 
etc.  bei  Scliottel  zu  verg-leiclien.  Die  numerische  Übermacht 
der  w- Stämme  trieb  hier  zuweilen  die  Aveniger  zahh-eichen 
M«-stämme  zur  annähme  der  cons.  nom.-form. 

Auch  im  gen.  erscheint  formenübertragung  der  w-stämme 
nur  ganz  vereinzelt: 

orden  1385  Weizs.l  (neben  ordens),  l-t96  Chmel  109,  Murner  (Schehnenz.), 
des  morgen  frii  Angsb.  1, 107,  G,  sommenvagen  J.  Grimm  (nach  Andresen). 
Auffallend  ist  dp.  fadenen  Lohenstein  38;  vgl.  Friedrich  s.  34  f.  Vollständigen 
Schwund  der  endung  zeigt  as.  ivag*  Waldis  2G-t,  1,  und  verklingen  des  aus- 
lautenden n  tritt  vielleicht  zu  tage  in  dem  ap.  gidde  bei  dem  Schwaben 
E.  Fischer  67. 

Tl.  Uebertritt  der  ^i-stäiiime  zu  den  ^la  -  stamm  eiiJ) 

Um  die  Übersicht  der  cons.  stamme,  die  bei  dieser  bewegung 
im  spiele  sind,  zu  erleichtern,  zähle  ich  sie  in  alphabetischer 
folge  auf:  hucJce,  halke,  halle,  harre,  hatze,  hkze,  hoge,  hräte, 
hrocke,  hrunne,  dünie,  ducäte,  vetze,  vlade,  galge,  garte,  goume, 
grahe,  grosche,  hake,  hode,  hopfe,  huoste,  Jcarre,  haste,  Idohe, 
Jinoche,  hnorre,  knote,  kolhe,  kohe,  krage,  krapfe,  kiioche,  lade, 
läppe,  leite,  lode,  lumpe,  mage,  nache,  phoste,  xihrieme,  piosse, 
räche,  rate,  ranze,  rame,  rase,  reche,  reie,  rieme,  rocke,  rocke 
(rogge),  schale,  scheme,  scherhe,  schinke,  schräge,  schupfe,  slite, 
snupfe,  swade,  sparre,  spate,  Stade,  stapfe,  stecke,  stolle,  strieme, 
trese,  tropfe,  ivase,  zacke,  zapfe,  zinke. 

Bereits  Gortzitza  2  (1855)  erkannte,  dass  die  schwache 
flexion  vor  allem  bei  personen-  und  tiernamen  hersche;  die 
weitere  erkenntnis,  dass  die  masc.  mit  unorganischem  n  alle 
unpersönliche  begriffe  sind,  blieb  ihm  verschlossen.  Behaghel 
war  der  erste,  der  diese  Scheidung  der  flexionsgruppen  nach 
dem  inhalt  der  begriffe  erkannte.  Seine  erklärung  lautet: 
'Man  sieht,  diejenigen  substantiva,  bei  denen  das  paradigma 
der  obliquen  casus  auch  für  den  nom.  massgebend  gewesen, 
sind  durchaus  bezeichnungen  von  concreten  dingen;  diejenigen, 
bei  denen  der  nom.  stark  genug  war,  um  sich  gegen  die 
obliquen  casus  zu  behaupten,  sind  bezeichnungen  von  lebenden 
wesen,  besonders  von  personen.'  'Diese  verschiedene  behand- 
lungsweise  bei  lebenden  wesen  und  bei  Sachen  erklärt  sich 


')  Vgl.  die  oben  s.  2G7  angegebene  literatur. 


270  MOLZ 

wol  daraus,  dass  die  ersteren  viel  häufig-er  als  subject  und 
demnach  im  noni.  sing,  erscheinen,  als  die  letzteren.' 

Bojunga  hat  die  klärung*  der  Verhältnisse  dadurch  geför- 
dert, dass  er  die  ?za- stamme  als  anknüpf ungspunkt  für  die 
starke  flexion  der  w-stämme  betrachtete  (vgl.  auch  0.  Behaghel, 
Die  deutsche  spräche  s.  173)  und  auf  die  Verbindung  der 
w-stämme  mit  den  Infinitiven  der  denominativen  verba  hinwies. 
Eine  beeinflussung  konnte  hier  natürlich  nur  dann  stattfinden, 
wenn  der  Infinitiv  in  der  tat  häufig  subst.  Verwendung  fand. 
Da  das  nachweislich  in  der  älteren  spräche  nur  selten  geschah, 
kann  von  einer  nachhaltigen  Wirkung  auf  die  »^- stamme  im 
allgemeinen  keine  rede  sein. 

Nur  bei  hraten,  husten,  scliaden,  schrecken  scheint  eine 
nähere  beziehung  zu  den  w-stämmen  hrate,  huste,  schade,  schrecke 
zu  bestehen.  Bei  schrecken  —  schrecke  lässt  sich  eine  beziehung 
dadurch  nachweisen,  dass  in  späterer  zeit  eine  Vermischung 
des  masc.  schrecken  mit  dem  formell  gleichen  subst.  Infinitiv 
eintrat,  wodurch  das  masc.  auch  als  neutr.  gefasst  wird  (vgl. 
Klopstock  das  schrecken,  Herder  xmnisches  schrecken,  Frisch 
schrecken  m.  und  n.).  Wichtiger  aber  erscheint  mir  die  gegen- 
überstellung  der  neutra  auf  -en,  die  zwar  begrifflich  kaum  eine 
berührung  mit  den  «-stammen  aufweisen,  die  aber  in  ihrer 
flexion  im  dat.  und  acc,  sing,  und  im  ganzen  pl.  mit  den  masc. 
cons,  Stämmen  zusammentrafen.  Es  sind  dies  im  letzten 
gründe  auch  subst.  Infinitive;  aber  ihr  bedeutungsinhalt  hat 
sie  mehr  und  mehr  ihres  Zusammenhangs  mit  dem  inf.  ent- 
kleidet. Es  gehören  hierher  worte  wie  erdhehen  (obd.  erdhidcm), 
essen,  leiden,  wesen,  reichen;  leben,  vertrauen  u.  a.  Indessen 
ist  einer  derartigen  flexivischen  berührung  keine  allzu  grosse 
bedeutung  beizumessen. 

Ehe  wir  in  die  Untersuchung  eintreten,  ist  hervorzuheben, 
dass  bei  der  Verschiedenheit  der  fälle,  die  durch  die  formen 
(jarten  —  gärten,  hacken  —  hacken,  roggen  illustriert  werden 
mag,  keine  allgemein  giltige  beantwortung  der  fi-age  erwartet 
werden  darf. 

Der  historische  verlauf  selbst  weist  uns  den  weg,  den  wir 
wandeln  müssen,  um  zu  sicheren  ergebnissen  bezüglich  der 
entwicklungsgeschichte  unserer  Wörter  zu  gelangen. 


NUD.   SUBSTANTIVFLEXION. 


271 


Es  ist  eine  überrascliende  tatsache,  dass  sich  mit  dem 
beginn  der  nlid.  zeit  der  umlaut  zum  teil  auch  auf  den 
pl.  der  n-stämme  erstreckt.  Aber  wol  niemals  war  .sein 
eintreten  so  nach  zeit  und  landschaft  verschieden  als  bei  den 
72-stämmen.  Es  kommen  hier  folgende  in  betracht:  hoge,  hrunne, 
garte,  grabe,  Icarre,  Imstc,  Jcrage,  mage,  schräge,  schade. 

Die  folgende  Übersicht  soll  ein  bild  von  der  entwicklung 
des  pl.  dieser  w-stämme  innerhalb  der  einzelnen  dialekte  ent- 
werfen. Zur  richtigen  beurteilnng  der  citate  ist  zu  beachten: 
der  pl.  hrunnen,  lairrcn  ist  überall  da  zu  treffen,  wo  nicht  eine 
andere  form  belegt  ist.  Es  kam  mir  darauf  an,  besonders 
reiche  belege  aus  der  frühnhd.  epoche  zu  geben,  aus  der  zeit, 
in  der  die  Schriftsprachen  der  einzelnen  dialektgebiete  sich 
noch  nicht  zu  einer  nhd.  bildungssprache  verschmolzen  hatten. 
In  jüngerer  zeit  konnte  das  streben  nach  einigung  die  ursprüng- 
lichen Verhältnisse  trüben. 

An  ab  kür  zun  gen  sind  in  den  folgenden  tabellen  ver- 
wendet worden: 


I.  Su.  =  Suclienwh-t  1390: 
Gh.  =  Chmel  1508 
St.  sp.  =  Sterziiig-er  spiele  1510 
Wk.  =  Weisskmiig-  1515 
A.  =  Aventin  1535 
Ab.  =  Abraham  a  S.  Gl.  1680 
H.  V.  S.  =  Heribert  von  Saluni 

1695 
Gr.  P.  =  Gramm.  Popowitsch 

1751 
Gr.  B.  =  Gramm.  Braun  1765 
II.  Str.  cbr.  =  Stretlinger  clironik 

1450 
W.  =  Niclas  V.  Wylc  1470 
G.  =  Geiler  von  Keisersberg- 

1490 
Pa.  =  Job.  Pauli  1518 
Ma.  =  Nikiaus  Manuel  1525 
Stra.  p.-o.  =  Strassburg.  polizei- 

orduung  von  1560 
Helb.  =  Helber  1595 
Mo.  =  Moscherosch  1643 
Bo.  =  Bödme  r  1720 
H.  =  Haller  =  1732 


III.  Augsb.  =  Augsburger  cbroniken 

1.1470,  11.1450,  in.l480, 

IV.  1525,  V.  1520. 
Eine  zahl  vor  dem  citat  be- 
zeichnet das  jabr  der  datie- 
rung  einer  in  den  cbroniken 
enthaltenen  Urkunde. 

Z.  ehr.  —  Zimmerische  chronik 

1550 
Mi.  Beb.  =  Michael  Bebeim  1406 
File.  =  Füeterer  1480 
Gr.  Ai.  —  Gramm.  Aicbinger 

1753 
Gr.  N.  =  Gramm.  Nast  1777 
Schi.  =  Schiller  1785 

IV.  Ros.  =  Rosenblut  1445 
Fo.  =  Folz  1460 

Nb.  =  Nürnberger  cbroniken 

IV.  1470,  V  um  1500 
4.  Bib.  =  4.  Bibelübersetzung 

1475 
EybE.  =  Albrecht  von  Eybs 

Ehebüchlein  1480 


272 


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274 


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278  MOLZ 

annähme,  dass  der  iimlaut  erst  nach  der  uniformierung  der 
cons.  Stämme  mit  den  wa-stämmen  eingetreten  sei.  AVie  aber 
erklärt  sich  das  eintreten  des  umlauts  im  pl.  consonautischer 
Stämme?  Wie  kommt  es,  dass  nur  bezeichnungen  concreter 
dinge  den  umlaut  im  pl.  angenommen  haben?')  Der  grund 
liegt  darin,  dass  die  persönlichen  begriffe  ihrer  bedeutung  ge- 
mäss häufiger  als  subject  oder  in  der  anrede  gebraucht  werden. 
Die  form  des  nom.  prägte  sich  bei  ihnen  ins  gedächtnis.  Die 
dingbezeichnungen  dagegen  wurden  überwiegend  im  obliquus 
gebfaucht.  Und  hier  trat  noch  der  gen.  dem  dat.  und  acc. 
gegenüber  in  der  Verwendung  weit  zurück.  Man  beachte  nur 
die  häufige  Verbindung  der  dingbezeichnungen  mit  präpositionen 
und  die  von  diesen  regierten  casus.  Die  namen  unpersönlicher 
begriffe  hafteten  so  in  ihrer  w-gestalt  in  dem  bewusstsein  der 
sprechenden;  die  w-form  war  gleichsam  träger  des  begriff  es: 
im  Buch  der  beispiele  der  alten  weisen  heisst  es  101,  25  ivenn 
dem  Jcüng  schaden  von  seinen  feinden  hegegnet.  Hier  hebt  sich 
der  nom.  durch  den  mangel  des  artikels  und  durch  seine 
Stellung  zwischen  andern  Satzgliedern  nicht  deutlich  ab,  und 
er  ist  deshalb  in  die  form  der  häufigst  gebrauchten  casus,  des 
dat.  und  acc,  gekleidet.  Steht  aber  der  nom.  in  Verbindung 
mit  dem  bestimmten  artikel  oder  mit  einem  adj.,  so  lautet  er 
im  Buch  der  beisp.  scliad:  der  tut  unrecht  und  gedycht  im  hillich 
der  schad  uff  sein  selbs  houht  39,  7,  an  des  tod  dem  rych  merk- 
licher schad  und  ahgang  ligen  tcürd  50,  27.2)  Von  der  «-form 
des  obliquus  begann  die  Scheidung  der  numeri  durch  das  ein- 
dringen des  umlauts  in  den  pl.  nach  dem  muster  wägen,  örden, 
häfen,  höden. 

Das  ist  —  meiner  auffassung  nach  —  der  Schlüssel  zu  dem 
rätsei  jener  grossen  loslösung  der  n-stämme. 

Bereits  zu  beginn  der  abhandlung  wurde  bei  den  «-stammen 
darauf  hingewiesen,  dass  in  Oberdeutschland  durch  das  ein- 
treten der  apokope  die  rücksicht  auf  klarheit  des  sprachlichen 
ausdrucks  ein  pluralisches  kennzeichen  gebieterisch  forderte. 
Wo  das  vocalische  element  des  Stammes  für  den  umiaut  em- 
pfänglich war,  wurde  dieser  zum  kriterium  des  pl.  erhoben. 


')  Die  eine  ausnähme  pl.  schwanen  Spee  fällt  nicht  ins  gewicht. 
';  El)euso  verhalten  sicli  schad  und  schaden  in  der  5.  Augsb.  chronik. 


NHD.   SÜBSTANTIVFLEXION.  •  279 

Im  laufe  der  nlid.  zeit  g-ewaim  die  apokope  in  den  mundarten 
immer  mehr  räum,  und  heute  ist  auch  der  grösste  teil  des  md. 
gebietes  von  ihr  beherscht,  wie  aus  Friedrichs  angaben  s.  7  ff. 
hervorgeht.  Mit  dem  vordringen  der  apokope  aber  musste  der 
Umlaut  des  pl.  der  numerusscheidung  wegen  an  ausdehnung 
zunehmen. 

Danach  musste  die  pluralbildung  durch  umlaut  am  frühesten 
in  Oberdeutschland  über  andere  arten  der  flexion  des  masc. 
dominieren.  Und  es  wird  so  begreiflich,  dass  Oberdeutschland 
in  der  umlautung  des  pl.  der  hier  in  rede  stehenden  w-stämme 
dem  mittleren  Deutschland  vorausgieng  (vgl.  die  tabellen).  Ja 
es  bildeten  sich  im  oberdeutschen  i-plurale  {karren,  häufen)^ 
die,  so  weit  ich  sehe,  nicht  über  sein  gebiet  hinausdrangen. 
Die  Schriftsprache  kennt  nur  i-pluralbildung  bei  garten,  graben, 
schaden  und  duldet  sie  bei  bogen,  laden.  Wenn  man  die  Schrift- 
sprache als  zum  grossen  teil  aus  dem  md.  herausgewachsen 
denkt,  macht  ihre  gestaltung  den  rückschluss  möglich,  dass 
das  md.  nur  die  genannten  i-plurale  entwickelt  hat. 

Wenn  nun  der  umlaut  eine  wichtige  rolle  bei  der  Ver- 
schiebung gespielt  haben  soll,  so  müssen  wir  erwarten,  dass 
in  Oberdeutschland  die  keime  der  entwicklung  und  zum  teil 
die  ausbildung  unserer  nhd.  Verhältnisse  ruhen.  Die  nach- 
Avirkung  des  umlauts  muss  in  einer  änderung  des  nom.  und 
gen.  sing,  zu  tage  treten;  denn  es  gelten  die  propol'tionen: 

icügen  :  grüben  =  loagen  :  graben  =  tvagens  :  grabens 
äcker  :  gürten  =  acker  :  garten  =  ackers  :  gartens 
häfen  :  kästen  =  hafen  :  kästen  =  hafens  :  kastens 
mäntel  :  kragen  =  mantel  :  kragen  =  mantels  :  kragens 
etc. 

Die  Wirksamkeit  dieser  analogien  liiiiderte  die  ausbildung 
eines  neuen  flexionssystems,  das  nach  dem  eintreten  des  um- 
lauts im  pl.  sich  so  gestalten  musste:  ns.  grabe,  obl.  graben; 
pl.  graben.  7a\y  zeit  der  Verschiebung  finden  wir  in  der  tat 
zuweilen  dieses  System  vor;  so  können  wir  aus  ein  und  dem- 
selben denkmal  folgende  formen  belegen:  ns.  brunn  und  brunne, 
gs.  brunnen,  pl.  brünnen  Stretl.  ehr.;  ns.  gart  Faustb.  69, 10,  gs. 
garten  60,  27,  pl.  gürten  58, 16. 

Die  folgenden  tabellen  geben  das  material,  auf  dem  sich 
meine  Schlüsse  aufbauen.    Es  ist  natürlich,  dass  in  den  bei- 


280 


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spielen  keine  volle  harmonie  liersclit.  Männer,  die  sich  mehr 
der  spräche  des  Volkes  anschlössen,  werden  einen  älteren  stand 
sprachlicher  entwicklung  bekunden  als  andere,  die  nach  einem 
über  dem  volkstümlichen  stehenden  ausdruck  strebten.  Aber 
es  wird  klar  ersichtlich,  dass  da,  wo  der  umlaut  herschte,  der 
anschluss  an  die  «a-stämme  zuerst  erfolgte. 


AVeitere  abk 
I.  Teil.  =  Teuerdank  15t8 
Oest.  weist.  =^  Oesterreichische 
weistümer  von  1550 
II.  Br.  =  Sebastian  Brant  1494 
Das.  =  DasA-podins  1537 
Maa.  =  Josua  Maaler  1561 
Gr.  Oe.  =  Gramm.  Oelinger  1573 
m.  Hätzl.  =  Hätzleriu  1475 

B.d.b.  =  Blich  der  Beispiele  1481 
S.  Fr.  =  Sebastian  Frank  1535 
Fr.  =  Nicodemiis  Frischlin  1590 
He.  =  Heniscb  1608 
Weckh.  =  Weckherlin  H.  1616 
(die  citate  aus  Weckberlin  sind 
ergänzt    nacb    den    angaben 
Fischers  in  Weckh.  11.  524) 
Fisch.  =  Rudolf  Fischer  1623 
\.  Mz.  =  Mainzer  Chroniken  1. 1440. 
n.l580 


urzungen: 

Wie.  =  Wicel  1546. 
Wa.  =  Burkhard  Waldis  1555 
Sl.  =  Sleidanus  1557 
Gr.  Brück.  =  Gramm.  Brücker 
1620 
VI.  U.  d.  st.  A.  =  Urkundenbuch  der 
Stadt  Arnstadt      (1496  er  Ur- 
kunde) 
Pu.  =  Purgoldts  Rechtsbuch  1502 
Reb.  =  Paul  Rebhuhn  1545 
Jon.  =  Justus  Jonas'  briefe 
Spang.  =  Cyriacus  Spangenberg 

1585 
Fl.  =  Fleming  1630. 
Die  abkürzungen  Ar.  =  Arndt,   Cl. 
=  grammatiker  Clajus,   Wei.  = 
Christian  AVeise  kommen  erst  in 
den    späteren    tabellen    zur    an- 
Avendung. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION. 


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Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVll. 


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NHD.   SUBSTANTIVPLEXION.  291 


(Fortsetzung  YII,  Niederdeutsch)  Genetiv  singularis. 


17.  jh. 


18.  jh. 


I    I    I    I    I    I    I    I    I 


I    I    I    I    I    I    I    I    I 

bogens  Scho.  (ebenso 
gartens,  grabens 
u.  s.  w.) 
magens  J.  v.  B. 
Schadens  J.  v.  B. 


Fassen  wir  das  resultat  der  bis  dahin  geführten  Unter- 
suchung zusammen.  Zunächst  ist  nochmals  daran  zu  erinnern, 
dass  mit  dem  ausgang  der  mhd.  zeit  Behaghels  gesetz  durch- 
bricht, nach  welchem  vor  oder  nach  tief  ton  Schwund  eines 
unbetonten  e  eintritt.  Das  paradigma  von  ivagen  lautet  danach; 

ivagen  wägen  (mhd.  tvegene) 

loagens  (mhd.  wagenes)  loägen  (mhd.  wegene) 

umgen  (mhd.  ivagene)  ivägen  (mhd.  tvegenen) 

ivagen  wägen  (mhd.  wegene). 

Dem  gesetze  gemäss  folgte  diesem  typus  die  ganze  gruppe  der 
wa-stämme.  Als  nun  der  umlaut  auf  einem  grossen  teile  des 
Sprachgebiets  eine  anzahl  der  w-stämme  ergriffen  hatte  —  es 
werden  wol  die  in  beiden  numeri  zugleich  häufigst  gebrauchten 
sein  —  erwuchs  durch  ihren  übertritt  den  wa-stämmen  eine 
bedeutende  gruppenerweiterung.  Die  wa-klasse  umfasste  so 
auf  'obd.  boden  um  1500  folgende  Wörter:  einerseits  beseti, 
hoden,  husen,  clegen,  faden,  gülden,  hafen,  morgen,  orden,  regen, 
Segen,  wagen,  andrerseits  bogen,  (brunnen),  garten,  graben,  karren, 
kasteti,  kragen,  magen,  schaden. 

In  Oberdeutschland  war  die  gruppe  der  echten  wa-stämme 
am  stärksten  vermehrt  worden,  in  Mitteldeutschland  weniger, 
in  Niederdeutschland  kaum.  Nach  Friedrich  s.  49  ist  im  nieder- 
deutschen noch  heute  'das  alte  Verhältnis  treuer  bewahrt'. 
'Auch  spielt  die  erscheinung  des  umlauts  bei  den  «-stammen 
weiterhin  im  niederdeutschen  nicht  diese  rolle',  sagt  Friedrich 
s.  43.  Für  das  niederdeutsche  und  teile  des  mitteldeutschen 
kommt  noch  in  betracht,  dass  die  Unterdrückung  des  e  vor 
oder  nach  tiefton  nicht  durchgedrungen  ist  (vgl.  Behaghel, 
Pauls  Grundr.  1 2,  §  70,2  und  oben  s.255  f.).  Hier  lautete  um  1500 

19* 


292  MOLZ 

der  pl.  von  ivagen  noch  wegene,  der  pl.  von  degen  —  degene 
n.  s.  f.  Zwei  momente  hemmten  also  hier  die  Verschiebung*: 
erstens  die  in  der  Währung"  des  flexivischen  e  nach  hochton 
begründete  gering-ere  ausdehnung  des  umlauts  überhaupt,  und 
zweitens  die  aus  der  eben  angedeuteten  erhaltung  des  aus- 
lautenden e  nach  tiefton  sich  ergebende  geringere  flexivische 
berührung  der  n-  und  wa-stämme  unter  einander  (nur  der  acc. 
sing,  stimmte  überein:  tvagen  —  graben). 

Der  contre-coup,  den  die  grössere  oder  geringere  nume- 
rische macht  der  «a-gruppe  auf  die  Verschiebung  übte,  zeigt 
sich  an  dem  Schicksal  der  übrigen  w-stämme.  Auch  bei  ihnen 
beginnt  die  Verschiebung  auf  dem  boden,  wo  der  umlaut 
grosse  ausdehnung  unter  den  w-stämmen  gewonnen  hatte:  eine 
erscheinung,  die  in  dem  anwachsen  der  wa-gruppe  durch  die 
genannten  w-stämme  mit  «-pl.  ihre  begründuug  findet.  Wie 
anders  sollte  sich  die  landschaftlich -zeitliche  Verschiedenheit 
des  Übertritts  erklären? 

Kehren  wir  zu  den  Verhältnissen  auf  obd.  gebiet  zurück. 
Die  eng  geschlossene  gruppe  der  22  starken  masc.  auf  -en 
war  mächtig  genug,  um  andere  dingbezeichnungen,  mit  denen 
sich  eine  weitgehende  flexivische  berührung  bot,  zum  formellen 
ausgleich  des  nom.  und  gen.  zu  drängen,  gerade  wie  sich  die 
persönlichen  l^egriffe  heiden,  bristen,  raben  ihrem  Inhalt  gemäss 
früh  der  w-declination  angeschlossen  haben,  und  wie  die  fem. 
wa-stämme  licien,  versen,  metten,  lügen  dem  ausgleich  mit  den 
anderen  femininen  nicht  widerstehen  konnten. 

Das  Wortmaterial  aber  fordert,  die  Verschiebung  noch  von 
einem  andern  gesichtspunkt  zu  betrachten.  Der  häufige,  ja 
fast  ausschliessliche  gebrauch  des  plurals  war  für  eine 
reihe  von  w- stammen  bestimmend,  sich  der  «a- gruppe  anzu- 
schliessen.  Ein  sicherer  beweis  für  die  häufigkeit  des  gebrauchs 
des  pl.  ist  die  existenz  einer  fem.  nebenform,  die  eine  neu- 
schöpfung  aus  dem  pl.  darstellt. 

Solcher  doppelformen  gibt  es  folgende:  hacJcen  —  baclie  (f. 
bereits  bei  Schottel),  hoden  —  hode;  possen — posse;  socken  — 
socke,  stapfen  —  stapfe,  Striemen  —  Strieme,  flocken  —  flocke, 
wacken  —  ivacke,  zinken  —  zinke. 

Aber  noch  bei  andern  überwiegt  der  pluralische  gebrauch: 
fladen  —  flade  (f.  Ritter,  Nast),  kolben  —  kolbe  (f.  Henisch  177), 


NHD.   ST7BSTANTIVFLEX10N.  293 

h'ax)fcn\  hatzen,  ducaten  —  ducat  (f.  Oelinger),  dukcite  (f.  Schöpf, 
Nast),  groschen. 

Bei  diesen  gieng-  also  die  aiisg-leichimg  mit  den  wa-stämmen 
vom  pl.  aus.  Bei  den  münzbezeiclmungen  hatze,  grosche,  dnJcafe 
wurde  die  Verschiebung  noch  erleichtert  durch  die  begriffliche 
verwantschaft  mit  gülden  ('floren').  Je  niedriger  der  wert  der 
münze,  um  so  häufiger  war  die  Verwendung  im  pl.,  und  um 
so  grösser  war  die  möglichkeit  des  ausgleichs  mit  den  masc. 
auf  -en.  Bei  dem  grammatiker  Schöpf  lautet  der  nom.  hatzen, 
aber  grosch,  ducat. 

Es  ist  schliesslich  unverkennbar,  dass  aus  dem  obliquus, 
auf  dem  bei  dingbezeichnungen  das  sprachliche  hauptgewicht 
ruht,  schon  früh  ein  nom.  auf  -en  geschaffen  wurde: 

1371  rogyen  Augsb.  1,  24,  9.     1373  loden  Augsb.  1,  31, 18. 

Gerade  die  formen  roggen  und  loden,  denen  man  noch 
braten,  Iniclien,  Jiopfen  an  die  seite  stellen  kann,  ergeben  sich 
leicht.  Bei  ihnen  spielt  noch  ein  erst  im  nhd.  erfolgter  syn- 
taktischer wandel,  der  aus  einer  formalen  Veränderung 
entspringt,  eine  wichtige  rolle  (vgl.  Behaghel,  Deutsche  spräche 
1886,  s.  205).  hraten,  liopfen,  Mchen,  loden,  roggen  wurden  im 
mhd.  häufig  nach  massbestimmungen  als  partitive  genetive  ge- 
braucht: ein  stücJie  braten,  ein  stücke  hichen,  ein  schaf  roggen 
(so  ausserordentlich  häufig  in  den  Augsb.  Chroniken),  ein  scheffel 
hopfen,  drei  eilen  loden.  Als  man  zu  beginn  der  nhd.  epoche 
den  partitiven  gen.  als  nom.  auffasste,  wurde  damit  die  wa-form 
im  sprachbewusstsein  befestigt.  In  der  zeit  des  Schwankens 
zwischen  ein  glas  ivassers  und  ein  glas  wasser  bildete  man 
ein  schaf  roggens  und  ein  schaf  roggen,  indem  man  hier  den 
ursprünglichen  gen.  roggen  nicht  mehr  als  solchen  erkannte. 
So  trug  auch  eine  syntaktische  Verschiebung  dazu  bei,  die 
wa-gruppe  zu  mehren. 

Diese  nominative  mit  unechtem  -n  hatten  natürlich  —  und 
das  ist  von  bedeutung  für  ihre  aufnähme  in  die  Schriftsprache 
—  an  der  durch  das  eintreten  des  umlauts  erweiterten  n«-gruppe 
einen  starken  rückhalt.  Auch  bei  den  dingbezeichnungen  der 
schwachen  fem.  hatten  sich  im  15.  und  IG.  jli.  aus  den  obliquen 
casus  nom.-formen  auf  -en  gebildet.  Die  unorganischen  bil- 
dungen  Idrcheu,  brüclien,  gassen,  rosen,  lilien,  erden,  sonnen 
gehören  in  jener  zeit  nicht  zu  den  Seltenheiten.    Im  lebendigen 


294  MOLZ 

dialekt  hat  besonders  das  bair.  die  Verallgemeinerung  der 
schwachen  endung  -en  auf  den  ganzen  sing,  aufzuweisen. 
Doch  ist,  wie  Friedrich  s.  20  f.  angibt,  diese  erscheinung  keines- 
Avegs  auf  das  bair.  beschränkt.  In  der  Schriftsprache  ist  keine 
spur  davon  geblieben. 

Die  stütze,  die  ihnen  die  mhd.  wa- stamme  liefen,  versen, 
lügen,  metten  gewährte,  genügte  nicht,  dem  antrieb  und  an- 
drang nach  ausgleich  mit  der  umfangreichen  fem.  :?^-a-klasse 
halt  zu  bieten  (vgl.  mischklasse  der  fem.). 

Mit  den  unpersönlichen  begriffen  hatten  eine  reihe  von 
fischnamen  gleiches  Schicksal:  die  cons.  stamme  holclie,  hause, 
harpfe,  rocJie  nahmen  im  nhd.  ein  unorganisches  n  an,  sei  es 
dass  die  häufigkeit  des  pluralischen  gebrauchs  zum  anlass  der 
entwicklung  diente  (wie  Bojunga  s.  74  will),  sei  es  dass  diese 
fischbezeichnungen  (die  fische  im  sinne  eines  unbelebten  Ver- 
kaufsgegenstandes) sich  in  die  gruppe  der  wa-stämme  einfügten 
(wie  V.  Bahder,  IF.  4,  360,  anm.  1  meint). 

In  den  folgenden  Übersichten  ist  das  material  für  den 
verlauf  der  Verschiebung  niedergelegt.  ^)  Es  werden  dabei 
natürlich  auch  formen  schwacher  masc.  citiert,  die  in  späterer 
zeit  durch  association  in  andere  Massen  übergetreten  sind. 

Bairisch:  uom.  siug. :  aschen  Su.  42, 25,  galg  St.  sp.  5, 104,  poss  St. 
sp.  13,  309,  rfoi^Oest. weist. (1405)293,44,  sc7t/w^-e«A.839,ll.  24:  gen.  sing.: 
galgen  St.  sp.  271,  247,  magen  St.  sp.  117,  95. 

Alemannisch:  nom.siug.:  a«Ä;e«Pa.,Ma.,  regenbogenOe.,  braienMa,.*, 
braten  Pa.,  ftresfen  Str.  ehr.,  öresi  Ma.,  datimOe.,  Helb.  30,  fann,  flamme  G., 
flammen'Pn,.,  galgen'Ma.,  garten  Oe.  gmnen,  gebrestG.,  groschOe.,  hausen 
Uelh.,  husten  M&.,  JcarpfOe.,  Icolben'Pa.,  stre/tkolbHelh.,  A-oZt«  (und  Äro?)  Pa., 
kosten'M&.,  JcnchenHelh., pfriemOe., 2nmtenMnYneY,  räch,  r/emeG.,  schrccke^Y., 
schrofen  Helb.,  steck  G.,  schatt  G.,  W.,  schatten  Mo.  25. 196,  trehen  Pa.,^)  tropf 
G.,  W.,  regemoolk  G.,  etszaptfUelh.  27,  seinen Dasyp., Maal.,  Helb. ;  gen.  sing. : 
ankensMa,.,  bratensFa.,  gebrestensStr.chr.,  brestenMa,.*  hustensVa.,schattenG. 

Schwäbisch:  nom.  sing.:  Z^«?/.;  Augsb.  5, 191,  3,  Seb.  Fr.,  He.,  kinn- 
back'M.Beh.i  balz (=  kniff)  Z.  ehr.  211,10,  batzB-e.,  toss  Weckh.,  brate  \mA 
braten,  brock,  daum,  ditcat  He.,  fanen  Augsb.  5,  308, 1,  Z.  ehr.  524,  21,  flad  He., 
gaum,  dat.  acc.  gaumenHe.,  gaum,  gaums,  gaionSchi.,  galg'Weekh.,  galgenHe., 


*)  Bei  formen  ohne  besonderes  eitat  gilt  das  nächstfolgende  ausdrück- 
liche citat  mit. 

2)  Die  form  beruht  offenbar  auf  Übertragung  des  umlauts  von  dem 
plui'al.    Später  wurde  ja  aus  dem  plural  trehen  der  sing,  die  thräne  gebildet. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  295 

hak  Augsb.  5, 302,  8,  hnst  Weckh.2,  284,236,  lisf  Fr.,  goldklumpenR.Fisch.bl, 
knote  Schi.,  1373  loden  Augsb.  1;  31, 18,  puH~en  Angsb.  5,  407,  5,  mc/i. Weckb., 
rachenHe.,  rehen  m.Weckh.  2, 179,29,'^  1371  ro(/</e»  Augsb.  1,  24,  9,  roggen 
AiTgsb.  1,  237, 16.  312,10,  ?-o^(/en  Augsb.  3,  61,  5.  75,9.  5,37,21.  74,21,  rogg 
Augsb.  3,  4, 11,  scliait  Weckh.,  schatten  ebda.  2,  397,  209,  Schlitten  Augsb.  5, 
70,  3,  schrecken  Augsb.  5, 214,  5,  Z.  ehr.  4,  22,  E.  Fisch.  99,  steck  Fr.,  tropfe, 
tautropfe,  hlutstropfe  ^ch\.,  woZä;  Weckh.,  zapf  Fr.;  gen.  sing.:  damnens, 
fladens  He.,  galgen  Augsb.  3, 160,  23,  kostens  Z.  ehr.  14, 15.  420,  25,  roggens 
Augsb.  2, 162,  2,  ror/^ens  Augsb.  3,  77,26.  4,52,5.  65,23,  sc;m«enB.d.b.l6,25, 
Schreckens  Z.  ehr.  158, 13.  22. 

Süd-  und  ostfränkisch:  nom. sing. :  batzAj.,  (bolz  Aj.),  hrat*Fo., 
braten  i.B.,  Ay.,  brock  4:.  B..  ducat  Ay.,  ^flw«e»Eyb  E.  44,  6,  haken  Wi.  62, 
knolli.B.,  Ay.,  iTöjjfEos.,  lebkiichenYo.,  kuchenLB.,  possen Ay.,  ratten 
4.  B.,  reihen  Ay.,  riemei.B.,  schaifFo.,  schatt  nnä  schatten  i.B.,  schatt(e) 
Eyb  E.  81, 20.  86, 28,  schatteu  S.  205,  4,  Ay.,  scherb  4.  B.,  scherben  Ay.,  schotten 
(getränk)  Eos.,  schnupfen  Ay.,  schrecken  S.  238,  2,  Ay.,  schreck  Ay.,  steck  Eyb, 
stecken  Ay.,  tenne  i.B.,  tropf  Hos.,  i.B.;  geu.  sing.:  bratens  Ay.,  daumen 
Eos.,  fladens  Ay.,  hopfens  Nb.  4,  318,  28,  hustens  Fe,  gaiimens  Eyb  E.  43, 84, 
possens  Ay,  rattens  4.  B.,  schrecken,  tropfens  Ay. 

Westmitteldeutsch  bes.  rheinfränkisch:  nom.  sing.:  bcdk  AI., 
balkcn  Wa.  264,  2,  batzen,  bolchen  Gr.  Schö.,  (bolz  Gr.  Sehö.),  galg  AI.,  Wa. 
292,  38,  grosch,  hirsen,  hopfen  Gr.  Schö.,  karpf  und  karpfen  Gr.  Schö.,  klump 
Goe.  (1828)  B.  5  s.  16,  klumpen*  ebda.,  klumpen  Goe.  F.  II  (1833),  40,  38, 
maskenklnmp  ebda.  41,  56,  knoch  AI.,  knarr  Gr.  Schö.,  knot  AI.,  Gr.  Schö., 
kolb  AI.,  Unkosten  Mz.  1,  233, 13,  2iOsse  AI.,  rächen  Wa.  22, 22,  räch  Fb.  36, 
spinnroclcen  Brücker,  roggen,  salmen,  Schinken  Gr.  Schö.,  schoppe  Mz.  1,  46, 19, 
schrecken  Wa.  44,  48,  Dietenb.,  steck  und  stecken  AI.,  stecken  Gr.. Brücker,  tropf 
AI.,  zapf  AI.;  gen.  sing.:  rachensFh.3Q,2b,  schattens  I>ieten\). 

Ostmitteldeutsch:  nom.  sing.:  balkeL.,  braten  Ag.,  galgen,  garten 
ri.,  /to^J/'e  Pu.,  Cl.,  hust  Ag.,  husten,  kästen,  karren  C\.,  kuche  nnd  knchenli., 
läppe,  räche,  schnhrievieli.,  riem,  rocken  C}.,  schatte  xim\  schatt enL.,  schatte 
Ar.,  scheme  L.,  schrecken  Mat.,  Cl.,  stecke  Ag.,  L.,  stecken  Mat.,  Cl. :  geu.  sing. : 
balkenL.,  baJkens  Nie  Hermanl24,  schatten  Ar.,  schattensHoimw.,  traubensL. 

Niederdeiatsch:  nom.  sing.:  balk,  batz,  bissen^ciw.,  brate  J.v.B., 
brat,  damn,  dosten,  ducat,  fetze,  fladen,  galg,  gaum  Scho.,  (grabe  Seho.),  gropen 
Scho.,  hopfen  3. y.B.,  hopfeSdio.,  huste  J.v.B.,  /m.s/cM  Scho.  1134,  knoch, 
knarr,  knot,  krage  Scho.,  kuche  J.  v.  B.,  Scho.,  kqyp,  lad,  mage  Scho.,  poss(e) 
J.  V.  B.,  poss,  räche,  rame,  rase,  rieme,  spinnrocke,  rogge,  schatte  Scho.,  schem 
J.  V.  B.,  schinke,  schräge  Sehe,  stecke  und  stecken  Scho.  1139,  tro2)f,  blutstropf 
Scho.  1113.  1127,  zaijfe  J.y.B.;  gen.  sing.:  schranken  J.y.B.,  Steckens 
EoUenh. 

Die  geDieinF;praclie,  wie  sie  auf  md.  und  nd.  gebiet  aus- 
gebildet wurde,  bewahrte  am  längsten  die  historisch  echten 
formen. 


296  MOLZ 

Scliottel  zeigt  zu  einer  zeit,  wo  der  süden  fast  durchweg  die  ver- 
schiebxang  vorgenommen  hatte,  noch  beinahe  rein  mhd.  Verhältnisse.  Und 
noch  im  18.  jh.  schreibt  Herder  knote  (neben  knoten),  klumpe,  läppe,  schatte, 
tropfe  (neben  tropfen).  Die  echte  nom.-form  schade  ist  in  späterer  zeit  noch 
häufig.  Die  unorganische  form  schaden  ist  wol  nur  durch  den  /-pl.  schaden 
zur  herschaft  gekommen.  Aus  jüngster  zeit  wäre  zu  erwähnen  ns.  schade 
Nietzsche,  M.  A.  1, 146,  schatte  F.  Dahn,  Kampf  um  Kom. 

J.  Grimm,  der  im  DWb.  den  nom.  hrunnen  als  sprachwidrig 
"bezeiclmet,  bestrebte  sich,  den  alten  w- stammen  die  echte 
flexion  zurückzuerobern.  *Es  ist  nicht  zu  verwundern',  sagt 
Andresen,  'dass  von  ihm  auch  die  heute  allgemein  herschenden 
formen  hrunnen,  gaumen,  magen,  rächen,  riemen,  rücken,  schaden 
u.  a.  m.  gebraucht  werden.  Es  verdient  dagegen  um  so  grössere 
aufmerksamkeit,  dass  er  vorzüglich  in  späterer  zeit  und  nament- 
lich im  Wörterbuch  die  alte  echte  endung  vor  äugen  führt'. 

Z.  b.  balle,  balke  (gs.  balken),  böge  (gs.  bogen),  brate,  brunne  (gs.  brimnen), 
galge,  grabe,  garte,  hop)fe,  karre,  käste,  kiiche,  läppe,  mage  etc. 

Die  Scheidung  zwischen  belebtem  und  unbelebtem  war 
freilich  von  anfang  keine  genaue,  scharf  bestimmte;  das  lässt 
sich  aus  den  ziemlich  häufigen  gen.-formen  schwacher  masc. 
von  Personenbezeichnungen  auf  -ens  deutlich  erkennen. 

Den  grammatikern  Ostrofrank,  Oelinger,  Ritter  ist  eine  Verschieden- 
heit der  flexion  beider  gruppen  unbekannt.  'Der  gen.  nimmt  in  freier 
weise  ein  s  an'  sagt  Ritter  für  beide  klassen.  Schöpf  wahrt  die  cons. 
flexion  der  personenbezeichnungen  vollkommen,  während  die  masc.  auf  -en 
im  gen.  zuweilen  das  s  abwerfen:  graben  iür  grabens.  Gueintz  (1641)  s. 44 
gibt  dagegen  die  schwache  flexion  der  masc.  ganz  auf  und  bildet  nur  starke 
genetivformen:  balkens;  affens.  Girbert,  Schottel,  Pülmann  führen  im  gs. 
eine  scharfe  Scheidung  zwischen  der  flexion  der  na-  und  der  »i-stämme  durch. 

Bis  zur  mitte  des  17.  jh.'s  war  also  das  gefühl  für  die 
flexivische  trennung  der  na-  und  w-stämme  im  sprachbeAVUSst- 
sein  derer,  die  sich  zu  meistern  der  spräche  aufwarfen,  wenig 
lebendig.  Dass  die  dichter  und  schriftsteiler,  unter  denen  hier 
nur  meister  Sachs  genannt  werden  soll,  mit  wenig  ausnahmen, 
ohne  sich  grammatischen  betrachtimgen  hinzugeben,  eine  strenge 
Scheidung  im  gen.  der  n-  und  «a-stämme  durchgeführt  haben, 
wird  bei  den  schwachen  masc.  zu  zeigen  sein. 

Berührung  mit  der  «-declination. 
Es  begegnet  sporadisch,  dass  die  M-stämme  mit  den  «-stam- 
men fühlung  nehmen.     Den  ausgangspunkt  für  die  vocalische 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  297 

flexion  der  n- stamme  wird  meist  der  apokopierte  nom.  sing, 
gebildet  haben. 

das.  Icinnhaclc  4.  Bib. ;  as.  hcdh*  Nie.  Herman  124;  as.  hatz*  R.  Fischer  70; 
gs.  hrunncii  Luther,  ds.  brunn  Rosenbl.,  Folz,  Füet.  145.  216.  224,  Teuerd., 
Sterz,  sp.  143,  749,  Waldis  69,  2.  8. 14,  Alber,  as.  ömnn  Eosenbl.,  Folz,  Füet.  55, 
Aventiu  626, 1,  Luther,  Mathesius,  pl.  brünne  Aventin,  Gr.  Braun  (neben 
brünnen),  brunn,  brumies  etc.,  pl.  brunnen  Pölm.  (neben  us.  bruHuen),  as.  galy 
Brant,  N.  69, 19 ;  gs.  ivingartes'Miiinz  1,15,19,  Geiler,  äs.  fiart  Mich.  Beheim, 
as.  baimuiart  Füeterer  199.  209,  (vgl.  baumgurten  Füeterer  244.  256),  gp.  gärte 
Opitz  21;  as.  icassergrab  Mich.  Beheim ;  ap.  grosch  Sterz,  sp.  3,  47;  as.  rahm 
Abraham ;  gs.  rogges  Sterz,  sp.  273,  293;  gs.  schacles  Mainz  1,  38, 19  (vgl.  nutzes 
Mz.  1,235,24.  371,23),  Wyle  289,  8,  Dietenberger,  ds.  schad  (von  seJiade)  Mainz 
1,10,23,  Brant,  N.  45,  34,  R.Fischer  60,  as.  sc/mrZ  Füeterer  182,  R.Fischer 
til.  87,  schade  Chr.  Reuter,  schad  gen  schad  Augsb.  3,  26, 11,  schad  gegen 
schad  Zimm.  ehr.  47, 28;  as.  schreck  Folz,  pl.  perlentröpfe  Haller. 

Uebertritt  starker  masculina  in  die  wa-klasse. 

Bereits  im  mlid.  hatten  sich  zu  der  ursprünglich  voalischen 
flexion  von  hoU,  vels,  vlec,  nac,  pJiriem,  stapf,  rücke,  tveize  con- 
sonantische  flexionsformen  gebildet.  Rein  vocalisch  dagegen 
flectierten  noch  nutis,  leist,  reif. 

bolz,  bolze  stswm. 
Die  starke  flexion  des  wertes  ist  im  15.  und  16.  jh.  herschend ;  Rosen- 
blut,   Folz  (dp.  bähen),   Pauli,   Waldis  73, 10,  Mathesius  (pl.  bolze),  Ayrer 
declinieren  stark.    Henisch  ns.  bolz,  das.  bolzen,  Stieler  ns.  bolz,  as.  bolz, 
pl.  bolzen,  Steinbach  bolz,  pl.  bolze  und  ns.  bolzen. 

vels,  velse  stswm. 
Noch  heute  ist  die  flexion  schwankend.  Grimm  gebraucht  folgende 
geuetivformen:  felses,  felsen,  felsens.  Die  cons.  flexion  ist  in  frühnhd.  zeit 
fast  allein  im  gebrauch.  Vereinzelt  begegnen  starke  bildungen:  gs.  felses 
Rosenblut,  das.  fels  Folz,  Eyb,  as.  fels  Sachs  222,  33  (vgl.  ds.  felsen  Sachs 
274,  6.  15),  das.  fels  Mathesius,  as.  fels  S.  Dach  160,  ap.  ste/nfelse  Chr.  Weise  91. 
Bei  Luther  besteht  schwanken  zAvischeu  voc.  und  cons.  flexion.  —  Für  die 
schwache  declination  mögen  einige  belege  genügen:  das.  felse^i  Stretl.  ehr., 
Füeterer  280.  281,  B.  d.  beisp..  Geiler,  Pauli,  Manuel,  Augsb.  5, 137,  34,  Zimm. 
Chr.  14, 10.  19,  34,  Alber,  Waldis  120,  2  u.  ö.,  Weckherlin  das.  351, 188.  — 
Der  nom.  sing,  heisst  meist  fels;  so  bei  Geiler,  Manuel,  Pauli,  Luther, 
Waldis  238,  75,  Zimm.  ehr.  20,  Henisch,  Weckherlin  2, 84, 10.  85, 47.  Doch 
tritt  auch  bereits  in  frühnhd.  zeit  die  nom.-bildung  felsen  vereinzelt  auf): 
ns.  felsen  Zimm.  ehr.  355,  25.  34,  Weckherlin  2, 255, 169,  später  bei  dem  gram- 
matiker  Pölmann  und  bei  Stieler  und  Steinbach  neben  fels. 


^)    Andresen,   Sprachgel),  und  sprachr.'' 30  hält  den  nom.  sing,   felsen 
irrtümlicherweise  für  eine  erfindung  Adelungs. 


298  MOLZ 

vlec,  vlecke  stswm, 
=  nhcl.  fleck,  flecken.    Eine  wesentliche  bedentiiugsverschieden- 
lieit   ist   durch   die   doppelformen  im  nhd.  kaum  entstanden. 
flecken  wird  indes  wol  meist  im  sinne  von  'täche'  gebraucht; 
auch  heist  es  stets  marktflecken. 

Der  nora.  sing,  lautet  flecJc  bei  Eosenbli;t,  Folz,  4.  Bib.,  Zimm.  ehr. 
10,30,  Augsb.  5, 179, 23.  Der  nom.  flecJcen  (=  'bourg')  erscheint  Mainz 
1,  46, 19  und  Wilwolt  111;  der  gen.  flecl-ens  Strassb.  pol.-ordn.  von  1560.  Im 
übrigen  ist  die  flexion  denselben  Schwankungen  wie  heute  unterworfen. 

nac,  nacke  stswm. 

Die  starke  flexion  ist  im  frühnhd.  noch  vorhersehend:  ns.  nack(e)'Fo\z, 
Luther,  Dietenberger,  das.  nack  Kosenblut,  Folz,  Sterz,  sp.  8, 174,  Aventin 
605, 25,  Eugen,  Augsb.  5,  30, 11,  Rebhuhn  neben  nacJcen.  Die  nhd.  fonn  des 
nom.  {nacken)  erscheint  zuerst  bei  Dasypodius  und  Maaler.  Schottel  hat 
die  form  nack  im  nom.  gewahrt,  «-bikhingen  des  dat.  und  acc.  finden  sich 
bei  Füetererl41,  Luther,  Mathesius,  Dietenberger. 

phriem,  phrieme  stswm. 

Die  starke  flexion  herscht  in  der  älteren  spräche  vor.  J.  v.  Braunschw. 
flectiert  stark  und  schwach:  as.  pfrievi  und  pliriemen.  Der  nom.  lautet 
phriem  bei  Dasypodius,  Stieler.  Steinbach  hat  die  doppelformeu  plmcm 
und  phriemen. 

stapf,  stapfe  stswm. 

Aventin  641,  9  gebraucht  den  nom.  fussstapf.  Stieler  gibt  als  nom.- 
formen  an  sUtpf  und  stapfe,  fussstapf  und  fussstapfen. 

rücke  stswm. 

Die  voc.  flexion  dieses  jo -starams  erhält  sich  neben  der  cons.  bis  ins 
16.  jh. :  rucke  SAvm.  Jerosch.,  rucke  stm.  Matth.  v.  Beheim ;  das.  rück  Roseublut, 
ap.  ruck  Folz  (ds.  rücken),  das.  rück  Aventin  838,  21.  882,  22,  ds.  rücke  Pur- 
goldt,  das.  rücke  —  rücken  Sachs,  Ayrer,  gs.  rucks  ( :  flucks)  Rebhuhn,  as. 
rück  Rollenhagen.  —  Die  belege  für  die  schwache  flexion  sind  sehr  zahl- 
reich. Einige  mögen  erwähnung  finden :  ds.  rücken  Stretl.  ehr.,  as.  rugken 
Wyle  163, 16.  266, 26,  as.  rüken  Eyb  D  20,  as.  rucken  Augsb.  3,  41,  6,  das. 
rücken  13  m.  Pauli,  as.  rucken  Zimm.  ehr.  348,  22,  das.  rucken  Murner,  Manuel, 
as.  rucken  Waldis  6,  35.  65,  4,  as.  rücken  Rollenliagen,  das.  rücken  J.v.  Braun- 
schw. Meist  wird  die  gestalt  des  nom.  gewalirt:  us.  ruck{e),  rück(e)  Vi'yle 
27,  23.  217,  32,  Alber,  Maaler,  Volksb.  v.  dr.  F.  42,  35.  54,  29,  Schottel  1114. 
Zum  erstenmal  begegnet  die  nhd.  form  des  nom.  (rucken)  bei  Waldis  50, 11. 
73, 8  und  Maaler,  und  des  gen.  (rugkens)  bei  Wyle  268, 11. 

weize  stswm. 

Die  enge  berühruug  mit  rogye,  hopfe  Hess  früh  die  starke 
flexion  von  iveize  schwinden. 

In  nhd.  zeit  steht  der  gen.  sing,  iceizes  4.  Bib.  ganz  vereinzelt  da. 
Cons.  flexionsformen  finden  sich:  ds.  ice/ee»  Folz.  das.  M-e/«e/i  B.  d.  b.  4, 16.  19, 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  299 

(las.  iceizen  Luther,  Friscblin,  J.  v.  Braunschw.  Der  nom.  sing,  lautet  iveiz(e) 
bei  Rosenblut,  B.  d.  beisp.  53,  26,  Sterz,  sp.  197, 145,  Dasypodius,  Schottel,  Pöl- 
mann  (1671).  Der  nom.  sing,  mit  unechtem  n  erscheint  i.  Bib.,  Seb.  Münster, 
Maaler,  Frischlin.    Der  gen.  weizens  steht  neben  weizen  in  der  4.  Bib. 

nutz  stm. 
Es  ist  eine  bekannte  sprachliche  erscheinung,  dass  sich 
gegensätzliche  begriffe,  sog.  Synonyma  opposita,  sowol  im  genus 
als  in  der  flexion  einander  beeinflussen.  Bei  mif2  kann  es  nur 
schade  gewesen  sein,  das  den  übertritt  in  die  «a-klasse  ver- 
ursachte. Dass  umgekehrt  mds  zuweilen  für  schade  das  muster 
der  flexion  abgegeben  hat,  haben  wir  bereits  gesehen.  Dass 
nun  die  spätere  entwicklung  sich  nicht  in  dieser  richtung  be- 
wegte, hat  seinen  grund  darin,  dass  schade  durch  den  pl. 
schaden  in  enger  gruppengemeinschaft  rnit  den  «a- stammen 
gehalten  wurde  und  der  Verschiebung  von  mds  überdies  noch 
die  eng  verbundenen  frommen,  hosten  zu  hilfe  kam. 

Die  starke  flexion  von  nutz  herscht  bis  ins  17.  Jh.:  ns.  nutz  Wyle, 
Manuel,  Kic.  Herman  5,  Spangenberg  141,  J.  v.  Braunschw.,  Hofmanswaldau, 
HS.  nutze  Eyb,  Aventin;  gs.  md^es  Mainz  1,  235, 24.  37.  371,23,  1472  Urk.  d. 
st.  Arnst.,  Wyle,  B.  d.  beisp.  6,  6,  Eyb,  Purgoldt,  Manuel,  Aventin  790,  Alber, 
AValdisS,  34,  Spangenberg  26,  Arndt;  ds.  «i<?^  B.  d.  beisp.,  Eyb,  Purgoldt, 
Weissk.  218, 12,  Pauli,  Manuel,  Spangenberg  96,  Ayrer,  Arndt;  as.  m<f^B.  d. 
beisp.,  Eyb,  Purgoldt,  Pauli,  Manuel,  Aventin 790, 17,  Augsb.3,88, 17,  5, 24, 10. 
116,  6,  Luther,  Just.  Jonas,  Alber,  Waldis  52,52,  Sachs  234,17,  Ayrer,  Spangeu- 
berg  32.  37,  Arndt,  Opitz,  E.  Fischer  63,  Schupp,  S.  Dach*  105 ;  das.  nutze  imd 
notze  Mainz  1,  31, 17.  22.  52,  2.  60,  2.  151,  9.  Zuweilen  tritt  auch  ein  plural 
niUz(e)  hervor;  Urk.  v.  1381  bei  Weizs.  1,  Stretl.  ehr.,  Geiler.  Cons.  bildungen 
tauchen  in  frühnhd.  zeit  nur  vereinzelt  &vd:  gs.  nutzen  Mainz  1,  55,  4,  ds. 
nutzen  1343,  Urk.  d.  st.  Arnst.,  Aventin;  as.  nutzen  Alber,  Sleidanus,  Frischlin, 
Ayrer.  Der  grammatiker  Pölraann  (Berlin  1671)  gibt  drei  arten  der  flexion 
von  nutz  an:  nutz —  nutzes  etc.,  nutz  —  nutzen  etc.,  nutzen  —  nutzens  etc. 
Stieler  flectiert  von  dem  nom.  nutz  aus  stark  und  schwach.  Thomasini 
(Basel  1692)  fordert  noch  die  starke  declination.  Steinbach  hat  die  nhd. 
nom.-form  nutzen  als  kennwort  angesetzt.  In  späterer  zeit  sind  noch  bei 
Lessing,  Wieland,  Goethe,  Eückert  einzelne  voc.  bildungen  belegt. 

leist  stm. 
=  nhd.  leist  —  leisten.    Man  kann  vermuten,  dass  die  Wand- 
lung der  flexion  von  leist  durch  das  mhd.  fem.  liste  =^  nhd.  leiste 
bewirkt  wurde,  sei  es,  dass  das  gleiche  lautbild  0  von  der  leist 


')   Eine   lautgleichheit   natürlich    nur   im    sinne   der   bühnensprache. 
Denn  in  den  mundarten  sind  urdeutsches  ai  und  seine  späteren  Vertreter 


300  MOLZ 

und  die  leist{e)  eine  Übertragung  der  w-form  in  den  obliquen 
casus  herbeiführte,  sei  es  dass  der  pl.  die  leist(e),  um  im  sprach- 
bewusstsein  überhaupt  als  pluralisch  empfunden  zu  werden,  die 
«-form  leisten  annahm. 

as.  leist  Matliesius,  ns.  to"s<  Maaler,  iis.  ?e/s/en  Stieler,  Steiiiljach,  ns.  leist, 
as.  leist  Frisch. 

reif  stm. 
=  nhd.  reif  —  reifen.     Auch   hier   ist    wol   die    entwicklung- 
einer  nebenform   auf  die   durch  die  nhd.  diphthongierung  ent- 
standene lautgleichheit  •)   zweier  worte  zurückzuführen:   mhd. 
reif  stm.  —  rife  swm.,  nhd.  reif,  reifen  —  reif 

Der  nom.  sing,  reifen  erscheint  schon  bei  Eoseuhlut.  Später  wider  bei 
Steinbach.  Den  lexikographen  Maaler,  Stieler  ist  die  nebenform  reifen 
unbekannt. 

Nhd.  doppelformen. 
I)  Doppelformen  ohne  oder  mit  nicht  wesentlichem  unter- 
schied der  bedeutung  ergeben  sich: 

1)  durch  Wahrung  der  voc.  flexion  und  entwicklung  einer 
Ma-nom.-form  aus  der  «-nebenform:  höh  —  hohen,  fels  —  felsen, 
fleck  —  flecken,  streif  —  streifen ; 

2)  durch  Währung  der  voc.  flexion  und  neuschöpfung  einer 
na-torm  des  nom.:  leist —  leisten,  reif — reifen] 

3)  durch  neuschöpfung  zweier  nom. -formen  aus  ein-  und 
demselben  J^-paradigma:  hronn  —  hrunnen,  schreck  —  schrecken. 

II)  Doppelformen  mit  wesentlichem  unterschied  der  bedeu- 
tung ergeben  sich: 

1)  aus  der  nach  dem  begrifflichen  Inhalt  erfolgten  Schei- 
dung der  7?-stämme  in  eine  na-  und  eine  w-klasse:  hatten  (pl. 
haizen  und  petzen  Manuel)  —  x^etz,  drachen  —  drache,  franken 
—  franke,  läppen  —  laffe,  rappen  —  rappe,  rahe,  tropfen  —  tropf \ 
maien  (=  'blumenbüschel,  maibaum')  —  tnai;"^) 

2)  durch  scharfe  begrenzung  der  gebrauchssphäre  zweier 
Worte  von  demselben  stamm:  hall  —  hallen.  Die  bedeutungs- 
inhalte  von  mhd.  hall  stm.  und  halle  swm.   greifen   im   mhd. 


wol  nirgends  mit  dem  aus  i  hervorgegangenen  laute  zusammengefallen 
(vgl.  Pauls  Grundr.  V,  703,  §  57). 

1)  S.  s.  299,  anm.  1. 

*)  hahnrei  gehört  nicht  hierher.  Zur  etymologie  des  wortes  vgl.  Germ. 
29,  50  f. 


NHD,   SUBSTANTIVFLEXION.  301 

vielfach  ineinander  über,  und  noch  bis  spät  in  die  nhd.  zeit 
ist  die  begriffliche  trennung  nicht  durchgeführt: 

ns.  hall,  as.  hall  i;ncl  hallen  (ivenn  man  den  hallen  auf  den  boden  oder 
an  die  tvand  ivirfi)  Heniscli  177,  ns.  hall,  pl.  hallen,  as.  den  hall  sive  hallen 
schlaffen  Stieler 87;  ds.  hallen  ('ball')  Haller.  Bei  Steiubach  1,60  {hall — 
halle;  hallen  —  ballen)  geht  die  begriffliche  trennung  mit  der  formalen  hand 
in  hand. 

Aus  rahd.  snebaUc  swm.  gieng  nhd.  schneehall,  pl.  schnee- 
hallen  mit  gemischter  fiexion  hervor.  Die  form  des  sing,  bildete 
sich  unter  dem  einfluss  von  hall,  nachdem  hall  mit  starker 
flexion  auf  die  anwendung  im  sinne  von  'kugelrunder  körper' 
beschränkt  war.  Die  häufigkeit  der  anwendung  schützte  den 
cons.  plural  vor  dem  ausgleich.  So  ergeben  sich  die  doppel- 
formen ns.  ballen  —  {schnee)hall.  Doch  auch  die  wa-nom.-form 
des  sing,  ist  unserer  modernen  spräche  sehr  wol  angemessen: 
ns.  schneehallen  Nietzsche,  M.A.  1,  s.  412, 

Isolierte  formen. 
Der  Vollständigkeit  halber  gebe  ich  noch  eine  Übersicht 
der  Isolierungen,  die  sich  im  nhd.  bei  den  unpersönlichen 
w-stämmen  ausgebildet  haben  (vgl.  B.  Bechstein,  Die  altertüm- 
lichkeiten in  unserer  heutigen  Schriftsprache,  Rostock  1878. 
J.  N.  Zimmermann,  Isolierte  formen  im  neuhochdeutschen, 
München  1880). 

I)  Die  alte  form  erhielt  sich  in  stehenden  Wendungen:  su 
nutz  und  frommen,  sich  etwas  zu  nutze  machen,  es  ist  schade; 
schade  dass  etc.;  zurück,  hinterrücJcs. 

II)  Die  alte  form  wurde  gewahrt  in  der  composition:  eigen- 
nutz,  schahernack  (aber  as,  schahernacken  Schottel),  rückgrat, 
Hundsrück,  dreizack]  Heilhronn,  Stuttgart  (as.  Stuttgarten  Augsb. 
3,103,3),  hungert  (aus  haumgart),  ivingert  (aus  wingarte),  wUdhret. 

Die  flexion  der  letzteren  schloss  sich  von  dem  a-nom.  aus 
den  a-stämmen  an,  was  um  so  leichter  geschehen  konnte,  als 
die  entstehung  der  composition  durch  die  Schwächung  des  a  zu  e 
für  das  Sprachgefühl  verdunkelt  wurde. 

Wenn  wir  auf  die  ganze  entwicklung  zurückschauen  und 
nach  dem  Zeitpunkt  fragen,  zu  welchem  die  ausbildung  der 
ulid.  ^za-klasse   zum  abschluss  gekommen   ist,   so  müssen  wir 


302  MOLZ 

antworten,  dass  auf  dem  ganzen  Sprachgebiet  eine  einigung- 
erst  mit  beginn  des  18.  jh.'s  zu  stände  kam.  Natürlich  sind 
auch  noch  später  nachzügler  älteren  Sprachstandes  anzutreffen. 
Die  heutigen  Verhältnisse  bieten  das  ergebnis  eines  processes. 
mit  dem  das  sprachliche  leben  Alldeutschlands  etwa  fünf  Jahr- 
hunderte beschäftigt  war. 

TU.  Mischklassen. 

Die  ausbildung  einer  mischdeclination  geschah  erst  in 
nhd.  zeit.  Wol  kam  es  in  der  mhd.  spräche  vor,  dass  ein 
wort  bald  schwach,  bald  stark  flectierte,  aber  niemals  musste 
ein  und  dasselbe  paradigma  zum  teil  stark,  zum  teil  schwach 
flectiert  werden.  Im  nhd.  müssen  wir  zwei  verschiedene  misch- 
klassen der  masc.  unterscheiden.  Der  typus  der  ersten  misch- 
klasse  sei  wüle,  die  typen  der  zweiten  mögen  dorn,  schmerz  sein. 

1)  Erste  mischklasse. 

Typus  wille,  gs.  willens  =  mhd.  iville,  gs.  willen.  Das  cha- 
rakteristicum  dieser  flexionsart  ruht  in  der  form  des  gen.  sing. 

Wie  iville  flectieren  huchstahe,  friede,  fimJce,  gedanJce,  gefalle, 
glaube,  häufe,  name,  same,  hrosame. 

Die  organische  nom.-form  dieser  masc.  hat  sich  bis  heute 
behauptet,  wenn  auch  in  der  ganzen  nhd.  epoche  die  vom 
bessern  gebrauch  heute  verpönten  unorganischen  wa- formen 
oft  genug  hervortreten. 

Zum  genetiv  singularis. 

Das  endergebnis  der  entwicklung  zeigt,  dass  die  genetivische 
endung  -ens  sich  unabhängig  von  der  gestalt  des  nom.  aus- 
gebildet hat.  Bei  huchstahe,  funhe,  häufe,  same  war  die  engere 
begriffliche  beziehung  zu  den  na -stammen  für  das  eintreten 
der  starken  form  des  gen.  bestimmend  und  nur  die  häufigere 
anwendung  des  nom.  schützte  bis  jetzt  vor  dem  vollen  über- 
tritt zur  wa-klasse. 

Bei  friede,  gefalle,  glauhe,  name,  iville  dagegen  waren 
andere  factoren  im  spiele,  die  frühzeitig  einen  übertritt  des 
gen.  zur  voc.  form  bewirkten.  Rein  historisch  betrachtet  tritt 
gerade  bei  den  genannten  abstracten  zuerst  eine  mischung  der 
flexion  ein:  befremdlich  auf  den  ersten  blick,  denn  weder  die 


NHD,   SUBSTANTIVFLEXION.  303 

gestalt  des  iiom.,  der  meist  in  der  echten  form  erhalten  blieb, 
noch  eine  besonders  günstige,  begriffliche  beziehimg  mit  der 
voc,  flexion  lassen  sich  für  die  änderung  des  gen.  ins  feld 
führen.  Die  gründe  für  die  annähme  der  voc.  gen.-form  sind 
auf  syntaktischem  gebiet  zu  suchen. 

Mit  dem  anheben  einer  grösseren  schriftstellerischen  pro- 
duction  auf  dem  gebiete  der  prosa  werden  die  abstracta  friede, 
glaube,  gefalle,  name,  wille  in  die  mannigfachsten  genetivischen 
fügungen  gebracht.  Wenn  ich  von  dem  gen.,  der  vom  Sub- 
stantiv abhängig  ist,  absehe,  heischten  einige  genetivische 
Verbindungen  geradezu  ein  deutliches  kennzeichen  der  gen. 
function;  bei  andern  besonders  den  in  Verbindung  mit  verben 
stehenden  genetiven  wurde  die  starke  form  begünstigt  durch 
das  häufige  zusammentreten  des  gen.  mit  den  flectierten  formen 
der  Pronomina  und  pronominaladjectiva. 

Ich  gebe  zunächst  eine  Übersicht  der  gen.  fügungen,  in 
denen  mir  die  genannten  stamme  erschienen  sind;  ich  schliesse 
auch  die  gen.  Verbindungen  von  schade  hier  an,  die  mit  denen 
der  andern  abstracta  grosse  ähnlichkeit  aufweisen,  für  die  ent- 
wicklung  der  flexion  des  wortes  wegen  des  in  früher  zeit  ein- 
getretenen i-pl.  aber  nur  von  untergeordneter  bedeutung  sind. 

1)  Partitive  genetive,  abhängig  von  den  adverbien  viel, 
wenig,  ivas: 

friede:  vil  fridens  Geiler,  iv(xs  frideiis  Geiler,  vil  Unfriedens  Zimm. 
ehr.  14,  2;  —  gefalle:  wenig  gre/rtWens  Wilwolt  143,  trugen  nit  vil  gefallens 
Zimm.  ehr.  320,  20 ;  —  glaube:  was  glaubens  WilwoltQO,  des  afterglaiibens 
?,v7  AventinSOS,  26,  vgl.  auch  vil  fastens  imd  betens  ebia.SOd,  29;  —  wille: 
vil  geivalt  und  mutioillens,  des  raubens  und  rcnnens  Aventin  834,19;  — 
schade:  so  vil  Schadens  Augsb.  2,  29,  5.  39,29,  doch  ietoi  si  Schadens  nit 
vil  Mich.  Beheim  878, 12,  ivas  Schadens  Wilwolt  26, 3.  44. 

2)  Gen.  bei  adjectiven: 

glaube:  glaubens,  ere  und  getrauens  ivert  Wilwolt  146;  —  schade: 
das  jeder  heil  wurd  seines  Schadens  Füeterer  158. 

3)  Gen.,  abhängig  von  (secundären)  präpositionen: 

friede:  um  fridens  ro /Wen  Zimm.  ehr.  33, 12,  Waldis270, 15;  —glaube: 
von  Unglaubens  ivegen  Augsb.  2,  87,  14,  des  glaubens  halb  ebda.  4,  389,  4, 
ti'inb  des  glaubens  tvillen  Aventin  887,  29,  umbs  glaubens  tvegen  ebda.  900,  22. 
902,4,  aber  auch  von  des  glauben  wegen  ehda.Hii^,2S;  —  fiame:  vomvegen 
des  gleichlatiteuden  natnens  7Amm.  ehr.  139,  IS:  —  wille:  des  nnwillcns  Jialb 
Wilwolt  143;  —  schade:  des  Schadens  halber  Zimm.  ehr.  116,  9. 


304  MOLZ 

4)  Adverbiale  ausdrücke,  absolute  oder  freie  genetive: 

(je falle:  seines,  irs  gefallens  Wilwolt  28.  52.  70,  ires  gefallens  Zimin. 
ehr.  364,22,  Augsb.  5,  367, 17,  meines  gefallens  Wuläis  U8,  26;  —  unlle: 
aignes  icillens  Wyle  43, 15.  161,  7,  ires  ivillens  Wilwolt  134,  des  willens  Zimm. 
ehr.  47,  7. 

5)  Gen.  bei  negatiouen: 

name:  meines  namens  mügt  ir  nicht  wissen  rüeterer51;  —  wille: 
wie  bald  hat  er  sein  brief  und  sigel  nit  ivillens  gehabt  zu  halten  Wilwolt  46 ; 

—  schade:  nicht  Schadens  B.  d.  heisp.  38, 13. 

6)  Gen.  in  Verbindung*  mit  verben: 

friede:  friedens  begcren  Mich.  Beheim  {sonst  gs.  frieden),  friedens  und 
rechtens  ven^arHien  Augsb.  4,  372, 18;  —  glaube:  ward  des  alten  glaubens 
geschtvigen  Zimm.  ehr.  346, 18,  die  seines  glaubens  sind  Alber;  —  name: 
fragt  seines  namens  Füeterer27,  ich  fragt  in  seines  namens  Füeterer61  n.ö. 
(aber  auch  fragt  in  ires  namen  Füeterer  133.  185),  si  dankt  wtd  bat  seines 
namens 'Fneterev20i,  dass  seines  namens  auch  ivurd  gedacht  Sachs  198,  23; 

—  wille:  nymbt  mocht  si  des  willens  erwenden  Füeterer  161,  der  zeihet  si 
seines  willens  Füeterer  23,  und  tvolt  si  twingen  seines  willens  Füeterer  120, 
als  si  ires  ivillens  nicht  stat  fand  Füeterer  212,  und  do  der  küng  nit  des 
willens  ist  B.  d.  beisp.  58,  38,  sins  willens  sein  ebda.  146,  31  (aber  auch  ich 
soll  dir  dines  tvillen  ividerfaren  ebda.  135,  2),  ivillens  sein  Eyb  E.  14,  24  (auch 
seines  willen  sein  Eyb  E.  14,  28),  si  waren  wdlens  Wilwolt  80,  alles  mut- 
willens  geivont  Aveutiu  890,  22,  sollichs  freuntlichs  willens  und  erbietens  sagt 
inen  herr  Albrecht  grossen  dank  Zimm.  ehr.  115, 14,  das  er  nit  willens  sieh 
zu  verheiraten  ebda.  29, 14,  der  sei  willens  Augsb.  5, 15,  35,  seines  ivillens 
walten  Waldis  292,  39;  —  schade:  ich  achtet  dieses  Schadens  klein  Füeterer  94, 
der  mag  sich  wol  Schadens  erweren  B.  d.  beisp.  132,  23,  und  ich  kam  meines 
Schadens  wider  ein  Zimm.  ehr.  151, 12,  si  ires  erlittenen  Schadens  sich  nicht 
erholen  möchten  ebda.  73,  34,  meines  Schadens  will  ich  mich  jetzt  erholen 
Waldis  17,  25. 

Bei  der  starken  form  der  partitiven  genetive  war  die 
analogie  der  melirzalil  der  masc.  und  aller  neutra  wirksam. 
Dasselbe  gilt  von  den  gen.  fügungen  bei  präpositionen  und 
negationen.  Bei  den  adverbialen  ausdrücken  und  besonders 
den  gen.  in  Verbindung  mit  verben  war  nach  meiner  auffassung 
die  genetivisclie  form  der  pronomina  oder  pronominaladjectiva 
die  attractorisclie  kraft,  die  die  folgende  «-form  zur  a-form 
hinüberzog. 

Aus  Kehreins  und  meinen  eigenen  Sammlungen  entnehme  ich  noch: 
imsers  glaubens  1412  bei  Janssen  1,  245,  unsers  geloubens  Wyle  348, 1.  6, 
ires  glaubens  Zimm.  ehr.  46,  29,  dises  dines  namens  Wyle  348,  12,  dises  namen 
Füeterer  21,  ires  willens  Augsb.  2,  298, 18,  seines  willens  ebda.  4, 112, 15,  dieses 
Widerwillens  ebda.  44, 1,  sines  willens  Wyle,  seines  willens  Geiler,  dins  willens 
B.  d.  beisp.  49,  24,  ires  ivillens  Agrieola. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  305 

Die  Verbindung-  von  tvilJe  mit  sein  in  der  bedeutung  'die 
absieht  haben'  begegnet  überhaupt  nur  in  der  form  iviUens  sein. 
Es  ist  das  ein  wichtiges  argument  für  die  richtigkeit  der  an- 
nähme, dass  der  gen.  in  solchen  und  ähnlichen  fügungen,  um 
die  gewollte  Vorstellung  im  bewusstsein  der  leser  und  hörer 
hervorzurufen,  eines  genauen  gen.  kennzeichens  bedurfte;  vgl. 
auch  fnedens  legeren  Mich.  Beheim.  Schliesslich  verdienen 
noch  zur  erklärung  herangezogen  zu  werden  gen.  Verbin- 
dungen wie 

lohten  (jott  seines  guten  fürnemens  Füeterer  360,  seines  fürnemens  Wil- 
wolt  28,  seines  Vermögens  ebda.,  ein  lermeister  eines  unsträflichen  ivillens 
Zimm.  ehr.  107,  4,  seines  herkommens  ein  graf  ebda.  107, 16.  116,  35, 

die  durch  lautlich-functionelle  beziehung  mit  den  gen.  fügungen 
der  abstracten  w-stämme  auf  die  form  dieser  einfluss  übten. 

Zum  nom.  sing. 

Es  ist  zweifelhaft,  ob  auch  bei  diesen  n- stammen  das 
sprachliche  hauptgewicht  auf  den  obliquen  casus  ruht.  Aus 
der  tatsache,  dass  die  Währung  der  echten  nom.-form  in  der 
ganzen  nhd.  zeit  fast  regel  ist,  ergibt  sich,  dass  die  form  des 
nom.  doch  stark  genug  im  gedächtnis  eingeprägt  war,  um  dem 
andrang  nach  ausgleich  mit  den  obliquen  casus  zu  widerstehen. 
funlie,  häufe,  same  haben  sich  auch  in  ihrer  unorganischen 
gestalt  funken,  häufen,  samen  in  die  nhd.  bildungssprache 
eingang  verschafft,  während  die  unorganischen  frieden,  glauben, 
namen,  willen  nicht  leicht  bei  modernen  dichtem  und  Schrift- 
stellern angetroffen  werden.  Ich  glaube,  dass  die  fem.  abstracta 
wie  liehe,  gute,  gnade,  treue,  ehre,  würde,  schände  (zu  häufe 
wäre  menge  in  beziehung  zu  setzen)  mit  zu  der  Währung  der 
echten  nom.-gestalt  von  friede,  glaube,  nanie,  iville  beigetragen 
haben.  Wenn  wir  ihre  begriffliche  verwantschaft  zurücktreten 
lassen,  brachten  doch  die  von  den  Substantiven  beider  kate- 
gorien  abgeleiteten  adjectiva  eine  nicht  unwichtige  berührung 
zu  stände:  glaube  :  gläubig  =  gnade  :  gnädig,  friede  :  friedlich 
=  liebe  :  lieblich,  umville  :  umvillig  =  ivürde  :  ivürdig  {schade  : 
schädlich  =  schände  :  schändlich)  etc. 

Es  wurde  bereits  erwähnt,  dass  der  nom.  von  schade  im 
B.  d.  beisp.  und  in  der  5.  Ausgsb.  ehr.  je  nach  seiner  Umgebung 
im  Satzgefüge  schad  oder  schaden  lautet.  Auch  von  friede, 
glaube,  name,  iville   findet  sich   in  älteren  denkmälern  die  un- 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVII.  20 


306  MOLZ 

organisclie  nom.-bilduiig  oft  in  Stellungen,  wo  die  fimction  des 
nom.  nicht  markant  hervortritt.  In  diesem  falle  muss  die  w-f orm 
dem  Übergewicht  des  obliqiius  anzurechnen  sein.  Bei  genauer 
bezeichnung  der  nominativischen  function  durch  den  bestimmten 
artikel  oder  ein  zugesetztes  adjectiv  lässt  die  berührung  mit 
den  fem.  abstracten  eine  unorganische  bildung  nicht  aufkommen. 
Mit  andern  worten:  wenn  der  nom.  ausser  durch  den  Satz- 
zusammenhang noch  besonders  durch  den  bestimmten  artikel 
oder  die  flectierte  form  des  adjectivs  kenntlich  gemacht  wird, 
klingt  die  gruppe  der  fem.  abstracta  leichter  im  bewusstsein 
an.    Dies  die  hypothese:  nun  zu  den  tatsachen. 

Beispiele.  1)  (ßonj  sei  gott  und  friden  den  menschen  Geiler,  darum h 
ist  zu-eien  tvidencertigen  nicht  guts  oder  friden  gegen  einander  B.  d.  beisp. 
85,  38,  und  als  nit  alzeit  friden  sein  mag  Wilwolt  3,  da  ward  friden  Luther, 
als  si  nun  lange  geratscMagt  wie  doch  ein  friden  zivischen  beiden  parteien 
zu  treffen  Mainz  2,  71,  20,  nach  solcher  hehaUne  victoria  loard  ain  friden 
zwischen  beiden  Parteien  furgenommen  Zimm.  ehr.  43,  9. 

2)  dem  wird  aller  trau  tmd  glauben  entzogen  Seb.  Frank,  religion  glauben 
und  redlichheit  Moscherosch  10. 

3)  und  des  namen  süsz  (ist)  Wyle  M-i,  30,  des  namen  tvas  Giuiscardus 
Eyb,  E.  53,  20,  des  namen  geivest  ist  Poleno  ebda.  76,  28,  des  art  iind  namen 
stet  innen  geschriben  Füeterer  30,  dem  dosier  ain  schönen  vergulten  kelch 
gegeben,  darauf  des  fundatoren  namen  und  waxtpen,  zum  schönesten,  als 
damals  der  sitt  geivesen,  geschmelzt  Zimm.  ehr.  136,  29,  indem  der  erste  name 
auch  als  eigennamen  behayidelt  ivird  Götzinger,  D.  spr.  1,  561.^) 

4)  dass  der  kais.  maj.  willen  und  meinung  seie  Augsb.  5,  392, 14,  das 
ist  gottes  willen  und  wort  Sachs  20, 530, 27  (aber  so  geschech  gleich  der  %cille 
sein  Sachs  16,  76,  26). 

Diesen  beispielen  verdienen  folgende  gegenübergestellt  zu 
werden: 

1)  und  wart  ein  jar  lang  jeriger  friden  geschlossen  Wilwolt  78  luid 
so  ist  sonst  allenthalben  im  lernt  fride  ebda.  190,  es  tvar  zu  denen  Zeiten  aller 
unfriden  unter  den  grafen  von  Zollern  Zimm.  ehr.  257, 13. 

2)  dass  unser  glauben  gerecht  wer  Angsb.  5,  98,  9,  es  ist  mehr  ein  thö- 
richter  abergluuben  Loheustein  72. 

3)  der  namen  aber  solichs  geschlechts  Zimm.  ehr.  68,  3,  ich  Vemis,  ein 
göttin  der  lieb  Die  schönst,  der  nennen  mir  stets  blieb  Sachs  16,  7, 14,  Hystrix, 
so  ist  der  namen  sein  ebda.  503,  8,  auf  einer  seite  . . .  auf  der  andern  ehre 
rühm  und  redlicher  namen  Weise  225. 


1)  Ich  entnehme  das  citat  aus  Andresen  a.  a.  o.  s.  29,  der  in  dem  neben- 
einander beider  formen  eine  unbegreifliche  inconsequenz  erblickt. 


NHD.   SÜBSTANTIVFLEXION.  307 

Es  liat  demnach  die  oben  gemaclite  annähme  in  gewissem 
grade  ihre  berechtigimg.  Es  sprechen  in  älterer  zeit  mehr 
Beispiele  dafür  als  dagegen. 

Historische  entwicklung  der  flexion  der 
einzelnen  stamme. 

biiochstap,  buochstabe  stswm. 
Die  cons.  flexion  ist  in  nhd.  zeit  fast  allein  üblich: 

ns.  btichstabe  Matth.Y.Belieim,  M.5,18,  das.  Imchstahen Angab. 1,  Rchr. 38, 
Pauli,  Manuel,  Alber.  —  Luther  ns.  der  huchstabeu  tötet,  Zinim.  ehr.  12, 2t 
ns.  huchstah,  Helber  gs.  huchstab(e)s,  das.  btichsiaben,  Brücker,  Klopstock, 
Gramm.  Gespr.  ns.  buchstabe,  gs.  buchstabens,  das.  buchstaben.  Der  plural 
lautet  stets  buchstaben. 

hüfe,  houfe  swm. 

In  frühnhd.  zeit  erscheint  der  pl.  zuweilen  in  der  «-form:  häufen  Wk. 
211,28.  218,39.  219,1.  269,14.  361,29,  und  demgemäss  lautet  der  nom.  sing. 
häufen  Wk.  199,  30.  203,  5.  207, 12.  219,  4,  ganz  vereinzelt  haufWk.  245,  30. 
Vielleicht  ist  die  nom.-form  häufen  bei  dem  österr.  dichter  Suchenwirt  auch 
auf  die  umgelautete  pluralform  zurückzuführen  (ns.  häufen  14, 112.  18, 200. 
37,  45).  Später  begegnet  der  pl.  häufen  Zimni.  ehr.  196,  32  (neben  häufen 
ebda.  5,  33.  196,  25),  und  pl.  Steinhaufen  noch  bei  Dornblüth. 

Die  organische  form  des  nom.  sing,  hat  sich  meist  erhalten:  ns.  hauf(e) 
Rosenblut,  huffe  Wyle  51,  37,  Füeterer  159,  Geiler,  misthufBv&nt,  hufi.  Bib., 
hauf(e)  Wilwolt  131. 185,  Teuerd.,  /t»/' Manuel,  Aventin  627,  21.  652,  6,  Zimm. 
ehr.  5, 17.  321,  20,  Luther,  Just.  Jonas,  Waldis  67, 18,  Nie.  Herman  53,  Sachs 
61,1,  Nie.  Frischlin,  Ayrer,  J.  v.  Braunschw.,  Weckherlin  2,  290,  483,  Zesen; 
ns.  häufen  Suchenwirt,  4.  Bib.,  Wilwolt  114,  Aventin  877,  33.  878,  8,  Waldis* 
37,  5,  Mainz  2,  60,  34,  Ayrer,  J.  v.  Braunschw.,  Schupp,  Chr.  Reuter,  Hempel, 
Popowitsch. 

Der  gen.  ist  nur  selten  gebraucht:  gs.  häufen  Rosenblut,  gs.  haufens 
Ayrer.  Die  starke  form  hat  sich  in  der  Verbindung  zu  häuf  (vgl.  Mainz 
1,37,16)  festgesetzt.    Vereinzelt  ist  die  starke  acc.-forni /tat*/"  Füeterer  356. 

vunke  swm. 
na.  funk(e)  Füeterer  27,  4.  Bib.,  Henisch,  Ritter,  Hempel;  /wnAen  Popo- 
witsch. 

säme,  säm  swm. 

ns.  som(e)  Matth.  V.  ßeheim ,  Rosenblut,  Folz,  4.  Bib.,  Eyb,  Luther, 
Alter,  Nie. Herman 53,  Arndt,  Herder;  sameu  Luther,  Alber,  Mathesius, 
Schöpf,  Gilbert,  Schupp,  Abraham. 

Gen.  sing,  samens  Wyle,  Agricola,  Alber,  Arndt,  Schöpf.  Die  «-form 
des  gen.  samen  kommt  noch  bei  Eyb,  E.  80, 12,  Mathesius  (neben  samens), 
J.v.  Braunschw.  vor.  Vereinzelt  sind  starke  formen  as.  sam  Suchenwirt  25, 236, 
Aventin  816, 15. 

20* 


308  MOLZ 

brosam. 
Im  nhd.  wurde  das  nihd.  brosem,  hrosme  stsw^.  in  beziehung 
zu  hrot  und  scwie  gebracht.    In  einer  sehr  von  dem  gewöhn- 
lichen   gebrauch    abweichenden    weise    verwendet    Klopstock 
hrosam  als  stm.  und  bildet  den  pl,  hrosame. 

gedanc  stm., 
pl.  gedanke  und  gedenke.    Das  zahlreiche  material,  das  mir 
hier  zur  Verfügung  steht,  setzt  mich  in  stand,  genau  den  gang 
der  entwdcklung  in  den  einzelnen  dialekten  zu  verfolgen. 

1)  Alemannisch:  Stretl.  ehr.  us.  gedank,  ap.  gedenk(e);  Geiler  gs.  ge- 
danks,  as.  gedank,  &t^.  gedanken  und  gedüiikcn;  Pauli  ns.  gedanken,  ngclp.  ge- 
denken 5  m. ;  Manuel  ap.  gedank* 

2)  Schwäbisch:  Hätzlerin  up.  ^/cfZf^/Ä-f ;  Füeterer  as.  (/ef7o«Z:23,  dp.  ^e- 
denken  33.  47;  B.  d.heisp.  ds.  gedank  125,22,  gap.  gedenk,  66,6.  130,10, 
dp.  gedenken  125, 18  u.  ö. ;  Erischlin  as.  gedank* ;  Schiller  ns.  gedanken. 

3)  Süd-  und  ost fränkisch:  Rosenblut  nap.  gedanken;  Folz  as.  ge- 
dank, h]).  gedenk,  g^.  gedenken,  &\).  gedanken,  gedenken,  ?i^.  gedanken;  4.  Bib. 
ns.  gedank,  ap.  gedanken;  Eyb  ns.  gedank  D.  119,  46,  gedanken  E.  33, 17, 
w^.  gedanken  E.  61, 13,  a.^.  gedanken  lä.  4:7,11,  ap.  gedünken 'E.  12,2b;  Sachs 
ap.  gedanken  40,28;  Ayrer  ns.  gedank,  'pl.  gedanken;  Stieler  ns.  gedanke. 

4)  Ostmitteldeutsch:  Matth.  v.  Beheim  np.  gedanken  M.  15, 19,  ap. 
gedanken  M.  9,  4.  12,  25;  Luther  ns.  gedanken;  Mathesius  ns.  gedanken;  Klop- 
stock ns.  gedanke;  Herder  ns.  gedanke;  Hempel  us.  gedanke  (Popow,  bair. 
gedanken) ;  H.  v.  Kleist  ns.  gedanke  und  gedanken. 

Der  übertritt  in  die  gemischte  flexion  ist  nur  vom  pl.  aus 
denkbar  (vgl.  dazu  ds.  gedank  Brant,  N.  107,  21).  Die  *?-plural- 
form  selbst  kann  nur  durch  formübertragung  der  fem.  w-stämme 
entstanden  sein.  Der  nom.  sing,  nahm  dann  nach  dem  vorbikl 
der  masc.  »«-stamme  die  endung  e  an,  die  zuweilen  durch  Über- 
tragung aus  der  häufig  gebrauchten  w- pluralform  durch  -en 
ersetzt  wurde. 

Wie  aus  den  citaten  ersichtlich,  w^ar  im  md.  das  nhd. 
paradigma  am  frühesten  ausgebildet.  Während  der  münch  von 
Halle  bereits  hu  14.  jh.  nur  noch  den  pl.  gedanken  kennt,  schreibt 
der  kilchherre  von  Sarnen  (Stretl.  ehr.)  um  die  mitte  des  15.  jh.'s 
nur  gedenke. 

Die  pluralform  gedenken  ist  auch  auf  einwirkung  des  fem. 
zurückzuführen.  Die  häufige  anwendung  des  plurals  gedenke, 
aus  dem  bei  Brant  die  dativbildung  gedank  entsprang,  brachte 
eine  so  enge  fühlung  mit  den  fem.  fi-a-stämmen  zu  stände,  dass 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  309 

der  pl.  zur  w-flexion  übertrat,  aus  der  Pauli  nach  dem  muster 
ivagen  :  wägen  den  nom.  sing.  gedanJcen  neu  bildete.  Aus  älterer 
zeit  ist  mir  nur  bei  Mathesius  der  gen.  sing,  gedanl-en  begegnet, 
der  auch  von  Herder  noch  ausschliesslich  gebraucht  wird. 

gefal  stmn. 
Das  m.  n.  gefal  und  der  subst.  inf.  gefallen  deckten  sich 
im  nhd.  begrifflich  vollkommen.    Es  erfolgte  so  frühzeitig  eine 
gleichmachung  der  form  zu  gunsten  des  inf.,  während  die  doppel- 
geschlechtigkeit weiter  bestand. 

ns.  (las  teere  dem  rade  ein  gefallen  1438  bei  Janssen  1,  424,  ivolgefallen 
Eyl),  D.  109, 17,  gefallen  Ejb,  D.  135,  24:,  tvolgef allen  Lntlier,  denn  es  ist  euers 
Vaters  ivolgefallen  Alber,  das  es  des  andern  guter  tvill  und  xcolgefallen  teer 
Zimm.  ehr.  138,  9,  gefallen  Ayrer,  Henisch,  Weckherlin  2,  202,  2,*  Stieler, 
Hempel,  ivolgefallen  Weckherlin  2,  374,  86.*  Danach  bedarf  es  für  die  gen.- 
form  gefallens  eigentlich  keiner  belege  (vgl.  indes  Wilwolt  28.  52.  70,  Luther, 
Serm.,  Augsb.  5,  367, 17.  400,  28,  Rebhuhn,  Mathesius). 

Der  nom.  gefalle  scheint  unter  einwirkung  der  mit  ge-  gebildeten 
neutralen  jo-stämme  und  der  abstracta  glaube,  iville  u.  a.  geschaffen  worden 
zu  sein  (ns.  gefalle  Schiller).  In  der  älteren  spräche  ist  er  nicht  üblich 
(vereinzelt  steht  ns.  gefall  J.  v.  Braunschw.),  und  noch  Adelung  hebt  hervor, 
dass  der  nom.  gefallen  geläufiger  als  gefalle  sei. 

geloube,  gloube  swm. 
Die  starke  form  des  gen.  wird  mit  dem  ausgang  des  14.jh.'s 
üblich. 

gs.  glaubens  1379  Gerh.  v.  Wirzb.  bei  Weizs.  1, 202,  des  Christenglaubens 
1397  Leop.v.Ocsterr.  bei  Janssen  1,  Suchenw.5,38  (vereinzelt),  nnsers  glaubens 
1412  bei  Janssen  1,  245,  2  m.  Stretl.  ehr.  (neben  glauben  2  m.),  Rosenblut, 
Fo\z  (glauben*),  Wyle  178,  2.  348,1,  Augsb.  2, 87, 14.  3,41,17.  58,23,  Füeterer 
298.  319,  Wilwolt  12. 138. 146,  Murner,  Pauli,  Manuel,  Luther,  Serm.,  Aveutin 
681,  30.  626, 15.  774,  22.  789,  8,  Zimm.  ehr.  22,  25.  80,  35,  Augsb.  4,  289,  7. 
380,3.  Die  »-form  des  gen.  sing,  findet  sich  noch  bei  Mich.  Beheim,  Pnr- 
goldt,  Eyb.  E.  70, 16,  Seb.  Frank,  Aventin  789, 17.  313, 1.  790,  18,  Frischlin.* 
Mit  beginn  des  16.  jh.'s  indes  muss  die  gen. -form  glaubens  als  regel  betrachtet 
werden. 

Der  nom.  hat  die  alte  form  meist  gewahrt;  erst  später 
wird  die  unorganische  form  häufiger,  offenbar  dem  von  dem 
voc.  gen.  ausgehenden  drang  nach  einordnung  in  das  System 
der  wa-klasse  nachgebend. 

ns.  glaub(e)  M&iuz  1, 135, 10,  Rosenblut,  Folz,  Stretl.  ehr.,  Füeterer  276, 
geloube  Wyle  347,  36,  Eyb,  D.  29,  7,  B.  d.  beisp.  49, 19.  61, 1,  Augsb.  4,  65,  6, 
Murner,  Pauli,  Manuel,  Seb.  Frank,  Luther,  Alber,  Waldis  130, 24,  Zimm. 
ehr.  20,  8,  Sachs  239, 18,  Frischlin,  Ayrer,  J.  v.  Braunschw.,  Weckherlin  2,  6,  6, 


olO  ^  MOLZ 

Arndt,  Schöpf,  Schupp,  Hempel ;  ns.  glauben  Suchenwirt  41,  836.  915,  Augsb. 
5,  98,  9,  Pauli,  Seb.  Frank,  R.  Fischer*  113,  Moscherosch  10  (reJirjion,  f/lauhcn 
und  redlichJceit),  Lohenstein  72,  Chr.  Weise  130,  Haller,  Popowitsch,  Schiller. 

name,  nam  swstm. 
1)  name  swm. 

Im  15.  jh.  wird  die  na-iorm  des  gen.  sing,  allgemein,  gs.  namens 
Füeterer  51.  61,  Geiler,  Wyle,  Eyb,  E.  79, 18,  B.  d.  beisp.  11,  20.  57,  7;  Zu- 
namens 1487  ürk.  d.  st.  Arnst.,  Wilwolt  8,  Murner,  Pauli,  Seb.  Frank,  Luther, 
Zimm.  ehr.  12,  31.  13, 12,  Aventin  893,  21,  Alber,  Mathesius,  Sachs  198,  23, 
Ayrer,  J.  v.  Braunschw. ;  gs.  «amen  Mich.  Beheim,*  Folz,  Aiigsb.  1,  Rchr.  243, 
4.  Bib.,  Eyb,  E.  79, 18,  Luther,  Serm.,  Sachs  4,  23.* 

Der  nom.  sing,  hat  meist  seine  echte  form  gewahrt:  ns.  ««m(e)  Mainz 
1,  316,  8.  374,  4,  Stretl.  ehr..  Mich.  Beheim,  Eosenblut,  Folz,  4.  Bib.,  Füeterer 
30.  268,  Eyb,  B.  d.  beisp.  53, 15.  130,  4,  Sterz,  sp.  37,  8,  Weisskunig,  Pauli, 
Manuel,  Rebhuhn,  Aventin,  Luther,  Alber,  Mathesius,  Zimm.  ehr.  10,  7.  44,  29, 
287,6,  Nic.Herman38.  46,  Sachs  252, 32,  Volksb.v.dr.F.  19, 16.  62,  30,  Frischlin, 
Ritter,  Weckherlin  244, 155.  259,  74  u.  ö..  Brücker,  Schöpf,  Schupp,  Bödiker, 
Klopstock,  Haller,  Hempel,  H.v.  Kleist;  us.  noHie«  Suchenwirt  41, 1199  u.ö., 
Wyle  344,  30,  Eyb,  E.53,20.  76,28,  D.141, 1,  Zimm.  ehr.  68, 3. 136,  29,  Luther, 
Just.  Jonas,  Mathesius,  Nie.  Herman  21.  37,  Sachs  7, 14.  503,8,  Volksb.v.dr.F. 
61, 36,  Girhert,  Weise  225,  Popowitsch,  Schiller,  H.  v.  Kleist.  Bei  Ayrer, 
dem  Ostfranken,  und  J.  v.  Braunschw.,  dem  Niederdeutschen,  ist  das  Ver- 
hältnis der  organischen  zu  den  unorganischen  formen  des  nom.  folgendes: 
Ayrer  nam{e)  :  namen  9:8,  J.  v.  Braunschw.  name  :  namen  10  :  1. 

2)  nam  stm.  Die  vocalische  flexion  setzt  sich  im  nhd.  nur 
wenig  fort.  Kein  denkmal  weist  eine  rein  voc.  flexion  auf.  Es 
sind  fast  nur  obd.  Schriften,  in  denen  zuweilen  starke  bildungen 
begegnen: 

das.  nam  Suchenwirt  18,  280.  24,  313  u.  ö.,  ds.  mit  nam  häufig  im  reim 
bei  Mich.  Beheim,  ds.  nam,  zunam  Füeterer  30.  3,  as.  nam  Füeterer  46,  ds.  nam 
Teuerdank,  as.  nam  Mathesius,  das.  nam  Frischlin. 

Besonders  häufig  ist  die  voc.  flexion  bei  Aventin,  der  allein  auch  den 
plural  stark  flectiert:  ns.  nam,  gs.  nams  789,13.  824,34.  825,18,  ds.  nam 
636,  2,  as.  nam,  zunam  605,  6.  635,  34.  589,  3.  601, 11  (vgl.  namen  645,  2. 
653,  27.  655,  8),  np.  7iäm  641,  9.  646,  25  («« we«  646,  3),  dp.  nämen  630,  4. 
636,  2.  650,  26,  ap.  näm,  zunam  602,  25.  650,  27.  635,  9.  In  der  Verbindung 
7nü  namen  dagegen  bleibt  bei  Aventin  die  cons.  flexion  stets  bewahrt  (vgl. 
761, 15.  764, 20  u.  ö.). 

wille  swm. 

Schon  mit  beginn  des  reformationszeitalters  ist  die  mischform  des  gen. 
gang  und  gäbe.  gs.  Unwillens  Ulmer  urk.  v.  1385  bei  Weizs.  1,  492;  tvillens 
Augsb.2,221,5,  Stretl.  ehr.,  Wyle  163, 35,  Füet.23.  112,  B.d.  beisp.  49, 24.  58,38, 
Eyb,  E.  44,  3,  D.  127, 17,  Urk.  v.  1493—95  bei  Chmel,  Purgoldt,  Wilwolt  134; 
Unwillens  Wi\vfoltli3;   ividerwillens  Augsb.  4, 44, 1 ;   tvillens  Luther,  Serm., 


NHD.   SUßSTANTIVFLEXION.  311 

Pauli,  Manuel,  Rebhuhn,  Aveutin  834, 19,  Alber,  Waldis  105, 19,  Mathesius, 
J.  V.  Braunschw.    Bereits  im  15.  jh.  ist  der  gen.  ?n7?ew  Rosenblut  vereinzelt. 

Die  echte  nom.-gestalt  hat  sich  meist  erhalten,  ns.  imiüille  Mainz 
1,  70,36.  310,9;  ivillie)  Stretl.  cbr.,  Rosenblut,  B.  d.beisp.  188,  7,  Wyle  311,  23. 
163,35. 164,2,  Eyb;  nnwin  Ang&b.  5,  231, 12,  imwill  Wilwolt27;  ?ci7Z(e)  ebda.  57, 
Purgoldt,  Pauli,  Manuel,  Rebhuhn,  Zimm.chr.  137, 19,  undericiU  ebda.  112,  25. 
113,  11,  nmvm{c)  ebda.  112,  31.  200,  33,  Alber,  Waldis  108,38,  Mathesius,  Sachs 
76,  26,  Volksb.  v.  dr.  F.  18, 14.  110,10,  Frischlin,  J.v.  Braunschw.,  Weckherlin, 
Ritter,  Arndt,  Girbert,  Schottel  1122,  Schlipp,  Haller;  ns.  ivilleu  Suchenwirt 
33,88,*  HvV?erH77/e«  Augsb.  5,  62, 12.  392,14,  Nie.  Herman  27,  ns.  w«7feH  Sachs 
20,  530,  27,  Volksb.  v.  dr.  F.  77,  5.  116, 10,  rnntwUlen  ebda.  99,  29,  tcidenvillen 
ebda.  26, 11;  icülen  Chr.  Weise  5.  41,  Schiller. 

Die  »-losen  formen  des  acc.  tciUe  Matth.  v.  Beheim,  M.  21,  31,  unwüle 
Mainz  1,71,10  und  dat.  wüle*  Waldis  222,  38  verdanken  wol  der  md.  dia- 
lekten  eigentümlichen  abstossung  des  n  ihren  Ursprung. 

Wenn  wir  von  dem  acc.  toill  Manuel  abstand  nehmen,  erscheint  sonst  nur 
die  composition  tnutioille  in  voc.  flexionsform :  gs.  mutwüls  Murner,  Schelm., 
mutwilles  Seb.  Münster,  ds.  mutwill  Manuel,  as.  mutwill  Mathesius,  Wieland, 
Tieck. 

Zur  erklärang  dieser  voc.  flexion  gibt  uns  Behagliels  laut- 
gesetz  eine  handhabe.  Das  end-e  in  mutivüle  musste  fallen. 
Vom  nom.  aus  begann  dann  die  a- flexion  räum  zu  gewinnen. 
Es  ist  das  derselbe  Vorgang,  der  sich  bei  den  isolierungen 
wingert,  Stuttgart  u.  ä.  abgespielt  hat.  Doch  war  bei  mutivüle 
der  Zusammenhang  mit  tville  im  sprachbewusstsein  stets  zu 
lebendig,  als  dass  die  lautgesetzliche  form  mutivül  hätte  zum 
durchbruch  gelangen  können.  Wenn  es  eines  beweises  bedürfte, 
dass  der  Zusammenhang  mit  iviUe  in  mutivüle  lockerer  ist 
als  in  unwüle,  so  wäre  er  durch  die  voc.  formen  von  muttvül 
und  der  abwesenheit  entsprechender  bildungen  von  univül 
erbracht.  vride,  vrit  swstm., 

nid.  auch  vrcde  swstm.  Abgesehen  von  der  n-form  des  gen. 
sing,  setzen  sich  die  mhd.  flexivischen  Verhältnisse  dieses 
«-Stammes  bis  ins  18.  jh.  fort.  Einige  nachzüglerische  a- bil- 
dungen sind  selbst  noch  im  19.  jh.  anzutreffen.  An  stelle  der 
w-form  des  gen.  tritt  mit  dem  ausgang  des  15.  jh.'s  die  na-form. 

gs.  fncdens  Mich.  Beheim,  Geiler,  Augsb.  4,  381,  3,  Agricola,  Luther, 
Zimm.  ehr.  33, 12,  bunjfricdens  Zimm.  ehr.  449,  34,  Alber,  Mathesius,  Mainz 
2,65,22,  Tsclmdi,  Rollenhagcn,  Opitz;   gs.  frieden  Mich.  Beheim,  Geiler. 

Die  rein.  voc.  flexion  ist  in  frühnhd.  zeit  mehr  gebräuch- 
lich als  die  gemischte.  Bei  vielen  Schriftstellern  gehen  beide 
flexionsarten  nebeneinander  her. 


312  MOLZ 

Aus  den  zahlreiclien  belegen  hebe  ich  einige  hervor.  Mainz  1  ns.  freäc 
30,  21,  friäe  358,  fi,  ds.  landfrkle  356, 17,  friden  357,  27,  as.  fr/rfe  140,  22, 
freden  30, 15.  33,  6.  37, 19  u.  ö. ;  Augsb.  1  gs.  unfrides  301, 18,  as.  landfrid 
101,12;  Mich.  Beheim  gdas.  friden,  gs.  frids,  as.  frid;  Augsb.  3  das.  frid 
6,8.  13,1.  36,1;  Füeterer  ?iS.frid  3,  gs.  frids  i2;  Eyb  gs.frides,  ias.fride; 
Wilwolt  gs.  frids  20,  das.  frid  27.  20.  47,  as.  friden  46;  Weisskunig  as. 
/"nc?  264;  Pauli  ds.  friden  9  m.,  as.  frid  :  friden  =  11  :  11;  Augsb.  5  gs. 
frids  303,29,  as.  fmZ  400, 13,  friden  162,16;  Luther,  Aventin  flectieren 
meist  stark;  Rebhuhn  das.  frid;  Zimm.  ehr.  as.  friden  39,35;  Nie.  Herman 
das.  frid  5.  35.  39;  Waldis  as.  frid  72,  32.  88, 19,  friden  14,  268.  72, 13;  Sachs 
gs.  frides  293,  b.  339,18,  das.  frid  18,33  u.  ö.,  ds.  friden  24,22;  Ayrer  ds. 
frid  und  friden,  as.  frid;  J.  v.  Braunschw.  ds.  friede  :  frieden  =  9:1,  as.  fride 
Im.;  Rollenhagen  gs.  frides  (nmlfridens);  Opitz,  Fleming  as.  fride;  Schupp 
ds.  frid;  Gryphius  ds.  fride  36,47;  Chr.  Reuter  as.  fride. 

Der  grammatiker  Pölmann  (Berlin  1671)  lässt  die  starke  und  schwache 
flexion  von  friede  in  geltung;  daneben  auch  ns.  frieden,  gs.  friedens.  Aus 
noch  späterer  zeit  eitlere  ich  nach  Andresen  a.  a.  0.  s.  29  Lessing  ivie  lange 
haben  tvir  schon  friede,  Goethe  und  segnet  fried  und  friedenszeiten,  Schiller 
fried  und  Versöhnung  bieten,  Goethe  und  G.  Freytag  friede  bringen,  Bürger 
und  machten  endlich  friede. 

Es  sind  das  die  letzten  ausläufer  der  einstigen  voc.  flexion. 
Die  alte  form  hatte  sich  also  zuletzt  nur  noch  in  dem  mit  dem 
nom.  correspondierenden  acc.  erhalten,  und  auch  hier  nur,  wenn 
die  casusfunction  durch  den  mangel  des  artikels  oder  ergän- 
zender epitheta  nicht  deutlich  auf  die  schwelle  des  bewusst- 
seins  trat. 

Für  die  echte  nom.-form  bedarf  es  keiner  belege.  Sie  ist 
stets  allgemein  giltig  gewesen.  Die  unorganische  form  frieden 
ist  selten: 

ns.  landfriden  1398  bei  Janssen  1,  49,  B.  d.  beisp.  85,  38,  Wilwolt  378, 
Manuel,  unfriden  Zimm.  ehr.  257, 13.  43, 19,  Mainz  2,  71, 20. 

2)   Zweite  mischklasse. 

Typen  schmerz,  dorn. 

Die  eigentümlichkeit  der  flexion  dieser  klasse  besteht  in 
dem  Wechsel  von  vocalischer  bildung  des  sing,  und  consonan- 
tischer  des  pl.,  ganz  den  fem.  a-w -stammen  und  den  neutralen 
M- Stämmen  aiige,  ohr  entsprechend.  Die  stamme,  die  in  diese 
klasse  eingetreten  sind,  haben  verschiedene  herkunft:  zum  teil 
sind  es  alte  m- stamme:  schmerz,  zum  teil  alte  «- stamme:  dorn 
(^<?-stämme  gau,  see). 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  313 

Tj'pus  schmerz. 

1)  Die  j(-stämme. 
X}fau,psahn,  schmerz,  spatz,  Untertan,  vor  fahr,  hauer,  nachhar, 
vetter,  gevatter,  sporn,  flautn.  Es  entstellt  die  frage,  welche 
kräfte  im  spiele  waren,  um  den  sing,  zum  aufgeben  der  w-flexion 
zu  veranlassen.  Für  die  meisten  fälle  zugleich  kommt  nur  eine 
negative  seite  zu  gunsten  des  starken  sing,  in  betracht:  bei 
den  meisten  war  vornehmlich  der  pl.  in  gebrauch;  der  seltener 
verwendete  sing,  konnte  so  aus  der  gruppengemeinschaft  mit 
dem  pl.  heraustreten,  zumal  die  a-forni  des  nom.  zur  voc.  flexion 
hinüberleitete.  Im  einzelnen  spielen  noch  andere  factoren  in 
die  entwicklung  hinein:  welche,  wird  sich  bei  der  aufzeichnung 
des  historischen  Verlaufs  der  Verschiebung  ergeben. 

pfau. 

mild,  phäive,  pfä  swm.,  pfau  swm.  Boner  (gds.).  Folz  (g's.),  Waldis 
(as.  111, 29),  Pölmann,  Aichiug-er,  Heinze,  Braun,  Nast,  Jean  Paul  (gs.), 
Gutzkow  (gs.)-  Die  starke  form  ist  vereinzelt:  as.  pfau  Spee.  pfau  stm. 
Hempel,  Adelung.  Die  gem.  declination  wird  von  grammatikeru  des  19.  jli.'s 
gefordert.    Noch  heute  dürfte  die  rein  cons.  biegungsart  üblich  sein. 

spatz, 
mhd.  spaz,  spatze  stswm.    Im  nhd.  erhielt  sich  die  /«-form 
des  pl.  unter  dem  einfluss  der  bedeutungsverwanten//;i/jc«;/a/Ä,cji; 
amseln,  drosseln  u.  a. 

psalm. 
mhd.  sahne,  salm  swstm.    Die  nhd.  flexionsweise  bildet  sich 
im  16.  jh.  aus. 

as.  fliichsalm  Augsb.  1, 118,  26  (14:07),  ds.  psahneu  Luther,  Serm.,  psalm 
Just.  Jonas,  ni^. pisalmen  Pauli;  psalm  swm.  Manuel,  ns. psalm  im.,  psalmen 
Im.  Manuel,  np.  f?aHÄ;j3.saZm  Nie.  Herraan  5.  6.  —  Mathesius  gs.^jsaZms  2  m.., 
ds.  2JS«Z«8  4  m.,  d^^.  psalm  5  m.,  g]).  psalm  2  m.,  &,]).psah)ien4:ia.,  psalm  Im.; 
Spangenberg  iis. psalm  ibS,  gs. 2)salmcn GO,  psahnoislbö;  ds.  lobpsalmen  b2, 
psalm  40.  61;  as.  psalmen  43.  44.  48.  50.  51,  psalm  4:2.  44.  47.  51;  Frischliu 
Hi]}. psalmen,  Morhof  pl.jjs«?me  756  (vereinzelt);  — psalm  swm. Hempel,  Braun, 
Nast,  psalm  m.  gem.  11.  Frisch,  Aichinger,  Adelung. 

Man  kann  mit  recht  die  frage  aufwerfen,  Avarum  das  wort 
nicht  zu  den  w6<-stämmen  (vgl.  Manuel)  übergetreten  ist.  Ob 
es  die  ausbildung  eines  svarabhaktivocals  (psalem)  war  oder 
die  festhaltung  der  voc.  flexion  im  sing,  besonders  nach  den 
Ordinalzahlen,  die  den  übertritt  zu  den  na-stämmen  liemmten, 
entzieht  sich  einer  sicheren  entscheidung. 


314  MOLZ 

Zu  der  letzteren  anualime  stimmt  die  flexion  bei  Alber,  "W.  d.  v.  1.  d.  C. 
ds.  nach  dem  psahnen,  as.  einen  ganzen  psalmen,  aber  im  39.psalm,  im 
lOO.psalm,  wie  im  llO.psalm  stellet. 

schmerz, 
mild,  smerze  SAvm.    Der  w-stamm  smer^c  diirclilief  in  nlid. 
zeit  verschiedene  phasen  der  entwicklnng.    Znnächst  erfolgte 
im  laufe  des  15.  jh.'s  wie  bei  den  w-stämmen  glaiibc,  iville,  name 
die  mischnng  des  gen.  mit  der  a-flexion: 

gs.  schmerzens  Geiler,  Füeterer  289,  Wyle,  B.  d.  beisp.  93,  29,  Eyb,  E. 
94, 10  (gs.  schmerzen  2  m.). 

Zuweilen  taucht  auch  die  unorganische  nom.-bildung  auf: 

ns.  schmerze  Eyb,  E.  81, 1,  Luther,  Kalloaudro  1,  86;  schmerz  Ayrer, 
Weckherliii  2,  272,  28.  273,  33,  Kalloaudro  2,  278,  Stieler,  Frisch,  Bödiker  3, 
Gottsched,  Hempel,  Weber,  Heinze,  Braun.  Hemmer,  Adelung,  aber  us. 
schmerzen  Eyb,  E.  8-i,  10,  Sachs  202, 18,  Dietenberger,  Ayrer,  Kalloandro 
2, 220,  Hofmanswaldau,  Stieler,  Nast,  Adelung,  Schiller  in  s.  j. 

Alle  hier  erwähnten  autoren  und  grammatiker  flectieren  ns.  schmerz 
—  schmerzen,  gs.  schmerzens,  das.  schmerzen,  aber  as.  schmerz  Gottsched, 
Heinze.  Für  das  festhalten  dieses  entwicklungsstandes  noch  einige  belege : 
as.  schmerzen  B.  d.  beisp.  95,  9  u.  ö.,  Füeterer  210.  211,  Rebhuhn;  ds.  schmerzen 
Zimm.  ehr.  70,  29.  185, 19,  das.  schmerzen  Sachs  443,  25.  130,  9,  as.  schmerzen 
Spangenberg  20,  gs.  schmerzens  Weckherlin  2,  66, 14  u.  ö..  Schupp,  Kalloandro 
2,  240,  ds.  schmerzen  S.  Dach  156,*  das.  schmerzen  Haller.  Nur  gs.  schmerzens 
Herder,  Klinger,  Wieland,  Schiller,  Goethe,  Uhland. 

Bis  tief  ins  18.  jh.  hinein  hatte  sich  also  die  flexionsweise 
des  15.  jh.'s  behauptet,  und  besonders  beharrlich  zeigte  sich  der 
gen.  schmerzens,  der  an  dem  reim  wort  herzens  eine  mächtige 
stütze  fand. 

Die  nlid.  art  der  biegung  bereitet  sich  im  16. — 17.  jh.  lang- 
sam vor. 

Vereinzelt  steht  gs.  Schmerzes  Geiler.  Die  a-form  des  das.  begegnet 
in  der  älteren  zeit  vornehmlich  in  der  bindung  as.  schmerz  2  m.*  Folz,  as. 
schmerz*  Manuel,  as.  schmerz  Waldis  228,  12,  das.  schmerz*  Sachs  30,  29. 
10,  51,  36,  as.  schmerz*  R.  Fischer  117,  und  in  präpositionalen  Wendungen 
ohne  artikel:  w/i  sc/w/zcr^  Rebhuhn,  «hj  sc/twer^  Waldis  153,  30,  vor,  mit 
schmerz  Ayrer. 

Das  nd.  gebiet  war  in  der  ausbihlung  der  heutigen  flexion  anderen 
landschaften  vorausgeeilt:  J.  v.  Brannschw.  ns.  schmerze  Im.,  A^?,.  schmerz 
2  ra.,  pl.  sehmerzen  sehr  häufig,  Morhof,  Ged.  as.  schmerz  239,  Steinbach  ns. 
schmerz,  As.  schmerze,  &s.  schmerz,  j)l.  schmerzen;  vgl.  Bojunga  59,  anm. 

Der  sieg  der  gem.  flexion  bedeutet  syntaktisch  ein  stärkeres 
hervortreten  des  plurals.    Die  formen  des  sing,  wurden  von  dem 


I 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  315 

«-iiom.  aus  unter  vorantritt  des  acc,  der  in  dem  acc.  herz  eine 
lautlich-functionelle  entsprechung  fand,  mit  der  a-flexion  gleicli- 
gemacht. 

Untertan, 
mhd.  undcrtän  stm.,  undertäne  swm.    Untergang  der  rein 
voc.  flexion,  Verteilung  beider  flexionsarten,  getragen  von  dem 
streben  nach  numeraltrennung:  so  könnte  man  kurz  die  aus- 
bildung  der  gem.  flexionsweise  charakterisieren. 

Bereits  Aventiu  flectiert  in  ganz  moderner  weise :  as.  «»f  er  toi  864, 28, 
ap.  Untertanen  865,6;  Sachs  ds.  Untertan  215,40,  ap.  Hnfe;-f«H*  329, 14.  In 
dem  zuletzt  erwähnten  ap.  liegt  wol  nur  eine  cons.  Verschmelzung  vor; 
vgl.  dp.  mit  allen  iren  Untertan  Augsb.  5,  332, 1,  as.  tmtertanen  Mathesius, 
ds.  Untertan  Hofraanswaldau.  Lessing,  Wieland,  Hebel  (Gortz.  2,  420)  weisen 
noch  cons.  sing.-formen  auf,  die  auch  heute  ihre  giltigkeit  noch  nicht  ein- 
gebüsst  haben,  unterthan  swm.  Nast,  Schiller  in  seiner  Jugend,  gs.  unter- 
thans  Schiller,  Dreissigj.  kr.  Die  gem.  flexion  wird  vonAichinger,  Adehing 
gefordert. 

Vorfahr. 

mhd.  vorvar  swm.  gs.  vorfars  Zimm.  ehr.  42,  8 ;  vorfahr  swm.  Nast. 
Die  n-declination  gilt  noch  heute. 

bau  er. 
mhd.  hure,  Mir  swstm.  Das  auslautende  e  wurde  abgestossen. 
Nach  der  diphthongierung  entwickelte  sich  dann  vor  r  im  aus- 
laut  eine  svarabhakti  (vgl.  geier  oben  s.  265).  Auch  setzen  die 
nhd.  formen  mauer,  feier,  leier,  Steuer  die  bereits  mhd.  üblichen 
apokopierten  formen  rtiür,  fir,  (lir),  stiur  als  grundlage  voraus 
(vgl.  dagegen  Behaghel,  Germ.  23, 268). 

Die  diphthongierung  unterblieb  bei  dem  Hochalemannen  Manuel :  gd. 
as.  buren  (s.  Pauli  w.  u.).  —  Die  form  des  nom.  lautet  in  denkmälcrn  des 
15. — 17.  jh.'s  battr;  daneben  erscheint  die  mehr  phonetische  Schreibweise 
lauer,  ns.  buur  Alber,  Ayrer,  Weise  95,  buer,  bauer  Pauli,  bauer  Uittar, 
Schöpf,  AVeise  96,  Stieler.  —  In  den  obliquen  casus  hatte  die  aus  dem  mhd. 
huren  sich  ergebende  form  bauren  bis  tief  ins  17.  jh.  die  herschaft  behalten: 
gdas.  buren,  bauren  Pauli,  gds.  bauren  Waldis23,  Mathesius,  das.  bauren 
Frischlin,  J.  v.  Braunschw.,  Ayrer,  Spangenberg  (as.  123),  Chr.  Weise  92.  95, 
Stieler  dp.  bauren;  Nast  noch  ns.  baiier,  gs.  bauren.  Daneben  steht  ver- 
einzelt gdas.  bauern  Volksb.  v.  dr.  F.  11,  3.  77,  23.  84,  2.  Streng  durchgeführt 
sind  die  nhd.  formen  bei  Steinbach  ns.  bauer,  gdas.  bauern,  pl.  bauern. 

Es  handelt  sich  also  hier  um  eine  verschiedene  lautliche 
entwicklung  des  nom.  sing,  und  der  obliquen  casus.  Bei  dem 
nom.  haur  und  bauer  herscht  nur  ein  graphischer  und  kein 
phonetischer  unterschied;  anders  bei  hauren  und  hauern.    Der 


316  MOLZ 

iiom.  hauer  führte  allmählich  zu  den  obliquen  formen  hauern, 
und  damit  war  zugleich  dem  einfluss  der  starken  flexion 
grösserer  räum  gegeben;  denn  jetzt  bestand  neben  der  völligen 
formengieichheit  des  nom.  lauer  eine  teilweise  der  obliquen 
casus  mit  den  masc.  auf  -er-suffix.  Auch  wäre  an  eine  rück- 
wirkung  der  durch  analogisches  s  in  der  compositionsfuge  ent- 
standenen starken  gen.-form  in  Zusammensetzungen  zu  denken. 

Ayrer  flectiert  us.  &«?»•,  g^.hauren\  aber  folgende  Zusammensetzungen 
bildet  er  mit  starker  gen.-form:  hauersgcstalt,  bmiersTcnecM,  hcmersMcid, 
bauersmaid,  baucrsmann  (banersmann  kommt  schon  bei  Eosenblut  vor). 
baucr  swm.  Gottsched,  Heinze;  baiier  gem.  flexion  Hempel,  Braun,  Adelung. 
Die  nhd.  starke  form  des  sing,  ist  in  früheren  Jahrhunderten  nur  vereinzelt 
zu  belegen:  as.  bauer  Mich.  Beheim -109,  21,  Fleming;  Herder.  Ueber  das 
schwanken  der  flexion  zwischen  cons.  und  voc.  formation  des  sing,  in  neuerer 
zeit  vgl.  Gortzitza  2, 410  ff. 

n  achbar. 
mhd.  näcli-hüre,  näch-hür  swstm.,  frühnhd.  nachhaur,  nachhar 
swstm.    Die  form  nachhar,   die  durch  Schwächung  der  neben- 
tonigen Stammsilbe  entstanden  ist,  gewinnt  auf  md.  und  nd. 
boden  am  frühesten  allgemeine  aufnähme. 

Hervorhebung  verdient  die  meist  voc.  flexion  bei  Purgoldt :  gs.  nacke- 
burs,  nacJcbaiors,  das.  nackebur  (ds.  nacJcburen  vereinzelt),  np.  seine  nachbar, 
gp.  nachbur,  nachbar.  —  Die  cons.  flexion  ist  in  anderen  denkmälern,  die 
der  frühzeit  der  nhd.  spräche  angehören,  allgemein:  gs.  nachbaurn  Rosen- 
blut, as.  nachbauern  Eyb,  das.  nachburen  Pauli,  us.  naclibauer  und  nachbar 
Alber,  gs.  nachbauren  Waldis  117,  50.  235,  das.  nachbarn  Mathesius,  nach- 
baur  swm.  Ayrer,  ds.  nachbauren  E.  Fischer  21.  210,  gs.  nachbarn  Fleming, 
dp.  nachbauren  Schottel  1138,  ap.  nachbarn  Schupp,  as.  nachbarn  Weise  53. 
—  Die  nhd.  flexionsweise  ist  bei  J.  v.  Braunschw.  schon  ziemlich  ausgeprägt : 
ds.  nachbarti  4  m.,  nachbar  4  m.,  as.  nachbar  Im.  —  Vereinzelt  steht  Itei 
Rebhuhn  schon  ds  nachbar  Im.,  ds.  nachbarn  2m.;  gs.  nachbars  Haller 
1.  aufl.  —  Steinbach  flectiert  rein  vocalisch  pl.  nachbare.  Aichinger  flectiert 
rein  consouantisch.  nachbar  gem.  flexion  Hempel,  Weber,  Nast,  Adelung. 
Bei  den  dichtem  des  sturms  und  drangs  überwiegen  im  sing,  die  starken 
bildungen  (vgl.  Gortzitza  2,  411  ff.).  Heixte  dürfte  die  gemischte  flexion 
regel  sein. 

Vetter. 

mhd.  vetere,  veter  swm.  Der  übermächtige  einfluss  der  mit 
-er-suffix  gebildeten  masc.  und  lautähnlichkeit  mit  dem  eng 
verbundenen  vater  bewirkten  im  sing,  frühzeitig  ein  sporadisches 
übertreten  zur  a-flexion: 

as.  Vetter  Augsb.  1,  312,  4,  gs.  vetters  Augsb.  3, 202, 19,  4.  Bib.,  ds.  vetter 
Urk.  d.  St.  Arnst.  1490,    gs.  seines  vetters  und  vatcrs  Aveutiu  592,    as.  vetter 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  317 

Aventin,  gs.  vetters  Seb.  Frank,  ds.  vetter  Ziram.  ehr.  144,  2  (mvl  sogar  ap. 
Vetter  ebda.  145, 13,  vgl.  ap.  reücrn  ebda.  146,  29),  as.  rfZ/ey  Weise,  Erzn.  96. 
—  Die  cons.  flexion  bleibt  dessemuigeachtet  bis  ins  18.  jh.  herscbend:  vetter 
swm.  Füeterer  (gds.  69.  70),  Urk.  d.  st.  Arnst.  1496  (das.),  Paiili  (gds.),  Seb. 
Frank  (as.),  Aventin  (gds.),  Zimm.  ehr.  (ds.  135, 34.  361, 33,  as.  174, 31), 
Luther,  Just.  Jonas,  Volksb.  v.  dr.  F.  24, 13.  80, 16,  Kalloandro  2,  247  (ds.), 
Abraham,  Aichinger;  vetter  gem.  flexion  Hempel,  Weber,  Adelung.  Wenn 
man  Gortzitzas  angaben  (2,410)  als  zuverlässig  betrachten  darf,  war  die 
gem.  flexion  bereits  zur  zeit  der  blute  unserer  literatur  allgemein  regel. 
Nur  bei  Goethe,  Wetzel,  Spindler  ist  noch  der  gen.  vettern  belegt. 
Das  Schicksal  von  vetter  teilte 
gevatter. 

mM.  gevatere,  gerater  SV/m.  geratter  swm.  Rosenblut  (das.),  Nürnberg  5 
(as.  628, 1),  Alber  (as.),  J.  v.  Braunschw.  (as.),  Ayrer  (gdas.),  Aichinger;  ds. 
gevatter  R.  Fischer  32,  as.  gevutier  Weise,  Erzn.  97;  ds.  gevattern  F.Müller; 
gevalter  m.  gem.  flexion  Hempel,  Adelung.  —  Ayrer  das.  gevatter  tod,  vgl. 
nhd.  Jierrgott,  und  durch  sein  vetter  herzog  Ludwigen  Augsb.  2,  60,  9. 

sporn, 
pl.  Sporen  (und  spornen),  mlid.  spor,  spore  swm.  Die  ent- 
wickliing  ist  hier  eine  ganz  analoge  wie  bei  den  wa-stämmen, 
und  nur  die  späteren  Schicksale  des  Wortes,  die  aus  der  durch 
Synkope  aus  dem  engern  Zusammenhang  mit  dem  pl.  losgelösten 
form  des  sing,  fliessen,  berechtigen  an  dieser  stelle  von  seiner 
flexion  zu  handeln. 

a)  Der  sing.  Die  unorganische  form  des  nom.  ist  aus  .dem  pl.  ent- 
sprungen. Die  zu  erwartende  form  Sporen  tritt  nur  zuweilen  auf:  ns.  sporen 
Wyle  345, 5,  Hempel,  W.  Alexis.  Das  e  der  endung  wurde  nach  dem  muster 
von  dorn;  Jcorn,  zorn  synkopiert;  ns.  sporn  Dasypodius,  Schöpf,  Stieler  (neben 
spor),  Steinbach,  Frisch.  Zu  dem  nom.  sing,  sporn  vgl.  noch  Weckherlin  2, 
347,  45  ff.  diser  schimpf  (so  nennet  es  ir  zorn)  Verwundend  ihre  hrust  als 
ein  dorn  oder  sporn  Hat  sich  in  aller  eyl  zu  rechen,  sie  getrieben. 

b)  Der  plural.  Der  pl.  lautet  in  älterer  zeit  stets  und  in  jüngerer 
zeit  mit  wenig  ausnahmen  sporen.  Die  häufigkeit  seiner  anwendung  schützte 
ihn  bis  heute  vor  der  erfolgreichen  Wirksamkeit  analogiseher  einflüsse,  denen 
der  sing,  sich  nicht  entziehen  konnte,  pl.  sporen  Pauli,  Maaler,  Sehottel 
1116.  1131  (dazu  und  zu  dem  folgenden  vgl.  Gortzitza  3, 11  ff.).  Selten  er- 
folgte auch  im  pl.  Synkope  des  e  der  endung:  pl.  sporn  Pauli  vereinzelt, 
Frisch,  Grimm  zuweilen. 

Die  nhd.  flexion,  wie  sie  sich  im  IG.  jh.  ausbildete,  fügte 
sich  in  kein  System.  Diesem  übelstand  abzuhelfen,  schuf  man 
nach  dem  vorbild  von  dornen,  stacheln  von  dem  unorganischen 
ns.  s^wrn  aus  einen  w- plural:  spornen  Stieler  (neben  sporen), 
Russ.  gramm.,  Immermann,  W.  Alexis;  und  nach  dörner  die  form 


318  MOLZ 

spörner  Steinbach,  und  in  Übereinstimmung  mit  der  flexion  des 
sing,  bildete  man  einen  a-pl.  sporne:  Hempel  (neben  sporen), 
Braun;  Klinger,  Lenau. 

Die  ps3'Cliologiscli  meistbereclitigte  form  spornen  kann  auch 
heute  in  der  Schriftsprache  Verwendung  finden. 

flaum. 

mhd.  phlmne  swf.  Stieler,  Steinbach  kennen  nur  pflaumfeder.  Bei 
Friscli  ist  noch  in  der  form  pjlamn  das  fem.  gewahrt.  Das  streben  nach 
lautlicher  differenzierung  von  pflaume,  mhd.  plilüme  bewirkte  die  ortho- 
graphische anlehuung  an  feder  (vgl.  Gottsched  121  flaitmfedern,  pflaumen 
[=  fruchte] ). 

Das  masc.  der  flaum,  das  eine  art  collectiv  zu  dem  pl. 
darstellt,  ist  aus  diesem  entsprungen,  indem  die  ähnlich  klingen- 
den bäum,  säum,  räum,  schäum,  iraum  für  die  prägung  des 
masc.  genus  ihre  kraft  einsetzten,  und  indem  die  existenz  einer 
masc.  mischklasse  einem  solchen  Übergang  förderlich  war. 

Typus  dorn. 

2)  Die  «-Stämme. 
dorn,  forst,  gau,  lorheer,  niast,  strolil,  sierat,  sins,  ritz,  see, 
spalt.  Während  bei  den  erwähnten  n- stammen  die  seltenere 
singulare  function  von  dem  a-nom.  aus  zum  aufgehen  der 
M- flexion  des  sing,  trieb,  war  bei  den  a- stammen  die  oft  ge- 
brauchte plur.  function  die  treibende  kraft,  die  zur  annähme 
der  n-torm  des  pl.  drängte.  Der  a-pl.  dorne,  obd.  dorn  z.  b. 
konnte,  nachdem  die  Verschiebung  der  w-a-feminina  statt- 
gefunden, durch  den  mangel  eines  deutlichen  kennzeichens 
seiner  plur.  function  nicht  weiter  bestehen:  die  häufigkeit  der 
an  Wendung  drängte  ihn  mit  den  fem.  «-a- stammen  in  eine 
gruppe.  Bei  ritz,  spalt,  see  und  vielleicht  auch  strald  war  es 
die  w-pluralbildung  der  fem.  nebenform,  die  für  den  pl.  des 
masc.  Stellvertretung  übernahm. 

dorn. 

mhd.  dorn  stm.  Der  plural,  der  nach  einem  kriterium 
seiner  function  verlangte,  konnte  auf  viererlei  arten  gebildet 
werden: 

a)  wie  im  mhd.  durch  antreten  eines  flexivischeu  c :  pl.  dorne  Boner, 
np.  dorn*  (dp.  dornen)  Eoseublut,  ap.  dorn  4  m.  Pauli,  np.  dorn  J.  v.  Braun- 
schw.  pl.  dorn  Henisch,  pl.  dorne  Pölmaun; 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  319 

b)  durch  umlautung  der  Wurzelsilbe :  pl.  dorne  Eyb,  iip.  dorn,  dp.  dornen, 
dornen  Manuel,  dp.  dornen  Luther,  dp.  dornen  Aventin  899,  15,  pl.  dorn 
Maaler92,  dorne  Pölmaun; 

c)  durch  das  neutrale  -er:  pl.  f/örncr  Eosenblut,  4.  Bib.,  Eyb,  E.  77,  23, 
D.  139, 10,  (dorner)  Purgoldt,  Affricola,  Aventin  800, 13.  19,  Alber,  Nie.  Her- 
man  54,  Sachs,  Dietenberger,  Ayrer,  Friedr.  Spee,  Job.  Rist,  Pölmaun,  Stieler, 
Günther,  Jesuitenpoesie  48,  Steinbach,  Gottsched,  Dornblüth,  Lessing,  Hempel, 
Aichinger,  Braun,  Popowitsch,  J.  Grimm ; 

d)  durch  die  annähme  der  w-gestalt:  pl.  dornen  Geiler,  Wjde  81, 19, 
Eyb,  E.  54, 1.  6,  Purgoldt,  Pauli,  Luther,  Ayrer,  Henisch,  Fleming,  Hofmans- 
waldau,  Pölmaun,  Steinbach,  Frisch,  Hempel,  Adelung,  Grimm,  ^'ereinzelt 
steht  np.  törnen  Wyle  81,  38,  der  einen  ns.  tarnen  voraussetzen  würde  (vgl. 
gedanke).  Zwischen  dem  pl.  dornen  und  dörner  construieren  einen  be- 
deutungsunterschied  Gottsched,  Deutsche  sprachk.^  s.  242,  Hempel  s.  241. 

Nach  den  belegen  hefschte  im  15.  und  16.  jh.  ein  chaotisches 
gemisch  von  allen  pluralischen  bildungen,  die  mit  den  flexivi- 
sclien  mittein,  die  zu  geböte  standen,  geschaffen  werden  konnten. 

Der  «-plural  erwies  sich  am  wenigsten,  besonders  wegen 
der  häufig  eintretenden  apokope,  dem  streben  nach  wirksamer 
numeralscheidung  entsprechend.  Der  ?-pl.  dörn{e)  scheint  be- 
sonders in  der  Schweiz  üblich  gewesen  zu  sein;  wenigstens 
herscht  bei  Manuel  und  Maaler  einheit  der  formen.  Der  r-pl. 
dörner,  der  durch  die  eng  verbundenen  hlätter,  gräser,  läuber, 
spreuer \  Immer  entstanden  zu  denken  ist,  hatte  allgemeine 
Verbreitung,  wie  das  ja  seinem  rein  associativen.  Ursprung 
nach  nur  zu  erwarten  steht.  An  die  stelle  der  «-pluralbildung 
trat  früh  der  w-plural  dornen. 

forst. 
mhd.  forst  stm.     Der  pl.  lautete  früher  um:    pl.  forste  Weckherlin, 
Stieler,  Günther,  Steinbach,  Braun,  Nast;  ]}\.  forste  Goethe.    Neben  dem  pl. 
forste  gilt  heute  forsten,  zu  dem  die  pl.  auen,  loiesen,  wcüdungen  zu  ver- 
gleichen sind. 

gau. 

mhd.  gön,  gou  stn.    Aventin  np.  gim  678, 12,  ap.  gute  642, 11. 

Diese  formen  gehen  auf  mhd.  gäu,  ahd.  gomvi  zurück. 
Nach  langer  Vergessenheit  wurde  gau  erst  im  18.  jh.  wider 
geläufig.  Wie  ist  das  nhd.  masc.  genus  möglich?  Die  Syno- 
nyma hezirh,  district,  Ireis,  Icanton  waren  bei  der  geschlechts- 
gebung  vorbildlich.  Auf  der  andern  seile  war  das  n.  gestützt 
durch  die  landschaftsbezeichnungen  Allgäu,  Breisgau,  liheingau, 
Nordgau. 

gau  n.  Friscli,  gau  m.  Nast,  gau  m.  u.  Adelung. 


320  MOLZ 

Die  formale  seite  bot  für  das  m.  einen  neuen  Stützpunkt. 
Der  pl.  gauen,  der  schon  bei  Schottel  begegnet  und  später 
ziemlich  allgemein  üblich  wird,  war  dem  fortbestehen  des 
neutr.  genus  hinderlich:  bei  der  bedeutenden  numerischen  Über- 
macht der  träger  der  masc.  mischklasse  gegenüber  den  Ver- 
tretern der  neutralen  mischklasse  trat  gau  in  die  mischklasse 
der  masc.  ein. 

pl.  gaue  und  gauen  Adelung',  gerne  Nast,  Hebel,  Uhland,  gauen  Goethe, 
W.  Alexis,  Hebel  (vgl.  DWb.  und  Gortzitza  3,  3). 

lorbeer. 
mhd.  Urler  stnf.  Der  Wechsel  des  geschlechts  liegt  in  der 
Wandlung  des  begriff s  begründet:  lorheer  =  lorheer-haum  und 
lorhcer  fig.  =  preis,  rühm.  Der  pl.,  begrifflich  vom  sing,  los- 
gelöst, geht  in  seiner  w-gestalt  auf  das  mhd.  fem.  zurück  (vgl. 
DWb.  und  Gortzitza  3, 3). 

mast. 

mhd.  mast  stm.  pl.  mäste  Klopstock,  Gr.  gespr.,  Aichinger,  Adelung, 
Uhland,  An.  Grün;  pl.  mästen  Stieler  1286,  E.Kleist,  Herder,  Wieland,  Goethe, 
Schiller,  H.  v.  Kleist  (vgl.  Gortzitza  3,  3). 

strahl, 
mhd.  sträle  stswf.,  sträl  stmf.  Man  könnte  von  dieser 
grundlage  für  die  nhd.  formen  eine  einfache  mischung  von 
masc.  und  fem.  flexion  annehmen.  Indes  scheint  die  beinahe 
ausschliessliche  herschaft  des  männlichen  geschlechts  in  der 
nhd.  epoche  diesen  schluss  zu  verbieten. 

Vgl.  gs.  strals,  das.  stral  Stretl.  ehr.,  das.  stral  B.  d.  beisp.  91,  ap.  sträl 
Zinim.  ehr.  288, 1,  strahl  m.  Da.sypodius,  Stieler.  —  Das  fem.  findet  sich  nur 
bei  Maaler:  straal  (vgl.  Michels,  Zum  Wechsel  des  nominalgeschlechts  im 
deutschen,  Leipzig  1889,  s.  34  f.).  —  Das  fem.  die  strahle  Steinbach  scheint 
mir  für  das  fortbestehen  des  weiblichen  genus  nicht  beweiskräftig.  Viel- 
mehr liegt  hier  eine  neuschüpfung  aus  dem  pl.  strahlen  vor.  —  Der  mit  i 
gebildete  plural  ist  vereinzelt :  Zimm.  ehr.  ap.  s/n>7  288, 1,  ä}^.  strälen  288,  G. 
—  Ohne  i;-plural  noch  n'p.strale  Luther  (dp.,s/r«?en  Waldis212,102),  ap.  donner- 
stral,  gp.  i:il  geschnitter  stral  Ayrer. 

Die  nhd.  flexionsweise  wäre,  wenn  wir  von  der  möglichkeit 
des  einflusses  des  fem.  absehen,  lediglich  durch  den  häufigen 
pluralgebrauch  veranlasst. 

pl.  straalen  Henisch  unter  blitz  s.  421,  ap.  strahlen  Kalloandro  1,  68, 
pl.  .s/ m/f/en  Morhof,  Ged.18. 1-11;  strahl  mit  gem.  flexion  Stieler,  Russ.  gramm., 
Frisch,  Hempel  etc.  —  Herder  \)].slruhlcn,  aber  hlitsstrahlc,  Steinbach  strahlm., 
pl.  strahle,  strahle  1".,  pl.  strahlen. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  321 

Zierat, 
mhd.  sieröt.  pl.  ziemten  Stieler  1475,  sierat  gem.  flexion  Weber,  Adelung-. 
Der  Niederdeutsche  Morhof  (Unterr.  547)  gebraucht  sierut  mit  fem.  genus. 

zins. 
mhd.  ziiis  stm.  Die  w-pluralbildung  ist  in  älterer  zeit  kaum  üblich: 
ap.  zinse  und  rent  Rosenblut,  pl.  zi^ise  Urk.  d.  st.  Arnst.  1481,  pl.  die  zins 
und  renten  2m.  Pauli,  gp.  zins  Mathesius,  ap.  zins  Frischlin,  ap.  zinse 
ß.  Fischer  88,  pl.  «/us<?  Steinbach,  Frisch;  n-plurale:  seiner  Zinsen  und  gulten 
Chmel  428,  gp.  zinsen  Zimm.  ehr.  269,  3. 

Der  nhd.  plural  Winsen,  der,  von  dem  vereinzelten  auf- 
tauchen in  älterer  zeit  abgesehen,  zuerst  bei  Stieler  2651  er- 
scheint und  später  von  den  grammatikern  Hempel  und  Weber 
als  norm  aufgestellt  wird,  ist  durch  die  bedeutungsentwicklung 
des  Wortes  vom  sing,  in  gewissem  grade  losgelöst.  Der  mzs 
bedeutet  die  abgäbe  an  den  grundherrn,  miete;  daher  boden- 
mns,  Jiausmis  u.  a.  Für  den  pl,  zinse  dagegen  wurde  im  laufe 
der  entwicklung  ausschliesslich  die  bedeutung  von  'entgelt  für 
geliehenes  capital'  geprägt,  und  in  dieser  häufigen  Verwendung 
musste  die  form  zinse  durch  die  Übermacht  der  fem.  w-a-stämme 
gedrängt  die  w-gestalt  annehmen;  vgl.  auch  abgäben,  steuern. 
Eine  aus  dem  pl.  entsprungene  nebenform  die  zinse  Stieler, 
Steinbach  machte  kein  glück. 

ritz. 

mhd.  riz,  ritzes  stm.,  nebenform  rizze  swf.  Die  bedeutungen 
des  m.  und  f.  greifen  schon  mhd.  ineinander  über. 

ritz  ra.  Maaler,  ritz  m.,  ritze  f.,  pl.  ritze  Stieler,  ritz  m.,  pl.  ritze  Stein- 
bach, ritz  m.,  pl.  steinritzen,  voller  ritze  Frisch,  ritz  m.,  pl.  ritze  Gottsched 
bis  Grimm. 

Das  m.  trat  also  gegenüber  dem  f.  in  nhd.  zeit,  und  zwar 
durch  seine  eigenschaft  als  verbalabstractum,  mehr  in  den 
Vordergrund  (vgl.  auch  spalt,  riss).  Im  pl.  ist  zwischen  m. 
und  f.  formenausgleich  eingetreten. 

see. 

mhd.  se,  seivcs  stm.,  nebenform  sc  stf.  Beide  geschlechter 
des  ^<'^■- Stammes  se  werden  im  mhd.  ohne  unterschied  der  be- 
deutung gebraucht. 

pl.  seu'c  Wyle,  pl.  seen  Lutlier,  Seb.  Münster,  Stieler,  Steinbach,  Frisch, 
Adelung. 

Die  nhd.  Scheidung  zwischen  die  see  'mare'  und  der  see 
'lacus'  findet  sich  erst  bei  Frisch  vollständig  ausgeprägt. 

Beiträge  zur  gescliichte  der  deutschen  spräche.     XXV II.  21 


322  MOLZ 

see  m.  ' stillwasser '  Maaler;  see  t  Stieler;  see  f.  quibusdam  etiam  der 
Steinbach. 

Spalt. 

mhd.  spalt  stm.,  nebenforni  spalte  stf.  Der  pl.  wurde  in  frühnhd.  zeit, 
wie  es  scheint  landschaftlich  beschränkt,  mit  umlaut  gebildet:  ap. sjjeZi  Pauli, 
pl.  S2)ält  Dasj'podius  (unter  rivia),  spalt  m.  Dasypodius,  Maaler,  i^palte  f.  Stieler, 
Spalt  m.,  pl.  spalte,  spülte  Steinbach,  spalte  f.  Steinbach,  sjxdt  m.,  hei  einigen 
die  spalte,  gp.  voller  spalte  Frisch.  Im  pl.  wurde  im  uhd.  die  fem.  neben- 
fonn  spalten  herschend  (vgl.  ritz). 

Die  bezeichnungen  lebender  wesen  mit  cons.  flexion 
(hauer  etc.),  die  in  die  mischklasse  eintraten,  gaben  nur  langsam 
und  noch  bis  heute  nicht  vollkommen  die  cons.  flexion  des  sing, 
auf;  sie  hatten  an  der  w-declination,  deren  träger  im  nhd. 
fast  nur  bezeichnungen  lebender  wesen  sind,  einen  starken 
rückhalt.  Hinzu  kam  das  stets  erneute  streben  nach  ausgleich 
mit  dem  w-pl.  Den  grad  der  stärke  dieses  dranges  kann  man 
ermessen  aus  der  rück  Wirkung,  welche  die  w-plurale  starker 
masc.  auf  den  sing,  ausübten.  Nur  in  älterer  zeit,  als  erst  all- 
mählich bei  den  masc.  die  ausbildung  einer  mischklasse  platz 
griff,  finden  sich  spuren  der  ausgleichung:  as.  dornen  Luther, 
Strohalmen  Alber.  Welche  momente  für  gedanc,  das  einzige 
starke  raasc,  das  unter  denselben  bedingungen  wie  die  hier 
erörterten  vom  pl.  aus  noch  weiter  verschoben  wurde,  ins  ge- 
wicht fallen,  haben  wir  gesehen. 

Der  einfluss  der  w-pluralform  und  damit  das  streben  nach 
einordnung  in  eines  der  grossen  declinationssysteme  ist  also 
nicht  hoch  anzuschlagen:  es  siegte  das  bedürfnis  nach  deut- 
licher Scheidung  der  numeri. 

Wie  lebenskräftig  im  laufe  der  entwicklung  die  misch- 
klasse wurde,  lässt  sich  an  dem  eintritt  einer  reihe  von  fremd- 
wörtern  in  ihr  System  erkennen:  diamant  aus  frz.  diamant, 
muslcel  aus  lat.  musculus,  nerv  aus  frz.  nerf,  trujjj)  aus  it.  truppa, 
Jmmnier  aus  nl.  Immmer,  staat  aus  nl.  staat.  Die  beiden  letzten 
haben  bei  der  herübernahme  nur  die  ihnen  in  nl.  spräche  eigen- 
tümliche flexion  gewahrt. 

diamant:  pl.  t^ewanie  Steinbach,  diamaide  Lessing,  dia^nanten Henii^el, 
Adelung.  —  niuskel:  muslcel  m.  Frisch.  Aus  dem  pl.  muskeln  hat  sich 
die  fem.  nebenform  (^Z/e  «««s/cenierausgebildet.  —  nerv:  im  16.  jh.  aus  dem 
franz.  als  masc.  entlehnt,  wurde  nerv  nach  den  a- stammen  tlectiert.  Der 
häufige  gebrauch  im  pl.  veranlasste  die  Jt-form  nerven,  aus  dem  ein  fem. 
geschafteu  wurde:   nerve  fem.  Frisch,   Herder.    Eine  spätere  anlehnuug  lUi 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  323 

das  lat.  bewirkte  von  neuem  das  masc.  genus.  —  trui)p: /r»j:)jjm.,  ])\.truppen 
Stieler,  Steinbach.  Das  fem.  die  truppe  ist  wol  aus  dem  frz.  la  troupe  her- 
zuleiten; doch  könnte  auch  eine  neuschöpfuug  aus  dem  pl.  zu  gründe  liegen, 
ygl.posse  fem.,  Behaghel,  Germ. 23, 270.  —  hummer:  hutnmer  m.  gem.  fiexion 
Adelung.  —  Staat:  staut  m.  gem.  flexion  Steinbach,  Frisch,  Hempel  etc. 

Uebertritt  der  masculina  auf  -el,  -er  in  die 
mischklasse. 

Für  eine  reihe  von  masc.  auf  -el,  -er  bedeutete  die  ge- 
mischte flexion  nur  ein  übergangsstadium  zum  eintritt  in  die 
klasse  der  feminina:  der  formalen  identität  des  pl.  mit  den  fem. 
liess  man  den  ausgleich  im  genus  folgen.  Meist  bot  indes  auch 
die  begriffliche  seite  der  Wörter  manche  berührung  mit  den 
femininen.    Es  traten  so  zu  den  fem.  über: 

angel. 

mild,  angel  stm.  angel  m.  Dasypodius  (unter  aculeus),  Sachs  402,  1, 
Maaler  20,  2 ;  angel  m.  f.  HenischSO,  pl.  fussangeln  Heuisch  1318;  angel  m., 
pl.  angeln  Stieler  764,  angel  m.  f.,  pl.  angel,  angeln  Steinbach. 

Zum  Wechsel  des  geschlechts  wäre  an  angeln  der  tür,  fuss- 
angeln und  nach  Bojunga  an  angelrute,  angelleine  zu  erinnern. 

hummel. 

mhd.  humel  stm.;  vgl.  hieyie,  wcspe,  fliege.  Noch  heute  ist  das  masc. 
nicht  ganz  erstorben. 

fessel. 

mhd.  vezsel  stm. ;  vgl.  kette,  pl.  handfesseln,  fussfesseln  Henisch  1075. 
—  fessel  m.:  tvie  zum  fessel,  da  man  ihn  züchtiget  Henisch  1075.  fesseln 
pl.  tant.  Stieler  438.  Dem  Niederdeutschen  Morhof  ist  nur  das  masc.  ver- 
traut, und  der  pl.  lautet  fessel:  die  liebe  schleust  die  weit  in  ihre  fessel  ein 
und  tceil  auch  die  fessel  selbst  nicht  härter  binden  können  Morhof,  Ged.  124 
und  125.    fessel  m.,  pl.  fessel  Steinbach  414,  pl.  fessel  Frisch  261. 

Staffel. 

mhd.  Staffel  stswm;  vgl.  stufe,  sprosse,  treppe;  —  Staffel  m.  Wyle46,  29, 
Staffel  f.  Stieler  2110. 

ammer, 

mhd.  amer  stm. ;  vgl.  amsel,  drossel  Das  männliche  geschlecht  besteht 
noch  heute  neben  dem  fem. 

maser. 

mhd.  maser  stm.    Nur  der  pl.  in  der  form  masern  ist  heute  geläufig. 

Bei  diesen  war  es  also  die  häufigkeit  des  pluralgebrauchs 
und  günstige  begriffliche  Verbindung,  die  die  weitere  Verschie- 
bung zur  folge  hatten. 

21* 


324  MOLZ 

Wie  "wird  es  mm  sein,  wenn  wol  die  häufigkeit  der  plu- 
ralisclien  Verwendung-  durch  den  w-pl.  eine  formale  berülirung 
mit  den  fem.  im  gefolge  hat,  die  begriffliche  Verbindung  aber 
dem  w^echsel  des  genus  sich  hemmend  in  den  weg  stellt?  In 
diesem  falle  behält  die  begriffsklasse  die  Oberhand.  In  dieser 
phase  der  entwicklung  stehen: 

Stachel, 
mhd.  Stachel  stm.    Die  Synonyma  dorn,  sporn,  mit   denen 
auch   die  flexivische   entwicklung  von  stacliel   hand  in  band 
gellt,  hinderte  den  übertritt  zum  fem.: 

Stachel  m.  as.  Waldis  290,  22,  Maaler  383,  sp.  3,  Heniscli  unter  dorn  73-i, 
Stieler  2156,  Steiubach  710.  Der  pl.  stacheln  ist  seit  dein  16.  jh.  üblich: 
np.  stacheln  Waldis  216, 16,  Moscheroscli  11,  Stieler,  Steiubach. 

Pantoffel, 
frülmd.  aus  it.  pantofola  (vgl.  oben  s.  258). 

Die  Volksbezeichnungen  Baiern,  Pommern  flectieren 
in  jüngerer  zeit  zuweilen  im  sing,  stark  (vgl.  Gortzitza  2, 418). 
Wie  bei  hauer,  veiter  war  auch  hier  die  gruppenverbindung 
mit  den  er-bildungen  für  die  voc.  flexion  des  sing,  entscheidend, 
vgl.  Scliiveizer,  Holländer  u.  a. 

VIII.  Schwache  masculiua. 

Die  w-klasse  der  masc.  des  mhd.  hat  in  nhd.  zeit  grosse 
einbussen  erlitten.  Alle  «-stamme,  die  der  pluralbildung  un- 
fähig sind,  giengen,  dem  drängen  ihrer  meist  begrifflich  ver- 
bundenen «-verwanten  nachgebend,  zm^  a- flexion  über:  mai, 
lenz,  reif  u.  a.  Ferner  wurden  eine  reihe  von  «-stammen,  die 
des  pl.  nicht  ermangeln,  zu  der  a-  bez.  i- flexion  verschoben: 
hlits,  greis,  mond,  stern,  leiclmam;  scJnvan,  herzog  u.  a.  Einige 
«-Stämme  haben  nur  im  sing,  die  /i- flexion  aufgegeben,  wie 
schmerz.  Die  schwachen  masc,  auf  -er  (-ere)  schlössen  sich 
der  in  der  nhd.  epoche  stark  angewachsenen  griippe  der  -er- 
bildungen  an,  wie  adler,  ampfer,  junJcer,  und  wenigstens  teil- 
weise hauer,  vetter,  Fommer.  Eine  grössere  anzahl  nahm  fem. 
genus  an:  hlume,  ßamtne,  loche,  schlänge,  Schnecke,  schölle,  tenne, 
trauhe  u.  a. 

Die  wichtigste  und  einschneidendste  Veränderung  in  der 
gruppierung  der  ursprünglichen  «-stamme  aber  wurde  durch 


NHD.   SUBSTANTTVFLEXION.  325 

die  im  nlid.  erfolgte  Scheidung  nach  dem  begrifflichen  Inhalt 
in  eine  n-  und  eine  «a-klasse  und  durch  die  ausbildung  der 
ersten  mischklasse  bewirkt.  Den  gründen  dieser  Verschiebungen 
haben  wir  unter  den  betr.  abschnitten  nachgeforscht.  Wenn 
wir  von  den  gen.  felsen  (n.  fels)  und  hiichstahcn,  die  nach  An- 
dresen  a.  a.  o.  s.  30  den  formen  felsens,  huclistahens  vorzuziehen 
seien,  absehen,  sind  bei  der  alten  r^-flexion  nur  bezeichnungen 
lebender  wesen  verharrt. 

Das  ist,  in  knappen  werten  ausgedrückt,  im  nhd,  das 
Schicksal  der  mhd.  i^-stämme  gewesen. 

Aus  andern  klassen  traten  zur  w-flexion  nur  wenige  über, 
und  zwar  nur  solche,  die  durch  ihren  begrifflichen  Inhalt 
hineinpassten.  Freilich  müssen  ausser  der  allgemein  begriff- 
lichen berührung  noch  andere  kräfte  gewaltet  haben,  ein  wort 
der  a-  oder  ^^a-flexion  dauernd  zu  entreissen.  Dass  im  15.  und 
16.  jh.  das  gefühl  für  die  schwache  fiexion  der  namen  von 
lebewesen  sehr  ausgeprägt  war,  zeigen  die  sporadisch  auf- 
tauchenden M-bildungen  von  Wörtern  wie  mönch,  herold,  fuchs, 
Specht.    Von  bestand  aber  waren  diese  Übergänge  nicht. 

Es  erhebt  sich  zunächst  die  frage,  ob  die  nhd.  f^-stämme 
seit  mhd.  zeit  Wandlungen  durchgemacht  haben.  Wenn  wir 
nur  die  flexionsweise  ins  äuge  fassen,  so  ergibt  sich,  dass  der 
endpunkt  mit  dem  ausgangspunkt  zusammenfällt.  Nur  vorüber- 
gehende und  stets  vereinzelte  Schwankungen  traten  in  ihrer 
flexion  hervor.  Zunächst  war  es  der  gen.  sing.,  der  sich  hin 
und  wider  anschickte,  an  der  Verschiebung  der  ;«-stämme  teil- 
zunehmen, die  nicht  mo vierte  begriffe  bezeichnen.  Niemals 
aber  trat  ein  nom.  mit  unorganischem  n  in  erscheinung,  ob- 
gleich doch  die,  wenn  auch  vereinzelten  mhd.  «a-stämme  heiden, 
Icristcn,  rahen  eine  uaclibildung  ermöglichten.')  Dann  traten 
auch  ganz  vereinzelt  nhd.  j^- stamme  mit  den  a- stammen  in 
unmittelbaren  contact. 

Ehe  wir  auf  die  berührung  mit  den  «rt-stämmen  im  gen. 
sing,  eingehen,  haben  wir  auf  den  nom.,  der  zuweilen  in  unserer 
Schriftsprache  die  a-forni  angenommen  hat,  unser  augenmerk 
zu  richten. 


*)  Eine  nom.-form  Studenten  bei  Folz  und  schcrrjen  bei  H.  v.  Kleist 
können  ibres  absoluten  alleinstebcns  wegen  ausser  acbt  gelassen  werden. 


326  MOLZ 

Die  form  des  nominativs. 
Die  frage  nach  dem  bleiben  oder  abfall  des  stammliaften 
auslautenden  e  in  der  nlid.  Schriftsprache  hat  die  forschung 
widerholt  beschäftigt;  vgl.  Behaghel,  Germ.  23,  265  ff.  Pauls 
Grundr.l2,  §  isi.  Bojunga  s.50ff.  Wilmanns, Deutsche  gr.l,272ff. 
V.  Bahder,  IF.  4, 358  ff.  Von  bedeutuug  für  die  behandlung  des 
auslautenden  e  der  schwachen  masc.  können  für  uns  nur  ostmd. 
und  nd.  denkmäler  sein.')  Hier  bildete  sich  die  form,  die  im 
laufe  der  entwicklung  zur  norm  erhoben  wurde.  Hierzu  zu- 
nächst einige  allgemeine  bemerkungen. 

Die  frage  nach  dem  Schicksal  der  auslautenden  c,  d,  i.  der 
stammhaften  sowol  wie  der  flexivischen,  in  den  nach  der  heimat 
ihrer  Verfasser  mundartlich  verschieden  gefärbten  schritten  des 
15. — 18.  jh.'s  ist  noch  nicht  endgiltig  gelöst.  Für  die  geschichte 
der  theorie  über  diese  frage  ist  von  Wichtigkeit  Jellinek,  Ein 
capitel  aus  der  geschichte  der  deutschen  grammatik,  in  den 
Abhandl.  zur  germ.  philologie  1898,  s.  31  ff.  Zur  beantwortung 
der  frage  nach  der  restitution  der  auslautenden  e  hat  K.Burdach, 
Zur  geschichte  der  nhd.  Schriftsprache,  in  den  Forschungen  zur 
germ.  philol.  1894,  s.  291  ff.  in  anregender  und  belehrender  weise 
neue  gesichtspunkte  erschlossen.  Burdach  wird  in  seinem  viel- 
versprechenden werk :  Die  einigung  der  nhd.  Schriftsprache  des 
näheren  auf  die  ganze  frage  eingehen.  Eine  ausführliche  Unter- 
suchung über  die  abstossung  des  end-e  beim  nomen  in  der  nhd. 
Schriftsprache  hat  v.  Bahder,  IF.  4,  352,  anm.  in  aussieht  gestellt. 
Hier  sollen  nur  in  kürze  einige  beobachtungen  widergegeben 
werden.  In  obd.  Schriften  des  15.  und  16.  jh.'s  ist  die  apokope  des 
auslautenden  e  beim  subst.  regel.  Für  die  alem.  schritten  aus 
dieser  zeit  gilt  das  eben  bemerkte  nicht  in  vollem  umfang.  Die 
fem.  ableitungen  aus  adjectiven  wie  liehe,  gute,  veste  haben  hier 
ihr  e  gewahrt  (Pauli,  Manuel).  In  Schriften  westmd.  herkunft  ist 


1)  Auch  des  Erasmus  Albenis  buch,  W.  d.  verfl.  lehre  d.  Karlst,  Neu- 
Brandeuburg  1556,  "wird  iu  betracht  gezogen.  Hier  sind  die  end-e  fast  durch- 
weg gewahrt.  Inwieweit  das  mit  dem  drnckort  zusammenhängt,  entzieht 
sich  einer  sicheren  entscheidung.  Ausserdem  wird  der  Sprachgebrauch  der 
Urkunden  des  l-t.  und  15.  jh.'s  ins  äuge  gefasst,  und  der  der  ersten  Mainzer 
Chronik,  wo  die  ausblutenden  e  nocli  nicht  wie  später  vielfach  auf  rhein- 
fränk.  gebiet  geschwunden  sind. 


NHD.   SÜBSTANTIVFLEXION.  327 

die  apokope  nicht  in  dem  masse  zum  durchbruch  gekommen 
wie  in  den  oberdeutschen.  Beweisfundstätten  sind  die  werke 
von  Alber,  Waldis.  Am  treuesten  bewahrt  wurde  das  end-c 
bei  den  Ostmitteldeutschen.  Luther,  Jonas,  Mathesius,  Spangen- 
berg- haben  der  apokope  meist  nicht  räum  gegeben  (vgl.  R.  Hilde- 
brand, Ueber  den  meissnischen  dialekt,  in  den  Verhandl.  der 
22.  versamml.  deutsch,  philologen  und  Schulmänner  in  Meissen, 
1863.  Ueber  den  schlesischen  dialekt  vgl.  die  literatur,  die 
Burdach  a.  a.  o.  s.  316,  anm.  angibt). 

Im  laufe  des  17.  jh.'s,  als  man  daran  gieng,  über  die 
forderungen  der  dichtkunst  und  einer  nationalen  Schriftsprache 
zu  reflectieren,  als  Opitz  sein  hiatusgesetz  aufstellte,  als  sprach- 
gesellschaften  ins  leben  traten,  deren  vornehmste  aufgäbe  die 
Sprachreinigung  war,  erst  da  gelang  es,  die  Schriftsprache  über 
unmittelbare  dialektische  einflüsse  emporzuheben,  erst  da  wurde 
der  ostmd.  sprachtypus  in  betreff  der  Währung  der  end-e  zum 
muster  genommen.  Welche  ungeheure  kluft  in  hinsieht  auf  die 
behandlung  des  end-e  besteht  z.  b.  zwischen  der  spräche  der 
Nürnberger  Sachs  und  Ayrer  einerseits  und  des  Nürnbergers 
Stieler  andererseits.  Ja  man  braucht  nur  ein  halbes  Jahrhundert 
nach  der  schriftstellerischen  tätigkeit  Ayrers,  der  seiner  mundart 
entsprechend  die  auslautenden  e  apokopiert,  die  Übersetzung 
eines  italienischen  romans,  den  Endimiro  Kalloandro  1  und  2 
(Nürnberg  1656;  Berl.staatsbibl),  wo  fast  kein  end-e  abgestossen 
ist,  zum  beweis  der  fruchtbringenden  auf  sprachliche  restitution 
zielenden  bemühungen,  die  in  erster  linie  von  Opitz  und  den 
Sprachgesellschaften  ausgiengen,  heranzuziehen.  Und  wenn 
Moscherosch  das  end-e  meist  widerhergestellt  hat,  so  kann  er 
nur,  der  allgemeinen  Strömung  nachgebend,  sich  die  werke  der 
schlesischen  dichter  zum  beispiel  genommen  haben.  Schupp 
wirft  das  end-e  noch  sehr  häufig  ab.  Besonders  häufig  zeigen 
bei  ihm  die  schwachen  masc.  Verlust  ihres  stammhaften  e: 
Jcnah,  buh,  jung,  jud,  sclnvab,  erb,  pfaff- 

Dass  schliesslich,  wenn  aucli  zuweilen  nach  langem  wider- 
stände, Alldeutschland  zur  widerlierstellung  des  unbetonten  e 
in  der  kunstmässigen  Schriftsprache  übergieng,  ruht  im  letzten 
gründe  in  der  tatsache,  'dass  alle  schriftliche  Überlieferung 
überall  ein  unausrottbar  eingewurzeltes  bedürfnis  liat,  die 
sprachformen  zu  restituieren',  wie  Burdach  a.a.O.  s.  320  treffend 


328  MOLz 

bemerkt.  Vgl.  auch  Nohl,  Die  spräche  des  Niclas  v.  Wyle, 
Heidelberg-  1887,  s.  65  ff.  Nach  Nohl  hält  bei  AVyle  die  volle 
form  der  apokopierten  gegenüber  die  wagschale.  Auch  in  der 
Stretlinger  chronik  und  in  den  Schriften  des  Albrecht  v.  Eyb 
ist  die  apokope  nicht  durchgefülirt.  Es  stehen  hier  den  ver- 
kürzten die  historischen  formen  wenn  auch  in  der  minderheit 
gegenüber.  Der  volksmund  hatte  natürlich  längst  apokope 
eintreten  lassen.  Es  mögen  diese  beispiele  Zeugnisse  dafür 
sein,  dass  auch  unabhängig  von  ostmd.  einfluss  in  der  schrift- 
lichen fixierung  der  spräche  zu  allen  zelten  die  tendenz  hervor- 
trat, die  vollen  formen  widerherzustellen.  Die  mit  unrecht 
gegen  das  sog.  lutherische  e  geführte  campagne  hielt  in  Baiern 
noch  bis  in  die  mitte  des  18.  jh.'s  von  dem  völligen  anschluss 
an  die  Schriftsprache  zurück.  Im  Parnassus  boicus  und  in  der 
Jesuitenpoesie  begegnen  noch  häufig  apokopen.  Die  Schweiz. 
Schriftsprache  nimmt  in  anderer  weise  zu  dem  auslautenden  e 
Stellung:  die  end-e  sind  alle  widerhergestellt;  aber  in  dem  ge- 
folge  dieser  restitution  erscheinen  eine  menge  unorganischer  e, 
die  erkennen  lassen,  wie  sehr  die  apokope,  die  dem  volksmund 
allein  geläufig  war,  die  ursprünglichen  Verhältnisse  verdunkelt 
hatte.  Als  die  letzten  ausläufer  der  in  diesem  sinne  hyperhoch- 
deutsch gestalteten  spräche  der  Schweiz  sind  wol  die  Discourse 
der  mahlern  von  Bodmer  und  Breitinger  zu  betrachten. 

Die  auffassung  Schotteis  von  dem  auslautenden  stamm- 
haften e  hat  zuerst  Jellinek  a.  a.  o.  s.  55  ff.  ins  rechte  licht 
gerückt.  Schottel  war  in  dem  Irrtum  befangen,  die  deutschen 
Stammwörter  seien  einsilbig,  und  da  der  nom.  sing,  das  wort 
an  sich  darstelle,  dürfe  ein  e  am  ende  des  wortes  nicht  vor- 
kommen. Das  end-e  hatte  für  Schottel  nur  fiexivischen 
Charakter.  Seiner  theorie  gemäss  verwirft  er  das  auslautende  c 
der  schwachen  masc;  aber  er  fordert  das  end-e  im  pl.:  tage, 
hände,  mause,  v.  Bahder  hat  IF.  4, 352  in  der  absieht,  Bojungas 
falsche  deutung  von  der  Stellung  Schotteis  zu  der  e- frage  zu 
berichtigen,  darauf  hingewiesen,  dass  eine  der  Sonderbarkeiten 
Schotteis  in  dem  häufigen  abstossen  des  e  vorliege.  Schottel 
habe  als  Niederdeutscher  die  im  wesentlichen  md.  Schriftsprache 
nicht  völlig  erfasst.  AVie  schwankend  der  Sprachgebrauch 
Schotteis  indes  in  betreff  der  bewahrung  oder  abstossung  des 
stammhaften  end-e   ist,   hat  Jellinek  s.  57  angedeutet.     Die 


NHD.   SUßSTANTIVFLEXION.  329 

formen  mit  e  drängen  sich  stets  bei  ihm  ein.  Es  ist  nur 
natürlich,  dass  unter  den  gTammatischen  kategorien  und  im 
Wörterbuch  die  e-lose  form  vorherseht.  Nur  aus  dem  gegen- 
satz  zwischen  seinem  irregeleiteten  grammatischen  bewusstsein 
und  seinem  natürlichen  sprachlichen  empfinden  ist  meiner  auf- 
fassung  nach  die  grosse  mannigfaltigkeit  der  formen  zu  er- 
klären. Zum  beweise  der  richtigkeit  dieser  annähme  möge 
die  spräche  der  Schauspiele  des  herzogs  Julius  von  Braunschweig 
herangezogen  werden:  hier  sind  die  auslautenden  e  mit  grösster 
gewissenhaftigkeit  gewahrt.  Auch  der  Niederdeutsche  Adam 
Olearlus  (s.  W.  Wackernagel,  Deutsch,  lesebuch  3, 1, 670  ff.)  Avahrt 
das  stammhafte  end-e.  Lübben,  Mnd.  gramm.  s.  20  macht  keine 
genauen  angaben.  Indes  das  häufige  vorkommen  des  epithe- 
tischen c  in  nd.  dialekten  legt  die  Vermutung  nahe,  dass  das 
stammhafte  e  meist  erhalten  wurde  (vgl.  Friedrich  a.  a.  o.  s.  7). 

Man  wird  Luthers  bedeutung  für  die  nhd.  bildungssprache 
nicht  gerecht,  wenn  man  annimmt,  Luthers  werke  seien  gleich- 
sam 'sprachliche  muster  für  die  folgezeit'  geworden.  Darauf 
hat  Burdach  widerholt  hingewiesen,  zuletzt  a.  a.  o.  s.  293.  Einen 
andern  Standpunkt  nimmt  v.  Bahder  s.  353  ein,  der  in  der  Bibel- 
übersetzung von  1545  ein  werk  erblickt,  auf  das  in  erster  linie 
die  spätere  Schriftsprache  gegründet  sei.  Gegen  v.  Bahder 
wendet  sich  Jellinek  a.  a.  o.  s.  64,  anm.  2.  AVenn  J.  Grimm  von 
dem  'protestantischen  dialekt'  spricht  und  die  nhd.  Schrift- 
sprache darunter  begreift,  so  hat  das  nur  insofern  seine  berech- 
tigung,  als  confessionelle  gegensätze  mit  sprachlichen  in  Ober- 
und  Mitteldeutschland  zusammentrafen. 

Die  formale  seite  einer  geistig  hochstehenden  literatur 
in  Ostmitteldeutschland  und  Niederdeutschland  schloss  schon 
von  vornherein  die  gewähr  einer  grösseren  giltigkeit  in  sich 
gegenüber  den  ausdrucksformen  einer  minder  vollwertigen 
literatur  auf  obd.  boden.  Das  ist  auch  der  grund,  Avarum  die 
nach  ihrer  heimatlichen  mundart  sehr  verschiedenen  deutschen 
klassiker  Klopstock  und  Lessing,  Herder,  Goethe,  Wieland  und 
Schiller  die  einheitliche  Schriftsprache,  wie  sie  bei  den  Ost- 
mitteldeutschen  und  Niederdeutschen  ausgeprägt  war,  als  not- 
wendigkeit  empfunden  und  durchgeführt  haben. 


330  MOLZ 

Gehen  wir  nun  zum  einzelnen  über,  so  sind  als  gesicherte 
ergebnisse  der  bisherigen  forschung  zu  betrachten: 

1)  Das  end-e  musste  nach  dem  nhd.  auslautsgesetz  schwinden 
in  dolmetsch  (mhd.  tolmetsclie  swm.),  mimdsdienh,  oherst,  schult- 
lieiss,  Steinmets,  truclisess,  dompfaff,  distelftiik. 

2)  Aus  der  häufigen  proklitischen  Stellung  als  titel  giengen 
hervor  herr,  fürst,  graf,  prins  (auch  als  fremd  wort  musste  mhd. 
prinze  seines  e  verlustig  gehen).  Wol  auch  schenk  neben 
schcnJie]  vgl.  schenk  von  Limturg,  schenk  von  Schwemsherg. 

Nach  dem  anheben  der  Wirksamkeit  von  Behaghels  laut- 
gesetz  im  beginn  der  nhd.  zeit  lässt  sich  auf  die  frühe  giltig- 
keit  der  c- losen  form  der  unter  1)  genannten  Substantive 
schliessen. 

Einige  belege  stehen  nm-  zur  Verfügung:  ns.  scJmltheiz  1385  Weizs.l, 
Purgoldt,  Alber,  stcinmeiz  Alber,  aber  ns.  R-e^HSc/jeHÄc  AVeise-M. 

herr. 

lulul.  herre  swm.  Schon  im  mhd.  ist  die  gekürzte  form  her  in  der 
anrede  und  vor  titeln  üblich.  Schon  im  15.  jh.  war  die  kürzuug,  wie  zu 
erwarten,  in  compositionen  üblich :  friherr  Mainz  1,  306,  9,  dumherr  Mainz 
1,  319,  3,  aber  gnediger  herre  Mainz  1,  373, 17,  und  herre  Mainz  1, 191, 1.  — 
Im  16.  jh.  wird  die  verkürzte  form  geläufig:  herre  Urk.  d.  st.  Arust.  (1196), 
I'urguldt,  herre  und  herr  (Serni.  und  Bibel  v.  1545)  Luther,  herr  Eebhuhn, 
zuweilen  herre,  z.  b.  ja  herre!  herre  mein;  herr,  zuweilen  herre  J.Jonas, 
herre  und  herr  Clajus,  J.  v.  Braunschw.  —  Im  17.  jh.  ist  die  volle  form  fast 
untergegangen :  herr  Pöhuaun,  Zesen,  Weise  25.  Doch  noch  Reuter,  Schel- 
mufsky  19  ns.  herre. 

Es  sei  hier  noch  auf  die  Avenn  auch  nur  vereinzelt  vorkommende  be- 
%vahrung  des  end-e  von  herre  in  Verbindung  mit  goft  liingewiesen  in  denk- 
mälern,  wo  die  apokope  die  auslautenden  e  vernichtet  hatte:  goit  der  herre 
Augsb.  5, 12, 15  und  Ayrer  (auch  in  der  Verbindung  der  herre  mein  ist  bei 
Ayrer  das  e  gewahrt). 

fürst. 

mhd.  cürale  swm.  ns.  füräie  Urk.  d.  st.  Arnst.  1410,  Purgoldt,  f'ürste  und 
fürst  (Bibel  v.  1545)  Luther,  farst  Rebhuhn,  fürst  vereinzelt  fürste  J.  Jonas, 
landfürst,  fürste  Alber,  fürst  J.  v.  Braunschw.,  Arndt,  Pölmanu,  Stieler,  Stein- 
bach.   Vereinzelt  sind  im  17.  jh.  ns.  /'ürsk  Lohenstein  15,  Weise  186. 

graf. 
mhd.  gräte  swm.  In  Urkunden  des  14.  jh.'s  schwindet  das  e  zuerst 
vor  eigennamen  und  in  compositis.  Aus  Weizs.  1  eitlere  ich  graf  Ullrich, 
graf  Hans  etc.,  landgraf  1377,  pfalzgruf  1375.  Die  form  grafc  behauptet 
sich  bis  ins  18.  Jh.,  wenn  auch  bereits  im  16.jh.  die  form  r/m/' vorzuherschen 
scheint:  ns.  ^ra/'e  und  ^ra/' Mainz  1,  305,  36.  191,11,  landgraf,  margrav  Urk. 


NHD.    SUBSTANTIVFLEXION.  331 

d.  st.  Arnst.  von  1407  und  1440,  greife  meist  in  den  Urk.  d.  st.  Arnst.  (1496), 
fjrafe  Luther,  Clajus,  graf,  zuweilen  [irafe  J.  Jonas,  graf  J.  v.  BraunscliAv., 
grafe  Zesen,  Weise  23,  graf  Pölmaun,  Stieler,  Frisch,  grufe  Steinbach. 

priiiz. 
mhd.  prinze.    ns.  prinz  Pölmann,  Steiubach. 

Ausserdem  haben  noch  folgende  das  c  eingebüsst:  (jede, 
narr,  tor,  mensch,  mohr.  Zuerst  suche  ich  in  beispielen  den 
verlauf  der  entwicklung  anzudeuten: 

geck. 

mhd.  gec,   gecl'e  stswm.,    nl.  gelc.    ns.  geck  J.  v.  Brauuschw.,   Stieler, 

Steinbach. 

narr. 

mhd.  narre  swra.  ns.  narre  und  narr  (Serm.  und  Bibel  von  1445)  Luther, 

narr  Alber,  narre  :  narr  =  1  :  4  J.  v.  BraunschAV.,  narr  im  voc.  6  m.  ebda., 

narre  Arndt  533,  narr  Weise  91. 193  (zu  dem  gebrauch  im  voc.  vgl.  Weise  207), 

narr  und  narre  Stieler,    narr  Pölmann,   Steinbach,  Frisch,  Hempel,   narre 

Lessing  zuweilen.  , 

^  tor. 

mhd.  iöre,  tor  swm.  ns.  iorc  Purgoldt,  thor  Luther,  Pölmann,  Stieler  2280, 

Steinbach,  Frisch,  Hempel. 

mensch. 

mhd.  mensche,  mensch  SAvstm.  ns.  «;(>>!sc7t  1410  bei  Janssen  1 ,  mensche 
2  m.,  mensch  1  m.  Purgoldt,  mensch  Luther,  Eebhiihn,  Jonas,  mensche  und 
mensch  Alber,  mensche  Rollenhagen  29,  mensche  :  mensch  =  1:3  J.  v.  Braun- 
schw.,  mensch  Arndt,  Opitz  54,  mensche  Zesen,  Weise  96,  Reuter,  Schelm.  135, 
mensch  Weise  23.  26.  177.  181.  186,  Pölmann,  Stieler,  Steinbach. 

mohr. 
mhd.  mar,  murc  stswm.    mohr  Luther,  Pölmann,  Morhof,  ünterr.  786, 
Stieler,  Steiubach,  Frisch. 

An  alten  mustern  für  die  abstossung  des  end-e  bei  n-stämmen 
fehlte  es  nicht.  Einerseits  unterdrückten  bereits  im  mhd.  alle 
ursprünglich  kurzsilbigen  stamme  auf  liquida  oder  nasal  meist 
das  auslautende  e  —  Jiol,  an{e),  ]ian(e),  swan(e),  van(e),  ar,  her, 
spor(e),  star,  stir(e),  stör(c),  ver(e)  —,  andrerseits  findet  sich  von 
alters  her  öfter  ein  nebeneinander  von  starker  und  schwacher 
flexion.  So  steht  bereits  mhd.  (nach  Lexers  Mhd.  wb.)  btir  neben 
Mire,  (jer  n.  (jere,  gir  n.  (jtre,  heim  n.  helme,  hirz  n.  hirse,  Iccrn  n. 
licrne,  leim  n.  leime,  sahn  n.  salme,  schelm  n.  schelme,  spas  n. 
spatze,  spros  n.  sprosse,  stern  n.  sterne,  storch  n.  storche,  strdl  n. 
sträle,  striis  n.  strüse,  vlec  n.  vlecJce.  Im  nlid.  sind  diese  Wörter 
entweder  zur  «-klasse,  oder  zur  zweiten  mischklasse  verschoben, 
nachdem  alle  ihr  auslautendes  e  eingebüsst  hatten. 


332  MOLZ 

Nur  wenige  n- stamme,  die  schon  mlid.  eine  «-nebenform 
hatten,  verblieben  bei  der  w-flexion:  geclc  —  gecl^e,  menscJi  — 
mensche,  mor  —  more,  tör  —  töre.  Die  stütze,  die  die  zahl- 
reichen n-nmsc.  ohne  end-e  boten  —  denn  die  weiterverschie- 
bung  hieng  wesentlich  von  der  verkürzten  nom.-form  ab  — 
war  jedenfalls  kräftig  genug,  die  wenigen  «-masc.  von  personen- 
bezeichnnngen,  die  schon  mhd.  das  auslautende  e  häufig  ab- 
warfen, in  der  verkürzten  form  in  die  Schriftsprache  hinein- 
zutragen. 

Im  nhd.  gehören  zu  den  seit  mhd.  zeit  erhaltenen  «-stammen 
noch  folgende:  huobe,  erhe,  hiabe,  Jude,  rinde,  Tjürgc,  verge, 
Scherge,  zeuge,  hase,  rise,  letce,  dazu  spätmhd.  slave,  sMave. 

Bei  diesen  konnte  im  nhd.  die  apokope  nicht  eintreten, 
weil  dem  end-e  ein  stimmhafter  geräusclilaut  vorausgieng. 
Aber  auch  fast  alle  anderen  haben  in  der  nhd,  epoche  ihr 
ausl.  e  bewahrt:  leie  (leije),  hiune,  senne,  huole,  geselle,  hempfe, 
hiappe,  hole,  gäte,  geverte,  hate  (paie),  hracke,  valke,  vinke,  recke, 
(nhd.  schurJce),  äffe,  läppe,  (nhd.  laffe),  neve,  nef,  phaff'e,  (nhd. 
schuhe),  irache,  ochse,  götze,  schütze  (nach  Lexer). 

Es  ergibt  sich  so  für  das  nhd.  die  tatsache:  alle  w-stämme 
der  masc,  die  bereits  im  mhd.  das  unbetonte  e  der  endung 
häufig  abwarfen,  oder  denen  c-lose  formen  starker  flexion  zur 
Seite  standen,  sind  in  der  verkürzten  form  in  die  Schriftsprache 
gedrungen;  alle  w- stamme  der  masc,  die  im  mhd.  das  end-c 
stets  behalten  haben,  sind  in  der  vollen  form  in  die  Schrift- 
sprache übergegangen.    Eine  ausnähme  bildet  nur 

narr, 
mhd.  narre,  v.  Bahder  hält  den  Schwund  des  ausl.  e  in  der 
Stellung  nach  r  für  lautgesetzlich.  Bei  den  kurzsilbigen  ar, 
her,  spor{e),  star,  stir{e),  stör(e),  ver{e)  und  den  langsilbigen 
hüre  —  hur,  gire  —  gir,  töre  —  tör,  möre  —  mör  tritt  diese 
tendenz  unverkennbar  hervor,  v.  Bahder  geht  aber,  wie  mir 
scheint,  zu  weit,  wenn  er  auch  für  die  nhd.  form  die  neigung 
zu  apokope  nach  r  geltend  macht.  Bojunga  hat  meiner  meinung 
nach  das  richtige  gesagt,  wenn  er  die  apokope  aus  der  Steige- 
rung des  accents  der  tonsilbe  bei  dem  häufigen  gebrauch  des 
Wortes  als  schimpf Avort  im  voc.  herleitet,  i)    Auch  mögen  com- 


')  Doch  beschränke  ich  Bojuugas  theorie  auf  die  erklärung  von  narr, 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  333 

posita  wie  liofnarr,  erznarr,  tvciheniarr  für  die  kürzung  der 
nom.-form  von  einfluss  gewesen  sein. 

Ausser  narr  hat  sich  von  den  hier  in  rede  stehenden  masc. 
kein  wort  in  der  durch  den  gebrauch  als  Scheltwort  zuweilen 
verkürzten  gestalt  in  die  Schriftsprache  eingang  verschafft. 
Es  gehören  hierher  affc,  laffe  (läppe),  pfaffe,  Jude. 

äffe. 

äffe  Alber,  Gneintz,  Steiubach,  Frisch,  Adelung-,  äffe  vel  ajf  Pöliuanu, 
äff  Stieler,  Heiuze  23. 

pfaffe. 

pfaffe  Alber  (aber  haalspfaff),  Stieler,  Steinbach,  Adelung,  jj/V//^Tur- 
8'oldt  (2  m.),  Pölmann,  Frisch,  Heiuze  23. 

laffe  (läppe). 

Iap2^e  Stieler,  Steinbach  1,  976,  laff  Frisch  1,  öGi,  läpp  Frisch  1,  577.  ^) 

Jude. 

Jude  Luther,  Spangenberg-,  ji'ide  Alber,  jüde  und  jtide  Mathesius,  jüde 
Pölmann,  jud  und  Jude  Stieler  902,  Jude  Steinbach,  jud  Frisch  1,  492.  i)  Im 
verächtlichen  sinne  ist  jud,  jüd  noch  heute  in  mündlicher  rede  gebräuchlich. 

Dass  bei  äffe,  pfaffe,  laffe  die  verkürzte  form  nicht  in 
aufnähme  kam,  ist  darin  begründet,  dass  äffe  seltener  als 
Schimpfwort  angewendet  wurde;  äffe  selbst  bot  dann  eine  stütze 
für  die  erhaltung  des  end-e  in  den  ähnlich  klingenden  laffe, 
pfaffe  (überdies  erst  in  jüngerer  zeit  nur  verächtlich). 

Schwankenden  gebrauchs  sind 

finke  —  fink. 

mhd.  finke  swra. ;  vgl.  huch-,  hlut-,  distelfinJc.  —  ns.  finJc  Luther,  fnike 
Gueintz,  fink  Pölmann,  Stieler  486,  Frisch,  fmJce  Christ.  Scriver  in  Wacker- 
nagels Leseb.  819, 18,  finke  Steinbach. 

hmp,  tropf.  V.  Bahder  bestreitet  überhaupt  die  richtigkeit  von  Eojungas 
annähme,  dass  auslautendes  e  durch  häufigen  gebrauch  eines  Wortes  im 
voc.  verloren  gegangen  sei.  Er  verweist  auf  laffe,  sehurke.  Niemand  wird 
leugnen  können,  dass  laffe,  sehurke,  von  ihrem  auftauchen  erst  in  nlul.  zeit 
ganz  abgesehen,  nicht  entfernt  so  häufig  im  voc.  anwenduug  finden  wie 
narr,  lump,  tropf.  Weshalb  lump,  tropf,  die  aus  concreta  entwickelt  sind, 
für  V.  Bahder  nicht  beweiskräftig  sind,  ist  nicht  einzusehen.  Es  besteht 
zwischen  lump  —  lumpen,  tropf —  tropfen  dasselbe  Verhältnis  wie  zwischen 
Franke  —  franken,  rappe  —  rappen.  Die  starke  flcxion  von  lump  und  tro2jf 
ist  bekanntlich  recht  jungen  datums. 

^)  Bei  Frisch  haben  aber  auch  knahe,  drache,  falke  u.a.  ihr  eud-e 
eiugebüsst. 


334  MOLZ 

schenke  —  schenk. 

mild.  schenJie  swm. ;  xg\.  mund-,  weinschenk  und  schenk  von  Limburg. 

—  ns.  schenJce  Stieler  1761,  Steinbach,  schenk  Frisch. 

f  arre  —  f  arr. 

mhd.  var,  varres  stm.  iind  varre  swm.  —  ns.  farr  Luther,  Steinbach 
(pro  taurns),  Frisch. 

hirte  —  hirt. 

mhd.  hirte,  hirt  stswm.;  vgl.  kiih-,  sau-,  gänsehirt.  —  hirte  Luther, 
Pülmann,  Zesen,  Stieler,  Steinbach,  Herapel,  hirt  Alber,  Frisch. 

Schranze  —  schranz. 

mhd.  schranz  stm.,  schranze  swm.;  vgl.  hofschranz.  —  ns.  schranz 
Stieler  1916. 

ochse  —  ochs. 

mhd.  ochse  stvtii.  Für  das  schwinden  des  e  kenne  ich 
keinen  triftigen  grund.  Man  könnte  an  den  gebrauch  des 
Wortes  als  Scheltwort  und  an  composita  wie  auer-,  hüffelochs 
denken.    Oder  ist  die  verküi'zte  form  süddeutschen  Ursprungs? 

ns.  ochs  Luther,  Alber,  ochse  Gueintz,  ochs  und  ochse  Pölmann,  Stieler 
1379,  Frisch,  ochse  Steinbach. 

Innerhalb  der  nhd.  epoche  büssen  in  ostmd.  und  nd.  denk- 
mälern  andere  schwache  masc.  ihr  auslautendes  e  nicht  ein, 
von  vereinzeltem  auftreten  apokopierter  formen  abgesehen: 

ns.  drach  Luther  (neben  drache),  Mathesius  2  m.  (Gueintz  drnche).  — 
ns.  geselle  :  gesell  =  3:4  J.  v.  Brauuschw.  —  Frisch  zeigt  eine  merkwürdige 
neigung,  das  e  der  schwachen  masc.  zu  apokopieren:  ns.  knab,  bub  und  bidie, 
drach,  falk,  ries,  götz,  schütz  u.  a.,  ns.  rabe,  bürge,  zeuge,  pate,  gatte  u.  a. 
Als  Schriftdeutsch  können  die  verkürzten  formen  nicht  betrachtet  werden. 

—  Pülmann  und  Steinbach,  zwei  Niederdeutsche,  haben  das  auslautende  e, 
wo  es  im  mhd.  stand,  stets  gewahrt:  so  bube,  buJüe,  bürge,  falke,  rabe, 
riese  Pölmann,  Steinbach  gegen  bub  (bube),  buhl  (buhle),  bürge,  fcük,  rab, 
rabe  (in  den  beisp.  stets  rabe),  riese  (sub  rek  s.  1507)  Stieler.  Man  sieht, 
der  Nürnberger  Stieler  ist  noch  vielfach  von  seiner  heimatlichen  mundart 
beeinttusst.  Pölmann  und  Steinbach  aber  geben  die  formen  wider,  die  im 
ostmd.  und  nd.  allgemein  für  die  Schriftsprache  in  geltung  waren. 

Der  gen.  singularis. 
Die  cons.  form  des  gen.  unterlag  zuweilen  der  mischung 
mit  der  voc.  der  a- stamme.  Der  grund  dieser  erscheinung 
liegt  auf  der  hand:  die  flexion  der  abstracten  w-masc.  glaube, 
name,  schade,  iville,  friede  bot  in  erster  Knie  einen  anknüpfimgs- 
punkt  für  die  genetivische  wa-form  bei  bezeichnungen  lebender 
wesen.    An  zweiter  stelle  kamen  aber  auch  die  zahlreichen 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION,  335 

w-stämme  von  bezeiclmung-en  lebloser  dinge  in  betracht,  deren 
flexionsformen  im  dat.  nnd  acc.  sing.,  häufig  aber  auch  noch  im 
nom.  sing,  und  vielfach  im  ganzen  pl.  (wenn  kein  umlaut  ein- 
trat) mit  den  entsprechenden  formen  der  hier  in  rede  stehen- 
den w-stämme  Übereinstimmung  aufzeigten.  Man  könnte  ver- 
sucht sein,  einzuwenden,  dass  die  berührung  mit  den  a-stämmen 
eine  unmittelbare  gewesen  sei.  Darauf  ist  zu  erwidern:  die 
n- Stämme  von  mo vierten  begriffen  nehmen  erst  dann  zuweilen 
die  -ens -form,  an,  nachdem  die  Verschiebung  der  erwähnten 
abstracta  abgeschlossen,  und  die  ausbildung  der  wa-klasse  wenig- 
stens zum  guten  teil  zu  ende  geführt  ist. 

Iin  15.  jh.  sind  die  genetive  auf  -ens  uur  ganz  vereinzelt  anzutreffen  i): 
Geiler  gs.  herrens,  hirtens,  Brant  menschens,  AugsL.  3  ires  herrens  111, 17, 
Eyb,  E.  erhens. 

Im  16.  jh.  mehren  sich  die  starken  bildungeu,  um  im  17.  jh.  noch 
grössere  ausdehnung  anzunehmen.  Ausser  einigen  nachzüglern  im  Süden 
wird  aber  auch  schon  im  laufe  des  17.  jh.'s  die  mischform  des  gen.  wider 
aufgegeben. 

Herschend  blieben  stets,  von  einigen  wenigen  Schriften  abgesehen,  die 
«-formen,  und  die  folgenden  belege  sind  nur  als  ausnahmefiille  zu  betrachten : 
Eyb,  D.  67,  4.  6  knabens,  Seb.  Frank  anherrns,  bubens  (nach  Kehrein),  Luther 
knabens,  hirtens,  Aventin  6il,  26  anherrens,  narrens  (nach  Kehrein),  Zimm. 
ehr.  66,  33  herrens,  Job.  Mathesius  kitrfürstens,  Dietenberger  knabens  (nach 
Kehrein),  Fischart  menschens  (nach  Kehreiu),  Volksb.  v.  dr.  F.  102, 11  gesellens, 
Henisch  1310.  1172  menschens,'^)    Weckherlin  2 ^)  ßrstens  225,12.  318,166, 


*)  Eine  gegenüberstellung  der  n-  und  ««-genetive  aus  allen  von  mir 
geprüften  texten  des  15.  jh.'s  ist  unmöglich.  Nur  einige  beispiele  aus  den 
translationen  des  Niclas  von  Wyle,  der  eine  strenge  Scheidung  beider  klasseu 
durchführt,  sollen  erwähnt  werden :  gs.  schuldherren  178,  25  u.  ö.,  bulen  102, 1, 
menschen  189, 21  u.ö.,  ochsen  190,  21  gegen  geloubens  318, 1.  6,  namens  318, 12, 
willens  163, 38;  lämdens  16,  8.  In  den  chroniken  von  Stretlingen,  Augsburg, 
Nürnberg,  in  den  fastnachtsspielen  von  Rosenblut  und  Folz,  bei  Michael 
Beheim,  Albrecht  von  Eyb  und  im  Buch  der  beispiele  finden  sich  nur  echte 
formen  der  nhd.  »i-stämme. 

^)  Wie  wenig  geläufig  auch  im  Süden  die  -ens-iorm  war,  beweist  das 
einzige  beispiel  menschens  bei  Henisch;  vgl.  sonst  bei  diesem  gs.  Z<o/en  470, 
erben  908,  fär-sfen  1309,  farmi  1008,  hanen  iOW,  herren  G98,  memchen698, 
Christen  602.  603. 

^)  Das  sind  auch  bei  Weckherlin  vereinzelte  fälle.  Ausser  den  geu.- 
formen  knaben  H76,  \0,  menschen  220,13.  56,67.  109,11.  322,376  stehen 
den  oben  erwähnten  mischformen  die  «-formen  in  grosser  überzahl  gegen- 
über: /«rs/en  251, 135.  255,161.  2(il,  59,  hcldcn  'S32,U.  276,115.  279,211 
(und  noch  5  m.),   herren  48,205.  209.  61,70.  74,267.  75,272  (und  noch  ca. 


336  MOLZ 

heldens  248,99.  280,234,  /«m-eHS  226,  21,  0\ntzrahcnsJieMens,2}oetens{B.\. 
(1.  d.  p.  s.  49),  Fleming-  fi'ostens,  heldens,  knabens,  Harsdörffer  herrens,  men- 
schens, soldcdens,  Hofmanswaldaii  affens,  Schützens,  ochsens  (nach  Kelirein), 
Lohenstein  4G  anherrns,  feldhernis,  Weise  96  heidens,  Eeuter,  Schelm.  20.  34 
grafens,  Abraham  a  S.  Cl.  zuweilen  (in  Wiener  und  Salzburger  drucken) 
hasens,  lötvens,  menschens,  türkens,  Heribert  v.  Salurn  recht  häufig  christens, 
färstens,  herrns,  menschens,  riesens,  Schützens;  deines  nächstens,  Leibnitz  in 
Wackernagels  Leseb.  990, 13  fürstens.  Bemerkenswert  in  diesem  punkte  ist 
die  spräche  des  Kalloandro  1  und  2  (Nürnberg  1656).  Hier  sind  die  misch- 
formeu  sozusagen  mit  consequeuz  durchgeführt:  fürstens  1,50.  89.  2,214, 
grafßns  2, 198.  199,  herrens  2,  197.  199,  edelknabens  1,  8,  prinzens  2,  197 
(prinzen  2,  248),  zeiigens  2, 16,  und  geliehtens  1, 114.  Aus  dem  Simplicissimus 
ist  eine  mischform  von  Kehrein  nicht  beleg-t.  In  Wackernagels  Lesebuch 
finde  ich  nur  gs.  fürsten  und  gs.  frieäens.  Noch  viel  später  in  einem  spe- 
cifisch  oberdeutschen  denkmal  aas  den  zwanziger  jähren  des  18.  jh.'s  über- 
wiegt die  mischform:  Parnassus  boicus  1723/24  fürstens  234,  grafens  139, 
rheingrafens  138,  ebda.  1725  fürstens  271,  grafens  261.  394,  burggrafens  325. 

Von  einer  gesunden,  d.  li.  psychologisch  begründeten  ent- 
wickhmg  kann  hier  keine  rede  sein.  Die  stricte  durchfüln-ung 
der  -ens-iorm  im  Kalloandro  ist  vielmehr  ein  beweis,  wie  gram- 
matische Vorschriften  auch  vor  Adelung  bereits  autoritative 
kraft  hatten.  Welche  grammatik  dem  Verfasser  als  vademecum 
diente,  lässt  sich  schwer  entscheiden.  Ich  denke  an  Gueintz' 
Sprachlehre  (1641),  die  sich  in  jenen  tagen  grosser  beliebtheit 
erfreute.  Zur  erklärung  der  formen  im  Parnassus  boicus  vgl. 
die  abhandlung  über  die  deutsche  spräche,  Parn.  boic.  1723/24 
s.  395,  wo  herr,  gs.  lierrens  als  muster  für  die  flexion  der 
schwachen  masc.  aufgestellt  wird  (s.  auch  Schmeller,  Mundarten 
Bayerns  §  843). 

Bei  Wilwolt,  Pauli,  Manuel,  Alber,  Jonas,  Waldis,  Sachs,  i)  Spaugen- 
berg,  Ayrer,  Frischlin,  J.  v.  Braiiuschw.,  E.  Fischer,  Arndt  (in  Wackernagels 
Leseb.  s.  507  f.  gs.  menschen  :  glaubens,  tvillens),  Moscherosch,  Schupp,  Dach, 


20  ra.).  Dagegen  ist  die  na -form  des  gen.  der  im  uhd.  einer  Verschiebung 
unterliegenden  li-stämme  bei  Weckherlin  durchaus  herschend:  gs.  glaubens 
121, 73,  namens  52, 309.  155, 10,  mutwiUens  162, 173,  samens  322,  295,  gartens 
319,218  (ns.  ^«ri  319),  schmerzens  ßß,li.  296,4.  304,2,  herzens  89,57. 

')  Aus  band  10  und  20  der  werke  des  Hans  Sachs  mögen  folgende  bei- 
spiele  die  früh  erfolgte  Scheidung  im  gen.  sing,  der  »i- stamme  erläutern: 
gs.  hai/den  10, 6, 7,  herren  10, 15, 18.  16,  24,  knaben  10,  48, 25.  20, 101, 1, 
menschen  20, 127, 2,  narren  20,  498, 1,  aber  gs.  eidens  20,  440, 17  (zu  ns.  *eklen 
=  mhd.  eidem,  eiden)  und  gs.  fridens  20, 178,  2,  mehr  Schadens  denn  nutzes 
20,  291,  28,  schniertzens  20,  436, 17,  willens  20, 129,  18,  vil  mutwiUens  10,  28,  4, 
20, 460, 32. 


NHD,   SUBSTANTIVFLEXION.  337 

GiypHus,  Morhof  (gs.  menschen  Unterr.  s.  771  :  namens  s.  772,  fürsten  und 
herren  s.  77(\),  iu  dem  Verliebten  Europäer,  bei  Spener  (in  Wackernagels 
Leseb.  s.  9i5  ff.  gs.  herren,  menschen)  Bodiner,i)  Breitinger,')  Haller  sind  mir 
miscbformen  im  gen.  sing,  überhaupt  nicht  begegnet.  Ueber  spätere  ver- 
einzelte fälle  der  -e»s-form  vgl.  Gortzitza  3, 11. 

Auf  das  schwankende  urteil  der  grammatiker  über  die 
flexion  der  gedachten  >*- stamme  genau  einzugehen,  wäre  die 
aufgahe  einer  geschichte  der  nhd.  grammatik.  Hier  soll  nur 
festgestellt  werden,  dass  die  Zeugnisse  der  grammatiker  für 
sich  betrachtet  ein  falsches  bild  von  der  wahren  entwicklung 
abgeben. 

Clajus,  Helber  s.  21,  Schöpf,  Girbert,  Schottel,  Duesius,  Pölmanu  fordern 
die  gen.  herrn,  hiaben,  menschen  etc.  Albertus,  Oelinger,  Ritter,  Russ.  gramm., 
Bödiker  3  lassen  die  formen  hiahcn  und  l-nahens,  herren  und  herrens,  hären 
und  bärens,  riesen  und  riesens,  menschen  und  menschens  etc.  als  durch  den 
Sprachgebrauch  anerkannt  in  geltung.  Die  rein  cons.  flexion  wird  vollends 
völlig  aufgegeben  von  Gueintz  s.  4-4,  Parn.  boic.  1723/2'1  s.  395,  und  Antes- 
perg  (Wien  174!)).  Nach  Gottsched,  der  die  genetivische  mischform  als  mis- 
bräuchlich  kennzeichnet,  fordert  vor  allen  noch  Hempel  für  bestimmte 
Worte  -ens  im  genetiv. 

Berührung  mit  den  a-stämmen. 

Wie  im  gen.  sing,  zuweilen  eine  berührung  mit  der  voc. 
foi'm  der  zum  grossen  teil  secundär  entwickelten  masc.  auf 
-cn  und  der  die  nhd.  mischklasse  bildenden  w-stämme  zu  stände 
kam,  erfolgte,  wenn  auch  sehr  selten,  im  sing,  eine  unmittel- 
bare flexivische  berührung  mit  den  a-stämmen.  Nach  dem 
Schicksal  von  hahn,  schwan,  staar,  hirscli  lässt  sich  erwarten, 
dass  die  a-form  des  nom.  die  Vermittlung  der  a-flexion  bewirkte. 
Und  in  der  tat  haben  nur  w- stamme,  die  das  auslautende  e 
entbehren,  2)  mit  der  cf-flexion  fühlung  genommen.  Und  ferner 
lässt  sich  die  beobachtung  machen,  dass  in  erster  linie  der  mit 
dem  nom.  correspondierende  casus,  der  acc,  die  a-form  an- 
nimmt.») 


1)  Zur  feststellung  des  Sprachgebrauchs  von  Bodmer  und  Breitinger 
habe  ich  folgende  belege  aus  den  Discourseu  der  mahlern  (Bibl.  älterer 
schriftw.  d.  deutsch.  Schweiz  2.  Serie,  2.  heft  1891)  gesammelt:  Bodmer  gs. 
herrn  C3,  mensclmi  42.  99,  poeten  37.  41  und  fricdens  2G;  Breitinger  gs. 
menschen  21.  22,  narren  73  und  ivillens  82. 

2)  Sei  es  in  der  Schriftsprache  oder  im  dialokt  des  betr.  autors. 

»)  Die  citate  sind  nach  Kehrcin  luid  (i()rt/>itza2,  41G  ff.  vervollständigt. 

Beiträge  zur  geschichte  <ler  deutschen  spräche.     XXVIl.  22 


338  MOLZ 

bär. 

as.  tanzhür  2  in.,  aber  as.  hären  Schupp;  gs.  &(Vrs  Mügge,  hnmwibärs 
Gutzkow ;  ds.  bär  Lessing,  W.  Alexis,  Contessa ;  as.  hür  Herder,  Laube,  Mügge, 
hrummhür  Platen,  Gutzkow;  as.  5<Vj- und  ftären  J.  Grimm;  pl.  c?/e  hüre  2  m. 
Lessiug  (vgl.  Steiubacli  s.  65  här,  gs.  härs,  pl.  häre);  härswin.  Ritter,  Stieler 
s.  79,  Frisch  1,  72. 

Ausser  von  här,  das  besonders  in  jüngerer  zeit  zur  starken 
form  neigte,  sind  starke  bildungen  der  «-stamme  durchaus 
vereinzelt: 

fürst. 

gs.  fwrsfs  Cr euz,  kurfürsts  Mügge  (aber  gs.fürsten);  ds.  fürsi  Sachs,* ') 
Zachariä,  Schiller,  Gutzkow,  Herwegh,  Jciirfürst  Canitz;  as.  fürst  Haller, 
W.  Alexis,  Canitz,  J.  Grimm,  lurfürst  Bechstein. 

graf. 

gs.  vmrkgrafs  Uhland,  des  marl-grafs  weih  Hauptmann,  Schluck  und 
Jan;  ds.  wrtrÄ'^/ra/Fouque,  jj/V/L-r/^v//' Grillparzer,  K.Ott;  as.p/'o/^-^/ra/*  Nach- 
tigall, graf  J.  Grimm. 

lierr. 

gs.  desselben pfarrJierrs  weih  Alber;  ds.  herr  Tieck,  landesherr  W.  Alexis; 
as.  feldherr  Nieritz,  freiherr  Zschokke,  kauf  herr  Grimm.  2) 

Es  sei  noch  darauf  hingewiesen,  dass  besonders  die  com- 
posita  von  fürst,  graf,  herr  im  sing,  zur  starken  form  neigen. 
Es  liegt  diese  erscheinung  in  der  tatsache  begründet,  dass  fast 
alle  composita,  d.h.  Wörter  mit  einem  grösseren  lautcomplex, 
der  voc.  flexion  angehören. 

Zuweilen  büsst  auch  fürst,  graf,  herr  in  der  älteren  zeit 
seine  flexion  vor  eigennamen  ein.    Hier  kann  von  einem  über- 


1)  Bojunga  s.  57  verkennt  mit  berufung  auf  Kehrein,  dessen  citate, 
wie  schon  längst  erkannt,  durchaus  wirr  und  wegen  mangels  an  aus- 
reichender beobachtung  unzuverlässig  sind,  die  flexion  von  fürst  bei  H.  Sachs 
vollkommen.  Bei  Bojunga  lautet  der  passus:  Sachs  ds.  färst,  ap.  fitrsten  (jetzt 
nur  5;-declination).  Dass  der  dativ  farst  bei  Sachs  im  reim  steht,  gibt  Kehrein 
an,  und  das  allein  musste  Bojunga  von  der  eben  citierten  Zusammenstellung 
abhalten.  Und  um  zu  einer  richtigen  auft'assung  zu  gelangen,  musste  Bo- 
junga einen  band  der  werke  des  H.  Sachs  zur  band  nehmen.  Li  bd.  16  kommt 
jedenfalls  keine  a-form  von  fürst  vor.  Ich  habe  ausserdem  noch  bd.  20 
durcligesehen,  um  allgemein  übliche  «-formen  bei  Sachs  eitleren  zu  können : 
gs. /((rsto(  20,  304,  3.  406,3,  ds. /«rs/m  20, 142, 1.  3i)0,  33.  266,16.27.  304,29. 
305,  29.  405,  25,  as.  fürsten  20,  449,  5.     Auch  hier  begegnet  keine  «-form. 

'■')  Nicht  hierher  scheint  das.  pfarrher  bei  Ayrer  zu  gehören,  das  wol 
nur  durch  die  Schreibung  mit  herr  in  beziehung  gesetzt  ist,  aber  auf  mbd. 
pharrare  =  -ühA.  pfarrer  zurückgeht. 


KHD.   SUBSTANTIVFLEXIÖN.  339 

tritt  in  das  System  der  a-declination  füglich  keine  rede  sein. 
Die  flexion  unterbleibt  hier,  wenn  die  Standesbezeichnung  mit 
dem  folgenden  Substantiv  als  einheit  gefasst  wird  (vgl.  nlid. 
herrgott). 

graf. 
vom  markgraf  AlhrecJd  Augsb.  3,  87,  5,  dem  grossmütigen  lanägraf 
Phüipsen,  dass  es  pfalzgraf  Johann  nicht  beliebig  sei  Schupp,  und  sagt 
graf  Guido  hohen  dank  Sachs  20,  44:9, 14  (aber  bei  dem  grafen  Guido  ebda. 
449,  35).  Vereinzelt  und  iu  völliger  erstarruug  den  grave  Conraden  Zimm. 
Chr.  194, 19. 

herr. 

dass  ich  sein  herr  rattr  fand  Sachs  20,  107,  33,  ziecht  mit  dem  herr 
marschalk  hinaus  ebda.  75,  21,  (aber  auch  meinen  lieben  herrn  Antonium 
ebda.  228,  6,  irem  herrn  bruder  ebda.  211, 12,  dem  frommen  fürsten  Felo- 
pidam  ebda.  392,  20),  dem  neuen  herr  gevatter  Weise  98. 

Ferner  sind  noch  einige  wenige  a-formen  zu  belegen: 

gs.  seines  buls  fegfeuer  Pauli  (sächsischer  gen.!);  gs.falkes  Dieten- 
berger,  as.  falk  Fr. Müller,  Schiller;  ds.  fink  Lappe,  Herwegh,  as./twX- Spindler; 
gs.  knabes  Dietenberger,  nas.  knab  Dornblüth  (gds.  knaben);  gs.  mensches 
4.  Bib.,  as.  mensch  4.  Bib.,  Augsb.  5,  34,  4,  Zimm.  ehr.  30, 1,  Hofmanswaldau, 
J.  Grimm,  1)  as.  ^o«men.sc/i  Klopstock ;  as.  wio/tr  Lessing,  Hebel,')  ds.  pr/w^ 
Hofmanswaldau,  as.j^mt^  W.Alexis;  as.  schaff  Goethe,  ds.  sc  hui  z'Fr.MüWer, 
W.Alexis,  Hebel;  as.  schütz  Hebel,  freischütz  Laiibe. 

Der  pl.  fürste,  den  Kehrein  aus  der  4.  Bib.  belegt,  muss 
auf  einem  druckfehler  beruhen.  Eine  derartige  form  findet 
sich  weder  in  den  Chroniken  von  Nürnberg,  noch  in  irgend 
einem  andern  altd.  denkmal.  Ebenfalls  auf  einen  Irrtum  des 
Setzers  geht  der  as.  mensche  Weise  91  (am  leisten  tage  hat  er 
auch  den  mensche  erschaffe)  zurück  und  der  pl.  herre  Weise  92 
{hommt  her  ir  herre;  vgl.  Weise  91  secht  ir  herren). 

Uebertritt  in  die  w-klasse. 
1)  Einige  starke  masc.  auf  -en  sind  im  nhd.  zu  den  «-stammen 
übergetreten:  heiden,  Jcristen,  rahen,  scheffen. 

Christ, 
mhd.  Fristen  stm.    hristen,  aus  christianus  abgeleitet,  wurde 
im  nhd.  durch  die  ableitung  christ  von  Christus  verdrängt.    Der 


')  mensch,  mohr,  ior,  die  mhd.  zuweilen  stark  tiectieren,  haben  iu 
nhd.  zeit  die  voc.  iiexion  völlig  aufgegeben,  und  die  erwähnten  starken 
bildungen  von  moisch  \\\\i\.  molir  sind  als  neue  Schöpfungen  von  der  «-form 
des  nom.  aus  zu  betrachten. 

22* 


340  M0L2 

Vorgang  war  folgender:  Im  ahd.  und  mlid.  werden  beide  ab- 
leitungen,  wie  aus  Graff  4, 617  f.  und  ]\Ilid.  wb.  1, 383  ersiclitlich, 
scharf  auseinander  gehalten.  Ihrem  Ursprung  entsprechend 
bedeutet  C/^m^ 'Christus',  christäni  ' Christ'.  Dieses  Verhältnis 
besteht  noch  bis  zum  16.  jh. 

Stretl.  ehr.  nas.  endchrist  imd  gs.  chr/stens  zu  ns.  *chr/sten ;  Murner 
ns.  entenchrist  und  ns.  Christen. 

Dann  ^mrde  die  nom.-form  chnst  verallgemeinert,  unter- 
stützt von  dem  lautbild  der  begrifflich  entgegengesetzten  heid{e), 
jud{e). 

Die  Scheidung  in  der  fiexiou  blieb  aufrecht  erhalten :  Manuel  ns.  anti- 
christ,  gs.  entchn'sts,  ds.  entehr  ist,  und  ns.  Christ,  as.  Christen.  Beispiele: 
ns.  Christ  Folz,  ns.  Christen  Füeterer  312,  Pnrgoldt,  Murner,  Pauli  9  m.  (christ 
1  m.),  ns.  Christ  Augsb.  5,  98,  8,  ein  haid  oder  ein  christ  Augsb.  5,  296, 17, 
ns.  Christ  Aventiu  762,  3.  15.  807,  7,  gs.  Christen  Aventin  808,  4,  ns.  christ 
Luther,  Rebhuhn,  Jonas,  Mathesius,  Sachs  -178, 2.  6,  Frischlin.  Bei  Alber, 
W.  d.  vei-fl.  lehre  d.  Karist.,  herscht  noch  schwanken.  Die  form  lautet  in  der 
anrede  stets  christ.    Sonst  Christen  :  christ  =  5:6. 

Einen  interessanten  fall  von  momentaner  formübertragung  bietet  eine 
Urkunde  von  1382  bei  Weizsäcker  1:  er  si  Icoufmmi,  human,  pfaff'e  oder  leige, 
cristen  oder  Juden.    Ganz  allein  steht  gs.  des  guten  christs  bei  Herder. 

beide. 

mhd.  heiden  stm.  heide  büsste  unter  dem  einfluss  der  be- 
deutungsverwanten  jude,  türJce  seine  na-torm  ein. 

Zur  nahen  begrifflichen  berührung  der  drei  worte  vgl.  folgende  Wen- 
dungen :  jtiden,  iüricen  und  heiden  Manuel,  türken,  jüden  und  heiden  bringen 
ire  kinder  nicht  zu  Christo  Alber,  Juden,  heiden,  glaublos  Christen  Ayrer 
(Lit.  ver.  80,  s.  2566,  31).  Beispiele:  ns.  heiden  Rosenblut  (6  m.  und  3  m.,*  heid 
1  m.).  Mich.  Beheim,  Folz  (1  m.*),  Füeterer  312,  ns.  heide  Pnrgoldt,  ns.  heiden 
Sterz,  sp.  100, 123,  ns.  heid  Pauli  6  m.,  Aventin  62G,  6,  ns.  heide  Luther,  Alber, 
ns.  heiden*  Waldis  82,  29  (neben  heid*  ebda.  150,  i3),  gs.  heiden  Sachs  10,  6,  7, 
ns.  heide  Helber  s.  26,  Spangenberg  19,  ns.  heid  Ayrer. 

rabe. 
mhd.  raben  stm.,  rahe,  rab  und  rappe,  rapp  swm.   In  iihd.  zeit 
ist  eine  nom.-bildung  auf  -en  überhaupt  nicht  mehr  zu  belegen. ') 

ns.  rappe  Boner,  rab  2  m.,  ruhe  1  ra.*  Mich.  Beheim,  rab  4  m.  B.  d.  beisp., 
(gdas.  raben  ebda.),  rab  Sterz,  sp.  117,  40,  rapp  Manuel,  rabe  "Waldis  37, 15, 
rapp  Sachs  181,  32. 


^)  Eine  gen.-form  rabens  bei  J.  (xrimm  stellt  natürlich  ebenso  wie  der 
gen.  hasens  bei  demselben  autor  einen  lapsus  dar  und  ist  nicht  mehr,  wie 
Audreseu,  Ueber  d.  spr.  J.  Grimms,  meint,  historisch  berechtigt. 


NHD.   SUBSTANTIVFLEXION.  341 

Schöffe. 

mhd.  scheffe,  schepfe  und  scheffene,  scliepfenc  swm.  Dasypodius  sub 
cohaerarms  ns.  schaffen,  und  Maaler  s.  349  ns.  schcffan.  Bei  Ayrer  ist  die 
form  schöpf  mit  cons.  flexion  zu  belegen,  ns.  schöppe  und  schöpfe  Stieler 
1714,  schöppe  Steiubacli  2,  492. 

2)  Ausser  dem  ?z- stamm  Idrt,  der  bereits  in  mhd.  zeit 
zwischen  a-  und  n- flexion  schwankt,  sind  nur  noch  Beter, 
Siväp  und  lielt  von  der  voc.  flexion  zu  der  cons.  übergegangen. 

hirte. 

mhd.  hirt,  hirte  stswm.  In  nhd.  zeit  sind  voc.  flexiousforraen  von  hirt 
eine  Seltenheit.  Boner  ds.  hirten  3  m.,  as.  hirten  2  m.,  hirt  2  m.,  np.  hirten 
2  m.,  Augsb.  1,312, 2  zweii  hirten,  Stretl.  ehr.  ds.  hirt,  B.  d.  beisp.  d.s.  hirten, 
Pauli  gdas.  hirten,  Manuel  gs.  .hirten,  Luther,  Alber  hirte,  hirt  swm.,  Sachs 
hirt  swm.  (gs.  20,  78,  32,  ds.  65,  3.  106,  6,  as.  158,  28). 

Baier. 
mhd.  Beier  stm.  Der  pl.  Beiere  musste  lautgesetzlich  im 
nhd.  Beier  ergeben.  Diese  starke  pluralform  findet  sich  noch 
Maaler  s.  316.  Doch  begegnet  in  den  Chroniken  von  Augsburg 
aus  dem  beginn  des  16.  jh.'s  bereits  der  pl.  Peijren,  der  den 
begriff sverwanten  Deutschen,  Franzosen]  Franken,  Hessen  u.  a. 
seine  entstehung  verdankt.  Vom  pl.  gieng  dann  die  völlige 
einordnung  in  die  w-klasse  aus  (vgl.  oben  s.  324). 

Schwabe, 
mhd.  Su-dj),   Siväbes  stm.,    und  Stvähe  swm.     Nach  den 
Stammesbezeichnungen  Hessen,  Franl'en,  Sachsen  u.  a.  bildete 
man   den  pl.  Schwahcn  und  daraus   den   sing.  Schwabe.    Die 
voc.  flexion  dürfte  früh  untergegangen  sein. 

Dasypodius  und  Maaler  geben  nur  den  pl.  Schwaben  =  'Suevi'.  Bei 
Schupp  begegnet  as.  einen  Schicabcn. 

held. 
mhd.  hcU,  hcläes  stm.  und  zuweilen  helde  swm.  Bei  der 
Verschiebung  mögen  worte  wie  hiinc,  riese  und  vor  allem  der 
gattungsbegriff  mensch  von  einfluss  gewesen  sein.  Diesen 
treibenden  kräften  kam  noch  die  tendenz  nach  wirksamer 
Scheidung  der  numeri  zu  hilfe.  Zuerst  trat  der  pl.  über,  und 
der  sing,  konnte  sich  dem  systemzwaug  nicht  lange  entziehen. 
Häufig  gebrauchte  r«- stamme  wie  fürst,  graf,  herr  drängten 
zum  ausgleich  auch  im  sing.  Im  15.  jh.  findet  der  übertritt 
zu  den  fi-stämmen  statt.    Im  16.  jh.  tritt  die  cons.  form  gegen- 


342  MOLZ,    NHD.    SUBSTANTIVFLEXION. 

Über  der  voc.  in  den  Vordergrund,  und  in  späterer  zeit  tauchen 
nur  noch  sporadisch  voc.  bildungen  des  sing,  auf,  die  durch 
die  «-form  des  nom.  stets  von  neuem  gestützt  wurden. 

Mich.  Beheim  np.  helä  3  m.,*  ap.  helde  1  m.,*  Füeterer  ds.  held  92.  134, 
as.  liehl  92.  126  u.  ö.,  np.  helä  56,  lielden  86,  ap.  hdä  78,  helden  133,  Manuel 
ap.  helden,  Aventin  661, 18  as.  helden,  Li;ther  held  (fast  ansscliliesslich  swm.), 
Nie.  Herman  232  ds.  held,*  Mathesius  as.  held,  Sachs  gs.  des  helds  20,  466,  25 
(vgl.  heldes-hraft  20,484,14)  :  helden  16,86,35,  as.  held  16,85,24.  95,  19  : 
helden  16,  95,  6,  ap.  held  16,  89, 18,  Aj'rer  gds.  helden,  nap.  helden,  Frischlin 
gs.  helden,  Henisch  1473  as.  held,  Weckherlin  gs.  helden  332, 14.  276,  45, 
ds.  lielden  311,  as.  helden  244, 163.  295,  601.  Die  starke  form  des  acc.  sing, 
ist  später  noch  bei  Opitz,  Fleming,  Spee,  Günther  (nach  Steinbach  1,  732) 
belegt.  Ueber  spärliche  reste  der  voc.  flexion  im  18.  und  19.  jh.  vgl.  Gertz. 
2, 417.  Andreseu  belegt  noch  aus  J.  Grimm  den  ds.  held  3  m.  und  im  acc. 
sing,  schwankt  Grimm  zwischen  held  und  helden. 

GIESSEN.  HERMANN  MOLZ. 


FECHTEN. 

Nachdem  Kluge  in  allen  früheren  auflagen  seines  Et.wb.'s 
ein  'got.  *ßuhttm  »fechten«'  vorausgesetzt  hatte,  das  "aus  der 
t(-reihe  vom  praet.  pl.  und  pari  aus  in  die  e- reihe  übergetreten' 
sei,  hat  er  in  der  letzten,  6.  aufl.  den  weiteren  schritt  getan, 
'das  construierte  got*fiuJitan^  in  'ags.  fcohtan,  engl,  to  figlif 
tatsächlich  reflectiert  zu  sehen.  Dieser  sonderansicht  von  dem 
lautlichen  und  morphologischen  wesen  des  ags.  verbs  verstattete 
der  genannte  gelehrte  dann  auch  aufnähme  in  die  vor  kurzem 
erschienene  3.  aufl.  seines  Ags.  lesebuchs  und  suchte  sie  ganz 
neuerdings  in  seiner  Zs.  f.  deutsche  wortforsch.  2,  298  f.  ein- 
gehender zu  begründen,  um  die  herschende  anschauungsweise, 
dass  ags.  feohtan,  fealit  genau  =  ahd.  fehtan,  fallt  sei,  in  aller 
form  zu  widerlegen.  Dieser  versuch  ist  meines  erachtens 
gründlich  mislungen. 

Wie  Kluge  meint,  'macht  die  annähme  von  brechung  für 
fcohtan  lautliche  Schwierigkeit,  aber  die  annähme  von  tt-ablaut 
für  fcohtan  nicht'.  'Denn  bekanntlich  tritt  vor  ht  im  westsächs. 
i  für  zu  erwartendes  eo  ein:  cniht  ahd.  Icneht,  Fihtas  älter 
Fcohtas,  riht  ahd.  reht,  die  insel  Wild  älter  (lat.)  Vecta.  .  .  . 
Zahllose  denkmäler,  die  stets  cniht  und  riht  für  eig.  hnii'ht  und 
reht  haben,  sagen  regelmässig  fcohtan.  . . .  Ein  zu  erwartendes 
fyhtan  —  fihtan  3.  pl.  fyhtad  fhtaÖ  ist  nicht  geläufig.' 

Diese  argumentation  bietet  zunächst  die  eine  lücke  dar, 
dass  sie  ja  'älter  Feohtas^  für  jüngeres  Fihtas  Fyhtas  selbst 
ins  feld  fülirt.  Warum  aber  verschweigt  sie  gleichzeitig  älteres 
CHcohtas  für  jüngeres  ags.  cnihtas?  Denn  'cniht  hat',  wie  Cosiju, 
Altws.  gr.  2,  §  2,  s.  9  lehrt,  'lautgesetzlich  eo,  wo  ein  dunkler 
Vücal  folgt,  also  im  plural,  aus  diesem  drang  eo  in  den  sg.  ein'. 
Diese  regel  widerholt  in  allgemeinerer  fassung  Cosijn,  Kurzgef. 
altws.  gr.-  §  47,  s.  16.  Als  •  altenglischer  palatalumlaut  vor  ht, 
hs  und  /(/>'  wird  dann  dieselbe  erscheinung  ausführlich  von 
Bülbring,  Anglia,  beibl.  9,  71  ff.  10, 1  ff.  und  in  seinem  Alt- 
engl.  elementarb.  1,  §§  209  ff.  305.  311  f.  behandelt:  nach  der 
darstellung  dieses  gelehrten  sind  die  genannten  consonanten- 


344  OSTHOFF 

gTuppen  im  ags.  palatal  geworden  und  wirken  palataliimlaut 
eines  vorhergehenden  vocals  unter  der  bedingung,  dass  dieser 
zu  afficierende  vocal  weder  selbst  ursprünglich  ein  velarer 
(#,  0,  ä)  war,  noch  ein  velarvocal  der  betreffenden  gruppe  un- 
mittelbar folgte.  Je  nach  dem  nichteintreten  oder  eintreten 
dieses  palatalumlauts  spaltet  sich  eo,  im  westsächs.  und  kent. 
der  aus  westgerm.  e  vor  jenen  /i- Verbindungen  entwickelte 
brechungsvocal,  in  verbleibendes  eo  auf  der  einen  und  in  ic, 
wofür  jünger  i  und  y,  auf  der  andern  seite.  Der  lautgesetz- 
liche  zustand  aber  mit  cncoJä-as,  -a,  -um  im  pl.  und  cni{c)ltt, 
cni{e)ht-es,  -c  im  sing,  wird  nicht  nur  in  der  weise  ausgeglichen, 
dass  sich  im  sing,  jünger  vocalisiertes  cncoJit  einfindet,  sondern 
häufiger  noch  durch  neuschöpf ung  der  pluralformen  cniliias, 
cnihta  cnyhta,  cnilitum  cnyhtum;  belege  für  sing,  cneolit  (cm'oht) 
aus  dem  Hatton-ms.  der  Cura  past.  bei  Cosijn,  Altws.  gr.  1, 
§19,  s.  41.  2,  §  2,  s.  3,  aus  dem  Beda  bei  Deutschbein,  Beitr. 
26, 238.  Ebenso  weicht  das  ältere  lautgesetzliche  Fcohtas 
dem  jüngeren  nach  dem  sing.  FiJd  geformten  PiJiras  FyTdas. 

Mit  der  Cosiju-Bülbring'schen  regel  ist  auch  Sievers  (nach 
brieflicher  mitteilung)  einverstanden.  Hat  sie  Kluge  gar  nicht 
gekannt,  was  man  doch  kaum  für  glaubhaft  halten  sollte? 
Oder  versagt  er  ihr  seine  Zustimmung?  In  diesem  falle  hätte 
es  aber  wol  einer  auseinaudersetzung  mit  ihr  bedurft  und 
eines  Versuches,  ihre  Unrichtigkeit  zu  erweisen.  Denn  es  ist 
klar,  dass  bei  geltung  der  regel  die  formen  ags.  feoldan  inf. 
und  feoJitad  3.  pl.  praes.  ind.  als  die  genauen  entsprechungen 
von  ahd.  felitan,  fehtant  ganz  in  der  Ordnung  sind  und  dass 
anstatt  ihrer  keineswegs,  wie  Kluge  will,  ags.  *fihtan  '■fyldan, 
*ßdad  '*fyldad  zu  erwarten  sein  würden. 

In  der  verbalflexion  des  präs.  von  feoldan  vollzieht  das 
westsächs.  durchweg,  abgesehen  von  einer  einzigen  ganz  be- 
stimmten einschränkung,  die  ausgleichung  zu  gunsten  der 
6'0-formen:  im  imp.  heisst  es  fcoht  (ä-fcoht  belegt  Grein,  Sprach- 
sch.  1, 18),  im  opt.  praes.  feoJdc,  im  part.  feoldcnäe,  wo  die  laut- 
gesetzlicheren gebilde  '*fi{e)ld,  '^fi(e)hie,  *fi(e)]den(le  sein  müssten. 
Das  übergewicht  dürfte  aber  der  entwicklungsreihe  mit  co 
hauptsächlich  der  umstand  verschafft  haben,  dass  die  übrigen 
starken  verba  mit  der  brechung  eo  im  präsensstamme,  die 
sämmtlichen  nämlich,  deren  wurzeln  auf  r  +  cons.  und  auf 


FECHTEN.  345 

Ic  ausgehen  und  denen  mit  dem  isoliert  sich  ihnen  anschliessen- 
den feohtan  die  ablautsreihe  eo  —  ea  —  u  —  o  gemein  ist,  also 
heorgan,  Jmcorfan,  iceorpcm,  u-cordan  etc.  nehst  meolcan  und 
seolcan  (vgl.  Sievers,  Ags.  gr.^  §  388,  s.  214.  Cosijn,  Altws.  gr.  2, 
§  87,  s.  135  f.),  eben  in  den  allermeisten  formen  das  eo  auf  laut- 
gesetzlichem wege  aufwiesen;  man  sagte  ja  iceorp  imp.,  wcorpe 
opt.,  ivcoriicnde  part.  von  vornherein  in  vocalischer  Überein- 
stimmung mit  tveorpan,  weorpaÖ.  Unser  feohtan  hat  nur  gerade 
da  einen  rest  der  Wurzelgestaltung  mit  i{e)  beibehalten,  wo  tveor- 
pan und  genossen  zufolge  des  /-umlauts  der  3.  und  2.  sing.  ind. 
praes.  ihre  einzigen  /(c)-formen  kennen,  indem  entsprechend  wie 
ivierpö  uyrpö  'wirft'  neben  der  neubildung  tveorpccf,  wicrö  iiyrÖ 
'wird'  neben  ueoröed  sich  findet  (Sievers  a.a.O.  §  371,  anm.  2, 
s.  203),  SO  auch  vereinzelt  noch  das  synkopierte  ficlit,  fiht  'pug- 
nat'  neben  häufigerem /eo/ii'c«^  begegnet  (Bosworth-Toller,  Dict. 
277a.  287b.  Cosijn  a.a.O.  s.  135.  Bülbring,  Ae.  elementarb.  1, 
§  186).  Uebrigens  lässt  auch  anderwärts,  wo  in  der  präsen- 
tischen flexion  auf  ähnliche  weise,  wie  bei  feolitan,  feohtaö  : 
*fi{e)ht  imp.,  *fi(e)hfc,  *fi{e)litcn  opt.,  *fi{c)Mende  part.,  ab- 
weichender wurzelvocalismus  gemäss  der  velaren  oder  palatalen 
beschaffenheit  des  nächstsilbigen  vocals  sich  zu  entwickeln  hat, 
das  westsächs.  die  analogie  der  velarvocalisch  beeinflussten 
formengruppe  massgebend  werden,  so  z.  b.  wenn  das  ältere 
Verhältnis  von  westsächs.  faran,  faraÖ  :  "^fcBr  imp.,  ^fcere,  öfteren 
opt.,  fahrende  part.  (dies  noch  zweimal  im  Orosius,  vgl.  Cosijn 
a.a.O.  2,  §  98,  s.  141)  durch/«;««,  faruÖ  :  far,  fare(n),  farende 
ersetzt  wird,  wie  Bülbring,  Anglia,  beibl.  9, 90  f.  zeigt. 

Zu  feohtan  bestehen  im  ags.  als  substantiva  mit  der  ablaut- 
stufe des  präsensstammes  westsächs.  feoht  n.  und  das  häufigere 
se-fcoht  n.  'gefecht',  feohtc  f.  'pugna'.  Bei  diesen  kann  man 
den  mangel  der  /(e) -formen  mit  Bülbring,  Anglia,  beibl.  9,  72. 
10,  3.  Ae.  elementarb.  1,  §  311,  s.  129  zwanglos  durch  den  ein- 
fluss  des  verbs  erklären,  darf  jedoch  dazu  annehmen,  dass 
solcher  einfluss  verstärkuug  von  selten  der  nomina  selbst 
gefunden  habe,  nämlich  durch  die  casus  mit  velarem  vocal  in 
den  endungen,  gefeohta,  ^cfeohtum  im  gen.  und  dat.  pl.,  feohtan 
im  gen.,  dat.  und  acc.  sing,  des  schwachen  feuiinins  feohte. 
Nebenbei  gesagt:  ein  starkes  feminin  ags.  'feoht\  das  öfters 
angesetzt  wird  (Grein,  Sprachsch.  1,  289.  0.  Schade,  Altdeutsch. 


346  OSTHOFF 

wb.2  s.  174b.  Sievers,  Ags.  gr?  §  254,  s.  132.  van  Helten,  Alt- 
ostfries, gl'.  §  39  aiim.,  s.  43.  §  165«,  s.  135)  gibt  es  wol  nicht; 
was  ausser  dem  allerdings  der  ä-declination  folgenden  as.  fehta 
und  dem  sowol  stark  wie  auch  schwach  flectierenden  ahd.  fehta 
(Graff  3,  445)  zum  irrtümlichen  glauben  daran  verleitet  haben 
könnte,  ist  mir  nicht  ersichtlich. 

Von  weiteren  substantivischen  ableitungen  sind  &g8.fyJitlin^ 
und  die  composita  fyhtc-horn  und  ßd-tvüe  fylit-ivüe,  neben 
welchem  letzteren  in  den  gesetzen  die  hss.  auch  fylite-ivitc 
haben  (vgl.  R.  Schmid,  Gesetze  der  Angelsachsen,  gloss.  s.  v. 
fyhtwüe),  besonders  zu  beachten.  In  fyJitlinj  mag  ja  wol  der 
i-umlaut  im  spiele  sein.  Aber  fyhtc-honi  und  fylit{e)-wite  machen, 
worauf  mich  Sievers  brieflich  hinweist  (Leipzig-Gohlis,  24.  febr. 
1902),  den  eindruck,  als  handle  es  sich  bei  ihnen  um  compo- 
sitionsbilduiigen  aus  dem  'verbalstamm'  von  fcohtaii,  teils 
wegen  der  ganz  secundären  bedeutung,  die,  in  vergleich  mit 
der  von  fcoht  in  dem  älteren  feolit-ldc,  in  dem  rechtsausdruck 
fyhi{e)-wilc  das  Vorderglied  hat  (vgl.  R.  Schmid  a.  a.  o.) ,  teils 
aus  dem  formalen  gründe,  dass  sich  das  -e-  in  der  zusammen- 
setzungsfuge  kaum  anders  erklärt,  da  doch  ein  alter  nominaler 
-iä-stamm  schwerlich  in  betracht  kommen  kann.  Darnach  ist 
in  fyhte-honi  und  -ivite  mit  hoher  Wahrscheinlichkeit  die  ent- 
sprechende lautgestaltung  wie  in  cniht  cnylit,  rylit  zu  erkennen, 
wie  denn  schon  Paul,  Beitr.  6,  -J  7  fyhte-Jiorn  ein  zeugnis  dafür 
sein  lässt,  dass  trotz  feohtan  'das  h  in  der  Verbindung  ht  sein 
dunkles  timbre  verliere,  palatal  werde  und  vorhergehendes  co 
oder  c  in  i  {y)  verwandle'. 

Die  vermeinte  lautliche  Schwierigkeit'  bei  der  'annähme 
von  brechung  für  ags.  feoJdcm'  zeigt  sich  auch  nicht,  wenn 
man  das  perf.  sing,  feaht  mit  berücksichtigt.  Dass  es  aber  im 
gegenteil  bei  der  Kluge'schen  'annähme  von  ?(-ablaut  für  feohtan^ 
in  lautlicher  hinsieht  hapert,  kann  die  heranziehung  des  north. 
gi-fceht  lehren,  das  als  perfectform  und  mithin  in  genauer  ent- 
sprechung  des  westsächs.  kent.  ge- feaht  mehrfach  überliefert  ist. 
Ich  lasse  darüber  herrn  collegen  Bülbring  hier  das  Avort,  wie 
überhaupt  in  betreff  der  argumente,  die  vom  boden  der  ausser- 
westsächs.  dialekte  aus  den  von  Kluge  vorgeschlagenen  ansatz 
eines  'feohtan'  =  got.  *finhtau  erschüttern.  Er  schreibt  mir 
folgendes  (Bonn,  pflngsten  1902): 


FECHTEN.  347 

»Nicht  nur  findet  Kluges  annähme  eines  langen  eo  in  ws. 
feolikm  im  ags.  nicht  die  geringste  stütze,  sondern  gewisse 
angl.  formen  sowol  der  altenglischen,  als  der  mittel-  und  neu- 
englischen zeit  sprechen  entschieden  dagegen,  da  sie  alle  auf 
den  westgerm.  ablaut  e:a  weisen: 

1.  Das  angl.  praet.  sg.^ifceht  Dies  ist  am  besten  im  (north.) 
Eit.  belegt,  und  zwar  zweimal  (s.  U.  Lindelöf,  Wb.  zur  inter- 
linearglosse  des  Rit.  Eccl.  Dunelm.,  Bonn  1901,  136b),  während 
die  anderen  reinen  angl,  texte  zufällig  keinen  beleg  haben  und 
eine  andere  form  der  1.  und  3.  sg.  praet.  im  angl.  überhaupt 
nicht  vorkommt.  Ausserdem  findet  sich  das  angl.  praet.  sg, 
{se)faM  vereinzelt  in  mundartlich  gemischten  texten  über- 
liefert; so  in  der  hs.  Ca  der  Übersetzung  von  Bedas  Kirchen- 
geschichte (s.  M.  Deutschbein,  Beitr.  26, 236)  und  in  einer  von 
0.  Cockayne  herausgegebenen,  mir  in  Bonn  nicht  zugänglichen 
'Passio  sanctae  Margarethae  virginis'  (s.  Bosworth-Tollers  Dict. 
s.  390  b),  Dies  also  hinlänglich  gesicherte  praet.  (gi-,je-)freM 
stimmt  genau  zum  alid.  faht;  es  kann  nur  kurzes  a?  gehabt 
haben,  denn  das  von  Kluge  vorausgesetzte  urgerm.  ^fmiJd 
hätte  im  angl.  *fcht  ergeben  (s.  E.  Sievers,  Ags.  gr.^  §  162  und 
163).  Mit  fceJd  verträgt  sich  nur  westsächs.  fcohtan,  feaht, 
aber  nicht  das  Klugesche  feohtan,  fcaht. 

Man  kann  sich  diesem  Schlüsse  nicht  etwa  durcli  annähme 
früher  kürzung  eines  urangl.  m  (aus  westg.  au)  oder  des  daraus 
entstandenen  frühaiigl.  ce  (vgl.  Elementarb.  §  193  und  200)  ent- 
ziehen; denn  die  länge  von  vocalen  und  diphthongen  hat  sich 
vor  der  gruppe  ht  nachweislich  bis  in  die  spätae.  zeit  erhalten 
(s.  Anglia,  beibl.  10, 8,  anm.  3,  und  jetzt  auch  H.  C.  Wj^ld,  Engl, 
stud.  30,  439). 

2.  Die  me.  formen  des  praet.  sg.  fahf,  fagt,  fau^t,  fauht, 
faught,  faucht  u,  ä.,  die  in  den  angl,  texten  allgemein  gelten, 
Sie  stammen  aus  dem  eben  erörterten  altangl.  fcelit  (urwestg. 
"^faht)  und  können  nicht  aus  einem  urwestg.  "^fauld  erklärt 
weiden,  welches  vielmehr  im  me.  in  den  angl.  mundarten  über 
altangl.  *fcJd  zu  *fi(jJd  hätte  werden  müssen,  gerade  wie  alt- 
angl. le/d  'licht'  und  leid  'leicht'  ja  light  ergeben.  Die  me. 
formen  faJd  u.  s.  w.  zeigen  zur  genüge,  dass  ae.  fwht  nicht  bloss 
north.,  sondern  auch  merc.  war.    Da  wird  man  doch  nicht  das 


348  OSTHOFF 

genau  entsprechende  westsächs.  fcaJit  ohne  hinreichenden  grund 
vielmehr  für  fcalit  erklären. 

3.  Die  altnorth.  form  wiäfcehfcndJic  ^nexpiignabilis',  welche 
einmal  im  Eit.  vorkommt,  während  sonst  die  präsensformen 
im  angl.  immer  mit  e  erscheinen:  fehta{n)  ii.s.w.  Dem  Einge- 
sehen feohtan  im  westsächs.  würde  im  angl.  felüan  entsprechen 
(Sievers,  Ags.  gr.^  §  165).  Da  aber  nach  Lindelöf,  Die  spräche 
des  Rit.  von  Durham,  Helsingfors  1890,  s.  42,  das  aus  westg.  cu 
durch  ebnung  entstandene  angl.  6  im  Eit.  stets  durch  e  wider- 
gegeben wird,  so  ist  das  ce  in  unäfcehtendlic  nicht  wol  als 
schlechte  Schreibung  für  c  aufzufassen,  zumal  der  Schreiber 
auch  sonst  in  überaus  zahlreichen  Wörtern  das  geschlossene  e 
und  das  offene  ce  sehr  sorgfältig  auseinander  gehalten  hat,  so 
dass  höchstens  ein  paar  wirkliche  fehler  vorkommen  (s.  Lindelöf 
a.  a.  0.  s.  31  ff.).  Dagegen  begegnet  ce  mindestens  14  mal  neben 
dem  gewöhnlichen  e  aus  westg.  c  (s.  Lindelöf  a.  a.  o.  s.  7,  und 
Lindelöf,  Die  südnorth.  mundart  des  10.  jh.'s.,  1901,  s.  13).  Aus 
diesen  gründen  allein  ist  also  imäfcehtendlic  eher  mit  kurzem 
ce  anzusetzen  und  daher  auch  fchta{n)  im  angl.  zu  lesen 
(=  wests.  feohtan).  Und  ausserdem  empfiehlt  sich  diese  auf- 
fassung  noch,  weil  bei  der  annähme  eines  langen  e  in  angl. 
fehta{n)  das  ce  in  der  angeführten  form  als  blosser  Schreib- 
fehler anzusehen  wäre  und  keinerlei  berechtigung  hätte,  kurzes 
ce  aber  als  berechtigte  nebenform  erklärt  werden  kann.  Und 
zwar  stehen  hierfür  zwei  wege  offen.  Entweder  ist  eine  er- 
kläruiig  anzunehmen,  die  ich  Anglia,  beibl.  9,  71  f.  begründet 
und  in  meinem  Ae.  elementarb.  §  207  widerholt  habe.  Oder 
die  Schreibung  ce  neben  c  ist  durch  die  spätae.  offene  aus- 
spräche des  entweder  unmittelbar  oder  (wie  hier)  durch  die 
gebrochene  form  cu  hindurch  aus  westg.  e  entstandenen,  an- 
fangs geschlossenen  ae.  e  verursacht,  die  namentlich  nach 
labialem  anlaut  sich  dem  et- laute  näherte  (Elementarb.  §  92, 
anm.  1);  was  im  Eit.  namentlich  in  dem  elfmaligen  imp.  sg. 
VOSS  (vocGs)  neben  siebenzehnmaligem  voes  (vcs)  'sei'  zu  beob- 
achten ist  (s.  Lindelöf,  a.  zuletzt  a.  o.). 

4.  Das  neuschott.  subst.  faught  'kämpf,  streit',  welches  in 
Fergussons  und  in  Barns'  gedichten  begegnet.  Dies  ist  aus 
altnorth.  "^^Ifceht  zu  erklären,  für  dessen  cü  wahrscheinlich  die- 
selbe entstehung  anzunehmen  ist  Avie  für  das  ce  in  dem  sehr 


FECHTEN,  349 

häufig-  belegten  altiiorth.  cnceht  'kneclit,  Jüngling'  {ce  durch 
ebnung  <  ceo  <  eo  durch  brechung  <  westg.  e;  s.  Anglia,  beibl. 

9,  71  f.  und  10,  9  fussnote).  Denn  ähnlich  wie  sich  im  westsächs. 
doppelformen  wie  cniJä  —  cneoldas  einstellten,  so  scheinen  sich 
in  einem  teil  des  north,  solche  wie  cnelit  —  cnceJitas  heraus- 
gebildet zu  haben,  so  dass  also  das  vorausgesetzte  north.  *si- 
fcvJit  (neben  häufigem  sißht)  genau  dem  wests.  ^efeoJit  (statt 
*S€fiM)  entspricht.  Demnach  setzt  das  neuschott.  faught  gerade 
so  gut  eine  westg.  form  mit  e  voraus,  wie  das  altnorth.  cncsM 
eine  solche  verlangt,  und  spricht  also  für  wests.  sefeoht  und 
feohtan  mit  kurzem  eo. 

Hierbei  sei  bemerkt,  dass  das  subst.  ''sif(^eM  von  mir  im 
Beiblatt  zur  Anglia  9,  71  f.  und  Elementarb.  §  207  und  §  211, 
anm.  irrtümlich  als  im  E,it.  belegt  angeführt  ist.  Der  fehler 
beruht  auf  einem  irrtume  Lindelöfs  in  seiner  dissertation  (Die 
spräche  des  Eit.  von  Durham,  1890,  s.  18),  wo  sifcelit  neben 
dem  subst.  sife^d  unter  den  beispielen  mit  westg.  e  aufgezählt 
ist.  In  seinem  kürzlich  erschienenen  glossar  zu  dem  text  hat 
er  das  versehen  berichtigt. 

Schliesslich  sei  noch  hinzugefügt,  dass  die  (oben  s.  346  er- 
örterten) formen  fyJite-Jwrn  und  fyht(e)-wüe  sehr  wahrscheinlich 
sogar  einen  unmittelbaren  beweis  auf  grund  westsächsischen 
materials  gegen  Kluges  auffassung  liefern.  Denn  älteres  "'"{eolite- 
horn  und  *feoht(e)-ivife  mit  langem  eo  (aus  westg.  eii)  hätte  in 
ae.  zeit  weder  im  wests.  noch  im  kent.  palatalumlaut  des  eo 
erfahren  und  hätte  also  kein  *'fijhte-horn  u. s.w.  ergeben  können, 
ebenso  wenig  wie  wests.  Uoht  (kent.  UoJd)  'licht'  und  Icoht 
'leicht'  im  ae.  zu  *lyht  u.s.  w.  werden,  da  nur  kurzes  eo  vor 
palatalisiertem  ht  zu   ie,  i,  y  umgelautet  wird  (Anglia,  beibl. 

10,  5  f.  und  8,  anm.  3.  Elementarb.  §  311.  312  mit  anm.). 

Wo  immer  also  eine  engl,  form  mit  Sicherheit  oder  Wahr- 
scheinlichkeit eine  entscheidung  an  die  band  gibt,  weist  sie 
auf  den  westg.  ablaut  e  :  a.« 

So  weit  die  dankenswerten  darlegungen  Bülbrings,  auf 
grund  deren  sich  mir  klar  zu  ergeben  scheint,  dass  in  den 
angl.  dialekten  zweifellos  fchian,  fleht  galt.  Setzt  sich  also 
Kluges  wests.  feohtan,  feaht  sogar  in  gegensatz  zum  north,  und 
merc.  und  wird  es  eigentlich  schon  durch  Vi'esisiicAia.fl/hfe-horn 
und  fyhi{<')-ivite,  indem  diese  sehr  wahrscheinlich  mit  ij  anzu- 


350  OSTHOFF 

setzen  sind,  unmögiicli  gemaclit,  so  kommt  nun  hinzu,  dass  die 
sämmtlichen  übrigen  westg,  dialekte  einzig  fehtan  haben  oder 
hierauf  hinweisen. 

Zu  dem  ahd.  fehtan,  faJd  und  mhd.  veliten,  vaht  gesellen 
sich  zunächst  ja  die  nd.  belege,  nämlich  as.  fehtan,  das  nur  in 
präsensformen  (1.  pl.  ind.  vehtad  Essener  evangeliargl.  und  inf. 
fehtan  Werdener  Prudentiusgl.  Wadstein,  Kl.  as.  sprachdenkm. 
57b,  7.  99  a,  24)  vorkommt,  nebst  dem  nomen  as.  fehta  f.  'kämpf, 
streit'  Hei.  1317,  sowie  mnd.  rechten,  vacht  und  mnl.  nnl.  vechten. 

Und  daran  schliesst  sich  ferner  das  afries.  fmchta  fiochta 
an,  bei  dem  man  ja  freilich  auch  der  Versuchung,  den  ablaut 
eu  :  au  erkennen  zu  wollen,  ausgesetzt  sein  könnte.  In  Wahr- 
heit besteht  hier  natürlich  die  brechung  eines  germ.  oder  westg. 
e  so  gut,  wie  nach  unserm  dafürhalten  bei  dem  ags.  feohtan: 
im  fries.  ist  das  dem  ags.  wests.  co  entsprechende  brechungs- 
product  eben  in  mit  der  dialektischen  färbung  io,  wie  ja  auch 
in  afries.  hinicht  'knecht',  rnicht  riocltf  'recht'  und  sliucht 
'schlicht';  vgl.  van  Helfen,  Altostfries,  gr.  §  6,  anm.3.  §  39.  §  270 
und  Beitr.  14,  277.  Siebs,  Pauls  Grundr.  1^  1198.  Nach  van 
Helfen  soll  das  m  io  nicht  schlechthin  an  die  stelle  von  e 
getreten,  vielmehr  genau  genommen  die  brechung  des  ver- 
allgemeinerten i  sein,  das  durch  urgerm.  ?-umlaut  in  einigen 
formen  der  paradigmata  laut  gesetzlich  entsprungen  war,  bei 
ßuchta  in  der  2.  und  3.  sing.  ind.  praes.,  bei  Icnnicht  und  rnicht 
in  der  ursprünglichen  form  des  instr.-loc.  sing,  ^hiichte,  "^richte 
aus  *hiic]itt,  *richti.  Für  fmchta  möchte  diese  erklärung  seines 
vocalismus  nach  '*fiiicJitst,  fincht  flocht  =  ahd.  fihtist,  filitit  wol 
hingehen,  da  sie  sich  auf  die  erscheinung  von  afries.  hilpa, 
ivirtha  als  vermutlich  ebenso  aufzufassenden  jüngeren  neben- 
formen  zu  helpa,  ivertha  stützen  kann  (van  Helfen  a.  a.  o.  §  270. 
Siebs  a.a.O.  1191. 1313),  aber  die  lautgestalt  der  nomina  hintcht, 
rmcht  in  solcher  weise  auf  die  analogie  des  einzigen  loc.  sing, 
zurückzuführen,  hat  doch  sein  bedenkliches;  daher  wird  man 
besser  mit  Siebs  das  e  vor  den  Verbindungen  cht,  chs  so  gut 
wie  auch  germ.  t  in  lautgesetzlicher  entwicklung  zu  üi  io 
gebrochen  sein  lassen  (ebenso  Bremer  nach  freundlicher  brief- 
licher mitteilung,  Halle  a.  S.,  10.  april  1902).  Als  verbum  der 
cit-reihe  =  got.  *fnihtan  wäre  ein  afries.  *fiachta  zu  erwarten, 
das  in  der  3.  sing.  ind.  praes.  freilich  auch  futcht  focht  bilden 


FECHTEN.  351 

müsste.  Der  gedanke,  dass  nach  solcliem  fmcJit  sich  fincJita 
int,  fmclitath  pl.  ind.  praes.  etc.  hätten  analogisch  einstellen 
können,  ist  ausgeschlossen,  da  im  afries.  nirgends  bei  starken 
Verben  der  zweiten  ablautsklasse  die  ausgleichung  der  voca- 
lischen  Verschiedenheit  von  hiada,  hiadat  :  hhdst  hiotst,  hiuiQi) 
lioi{h),  Masa  :  Idust  host  u.  dgl.  (vgl.  van  Helten  a.a.O.  §  269. 
Siebs  a.a.O.  1309)  zu  einem  siege  der  so  spärlich  vertretenen 
i« -formen  führt.  Das  nomen  afries.  fincJit  'gefecht',  nur  im 
dat.  sing,  fluchie  zweimal  belegt  (von  Kichthofen,  Altfries. 
wb.  743b),  ist  die  entsprechung  des  ags.  feoM  n.  oder,  falls 
afries.  fluchte  f.  anzusetzen  sein  sollte  (van  Helten  a.a.O.  §39, 
anm.,  s.43.  §  165«,  s.  135),  des  as.  ahd.  feJita  st.  f.  Beim  verbum 
ist  die  singularische  perfectform  *  facht  dem  fries.  verloren, 
dafür  in  den  heutigen  lebenden  mundarten  dieses  gebiets 
wanger.  fucJit  und  saterl.  neuwestfries.  focht  (Siebs  a.a.O. 
1313  f.),  die  neubildung  mit  dem  übertragenen  vocalismus  des 
pl.  und  part.  praet.,  wie  mnl.  nnl.  vocht  und  nhd.  focht,  mnd. 
vocM  neben  älterem  vachf. 

So  scheitert  die  lehre,  dass  irgendwo  im  bereiche  des  west- 
germ.  Sprachgebiets  das  Spiegelbild  einer  hypothetisch  con- 
struierten  alten  ablautung  got.  *fnthtan,  ""fduht  zu  erkennen 
sei,  nach  allen  selten.  Gesetzt,  es  bestünden  gegen  die  ansieht, 
die  in  betreff  des  ags.  wests.  feohtan,  feaht  Kluge  zur  geltung 
bringen  will,  nicht  auch  schon  vom  intern  ae.  Standpunkt  aus 
Schwierigkeiten,  es  sei  nur  erweislich,  dass  die  ältere  und 
vulgate  auffassung,  welche  darin  formen  mit  co,  ea  =  west- 
germ.  e,  a  sieht,  lautlicherseits  nach  wie  vor  möglich  bliebe, 
ohne  die  ansetzung  von  co,  ca  =  germ.  cu,  au  geradezu  aus- 
zuschliessen,  so  würde  man  sich  auf  diese  andere  anschauungs- 
weise  doch  nicht  einzulassen  haben.  Denn  es  ist  und  bleibt 
doch  wol  ein  methodischer  grundsatz  unserer  forschung,  dass 
man  bei  beziehungen  zwischen  verwantschaftlich  einander  so 
nahe  stehenden  sprachen  und  mundarten,  wie  es  die  der  west- 
germ.  gruppe  sind,  an  Identität  der  sich  entsprechenden  formen 
so  lange  festhält,  als  nicht  zwingende  lautliche  gründe  das 
gegenteil  anraten;  was  für  unsern  speciellen  fall  bedeutet,  dass 
die  gleichsetzung  von  ags.  wests.  feohtan,  feaht  und  ahd.  as. 
fehtan,  ahd.  facht,  mnd.  vacht  und  die  der  nomina  ags.  ,s('-f<'oht 
n.   und   ahd.  (ji-fehf,  mnl.  gc-vecht  n.,    ags.  feohte  f.   und   ahd. 


352  OSTHOFF 

felita  sw.  f.  stattzufinden  hat,  wenn  sie  anders  auf  ein  ernst- 
haftes lautgeschichtliches  hindernis  nicht  stösst. 

Kluge  ist  auf  grund  einer  etjnnologischen  theorie  über 
fechten,  der  schon  alten  zusammenbringung  desselben  mit  lat. 
pugnus,  pugna,  piigil,  gr.  jtvc.,  jrvyfif'j,  jcvxvrjc,  zu  seiner  unhalt- 
baren auf  Stellung,  dass  das  ags.  sein  ^fcoldan  unbeeinflusst  und 
rein  bei  dem  alten  ^(-ablaut  bewahre',  gekommen.  Und  es  ist 
dann  augenscheinlich  nur  ein  cirkelschluss,  wenn  er  meint: 
'Meine  Vermutung  hat  natürlich  einen  starken  halt  an  dem 
schon  lange  vermuteten  Zusammenhang  von  ags.  feohian  mit 
\dii.pugna  »kämpf«  und  seiner  sippe,  die  einer  indog.  wz.  pug 
entstammt.'  Man  kann  aber  an  der  besagten  etymologie  recht 
wol  festhalten,  ohne  dem  ansatz  eines  praesens  urgerm.  "^feuyjö 
=  got.  *fiuMa  eine  berechtigung  oder  notwendigkeit  zuzu- 
gestehen, und  das  habe  ich  in  ausführlicher  begründung  in 
meinem  mehrere  monate  vor  erscheinen  des  Ivlugeschen  auf- 
satzes  herausgekommenen  buche  Etym.  parerga  1, 369  ff.  getan. 
Hat  Kluge  meine  dortige  beweisführung  bei  der  niederschrift 
seiner  bemerkungen  über  fechten  gekannt?  Das  merkwürdige 
zusammentreffen  in  einer  stilistischen  Wendung,  bei  mir  a.  a.  o. 
s, 371:  Hiberdies  begeht  doch  wol  Kluge  einen  fehler, 
durch  die  Schreibung  ags.  yyfeohtan«  anzudeuten,  dass  hier  das 
von  ihm  vorausgesetzte  germ.  '^feuytö  noch  tatsächlich  vorliege', 
bei  Kluge  aber  a.a.O.  s.  298:  'man  begeht  doch  wol  einen 
fehler,  wenn  man  glaubt,  in  feohtan  eine  correcte  entsprechung 
von  ahd.  fehtan  mit  brechungsvocal  (Sievers,  Ags.  gr.  §  83)  an- 
zunehmen', lässt  fast  vermuten,  dass  hier  der  später  schreibende 
autor  den  andern  copiert  habe.  Dann  hätte  es  sich  aber  doch 
wol  geschickt,  dass  Kluge  sich  nicht  lediglich  darauf  be- 
schränkte, in  nichtiger  weise  gegen  Sievers  zu  polemisieren 
und  Braune  zu  loben,  weil  diese  beiden  grammatiker  völlig 
ein  und  dasselbe  taten,  dem  verbenpaar  ags.  feohtan  und 
*fleohtan  (part.  flöhten-  in  flohten-föt),  ahd.  fehtan  und  flehtan 
ganz  die  gleiche  beurteilung  und  Unterbringung  im  ablaut- 
system  widerfahren  Hessen,  und  ferner  in  überflüssiger  weise 
gegen  Brugmanns  Verteidigung  der  verwerflichen  etymolo- 
gischen combination  von  fechten  und  lat. ^jcc^o,  gr.jtijcrm,  jtixm, 
\\i.pcssa  zu  felde  zu  ziehen.  Mehr  am  platze  wäre  eine  Stellung- 
nahme zu  der  von  mir  entworfenen  theorie  gewesen,  wonach 


FECHTEN.  353 

auch,  wie  bei  Kluge,  die  formen  des  perf.  pl.  und  part.  praet. 
ahd.  fuMun,  gi-fohtan,  ags.  fuhton,  fohten,  afries.  fuchten,  focJiien 
fuchfen,  mnd.  vtichten  vochtcn,  he-vuclitcn,  mnl.  part.  ge-vochten 
'im  averbo  alt  sind'  und  man  doch  des  praesens  urgerm.  ^feir/tö 
nicht  bedarf,  sondern  statt  dessen  eines  germ.  ^füyjö  mit  perf. 
sing,  ^f'auxt,  wofür  jünger  '^füytö,  *fayt  und  ganz  zuletzt  in 
gemein  -  westgerm.  Umbildung  '^fexto,  '^fayt  =  ahd.  fihtu,  faM 
u.  s.  w.  Doch  hat  vielleicht  in  der  tat  Kluge  bei  der  abfassung 
seines  artikels  von  meiner  behandlung  desselben  gegenständes 
noch  keine  kenntnis  gehabt,  trotz  jener  verdacht  erweckenden 
stilistischen  Übereinstimmung. 

Ich  kann  auch  jetzt  nur  widerholen,  was  ich  a.  a.  o. 
s.  371  Über  die  unbrauchbarkeit  der  aufstellung  eines  ablauts 
urgerni.  ^feuito,  "^fauyt  behufs  erklärung  der  formverhältnisse 
von  fechten  bemerkt  habe,  dass  nämlich  eine  solche  regel- 
mässige abwandlung  des  verbumiS  nach  dem  normalschema  der 
cu  :  ««-reihe,  wenn  sie  bestanden  hätte,  aller  Wahrscheinlich- 
keit nach  überhaupt  niemals  alteriert  worden  wäre.  Hinzu- 
fügen darf  ich  wol  noch  den  hinweis  darauf,  dass  man  auch 
in  morphologischer  hinsieht  eine  art  unicum  mit  jener  auf- 
stellung schaffen  würde:  bis  jetzt  sind  starke  verba  der  zweiten 
ablautsklasse  mit  doppelconsonanz  hinter  dem  eu  im  germani- 
schen nicht  nachgewiesen  ausser  den  zweien  mit  -st-  got. 
hriustan  'knirschen'  (dies  in  dem  einzigen  belege  der  3.  sing, 
ind.  praes.  h-iiistij)  Marc.  9, 18:  Braune,  Got.  gr.-^  §  173,  anm.  1. 
Streitberg,  Got.  elementarb.  §  204),  und  aisl.  liösta  'sclilagen' 
(Noreen,  Altisl.  und  altnorw.  gr.^  §  412).  Das  Vorhandensein 
dieser  aber  berechtigt  offenbar  noch  nicht  zu  der  annähme, 
dass  auch  solche  des  habitus  eu  +  -yt-,  wie  das  Klugesche 
fabrikat  got.  *fii(htan,  vorkommen  mochten,  denn  den  5- Verbin- 
dungen st  und  sJc,  s})  hatte  ja  eben  auch  in  andern  be- 
ziehungen,  wie  z.  b.  in  der  Verwendung  für  die  stabreimende 
dichtung  und  hinsichtlich  des  reduplicationsverfahrens,  das 
formale  sprachempfinden  der  alten  Germanen  die  geltung  als 
äquivalente  einfacher  consonanz  verliehen;  \g\.  Kluge,  Beitr. 
z.  gesch.  d.  germ.  conj.  5G.  Verf.,  Beitr.  8,  563,  sowie  auch  Sievers, 
Altgerm,  metrik  37  and  R.  M.  Meyer,  Zs.  fdph.  26, 149  f. 

HEIDELBERG,  den  21.  mal  1902.         H.  OSTHOFF. 

lieiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVH.  23 


ÜBER  EINIGE  ABKÖMMLINGE  DER  ZWEIZAHL 
IN  DEN  GERMANISCHEN  SPRACHEN. 

1. 

lieber  die  bildungsweise  einiger  ableitungen  vom  stamme 
der  zweizalil  in  den  germ.  sprachen  werden  in  den  gangbaren 
liandbücliern  lehren  vorgetragen,  die,  wenn  ich  nicht  irre,  teils 
vom  Standpunkt  des  germ,  selbst,  teils  von  dem  der  verwanten 
sprachen  zu  bedenken  anlass  geben.  Ich  meine  einmal  ahd, 
mhd.  0tvt,  zivies  n.  m.  'zweig,  rebschoss,  pfropfreis',  wozu  zivien 
'pfropfen',  und  das  damit  identische  mnl.  tivi  'zweifei,  zwist', 
wozu  tivlen  'streiten',  mnd.  tivten  'sich  teilen'  (Franck,  Etym. 
woordenb.  1044),  sodann  die  durch  suffixale  h,  g,  f  gekenn- 
zeichneten bildungen : 

got.  kveih-nai  'je  zwei,  doppelte',  aisl.  tuenn  'doppelt'  (nebst 
2>renn  'dreifach'),  ae.  twih,  tweonum  'beide,  beiden',  hetivih,  be- 
tweonum  'zwischen'  (Sievers,  Ags.  gr.2  154)  und  mit  anderer 
vocalstufe  und  anders  entwickelter  bedeutung  ahd.  ziveho  m., 
as.  twelio,  ae.  hveo  'zweifel'; 

ahd.  stvig,  mnd.  twich,  nl.  twijg,  mit  anderer  vocalstufe 
ae.  ne.  twig  und  mit  anderer  vocalfarbe  as.  tivögo  (westf.  twouch), 
ahd.  2uogo  (bair.  zuechn)  sämmtlich  'zweig'  und  elsäss.  zwagU 
'kleiner  zweig  einer  traube'; 

gottweifls  (üveifl?),  ahd. zivifal,  -änJunfal,  nl.tivijfel  'zweifel'; 
dazu  8i,e.  ^e-hvcefan  'trennen,  abhalten,  hindern'  und  SiM.  zivtfo 
'zweifel',  wenn  in  der,  wie  es  scheint,  nur  einmal  belegten 
Wendung  huuzssan  einigan  zuuiuun  Isid.  26, 11  Hencli  das  -iiu- 
als  -fu-  zu  verstellen  ist,  nicht  als  -ivu-,  was  nach  der  im  Isidor 
herschenden  schreibgewohnheit  ebensogut  möglich  ist  (Hench, 
QF.  72, 91);  in  diesem  falle  würde  sich  das  wort  zu  dem  aisl., 
übrigens  nach  Cleasby-Vigfusson  ebenfalls  nur  einmal  (Atla- 


GERM.   ABKÖMMLINGE   DER   ZWEIZAHL.  355 

kviö.  27)  beg-eg-nendeii  fyja  'zAveifel'  stellen,  das  man  um  des 
t«-iimlauts  des  -ui-  willen  aus  *tmuiön-  herzuleiten  pflegt. 

Sehe  ich  von  der  Vermutung  Kluges  (Et.  wb.^  441)  ab,  das 
g  von  siütg  u.s.w.  sei  aus  j  innerhalb  einer  ursprünglichen 
flexion  ztvt,  zwtjes  entwickelt  —  sie  erweist  sich  als  unzuläng- 
lich schon  dadurch,  dass  sie  den  nebenformen  mit  6,  ä  in  der 
Stammsilbe  keine  rechnung  trägt  — ,  so  scheinen  die  neueren 
in  der  meinung  übereinzustimmen,  alle  die  genannten  bildungen 
giengen  auf  eine  urform  mit  -qii-  zurück,  das  in  der  bekannten 
mannigfaltigen  weise  durch  h,  g,  f,  tu  widergespiegelt  werde, 
nur  dass  das  letztere  in  der  mehrzahl  der  es  ursprünglich 
enthaltenden  Wörter  ausser  etwa  ahd.  zivüvo  lautgesetzlich 
verloren  gegangen  sei  (s.  Kluge,  Beitr.  11,  561.  Vorgeschichte - 
375.  457.  Et.  wb.«  441  s.v.  siveifel  Franck,  Et.  woord.  1043. 
Noreen,  Abriss  76.  148.  180.  Brugmann,  Grundr.  2,  242.  12,  612. 
615).  Wenn  Kluge  dabei  von  einer  'vorgermanischen  wurzel 
dueicßi-''  spricht,  so  stellt  sich  das  als  eine  unstatthafte  abstrac- 
tion  dar;  da  wir  es  in  allen  jenen  Wörtern,  wie  wol  von  nie- 
mand bezweifelt  wird,  mit  ableitungen  von  der  zweizahl  zu 
tun  haben,  so  könnte  es  sich  bei  diesem  diieiqn-  doch  nur  um 
eine  suffixale  Weiterbildung  des  Stammes  derselben  handeln, 
und  so  knüpft  Brugmann  principiell  richtiger  an  ai.  dvi-ha- 
'aus  zweien  bestehend,  subst.  paar',  ved.  dva-M-  'je  zwei,  paar- 
v/eise  verbunden'  an,  die  mit  demselben  sufflx  gebildet  sind 
wie  ai.  eM-Jcd-  'einzig,  alleinig,  alleinstehend',  tri-M-  'drei- 
fach, zu  drei  zusammengehörig,  n.  dreizahl',  dsla-ha-  'achtfach, 
achtteilig'. 

Dieser  annähme  einer  einheitlichen  grundform  widerstrebt 
nun  schon  aus  dem  germ.  selbst  heraus  ahd.  mhd.  zivi,  mvies. 
Beruhte  es  wirklich  auf  urgerm.  *tm-ua^  für  *tm-gua^,  so  sollten 
wir  reste  des  -u-  erwarten  in  einem  nom.  *^^^'^o  und  noch  mehr 
in  casus  obliqui  *2icmes  u.s.w.  Aber  weder  die  ahd.  belege, 
die  Graff  5,  729,  noch  die  mhd.,  die  Müller-Zarncke  3,  956  ver- 
zeichnen, weisen  eine  spur  davon  auf;  durchgehends  heisst  es 
^■wi,  sivles,  in  bemerkenswertem  gegensatze  beispielsweise  zu 
urgerm.  *saiua2,  dessen  hd.  ebenbild  seo,  se  wenigstens  in  den 
obliquen  casus  das  tv  in  beträchtlichem  umfange  bis  in  mhd. 
zeit  fortführt.  Ich  meine  darum  in  mvi  die  Substantivierung 
des  lit.  dveji  'je  zwei,  zwei  (bei  pluralsubstantiven)'  und  ai. 

23* 


356  SOLMSEN 

dvayd-  'doppelt'  seilen  zu  sollen,  vorausgesetzt  dass  das  a  des 
letzteren  dem  e  des  lit.  Wortes,  nicht  dem  o  des  abulg.  dvoji 
'doppelt'  entspricht;  zivi  aus  urgerm.  '^tmiaz  wie  z.  b.  drt  aus 
*J)riiiz,  fri  aus  ^friiaz.  Da  das  gr.  öoioi,  öoiöq  'je  zwei,  doppelt' 
nicht  aus  ^dfoioq  entstanden  sein  kann,  sondern  auf  ^öfoi-ioq 
(oder  auch  *d\Foi-uog)  zurückgehen  muss,  so  kann  übrigens  für 
Zivi  auch  ein  vorgerm.  ""^diici-ws  vorausgesetzt  werden  (vgl.  u.). 
Zu  der  substantivischen  Verwendung  dieses  multiplicativ-distri- 
butivischen  adjectivs  beachte  man  ai.  dvaydm  'doppelheit,  paar, 
faischheit'  (in  diesem  sinne  schon  im  RY.)  und  gr.  doit]  'zweifel' 
Ilias. 

Aber  auch  die  anderen  Wörter,  die  nach  abzug  von  zivi 
noch  übrig  bleiben,  unter  einen  hut  zu  bringen  stellt  sich  als 
unmöglich  heraus;  denn  nach  allem,  was  wir  über  indog. 
Suffixe  wissen,  vertritt  das  h  von  ai.  dvakd-,  dviJca-  nicht  velar 
mit  labialem  nachschlage,  sondern  velar  ohne  solchen.  Dem 
ai.  elm-Jid-  entspricht  got  ainaha,  nicht  *ainaha,  lat.  imicus, 
nicht  *üniqnos.  Man  wird  weiter  das  -Jca-  der  zahladjectiva 
nicht  von  demjenigen  trennen  können,  das  zur  adjectivierung 
von  adverbien  und  präpositionen  dient:  anti-Jcd-  'nahe',  dnu-Jca- 
' hinter  etwas  her  seiend,  begierig',  üt-Jia-  'sich  nach  etwas 
sehnend',  iic-ca-  'in  der  höhe  befindlich,  hoch'  u.a.,  und  für 
dieses  erlauben  uns  die  grieeh.  gegenstücke  wie  Jitgi^  'rings- 
herum', 3iQ6-xa  'sofort,  sogleich',  ""jiqü-xo-  'hindurchdringend, 
hinüberführend'  in  jigtaxco  und  die  lat.  wie  reci-procus,  nicht 
'-^requi-proquos,  eigentlich  'rückwärts  und  vorwärts  gerichtet', 
zu  behaupten,  dass  sein  velar  der  labialisierung  entbehrte.  In 
gleichem  sinne  zeugen  ferner  die  grieeh.  rQixrvg  'dreiheit, 
drittel',  xsTQaxzvg  'vierheit,  vierzahl',  nicht  ^zQiJirvg,  ^rerga- 
jttvg,  wenn  die  bildungen,  aus  denen  sie  durch  anfügung  des 
abstractsufüxes  -zvg  gewonnen  sind,  mit  den  altind.  wie  dvil-a-, 
trikd-  identisch  waren;  doch  ist  das  unsicher,  weil  sie  ebensogut 
von  T()/xa,  xkxQttxa  aus  geformt  sein  können,  wie  Brugmann, 
Gr.  gr.''  s.  216  annimmt,  und  auch  bei  den  adjectivischen  öiooög 
öixxög,  xQLOöög  xQizxog  'zweifach,  dreifach'  sich  nicht  ent- 
scheiden lässt,  ob  sie  aus  '^öix-j^ög,  ^xgixiog  oder  aus  '^öix-iog, 
*xQix-iög  entstanden  sind.')    Ueberhaupt  aber  ist  die  existenz 


^)  Darin  stimme  ich  auf  jcdeu  fall  ScLulze,  KZ.  33, 395  uud  Brugmauu 


GERM.   ABKÖMMLINGE    DER   ZWEIZAHL.  357 

eines  suffixalen  elements  -quo-  in  den  indog.  sprachen  durch 
keinerlei  sichere  tatsachen  beglaubigt;  in  lat.  anttqiios,  eigent- 
lich Hvas  in  räum  oder  zeit  oder  rang  vorausgeht,  voransteht', 
das  allein  man  etwa  nennen  könnte,  sieht  Kretschmer,  KZ. 
31, 389  wol  richtig  eines  jener  composita  mit  dem  stamme 
oqu-  'angesicht'  (ursprünglich  also  'das  angesicht  nach  vorn 
richtend')  wie  SLi.prdüMs  'zugewant,  entgegengesetzt',  J9ra7!/ia«i 
'antlitz'  und  dmlmm  'angesicht,  Vorderseite',  über  deren  laut- 
gestalt  bei  auslautendem  i,  u  des  ersten  bestandteils  J.  Schmidt, 
Pluralb.  d.  neutr.  s.  389  ff.  gehandelt  hat;  auch  dvihi-,  triht- 
etwa  als  solche  anzusprechen  empfiehlt  weder  die  bedeutung 
noch  die  kürze  des  vocals  in  der  compositionsfuge. 

Tatsächlich  liegt  denn  auch  kein  irgendwie  zwingender 
anlass  vor,  die  Vielheit  der  germ.  formen  als  entfaltung  einer 
alten  einheit  aufzufassen;  die  typen  der  zahladjectiva  und 
-adverbia,  die  die  verwanten  sprachen  darbieten,  lassen  es 
ebenso  gerechtfertigt  erscheinen,  wenn  wir  in  ihnen  von  anfang 


a.a.O.  zu,  dass  att.  TQnivq  'dreiheit  (als  bezeichnung  eines  aus  drei  tieren 
bestehenden  opfers),  drittel'  erst  durch  secundäre  Umbildung  von  XQixTvq. 
nach  dem  muster  von  xQixxöq  zu  stände  gekommen  ist.  Dafür  spricht 
schon  die  Aveite  Verbreitung  der  -;«t- formen  in  den  ausserattischen  mund- 
arteu.  Die  xexQaxxvg  war  das  Schwursymbol  der  Pythagoräer,  der  terminus 
entstammt  also  dem  achäisch-dorischen  culturkreise  Unteritaliens,  xqixxvc, 
das  Hesych  anführt,  Avird  als  dorisch  erwiesen  durch  des  Syrakusaners  So- 
phron  fragment  3  Kaibel  und  das  in  seiner  speciellen  bildnng  freilich  auch 
nach  Prellwitz,  Bezz.  Beitr.  17, 167  noch  nicht  völlig  klare,  wie  es  scheint, 
adjectivische  XQixxevav  {%>jvav)  der  delphischen  amphiktioneuinschrift  CIAtt. 
2, 545  =  Cauer,  Del.^  204,  34  zweimal ,  als  ionisch  durch  die  etwa  um  das 
jähr  180  v.  Chr.  zu  datierende  Übergaburkunde  aus  Delos  Dittenberger, 
Sylloge  inscr.  Graec.  '  867  =  ^  588,  die  in  zahlreichen  widerholungen  (z.  b. 
z.  57.  63.  92)  XQiKxvuQyoi  und  xQixxvc.Qyo'CrxtQ  nennt.  Die  somit  allem 
anscheine  nach  specifisch  attische  Umgestaltung  des  zahlabstractums  reicht 
allerdings  in  recht  alte  zeit  zurück;  schon  die  Inschriften  aus  der  ersten 
hälftedes5.jh. 's  v.Chr.  weisen  ausschliesslich  XQiXxvq,  x(iiixo{i)a  auf  (Meister- 
hans, Gramm,  d.  att.  inschr.''  s.  101),  letzteres,  das  das  dreifache  opfer  be- 
zeichnet, aus  *XQixxoFia*xQix-xoF-iu  hervorgegangen  und  als  proparoxytonon, 
nicht  wie  gewöhnlich  geschieht,  als  paroxytonon  zu  betonen  nach  der  lelire 
in  den  Kanones  des  Theognost  Cramers  Anecdota  Oxon.  2,  103,  11,  die  sich 
als  vertrauenswürdig  schon  dadurch  erweist,  dass  sie  dem  ausdruck  den 
richtigen  diphthong  -oi-  zuerkennt,  während  die  sonstigen  grammatischen 
und  lexicalischen  excerpte  byzantinischer  zeit  ihn  mit  falschem  -i'-  {xqixxvu) 
schreibeq, 


358  SOLMSEN 

an  verschiedene  bildungen  erkennen.  Die  Wörter  mit  -h- 
würden  natürlich  bei  ai.  ävaM-,  dvila-  verbleiben ,  zu  denen 
sich  übrigens,  abgesehen  von  allfälligem  gr.  *6fix-i6c,  noch 
slavo- lettische  formen  mit  dem  gleichen  suffix,  wenn  auch 
anders  gestaltetem  stamm  davor,  gesellen:  serb.  dvojJca  'fass 
von  zwei  eimern',  russ.  czech.  poln.  dvößa  'paar,  die  zwei  im 
kartenspiel'  aus  urslav.  ^dvoßkä  und  gemeinslav.  dvojdlm 
'doppelt',  lit.  dvcjolms  'zweierlei',  tiv^g-  und  tivög-  können  mit 
ihrem  -g-  grammatischen  Wechsel  dieses  -li-  darstellen.  Sie 
können  aber  ebensogut,  wie  schon  J.  Schmidt,  KZ.  16,  436  ff. 
in  einem  erstlingsauf satz  annahm,  der  zwar  in  wesentlichen 
stücken  veraltet  ist,  aber  immer  noch  mehr  beachtung  ver- 
dient als  ihm  heute  zu  teil  zu  werden  scheint,  zu  den  griech. 
multiplicativen  wie  d/^«,  Ör/Ji  ör/ov,  ör/üa  'in  zwei  teile  ge- 
teilt, zwiefach,  doppelt',  rgiia,  TQiyij,  rgr/^ov,  xQixcog  'drei- 
geteilt, dreifach'  und  den  litauischen  altersadjectiven  wie  dveigys, 
treigys,  Tidvergis,  penkergis  'zwei-,  drei-,  vier-,  fünfjährig'  ge- 
zogen werden;  dazu  kommen  weiter  die  von  Schmidt  noch 
nicht  berücksichtigten  alban.  degs  'ast,  zweig,  gebüsch'  aus 
*daiga  *doigha  oder  ^'dnoighä  (G.  Mej^er,  Et.  wb.  s.  62,  der  schon 
an  ^tveig  erinnert  hat)  und  abulg.  trüü  'dreijährig'  und  *dvüü 
'zweijährig',  das  durch  die  mit  hilfe  verschiedener  substan- 
tivierender endungen  weitergebüdeten  serb.  dii^c,  gen.  dvheta 
'zweijähriges  schaf,  dvizalc,  dvirnka  'zweijähriger  widder', 
dvljsica,  dvisJca  'zweijähriges  weibliches  schaf  vorausgesetzt 
wird.  Die  letztgenannten,  deren  -^-  an  stelle  von  ursprüng- 
lichem -g-  unter  dem  einfluss  des  vorhergehenden  i  durch  die 
sogenannte  zweite  palatalisierung  getreten  ist  (Baudouiu  de 
Courtenay,  IF.  4, 46  ff.),  zeigen  die  gleiche  einschränkung  des 
Sinnes  auf  die  altersstufe  wie  die  lit.  dveigys  u. s.w.;  dass  diese 
etwas  secundäres  ist,  wird  erwiesen  durch  einen  anderen 
Vertreter  der  bildungsklasse,  grruss.  cetvergti,  klruss.  cetverh 
'donnerstag',  der  allerdings  mit  lit.  Jietvergis  nicht  laut  für 
laut  identisch  ist,  sondern  auf  *ceMrgü  oder,  was  minder 
wahrscheinlich,  ^cetvertgü  beruhen  muss.  Er  hat  seine  bedeu- 
tung  'vierter  tag  der  woche'  (neben  vtörnUxü  'dienstag'  zu 
vtoröj  'der  zweite',  pjdtnka  'freitag'  zu  pjätyj  'der  fünfte' 
und  dem  in  der  Umgangssprache  seltener  gebrauchten  cetvertök 
'donnerstag'   zu  cdvcrtyj  'der  vierte')   in  derselben  weise  aus 


GEBM.   ABKÖMMLINGE   DER   ZWEIZAHL.  359 

ursprüDglicliem  'vierfach'  entwickelt  wie  ai.  dstalcä  fem.  'der 
achte  tag-  nach  dem  volhnond'  Ath.  Yed.  (^atap.  Brähm.  aus 
dsfaJia-  'achtfach'  entsprossen  ist,  d.h.  vermutlich  durch  die 
Zwischenstufen  'aus  vieren  bestehend,  vier  enthaltend,  an 
vierter  stelle  stehend,  vierter'.  Was  die  Verwendung  für  die 
altersjahre  anbetrifft,  so  hat  schon  Schmidt  a.  a.  o.  s.  440  richtig 
auf  die  parallelen  lat.  sexagcnanus,  scj^hiagenarnis  'sechzig-, 
siebzigjährig'  neben  'sechzig-,  siebzigzöllig',  ursprünglich  ledig- 
lich 'sechzig-,  siebzigfach,  sechzig,  siebzig  enthaltend'  zu 
sexageni,  scptucKjcni  'je  sechzig,  siebzig'  und  deutsch  sechziger, 
siehziger  verwiesen. 

Auch  für  üceifls  hat  Schmidt  bereits  a.  a.  o.  s.  431  eine  ein- 
wandfreie andere  anknüpfung  gegeben,  nämlich  an  gr.  öi-jrX6c, 
das  von  6ix?.üog,  diJcXovg  seinem  Ursprung  nach  zu  scheiden 
ist,  und  lat.  dü-plus]  in  demselben  sinne  hat  sich  jetzt,  ohne 
von  Schmidts  vorgange  zu  wissen,  v.  Grienberger,  Unters,  z.  got. 
wortkunde  (SB.  der  Wiener  akad.,  phil.-hist.  klasse  1900)  s.  211 
ausgesprochen.  Wie  dieses  suffixale  -xüo-  zu  stände  gekommen 
ist,  darüber  kann  man  verschieden  denken.  Es  ist  möglich  es, 
wie  V.  Grienberger  will,  an  ausdrücke  wie  czech.  oba-pol  'zwei- 
fach', klruss.  oba-poly  'auf  beiden  selten',  Zusammensetzungen 
mit  gemeinslav.  iJo?M  'seite,  hälfte,  geschlecht',  auzuschliessen.  i) 
Aber  viel  wahrscheinlicher  dünkt  mich  doch,  dass  es  sich  in 
ihm  um  eine  Z-erweiterung  des  multiplicativsuffixes  handelt, 
das  uns  in  lit.  dvejöpas,  trejöpas,  lietveriöpas  u.s.w.  'zweier-, 
dreier-,  viererlei'  (weitere  belege  bei  Leskien,  Bild.  d.  nom.  im 
lit.  s.  589  f.)  entgegentritt.  Diese  bildungen  bieten  uns,  wie 
ich  meine,  auch  den  Schlüssel  zum  Verständnis  von  ae.  ^e-hccüfan 
aus  urgerm.  '*ga-tu-aif-janan  und  von  ahd.  zivifo,  wenn  dies 
die  echte  form  des  Wortes  ist.  Stellt  vielmehr  zwiivo  das  rich- 
tige dar,  so  werden  wir  das  und  aisl.  tyja  aus  ^'tmuwn-  zu- 
nächst an  die  multiplicativadverbia  ae.  tivhva,  ttuva  'zweimal', 
^rüva  'dreimal',  sowie  an  die  nicht  von  den  stammen  dtä-,  tri-, 
sondern  von  den  fertigen  adverbien  indog.  ''^dms,  *^m  aus  ge- 
bildeten ahd.  ztviro  aus  *tuizm-  und  weiter  ahd.  ztviron,  ziviror, 
driror,    aisl.  tuisuar,  ])ristiar   anzureihen   haben.     Sie   finden 


^)  Gr.  7ii?.ofA.ui,  das  v.  Grienberger  noch  in  diesem  zusammenhange 
nennt,  muss  beiseite  bleiben,  da  sein  n  altes  qV  fortsetzt  (ai.  cärämi,  lat.  colo). 


360  SOLMSEN 

ausserhalb  des  germ,  ihre  nächste  beziehimg  an  dem  vedischen 
dvay-u-  nebst  dvay-äv-in-  'doppelzüngig-,  falsch,  unredlich',  von 
dem  sie  sich  nur  insofern  unterscheiden,  als  sie  allem  anscheine 
nach  eine  themavocalische  bildungsweise  voraussetzen,  während 
jenes  unthematischer  natur  ist. 

Es  bleibt  zum  schluss  noch  ein  punkt  in  kürze  zu  erörtern, 
die  gestaltung  des  stammhaften  vocals  vor  den  verschiedenen 
Suffixen.  Diejenigen  formen,  die  X  aufweisen  oder  erschliessen 
lassen,  ae.  twig  und  ahd.  swelio  u.s.w.,  entsprechen  damit  der 
Stammform  der  zweizahl,  die  im  ersten  teile  von  Zusammen- 
setzungen in  den  meisten  gliedern  des  germ.  wie  im  altind., 
griech.,  lat.,  balt.  herscht.  Mehr  Schwierigkeiten  bereiten  die 
Wörter  mit  7,  zu  denen  das  altisl.  noch  die  grosse  masse  der 
composita  beisteuert,  die  im  gegensatz  zu  den  anderen  germ. 
idiomen  tivi-,  nicht  tivi-  enthalten  (tin-huri  'zwilling',  tui-liaf- 
dadr  'zweihäuptig'  u.s.w.).  Noreen  a.a.O.  s.  76  setzt  dieses  l 
gleich  urgerm;  l.  Dass  das  möglich  ist,  beweist  das  Verhältnis 
von  lit.  dvynü  ' Zwillinge'')  zu  ahd.  zwinal,  swinilinc.  Aber 
lit.  dveigys  und  die  ai.  dvcdhä  'zweifach,  entzwei',  trcdhä  'drei- 
fach, in  drei  teile',  die  schon  in  vedischer  zeit  neben  gleich- 
bedeutenden dvidliä,  iridlm  stehen  und  die  man,  trotzdem  die 
erste  silbe  von  trcdhä  mehrfach  in  der  metrischen  geltung  von 
zweien  gebraucht  wird,  nicht  aus  indischer  zusammenziehung 
von  *dvaya-dhä,  *traya-dhä  erklären  darf  (s.  Wackernagel,  Ai. 
gr.  1,531), 2)  sowie^endlich  gv.öoiög  s^ua^d/oi-iog  (oder  *ÖJ'oi-u6g?) 
und  alb.  dege  mit  e  aus  oi  lehren,  dass  wir  in  dem  i  mit  nicht 
minderem  rechte  vorgerm.  diphthong  cl  erkennen  dürfen.  Am 
wenigsten  durchsichtig  sind  die  ö-formen  and.  twögo,  ahd.  znogo. 
Wäre  nicht  das  allem  anscheine  nach  damit  ablautende  eis. 
zwagle,  so  läge  die  annähme  nahe,  dass  sie  ihr  o  dem  einflusse 
sei  es  des  historischen  nom.  fem.  as.  twü,  alem.  zwo,  sei  es  des 
vorhistorischen,  dem  ai.  dva,  gr.  Övm  u.s.w.  entsprechenden 
nom.  masc.  "^twö,  der  wol  in  ae.  tu  neutr.  fortlebt  (Streitberg, 
Urgerm.  gr.  §  165),  verdanken.    So  aber  fühlt  man  sich  durch 


1)  Ob  lat.  hmi  altes  *(hfinoi  oder  *dnis-noi  (vgl.  terni,  quaterni)  wider- 
gibt, können  wir  nicht  sagen. 

'^)  Diesen  bilduugen  dürften  im  suffix  die  gr.  di/ßcc,  r^n/ß-ü,  rtxQuyßä 
des  epos  entsprechen,  in  denen  wir  wol  eine  Verschmelzung  von  d//«  und 
*did-ä  zu  erblicken  haben. 


GERM.   ABKÖMMLINGE   DER   ZWEIZAHL.  361 

^ivagle  an  das  ai.  ävdkds  erinnert,  das  früher  als  dvikas  belegt 
ist  (oben  s.  355),  und  kommt  auf  die  Vermutung,  ob  nicht  neben 
der  durch  i  charakterisierten  Stammform  in  Zusammensetzung 
und  Stammbildung  einmal  auch  eine  andere  bestanden  habe, 
die  von  diesem  i  frei  war.  Doch  wüsste  ich  für  sie,  da  wir 
es  in  ai.  dvddaga,  gr.  öcoöexa  u. s.w.  'zwölf  doch  mit  zusammen- 
rückung, nicht  Zusammensetzung  zu  tun  haben,  höchstens  noch 
einen  beleg  zu  nennen,  ai.  dvä-pdra-,  das  nach  dem  Petersb. 
wb.  als  name  eines  würfeis  oder  einer  Würfelseite,  die  mit  zwei 
äugen  bezeichnet  ist,  im  Yajurveda  begegnet  (neben  ckaixird- 
im  Eigveda  als  bei  wort  eines  würfeis,  bei  dem  ein  äuge  den 
ausschlag  gibt)  und  das  in  grammatischer  literatur  auch  durch 
' Zweifel'  erklärt  wird;  ob  das  aber  in  dieser  gestalt  etwas 
altes  fortsetzt  und  nicht  vielmehr  unter  dem  directen  einflusse 
von  dvä{u)  entstanden  ist,  steht  doch  sehr  dahin.  Sicher 
jungen  Ursprungs  werden  die  kirchenslavischen,  im  serb.  fort- 
lebenden bildungen  wie  dvo-guhX  'doppelt',  dvo-Jcrovmü  'dop- 
peltes dach  habend',  dvo-myslije  ' Zweifel'  sein;  da  die  balt. 
sprachen  ihnen  im  einklang  mit  allen  schwestersprachen  dvt- 
gegenüberstellen  (lit.  dviguhas  'zwiefältig',  preuss.  dwigubus 
'doppelt',  dtmgiüjut  'zweifeln'),  so  wird  ihr  -o-  erst  im  slav. 
sonderdasein  -i-  abgelöst  haben  in  anlehnung  an  dvojl,  das  auch 
den  lebenskräftigen  sufflxbildungen  (dvojmü,  ^dvojika  in  dvojika 
'paar'  (^vojYcmtt 'doppelt'  c^ycyTcr 'zweimal',  dvojakü,  sämmtlich 
'zweifach,  doppelt')  zu  gründe  gelegt  worden  ist;  der  process 
ist  dann  in  jüngeren  mundarten  weiter  gegangen,  indem  dvo- 
durch  dvoj-,  dvoje-  verdrängt  worden  ist:  czech.  divoj-rohaty 
'mit  zwei  hörnern',  dwoj-smysl  'doppelsinn';  grruss.  dvoje-brdcije 
'doppelehe',  dvoje-tcsü  'doppelter  brettnagel'  (neben  dvu-h-dtmjj 
'zweimalig',  dvu-rögij  'zweihörnig',  die  u  an  stelle  von  o  haben 
treten  lassen  nach  dem  muster  der  flexion  der  zweizahl,  in 
deren  obliquen  casus  dieser  vocal  herschend  geworden  ist: 
dvuchü  dvimiu  dvumjd.). 

2. 

Die  indog.  Ursprache  hat  ihren  töchtern  in  gewissem  nicht 
näher  abzugrenzendem  umfange  neben  der  stammgestalt  dui- 
eine  stammgestalt  di-  ohne  u  hinterlassen.  Man  hat  längst 
in  lat.  dis-  und  ahd.  sir-  'entzwei,  auseinander'  zwillingsformeu 


362  SOLMSEN 

von  lat.  chis  bis,  ai.  dvis,  mhd.  ;sivis  'zweimal^  zweifach',  g'ot. 
twis-  'auseinander'  erkannt  und  gr.  öiä,  für  das  das  fehlen 
eines  /  nach  dem  6  durch  das  durchgängige  unterbleiben  der 
längung  eines  davor  stehenden  kurzen  vocals  im  epos  und  durch 
den  überaus  frühen  wände!  in  ga  auf  äol.  gebiet  bewiesen 
wird,  auf  eben  diese  formen  bezogen,  indem  man  die  bedeutung 
'durch'  aus  älterem  'zwischendurch,  auseinander'  abgeleitet 
hat.  Unters,  z.  griech.  laut-  und  versl.  s.  211  ff.  habe  ich  dann 
weiter  gezeigt,  dass  auch  öi-cfQog  'wagenstuhl,  sessel',  das  allein 
von  allen  composita  mit  öi-  dank  der  häufigkeit  seines  Vor- 
kommens bei  Homer  zeugnis  abzulegen  befähigt  ist,  ein  /  ab- 
lehnt, und  damit  die  lat.  glossematisch  überlieferten  Zusammen- 
setzungen mit  di-  neben  den  literarisch  herschenden  mit  hi-: 
diennnmi,  difariam,  dwms  (aus  dilmmis),  divwm,  disidcis,  des, 
das  Varro  als  ehemals  für  hcs  'zweidrittel  as'  gebräuchlich 
bezeugt,  und  umbr.  difue  'zwiefältig'  combiniert.  Ich  glaube, 
dass  auch  auf  germ.  boden  ein  paar  nomina  derartige  des  u 
ermangelnde  Stammformen  in  sich  bergen. 

Ae.  telga,  mnl.  telg,  tclch,  mhd.  sclge,  selch,  sämmtlich  masc. 
und  'zweig'  bedeutend,  werden  von  J.  Schmidt,  Voc.  2,  22  und 
Franck,  Et.  wb.  s.  1007  zu  abulg.  dlugü,  gr.  öohx(k,  ai.  dtrglids 
'lang'  gestellt,  deren  entsprechung  man  sonst  in  got.  hdgiis  'fest, 
standhaft'  und  as.  hdgo  'sehr'  erblickt.  Kluge,  Et.  wb."  s.  441  ver- 
zeichnet die  Sippe  einfach  als  synonym  mit  der  von  ztvcig,  ohne 
sich  über  die  etymologie  zu  äussern.  Da  Tatian,  nach  Graft 
5,  729  f.  die  einzige  ahd.  quelle,  die  das  w^ort  braucht,  suclga 
146, 1  und  nielgon  73,  2  hat,  so  wird  man  nicht  umhin  können, 
es  wie  sivcig  mit  zwei  zu  verbinden  und  Hnelg-,  tclg-  als  doppel- 
formen in  der  art  der  lateinischen  mit  diu-,  hi-  und  di-  aufzufassen. 
Gemeingerm,  ""liielgo^n)-,  *telgö{n)-  kann  sein  e  durch  brechung 
für  i  erhalten  haben.  Dann  vergleicht  es  sich  in  seinen  bildungs- 
elementen  am  nächsten  mit  mnd.  üvil,  tivele,  nl.  iwil  'gabel- 
förmiger zweig'  und  aisl.  hiil  n.  ' zweifei ',  weiter  mit  lat. 
duelhim,  jünger  hellum  'krieg',  eigentlich  'zwist',  vorausgesetzt 
dass  dies  aus  *duel-nom,  nicht  etwa  "^diteno-lom  o.  ä.  erwachsen 
ist.i)    Nur  ist  bei  jenem  auf  das  Z-suffix  ein  </-suffix  w^eiter 

')  Es  zeichnet  sieb  übrigens  dadurcb  aus,  dass  es  vor  dem  suffix- 
complex  nicht  i,  sondern  e  hat,  Avas  für  das  oben  anlässlicli  Iwögo,  zwagle 
bemerkte  nicht  ohne  bedeutung  ist. 


GERM.   ABKÖMMLINGE   DER  ZWEIZAHL.  863 

aufgepfropft,  das  man  "\vol  für  identiscli  mit  dem  in  sivcig  er- 
scheinenden halten  darf. 

Ein  anderes  wort  zeigt,  so  viel  ich  sehe,  auf  keinem  der 
gebiete,  wo  es  begegnet,  mehr  eine  spur  des  u.  Es  ist  got. 
tains  'rebschoss',  aisl.  teinn  'schössling,  reis',  ae.  tan  'a  twig, 
sprout,  shoot,  brauch',  alid.  ^ein  'arundo,  virgultum',  pl.  'sar- 
menta';  dazu  das  entlehnte  finn.  taina  'pflanze'  und  got.  tainjo, 
alid.  zeinna  ^korb',  d.i.  das  aus  reisern,  ruten  geflochtene. 
Neuerdings  sind  Wood,  Publ.  of  the  modern  lang,  assoc.  14, 334 
(Avie  ich  aus  Uhlenbecks  Et.  wb.  d.  got.^  s.  145  ersehe)  und 
V.  Grienberger,  Unters,  z.  got,  wortk.  s.  207  in  dem  gedanken 
zusammengetroffen,  es  mit  gr.  öivoq,  dir?]  'wirbel,  Strudel,  das 
herumdrehen  im  kreise',  dirüi'  'im  kreise  herumdrehen'  und 
lett.  devju,  det  'tanzen',  lit.  dainä  'Volkslied',  ursprünglich  wol 
'tanzlied',  zu  verbinden.  Aber  diese  gehören  zu  ai.  diyati 
'fliegt,  enteilt',  gr.  ötifjai,  öto/(at  'eile,  flüchte',  öimxo)  'ver- 
folge', öiiQog  'eilend,  flüchtig',  air.  dzan  'schnell',  der  kern- 
begriff der  Wortfamilie  ist  also  nicht  sowol  der  der  gewundenen, 
kreisförmigen  bewegung,  von  dem  aus  der  sinn  der  germ. 
Wörter  allenfalls  begreiflich  wäre,  als  vielmehr  der  der  schnellen, 
eiligen  bewegung.  Nehmen  wir  dagegen  als  grundbedeutung 
'zweig',  was  sich  angesichts  der  Verwendung  beispielsweise  von 
ahd.  mhd.  zwi  durchaus  rechtfertigen  lässt,  so  können  wir 
urgerm.  Hainaz  mit  gemeinslav.  dvojinü  'zweifach,  doppelt', 
woher  z.  b.  grruss.  f?i-o;«27.-;^  'zweidrähtiger  faden,  zweischeitiges 
holz,  doppelgänger',  zusammenbringen,  nur  dass  in  dem  slav, 
wort  das  suffix  an  die  Stammform  duoi-  nicht  in  der  gestalt 
-no-,  sondern  -eno-  oder  in  der  an  ^-stammen  abstrahierten  ge- 
stalt -ino-  angetreten  ist.  Der  Stammform  *f?Mo/-  selbst  sind 
wir  bereits  im  ersten  abschnitt  in  ae,  sc-tivcefan,  gr,  öoiöq, 
alban,  dege  begegnet;  davon  lassen  die  beiden  letzteren  nicht 
erkennen,  ob  sie  von  duoi-  oder  von  doi-  ohne  das  u  aus- 
gegangen sind  (vgl.  verf.  Unters,  s.  134.  212.  G.  Meyer,  Alban. 
stud.  3, 39), 

BONN,  den  10.  juni  1902,  FELIX  SOLMSEN, 


ETYMOLOGISCHES. 

1.  Got.  us-filma. 
Got.  us-filma  'erschrocken,  entsetzt'  nebst  us-filmci  'schrecken, 
erstaunen'  und  aisl.  fehntr  'erschrocken',  fdlma  'sich  schwankend 
bewegen,  tappen,  tasten'  wird  in  der  regel  mit  gr.  .-reXeid^o)  'in 
heftige  bewegung  versetzen,  erschüttern,  erbeben  machen'  und 
jröXefiog  'krieg'  verbunden  (s.  Uhlenbeck,  Et.  wb.  d.  got.-  s.  160). 
Auch  eine  slav.  wortgruppe  berührt  sich  in  der  bedeutung 
nahe  mit  den  germ.  ausdrücken  und  weicht  in  der  form  von 
ihnen  nur  im  letzten  consonanten  der ' wurzel'  ab:  urslav.  *2^olchü 
und  mit  reduplication  ""popolchu  'schrecken,  Verwirrung'  in  abulg. 
placliü,  poplacliii  'terror',  grruss.  polöclm  (jetzt  veraltet,  aber 
gebräuchlich  in  der  Zusammensetzung  pere-polöchü)  'auf rühr, 
lärm,  tumult,  Wirrwarr',  also  dem  gr.  jiohfiog  nahe  kommend, 
klruss.  pölocliü  'scheuche,  bestürzung',  pöjjoIochU  'schrecken, 
bestürzung',  poln.  poploch  'einschüchterung,  Schüchternheit, 
furcht',  czech.  poplacli  'aufschrecken';  urslav.  "^polclm  adj. 
'schüchtern,  scheu'  in  ?i\n\\g.  plachti  'wankend,  furchtsam',  serb. 
pläh  'scheu  (von  tieren),  rasch',  klruss.  polochyj  'scheu',  poln. 
piochy  'scheu,  flüchtig',  czech.  plachtj  'scheu,  flüchtig,  leicht'; 
urslav.  ^poUiti  'in  schrecken  versetzen,  scheuchen'  in  abulg. 
plas'di,  iieYh.pjl^isiti,  giTi\sa.2)oIositt,  khwss. ^jolösi/fy  'beunruhigen, 
in  aufruhr  versetzen,  schrecken',  poln.^^^os^yc  'scheuchen,  ver- 
scheuchen', czech. jylasiti  'wild,  scheu  machen'.  Es  handelt  sich 
um  verschiedene  sei  es  'wurzeldeterminative',  sei  es  'sufflxe'; 
dabei  muss  bei  der  slav.  sippe  dahingestellt  bleiben,  ob  ihr 
-ch-  altes  -s-  oder  etwa  -Ics-  vertritt  (vgl.  Pedersen,  IF.  5,  55  f.). 

2.  hell,  hall. 
Ahd.  hei  'laut,   tönend',  wozu  hellan  'ertönen'   und  mhd. 
hal  'hall,  schall',  schliesst  man  an  ahd.  halön,  holon  'rufen, 


ETYMOLOGISCHES.  365 

einladen'  und  damit  weiter  gr.  xaXtiv,  lat.  caläre  'ausrufen, 
berufen'  an.  Dagegen  ist  natürlich  nichts  einzuwenden,  es 
scheint  aber  noch  nicht  hervorgehoben  zu  sein,  dass  auch  der 
slavolett,  sprachzweig  zugehörige  bildungen  besitzt,  die  der 
deutschen  sogar  hinsichtlich  der  nominalen  form  und  der  be- 
deutung  in  gewissem  sinne  näher  stehen:  gemeinslav.  *A•o^/lO^« 
in  abulg.  Idaliolü,  grruss.  JiöloJiolu,  klruss.  IcoloMt,  polab.  Idäkül 
und  lit.  Jxün-Jcal-as,  sämmtlich  'giocke,  schelle'  bedeutend.  Sie 
zeigen  die  reduplication,  die  gerade  bei  schallnachahmenden 
Wörtern,  nomina  wie  verba,  so  beliebt  ist,  und  zwar  die  slav. 
den  regulären  typus,  die  lit.  denjenigen,  der  nasal  für  die 
liquida  einsetzt;  der  letztere  ist  übrigens  bei  unserem  wort 
auch  dem  slav.  nicht  unbekannt,  wird  hier  aber  nur  in  über- 
tragenem sinne  für  die  kornrade  und  den  schwindelhafer,  das 
taubkorn  gebraucht:  abulg.  Jmkoli,  serb.  hiiJwlj,  grruss.  Mlwli, 
klruss.  ImUli,  poln.  Iqliol,  czech.  loukol.  Die  ähnlichkeit 
zwischen  Vwl-liolü  und  dem  mittellat.-germ.-kelt.  Jdok-  in  lat. 
clocca  (franz.  clocJie),  aisl.  Tiluldm,  ae.  cliigge,  alid.  glocJxa,  air. 
che,  kymr.  doch,  dessen  geschichte  im  einzelnen  nicht  völlig 
aufgeklärt  ist,  liegt  auf  der  band;  es  ist  aber  eben  nur  eine 
ähnlichkeit  und  an  historischen  Zusammenhang  nicht  zu  denken; 
vielmehr  haben  die  gleichen  sinnlichen  eindrücke  sich  in  an- 
nähernd gleichen  lautlichen  retlexen  entladen.  —  Kluges  frage 
(Et  whß  s.Y.  hell),  ob  auch  aisl.  hjal  n.  'geschwätz'  und  hjala 
'schwatzen'  zu  der  behandelten  Avortfamilie  zu  ziehen  seien, 
wird  man  nicht  anstehen  zu  bejahen,  wenn  man  bedenkt,  dass 
grruss.  JcoloJioUtt  ausser  'läuten,  klingeln'  noch  'schwatzen, 
klatschen'  bedeutet. 

3.  helle  halle, 
helle  hölle,  das  im  älteren  nlid.  den  engen  räum  hinter 
dem  ofen  zwischen  diesem  und  der  wand  bezeichnete  und  bis 
heute  in  manchen  gegenden  selbst  und  in  hellhanl;  höUhanh 
' Ofenbank',  in  Thüringen  in  hcllchllsche  dass.  fortlebt,  wird  von 
Kluge,  Et.  wb.«  s.  171  zu  ae.  heul,  nie.  hal  'winkel,  ecke'  und 
air.  cuil  'ecke'  und  weiter  zur  wurzel  hei  'verhüllen,  verbergen' 
gestellt.  Was  es  mit  dem  ir.  worte  auf  sich  hat,  vermag  ich 
nicht  zu  beurteilen;  bei  Stokes-Fick,  Vergl.  wb.  2',  83  finde 
ich  nur  ein  ir.  cuüe  angeführt,  das  in  den  St.  Galler  glossen 


366  SOLMSEN 

ZU  Priscian  mit  cella  gieichgesetzt  wird.  Wol  aber  möchte  icli 
darauf  hinweisen,  dass  moderne  slav.  mundarten  die  nächsten 
zugehörigen  zu  unserem  deutschen  worte  liefern:  bulg.  Iddnih 
'der  räum  zwischen  dem  herde  und  der  wand',  serb.  Iddnac 
'engpass',  slov.  Iddmc,  Mdnjtc  'hohl weg,  dorfgasse,  rinnsal  eines 
baches,  plur.  gebirgswege',  czech.  Idanec  (Jiory)  'einsenkung  (im 
gebirge)',  die,  mit  leichter  Veränderung  des  suf fixes  im  bulg., 
auf  urslav.  *JioIiuci  zurückweisen  (vgl.  Tore  Torbiörnsson,  Die 
gemeinslav.  liquidametathese  1,  Upsala  univers.  ärsskr.  1902, 
s.  82).  Im  verein  mit  lat.  calUs  'schmaler  fusssteig,  bergpfad, 
Waldweg'  aus  *calnis,  das  Lagercrantz  bei  Torbiörnsson  mit 
ihnen  zusammengestellt  hat,  lassen  sie  es  als  sehr  möglich 
erscheinen,  dass  auch  das  -U-  von  helle  halle  auf  -In-  beruht. 

4.  hülst. 
Auch  bei  hidst,  mhd.  htds,  ahd.  hids,  hulis  'Stechpalme, 
mäusedorn,  walddistel'  ermöglichen  die  slav.  sprachen  über  die 
blosse  Verknüpfung  mit  ae.  hole^n,  ne.  holly  und  ir.  cuilenn, 
kymr.  cclyn,  corn.  Icelin,  bret.  quelcnnen,  die  die  gleiche  pflanzen- 
art  bezeichnen,  hinauszugelangen.  Sie  bieten  einmal  die  verbal- 
wurzel,  von  der  diese  ausdrücke  abgeleitet  sind,  in  abulg.  Jiolja, 
Jdati,  serb.  l;oljem,  Idati,  grruss,  Jcoljü,  Jcolöti,  poln.  l-olq,  hUc, 
czech.  Icoli,  Iddti,  urslav.  Icolja,  *koUi  'stechen,  schlachten,  schnei- 
den', sodann  vielleicht  auch  die  5-ableitung  selbst,  die  im 
deutschen  vorliegt,  in  gemeinslav.  Vcolsü  (abulg.  Masii,  serb.  Jdäs, 
nis,ü.  Mlosü,  poln.  7i?ö5,  czech.  Ä'?a5)  'älire',  das  laut  für  laut  in 
alban.  Jcat  'älire'  aus  Vcalsas  widerkelirt  (G.Meyer,  Et.  wb.  d. 
alb.  s.  168);  zu  dieser  bedeutungsentwicklung  des  substantivums 
erinnere  man  sich  unseres  ähre,  got.  ans  u.  s.  w.  in  seinem  Ver- 
hältnis zur  Wurzel  afc  'scharf,  spitz  sein'  in  lat.  äcer,  äcidus, 
gr.  äxQog,  dx^,  axh,  axai'oc,  uxavi}a  'distel'  und  des  gr.  ör^f/iv, 
aörayivQ  'ähre'  in  seinem  Verhältnis  zu  got.  us-siiggan  'aus- 
stechen', aisl.  stinga,  ae.  stmjan  'stechen'.  Doch  ist  die  Zu- 
gehörigkeit von  '-^kolsü  zu  Jiolja  nicht  unbedingt  sicher;  es 
wäre  möglich,  dass  es  vielmehr  bei  hülse,  ahd.  hidsa;  got.  hu- 
listr,  ae.  helostr,  heolostr  'hülle,  Schlupfwinkel'  und  lat.  cidleus 
'sack,  schlauch'  aus  *kolseios,  wegen  dessen  ich  mir  erlaube  auf 
meine  demnächst  in  KZ.  38  erscheinenden  bemerkungen  zu  ver- 
weisen, und  damit  bei  der  wurzel  qel-  'verhüllen,  verbergen' 


ETYMOLOGISCHES,  367 

unterzubringen  ist.  Ausserhalb  des  slav.  dürfen  wir  die  wurzel 
q^el  'stechen'  mit  einiger  Sicherheit  wol  in  lat.  ciüter  'messer' 
und  vielleicht  in  ai.  hiifhäras  aus  *hihäras  'axt'  erkennen;  ob 
an  sie  auch  lit.  Jcaliü,  MUi  'schmieden',  hdiü,  Imlti  'auf  etwas 
sprödes  schlagen,  dreschen'  und  damit  die  ganze  masse  der 
Wörter,  die  auf  den  grundbegriff  des  schlagens,  zerbrechens 
zurückführen,  wie  gr.  xXcm,  lat.  percello,  dädcs  u.s.w.  (vgl. 
Zupitza,  Gutturale  s.  107  und  die  dort  angeführte  literatur)  an- 
gereiht werden  dürfen,  möchte  ich  dahingestellt  sein  lassen. 

5.  still,  stillen. 
Kluge,  Et.  wb.6  s.  380  und  Franck,  Et.  woordenb.  s.  9G8  f. 
leiten  ahd.  as.  st  Uli,  ae.  stille  'still,  ruhig,  schweigend'  und  ahd. 
stillen,  as.  stilljan  'zur  ruhe  bringen,  stillen'  von  der  'wurzel' 
stcl  in  stellen,  stallen  u.s.w.  ab;  jener  verweist  insbesondere 
auf  ai.  sthänü-  'stehend,  unbeweglich'  aus  "^'sthälnu-,  dieser 
(s.  950  unter  staaT)  auf  lat.  stölo,  stölidus  'unbeweglich,  stumpf- 
sinnig, dumm'.  Ich  will  die  richtigkeit  dieser  deutung  keines- 
wegs bestreiten,  sondern  nur  bemerken,  dass  das  nächste  an- 
recht  auf  vergieichung  widerum  slavolettische  Wörter  besitzen: 
lit.  tijlii,  tilaü,  tilti  'schweigend  werden',  tyliii,  tyleti  'schweigen', 
iyliis  'schweigsam',  tyla  'schweigen'  und  gemeinslav.  toliti  'be- 
sänftigen, beschwichtigen'  in  abulg.  {u)toliti,  kroat.  toliti,  grruss. 
toliti,  klruss.  tolyty,  woneben  serb.  utoliti  'still  werden'.  Öie 
unterscheiden  sich  von  den  germanischen  durch  das  minus 
des  5,  ein  Wechsel  der  bei  wurzeln  mit  dem  anlaut  6^  +  con- 
sonant  ja  häufig  genug  begegnet. 

BONN,  den  12.  jimi  1902.  FELIX  SOLMSEN. 


.  ALTE  ORTHOGRAPHIE  UND  MODERNE 
AUSOABEN. 

I. 

Bei  der  frage  nach  der  ortliographischen  gestaltung  von 
textausgaben  schleicht  sich  leicht  eine  Unklarheit  der  begriffe 
ein.  Wir  sind  gewohnt,  diese  frage  mit  dem  namen  Lachmanns 
zu  verknüpfen.  L.'s  grosser  fortscliritt  liegt  im  streben,  die 
texte  in  den  sprachformen  darzustellen,  die  der  lieimat,  der 
zeit,  der  metrik,  der  bildung  und  dem  kunstverstand  der  Ver- 
fasser gemäss  sind.  Er  fusste  auf  der  Überzeugung,  dass  die 
Überlieferung  der  mittelalterlichen  texte  noch  sehr  viel  weniger 
treu  war  als  die  der  klassischen.  Die  normalisierung  der 
Orthographie,  die  beseitigung  der  grossen  ungleichförmig- 
keit  und  weiter  der  überflüssigen  Umständlichkeit  der  Schrei- 
bung ist  davon  zunächst  unabhängig.  Indem  der  fortschritt 
unserer  kenntnisse  und  die  Vermehrung  des  materials  dargetan 
haben,  dass  L.  und  seine  nachf olger  ohne  zweifei  oft  voreilig 
gewesen  waren,  hat  sich  eine  gegenbewegung  eingestellt,  die 
in  Verbindung  mit  Unsicherheit  und  bequemlichkeit  weit  über 
ein  berechtigtes  mass  hinausgegangen  ist.  Doch  davon  soll 
hier  nicht  die  rede  sein;  hier  handelt  es  sich  nur  um  den  an 
sich  untergeordneten  punkt  der  Orthographie,  der  allerdings 
mannigfacli  in  die  andere  frage  eingreift.  Da  man  sah,  dass 
hinter  einer  anscheinend  ortliographischen  eigentümlichkeit 
auch  wol  eine  solche  der  sprachform  stecken  könnte,  dehnte 
man  die  zweifelsucht  und  Verzagtheit  auch  auf  die  Orthographie 
aus.  Man  wittert  überall  besonderheiten  und  macht  mit  wich- 
tiger miene  darauf  aufmerksam,  wenn  von  zwei  landschaftlich 
verwanteu  handschriften  die  eine  einmal,  die  andere  zweimal 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  369 

smemmen  ai^ti  swemmen  schreibt.')  So  kommt  man  dazu,  den 
ganzen  orthograpliischen  wüst  früherer  zeiten  weiterzuschleppen 
und  jedem  zu  überlassen,  sich  die  feinheiten  herauszuklauben. 
Man  vergisst,  dass  dem  wesen  der  dinge  nach  eine  handschrift 
nicht  nur  Schreibfehler  enthalten  kann,  sondern  sogar  in  grösserer 
anzahl  enthalten  muss.  Es  ist  ja  ferner  mit  bänden  zu  greifen, 
dass  die  mittelalterlichen  copisten  fast  durch  die  bank  sudeln 
und  in  orthographicis,  um  bei  unserem  eigentlichen  thema  zu 
bleiben,  oft  genug  geradezu  absichtlich  willkürlich  sind.  Es 
kommen  da  die  merkwürdigsten  dinge  vor,  wie  die  nianier, 
gleichlautende  reimworte  grade  verschieden  zu  schreiben,  die 
man  wol  aus  einer  Vorliebe  für  Variation  hat  erklären  wollen. 
Man  überzeuge  sich  durch  einen  blick  in  den  König  Rother, 
wie  selbst  die  sprachformen  der  verschiedenen  schichten  der 
Überlieferung  in  diesem  sinne  benutzt  werden,  z.  b.  leph  :  niet, 
guten  :  otmode,  ginc  :  intfenc,  vcngen  :  gierigen,  scubin  :  zogin, 
leven  :  nimen  und  swebete  :  liheten,  riefen  :  weifen,  Jcamerare  : 
plege,  lieb  :  nicht,  Bother  :  mere. 

Für  den  herausgeber  erwächst  die  pflicht  alles  zu  tun, 
um,  wie  einerseits  Schreibfehler  und  berechtigte  oder  beabsich- 
.  tigte  Schreibungen,  so  andrerseits  sprachformen  und  Ortho- 
graphie zu  scheiden.  Den  sprachformen  gegenüber  ist  er  ge- 
bunden; der  Orthographie  gegenüber  beanspruche  ich  für  ihn 
volle  freiheit.  Schon  öfter  habe  ich  mich  in  diesem  sinne  aus- 
gesprochen; so  Taal  en  letteren  8, 471  ff.  und,  im  einvernehmen 
mjt  Verdam,  in  unserer  ausgäbe  von  Maerlants  Stroph.  gedichten 
s.  xci.  Die  wolwollende  recension  dieser  ausgäbe  von  Muller, 
Taal  en  lett.  10  beschäftigt  sich  auch  mit  dieser  frage  (s.  495  f. 
500  ff.).  Obwol  M.  unser  verfahren  billigt,  sind  wir  doch  nicht 
völlig  einig.  Denn  er  will  eigentlich  das  recht  nur  da  ein- 
räumen, wo  wir  die  Orthographie  des  autors  nicht  genau  kennen. 
Wo  sie  aber  authentisch  vorliegt,  da  soll  sich  der  herausgeber 
gebunden  fühlen  und  nicht  wollen  'wijzer  zijn  dan  de  auteur'. 
Ich  habe  ausdrücklich  gesagt,  dass  ich  überzeugt  sei,  Maerlant 
habe  in  einzelheiten  sein  mnl.  nicht  so  geschrieben  wie  wir  in 
der  ausgäbe.  Allein  seine  Orthographie  widerzugeben  halte 
ich  auch  ebensowenig  für  geboten  wie  das  verlangen,  dem 


>)  S.  Taal  eil  letteren  G,324;  dazu  8,475. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVII.  24 


370  FEÄNCK 

heutigen  leser  seine  werke  auf  pergamentblätter  mit  gänsekiel 
geschrieben  statt  im  druck  in  die  hand  zu  geben.  Es  sollte 
uns  darauf  ankommen,  möglichst  so  zuschreiben  wie  er  sprach, 
und  zwar  mit  den  geeignetsten  und  einfachsten  mittein,  wäh- 
rend er  selber  nicht  so  geschrieben  hat  wie  er  sprach,  auch 
nicht  wie  er  hörte,  sondern  wie  er  las.  Warum  sollen  wir 
so  schreiben,  wie  er  zu  lesen  gewohnt  war?  Hätte  man  zu 
jener  zeit  für  gewöhnlich  rote  tinte  gebraucht,  sollten  wir  dann 
die  texte  auch  rot  drucken?  Eine  grössere  bedeutung  messe 
ich  der  Sache  tatsächlich  nicht  bei,  glaube  also  mit  der  ände- 
rung  der  Orthographie  nicht  'wijzer  dan  de  auteur'  zu  sein 
und  ändere  auch  nicht  deshalb,  weil  ich  besser  zu  wissen 
glaube  als  der  Schreiber  einer  handschrift,  was  Maerlants 
Orthographie  war,  sondern  einfach,  weil  ich  in  dieser  unter- 
geordneten angelegenheit  mein  einfachheit  und  regelmässig- 
keit anstrebendes  verfahren  für  besser  halte  als  das  seinige. 
Aus  dem  gesagten  ergibt  sich  ohne  weiteres,  dass  ich 
den  'gleichen  grundsatz  auch  auf  die  ausgäbe  jüngerer  texte 
anzuwenden  wünsche.  Hier  dürfte  ich  nun  auf  vielseitigen 
Widerspruch  stossen.  Wenigstens  befinde  ich  mich  mit  der 
anf orderung  im  gegensatz  zum  allgemeinen  gebrauch,  indem 
man  bei  solchen  texten  von  einer  normalisierung  absieht  und 
meistens  den  ganzen  wüst  der  Orthographie  in  neuausgaben 
mit  herüber  nimmt.  So  viel  ich  weiss,  hat  dies  verfahren 
eine  zusammenhängende  begründung  nicht  gefunden.  Es  be- 
ruht mehr  auf  stillschweigender  Übereinkunft,  deren  gründe 
freilich  nicht  undurchsichtig  sind.  Die  Vorstellung  von  einer 
möglichst  einheitlichen  und  geregelten  mhd.  literatur-  oder 
dichtersprache  tritt  für  die  spätere  zeit  zurück.  Man  nimmt 
an,  dass  das  landschaftliche  und  mundartliche  einen  breiteren 
räum  in  der  literatur  einnehme;  die  feststellung  der  sprach- 
form über  die  Orthographie  hinaus  wird  schwieriger,  und  es 
ist  schon  die  Schwierigkeit,  die  dem  versuch  gegenüber  be- 
denklicher stimmt.  Die  sclnvierigkeit  ist  dadurch  noch  ge- 
steigert, dass  die  Orthographie  noch  regelloser  oder  umständ- 
licher oder  beides  geworden  ist.  Dazu  kommt  nun  die  grössere 
fülle  des  materials,  die  der  Orthographie  einen  hölieren  grad 
von  authenticität  verleiht.  Die  Wahrscheinlichkeit,  dass  der 
Verfasser  ähnlich  so  eeschrieben  habe  wie  die  handschriften 


ALTE  ORTHOGRAPHIE  UND  MODERNE  AUSGABEN.     371 

sein  werk  überliefern,  wird  immer  grösser,  ancli  die  möglich- 
keit,  dass  eine  ihm  nahestehende  handschrift  oder  gar  seine 
eigene  vorliegt.  Handelt  es  sich  um  drucke,  so  ist  ja  die 
regel,  dass  wir  es  mit  der  Orthographie  des  autors  oder  doch 
einer  von  ihm  gebilligten  zu  tun  haben.  Das  ist  ja  richtig; 
allein  wird  die  Orthographie  dadurch  ein  wichtigerer  gegen- 
ständ, etwas  weniger  antastbares?  M.  e.  durchaus  nicht,  und 
ich  halte  auch  hier  die  änderung  der  Orthographie  für  ebenso 
erlaubt  wie  die  Verwendung  von  anderem  papier  und  anderen 
tj^pen,  als  die  drucker  unter  der  billigung  ihrer  autoren  ge- 
braucht haben.  Nur  wider  die  möglichkeit,  dass  die  sprach- 
form angetastet  werden  könnte,  könnte  eine  einschränkung 
begründen.  Der  einzig  richtige  schluss  wäre  aber  dann  doch, 
dass  eben  auch  hier  zwischen  sprachform  und  Orthographie 
streng  zu  scheiden  wäre,  und  dass  die  grössere  Schwierigkeit 
den  herausgeber  dieser  pflicht  nicht  überhebt.  Milde  drückt 
sich  Paul,  Grundr.  12, 112  darüber  aus:  'Bei  der  spätmhd.  lite- 
ratur  sind  wider  viel  mehr  handschriftenabdrücke  beliebt.  Es 
zeigt  sich  darin  eine  berechtigte  Schonung  der  mundartlichen 
eigenheiten,  aber  auch  der  mangel  an  kritischer  durch- 
arbeitung,' 

Für  die  Schriften  des  15. — 17.  jh.'s  halte  ich  eine  reform 
der  Orthographie  für  besonders  dringend.  Auch  ein  mann  wie 
Hooft,  den  Muller  als  beispiel  nimmt,  oder  wie  Luther  hat  ja 
nur  geschrieben,  wie  er  und  seine  Zeitgenossen  zu  lesen  ge- 
wohnt waren.  Hätte  Luther  die  Orthographie  selbst  geschaffen, 
sie  sähe  wol  anders  aus,  falls  er  es  für  der  mühe  wert  ge- 
halten hätte,  in  dieser  hinsieht  an  dem,  woran  seine  zeit 
gewohnt  war,  etwas  zu  ändern.  Ich  für  ivar  der  zeyt  nit 
hab,  das  ich  müge  sehen,  ivas  der  drucker  für  bild,  buchstahen, 
tindten  oddcr  papyr  nympt  sagt  er  einmal  selber  (s.  Franke, 
Grundzüge  der  schriftspr.  L.'s  s.  33).  Die  orthogi-aphie  seiner 
zeit  ist  aber  von  einer  Umständlichkeit  beherscht,  die  hier  und 
da  andern  zwecken,  wie  z.  b.  zu  unterscheiden,  dienen  mag, 
sich  jedoch  im  ganzen  nur  aus  den  zeilenfüllenden  Interessen 
der  bogenschreiber  und  einer  (iden  wichtigtuerei  dieser  leute 
erklärt.  Der  hauptzug  der  entwicklung  ist  Jahrhunderte  lang 
unverkennbar  die  sucht  nach  Umständlichkeit,  die  begierig 
jeden  anlass,  die  zeichen  zu  häufen,  aufgreift.    Im  gründe  ist 

24* 


372  FRANCIt 

es  ja  schon  dasselbe,  wenn  der  Schreiber  des  Hildebrandsliedes 
auch  für  etym.  anlaut.  r  das  zeichen  hr  gebraucht,  und  ist  es 
widerum  nur  das  gefühl  einer  grössern  Wichtigkeit,  wenn  noch 
heute  jemand  ein  wort  lieber  mit  c  als  mit  Ä-  schreibt,  welches 
mäntelchen  man  auch  nachträglich  der  Orthographie  umgehängt 
haben  mag.  Der  graphischen  deutlichkeit  halber  schrieb  man 
öfter  ij  oder  y  für  i  (j);  das  wird  aufgegriffen  und  womöglich 
jedes  i  (J)  durch  y  widergegeben;  als  reflex  des  alten  uo  war 
die  Schreibung  ü  vorhanden,  die  dann  auf  jedes  «  übertragen 
wird.  Durch  sprachliche  sjaikopen  und  in  folge  'grammatischer 
Schreibung'  waren  manche  ck  für  frühere  c  (Je),  dt  oder  tt  für  t, 
ff  tüv  f,  nn  für  n  u.s.  w.  eingetreten,  und  das  führte  zu  der 
gewohnheit,  möglichst  überall,  selbst  wo  es  gar  keinen  zweck 
hatte  oder  sogar  stören  musste,  die  laute  Ic,  t,  f,  n  u.s.w.  zu 
verdoppeln;  der  5^-laut  aus  germ.  t  war  vielfach  mit  dem  5-laut 
zusammengefallen  und  man  übertrug  das  ss  auch  auf  etymo- 
logisches S]  aus  irgend  einer  Ursache  gab  es  tli  in  der  spräche 
mit  der  ausspräche  t  und  gleich  geht  man  dazu  über,  auch 
das  gewöhnliche  t  mit  th  zu  bezeichnen;  nicht  so  selten  wird 
sogar  ein  solches  h  beliebig  jedem  consonanten  hinzugefügt. 
Cs  oder  tz  für  z  haben  sinn,  so  lange  z  zugleich  sz  bedeutet, 
werden  aber  auch  beibehalten,  nachdem  das  nicht  mehr  der 
fall  ist,  und  gar  noch  zu  tcz  oder  czz  gesteigert.  Durch  eine 
lautliche  entwicklung  wie  vä(li)en  oder  vä(h)hi  zu  van  waren 
die  Schreibungen  ae  oder  ai  für  ä  ins  leben  getreten;')  darauf 
fussend  schreibt  man  dann  alle  langen  vocale  so.  Andrer- 
seits hatten  sich  historische  ah,  eh  zu  phonetischen  n,  e  ent- 
wickelt; daher  stammt  unser  h  als  dehnungszeichen.  In  däni- 
schen Schriften  fanden  nd.  Schreiber  das  zeichen  0  für  einen 
o-laut,  das  ihnen  so  behagte,  dass  sie  es  auch  für  ihre  ö-laute 
an  Wanten  und  sogar  auch  andere  vocale  mit  dem  schönen 
strich  aufputzten  (Lübben,  Mnd.  gr.  s.  16  f.).  So  könnte  man 
noch  weiter  fortfahren.  Glaubt  jemand  im  ernst,  dass  mit 
dess  lanntz  ein  anderer  wortklang  beabsichtigt  ist  als  mit 
des  lants,  mit  seuffczzenn  als  mit  seufzen,  mit  szo,  szohn  als 
mit  so,  söhn,  mit  cJcnechi  als  mit  hnecht?  Wie  selten  ist  es 
diesem  schwelgen  in   der  Umständlichkeit  gegenüber   in   der 


')  S.  deu  excurs  am  Schlüsse. 


ALTE    OETHOGRAPllIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  373 

geschiclite  der  Orthographie,  dass  umgekehrt  eine  historische 
ent Wicklung  zur  Vereinfachung  benutzt,  dass  etwa  reken  ge- 
schrieben wird  statt  reellen,  leit  statt  leiteÜ  Wie  schwer  ward 
es  den  ei  (aus  i)  und  ai  (aus  ai),  sich  in  der  schrift  zu  ver- 
einigen, auch  bei  denen,  die  offenbar  nicht  mehr  deutlich 
hörten,  wohin  das  eine  oder  andere  gehöre!  Zu  der  Umständ- 
lichkeit kommt  dann  noch  die  uferlose  Unregelmässigkeit,  die 
\\\Y  doch  insoweit  aufgegeben  haben,  als  dasselbe  wort  immer 
gleich  geschrieben  werden  muss.  In  bezug  auf  die  gleich- 
massige  Schreibung  des  selben  lautes  oder  der  selben  laut- 
gruppe  sind  allerdings  auch  wir,  auch  von  den  grammatischen 
rücksichten  abgesehen,  noch  lange  nicht  zur  einfachheit  gelangt. 
Es  ist  doch  merkwürdig,  wenn  man  die  Orthographie  so  ohne 
weiteres  als  etwas  gegebenes  hinnimmt.  Sie  ist  doch  gewis 
historisch  entstanden.  Und  gerade  wer  der  Orthographie  eines 
grossen  mannes  einen  so  hohen  wert  beimessen  will,  hätte  doch 
die  pflicht,  sie  historisch  zu  untersuchen.  Er  würde  dann 
schon  sehen,  was  dahinter  steckt.  Die  geschichte  unserer 
Orthographie  ist  eine  fortlaufende  kette  von  öder  wichtigtuerei. 
Das  ist  nicht  zu  verwundern,  wenn  man  sich  die  leute  näher 
besieht,  in  deren  bänden  sie  lag. 

Luther  und  seine  zeitgenössischen  leser  waren  an  die 
Orthographie,  deren  er  sich  bediente,  gew^öhnt;  dem  heutigen 
leser,  selbst  dem  philologisch  geschulten,  wirft  sie  knüppel 
zwischen  die  beine.  Jenen  weckten  die  Schriftbilder  im  ohr 
oder  in  der  seele  den  klang,  den  sie  in  der  gesprochenen 
spräche  zu  hören  gewohnt  waren;  für  uns  sind  aber  die  un- 
veränderten Schriftbilder  zu  diesem  zwecke  nicht  allein  un- 
zulänglich, sondern  in  hohem  grade  hinderlich.  Und  diese  ein- 
fache feststellung  ergibt  m.  e.  nicht  nur  das  recht,  sondern  sogar 
die  pflicht  der  herausgeber,  hier  einzugreifen.  AVir  wollen,  denke 
ich,  doch  auch  den  klang  wider  zu  erwecken  suchen  und  mit 
der  alten  spräche  so  vertraut  werden,  wie  es  zu  einem  wirk- 
lich innerlichen  Verständnis  ihrer  literatur  gehört.  Dazu  ge- 
langen wir  aber  nicht,  so  lange  für  uns  die  kenntnis  ihrer 
spräche  bloss  auf  den  viel  abstracteren  Schriftbildern  beruht, 
und  wir  ihr  nicht  durch  die  kleider  hindurch  auf  den  leib 
gedrungen  sind.  Freilich  werden  wir  ein  dcncken  nicht  anders 
lesen  als  denken;   aber  schon  diese  geringe  orthographische 


374  FRANCK 

ungewöhnlichkeit  stört  uns  die  unmittelbarkeit  des  richtigen 
lesens.  Jedesfalls  tut  das  ein  grey/fenn  statt  greifen.  Das  ey 
statt  ei  ist  in  jedem  falle  überflüssig.  Vielleicht  behauptet 
jemand,  dass  durch  das  ff  ein  /"  von  schärferem  klang,  wie  es 
noch  heute  im  süddeutschen  gehört  wird,  und  durch  das  nn 
eine  festere  Substanz  der  unbetonten  silbe,  wie  gleichfalls 
heute  noch  im  Süden  gesprochen  wird,  zum  ausdruck  gelangen 
solle.  Ich  glaube  vorläufig  nicht,  dass  es  sich  bei  Luther  so 
verhält.  Wer  aber  dieser  möglichkeit  ein  recht  einräumen 
will,  der  müsste  die  sache  untersuchen,  dann  aber  auch,  falls 
er  zu  einem  bejahenden  ergebnis  zu  kommen  glaubt,  die 
Schreibung  durchführen,  also  auch  die  greifen  in  greiffcnn  ver- 
ändern und  seine  leser  genügend  über  die  bedeutung  unter- 
richten. Noch  schlimmer  ist  es  natürlich,  wenn  uns  geradezu 
falsche  lautbilder  erweckt  werden,  wie  es  besonders  auf  dem 
gebiete  der  quantität  und  der  umlaute  der  fall  ist.  Das  ist 
doch  alles  nicht  bedeutungslos.  Warum  begnügen  wir  uns 
fürs  gotische  nicht  mit  jeder  beliebigen  ungefähr  richtigen 
transscription  von  Wulfilas  aiphabet?  Warum  bemühen  wir 
uns,  die  transscription  zu  verbessern  und  stellen  umständliche 
Untersuchungen  über  den  laut  wert  einzelner  zeichen  an? 
Gewis  geschieht  das  hauptsächlich  aus  sprachwissenschaft- 
lichen Interessen,  mit  denen  der  zweck  von  ausgaben,  den 
wir  hier  vor  äugen  haben,  nichts  zu  tun  hat.  Aber  ohne 
zAveifel  ist  daran  doch  auch  der  echt  philologische  wünsch 
beteiligt,  den  klang  der  spräche,  den  Wulfila  schreibend  hörte, 
vor  unserm  ohr  wider  lebendig  werden  zu  lassen.  Ich  will 
nicht  darauf  drücken,  dass  eine  nicht  durch  die  orthographi- 
schen eigentümlichkeiten  durchgedrungene  kenntnis  der  spräche 
auch  sachliche  misverständnisse  verschulden  kann:  jeder 
Philologe  wird  zugeben,  dass  wir  auch  über  diese  grobe 
gefahr  hinaus  für  ein  möglichstes  Verständnis  in  allen  einzel- 
heiten  zu  sorgen  haben.  Die  frage  nach  dem  griecli.  digamma 
hat  das  grösste  Interesse  für  das  Verständnis  gewisser  sprach- 
ent Wicklungen  und  metrischer  eigentümlichkeiten.  Aber  darüber 
hinaus  scheint  mir  die  freude  des  philologen  an  der  erkenntnis 
wider  zu  hören  wie  die  Griechen  sprachen,  sich  zu  äussern, 
wenn  Solmsen  im  Zusammenhang  eingehender  erwägungen,  ob 
die  eigentliche  natur  des  lautes  die  der  spirans  oder  des  halb- 


ALTE    ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  375 

vocals  war  (Untersuchungen  z.  griech.  laut-  und  Verslehre  s.  67), 
sagt:  *es  bestätigt  sich  die  Vorstellung,  die  Richard  Bentley 
sich  von  dem  wesen  des  lautes  machte,  den  seine  geniale  ent- 
deckung  nach  Jahrtausende  langer  Vergessenheit  den  texten 
widergab,  in  deren  grösstem  teil  er  einst  im  munde  der  Sänger, 
die  sie  schufen,  erklungen  war'.  An  dem  immer  noch  nicht 
beseitigten  Vorurteil  von  dem  barbarischen  Charakter  unserer 
älteren  spräche  trägt  die  hauptschuld  ja  die  schulmeisterliche 
ansieht  von  der  alleinigen  richtigkeit  unserer  'guten'  spräche, 
die,  soweit  sie  in  den  alten  formen  die  eignen  leicht  wider- 
erkennt, jede  abweichung  von  den  letzteren  natürlich  als  ent- 
artung  ansieht.  Aber  einen  nicht  geringen  teil  an  dieser 
ansieht  hat  auch  die  Orthographie;  und  das  ist  begreiflich 
genug,  denn  sie  hat  wirklich  viel  barbarisches  an  sich,  und 
gegen  dies  urteil  vermag  sie  auch  ein  grosser  name  nicht  zu 
decken.  Wäre  es  nicht  eine  dankbare  philologische  aufgäbe, 
dieser  Unterschätzung  unserer  alten  spräche  und  literatur  auch 
auf  diesem  wege  entgegen  zu  wirken? 

Mit  der  bewertung  der  Orthographie  soll  nicht  im  min- 
desten gesagt  sein,  dass  orthographische  Untersuchungen  nicht 
von  Wichtigkeit  sein  können.  Dafür  steht  aber  genügendes 
material  bequem  zu  geböte,  und  wir  brauchen  wahrhaftig 
nicht  den  ganzen  ballast  in  jedem  text  mitzuschleppen.  Wie 
der  einzelne  verfahren  soll,  das  lässt  sich  so  ohne  weiteres 
nicht  sagen.  Hat  z.  b.  ein  text  häufige  Schreibungen  wie  hoth, 
veth  für  bot,  fett  und  ergibt  eine  Untersuchung  ihr  statistisches 
übergewicht,  so  hat  der  herausgeber  wol  das  recht,  sie  als 
regelmässige  Schreibung  in  seinen  text  durchzuführen  und  für 
seine  leser  zu  erklären.  Sonst  aber  genügt  allen  anforderungen 
eine  kurze  Zusammenstellung  an  irgend  einer  stelle,  die  besagt 
dass  in  den  und  den  fällen  und  Wörtern  so  und  so  oft  th  ge- 
schrieben ist.  Ich  wäre  jedesfalls  für  eine  radicalcur  auch 
bei  den  gemeinten  texten.  Wer  sie  unternimmt  müsste  selbst- 
redend gehörig  dazu  ausgerüstet  sein,  und  sollte  es  einmal 
einer  versuchen  ohne  das^  so  weise  man  ihm  die  fehler  nach, 
statt  mit  allgemeinen  declamationen  von  willkür  und  methode 
so  und  so  gegen  methode  so  und  so  zu  kommen.  Man  könnte 
nun  aus  einer  oben  gemachten  bemerkung  schliessen,  dass  ich 
unsere  jetzige  Orthographie  für  textausgaben  empfehlen  wolle. 


376  FRANCK 

Tatsäclilicli  würde  ich  mich  jedoch,  soweit  wir  nicht  in  laut-  und 
flexionsformen  wirklich  nahe  an  unsere  heutigen  Verhältnisse 
herankommen,  für  die  Lachmannsche  Orthographie,  die  sich 
durch  ihre  einfachheit  und  klarheit  auch  den  nichtgermanisten 
leicht  empfiehlt,  entscheiden,  mutatis  mutandis  natürlich,  mit 
Wahrung  der  eigenheiten,  die  die  Untersuchung  für  die  spräche 
des  einzelnen  textes  ergibt.  Die  Vereinfachung  allein  würde 
uns  schon  genügend  rechtfertigen.  Es  kommt  hinzu,  dass 
grade  erst  die  für  das  empfohlene  verfahren  nötigen  ortho- 
graphischen Untersuchungen  ein  intimeres  Verständnis  der 
spräche  in  vielen  dingen  erschliessen.  Dass  unsere  kenntnis 
der  spräche  der  jüngeren  jhh,  noch  so  lückenhaft  ist,  liegt 
ganz  wesentlich  daran,  dass  wir  uns  für  diese  zeiten  mit 
diplomatischen  abdrücken  begnügen. ')  In  der  letzten  zeit  hat 
Leitzmann  mit  gutem  gelingen  in  seiner  ausgäbe  der  fabeln 
Gerhards  von  Minden  den  versuch  einer  vernünftigen  trans- 
scription  bis  auf  die  quantitätsbezeiclmung  gemacht.  Ich 
hoffe,  dass  wir  allgemeiner  über  die  diplomatischen  abdrücke 
hinaus  gelangen  trotz  den  leuten,  die  das  gleichge wicht  ihrer 
Seele  verlieren,  wenn  ein  dramatiker  oder  ein  regisseur  Franz 
von  Sickiugen  in  der  tracht  des  17.  jh.'s  auf  die  bühne  bringt. 
Ich  bin  nicht  so  empfindlich  gestimmt  und  schliesse  mich  dem 
an,  was  Strauch  in  der  vorrede  zu  Adelh.  Langmann  (QF.  26) 
s.  20  über  die  orthographische  frage  gesagt  hat.  Gleich  ihm 
weise  ich  darauf  hin,  wie  Weizsäcker  darüber  gedacht  hat, 
ein  mann  der  ja  die  heute  so  sorgsam  gehegte  Orthographie 
jener  zeiten  ausgiebig  kennen  gelernt  hatte  (s.  D.  reichstags- 
acten,  bd.  1,  vorrede  s.  lxxi  ff.). 

II. 

An   den  beiden   hervorgehobenen  punkten,   dem   umlaut 
und  der  quantität,  soll  der  mangel  der  diplomatischen  texte, 


*)  Einen  besonderen  einzahlen  punkt  erläutere  ich  durch  ein  concretes 
heispiel.  ü  aus  hi  und  umlaut  von  u  wird  in  md.  und  nd.  texten  bekannt- 
lich ohne  unterschied  von  ü  mit  u  bezeichnet.  Nun  wird  mundartlich  ü 
in  einzelnen  fällen  lautlich  zu  ü:  vgl.  Naucndorf,  Naumhurg  {ü  vor  w 
zu  ü)\  Yich,  nch,  auch  für  euch  in  Hessen;  vgl.  ferner  Wredes  berichte  im 
Anz.  ül)er  nichts,  (euer,  leide,  (häuser).  Für  diese  frage  scheiden  bei  der 
herschenden  gei)flogenheit  die  älteren  texte  vollständig  aus. 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  377 

zugleich  aber  auch  unserer  bisherigen  kenntnisse  in  einem 
flüchtigen  überblick  gezeigt  werden,  von  dem  man  niclit  ver- 
langen darf,  dass  er  die  vielen  zweifei  so  weit,  wie  das  bei 
gründlichen  Untersuchungen  sonst  möglich  wäre,  löse.  Ich 
wähle  die  ausgäbe  des  Reinke  de  Vos  vom  jähre  1498  von  Prien 
in  Pauls  Altd.  textbibliothek,  die  kurze  schrift  Luthers  aus  d. 
j.  1520  Von  der  freiheit  eines  Christenmenschen  und  Laurem- 
bergs  Scherzgedichte  vom  j.  1652,  die  beiden  letzteren  werke 
in  Braunes  neudrucken. 

Der  seit  alters  in  der  spräche  vorhandene  um  laut  der 
0-  und  «-laute  ist  schon  im  Eke.  meistens  bezeichnet.^)  Aber 
lange  nicht  consequent,  wodurch  eben  zweifei  entstehen,  deren 
lösung  unter  umständen  auch  dadurch  erschwert  wird,  dass 
wie  bei  den  meisten  nd.  autoren  unumgelautete  und  umgelautete 
0-  und  «-laute  mit  einander  reimen  können. 2)  Die  geläufige 
bezeichnung  ist  übergeschriebenes  e.^) 

Ich  gebe  zunächst  eine  anzahl  von  bezeichneten  umlauten 
in  fällen,  wo  er  nicht  so  ohne  weiteres  zu  erwarten  ist.  Anders 
entstandene  ö-  und  /^'-laute,  besonders  auch  ü  aus  germ.  m, 
sondere  ich  nicht  ab.  Vlökcn  788.  790  (aus  *fJökjan  in  merk- 
würdigem Wechsel  mit  flökan;  auf  ö  weisen  die  formen  bei 


*)  M^as  andere  umlaute  betrifft,  so  sei  auf  die  im  pl.  dnde  6405  hervor- 
tretende spätere  grammatikerregel  aufmerksam  gemacht,  den  lebendigen 
Umlaut  des  a  mit  ä  statt  e  zu  bezeichnen. 

^)  Diese  'reime  fürs  äuge',  die  die  engl,  kunst  merkwürdigerweise 
ja  auch  heute  noch  zulässt,  erklären  sich  aus  einer  zu  aller  zeit  zu  beob- 
achtenden unberechtigten  ehrfurcht  vor  dem  geschriebenen  wort:  können 
die  Wörter  gleich  geschrieben  werden,  so  können  sie  auch  mit  einander 
reimen.  Im  Eke.  z.  b.  ghehönet :  gheschonet  45,  hören  :  boren  315,  hottet 
:  ghelouet  'gelobt'  852,  lurde  :  euentnrde  499,  wahrscheinlich  auch  bomen 
:  blomen  5,  behorä  :  ivord  427.    Vgl.  die  ausgäbe  von  K.  Schröder  s.  xviii. 

■'')  Entstanden  ist  sie  avoI  durch  nachahmung  von  ä  (aus  ae)  als  um- 
laut  von  o-lautcn,  eine  Schreibung,  die  dem  lat.  entnommen  werden  konnte. 
Wahrscheinlich  ist  aber  bei  der  Übertragung  auch  eine  differenzierung  mit 
im  spiel.  Die  vocal länge  wurde  mit  nachgesetztem  oder  auch  über- 
geschriebenem e  bezeichnet,  also  möt  als  moet  oder  möt  und  —  ohne  be- 
zeichnung des  Umlautes  —  möde  als  moede  oder  möde.  Es  standen  also 
für  ö  und  ö  zwei  zeichen  zur  Verfügung,  0  und  6;  mit  differenzierung 
wurde  6  für  ö  gewählt.  Auch  "  als  umlautszeicheu  ist  nur  willkürliche 
anwendung  eines  diakritischen  Zeichens,  das  eigentlich  vocale  von  conso- 
nanten,  besonders  u  von  n,  schied. 


378  FRANCK 

Woeste,')  Holth.,  Schambach;  Berghaus  o  und  ö,  Brem,  flohen 
und  floJiJien;  auf  ö  Jellinghaus,  Nl.  volksmaa.  §  11,  Jellingh. 
§  253,  t.Doornk.-Koolm.,Dähn.,  Quickb.u.s.w.),  mötlien  'begegnen' 
:  gröten  'grüssen'  995,  tönen  'aufhalten,  warten'  5824  (s.  mein 
Et.  wb,  toeiicn),  öuer  'ufer'  5737  (Brem.,  t. Doornk.-Koolm.,  Nerger 
§176,  Pfaff  §21d,  Schütze,  Quickb.,  nicht  westfälisch.  Der 
Umlaut  stammt  wol  eher  aus  dem  pl.  als  aus  einer  form  *6fir), 
brödere  'hoden',  eig.  'brüder'  5008,  Mueryehlll  —  Uuen  'glauben' 
623  U.O.,  Muet  624.  632.  686  u.s.w.,  tögen  'zeigen'  981,  Ueynöde 
sg.  und  pl.  4521.  4863  u.  ö.,  töueren  s.  216  §  1  (Brem.,  t.  Doornk.- 
Koolm.,  Danneil,  Mi),  Uösteren  4084,  nödiget  3682,  öghelcr  'äugler' 
4359,  röuers  s.  142  §  6,  omJiens  5948  —  mit  dem  bekannten  nd. 
Übergang  des  umlauts  in  den  pl.  ind.  praet.  röken  7,  stöiien  1647, 
vorhöde  gij  4684,  ferner  toge  'zug,  streich,  art  des  benehmens' 
(aus  Hugi)  4198,  döget  4951.  5808,  ebenso  jöget,  Mue  pl.  s.  80 
§  2.  86  §  4,  vöglieler  6237,  u-aenhöpeninge  s.  89  Überschrift,  de 
öueren  hande  5490  (vgl.  Nerger  s.  190  anm.  öhherst),  Böclicrt 
31 18  ff.; 2)  pronominalformen  örcti  439,  öme  6355,  öne  6385  — 
müre,  verb.  hcmüren  335.  341.  381  (Holth.  §  79  a),  Wiscner  2817, 
imUekcn  1359,  hiidc  'kräuter'  6,  LätJie  15, 3)  lüdde  'läutete'  s.  62 


')  Die  im  folgenden  mit  kurzer  bezeichmiiig  citierten  werke  seien 
hier  in  alphabetischer  folge  angeführt :  Berghaus,  Sprachschatz  d.  Sassen; 
Brem.,  Versuch  eines  hremisch-niedersächs.  Wörterbuchs;  Dähnert,  Platt- 
deutsches Avörterb.,  nach  der  alten  und  neuen  pommerschen  und  rügischen 
mundavt;  Dann  eil,  Wörterh.  der  altmärkisch -plattdeutschen  mundart; 
ten  Doornkaat-Koolmann,  Wörterb.  der  ostfries.  spräche;  Jelling- 
haus, Westfäl.  grammatik;  Mi,  Wörterb.  der  mecklenburgisch- vorpommer- 
schen  mundart;  Nerger,  Gr.  des  mecklenburgischen  dialekts  älterer  und 
neuerer  zeit;  Pfaff,  Herrn.,  Die  vocale  des  raittelpommerschen  dialekts 
(Leipz.  dissertation),  Labes  1898;  Quickb orn  v.  Klaus  Groth,  mit  glossar 
von  K.  Mülleuhoff';  Kichey,  Idioticon  Hamburgense;  Schambach,  Wörterb. 
der  niederd.  mundart  der  fürstentümcr  Göttingen  und  Grubenhagen; 
Schütze,  Holsteinisches  idioticon;  Woeste,  Wörterb.  der  westfälischen 
mundart. 

^)  S.  6  §  8  Bokcrt  geschrieben.  Der  uamc  im  alten  fläni.  original  ist 
Botsaert,  vermutlich  ein  franz.  Bochard  oder  Bouchard.  Daraus  war  aber 
und  zwar  wol  schon  vor  der  nd.  Übersetzung  ein  BoJcaert,  nd.  Bökert  ge- 
worden, das  entweder  zu  bök  'buch'  oder  eher  zu  nd.  böken  'pochen,  häm- 
mern, geschmeidig  schlagen'  gehört.  S.  auch  Lübben,  Tieruamen  im  Rke. 
s.  55  f. 

3)  Nach  dem  nnd.  als  Lütke  anzusetzen  (Lübben,  Tiernamen  s.  38),  ob- 
wol  kürzung  vor  der  doppelconsonanz  möglich  wäre. 


ALTE    ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN,  379 

§  2  (während  das  westf.  in  solchen  praet.  mit  vocalkürzung 
den  rückumlaut  wahrt,  ist  im  ostnd.  der  umlaut  in  diese  formen 
verschleppt;  vgl.  Nerger  §218,4,  dazu  s.  137  anm.;  also  auch 
z.  b.  statte,  söcht);  nü  "nie'  692,  euentnr  177;  vlüd  'fliesst'  756, 
hüth  'bietet'  1926  —  bimde  opt.  6032,  Mddc  'huld'  2149,  tücJitich 
4951,  Uttph  6568,  yüngsten  3213.  i) 

Bei  der  unregelmässigen  Orthographie  könnte  nun  aber, 
zumal  wenn  die  in  der  anm.  vermutete  erklärung  des  umlauts- 
zeichens  das  richtige  trifft,  ein  6  vielleicht  auch  einen  nicht- 
umgelauteten  vocal  bezeichnen.  Ist  das  für  unsern  text  anzu- 
nehmen? 72  steht  up  frantzösz  als  nachahmung  des  nl.  in 
fransois.  Eine  lautveränderung  zu  ö  lässt  sich  hier  schwer- 
lich rechtfertigen  —  3776  franszosz  'französisch'  — ;  der  Über- 
setzer oder  drucker  schrieb  vielleicht  mit  dem  gedanken  an 
das  aus  franszösesch  (so  s.  4  §  2)  zusammengezogene  franszösch. 
776  praet.  sg.  Ard/j  (gegen  kro})  797.  864.  877)  nehme  ich  nur 
als  beweis   dafür,  dass  schon  damals  aus  dem  pl.  oder  der 

2.  sg.  der  umlaut  facultativ  auch  in  die  1.  3.  sg.  dringen 
konnte  (Nerger  §  176.  201  f.  Auch  Marahrens  hat  die  formen 
wie  slög,  (jüny,  et,  söp).  Auch  der  ind.  praet.  düclite  983  steht 
im  einklang  mit  der  entwicklung  eines  grossen  teiles  des  nd., 
die  auch  in  ind.  sg.  —  im  pl.  ist  die  Übertragung  geographisch 
noch  ausgedehnter  —  und  part.  praet.  der  verba  wie  dnnkcn, 
denken,  bringen,  söken  und  der  praeteritopr.  —  vgl.  auch  oben 
bei  lüdde  —  den  umlaut  häufig  einführt  (Nerger  §  219,3.  218,  3; 
bei  t.  Doornk.-Koolm.  diichdc  u.s.w.).  Bei  vötspor  ergibt  nachher 
eine  betrachtung  über  voet  zweifei.  Wenn  demnach  die  auf- 
geworfene frage  wirklich  mit  'nein'  zu  beantworten  ist,  so  gibt 
uns  das  vb.  don  ein  rätsei  auf.  Nachdem  schon  459  einmal 
döt :  vroet  geschrieben  war,  tritt  das  wort  später  häufig  oder 
immer  mit  ö  auf:  dön  6293.  6340.  6401.  6414.  6442.  6477.  6550. 
6653.  6676.  6747;  prosa  s.  216  §  1  (inf.,  2.  und  3.  pl).  Zur  er- 
klärung eines  umgelauteten  don  wäre  vielleicht  auf  die  2.  und 

3.  sg.  ind.  zu  gi-eifen.  Hier  hat  das  heutige  nd.^)  die  umgelau- 
teten, entweder  auf  analogie  oder  auf  as.  '^döis,  döit  berulienden 
formen  (aus  mnd.  dos,  dot),   soweit   nicht  die  wahrscheinlich 


1)  Schröder  hat  in  seiner  ausgäbe  alle  diese  umlaute  bezeichnet. 
'^)  Die  nachfolgenden  angaben  verdanke  ich  grösstenteils  der  freund- 
lichen mitteilung  Wredes, 


380  FRANCK 

erst  nach  analogie  der  formen  von  gdn  eingetretenen  formen 
mit  ai-laut  (mnd.  deis,  dcit)  herschen;  das  gebiet  der  ö-formen 
ist  im  wesentlichen  der  Südwesten.  Wie  weit  die  mnd.  does, 
doet  diese  umgelaiiteten  oder  aber  die  alten  d-formen  sind,  ist 
vorläufig  nicht  ausgemacht.  Eine  weitere  Verschleppung  des 
Umlauts  hätte  man  sich  aber  jedesfalls  ähnlich  so  wie  bei  den 
praeteritopraesentia  vorzustellen  (vgl.  Beitr.  20,  85  anm.).  Sie 
ist  in  dem  material  des  Sprachatlas  fürs  nd.  nicht  bekannt. 
Die  möglichkeit  können  immerhin  die  vom  linken  Nieder- 
rhein bezeugten  formen  düt  imper.  und  dünn  3.  pl.  ind.  dartun. 
Auf  einen  imper.  dö,  der  bei  t.  Doornk.-Koolm.  unter  düg  steht, 
wage  ich  nicht  gewicht  zu  legen.  Der  nachweis  ist  also  recht 
schwach;  aber  so  viel  scheint  mir  sicher,  wie  auch  Schröder 
s.  XIX  angenommen  hat,  dass  das  ö  nicht  als  blosse  bezeichnung 
von  ö  genommen  werden  darf,  sondern  irgend  eine  besonder- 
heit  bei  dem  wort  angenommen  werden  muss,  die  für  die 
heimatsbestimmuug  des  bearbeiters  Vvichtig  sein  könnte.') 

Noch  eine  andere  Umlautsbezeichnung  scheint  für  unsern 
text  anzuerkennen.  Die  längebezeichmmg  durch  nachgesetztes 
e  ist  in  ihm  wesentlich  auf  geschlossene  silbe  beschränkt; 
cede  466.  2504,  deepe  624  und  Iccede  s.  50  §  3  sind  die  einzigen 
beispiele,  die  ich  mir  darüber  hinaus  angemerkt  habe,  und 
wenn  ich  vielleicht  auch  einzelne  übersehen  habe,  so  werden 
sie  doch  durchaus  die  ausnähme  bleiben,  abgesehen  von  einer 
grösseren  anzahl  von  oe  und  ue  in  Wörtern,  wo  umlaut  meistens 
sicher  ist  oder  dann  doch  wenigstens  möglich  scheint:  pl.  voete 
439.  633.  637.  644.  695.  783.  2266.  2275.  2663,  Überschrift  vor 
605.  s.  99  Überschrift :  sodcn  699,  socthe  1005,  soethc  :  vöte  1432, 
soeJcen  1095.  2344.  3909.  4249,  vndersocl-en  s.  72  §  5,  soc7ie  3183. 
6456.  s.  116  Überschrift;  prosa  s.  224,  behoedet  Gll'o,  vordens.h 


')  Schröders  hiuweis  a\if  AVeiuliolds  Alem.  gr.  zur  recbtfertigimg  der 
unilautsformen  ist  iiicht  berechtigt,  denn  dort  haben  wir  nur  die  bekannten 
optativformen  mit  lautgesetzlicheni  umlaut.  Auch  ein  bestand  wie  im  Euch 
der  beispiele,  gedruckt  Urach  circa  1480  (hg.  von  Holland,  Lit.  verein  56), 
kann  die  formen  des  Kke.  nicht  rechtfertigen.  Dort  haben  wir  ausser  den 
Optativen  mit  ü  auch  einfache  und  flectierte  infinitive  mit  ü  (neben  häutigen 
mit  ü,  u).  Darin  spricht  sich  nur  eine  engere  association  des  infiu.  mit 
dem  opt.  aus,  die  deshalb  für  möglich  zu  halten  ist,  weil  beim  st.  vb.  der 
infinitivvocal  mit  sämm fliehen  optativformen  im  gegensatz  zum  indic. 
stimmt. 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  381 

§5.  S.62  §2  —  hoeme  s.  4  §  3  —  tueghe  pl.  'zeugen'  1812. 
s.  72  §  5  (neben  fügen),  hetueget  s.  63;  auch  woeste  1137  sei 
hier  aufgeführt.  Wenn  sich  nun  niemals  groeten  oder  lioege 
(wol  groet),  niemals  etwas  wie  hruepen,  hueten,  luede  (wol  Inies) 
findet,  so  scheint  die  Vermutung  bestätigt.  Indessen  sind  eine 
reihe  von  Schwierigkeiten  vorhanden.  Sih  vormoeden  s.  62  §  2 
wird  sonst  nur  bei  Jellingh.  §  253  mit  umlaut  bezeugt,  sonst 
ist  es  wie  unser  vermuten  ohne  umlaut.  Möglich  ist  Umbildung 
nach  praet.  vermoääc  aus  jünger  synkopiertem  vermödde;  ana- 
logien  dazu  bei  Holth.  §  345  ff.  Bedenklicher  sind  gen.  voetes 
2637,  dat.  voete  3750,  dat.  boeke  s.  4  §  2.  5  §  6.  118  §  1.  s.  196 
vorrede  zweimal  (neben  pl.  höhe  s.  3  §  2).  Ist  bloss  an  eine 
orthographische  Übertragung  zu  denken  oder  an  lautliche 
formen,  wobei  dann  wol  ganze  singulare  vöt,  hok  vorausgesetzt 
werden  müssten?  Bekannt  sind  m.  w.  solche  nicht;  möglich 
wären  sie  ebenso  gut  wie  ten,  tähn  'zahn'  (Nerger  s.  177  anra., 
Quickb.),  wie  hrör  'bruder'  t.  Doornk.-Koolm.,  wie  dörp  im 
ganzen  ostnd.  und  sonst,  z.  b.  in  Köln;  vgl.  ferner  Holth.  §  377, 
Anz.  13,  215  (fuder),  Nerger  s.  187  anm.  {mceg  'magen'),  §  164 
(jücJc  'joch'),  §  233  {beuk  'bank',  flce  'floh')  und  oben  över;  vgl. 
ähnliches  bei  Fischer,  Geogr.  d.  schwäb.  ma.  §  66.  Freilich  darf 
nicht  verschwiegen  werden,  dass  sich  unter  den  beispielen  nur 
das  einzige  boeme  mit  ursprüngl.  mi  befindet  und  z.  b.  niemals 
*loeven  neben  häufigem  loven,  löven,  so  dass  man  an  einen 
unterschied  zwischen  etym.  6  und  an  denken  könnte,  zumal  in 
der  tat  in  den  Ciüemannschen  bruchstücken  des  gedruckten 
Keinaert  ein  orthographischer  unterschied  zwischen  fällen  wie 
goede  und  node  oder  tioode  sich  einigermassen  durchgeführt 
findet.  Aber  warum  denn  die  Unterscheidung  bei  «  und  warum 
niemals  beispiele  wie  moeder,  kloeke,  moedes,  boete,  roepen? 

Sehr  häufig  bleibt  nun  aber  der  umlaut  auch  unbezeichnet. 
Dabei  treten  merkAvürdige  Schwankungen  zu  tage,  und  es 
kommt  vor,  dass  der  umlaut  in  einzelnen  Wörtern,  die  ihn 
sicher  haben,  niemals  ausgedrückt  wird.  Nicht  selten  sind 
doppelformen  möglich  und  nachweisbar.  Aber  unter  den  ob- 
waltenden umständen  ist  es  schwer,  in  den  einzelnen  fällen 
über  den  stand  des  einzelnen  denkmals  reclienschaft  zu  geben. 
Ich  verzeichne  aus  einer  sehr  viel  grösseren  zahl  eine  reihe 
von  beispielen,  worunter  einige  in  bezug  auf  den  umlaut  mehr 


382  FRANCK 

oder  weniger  zweifelhafte:  grone  3.  325,  lone  309.  326.  639, 
hloyen  324,  broder  pl.  311,  vermode  praet.  654  (s.  vorher  über 
das  vb.),  vothe  3767  (bei  diesem  wort  g-anz  ausnahmsweise), 
droiiich  304.  838,  ledroiiet  944,  ledroneder  798,  hlodich  838 
(Brem.  hlödig  und  hlöerig,  Dähn.  hlödig,  Schamb.  hlauerig  und 
Moierig,  t.  Doornk.-Koolm.  hloderig,  Woeste  blanerig),  homodygen 
502,  droffenisse  SU.  316.  6729,  ^/o^/e,  s?o(/(?w  opt.  771.  869  (auch 
die  indicativformen  slogen  721  u.  ö.  könnten  den  umlaut  schon 
haben),  scholrekens  253,  Jcloeksteti  447.  Honre  'hühner'  808 
hat  vielleicht  keinen  umlaut  (so  im  westf.,  t.  Doornk.-Koolm. 
honer,  Jiönder  neben  höner)-,  mote  wy  556;  das  erste  mal  er- 
scheint von  dem  wort  opt.  m{)te  2426  mit  umlaut,  dann  möten 
ind.  2457  und  weiter  regelmässig-;  lautlich  möglich  sind  bei  den 
praeteritopraesentia  beide  formen  (noch  heute  bei  Bergh.  mägen 
und  magen).  Auffällig  ist,  dass  nomen,  wie  ich  glaube,  niemals 
bezeichnet  ist. ')  —  Oucl  252,  nwlen  88,  flogel :  vogel  943  (da 
ein  umgelauteter  sing,  von  vogcl  nicht  nachweisbar  ist,  werden 
wir  wol  augenreim  haben),  sonen  'söhne'  398,  Jwnen  'können' 
65.  96,  sproten  praet.  6,  vorlorre  opt.  praet.  (s.  bei  Quantität), 
houescheit  240.  —  Louet  'glaubt'  584,  houet  637.  1191.  4274, 
tröste  800,  roghede  183  (aus  *raiigjan.  Jellingh.  räügcn),  vrolieh 
324.  375,  grotsten  109,  hören  260.  429  u.s.w.;  zum  ersten  mal 
2740  mit  6,  weiter  z.  b.  3069.  3485,  aber  auch  in  diesem  teil 
des  textes  meistens  mit  o.  Wenn  auch  die  formen  von  'schön' 
niemals  die  bezeichnung  haben  wie  236.  329,  so  könnte  man 
an  eine  umlautslose  form  denken.  Die  heutigen  maa.  gebrauchen 
aber  im  sinne  von  'pulcher'  den  umlaut,  einige  daneben  schon 
im  sinne  von  'rein';  t.  Doornk.-Koolm.  hat  nur  schön,  aber  eig. 
auch  nur  die  bedeutung  'klar,  rein'.  —  Trwve  199.  235,  euentur 
203,  euenture  :  hure  772  (der  pl.  Uire  wird  wol  umlaut  haben, 
obwol  eine  solche  form  im  und.  nicht  mehr  nachzuweisen 
scheint),  diniel  1213  (1239  m);  vrtmde  M,  sliit  1321.  In  hulen 
642  gilt  aber  wol  umlautslose  form  (so  Jellingh.,  Brem.,  t.  Doorn.- 
Koolm.,  Danneil,  Dähn.  [neben  «],  Bergh.  u  und  //;  s.  mein  Et. 
wb.).  Niemals  wird  der  umlaut  von  kurzem  o  bezeichnet:  hoster 
679,  hiolcschen  3593,  ih  Jwrte  428  (allerdings  Brem.  6.bd.  körten, 

>)  Klang  der  laut  vor  dem  nasal  etwas  abweichend?  Oder  ist  die 
Orthographie  l)eeinflusst  von  dem  umstand,  dass  das  wort  verhältnismässig 
häufig  mit  unumgelautetem  o  zu  reimen  hatte? 


I 


ALTE   ORTHOGEAPHIE   UND    MODERNE   AUSGABEN.  383 

ebenso  Bergh.),  tornich  79  (t.  Doornk.-Koolm.  törnich,  Brem.  6.bä. 
törnig  aus  Ditlim.).  Es  beweist  also  nichts,  wenn  ausnahmslos 
Tconnincli,  l'oninginne  geschrieben  wird;  das  und.  hat  stets  Um- 
laut, doch  mit  einfachem  n  und  dehnung*;  die  umlautslose  form 
wird  in  den  wbb.  nur  aus  älteren  texten  angefülirt.  Eher 
könnten  für  monmß  335  umlautslose  formen  angeführt  werden 
(s.  Brem.,  Bergh.),  doch  ist  auch  hier  der  umlaut  das  geläufige. 
Auch  solke  832  neben  umgelauteten  formen  wäre  nicht  unmög- 
lich (einfluss  des  deutsclien?),  Nerger  s.  193  sonn  aus  solk  en, 
Schamb.  solk,  Dähn.  solk  neben  süllc.  Letzteres  und  seltener 
sölk  sind  die  geläufigen  nd.  formen.')  Besonders  gern  fehlt 
auch  bei  kurzem  u  die  bezeichnung:  sus  69  (allgemein  nd.  süs, 
süst,  sünst),  ummc  170,  siäve  11,  vielleicht  auch  yummer  228 
und  niimmer  654  (nur  Bergh.  gibt  u  neben  ü  an)  haben  sie 
niemals,  obwol  gesprochene  formen  mit  u  schwerlich  nachweisbar 
sein  werden.  Weitere  beispiele:  dunkel  545,  ghelucke  950.  964, 
stucke  162.  222,  vrucldet  83.  360,  beschulten  233,  sunde  289. 
859,  Yutte  :  grulte  681  :  hülle  730,  duchle  ind.  praet.  1691, 
ruckede  696  'riss'  und  das  damit  etymolog.  identische  ruckede 
'rutschte'  877  (Danneil  rucken,  ruckein  'rücken'),  kundygen 
266.  355.  882,  liundeken  70,  grunÜik  519,  sunderlyk  539;  sunte 
'Sanct'  942.  Der  form  kumpt  882  steht  geivis  auch  umlaut 
zu,  wie  fast  allgemein  im  nd.  Zweifelhaft  bin  ich  bei  swummen 
'schwimmen'  768.  773.  780  (neben  swommen  =  stcömmen?).^) 
In  Laurembergs  text  macht  die  bezeichnung  des  umlauts 
den  eindruck  der  folgerichtigkeit.  Es  wäre  einerseits  die  be- 
rechtigung  der  ö-  und  ?V-laute  in  einzelnen  fällen  zu  erweisen, 
andrerseits  die  frage  zu  beantworten,  ob  auch  unbczeichnete 
0,  u  als  ö,  ü  anzusehen  seien.  Zunächst  weise  ich  auf  die  ind. 
und  part.  praet.  sMnken  4,  424,  müsle  1,  39  (opt.  müste  1, 49, 
ind.  tmistcn  4,  305),  wusle  2,  78,  mSsle  2,  617,  Inkht  3,  315, 
B(eschluht)  47,   dörfflcn  3,  366,  gedöfft  1, 442,  upgesöcht  B.  48, 


')  Dagegen  hat  honni/ch  5(il  in  der  reg-el  im  nd.  so  wenig-  nmlaut 
wie  in  nnserer  Schriftsprache. 

'^)  Noch  im  Bremer  wb.  ist  das  kurze  ü  ganz  gewöhnlich  mit  u  be- 
zeichnet, und  wenn  ich  im  Nd.  correspondenzbl.  d.  j.  s.  7  lese  'in  der  Bremer 
mundart  heisst  cjlück  noch  heute  gluck,  wie  dort  die  umhinte  fast  nicht  vor- 
handen sind  (vgl.  W.  Koccos  Vor  veertig  jähr)',  so  muss  ich  annehmen,  dass 
laut  und  Schreibung  verwechselt  werden. 


384  PKANCK 

liönt  i,  70,  stött  3, 310.  Auch  die  umgelauteten  praesensformen 
der  praeteritopraeseiitia  sind  regel:  Mnen  1, 191.  2, 232.  314. 
4,57  U.S.W.,  scMlen  4,130,  mötcn  (:)  2,593  (daneben  moten 
2,  G04,  im  reim  1, 123).  Sunt  2,  615,  Upen  4,  64,  söken  3,  360, 
lögen  4, 117,  jögent  3,  666  (das  n  vielleiclit  unter  einfluss  der 
hd.  form),  Mmpt,  Mmt  1,  27.  29,  verUfft  3.  pers.  praes.  4,  450 
bedürfen  weiter  keines  wortes  mehr.  Auch  vor  Inholt  13  ist 
allgemein  nd.  Hon  hat  hier  den  pl.  Mncr  4,  663.  Weiter  merke 
ich  an  dörp  4,  401.  446  (s.  vorher),  dörch  1, 139.  4,  453  (Nerger 
§  163,  Mi,  Dähn.,  Danneil,  Bergh.  (Schambach  dorcli,  Schütze 
'in  den  städten  auch  dorch'),  meistens  neben  dör  oder  dor), 
dör sehen  3,  466  (allgemein  ostnd.),  er för selten  3, 465  (das  wort 
kann  ich  nnd.  nicht  belegen),  pl.  uörde  4,  84,  ebenso  z.  b.  hörne 
2,  592  f.  (ebenso  im  westf.,  ferner  z.  b.  Nerger  §  228  1 1).  Be- 
legen kann  ich  auch  nicht  örden  'orden'  4,597  (einige  idiotica 
haben  ordentlich,  orntlieh)^  aber  aus  ordinem  ist  die  form  wol 
anzuerkennen.  Schwieriger  ist  Mrt  2,  289.  539,  in  körtüni  und 
in  körten  neben  kort  z.  b.  3,  357.  4, 492,  sogar  kortUck  1, 207. 
Es  findet  sich  so  auch  bei  t.  Doornk.-Koolm.,  aber  neben  anderen 
auffallenden  ü  für  o  (kork,  körf,  körste,  sehörf,  schörsteen,  borg, 
Börkum,  Norden,  lös  u.  ä.),  so  dass  für  diese  ma.  vielleicht 
irgend  ein  spontaner  Übergang  von  o  zu  ö  anzunehmen  ist. 
Wenn  die  form  bei  L.  berechtigt  ist,  woran  wol  nicht  zu 
zweifeln  fällt,  so  dürfte  folgerung  aus  comp,  superl.  anzunehmen 
sein.  1)  Weiter:  södder  2, 195  (Nerger  §  120,  Mi  [sörrel  Schütze 
[und  säder]),  sös  und  söven  3,460.  B.  108  (allgemein  ostnd.).  — 
spöken  4, 104  (allgemein  nd.  mit  umlaut^))  —  stöten  2,  386  (fast 
allgemein  nd,  —  bis  auf  Woeste  und  Holth.  —  *stötjan)  — 
siinst  2, 194,  Sündern  2,  540  (t.  Doornk.,  Schamb.,  Dähn.,  Quickb.), 
sünne  'sonne' 3,  33  (ostnd.),  dnlcken  'drucken' 4, 128  (s.  DWb.), 
tho  nütte  4,112,  auch  Rke.  5355  (Bergh.,  t.  Doornk.-Koolm., 
Schütze;  s.  mein  Et.  wb.),  rüsten  'ruhen'  B.  13  (t.  Doornk.- 
Koolm.). 


')  Oder  ist  hinter  in  körten  das  abstractum  zu  suchen  und  in  körtum 
der  vocal  durch  das  ü  afficiert?  Dass  auch  Lauremb.  so  viele  heispiele  vor 
^'-Verbindung  aufweist  ist  wol  blosser  zufall. 

^)  Während  die  angaben  von  Jellingh.,  Woeste  und  Schambach  auf 
Umlaut  von  germ.  ö  weisen,  hat  Holth.  ausdrücklich  eine  dem  umlaut  von 
an  entsprechende  form.    S.  auch  Nd.  jahrb.  18, 1-12. 


ALTE    OltTHOGRAPHlE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  385 

Was  die  andere  frage  betrifft,  so  ist  wegen  solche  Inh.  19. 
1,119.  2,35  neben  s6lk2,'dlL  525  und  dem  gewöhnlichen  5tJ/Z; 
1,102.  135  n.s.w.  auf  vorher  gesagtes  zu  verweisen.  Dann 
finden  wir  opt.  praet.  lornle,  homl  1,  24.  104.  4, 145  u.  ö.  {künde 
1,240,  ind.  künde  1,321).  Wahrscheinlich  liegt  die  sache  so, 
dass  L.  noch  beide  praeterita,  ohne  und  mit  umlaut,  neben- 
einander gebraucht  (scholde  z.  b.  1,185.  219),  dann  aber  auch 
beide  formen  zugleich  für  den  opt.,  so  mu.st  opt.  1,194  (:). 
427.  450,  scJioId{e)  1,417.  429  ff.;  eines  scholde  oder  sclmlde 
erinnere  ich  mich  überhaupt  nicht,  weder  für  conj.  noch  ind. 
Auch  ofjentlih  3,366.  4,650,  B.  4  lässt  sich,  trotz  formen  wie 
löfflick  B.  44,  rechtfertigen,  besonders  neben  dem  autochthonen, 
wol  nicht  so  leicht  umlautenden  openlik.  //o?«;  iieu' 4,  662  ist 
tatsächlich  umlautslos  (hau  Brem.,  Schütze,  Quickb.,  Danneil 
neben  hei)  und  hrudgam  B.  32  könnte  durch  hnied  —  es  steht 
daneben  —  oder  durch  dän.  hrudgom  beeinflusst  sein.  Es 
bleiben  einige  sulve  1, 247.  2, 420  neben  dem  gewöhnlichen 
sähe,  sülfst  1,15.  33.  39.  96.  230.  248  u.s.w.,  die  ich  lautlich 
nicht  zu  rechtfertigen  wüsste,  und  ausserdem  habe  ich  ivurd 
1,431  {ivürd  418  ff.  432  u.s.w.)  angemerkt.  Nach  allem  scheint 
die  Orthographie  u  für  kurz  ü  (und  o  für  kurz  ö?)  zwar  noch 
zuweilen  einzuschlüpfen,  aber  im  ganzen  doch  nicht  bezeichnete 
0  und  u  nicht  als  ö  und  ä  angesehen  werden  zu  dürfen. 

In  dem  Lutherschen  text  liegt  die  sache  noch  recht  übel. 
Die  bezeichnung,  im  ganzen  wol  überwiegend,  fehlt  so  häufig, 
dass  es  ein  schwieriges  werk  sein  dürfte,  die  lautlichen  Verhält- 
nisse und  etwaige  doppelformen  festzulegen.  Gehören  s.22  neben 
{(je)hören  22.  25,  frolich  neben  frölich  36,  hosen,  hos.ze  neben  ö  30. 
32.  33  {bös  neben  h'Ose  wäre  möglich;  vgl.  auch  hosiij  'boshaft' 
Hertel,  Thür.  sprachsch.,  'ärgerlich,  zornig'  Bergh.,  Mi;  auch  hos- 
heit,  erbosen  u.s.w.  sind  in  anschlag  zu  bringen),  höchste  19 
—  ivorüin  27,  glcychform'uj  29,  göttlich  17.  20  —  benugen  36, 
genugde  19,  vbcn  neben  vbimg  20,  guttern  25  (neben  güttern), 
füret  33.  Bei  müssen,  muszen  17.  19.  25  u.  o.  neben  müssen 
öfter  z.  b.  26  wären  wider  lautliche  doppelformen  leicht  mög- 
lich. Für  für  sich  allein  und  in  compositis  mindestens  über- 
wiegend, z.  b.  17.  18,  wenn  nicht  allein  herschend,  rber  neben 
vber  z.  b.  19.  20.  21,  wobei  die  alte  form  ahd.  tdjur,  mhd.  über 
in  anschlag  zu  bringen  wäre,  gründlich  18,    pl.  beschlusz  und 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutsclieii  spräche.     XXVll.  25 


386  FliANCK 

heschUs^  IS,  stnclc  19,  ftinfften  19,  JmJff  20,  smid  20,  erfüllet  20, 
erfidlung  21  {fülle  20),  hirtdkh  21,  vherflussig  21,  hedurffen  21, 
vntucliiigen  23,  pl.  fruclit  und  frücht  32,  schmicJcen  38.  Bei 
gläubig  24.  32  könnte  man  argumentieren,  dass  bei  umlaut  die 
Schreibung  eu  zu  erwarten  wäre,  wie  z.h.m  euszerlichiimmer- 
liin  ist  die  mögliclikeit  einer  ortliograpliisclien  einwirkung  des 
grundworts  zu  erwägen.  Eine  form  wie  vollömlich  35  muss 
jedesfalls  als  flngerzeig  angesehen  werden,  dass  die  umlaute 
im  weitesten  masse  zu  erwarten  sind. 

Ein  umgelauteter  pl.  orte  19  ist  ohne  weiteres  anzuerkennen 
(vgl.  DWb.  unter  ort);  auch  die  angleichung  ans  adj.  in  höss- 
lieyt  18.  Bei  der  3.  sing.  ind.  praet.  vorUr  27  wäre  an  die  ent- 
sprechenden nd.  praeterita  zu  erinnern.  Gegenüber  dem  opt. 
verlür  einige  Zeilen  vorher  wäre  ö  entweder  nd.  vocal  oder  de 
nach  dem  6  des  urspr.  sg.  Aber  lässt  sich  auch  ein  öhgenannt 
19  rechtfertigen  mit  Verschleppung  des  umlauts  aus  den  bei 
L.  gebräuchlichen  formen  öher,  öherst  (vgl.  oben  ZcöV^)?') 


1)  Franckes  auffassung,  dass  L.  in  g-rösserem  masse  den  umlaut  falsch 
gebrauche  (§  8.  5),  bedarf  durchaus  erneuter  prüfung,  auch  schon  mit 
rücksicht  darauf,  wie  weit  es  sich  dabei  um  die  zeichen  «  oder  "  handelt, 
von  denen  das  letztere  durchaus  keinen  umlaut  zu  meinen  braucht;  s.  auch 
AYilmanns,  D.  gr.  1^,  §  202.  Die  ansieht  welche  Fr.  über  den  umlaut  bei 
L.  überhaupt  äussert:  'dass  er  sich  nie  recht  klar  über  den  umlaut  geworden' 
(natürlich  ist  es  möglich,  dass  L.  im  einzelnen  fall  zwischen  einer  nicht- 
umgelauteten  form  seiner  heimat  und  einer  umgelauteten  einer  andern  ma. 
oder  der  drucksprache  geschwankt  hat)  und  'die  ö  und  ü  in  seine  drucke 
aufgenommen  habe,  da  er  die  umgelauteten  formen  . . .  für  gemeindeutsche 
bestandteile  hielt',  war  damals  noch  kaum  erschüttert,  bedarf  aber  heute 
keiner  Widerlegung  mehr,  und  ich  würde  sie  hier  nicht  erwähnen,  wenn 
ich  es  nicht  für  erspriesslich  hielte  darauf  hinzuweisen,  wie  durch  einen 
solchen  Irrtum  etwas,  was  im  grossen  ganzen  eine  blosse  orthographiefrage 
ist,  zu  einer  sprachgeschichtlichen  frage  gemacht  wird.  Auch  das  um- 
gekehrte kommt  vor,  dass  man  sprachliche  unterschiede  als  orthographische 
ansieht,  und  grade  Franckes  Untersuchungen  dürften  ein  beweis  dafür  sein, 
indem  sich  doch  wol  herausstellen  dürfte,  dass  Luther  in  grösserem  masse 
als  er  annimmt,  wirklich  doppelformen  gebrauchte  oder  seine  spräche  mit 
der  zeit  geändert  hat.  Eine  parallele  zu  einem  praet.  verlor  nach  nd.  art 
findet  sich  bei  Francke  nicht  erwähnt.  Das  kann  ich  vorläufig  nicht  als 
ausschlaggebend  ansehen ;  schon  allein  die  ansieht  über  den  umlaut  könnte 
ihn  solche  form  übersehen  haben  lassen. 


ALTE   ORTHOGRAPHIE    UND   MODERNE   AUSGABEN.  387 

III. 

Die  noch  grösseren  Schwierigkeiten  der  qnantitätsf  ragen 
entspringen  ans  dem  zusammenwirken  von  entwickelungen  in 
der  orthograpliie  und  in  den  spracliformen.  Neben  der  alten 
sclireibmethode,  die  lange  und  gedehnte  vocale  unbezeichnet 
lässt,  entAvickeln  sich  verschiedene  arten  der  bezeichnung  der 
länge  oder  auch  der  kürze  gegen  die  länge,  die  allmählich  in 
aufnähme  kommend  lange  zeit  neben  dem  alten  hergehen. 
Andrerseits  hat  besonders  das  nd.  eine  beträchtliche  anzahl 
von  quantitätsunterschieden,  zumal  kürzungen  gegenüber  den 
uns  geläufigen  formen  des  mhd.  und  nhd.  herausgebildet.  Er- 
schwerend für  die  frage  kommt  der  gewöhnliche  gebrauch 
quantitativ  ungenauer  reime  bei  den  dichtem  hinzu.') 

Die  Orthographie  des  Eeinekedrucks  steht  noch  stark  auf 
dem  alten  boden,  doch  geht  der  Verfasser  im  verlaufe  mehr 
zum  neuen  gebi'auch  über.  Ich  zähle  die  sicheren  einsilbigen 
fälle:  stän,  betontes  dar,  Idär,  Ut  'liess',  hron  'kranich',  gröt, 
gän,  (ge)dän,  quät,  nen,  entfdn,  vorUs,  wtf,  hemech,  stär(hlint), 
bot,  entför,  hir,  stän,  humpän,  frantzösz,  er,  mer,  sin  vb.,  jär, 
sU  vb.,  betontes  min,  ivCir,  betontes  der,  adv.  her,  vört,  gehört, 
icort,  def,  üt,  slöf,  not,  röf,  dät,  rät,  der,  Up,  grep,  Brün,  öm, 
tvet,  mot  'muss',  sivär,  här,  tcän,  hiik,  hür,  het  'heisst'.  smer, 
hegher,  värt,  ghespärt:  sie  kommen  vor  a)  mit  unzweifelhafter 
bezeichnung,  b)ohne  genügende  bezeichnung  vs.l — 100  a)  12  mal 
b)  36  mal,  vs.  500— 600  a)  27  mal,  b)  35  mal.  2)  Es  ergibt  sich 
also,  dass  nichtbezeichnung  in  diesem  text  durchaus  nicht  als 
beweis  für  nichtlänge  genommen  werden  kann,  und  da  weiter 
die  graphische  consonantenverdopplung  schon  herscht,  so  kann 

')  Ich  halte  es  für  hedauerlich,  dass  Leitzraann  bei  seiner  textg-estal- 
tnng  liier  halt  gemacht  und  aus  rücksichten,  die  ich  nicht  für  ausschlag- 
gebend ansehen  kann  (s.  xii  f.)  von  einer  ausdrücklichen  bezeichnung  der 
Quantität  abstand  genommen  hat. 

-)  ih  ist  nicht  längebezeichnung:  neben  hoth,  tih,  heth,  vorheeth,  vor- 
reeih,  leihen  auch  veth,  eth,  belli,  praep.  'l)is',  (jhcboih,  hoth,  (jheheth,  sath 
'satt'.  Auch  y  ist  nicht  zeichen  von  langem  i;  neben  tcij/f,  lyff,  myn  u.s.w. 
auch  hlyft,  myszilan,  wylt,  yynclc  u.s.w.  toysz  ist  demnach  sowol  wis  'weise', 
z.  b.  4Ü0,  als  auch  wis  'geAvis',  z.  b.  1027.  1347;  über  ivys  1317  kann  mau 
zweifelhaft  sein.  —  Die  orthographischen  typen  unseres  textes  sind  also  — 
von  ungewöhnlichem  abgesehen  —  wil,  loill,  wyl,  wyll  'will';  del,  dell,  äecl, 
deell  'teil';  lede  (selten  leede)  'leid';  mende,  meende  'meinte'. 

25* 


388  FRANCK 

auch  einfacher  vocal  -j-  mehrfacher  oder  doppelconsonanz  nicht 
für  küi'ze  beweisen.  Gleich  im  anfang"  machen  zwei  Wörter 
Schwierigkeit.  Das  wort  für  'lanb'  ist  v.  3  und  324  loff  ge- 
schrieben. Das  kann  natürlich  I6f  sein  wie  z.  b.  doff  98.  101, 
Inf  ( :  deeff)  352,  Uff  :  dcff  337,  bkfe  G90  oder  hlecl  287. 
Aber  das  nnl.  hat  wirklich  neben  luf  auch  lof.  Ich  kenne  die 
form  im  nd.  nicht,  aber  die  möglichkeit,  dass  sie  bestanden 
habe,  ist  nicht  ausgeschlossen.  In  diesem  fall  dürfte  sich  nun 
ein  herausgeber  ohne  weiteres  bedenken  für  lof  entscheiden, 
täte  aber  vielleicht  gut  daran,  der  anderen  möglichkeit  an- 
merkungsweise rechnung  zu  tragen.  Das  andere  wort  ist  das 
unserm  los  entsprechende  in  der  Verbindung  valsch  vnde  losz  32. 
Die  Schreibung  so  wie  der  reim  zu  dem  gieichgeschriebenen 
vosz  —  ebenso  6253  —  scheinen  zunächst  für  kürze  zu  sprechen, 
und  es  gibt  im  nl.  nd.  und  rhein.  wirklich  ein  von  laus  ver- 
schiedenes los  mit  kurzem  vocal  und,  wahrscheinlich  ursprüng- 
lichem, SS.  Aber  weder  die  Schreibung  beweist  —  vgl.  forloss 
258,  wyss  460  u.  ö.,  husz  :  Maleiiertuss  479  —  noch  der  reim, 
da  zahlreiche  längen  mit  kürzen  gebunden  sind;  vgl.  für  viele 
andere  vorlees  :  des  43.  Jenes  los  gilt  nur  in  der  bedeutung 
'losgelöst,  frei,  locker',  während  für  'schlau,  boshaft,  listig' 
auch  dort,  wo  los  bekannt  ist,  los  gesagt  wird  (rhein.  los  und 
lüs).  Ich  nehme  deshalb  zwar  in  unserem  texte  2843  dat 
Heynke  de  vosz  von  deme  Iconynge  queme  losz  die  kurze  form 
an,  aber  an  der  erstgenannten  und  einigen  andern  stellen,  trotz 
gleicher  Schreibung  und  trotz  dem  reim,  lös.  Eine  bestätigung 
gibt  V.  61  de  lose  valsche  kumpan  und  der  hundename  WacJcer- 
losz  71.  lieber  Bökert  s.  oben  s.  378  mit  aum.  2.  Eine  ganze 
reihe  weiterer  fälle  sind  an  sich  zweifelhaft. 

Da  im  mnd.  die  zweisilbigen  formen  du  hevest,  hi  heret 
noch  bestehen,  sind  auch  die  synkopierten  formen  mit  dehnung 
heefst,  heeft  vorauszusetzen.  Da  aber,  so  weit  ich  sehe,  unser 
text  ausnahmslos  hefst,  lieft  schreibt  (z.  b.  41.  62.  223.  271.  5097) 
und  die  neuern  maa.  gleichfalls  die  kürze  fest  haben,  so  werden 
wir  sie  auch  hier  beibehalten.  Die  conj.  'auch'  ist  regelmässig 
oh  oder  och  geschrieben;  gekürzte  formen  derselben  sind  ja 
fast  überall,  auch  in  und.  maa.,  bekannt.  Daneben  trotz  der 
festen  Schreibung  langes  öh  anzunehmen,  z.  b.  für  oh  :  hloh  6042, 
ist  gewis,  obwol  es  nicht  unbedingt  nötig  wäre,  unbedenklich. 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  389 

Beizubehalten  sind  grotsten.  (oder  grötsten)  109  (auch  sonst 
mnd.;  Woeste  gröttcr,  gröttest,  entspr.  Holth.,  Jellingh.,  Dähn. 
de  grötfcstm),  moste  praet.  190.  251  (moste,  muste  oder  mit 
umlaut  allgemein  und.)  und  mester  250  (kürze  bei  Woeste, 
Holth.,  Jellingh.;  t.  Doornk.-Koolm.  e  und  e,  Schütze  e  und  e«). 

—  Das  praet.  von  menen  wird  memle  geschrieben:  18.  182, 
184.  600.  6321,  und  meende  655.  799.  950.  967.  4670.  4681.  5854 
(mende  :  J^ende  5937,  meende  :  Jcende  5923;  unsj^nkopiertes  me- 
neden  1440).  Bei  der  frühen  synkope  des  praet.  ist  die  mög- 
lichkeit  der  kürzung  zweifellos:  mnd.  mende  (und  mende).  Es 
scheint  jedoch,  dass  diese  form  später  nur  im  westen  weiter 
besteht  (Holth.,  Jellingh.  mende,  Woeste  mende  und  mende), 
nicht  aber  im  osten  (vgl.  Nerger  §  217  und  die  idiotica).  Da 
jedoch  auch  hier  in  bestimmten  fällen  heute  noch  die  kürzung 
vorhanden  ist  (Nerger  §  218),  kann  sie  im  15. — 16.  jh.  noch  in 
grösserem  umfang  bestanden  haben.  Der  fall  ist  mithin  vor- 
läufig wol  nicht  genügend  zu  entscheiden.  Dagegen  wäre  in 
hetalde  501  {J)etalede  1518)  die  dehnung  zu  bezeichnen.  —  Das 
praet.  von  holden  ist  lielt  geschrieben  (z.  b.  119.  821,  hehelt :  vcr- 
tclt  3821,   lielt  :  gelt  6517)  und  heelt  (z.  b.  3462.  6045).     Beide 

.formen  sind  möglich  (Woeste  hei,  Holth.  helt,  Jellingh.  häuf, 
Nerger  hell  und  höll)  und  der  herausgeber  hätte  dem  rechnung 
zu  tragen.  Aehnlich  liegt  an  sich  die  sache  beim  praet.  von 
vollen.    Für  kürze  in  vel  751  spricht  stark  der  pl.  vellen  3546. 

—  In  formen  der  3.  sg.  ind.  starker  und  einiger  schw.  verba 
wie  hhjft  68,  drecht  281  ist  kürze  anzunehmen,  da  diese  kürzung 
auch  fürs  östliche  nd.  gilt. 

Schwierig  ist  das  wort  dröffenisse  314.  316.  899.  6729. 
Nachdem  der  ursprünglich  dem  n  unmittelbar  vorangehende 
labial  verschärft  war,  musste  nach  nd.  lautregel  der  vocal 
verkürzt  werden,  was  aber  durch  den  einfluss  des  grundwortes 
wider  aufgehalten  werden  konnte.  Möglich  ist  also  theoretisch 
sowol  dröff'enisse  wie  dröffenisse.  Ich  kann  das  wort  und. 
nicht  nachweisen,  würde  aber  als  herausgeber  nicht  wagen, 
die  kürze  anzutasten.  Etwas  sicherer  sind  wir  bei  hast,  das 
635.  696.  794  auf  vast  reimt.  Im  nl.,  woher  das  wort  erst 
ins  nd.  und  hd.  kam,  hat  es  noch  a,  und  auch  die  westfäl. 
maa.  bewahren  die  länge  —  teilweise  wol  neben  ä  — ;  doch 
finde  ich  im  osten  (Quickb.,  Richey,  Schütze  u.  s.  w.)  hast,  hasten, 


390  FRANCK 

SO  dass  ich  mich  für  kürze  entscheiden  würde.  Dass  hrascJieii 
'lärmen,  heulen'  642  trotz  dem  reim:  hrasclien  'kratzen'  als 
hräscJien  aufzufassen  ist,  wissen  wir  nur  aus  den  neuern  mund- 
arten.  Auch  letli/Jv  'hcässlich'  692  werden  wir  neben  Iccfli/Ic 
847  die  länge  geben,  obwol  auch  in  diesem  wort  die  kürzung 
vorkommt  (mdartl.  lelJi).  Dem  hd.  strafe  steht  im  nl.  und  nd. 
ein  ablautendes  straffe  gegenüber.  Man  wird  darum  straff :  äff 
271  (auch  wol  straff^:  gaff  (rerh.  v.  Minden  36,10)  als  die  letztere 
wortform  auffassen,  obwol  das  und.  —  vielleicht  unter  schrift- 
deutschem einfluss  —  strafe  bevorzugt;  t.  Doornk.-Koolm.  da- 
neben noch  straffe.  Auch  bei  schuffcle  717  brauchen  wir  nicht 
in  zweifei  zu  sein,  dass  wir  das  im  nd.  (und  nl.)  geläufige 
kurzvocalige  scliiiffel  vor  uns  haben. 

Mit  gedehntem  vocal  dagegen  sind  anzusetzen  clor  'ich 
wage'  99,  sowie  ver  'fern'  :  seer  706  wegen  der  im  nd.  all- 
gemeinen dehnung  vor  rr  (so  auch  venvoren  u.  ä.),  gewis  auch 
vrom  'nutzen'  (:  6m)  155,  aus  früher  zweisilbiger  form.  Morscl 
'stück'  106.  214.  217  ist  nach  dem  nl.  gleichfalls  lang,  4067 
auch  morseel  geschrieben.  Natürlich  ist  auch  bei  reimen  wie 
Musener  :  seer  oder  7neer  279.  379  die  form  mit  echtem  langem  c 
anzunehmen;  kliisenere  :  Jiere  349. 

Dass  das  wort  'verräter',  2322  und  6144  :  ivedder  gereimt, 
trotzdem  es  auch  als  vorreder  mit  länge  erscheint,  gekürzten 
vocal  hat,  geht  aus  der  Schreibung  hervor;  denn  ein  dd  als 
blosser  graphischer  überfluss  zwischen  vocalen  dürfte  doch 
kaum  vorkommen.  Aber  richtig  klar  macht  man  sich  so  etwas 
eben  nur,  wenn  man  gezwungen  ist,  sich  genaue  rechenschaft 
von  den  qualitätsverhältnissen  zu  geben.  Lübben,  Wb.  hat 
sich  offenbar  irre  führen  lassen  und  stellt  das  wort  in  der 
bedeutung  'Verleumder'  mit  reden  zusammen.  Dass  aber  'Ver- 
räter' gemeint  ist,  wie  es  auch  Schröder  auffasst,  wird  zum 
überfluss  durch  das  verrader  des  Originals  an  beiden  stellen 
bestätigt.  AMr  haben  die  nicht  unbekannte  durch  d  und  r 
bewirkte  Verkürzung  —  vielleicht  begünstigt  durch  die  3.  pers. 
vorret  — ;  sie  hat  ja  genaue  parallelen  an  solchen  wie  ledder 
'leiter',  hladdcr,  modder  oder  mudder  'mutter'  (Nerger  §  193) 
und  ist  nicht  auffälliger  als  comparative  wie  grötter.  Auffällig 
ist  mir  vorlorre  opt.  praet.  105  und  schwerlich  mit  parallelen 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  391 

bei  n  wie  honninc,  lionnich  zu  rechtfertigen;  doch  steht  auch 
Dorryngen  2332.    Ob  orr  driickfehler  für  ocr  ist? 

AVenii  Luther  verhältnismässig  weniger  zu  zweifeln  anlass 
gibt,  SO  liegt  das  nur  an  der  näheren  verwantschaft  seiner 
spräche  mit  unserer  Schriftsprache  und  nicht  an  der  abscheu- 
lichen Orthographie,  die  es  wahrhaftig  nicht  verdiente,  in 
neueren  ausgaben  verewigt  zu  werden.  Da  er  sie  später 
selber  sehr  wesentlich  verbessert  hat,  so  weiss  ich  wirklich 
nicht,  warum  wir  den  ganzen  wüst  der  älteren  texte  beizu- 
behalten verpflichtet  sein  sollten. 

Einiges  zur  Charakteristik:  h  ist  nicht  nur  gelegentlich 
dehuungszeichen,  sondern,  wie  es  scheint  auch  darüber  hinaus, 
überflüssiger  zierrat:  thierren  s.  25,  nhemen  IS,  ijhener  29]  ent- 
sprechend, und  nicht  die  alte  spirans  des  verbums,  gewis  auch 
in  hefolhen  31.  y  für  i  und  j  auch  ausser  im  anlaut:  nymmer 
öfter,  syndflut  21,  lieylig,  preysen  17  u.s.w.  Wie  in  dem  ge- 
nannten thierren  überflüssig  rr,  so  ist  es  mit  allen  consonanten: 
maull  37,  czuiveyllen  31  (^,  wie  häufig,  durch  cs]  daneben  tzu  17, 
tziveyfelln,  tzeicJien  17),  geliolffen  20,  greyffen  31,  vortnveiffeln  21, 
hirsclia/ft  26,  scliaffs  ' Schafes'  34,  eyttell  19,  streytt  24,  tveytter  23, 
.beschneytten  'beschneiden'  37,  laiitter  (neben  lauter)  32,  leutten 
(neben  leuthen)  35,  gepurtt  26;  dt  in  noät  34,  freudt  'freude'  17, 
vnterscheydt  27.  In  den  beiden  letzten  fällen  könnte  es  als 
grammatische  Schreibung  gefasst  werden,  wie  auch  gJc  für  /.•  in 
fällen  wie  seligJc  34,  dingJc  34.  Ferner  ivcrclccn  25,  denclcen  36. 
S.  24  malschatzts,  dessen  tzts  doppeltes  z  ausdrücken  Avill.  Ziem- 
lich verwickelt  sind  die  5-laute,  und  wir  finden  ss  und  beson- 
ders sz  ganz  überflüssiger  weise  auch  da,  wo  sicher  weiche 
laute  vorhanden  sind.  Auf  der  einen  seite  neben  reyssend  34, 
häufigem  aiisz  :  fleust  3b\  auf  der  andern  ysszet  18,  luszt  30, 
wcchszel  24,  erivacJisz  28,  bosze  neben  hose  30.  33,  iveyszen  17. 
33,  preyszen  17,  preyssen  17.  38,  vnszer  35,  iveszen  19,  leszen  19; 
gern  auch  im  anlaut  szo  17,  szon  18.  Doppelung  auch  in  ton- 
losen Silben:  versenn2i,  greyffenn  ?>i,  altenn2h\  mit  synkope: 
neben  vortzweyjfcln  auch  vortziveyffelnn  20,  sondernn  24.  26, 
offenharnnM,  warrwn  31,  andernn  kindernn  2h  u.say.;  eyteU2i, 
eyttell  19,  hymell  39,  tractatell  17,  apostell  20;  eynisz  titel,  mit 
sjnikope:  hreiidgamsz  24;  erhcytten  'arbeiten'  31,  ncnnett  37. 
Das  lange  i  wird  durch  ie  bezeichnet  nicht  nur  in  fällen  wie 


392  FRANCK 

dienst,  lieh,  liehen,  sondern  auch  solclien  wie  gcschrichen  17, 
fliehenden  20,  viel;  doch  auch  mit  blossem  i  oder  p,  wie  in 
lic/en  24,  regelmässig  ijder  und  sogar  genis.zen  38.  Die  gramm. 
Schreibung  ist  nicht  ganz  so  streng  durchgeführt  wie  bei  uns: 
stat  17,  got  30  neben  gewöhnlichem  goit,  leyp  3G  neben  gew. 
leyh,  ydernmn  z.  b.  17. 

Unter  diesen  umständen  vermag  die  Orthographie  noch 
Aveniger  lange  und  kurze  silben  zu  unterscheiden  als  die  unsere, 
und  es  bleiben  zweifei  genug  übrig.  In  gelidcn  36.  38,  part. 
von  'leiden',  werden  wir  allerdings  der  Schreibung  entsprechend, 
ohne  weiteres  l  annelimen  dürfen  und  umgekehrt  in  hervff'en  20 
trotz  der  Schreibung  {(.  Ben  mit  einem  n  neben  denn  20.  23, 
dan  25  maclien  keine  Schwierigkeit.  Wenn  wir  aber  nun  auch 
für  den  artikel  neben  gewöhnlichem  den  auch  demi  finden,  35, 
so  müssen  wir  doch  fragen,  ob  nicht  deti  als  artikel  sowol  de7i 
als  din  bedeuten  könne.  Neben  viel  18.  30.  31.  3ß,  vielen  33 
wird  auch  vil  23  und  vill  11  (zweimal)  u.  o.  geschrieben.  Alle 
drei  formen  könnten  schliesslich  lautlich  dasselbe  meinen;  aber 
es  ist  mir  doch  Avahrscheinlich.  dass  L.  sowol  rll  als  rll  ge- 
braucht habe.  Sind  auch  mit  irol  20.  31  und  iroU  20  laut- 
liche Verschiedenheiten  gemeint?  Zwei  verschiedene  lautliche 
formen  sind  wahischeinlicli  bei  irider  'gegen,  wider'  (38,  irider- 
spensi/g  30,  iriderund)  32)  und  uidder  (29.  38,  icidderumh  33); 
dieselben  beiden  formen  finden  wir  für  'weder'  {icider  32.  sonst 
ividder)  und  entsprechend  oder,  odder  28.  AVährend  hefridef  20 
auf  dehnung  weist,  könnte  ///(/  19  zweifelhaft  sein,  ist  aber 
auch  wol  als  fnd  zu  lesen.  In  Jn/nivI  19.  39  und  i/mer  30  und 
sonst  (neben  ymmer,  nymnier)  ist  gedehnter  oder  langer  vocal 
anzunehmen.  Ich  muss  die  von  Francke  §  123  aufgestellte 
ansieht,  dass  wie  doppelsclireibung  kein  beweis  für  kürze,  so 
auch  einfache  Schreibung  keiner  für  länge  sei,  bezweifeln.  In 
dysze,  der  geAvöhnlichen  form  des  iironomens,  brauchte  die 
Schreibung  nicht  notwendig  auf  erhaltung  der  kürze  zu  weisen, 
doch  werden  wir  sie  angesichts  von  dissen  38  wol  anzu- 
nehmen haben.  Auch  in  der  1.  pers.  hefdl  17  halte  ich  nach 
der  Schreibung,  obwol  sie  nicht  zwingend  beweist,  kürze  für 
wahrscheinlich.  In  messig  29  ist  doch  wol  länge  anzunehmen, 
obwol  sich  vermutlich  feststellen  lässt,  dass  6^6^  lieber  nach 
kürzen,  x.^  lieber  nach  längen  steht  (doch  z.  b.  grösser  20.  38, 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   TND   MODERNE  AUSGABEN.  393 

grosse  20,  Mssen  38);  schon  eher,  aber  wider  nicht  sicher,  könnte 
in  müszsig  29  (neben  mdssig  31)  die  hänfung  auf  Verkürzung 
weisen.  Da  tt  nach  längen  geläufig  ist,  werden  wir  der  neben 
g\d  22.  38,  gute  14,  guten  32,  gnts  38,  g'titern  24  auftretenden 
Schreibung  mit  ^n9.  27,  gnftc  22,  gtiiten2S,  gnitisll,  gnttcr2i, 
gütte  22  u.s.w.,  trotzdem  sie  weitaus  übermegt,  und  auffällig 
bei  diesem  wort  besonders,  eine  lautliche  bedeutung  nicht  bei- 
messen. Sie  fehlt  denn  auch  nicht  in  gleichen  fällen:  neben 
gedcmMgt,  tJiitt,  bhd  auch  hnttcn  (und  Mtcn)  31,  glidtroäi  23, 
mutticülcn  30,  stett  3.  pers.  30.  32,  nott  30.  32.  35  und  weiter 
ziemlich  regelmässig.  Dagegen  nehme  ich,  abweichend  von 
Francke  §  16,  an,  dass  hinter  ursprünglichen  kürzen  aus  der 
Schreibung  abweichung  der  Quantität  von  der  unsern  in  ein- 
zelnen fällen  zu  schliessen  ist:  leite,  bettet  19,  betten  38,  gepett  27, 
vatter  21,  theiten  20,  sclbtlietter  25,  tretten  27,  gcbottc  21,  gepotten 
part.  24,  wenn  auch  in  andern  Schriften  nebenformen  erwiesen 
werden,  wie  gebcct  bei  Francke  a.a.O.  Bei  Schreibung  der 
unfliectierten  form  als  gebot  21  (neben  gcpoft  24),  oder  des 
Singulars  tJiet  30  könnte  wider  zweifei  wegen  der  quantität 
entstehen:  thet  lautlich  thct,  wie  z.b.  stet  27  3. pers.  von  'stehn'? 
Aber  es  werden  auch  hat  und  halt  nebeneinander  geschrieben, 
got  30  neben  sonstigem  gott.  Aber  nun  untcrlasz  26,  ahlasz  28? 
Sprach  L.  noch  a?  Der  zweifei  erstreckt  sich  dann  auch  auf 
das  vb.  lassen  37,  lessit  37.  Nach  dem  was  wir  vorher  über 
strafe  gehört,  könnte  stre flieh  31  kurz  sein;  aber  es  ist  auch 
länge  möglich,  mit  e  als  umlaut  von  ä  wie  in  Jderlich,  messig 
U.S.W.,  und  da  L.,  glaub  ich,  strafe  sagt,  nicht  straffe,  ist  die 
Sache  wol  entschieden.  Sun  39  wird  der  germanist  geneigt 
sein  als  sün  zu  lesen.  Doch  ist  mit  dehnung  sün  wahrschein- 
lich, eine  form  die  sich  zu  sonstigem  sön  verhalten  würde  wie 
L.'s  Mmic  zu  liönig.  Schliesslich  die  frage:  hat  L.  lob,  iveg,  tag, 
häd,  gras,  mag,  gebot  (wenn  er  es  ohne  Verdoppelung  des  t 
gebraucht  hat)  gesprochen,  oder  dehnung?  Ich  glaube  nicht, 
dass  diese  frage  bis  jetzt  beantwortet  ist.  Natürlich  würde 
eine  Untersuchung  des  gesammten  oder  nur  eines  grösseren 
Luthermaterials  manche  dieser  fragen  wol  ohne  weiteres  lösen. 
Aber  ich  wollte  ja  nur  anregen;  werden  die  fragen  nicht  auf- 
geworfen, so  werden  sie  auch  nicht  gehist. 

Bei  Lauremberg-  hat  die  bezeichnung  der  länge  gegenüber 


394  FEANCK 

dem  Eke.  fortschritte  gemacht.  Ausser  dem  c  (z.  b.  waen,  laet, 
spraeJce,  iveer  ^väre',  Ideedt,  weet,  breet,  ordeel,  heelt,  veerticJi, 
hccne,  groet,  toecli,  woer  'wo',  moet,  hroecke  :  doecJce,  gcblöet,  fuel, 
hitcch,  vuest,  ßer;  hehaegt,  maclct,  maecMe,  ivaegde,  gcreedt^ ge- 
redet', vth  dem  tveeg,  weert  a.äj.,  peerdt,  sweerd)  dient  in  weiterem 
umfang-e  auch  h  dazu,  das  sich  manchmal  auch  in  offener  silbe 
einstellt  (z.  b.  sehr,  ehr  sahnen,  ivehr  'wäre',  tüeJit,  chrdc,  doh  ick, 
dohn,  olderdohm,  rdhmlick,  vermahnde,  gahr,  tahl,  ehl  wehrt  adj., 
dohr  'tor',  mehnen,  gemehnet,  lehren,  föhren,  nahmen,  gclialmien.^) 
Andrerseits  fehlt  auch  die  bezeichnung  sehr  häufig,  wofür  ich 
nur  eine  anzalil  ganz  sicherer  beispiele  geben  will:  quad.  Med, 
quem,  tver,  hewis,  tidt,  gelick,  krign,  gnoch,  hoch,  schon,  lot,  ivor, 
sdr  :  entföhr,  gehört,  gelövt,  hus,  gehruck,  gehrficklick,  gut :  henuth, 
tiich,  dar,  verthert :  gesmehrt,  p6l  'pfähl'.  Dabei  hersclit  die 
überflüssige  consonantenverdopplung  noch  in  dem  masse,  dass 
wider  eine  grosse  anzahl  zweifelhafter  fälle  bleibt,  in  denen 
es  sich  um  kürzung  durch  consonanten,  durch  tonlosigkeit  der 
silbe  oder  andere  momente,  wobei  auch  schriftsprachlicher 
einfluss  in  betracht  kommt,  handeln  kann.  Ich  hebe  die  wich- 
tigsten hervor.  Verlöf  'erlaubnis'  2,  467  ist  wol  mit  o  zu  lesen; 
die  länge  des  aus  verlöven  stammenden  vocals  scheint  in  den 
meisten  mundarten  gewahrt  zu  sein,  während  t.  Doornk.-Koolm. 
verlöf,  wie  das  nl.  verlof  hat.  Lösst  . . .  geld  ß.  107  ist  von 
lössen  abzuleiten.  Sind  praet.  wie  kölde  und  sjJölde  4,  149  f. 
noch  als  die  alten  kurzvocalischen  formen  anzusehen,  wie  sie 
oben  charakterisiert  worden  sind?  Ich  glaube  nicht,  dass 
töffden,  pröffden  3,  315  f.  von   töven,  pröven  als  beweis   dafür 


')  Ob  th  gleichfalls  so  gemeint  ist,  bleibt  auch  hier  noch  zweifelhaft, 
da  es  zwar  meist  bei  langer  silbe  steht  (rneth  1,  210,  tveeth  1, 333,  noeth 
2,  707,  uth  luh.  20,  överfloih  1,  69,  förth  :  gebörth  Inh.  29,  arth  4,  52-t,  forth 
und  fokrt  B.  71,  weiih  Inh.  15,  tcerth  :  stert  3,  3-19),  doch  auch  in  beth  praep. 
'bis'  1,130.  2,388  und  kth  'lässt'  2,ibö.  B.  138.  Y  ist  auf  das  lange  i 
beschränkt,  nur  in  der  ableitungssilbe  -lijck  kann  es  auch  kürze  bedeuten. 
Wyszlich  Inh.  33  kann  hier  also  nur 'weislich' sein,  imä  (dreck  und)  schmi/t 
2,  694  —  vgl.  schmiie  :  calamiie  2,  380  —  nur  ein  langvocaliges  wort,  nicht 
identisch  mit  sm/tte,  hd.  Schmitz,  obwol  ich  ein  solches  sonst  nicht  nach- 
weisen kann.  Als  bezeichnung  für  langes  i  concurriert  ie:  nie  'neu'  Inh.  11. 
1,  43.  207  :  brie  Inh.  17,  krieg  1,  39,  frie  1,  84,  schiedt  =  scMt  1, 186.  Zu- 
gleich ist  ie  =  zweisilbigem  lä:  vertuen  :  fripperien  1, 184,  nies,  nie  1,  202. 
Klie:frie  1,193  aber  sind  einsilbig;  kli  Quickb.  und  dänisch. 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  395 

angeselien  werden  können;  vgl.  Uff  lieh  2,461,  wo  kürzung 
kaum  walirsclieinlicli  ist.  Sonst  würden  auch  solche  formen 
wie  (jcnomt  1,  6.  4,  41,  nömcle  :  röinde  1, 11,  gerömt :  nomt  2,  389, 
vcrdömt  2,  723  in  frage  kommen  {verdumct  2,  729).  Sicher  kurz 
ist  hesöcht  3, 193,  natürlich  auch  solche  verbalformen  wie  lopt 
4,491.  Im  westftäl.  stellen  solche  verkürzte  formen  zum  teil 
das  e  nach  analogie  wider  her;  so  könnte  man  drfipiiet  3,  290 
erklären  wollen,  doch  ist  hier  ein  schw.  vb.  drüppen  anzu- 
nelimen  (Riclie}',  Marahrens).  Ein  ähnlicher  fall  ist  das  abstr. 
drögdc  2, 182,  worin  im  westfäl.  und  bei  t.  Doornk.-Koolm. 
kürzung  bezeugt  wird;  vgl.  grött  ^grosse'  Nerger  §  163.  Ferner 
einige  gesteigerte  formen  wie  liöcliste  1,447,  die  im  westfäl. 
kurz  sind,  ostnd.  allerdings  wenigstens  heute  nicht  in  dieser 
form  gebräuchlich  zu  sein  scheinen.  Sicher  sind  aber  auch 
L.  die  formen  gvotste  (2,284.  472),  grötter  (3,  291)  zuzuschreiben, 
wenngleich  er  daneben  gröfer  3,  4,  gröteste  3,  7.  4, 40  hat.  Hier- 
hin auch  herömsten  4, 142?  i)  Da  wir  ^in  prSffden  und  stöffken 
nicht  als  beweis  für  kürze  nehmen  können,  so  ist  auch  über 
twifflen  1,  49  nichts  gesagt  (das  subst.  tivifd,  z.  b.  1,  53.  2, 1). 
Lautlich  möglich  wäre  die  kürze  durchaus,  doch  kenne  ich 
keine  tatsächlichen  beweise,  denn  t.  Doornk.-Koolm.'s  ausdruck 
Hivifel  oder  tivifeV  besagt  wol  nichts.  Dagegen  ist  kurzes 
liöfflicheit  2,  690  nicht  unwahrscheinlich.  Hast  Avird  hier  durch 
den  reim  mit  last  B.  123  bestätigt,  da  L.  nicht  verschiedene 
quantitäten  bindet.  3,  463  ff.  ist  öfter  niester  gesclirieben,  hörg- 
mester  2,  686  (aber  640  hörgcmeister).  Basier  2,  232  ist  zweifel- 
hafter; t.  Doornk.-Koolm.  und  Pf  äff  §  15  haben  düster,  dagegen 
Dähn.,  Richey,  Schütze  düster.  Hüspcrn  4,  585  finde  ich  in  den 
idiotica  überhaupt  nicht.  Selir  zweifelhaft  ist  die  Verkürzung 
für  2Ji-csier  2,  319,  B.  27  und  sc/iostcr  4,  101,  worin  auch  4,  412 
länge  bezeugt  wird.  Zweifelhaft  ist  mir  vorläufig  auch  du  most 
2,196;  die  form  ist  zwar  westfäl.,  auch  t.  Doornk.  «r»6'^  neben 
most,  aber  Nerger  du  möst.  Anzuerkennen  ist  dagegen  kürze 
in  ehrgitz  1,  204.  3,  403  (Maurmann,  Gr.  d.  ma.  von  Mülheim  a. 
d.  R.  §  151  und  t.  Doornk.-Koolm.  gits;  vgl.  auch  Schütze  git 
und  giet)^  zweifelhaft  jedoch  wider  crMs  2,  203,  wofür  ich  auf 

*)  Bei  diminutiven  sind  mir  kürzungeu  ans  dem  eigentlich  nd.  nicht 
bekannt,  auch  ist  B.  lOG  höcckschen  geschrieben.  Also  auch  in  höcJcsJcen 
B.  127,  hüsschen  1, 120,  lünken  1, 159,  lüasken  1, 183,  siöffkcn  2,  790  läug-e. 


396  FRANCK 

nd.  boden  mir  hrütz  und  h-üs  finde.  Straff  steht  3, 419  ge- 
schrieben. Paschen  'ostern'  3, 108  ist  mir  zweifelhaft;  zwar 
schreiben  Richey  und  Schütze  auch  pasclien,  aber  Dähn.  aus- 
drücklich PaasJccn,  Marahrens  Paasch.  In  Jöchnen  'leugnen' 
4,  639  ist  die  A'on  Woeste  und  t.  Doornk.-Ivoolm.  bezeugte  Ver- 
kürzung vermutlich  auch  hier  anzuerkennen.  Denst  1,  121. 
125  würde  mit  Holth.,  Woeste,  t.  Doornk.  stimmen,  die  kürze 
neben  e  haben;  doch  sehe  ich  im  ostnd.  nur  belege  für  e  oder  ei. 
Sicher  kurz  und  sonst  verschiedentlich  bezeugt  sind  husseni 
2,98.  105  und  hitf er  1,264:.  4,7;  sf/my/e/m  2,  780  betrachte  ich 
mit  dem  früher  gesagten  als  erledigt,  obwol  Nerger  §  177  anm. 
angibt  subst.  scliiiffel,  verb.  aber  seh ii fein.  Wegen  eeJcel  'ekel' 
3, 338  genügt  es,  auf  die  Wörterbücher  zu  verweisen.  Auch 
renlik  2,  771  ist  fast  überall  in  den  nd.  maa.  bezeugt,  und  was 
Menlih  1,  239  betrifft,  so  stimmt  wenigstens  t.  Doornk.  ein  mit 
Menl.  neben  läenlih  1,  21  ist  statlieJc  geschrieben,  gegen  2,  333 
stacdlicJicn.  Möglich  dass  L.  zwei  formen  gebraucht. ')  Auch 
andere  composita  kämen  in  frage,  wie  hrudgam  B.  32,  wo  aber 
im  allgemeinen  die  länge  zu  bestehen  scheint  (nur  Jellingh. 
bezeugt  auch  hrüggcm)  und  l^opman  1, 83.  4, 167,  wofür  die 
ausspräche  des  namens  Kopenhagen  auf  das  bestehen  einer 
regelrechten  lautkürzung  weist.  Verkürzung  von  dÖ7n  in  der 
composition  {ricMom  1, 104)  werden  wir  nicht  annehmen,  da 
1,190.  B.  47  -dohm  geschrieben  wird,  und  auch  sonst  das  nd. 
an  der  länge  festzuhalten  scheint.  Verzieh  1, 126  mit  kürze 
ist  wenig  wahrscheinlich  trotz  der  entsprechenden  Soester  form, 
da  L.  auch  vcertich  schreibt  1,  307. 

Ursprüngliche  kürze  könnte  in  vagt  1,  20.  3,  355  gewahrt 
sein  (Quickb.  vagt,  Dähn.  vagd;  a  gemeint?);  dagegen  finde  ich 
gegenüber  von  magt  4, 177  in  den  idiotica  maagd.  Edlen  3, 413. 
4,228  ist  auf  die  grundform  eddel  zu  beziehen.  Das  part. 
von  reden  ist  3,302  geredt,  aber  1,437  gereedt  geschrieben. 
Dagegen  wage  ich  der  Schreibung  verwcszde  3,19,  von  'ver- 
wesen', gegenüber  nicht  recht  die  dehnung  anzunehmen.    Im 


')  Statiik  kann  autochtlione  Verkürzung  neben  statel/k  sein,  oder  die 
form,  die  das  aus  dem  nl.-nd.  entlehnte  wort  in  der  hd.  Schriftsprache  an- 
genommen hat.  Das  von  Goethe  noch  staatlich  geschriebene  wort  beruht 
bekanntlich  auf  stät  aus  lat.  franz.  Status,  wenngleich  bei  Kluge  immer 
noch  etwas  anderes  steht. 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  397 

ganzen  werden  wir  bei  solchen  scliw.  verba  unsere  laut-  und 
ortliograpliieverliältnisse  anzmielimen  haben,  also  z.  b.  in  formen 
wie  vegt,  vegde  dehnung,  die  in  hchaegt  auch  geschrieben  ist 
(dagegen  ^Zec/i^  kurz),  ebenso  in  räkne  1,110,  rechict  1,117. 
Etwas  auffällig  ist,  dass  rük  'geruch',  von  einem  zweisilbigen 
röke  2,  457  abgesehen,  immer  röcJc  geschrieben  wird  1,  77.  232. 
2,353.  366.  473;  dazu  geröck  2,350.  411.  413.  Eine  kürzung 
ist  unwahrscheinlich,  wenn  li.  sich  nicht  etwa  durch  die  Quan- 
tität des  schriftdeutschen  gernch,  dem  gewis  sein  compositum 
geröck  zu  verdanken  ist,  bestimmen  lassen  haben  sollte.  Ich 
reihe  an  die  Schreibung  ivirock  2,474,  sowie  sclüphröck^,!^^; 
ob  mit  Dähn.'s  schiphrok  ö  oder  ö  gemeint  ist,  weiss  ich  nicht. 
Häufig  ist  für  'viel'  t'e/  geschrieben,  z.  b.  1,251.  276.  395. 
4,229.  B.  118  und,  trotz  dem  reim  kehl  1,293;  aber  auch  «7ee?, 
z.b.  1,217.  309.  339.  B.  117  :  kehl  1,389.  Woeste  bezeugt 
auch  formen  mit  kurzem  vocal;  doch  ist  eine  solche  für  unsern 
text  weniger  wahrscheinlich.  Dagegen  sind  bei  den  praeposit. 
dör  und  vor  wol  beiderlei  formen  anzunehmen.  Für  'auch' 
ist  auch  hier  ock  durchgehende  Schreibung,  z.  b.  1,  50.  57,  was 
aber  nicht  hindern  darf,  auch  ök  festzustellen,  z.  b.  im  reim  mit 
hroeck  1,  405,  doeck  2, 182  (geschrieben  auch  ock).  Für  'können' 
gebraucht  L.  können,  z.b.  2,778  und  könen,  z.b.  2,783;  eine 
form  könt^  z.b.  2,781,  ist  darum  in  der  quantität  nicht  ganz 
sicher.  In  den  apokopierten  praeterita  sed,  z.  b.  2,  200.  3,  333 
und  ded^  z.  b.  3,  307,  ist  immer  dehnung  anzunehmen  {seed,  z.  b. 
3,  319,  sede  3,  294).  Eine  ungewöhnliche  dehnung  wird  durch 
den  reim  erwiesen  für  schmael  4,  444;  sie  ist  sonst  im  mecklenb. 
wol  in  andern  Wörtern  auf  -al,  aber  nicht  bei  sjual  dui^ch- 
gedrungen;  Nerger  §  154;  eine  ungewöhnliche  kürzung  durch 
den  reim  divas  'töricht'  :  gras  B.  75.  Da  L.  3,48  ausdrück- 
lich von  einem  hoUendischen  dwas  (im  reim  zu  maz,  Umbildung 
von  it.  matto)  spricht,  d.  h.  das  wort  als  holländisch  bezeichnet, 
so  dürfen  wir  annehmen,  dass  es  für  ihn  in  der  muttersprache 
nicht  einheimisch  war,  und  er  das  fremd  wort  mit  ungewöhn- 
licher quantität  gebrauchte.  Doppelformig  erscheint  das  wort 
für  'zahl',  dessen  geschlecht  auch  wechselt:  4,454  als  masc. 
tahl\  4, 447  und  B.  84  als  fem.  tal,  gewis  auch  täl  zu  lesen, 
und  1,  395  als  masc.  oder  neutr.  mit  dem  dat.  talle.  Auch  sonst 
im  nd.   spiegeln  sich   die   beiden  formen,    die  wahrscheinlich 


398  FRÄNCK 

einerseits  auf  das  fem.  tala,  andrerseits  auf  das  neutr.  (jltal, 
letzteres  mit  secundär  verdoppeltem  l,  zuriickgelien. 

Man  darf  gegen  diese  darlegungen  den  einwand  erheben, 
dass  sie  Schwierigkeiten  auf  Schwierigkeiten  türmen,  und  wenn 
man  alle  möglichen  kürzungen  berücksichtigt,  zumal  solche 
welche  neuere  mundarten  bieten,  so  würden  sie  sich  allerdings 
bei  derartigen  Untersuchungen  noch  mehr  häufen.  Aber 
Schwierigkeiten  entbinden  uns  nicht  von  der  pflicht  der  for- 
schung,  und  dann  bin  ich  überzeugt,  dass  sie  doch  rasch  ver- 
mindert scheinen  werden,  wenn  es  einmal  jeder  herausgeber 
für  seine  pflicht  ansieht,  für  sein  teil  diesen  dingen  die  not- 
wendige beachtung  zu  schenken.  Ist  es  eigentlich  zu  glauben, 
dass  man  ruhig  so  gehäufte  zweifei  bestehen  lässt  über 
sprachen,  mit  denen  wir  vorgeben,  uns  philologisch  zu  be- 
schäftigen? 

Excurs  über  nachgesetzte  e,  i  (y)  als  längezeichen. 
Die  frage,  woher  diese  bezeichnung  der  länge  stamme 
und  was  ihr  sinn  sei,  ist  schon  häufig  erörtert  worden.  Man 
wird  die  literatur  zusammen  haben,  wenn  man  den  nachweisen 
John  Meiers,  Jolanthe  s.  xxxiv  mit  anmerkung  und  nachtrag 
s.  127,  sowie  denen  Scheels,  Westd.  zs.  f.  geschichte  und  kunst, 
ergänzungsheft  8, 46  folgt  und  dazu  nimmt  Weinhold,  Mhd.  gr.^ 
§  143.  Lübben,  Mnd.  gr.  s.  25.  33  ff.  Franck,  Mnl.  gr.  s.  6  und  Be- 
liaghel,  Grundr.  1'^,  676.  Meier  lehnt  es  a.a.O.  ab,  sich  für  eine 
der  vorgebrachten  erklärungen  zu  entscheiden,  weil  eine  dis- 
cussion  dieser  frage  ihm  müssig  erscheine,  ehe  nicht  genügend 
material  gesammelt  und  die  fixierung  phonetisch  genau  schrei- 
bender denkmäler  festgestellt  sei.  So  wünschenswert  eine  ge- 
nauere Untersuchung  gewis  wäre,  so  scheint  mir  die  sache 
doch  auch  ohne  das  klar  genug  zu  liegen,  um  die  grundfrage 
zu  entscheiden.  Ich  bin  gänzlich  von  dem  glauben  zurück- 
gekommen, dass  hinter  diesem  e  oder  i  eine  besondere  feinheit 
zu  suchen  sei,  entweder  ein  bei  circumflectierender  ausspräche 
der  länge  nachklingender  hoher  eigenton  (Scherer,  Heinzel) 
oder  gar  die  stimmritzenöffnung  bei  gestossenem  ton  (Nürren- 
berg).  Mir  ist  nichts  bekannt,  was  zu  der  Voraussetzung  be- 
rechtigte, dass  jene  Schreiber  derartige  phonetische  feinheiten 
hätten  ausdrücken  können  oder  wollen.    Oder  wo  haben  sie 


ALTE   ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE   AUSGABEN.  399 

das  je  getan?  Wie  gleicligiltig  verlialten  sie  sicli  gegen  ganz 
grobe  imterscliiede  in  den  spraclilanten,  Jahrhunderte  hing  z.  b. 
auch  gegen  die  meisten  vom  umlaut  zuwege  gebrachten  Ver- 
änderungen! Das  e  für  den  umlaut  des  a  und  ä  griffen  sie 
auf,  weil  es  für  ähnliche  laute  vorhanden  war,  in  Oberdeutsch- 
land dann  das  ht,  weil  es  sich  in  historischer  entwicklung 
für  ü  eingestellt  hatte.  Aber  für  die  andern  wussten  sie  sich 
so  wenig  rat,  dass  noch  heute  die  Wissenschaft  in  der  erkenntnis 
dieser  seit  1000  jähren  vorhandenen  laute  nachhinkt.  Und  da 
sollten  sie  feinheiten  ausgedrückt  haben,  für  die  .sie  nirgends 
ein  Vorbild  fanden,  die  überhaupt  niemals  vorher  noch  nachlier 
in  irgend  einer  schritt  ausgedrückt  worden  sind?  Ohne  zweifei 
hat  Humperdinck  recht,  wenn  er  nachdrücklich  die  e  und  i 
als  'zeichen  der  production'  erklärt.  Die  zeichen  werden  häufig 
genug  auch  gebraucht,  wo  es  sich  um  die  schlichte  dehnung 
alter  kürzen  handelt,  so  schreibt  der  Teuthonista  ganz  regel- 
mässig z.  b.  gelaifte,  gelaeven,  gayde,  cail,  haide  u.  s.  w,,  und  es 
bleibt  gar  kein  räum  für  die  besonderheiten,  wie  man  sie 
hinter  der  Schreibung  suchen  will.  Mit  recht  betont  Humper- 
dinck, dass  wo  jetzt  noch  in  Ortsnamen  solche  Schreibungen 
bestehen,  wie  in  Troisdorf,  Iloisdorf,  Orsoy,  Soest,  Coesfeld 
man  jetzt  noch  ö  (oder  mundartlich  statt  dessen  au)  spreche, ') 
und  es  fehlt  jeder  beweis,  dass  man  früher  dort  etwas  anderes 
gesprochen  habe.  Nirgends  ist  überhaupt  ein  laut  wie  ä'  oder  ö' 
wahrscheinlich  zu  machen,  und  eo  ipso  wäre  die  anwendung 
von  Schreibungen  wie  ai,  oi,  wenn  sie  willkürlich  erfunden 
wären  und  phonetische,  nicht  bloss  orthographische  be- 
deutung  haben  sollten,  neben  den  gewöhnlichen  diphthongen  ai 
und  oi  unwahrscheinlich.  Die  Schreibweise  gehört  zweifellos 
auch  zu  den  historisch  entwickelten,  die  der  wichtig  tuenden 
zunft  vortrefflich  in  den  kram  passten.  Auch  hier  hat  Behaghel 
a.  a.  0.  wider  das  richtige  erkannt  und  hätte  allen  vorbehält 
bei  Seite  lassen  können.  Man  darf  freilich  nicht  gerade  von 
einem  wort   wie  slahan  ausgehen,  denn  für  einen  teil  des  in 


')  Von  den  koniisclien  versuclien  der  eisenbalmschaffner  —  oder  rich- 
tiger wol  ihrer  'gebildeten'  vorgesetzten  —  solchen  nauien  wirklich  diphth- 
ongisches oi  oder  öl  zu  gehen  oder  der  auf  Unkenntnis  beruhenden  entstelluug 
von  faiuilieunamen  wie  Broicher,  Boichorst,  Claiasen  ist  natürlich  ab- 
zusehen. 


400  FRANCK 

betraclit  kommenden  gebiets  war  sla{h)an  wol  unmittelbar  zu 
slän  geworden;  vgl.  in  den  Gl.  Lips.  slan.  Aber  wol  von  ent- 
sprechenden Wörtern  mit  längen.  Vä{h)an  wurde  zu  vdcn  und 
weiter  zu  van,  während  die  Schreibung  vaen  noch  weiter  be- 
stand, näJio  zu  näe,  nä,  nuhisto  zu  näeste,  näste,  päJia  zu  däe, 
da,  nähor  zu  näer,  när  (adv.  'nahe,  nach'),  hoho  zu  Jiöc,  hö, 
flectierte  formen  z.  b.  von  flöh  zu  vlöe,  vlö{n).  Mau  könnte  ja 
die  hier  vorausgesetzte  lautentwicklung  bestreiten  und  an- 
nehmen wollen,  dass  die  contractionen  ohne  Zwischenstufen 
mit  schwachem  e  (i)  vor  sich  gegangen  seien.  In  der  tat 
findet  man  in  mitteldeutschen  hss.  in  der  regel  entweder  vdhen 
oder  van,  nähe  oder  nä,  hohe  oder  hö.  Aber  die  im  altnieder- 
fränk.  und  and.  belegten  formen  wie  hiväist,  näist,  höi,  fdan ') 
scheinen  mir  die  angenommene  lautliche  und  orthographische 
ent Wicklung  notwendig  vorauszusetzen,  denn  bei  den  ver- 
schiedenartigen nebensilbenvocalen  hätten  doch  nicht  die  gleich- 
massigen  längen  entstehen  können,  wenn  niclit  vorher  auch 
die  ersteren  gleichmässig  zu  d  verlaufen  gewesen  Avären.  Um 
einen  noch  unmittelbareren  beweis  zu  liefern,  gebricht  mir 
das  material.  Es  wird  überhaupt  für  die  fraglichen  gegenden 
spärlich  genug  sein,  und  ausserdem  ist  jedes  ae,  oe  u.s.w. 
zweifelhaft,  ob  es  ä-j,  ö-o  oder  eben  ä,  6  meine.  Wo  das  h 
orthographisch  weitergeführt  wurde,  war  natürlich  die  an- 
genommene orthographische  entwicklung  nicht  möglich.  Diese 
Orthographie  ist  aber  die  regel  auch  für  gegenden,  wo  ver- 
stummen des  h  sicher  vorauszusetzen  ist;  man  schreibt  die 
noch  zweisilbigen  formen  immer  mit  h.  So  aucli  ganz  über- 
wiegend in  der  hs,  des  Rother.  Immerhin  bietet  sie  seeji  1839, 
schoen  2073,  naote  2375,  hati  :  nain  8995,  wo  das  metruni  zwei- 
silbige ]iä-in,  nä-in  erweist,  hais,  gevais  4597.  Da  höchstens 
in  8  fällen  c  oder  i  als  längezeichen  steht  {schoine  827,  holt 
3132,  virlois  3348,  doit  3982,  yebuet  3980,  tucvel  4323.  4563, 
huevcn  4329),  so  lässt  sich,  in  Verbindung  mit  naote,  an  dem 
Charakter  der  anofeführten  formen  nicht  zweifeln.    Auch  vuir 


')  S.  Heynes  glossar  zu  ileu  kleinereu  (lenkinäleni  und  Gallee,  Alts. 
gr.  §  130.  Ich  führe  noch  an  aus  Althof,  Gramm,  as.  eig-ennameu  §  G2 
Fuldua,  Wiserua,  Huold,  Iloico,  Hoauaschc,  llaoU;  aus  Heiiizel,  Ndfrnk. 
geschäftssi)rache  s.  321  HoonspuU,  Hoonvelisnim,  Haiiscoesheim,  s.  332 
Hoinstaden,  s.  373  Iloinsceith,  Iloensleine,  Naacjao. 


ALTE    ORTHOGRAPHIE   UND   JIODERNE   AUSGABEN.  401 

4680  ist  eine  ähnliche  zweisilbige  form  (vn-ir).  wie  auch  das 
h(ere  des  textes  zu  lesen  ist.  H  ist  bedeutungsloses  zeichen, 
daher  auch  hescolieüs  335,  d.h.  hescouefis  mit  Schwund  des  tv 
(vgl.  z.b.  getrne  3538.  3553,  bnefe  4827).  An  den  formen  der 
hs.  ist  also  einer  beteiligt,  der  rä-9n,  nä-o,  scltö-dn  sprach  und 
schrieb.  Zu  den  fällen  mit  verstummtem  li  kommen  nun  weiter 
solche  hinzu  me  l6-d,  16  'lohe',  U-ir,  lörc,  lor  'lohgerber',  strö, 
stro-ds,  stros,  drö-dn,  drön,  se-ds,  ses,  und  wenn  dann  ee  als  alte 
bezeichnung  für  langes  e  hinzutrat,  so  waren  diese  momente  gewis 
genügend,  um  dem  e  den  wert  eines  Zeichens  für  vocallänge  zu 
verschaffen,  i)  Der  beste  beweis  für  die  richtigkeit  dieser  auf- 
fassung  liegt  darin,  dass  die  entsprechende  Verwendung  des  / 
den  gegenden  angehört,  die  i  statt  e  für  den  schwachen  vocal 
verwenden.  Auch  die  zeit  des  auftretens  der  Schreibungen 
ae,  ai  u.  s.  w.  stimmt  ja,  da  sie  erst  auftauchen,  als  die  neben- 
silbenvocale  zu  a  geworden  waren  und  in  grösserem  umfange 
verstummten.  Wenn  dann  statt  i  auch  y  eingeführt  wurde 
und  zwar  häufiger  als  wol  y  für  den  schwachen  vocal  vorkam, 
so  ist  das  in  anbetracht  der  Vorliebe  der  Schreiber  für  y  an 
allen  möglichen  stellen,  wie  auch  im  diphthong  ei  und  für  j, 
nicht  weiter  auffallend.  Für  ü  oder  ü  wird  sogar  iiy  das  ge- 
wöhnliche; das  ist  aber  ganz  in  der  Ordnung,  da  man  Schrei- 
bungen wie  ui  gern  vermied.  Wo  ui  oder  uy  //-laute  be- 
zeichnen, mag  übrigens  bei  der  aufnähme  dieser  Orthographie 
auch  das  gefühl  für  die  geeigentheit  des  i  zur  bezeichnung 
von  umlauten  mit  in  betracht  kommen  (vgl.  Braune,  Ahd.  gr. 
§  42  anm.  1.  §  45  anm.  4.  Weinh.  §  111).  Damit  scheint  mir  die 
orthographische  erscheinung  überzeugend  erklärt,  ob  wol  ich 
nicht  leugnen  möchte,  dass  gelegentlich  aucli  noch  etwas 
anderes  als  blosse  länge  damit  gemeint  sein  könnte,  etwa  ein 
graphischer  ersatz  für  verlorne  consonanten  (ich  denke  an 
fälle  wie  gelait  'gelegt',  nait  'nacht',  hielt  'knecht')  oder  ver- 
lorne Silben.  Zu  den  von  Xörrenberg  als  den  ältesten  be- 
sprochenen fällen  füge  man  noch  die  von  Scherer  zGDS.-  59 
genannten  beispiele,   ferner   aus    dem    Annolied    inüoich  551. 


1)  Im  nl.  konnte  ein  entsprechendes  ue  unmittelbar  nicht  entstehen, 
weil  es  kein  ü-d,  sondern  nur  üw9  gab.  In  der  tat  ist  ve  verhältnismässig 
selten  neben  uu,  wobei  man  von  ue  als  bezeichnung  von  o- lauten  (im 
flämischen)  absehen  muss. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  Qß 


402  FRANCK 

hoihit  763.  831,  hüoihit  764,  soigit  983  {fuir  47  gehört  wol  nicht 
dazu) ')  und  aus  den  Köhier  Schreinsurkunden  des  12.  jh.'s,  hg-, 
von  Höniger,  aiducht,  lain,  waitschrodere,  loi?;  soinia  (sue,  soe?); 
s.  das  'Verzeichnis  der  deutschen  Wörter'.  Die  beispiele  passen 
dann  gar  nicht  mehr  zu  Nörrenbergs  auffassung.  Wer  einmal 
das  material  eingehender  untersuchen  wird,  möge  sich  liüten, 
die  an  sich  gewis  berechtigte  forderuug,  es  möglichst  voll- 
ständig zu  berücksichtigen,  allzu  wörtlich  zu  nehmen.  Vor- 
sicht und  genauere  Scheidungen  sind  unerlässlich.  Die  an- 
wendung  der  Schreibweise  auf  langes  e  war  wegen  der  Ver- 
wechslung mit  diphthong  ei  nicht  unbedenklich.  Nichtsdesto- 
weniger ist  sie  geschehen,  aber  manchmal  mag  doch,  wo 
anscheinend  parallele  ei,  cy  stehen,  diphthong  ei  oder  doch 
aus  e  gewordene  diphthongische  länge,  wie  das  engl,  lange  e, 
gemeint  sein.  Andrerseits  sind  e  und  i  auch  unüautszeichen. 
So  glaube  ich  auch  Zs.  fda.  35,  381  nachgewiesen  zu  haben,  dass 
die  ui  in  der  Jolanthe,  die  Meier  s.  xxxiv  zusammenstellt,  den 
Umlaut  bezeichnen. 

Die  franz.  dinge,  die  Suchier  in  Gröbers  Grundr.  1,  602 
behandelt,  mit  in  die  Untersuchung  zu  ziehen,  fühle  ich  mich 
nicht  berufen.  Bei  der  nachbarschaft  ist  ein  Zusammenhang 
allerdings  wahrscheinlich.  Aber  wenn  ein  solcher  besteht, 
so  braucht  man  nicht  gleich  an  eine  sprachliche  gemeinschaft- 
lichkeit zu  denken  und  sogar  keltischen  einfluss  dahinter  zu 
wittern.     Eine  articulatorische  gemeinschaftlichkeit  zwischen 

1)  Die  fälle  aus  dem  Annolied  geben  noch  zu  einigen  bemerkungen 
anlass.  Zunächst  kann  ich,  offen  gestanden,  zweifei  an  der  richtigkeit  der 
auffassung  nicht  ganz  unterdrücken,  i  von  den  5  haben  um  laut;  dann 
niüsste  iniloich,  es  folgt  unmittelbar  sich,  verschrieben  sein.  So  könnten 
wir  dann  die  oi  vergleichen  mit  dem  ei,  womit  das  wort  herr  95.  232.  205. 
409.  4(59.  487  u.  s.  w.  bis  auf  4  fälle  ausnahmslos  geschrieben  ist.  Sonst 
kommt  dies  ei  nur  vor  in  Icirti  131  und  eirlich  727.  Also  scheint  es  durch 
i  der  folgesilbe  bedingt  und  mit  dem  regelmässigen  ei  für  i-umlaut  von  ä 
zu  vergleichen  zu  sein.  Die  conjectur  zu  664  ist  also  der  Schreibung  nach 
nicht  berechtigt,  wie  sie  auch  für  den  sinn  überflüssig  ist.  Ist  aber  oi 
doch  längezeichen,  so  fällt  auf,  dass  es  auf  diesen  vocal  beschränkt  ist; 
auch  im  llother  fanden  wir  oi  neben  ue,  kein  ai.  Diese  beschräukung  be- 
dürfte dann  wul  einer  besonderen  erklärung,  und  man  darf  vielleicht  an 
die  Ortsnamen  mit  Höhen-  denken,  bei  ue  au  solche  mit  Nüen-  (aus  Niwwen-), 
iu  denen  sich  die  Orthographie  zuerst  herausgebildet  haben  mag. 


ALTE    ORTHOGRAPHIE   UND   MODERNE  AUSGABEN.  403 

Romanen  und  Germanen  ist  ja  tatsäclilicli  sonst  erwiesen,  aber 
eine  übereinstimmende  ortliograpliie  ist  bei  freundnaclibar- 
lichem  verkehr  doch  nocli  eher  möglich. 

Ich  möchte  das  ganze  beschliessen  mit  der  nachdrücklichen 
betonnng  der  notwendigkeit  orthographischer  nntersuchungen, 
die  sich,  in  der  art  wie  sie  Kauf f mann  fürs  ahd.  in  die  wege 
geleitet  hat,  über  die  ganze  zeit  unseres  Schrifttums  zu  er- 
strecken hätten.  Alle  einzelfragen,  die  mein  artikel  angerührt 
hat,  zeigen  ja,  dass  es  mit  einer  gelegentlichen  erwägung  der 
Orthographie  nicht  getan  ist,  dass  sie  vielmehr  systematische 
Untersuchungen  und  schliesslich  eine  zusammenhängende  ge- 
schichte  verlangt.  Eine  solche  würde  uns  zeigen,  dass  die 
Orthographie  sich  zum  teil  in  innerlichem  Zusammenhang  mit 
der  spräche  entAvickelt,  sich  zum  teil  ohne  einen  innerlichen 
zwang  an  sprachliche  entwicklungen  anschliesst,  zum  teil  aber 
auch  ganz  unabhängig  von  der  spräche  neuerungen  erfahren 
kann.  Es  bedarf  keines  wertes,  wie  sehr  eine  solche  geschichte, 
ohne  die  wir  uns  allzu  häufig  im  zweifei  befinden  müssen,  ob 
wir  es  mit  einer  lautlichen  oder  einer  orthographischen  er- 
scheinung  zu  tun  haben,  den  sprachlichen  Untersuchungen  die 
arbeit  erleichtern  und  die  ergebnisse  zuverlässiger  gestalten 
würde.  Wenn  wir  so  weit  wären,  so  liätte  ich  auch  weniger 
Widerspruch  zu  erwarten  bei  der  forderung  von  der  ich  aus- 
gegangen bin,  dass  wir  die  zwecke  unserer  textausgaben  durch 
die  beibelialtung  der  alten  Wüsten  Orthographie,  besonders  aus 
den  letzten  jhh.  des  mittelalters  und  den  ersten  der  neuern 
zeit,  nicht  so  beeinträchtigen  sollten. 

BONN,  juli  1902.  J.  FRANCK. 


26* 


WEITERES  ZU  LANGOBARD.  GAIRETHINX 
UND  THINX. 

(Beitr.  27, 148  ff.). 

Auf  s.  150  dieses  bandes  habe  ich  im  anschluss  an  Pappen- 
heim ausgeführt,  dass  der  im  freilassungsparagraphen  des  Ed. 
Eothari  stehende  ausdnick  per  gmr{e)tliinx  confirmct  nicht  auf 
die  freilassung  als  solche  bezügliches  enthält  und  nur  die  vom 
patronns  und  den  zwei  ersten  treuhändern  vorzunehmende 
traditio  betrifft,  die  den  mit  der  vollfreilassung  zu  beglücken- 
den in  bezug  auf  den  patronns  zum  extrancus  (ämund)  zu 
machen  bezweckte;  dass  gair{c)tMnx  hier  also  nicht  als  'frei- 
lassung  (durch  zuwerfung  des  gers)',  sondern  als  '  Schenkungs- 
formalität' zu  deuten  sei.  Zur  näheren  begründung  dieser 
fassung  möchte  ich  noch  auf  den  umstand  hinweisen,  dass 
abwechselnde  Verwendung  von  gair{c)thinx  und  tliinx  nur  dann 
zu  beobachten,  wenn  die  nomina  für  'rechtsgiltige  vermachung' 
gelten,  nicht  aber  wenn  'freilassung'  ausgedrückt  w^erden  soll; 
in  letzterem  fall  begegnet  nur  tliinx  (s.  Ed.  Roth.  173,  Liutpr. 
Legg.  140)  gegenüber  {gaire)tMnx  'rechtsgiltige  vermachung' 
(s.  Ed.  Roth.  172.  174.  375  text  und  varr.;  im  Ed.  Roth.  171.  173, 
Liutpr.  L.  G5.  73  findet  sich  allein  thinx,  im  Ed.  Roth.  167,  Liutpr. 
L.  54  allein  gaircthinx  'rechtsgiltige  vermachung',  im  Ed.  Roth. 
224.380  allein  gairethinx  'formelle  traditio';  wegen  der  beiden 
letzteren  Paragraphen  vgl.  oben  s.  150  und  149).  Mit  rücksicht 
auf  diese  tatsache  dürfte  identificierung  von  gair{e)tliinx  des 
beregten  freilassungspai-agraphen  mit  thinx  'freilassung'  sich 
eben  nicht  empfehlen.  Ln  Widerspruch  hiermit  könnte  aller- 
dings beim  ersten  blick  §  222  des  Ed.  Roth,  erscheinen:  Si  quis 
ancillam  suam  propriam  matrimoniare  voluerit  sibi  ad  uxorem, 
Sit  ei  licentiam;  tarnen  deheat  eam  lihera(ni)  thingare,  sie  Ubera{m), 


WEITERES   ZU   LANG  OB.   OAIRETHINX  UND    Tiliyx.  405 

quoä  est  uii{%)rdihora  (dass  sie  inhaberin  einer  angesehenen 
Stellung-  ist,  d.h.  die  Stellung  einer  vollfreien  hat)')  et  Icgetimam 
facere  i)er  gair{e)thmx ;  tunc  intcllcgatur  lihcra  et  legctima  uxor 
etc.;  doch  beachte  man:  erstens  dass  für  die  vollfreilassung 
(zum  fulcfree  'gemeinfreien'  und  ämuncl  'von  der  Vormundschaft 
des  patronus  befreiten')  speciell  die  der  freilassung  voran- 
gehende traditio  j)cr  gair{e)thinx  erforderlich  war,  im  gegen- 
satz  zur  nicht  vollständigen  freilassung  (zum  fulcfree),  die  keine 
tradition  bedingte  (s.  oben  s.  149  f.);  zweitens  dass  infolge  dessen 
der  eigentlich  die  traditio  bezeichnende  terminus  durch  (notale) 
Übertragung  auch  als  ausdruck  für  'vollfreilassung  durch  tra- 
ditio'  verwant  werden  konnte;  drittens  dass  ein  nur 'freilassung' 
im  allgemeinen  sinne  bezeichnender  ausdruck  an  der  citierten 
stelle  kaum  am  platze  wäre,  indem  daselbst  speciell  die  voll- 
freilassung gemeint  ist. 

In  betreff  der  oben  auf  s.  151  beanstandeten  annähme, 
dass  der  festucatio  oder  werpitio  eine  gerreichung  zu  gründe 
gelegen,  sei  ferner  betont,  dass  was  The  venin  in  der  Nouvelle 
revue  historique  de  droit  fran^ais  et  etranger  4,  84  ff.  zur  be- 
gründung  solcher  entwickelung  in  der  gerichtlichen  sj'mbolik 
angeführt  hat,  alles  andere  eher  als  die  richtigkeit  der  von 
ihm  vertretenen  ansieht  zu  beweisen  vermag.  Aus  der  einen 
der  beiden  von  ihm  berufenen  stellen  (Lex  Sal.  xlvi),  et  iwstca 
requirant  (der  tliunginus  und  tres  Jiomincs)  liominem  qui  ei  (der 
einen  zum  erben  einsetzen  will)  non  iiertineat  et  sie  fistueam 
in  laisum  iactet,  et  ipse,  in  ciiius  laisum  fisticam  iaciavit, 
dicat  vcrhum  de  furtuna  siia  quantum  dare  voluerit  ist  auch 
beim  besten  willen  kein  argument  für  alte  gerreichung  als 
veräusserungssjmbol  herauszufinden.  Zu  der  anderen  aber 
(Lex  Sal.  lviii)  et  sie  iiostea  in  eamisia  discinetus  discalcius 
palo  in  manu  scpe  sallire  dehet  (d.h.  der  wergeldschuldner, 
der  bei  Zahlungsunfähigkeit  sich  an  seinen  nächsten  verwanten 


')  In  Brückners  Sprache  der  Langobarden  §  13  wird  durch  fassung 
des  ■'.vortes  als  'freig-eboren'  deinselben  eine  bedeutung  beigegeben,  die  hier 
nnd  an  der  anderen  belegstelle  (Liutpr.  L.  106:  si  qtiis  aldiane  alienam  mit 
siiam  ad  uxorcm  tollere  voluerit,  faciat  eam  uuirdehora,  sicut  edictus  con- 
tenit  de  ancillam)  sinnwidrig  ersclieint.  Das  mit  loirdi-  (==  ahd.  wirdl 
dignitas)  componierte  -hora  ist  offenbar  feminiunm  zu  dem  aus  ahd.  munt- 
boro  etc.  bekannten  -boro  'inhaber'. 


406  VAN  HELTEN 

gewendet  und  diesem  mit  dem  recht  an  sein  immobiles  eigentum 
die  zahlungspfliclit  überträgt)  bemerkt  besagter  forscher:  'il 
fait  publiquement  connaitre  que  lui,  possesseiir,  delaisse  sa 
terre  et  mieiix  qii'il  ne  la  defend  plus'  und  'eile  (d.h.  l'arme 
=  l'epieu)  etait  alors  jetee  (d.  li.  dans  le  cas  oü  l'homme  libre 
declarait  publiqnement  abandonner  un  bien);  doch  wird  es 
jedem  unbevorurteilten  sofort  klar,  dass  hier  nicht  von  einer 
stockwerfung,  geschweige  denn  von  einer  gerwerfung  die  rede 
ist  und  vielmehr  Grimm  im  recht  war,  als  er  (Reclitsalt. 
s.  134)  in  dem  pcüo  in  manu  nicht  ein  sj'-mbol  der  weggäbe 
des  grundeigentums,  sondern  ein  zeichen  der  landesflüchtigkeit 
erblickte  und  betonte,  dass  der  betreffende  Schuldner  den  stock 
nicht  reichte  oder  warf,  sondern  in  der  band  hielt. 

Zur  berichtigung  von  oben  s.  148  ff.  ausgeführtem  sei  ferner 
auf  folgendes  hingewiesen.  Bei  der  deutung  von  iMnx  'rechts- 
giltige  freilassung',  {gaire)thinx  'formelle  vergabung,  erbein- 
setzung',  thin'gare  'freilassen'  (mit  oder  ohne  liherum,  -am,  s.  Ed. 
Roth.  156.  222.  224.  Liutpr.  Legg.  9.  55.  77.  140)  und  'rechts- 
giltig  vermachen'  (s.  Ed.  Roth.  156.  157.  168.  170.  171.  172.  173. 
360.  367)  wurde  s.  150  als  grundbegriff  'rechtsstreit'  bez.  'einen 
rechtsstreit  führen'  angenommen.  Zur  annähme  dieser  basis 
führte  mich  einerseits  die  für  agerm.  Jiing  neben  'gegenständ, 
angelegenheit,  geschäft,  aufgäbe'  etc.  und  'Versammlung'  be- 
zeugte afries.  mnl.  bedeutung  'rechtsstreit',  andrerseits  die  bei 
Sache  zu  beobachtende  semantische  entwickelung  von  'rechts- 
sache'  zu  'angelegenheit,  gegenständ'.  Doch  wurde  dal^ei  über- 
sehen, dass  die  Seltenheit  der  bedeutung  'lis'  (sie  fehlt  m.  w. 
in  den  ags.  an.  ahd.  as.  mnd.  quellen)  nicht  eben  auf  eine 
solche,  dem  nomen  von  haus  aus  zukommende  bedeutung  hin- 
weist; müsste  man  doch  erwarten,  derselben  in  der  ags.  an. 
mnd.  rechtsliteratur  zu  begegnen.  Mit  mehr  recht  dürfte 
(huum  für  ikingare  (aus  ""pingün)  anzuknüpfen  sein  an  die 
überall  als  norm  anzutreffende  bedeutung  '(in  der  Versammlung 
oder  gerichtssitzung)  verhandeln',  woraus  durch  specialisierende 
Verwendung  'freilassen'  bez.  'testamentarisch  vermachen'. 
Wegen  der  durch  formelle  erklärung  zu  erfolgenden  freilassung 
bez.  erbeinsetzung  beachte  Ed.  Roth.  224:  et  q^se  quartus  (d.h. 
der  dritte  treuhänder,  der  den  vollfrei  zu  machenden  durch 
tradition  als  servus  erhalten  hat    vgl.   das  oben  zu  diesem 


"WEITERES   ZU   LANGOB.    GAIRETHINX  UND    THINX.  407 

Paragraphen  bemerkte)  ducat  in  qiiadruhiwn  et  thingit  in  gaida 
et  yisü  (vgl.  oben  s.  151)  et  sie  dieat,  de  qiiattuor  vias  uli 
volneris  umhulare,  liheram  Jiaheas  potestatem\  und  ibid.  173:  si 
quis  res  suas  alicui  thingaverit  et  dixerit  in  ipso  thinx  lidinlaih 
(d.  h.  gehe  ein  in  die  hinterlassenschaft,  vgl.  Briickners  Sprache 
der  Langob.  §  21,  note  5), 

Für  die  formelle  deutung  von  thinx  lässt  sich  das  mit  -iti 
(vgl.  Kluge  j  Nomiu.  stammbild.  §  144  gebildete  neutr.  verbal- 
abstractum  ahd.  mälizze  intentio,  causa  (zu  mahilen  oder  zu 
mahalön,  wie  fisgissi  'fischfang'  zu  fiscön)  berufen,  wonach 
vorlangob.  ntr.  '^'Jnngiti  'freilassung'  und  ^vergabung,  ver- 
machung' anzusetzen  wäre.  Durch  apokope  von  -i  (aus  *-/«) 
hieraus  entstandenes  "^Jmigit  konnte  (wie  ags.  siveofot,  dat. 
-ote,  mit  -ot  aus  *-^(^^)  in  die  a-declination  übersiedeln;  daraus 
zunächst  durch  Verschiebung  von  t  zu  s{s)  (vgl.  Brückners 
Sprache  der  Langobarden  §  88)  pingis  mit  flectierten  pingisses 
etc.,  die  durch  synkope  des  vocals  der  paenultima  Jrinxes  etc. 
ergaben  (wegen  der  möglichkeit  vom  ausfall  des  kurzen  vocals 
vor  aus  t  verschobener  langer  spirans  beachte  ahd.  lenso,  runza 
aus  'Hengim,  *(w)runJiaza);  hieraus  endlich  durch  anlehnung 
unflectiertes  thinx. 

Dem  erörterten  gemäss  dürfte  also  die  beim  ersten  blick 
naheliegende  identiflcierung  des  -is-  von  *J)ingisU  (s.  oben  s.  143) 
mit  dem  -s  von  thinx  in  abrede  zu  stellen  sein,  i) 


')  Die  hier  vorgeschlageue  formelle  deutuug  von  pinx  hat  selbstver- 
ständlich auch  für  das  oben  s.  138,  fussuote  2  erwähnte  x^uns  zu  gelten. 

GRONINGEN.  W.  VAN  HELTEN. 


zu  BEITR.  26, 1  ff.  319  f. 

Zu  dem  motiv  vom  'kämpf  des  vaters  und  solines'  kann 
ich  einen  neuen  naclitrag-  aus  der  isländ.  literatur  geben.  Die 
geschiclite  findet  sich  Laudnama  s.  62,  12  ff.  =  s.  185,  11  ff. 
(F.  Jonssons  ausgäbe). 

Ein  Norweger,  namens  JEvarr,  fährt  mit  seinen  sühnen 
nach  Island,  um  sich  dort  anzusiedeln.  Nur  einer  der  söhne 
kommt  nicht  mit,  da  er  sich  auf  vikingsfahrten  befindet,  wird 
aber  in  dem  neuen  land  erwartet.  Der  vater  sucht  einen 
wohnplatz  für  diesen  söhn  aus  und  bezeichnet  ihn  durch  eine 
hohe  Stange.  Nach  einiger  zeit  kommt  der  söhn,  der  ziemlich 
lange  zeit  fort  gewesen  zu  sein  scheint,  nach  Island  und  begibt 
sich  zum  vater.  Dieser  erkennt  ihn  nicht  und  sie  ringen  beide 
miteinander,  so  dass  alle  bänke  (oder  wände:  stoJclar)  umgewälzt 
werden  {ganga  upp),  bevor  der  söhn  sich  zu  erkennen  gibt. 
Darauf  erhält  er  den  ihm  zugedachten  wohnsitz.  Diese  er- 
zählung  gehört  zu  dem  von  lUisse  so  genannten  'versöhnlichen 
t3q)us'.  Wir  hätten  also  auf  isländ.  boden,  da  die  von  mir 
Beitr.  26,  319  f.  angeführte  geschichte  von  Bül  dem  'tragischen' 
zuzuweisen  ist,  beide  typen  bewahrt. 

HEIDELBEEG.  B.  KAHLE. 


LAUTLICH -BEGRIFFLICHE  WORT- 
ASSIMILATIONEN. 

Zur  lialbhiiiidertjülirigen  sjescliiclite  des  begriffs  der 
Volksetymologie. 

Dass  es  keine  leichte  saclie  ist,  mit  einer  altliergebracliten 
terminologie  zu  brechen,  vor  allem  wenn  sich  der  name  einer 
Spracherscheinung,  viie  es  hier  mit  dem  der  Volksetymologie 
der  fall  ist,  eines  halbhundertjährigen  daseins  erfreut,  davon 
zeugt  schon  die  Überschrift  dieses  aufsatzes.  Aber  gerade  in 
der  Überschrift  würde  ich  vielleicht  dieses  wort  vermieden 
haben,  wenn  nicht  jetzt  eine  besondere  veranlassung  da  wäre, 
ihm  einen  hervorragenden  platz  zu  geben.  Dieser  wird  ihm 
aber  nicht  um  seiner  selbst  willen  gegeben,  sondern  in  Ver- 
ehrung des  mannes,  der  als  der  erste  diejenige  sprachverände- 
rung,  durch  welche  sinfluot  zu  sündfliit  geworden  ist  und  das 
hebräische  jöbel  auf  das  lat.  jiihilare  und  unser  modernes 
Jubiläum  eingewii'kt  haben. kann,  zum  gegenständ  einer  ein- 
gehenden Untersuchung  gemacht  hat. 

Den  hierher  gehörigen  erscheinungen  nicht  nur  einen 
namen  gegeben,  sondern  auch  für  eine  geraume  zeit  die  gesichts- 
punkte  ihrer  beurteilung  festgestellt  zu  haben,  ist  das  ver- 
dienst Wilhelm  Förstemanns.  Es  geschah  in  dem  aufsatz, 
mit  dem  er  vor  jetzt  fünfzig  jähren  die  Zeitschrift  für  ver- 
gleichende Sprachforschung  eröffnete.  Und  so  seien  auch  die 
folgenden  zeilen  in  aller  bescheidenheit  gewissermassen  ein 
'jöbel',  indem  sie  die  aufmerksamkeit  des  lesers  auf  Förste- 
manns arbeit  und  die  Weiterbehandlung  ihi'es  gegenständes 
während  der  letzten  fünfzig  jähre  lenken  wollen. 

Den  ersten  titel  'lautlich -begriffliche  wortassimilationen' 
entnehme  ich  dem  neuesten  werke,  das  diese  ersclieinung  be- 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVII.  27 


410  KJEDERQVIST 

handelt,  der  Yölkerpsj'cliologie  von  W.  Wundt  1,  1,  477.  Und 
es  kann  nur  wünschenswert  sein,  dass  diese  oder  eine  andere 
unzweideutige  benennung-  auf  kosten  der  alten  eingebürgert 
werde,  denn  der  alte  name  'volksetymolog-ie'  hat  nicht  selten 
misverständnis  verursacht  und  sicher  einem  richtigen  Verständ- 
nis der  erscheinung  hindernd  im  weg  gestanden,  eben  weil  man 
sich  von  der  Vorstellung  von  der  bewussten  worterklärung  der 
etjinologen  nicht  hat  ganz  losreissen  können. 

Die  betrachtungeu,  durch  welche  Förstemann  zu  dem  namen 
^Volksetymologie'  gekommen  ist,  näher  kennen  zu  lernen,  wird 
darum  von  einem  gewissen  Interesse  sein.  Ihm  ist  die  'Volks- 
etymologie '  ihrem  wesen  nach  von  der  wissenschaftlichen  ety- 
mologie  nicht  verschieden.  Beide  beruhen  auf  einem  streben, 
verwante  Wörter  mit  einander  zusammenzustellen.  Im  volk 
aber  ist  dieses  streben  dunkel  und  unbewusst.  Darin  liegt 
der  unterschied  zwischen  der  Volksetymologie  und  der  wissen- 
schaftlichen erklärung  eines  Wortes,  und  auch  die  Ursache 
dafür,  dass  durch  jene  erstere  falsche  Zusammenstellungen  ent- 
stehen können.  Bei  dem  scharfen  blick  für  die  volkstümlichen 
Umbildungen,  den  Förstemann  sonst  verrät,  lässt  sich  an- 
nehmen, dass  er  vielleicht  die  grundverschiedenheit  seiner 
beiden  arten  gesehen  hätte,  wenn  nicht  eine  andere  erschei- 
nung, die  zu  seiner  zeit  den  Sprachforschern  recht  viel  ärger 
bereitet  hatte,  sich  als  eine  natürliche  Zwischenstufe  dargeboten 
und  ihm  die  kluft,  die  zwischen  den  beiden  arten  besteht, 
überbrückt  hätte.  Ich  meine  die  sogenannte  'gelehrte  ety- 
mologie',  die  wissenschaftlich  sein  wollte,  die  aber  mit  der 
Volksetymologie  das  gemein  hatte,  dass  sie  meistens  auf 
Unkenntnis  beruhte.  Aeusserlich  gibt  sich  nämlich  nach 
Förstemann  die  etymologie  in  dreierlei  tätigkeit  kund:  die 
älteste,  die  volkstümliche,  wodurch  das  volk  selbst  'sich 
den  grund  der  entstehung  seiner  Wörter  klar  zu  machen 
sucht',  dann  die  gelehrte,  die  oft  durch  eine  ihrer  leistungen, 
das  liiciis  a  non  lucendo,  einfach  charakterisiert  wird,  und 
schliesslich  die  wissenschaftliche  etymologie,  die  sich  auf 
die  kenntnis  der  lautgesetze  und  der  erforschung  der  sprach- 
verwantschaft  gründet.  Innerlich  ist  nach  Förstemann  die 
etymologie  überhaupt  eine  dem  menschen  innewohnende  kraft, 
die  sich  in  einem  streben  äussert,  verwante  Wörter  zusammen- 


LAUTLICH-BEGEIFFLICHE   WORT  ASSIMILATIONEN.  411 

zuhalten  und  sie  als  zusammeng-eliörig  zu  fühlen  und  zu  be- 
trachten. Durch  diese  kraft  schliessen  sich  die  formen,  die 
ableitung-en  etc.  der  Wörter  in  gruppen  zusammen,  durch  sie 
werden  fangen  und  fteng,  stellen  und  gestell  als  verwant  em- 
pfunden. Um  diese  kraft  bei  verschiedenen  Völkern  und  zu 
verschiedenen  zeiten  zu  messen,  sei  uns  ein  eigentümliches 
mittel  in  der  Volksetymologie  gegeben,  indem  sie  uns  zeigt, 
wie  das  'streben  nach  etymologischer  klarheit'  auf  Irrwege 
gerät,  indem  es  z.  b.  ein  sinvhiot  (ursprünglich 'eine  allgemeine 
Auf)  sich  in  sündflut  umwandeln  lässt. 

So  hat  denn  der  name  'Volksetymologie'  als  bezeichnung 
dieser  Spracherscheinung  fast  fünfzig  jähre  lang  bestanden, 
ohne  dass  ein  ernstlicher  einspruch  dagegen  erhoben  worden 
wäre.  Hier  wie  in  so  vielen  anderen  fällen  hat  wol  das  bedürfnis 
nach  einer  benennung  es  bewirkt,  dass  man,  da  keine  bessere  zu 
finden  war,  sich  allmählich  der  herkömmlichen  anbequemt  und 
sie  behalten  hat.  Und  so  ist  es  geblieben,  bis  Wundt  ihre 
unZweckmässigkeit  mit  guten  gründen  nachwies.  Ich  gebe 
seine  einschlägigen  worte  hier  wider:  'Mit  der  reflectierenden 
Worterklärung  des  etymologen  sind  diese  Vorgänge  in  Wahr- 
heit absolut  unvergleichbar.  Sie  unterscheiden  sich  von  ihr 
ebenso  nach  ihren  äusseren  wie  nach  ihren  inneren  merkmalen. 
Die  wirkliche  etymologie  sucht  das  wort  auf  ein  verloren  ge- 
gangenes oder  wenigstens  aus  dem  bewusstsein  verschwundenes 
Stammwort  von  irgendwie  verwanter  bedeutung  zurückzuführen; 
die  »Volksetymologie«  substituiert  umgekehrt  ein  wort  mit  be- 
kannter bedeutung  einem  anderen,  wodurch  dieses  zugleich 
mehr  oder  weniger  in  seiner  bedeutung  verändert  wird.  Vor 
allem  aber  ist  die  sogenannte  Volksetymologie,  wie  die  wort- 
assimilation  überhaupt,  ein  rein  associativer,  dem  psycho- 
physischen  mechanismus  der  sprachfunctionen  zugehöriger  Vor- 
gang, von  den  rein  lautlichen  Wortassimilationen  eben  nur 
dadurch  verschieden,  dass  mit  den  lauten  zugleich  begriffliche 
elemente  associativ  gehoben  werden  und  infolge  dessen  ihrer- 
seits wider  auf  die  lautassociation  zurückwirken  können.'  Es 
muss  aber  gleich  hier  anerkannt  werden,  dass  die  gründe 
einer  änderung  des  namens  vor  Wundts  behandlung  der  frage 
nicht  so  dringend  vorhanden  waren,  eben  weil  er  es  erst  ge- 
wesen  ist,    der    unsere    kenntnisse   dieser   spraclierscheinung 

27* 


412  ß;jEDERQVIST 

bedeutend  vertieft  und  erweitert  hat.  Das  werden  mr  aucli 
aus  dem  folgenden  seilen,  indem  es  meine  aufgäbe  sein  wird, 
die  wichtigsten  anscliauungen  über  die  lautlich  -  begrifflichen 
Wortassimilationen  vorzuführen,  die  während  der  vergangenen 
fünfzig  jähre  geäussert  worden  sind.  —  Ich  ziehe  den  von 
Wundt  als  eine  kurze  definition  der  Volksetymologie  gegebenen 
ausdruck  'lautlich-begriffliche  Wortassimilationen'  der  von  ihm 
auch  gebrauchten  benennung  'wortentlehnungen  mit  begriffs- 
veränderungen'  als  charakteristischer  vor. 

"Damit  sich  diese  anschauungen  gut  überblicken  und  mit 
einander  vergleichen  lassen  und  unsere  darstelluug  dadurch 
ein  stück  geschichte  der  sprachwissenschaftlichen  terminologie 
biete,  wie  sie  Steinthal  einmal  in  seiner  vorrede  zur  2.  aufl. 
seiner  Geschichte  der  Sprachwissenschaft  bei  den  Griechen  und 
Römern  empfohlen  hat,  lassen  wir  im  folgenden  die  haupt- 
f ragen,  nämlich  die  nach  den  Ursachen  der  entstehung  und 
nach  der  gliederung  der  lautlich-begrifflichen  Wortassimilationen, 
wie  sie  von  den  verschiedenen  forschern  beantwortet  worden 
sind,  möglichst  in  den  Vordergrund  treten. 

Förstemann  meinte,  es  seien  vor  allem  zwei  umstände,  die 
für  ihre  entstehung  günstig  waren:  einerseits  ein  sich  in 
sprachschöpferischer  freiheit  bewegender  volksgeist  und  andrer- 
seits der  reichtum  der  spräche,  in  dem  die  vielen  möglich- 
keiten  zur  assimilation  gegeben  sind.  Sind  diese  beiden  be- 
dingungen  vorhanden,  so  entspringt  dieselbe  zunächst  aus  zwei 
keimen,  aus  der  entartung  der  spräche  von  ihrem  ursprüng- 
lichen zustand  und  aus  der  berührung  mit  anderen  Völkern. 
Eine  entartung  musste  eingetreten  sein,  damit  die  Wörter  und 
wortformen  aus  ihrem  richtigen  etymologischen  Zusammenhang 
kommen  konnten  und  dadurch  für  das  volk  das  bedürfnis  nach 
einem  neuen  derartigen  Zusammenhang  in  bezug  auf  die  ein- 
heimischen Wörter  entstehen  konnte.  Bei  den  aus  andern 
sprachen  entlehnten  Wörtern  machte  sich  ein  solches  bedürfnis 
so  wie  so  geltend.  Und  dieses  bedürfnis  soll  bei  den  lelin- 
wörtern  ausserdem  noch  durch  eine  gewisse  in  dem  Verhältnis 
der  alten  Völker  zu  einander  vorhersehende  exclusivität  ver- 
stärkt worden  sein,  die  allerdings  das  eindringen  fremder 
Wörter  nicht  ganz  verhindern,  aber  wol  ihnen  eine  weniger 
rücksichtsvolle  aufnähme  bereiten  konnte,  derzufolge  sie  schnell 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE  WORTASSIMILATIONEN.  413 

ihre  fremde  traclit  verlieren  und  mit  der  eigenen  spräche  ver- 
schmelzen mussten. 

Für  Förstemann  hatten  nnn  diese  sprachveränderungen 
in  erster  linie  ein  Interesse,  weil  sich  die  Stetigkeit  nnd  beharr- 
lichkeit  des  volksgeistes  gegenüber  dem  überlieferten  sprach- 
material  sowie  dessen  verhalten  zu  fremdem  sprachgnt  anf  sie 
hin  prüfen  liess.  Es  hieng  dies  mit  seiner  auffassung  von  der 
spräche  als  einem  lebenden  Organismus  zusammen,  dessen  ge- 
sundheit  und  lebenskraft  zu  untersuchen  sei.  Deshalb  war  es 
nicht  sowol  die  erscheinung  selbst  als  ein  Vorgang  in  der 
sprach  Wirksamkeit  des  einzelnen,  was  ihn  interessierte,  als 
vielmehr  die  frage,  welche  Wörter  dadurch  verändert  wurden, 
und  wie  häufig  solche  Veränderungen  waren.  Somit  teilt  er 
auch  seine  Volksetymologien  in  solche  ein,  die  deutsche  Wörter, 
und  solche,  die  fremde  Wörter  betreffen.  Ausserdem  finden 
wir  bei  ihm  schon  viele  beobachtungen,  die  zu  später  gemachten 
einteilungen  haben  anlass  geben  können.  So  bemerkt  er,  dass 
die  Veränderung  sich  nicht  immer  in  äusserer  Umwandlung 
kundgibt,  sondern  zuweilen  nur  innerlich  in  der  Vorstellung 
wirksam  ist,  wie  wenn  man  bei  freitag  an  frei  und  bei  meineid 
etwa  an  das  verb  meinen  denken  kann.  Auch  hebt  Förstemann 
hervor,  dass  ebenso  wie  es  Veränderungen  gibt,  die  in  der 
Schrift  nicht  zum  Vorschein  kommen,  sondern  nur  durch  Ver- 
setzung des  accents,  also  in  der  ausspräche  existieren  (wie  wenn 
z.  b.  erhlasser  sich  in  der  betonung  nach  crUdssen  statt  nach 
erhe  lassen  richtet),  es  auch  auf  der  andern  seite  Verände- 
rungen gibt,  die  etwa  nur  in  der  schrift  ihren  ausdruck  finden, 
wie  Weissager  aus  ahd.  tvtzago,  weil  es  mit  sagen  zusammen- 
gestellt wird.  Förstemann  unterscheidet  auch  solche  wort- 
assimilationen,  die  (wie  sündflut)  zu  herschenden  formen  der 
Wörter  geworden,  von  denen,  die  vorläufig  nicht  in  die  Schrift- 
sprache eingedrungen  sind,  wie  schrittschuh  für  Schlittschuh,  was 
Andresen  später  durch  die  bezeichnungen  'literarische'  und 
'vulgäre'  Volksetymologie  unterschied.  Ferner  ist  auch  von 
Umbildungen,  die  das  ganze  wort  oder  nur  einen  teil  desselben 
treffen,  die  rede.  Dann  führt  er  uns  einen  teil  seiner  beispiele 
nach  einem  einteilungsgrund  vor,  welchem  wol  merkmale  zu 
gründe  liegen,  die  für  die  Veränderungen  selbst  von  geringem 
belang  sind,  wenn  er  sie  in  eigennamen  und  appellativa  oder 


414  KJEDERQVIST 

tier-,  pflanzen-  und  mineralnamen  einteilt.  Scliliesslicli  berührt 
er  auch  die  absichtlich  gemachten  komischen  Verdrehungen, 
wie  sie  A.  W.  Schlegel  in  seiner  parodie  auf  Kotzebues  Sibi- 
rische reise  verwendet,  wo  Tungusen  zu  Tugcndnsen  und 
TscJmJctschen  zu  Schmut^Tcen  werden,  und  diesen  weiss  er  nun 
keinen  besseren  platz  als  das  grenzgebiet  nach  den  sog.  ge- 
lehrten etymologien  hin  zu  geben. 

Nach  Förstemann  hat  zunächst  W.  Wackernagel  die 
Wortassimilationen  mit  begriffsänderungen  berücksichtigt.  In 
der  Schrift:  Die  umdeutschungen  fremder  Wörter,  Basel  1861, 
vermeidet  er  die  benennung  'Volksetymologie'  und  behandelt 
er  die  erscheinung  unter  dem  allgemeineren  begriff  der  um- 
deutschung.  Unter  umdeutschung  versteht  er  nämlich  sowol 
die  lautgesetzlichen  Veränderungen,  wie  z.  b.  pfund  aus  pondus, 
die  angleichungen  an  deutsche  betonung,  flexion  etc.,  die  ver- 
deutlichenden Zusammensetzungen  mit  deutschen  Wörtern,  wie 
hihelhuch,  als  auch  'die  umdeutschung  durch  Veränderung  der 
Wörter  selbst'  im  gegensatz  zu  den  Veränderungen  'durch 
äussere  zutat':  durch  flexion  oder  Zusammensetzung,  also  über- 
haupt alle  Veränderungen,  die  die  lehnwörter  treffen  können. 

Die  Veränderungen  'der  Wörter  selbst'  hat  Wackernagel 
auch  einmal  richtig  charakterisiert,  wenn  es  (s.  6)  heisst,  dass 
die  fremden  Wörter  'durch  bald  leisere  bald  stärkere  änderung 
ihrer  gestalt  in  den  anklang  an  wirklich  deutsche  wurzeln 
und  in  deutsche  begriff sanschaulichkeit  hereingezogen  werden'. 
In  diesen  Avorten  tritt  uns,  so  viel  ich  weiss,  zum  ersten  mal 
die  auffassung  der  Volksetymologie  deutlich  entgegen,  welche 
später  zu  der  benennung  'lautlich -begriffliche  wortassimila- 
tionen'  geführt  hat.  Wackernagel  sagt  ferner,  dass  diese 
änderungen  absichtslos  vor  sich  gehen,  'entsprungen  aus  nicht- 
verstehen  und  misverstehen  . . .  ziehen  sie  naiv  das  fremde, 
wie  wenn  es  nie  ein  fremdes  gewesen  wäre,  in  die  spräche 
und  ebenso  in  deren  Wachstum  mit  herein',  und  er  stellt  sie 
in  bezug  auf  ihre  absichtslosigkeit  mit  dem  lautwandel  und 
den  analogiebildungen  auf  gleiche  stufe.  Es  wird  demnach 
einleuchten,  dass  Wackernagel  unsere  Wortassimilationen  von 
dem  bewussten  etymologisieren  streng  schied,  und  dass  darin 
wol  auch  der  grund  zu  sehen  ist,  warum  er  den  namen  Volks- 
etymologie vermied,  obgleich  er  Förstemanns  arbeit  kannte. 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE  WORTASSIMILATIONEN.  415 

Seine  einteilimg  macht  nun  aber  Wackernagel  nocli  mehr 
als  Förstemann  nur  nach  unwesentlichen  merkmalen,  indem 
er  die  beispiele  liauptsächlich  nach  grammatischen  kategorien 
in  appellativa  und  eigennamen  einteilt.  Unter  jenen  bespricht 
er  gelegentlich  auch  einige  fälle,  wo  sich  zwar  der  sinn,  aber 
kein  laut  des  fremden  wertes  ändert,  z.  b.  tnbuUeren  (wenn 
es  im  sinne  von  treiben  gebraucht  wird),  und  er  erwähnt  auch 
eine  gruppe,  die  durch  eine  abkürzung,  die  das  fremde  wort 
deutschem  laut  und  sinne  nähert,  und  zugleich  durch  Zusammen- 
setzung umgedeutscht  worden  ist,  z.  b.  Herfogel  aus  Herodius. 
Die  eigennamen  teilt  er  in  personennamen  und  geographische 
namen  ein. 

Etwa  gleichzeitig  mit  AVackernagel  äusserte  sich  Max 
Müller,  Vorlesungen  2,  486  über  diese  Sprachänderungen.  In 
seiner  12.  Vorlesung  behandelt  er  sie  hauptsächlich  nur,  sofern 
sie  zu  mythologischen  speculationen  geführt  haben,  eine  ent- 
wicklung,  die  übrigens  auch  schon  Förstemann  und  Wacker- 
nagel erwähnt  hatten.  Ebenso  wie  Jener  sieht  auch  Max 
Müller  in  der  Volksetymologie  eine  entartung  der  spräche,  und 
er  stellt  sie  mit  dem  verfall  auf  dem  gebiete  der  lautlehre 
zusammen.  Die  treibende  kraft  ist  ein  verlangen  des  volks 
nach  etymologie,  ein  bedürfnis,  auf  geraden  oder  krummen 
wegen  herauszufinden,  warum  diese  oder  jene  sache  so  oder 
so  genannt  wird.  Das  hat  zur  folge,  dass  die  Wörter  ver- 
ändert werden,  um  noch  einmal  begreiflich  gemacht  zu  werden. 
In  den  Essays  (ins  deutsche  übertragen  von  F.  Liebrecht,  1872) 
254  weist  er  solche  Veränderungen  besonders  denjenigen 
sprachen  zu,  die  ihr  selbstbewusstsein  und  ihre  lebenskraft 
verlieren.  Der  Vorgang  ist  gewöhnlich  der,  dass  Wörter,  deren 
eigentliche  bedeutung  nicht  mehr  verstanden  wird,  eine  leichte 
abänderung  erfahren,  gewöhnlich  um  wider  eine  begreifliche 
bedeutung  zu  erhalten;  und  obgleich  diese  bedeutung  meistens 
eine  irrtümliche  ist,  wird  sie  doch  bereitwillig  angenommen. 

Der  Sprachforscher,  den  wir  demnächst  zu  hören  haben, 
ist  H.  Steinthal  mit  seiner  Geschichte  der  Sprachwissenschaft 
bei  den  Griechen  und  Römern,  Berlin  1863,  ^1890.  Er  sucht 
die  sprachveränderungen  aus  der  natur  der  menschenseele  näher 
zu  erklären  und  begnügt  sich  darum  nicht  damit,  die  Volks- 
etymologie auf  einen  im  wesen  des  menschen  liegenden  trieb 


416  KJEDERQVIST 

nach  etymologischem  Zusammenhang  zurückzuführen,  sondern 
sucht  auch  die  psychologischen  bedingungen  nachzuweisen, 
unter  denen  sie  zu  stände  kommt.  Doch  ist  er  wol  allzusehr 
damit  beschäftigt,  dieselben  für  seine  erklärung  von  der  ent- 
stehung  der  Sprachwissenschaft  zu  verwerten,  um  uns  zugleich 
einen  recht  klaren  einblick  in  die  art  und  weise  zu  geben, 
wie  er  sich  den  psychologischen  Vorgang  denkt.  Er  sagt,  der 
Vorgang  sei  derselbe  wie  bei  allem  sprechen  und  verstehen. 
Man  kommt  in  die  läge,  ein  wort  hören  und  es  sprechen  zu 
müssen,  man  fasst  es  auf  und  versteht  es,  wie  man  kann,  und 
man  kann  es  nicht  anders  auffassen  und  verstehen  als  durch 
das  und  gemäss  dem,  was  man  schon  in  sieht  hat.  Wir  haben 
hier  nichts  anderes,  sagt  er,  als  'eine  unbewusste  auffassung 
durch  Wirksamkeit  der  analogie  nach  den  gesetzen  der  apper- 
ception'.  Wenn  vormimd  gehört  oder  gesprochen  wird,  so  tritt 
das  wort  mund  vor  das  bewusstsein.  Hier  gibt  sich  das  'un- 
bewusst  etymologisierende  Verständnis'  kund,  ohne  das  wort 
umzuwandeln,  Soll  dagegen  Xanttppe  gesagt  werden,  so  kann 
sich  das  wort  zank  hervordrängen,  weil  an  ein  zankhaftes 
weib  gedacht  wird,  und  auch  wenn  Xantix^ipe  einem  richtig 
vorgesprochen  ist,  so  kann  sich  doch  infolge  einer  Sinnesillusion 
das  wort  zmiktippe  ins  ohr  drängen.  Es  wird  hier  sehr  richtig 
bemerkt,  dass  ein  grund  der  Umbildung  darin  steckt,  dass  an 
die  zankhafte  fi-au  gedacht  wird.  Die  Vorstellung  von  dem 
zu  nennenden  gegenständ  kommt  also  auch  nach  ihm  in  der 
Umbildung  zur  geltung.  Nur  kann  mit  recht  gegen  Steinthals 
definition  (eine  unbewusste  auffassung  durch  die  Wirksamkeit 
der  analogie  nach  den  gesetzen  der  apperception)  der  einspruch 
erhoben  werden,  dass  jene  für  die  lautlich -begrifflichen  wort- 
assimilationen  wichtige  eigenschaft  darin  nicht  genügend  hervor- 
gehoben wird  und  deshalb  diese  erscheinungen  solchen  rein 
lautlichen  Wortassimilationen  wie  schwed.  lyttmmt  aus  löjtnant 
'leutenant'  oder  mäster  'meister'  aus  magister  gegenüber  nicht 
ihre  gehörige  abgrenzung  finden.  Müssen  wir  uns  doch  auch 
die  lautgebilde  für  sich  allein  als  durch  analogie  appercipiert 
denken,  wenn  wir  die  apperception  in  dem  Herbart-Steinthal- 
schen  sinne  auffassen. 

Bei  Steinthal  finden  wir  Förstemanns  dreiteilung  der  ety- 
mologie  wider.    Das  hat  aber  bei  ihm,  wie  schon  angedeutet, 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  417 

den  besonderen  grund,  dass  er  die  entwicklung-  der  spracli- 
wissenscliaft  aus  den  sprachlichen  dementen  der  Substanz  des 
nationalgeistes  ableiten  will.  Er  nimmt  einen  inneren  Zu- 
sammenhang- zwischen  den  drei  stufen  'Volksetymologie',  'ge- 
lehrte etymologie'  und  'wissenschaftliche  etymologie'  an.  Und 
wenn  er  auch  auf  der  einen  seite  betont,  dass  die  Volks- 
etymologien keine  bewussten  etymologien  sind,  dass  bei  ihnen 
keine  erkenntnis,  keine  reflexion  mitspielt,  so  redet  er  doch 
zugleich  von  unbewusstem  etymologisieren,  von  bemühungen, 
die  Worte  in  etymologischen  anklang  zu  bringen,  und  er  kommt 
schliesslich  erst  recht  in  den  alten  zauber  des  Wortes  Volks- 
etymologie hinein,  wenn  er  sie  als  den  ersten  keim,  den  ersten 
anfang  der  Sprachwissenschaft  betrachtet  und  sie  darum  seine 
darstellung  der  Geschichte  der  Sprachwissenschaft  bei  den 
Griechen  und  Römern  einleiten  lässt. 

Für  die  betrachtungsweise,  wodurch  das  volk  einiger- 
massen  zu  rang  und  würde  von  etymologen  erhoben  wird,  be- 
zeichnend sind  auch  die  worte,  in  denen  L.  Malinowsky, 
Beitr.  zur  vergl.  spracht.  6  (1870),  300  seine  ansieht  über  den 
gegenständ  zusammenfasst:  'Wenn  das  bewusstsein  der  ur- 
sprünglichen inneren  bedeutung  der  würzet  eines  Wortes  beim 
Volke  verloren  gegangen  ist,  oder,  wie  bei  der  entlehn ung, 
gar  nicht  vorhanden  gewesen,  so  gerät  das  Sprachgefühl  auf 
Irrwege,  stellt  das  unverständliche  wort  mit  einem  anderen 
zusammen  und  macht  es  diesem  phonetisch  ähnlich'.  Und 
ferner :  '  Es  können  die  berührungspunkte  für  diese  anähnlichung 
in  zwei  richtungen  vorhanden  sein:  entweder  ist  das  gegebene 
wort  mehr  zufällig  einem  anderen  der  lautform  nach  ähnlich, 
oder  man  will  neben  der  phonetischen  ähnlichkeit  auch  eine 
verwantschaft  zwischen  den  functionen  fühlen'. 

Wir  sehen  nun,  dass  die  lautlich-begrifflichen  wortassimila- 
tionen  nicht  so  sehr  um  ihrer  selbst  willen  besprochen  worden 
sind,  weil  sie  als  producte  der  Sprachwirksamkeit  eine  nähere 
Untersuchung  verdienten  wie  etwa  die  lautänderungen,  sondern 
vielmehr  um  fragen  zu  beantworten,  die  von  grösserer  oder 
geringerer  sprachwissenschaftlicher  tragweite  sind,  wie  die 
fragen  über  das  Wachstum  der  spräche,  den  anfang  der  Sprach- 
wissenschaft, oder  (Max  Müller,  Essays)  ob  es  Juden  in  Cornwall 
gibt.    Im  gegensatz  hierzu  schreibt  nun  Andresen  ein  ganzes 


418  KJEDERQVIST 

buch  'Ueber  deutsche  Volksetymologie',  das  einen  grossen  einfluss 
auf  das  Interesse  für  die  hierhergehörigen  erscheinungen  aus- 
geübt hat,  was  auch  daraus  hervorgeht,  dass  das  buch  sechs 
auflagen  erlebt  hat,  die  erste  1876,  die  dritte  schon  1878,  und 
die  letzte,  492  selten  stark,  1899. 

Andresen  äussert  sich  folgendermassen  über  die  Volks- 
etymologie. Sie  ist  'als  eine  kraft  zu  bezeichnen,  durch  welche 
zwei  etymologisch  in  der  regel  ganz  unverwante  Wörter  mit 
einander  verknüpft  werden.'  Durch  diese  kraft  ist  das  ur- 
sprüngliche Verhältnis  vieler  Wörter  entstellt  und  verdunkelt 
worden.  Die  Wirksamkeit,  durch  die  sich  diese  kraft  kund 
gibt,  nennt  er  assimilation.  Er  gebraucht  jedoch,  wie  auch 
frühere  und  spätere  forscher,  sowol  für  die  Wirksamkeit  wie 
für  die  dadurch  entstandene  Wortveränderung,  einfach  die  be- 
nennung  'Volksetymologie',  die,  wie  wir  schon  gesehen,  nicht 
selten  gemachte  Unterscheidungen  sozusagen  verschlingt.  Dem 
'mächtigen  und  geheimnisvollen  walten  dieser  assimilations- 
kraft'  entspringen  nun  die  volkstümlichen  deutungen.  Den 
grund  ihrer  entstehung  sieht  Andresen  im  sprachbewusstsein, 
das  zunächst  auf  zweierlei  weise  daran  beteiligt  ist,  indem  es 
sich  dagegen  'sträubt,  dass  der  name  leerer  schall  sei,  viel- 
mehr einem  jeden  seine  besondere  bedeutung  und  eine  zweifel- 
lose Verständlichkeit  zu  geben  bemüht  ist',  und  indem  die 
assimilationskraft  instinctiv  und  naiv,  ohne  reflexion  im  be- 
wusstsein  wirksam  ist. 

Was  nun  die  arten  der  Volksetymologie  betrifft,  so  ist  vor 
allem  bei  Andresen  hervorzuheben,  dass  er  von  Förstemanns 
einteilung  in  solche  Veränderungen,  die  einheimische  und  solche, 
die  fremde  Wörter  treffen,  abstand  nimmt,  aus  dem  gründe,  weil 
das  heimische  für  denjenigen  der  es  nicht  verstellt,  ein  fremdes 
ist.  Statt  dessen  empfiehlt  er  zu  untersuclien,  wie  sich  die 
bedeutung  und  form  des  neuen  wortes  zu  dem  ursprünglichen 
verhält,  und  darnach  die  arten  zu  unterscheiden.  Es  kommen 
dadurch  zwei  hauptklassen  in  betracht,  erstens  solche  bildungen 
wie  z.  b.  hlutiyel  (statt  -eyel\  wo  sich  bloss  eine  formelle  assi- 
milation darbietet,  zweitens  solche,  in  denen  ausserdem  die 
bedeutung  mitgewirkt  hat,  wie  z.  b.  sündflut.  Er  macht  aber 
zugleicli  die  bemerkung,  dass  es  wahrscheinlich  oder  möglich 
ist,  dass  'die  logische  beziehung'   bei  manchen  Wörtern  der 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE  WORTASSIMILATIONEN.  419 

ersten  klasse  nicht  unbeteiligt  geblieben  ist',  z.  b.  bei  Immncr- 
tuch,  wo  etwa  an  die  Jcammer,  wo  es  aufbewahrt  wird,  oder 
über  Jicmimcrhcrr,  Immmerjunlxcr  an  einen  dem  vornehmen 
hauswesen  angehörig-en  stoff  gedaclit  werden  kann.  Also  sind 
die  beiden  hauptklassen  in  manchen  fällen  nicht  scharf  von 
einander  zu  trennen.  Wenn  wir  dann  eine  dritte  schon  von 
P'örstemann  und  auch  an  anderer  stelle  von  Andresen  erwähnte 
gruppe  hinzusetzen,  nämlich  die  Wörter,  die,  ohne  entstellt  zu 
werden,  lediglich  in  der  bedeutung  einer  Veränderung  unter- 
liegen, wie  das  bei  frcitag  der  fall  sein  kann,  so  haben  wir 
es  bei  Andresen  zum  ersten  mal  mit  dem  versuch  einer  wirk- 
lichen einteilung  zu  tun,  der  die  in  der  sprach  Veränderung 
selber  oder  vielmehr  die  in  deren  resultaten  hervortretenden 
merkmale  zu  gründe  gelegt  worden  sind.  Die  beiden  ersten 
klassen  gehen  bei  Andresen  oft  unter  dem  namen  'Umbildungen', 
die  dritte  unter  dem  namen  'umdeutungen'. 

Mehr  als  zu  einem  versuch  ist  es  allerdings  auch  bei 
Andresen  nicht  gekommen,  insofern  er  sein  gesammtes  material 
nach  ganz  andern  gesichtspunkten  zergliedert.  Aber  indem 
ihm  andere  forscher  folgten,  ist  es  zu  widerholten  versuchen 
gekommen,  die  von  ihm  erwähnte  einteilung  für  immer  zahl- 
reichere fälle  zu  verwerten.  Die  Schwierigkeit,  diese  einteilung 
durchzuführen,  liegt  in  der  natur  der  betreffenden  wort- 
veränderungen  selbst,  die  sich  um  so  mehr  unserer  erforschung 
entziehen,  je  mehr  sie  eventuell  für  die  erste  hauptklasse  oder 
deren  abstufungen  zur  zweiten  in  betracht  kommen  würden, 
namentlich  wenn  ihre  entstehung  uns  zeitlich  und  räumlich 
fern  liegt. 

Sein  reiches  material  sucht  nun  Andresen  dadurch  über- 
sichtlicher zu  gestalten,  dass  er  es  zum  teil  nach  Förstemanns 
und  Wackernagels  art  einteilt.  Es  wird  somit  teils  nach 
Wortklassen  vorgeführt,  von  denen  die  grösseren  gruppen,  wie 
die  substantiva,  in  eigennamen  und  appellative  und  diese 
widerum  in  persönliche  begriffe,  begriffe  aus  dem  tierreich, 
Pflanzenreich  u.s.w.,  zerlegt  werden.  Auch  andere  Unter- 
scheidungen kommen  vor,  so  die  schon  erwähnte  zwischen 
vulgärer  und  literarischer,  unabsichtlicher  und  gemachter  Volks- 
etymologie, und  dann  eine  andere,  welche  die  hauptperioden 
der  spräche  berücksichtigt,  und  demnach  althochdeutsche,  mittel- 


420  KJEDERQVIST 

hochdeutsche  und  neuhochdeutsche  bildungen  unterscheidet. 
Ausserdem  hat  Andresen  sein  buch  für  weite  kreise  dadurch 
brauchbar  gemacht,  dass  er  ihm  ein  register  beigegeben  hat, 
welches  etwa  8500  Wörter  enthält. 

Erst  in  dem  masse  wie  Andresens  arbeit  allmählich  be- 
kannt wurde,  ist  nun  das  Studium  der  Wortassimilationen 
richtig  in  fluss  gekommen.  Das  material  vermehrt  sich  durch 
reiche  Sammlungen  aus  der  dänischen,  englischen  und  schwe- 
dischen spräche,  und  auch  beitrage  zur  Charakteristik  der 
erscheinung  werden  durch  nähere  Untersuchungen  über  ihr 
wiesen  geliefert. 

Zuerst  sei  jedoch  ein  von  O.Weise  in  der  Zs.  f.  völkerpsych. 
und  sprachw.  12  (1880),  203  ff.  veröffentlichter  aufsatz  'Zur 
Charakteristik  der  Volksetymologie'  erwähnt,  der  meist  mit  den 
älteren  anschauungen  zusammengehört.  Weise  vermisst  eine 
eingehende  Charakteristik  dieser  Spracherscheinung,  und  stellt 
sich  die  aufgäbe,  eine  solche  zu  liefern.  Unter  den  fragen, 
die  er  beantworten  will,  stellt  er  die  nach  der  Ursache  und 
dem  wesen  der  Volksetymologie  voran.  Die  Ursachen  sieht  er 
in  der  allgemeinen  tendenz  der  spräche,  sich  stets  zu  verändern, 
und  in  der  berührung  mit  fremden  nationalitäten  und  fi-emden 
culturverhältnissen;  dabei  können  die  fremden  laute  Schwierig- 
keiten bereiten,  aber  die  Veränderungen  haben  viel  häufiger 
ihren  grund  in  der  abneigung  des  volkes  gegen  alles  fremde, 
das  es  sich  deshalb  mundbequem  zu  machen  sucht.  Weise 
verweilt  gern  bei  solchen  allgemeinen  Ursachen,  und  redet 
darum  oft  von  der  ganzen  gedanken-  und  anschauungsweise 
des  Volkes,  seiner  plastischen  spräche  mit  ihren  deutlichen, 
leichtverständlichen,  Jedes  misverständnis  ausschliessenden  aus- 
drücken. Von  den  mehr  directen  gründen  einer  Umbildung 
scheint  ihm  die  lautähnlichkeit  der  wichtigste,  wenn  nicht 
geradezu  der  einzige  zu  sein.  Denn  auf  den  sinn  des  neuen 
Wortes,  meint  er,  werde  wenig  rücksicht  genommen. 

Um  so  überraschender  wirkt  es  darum,  wenn  er  nachher 
seiner  classificierung  die  art  und  weise,  auf  welche  sich  das 
Volk  das  streben  nach  deutlichkeit  verwirklicht,  zu  gründe  legt 
und  weiter  ausführt.  Nach  diesem  einteilungsgrund  unter- 
scheidet er  nämlich  erstens  Zusammensetzungen  wie  haifisch, 
tannenhaum,  in  denen  die  benennung  des  genus  an  die  der 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE  WORTASSIMILATIONEN.  421 

species  angefügt  worden  ist.  Hierher  gehören  auch  Wörter 
wie  pfarrlierr  für  pfarrer,  wo  ein  teil  des  richtigen  Wortes 
einer  verdeutlichenden  Umbildung  unterlegen  ist.  Zweitens 
verwirklicht  sich  das  streben  nach  deutlichkeit,  indem  concrete 
sinnliche  ausdrücke  statt  der  unverständlichen  fremden  laut- 
complexe  in  die  Umbildung  hineingezogen  werden.  Besonders 
liält  er  sich  bei  der  teilnähme  der  farbenbezeichnungen  an 
der  volkstümlichen  wortumbildung  auf,  und  gibt  eine  reihe 
interessanter  beispiele  aus  verschiedenen  sprachen.  Drittens 
soll  das  deutlichkeitsstreben  sich  in  der  Vorliebe  zu  präposi- 
tionalcompositis  äussern,  wie  sie  die  lat.  Umgangssprache  in 
condiijnus,  condocere  statt  der  einfachen  dignus,  doccre,  und  die 
deutsche  in  verconsumieren  aufweisen  kann.  In  diese  gruppe 
gehören  Wörter  wie  abseite,  lat.  ahsis,  weil  sie  als  mit  präposition 
zusammengesetzte  aufgefasst  worden  sind.  Schliesslich  werden 
noch  zwei  arten  von  Umbildung  genannt,  von  denen  die  eine 
aus  einem  gewissen  hang  zur  euphemie  oder  aus  einer  religiösen 
gemütsstimmung  hervorgeht  und  sich  in  solchen  Veränderungen 
wie  corhleu  aus  corps  de  dien  und  sündflut  aus  sinvluot  zeigt'; 
die  andere  auf  einer  gewissen  neigung  zu  idealisierender  färbung 
beruht,  wie  wenn  das  slavische  Lnhoras  auf  deutsch  in  Lieherose 
oder  die  germanischen  völkernamen  der  Hclisii  und  Leti  von 
den  Eömern  in  Elysii  und  Lcbü  umgewandelt  wurden. 

Von  den  früher  vorgeschlagenen  oder  durchgeführten 
gliederungen  des  Stoffes  berührt  Weise  nur  die  nach  vulgärer 
und  literarischer  Volksetymologie,  und  er  meint,  dass  eine  der- 
artige Unterscheidung  fallen  müsse,  weil  eine  vulgäre  Umbil- 
dung mit  der  zeit  literarisch  werden  könne,  somit  dieser  unter- 
schied als  ein  äusserlicher  mit  dem  wesen  der  sache  nicht 
vereinbar  sei. 

Diese  letzte  bemerkung  von  Weise  möchte  ich  aber  zum 
teil  gegen  seine  eigene  behandlung  der  vorliegenden  frage 
richten,  nämlich  dass  er  nur  ganz  äusserlich  das  wesen  der 
erscheinung  gestreift  hat,  deren  Charakteristik  er  geben  wollte. 
Das  deutlichkeitsstreben  z.  b.  ist  kein  specifisches  merkmal 
dieser  Sprachveränderungen,  es  gibt  sich  auch  auf  anderen 
gebieten  der  Sprachwirksamkeit  zu  erkennen.  Und  dass  seine 
gliederung  der  untersuchten  einzelnen  fälle  somit  auf  beobacli- 
tungen  ruht,  die  auf  der  peripherie  dieser  Spracherscheinung 


422  KJEDERQVIST 

liegen,  das  zeigt  sich  auch  darin,  dass  sie  ihn  über  das  gebiet 
seiner  aufgäbe  führen  und  ihn  veranlassen,  die  volkstümlichen 
präpositionscomposita  mit  in  den  bereich  der  Volksetymologie 
zu  ziehen. 

In  den  zwei  letzten  Jahrzehnten  begegnet  uns  zunächst 
H.  Paul,  der  uns  in  seinen  'Prinzipien'  auf  allen  gebieten  der 
Sprachforschung  und  für  alle  möglichen  erscheinungen  psycho- 
logisch begründete  auseinandersetzungen  zur  belehrung  und  zur 
anregung  bietet.  Er  teilt  uns  hier  seine  anschauung  über  die 
Wortassimilationen  mit,  und  ich  führe  auch  seine  darstellung 
in  der  1.  aufläge  an,  teils  der  Vollständigkeit  wegen,  teils  weil 
die  dort  gegebenen  definitionen  der  beiden  arten  von  Volks- 
etymologie mir  mehr  zusagen  als  die  in  den  späteren  auflagen, 
und  zwar  weil  er  für  die  entstehung  der  Umbildungen  die  be- 
deutung  als  einen  der  lautähnlichkeit  etwa  gleichwertigen 
factor  ansetzt. 

Paul  macht  die  lautlich  -  begrifflichen  Wortassimilationen 
von  dem  'volksgeist'  vorläufig  frei,  indem  er  sagt,  dass  die 
beziehung  zwischen  den  betreffenden  formen  in  der  seele  des 
Individuums  geschaffen  werden  muss,  und  von  einem  trieb 
nach  etymologie  oder  dergleichen  ist  bei  ihm  überhaupt  nicht 
die  rede.  In  der  1.  aufl.  cap.  v  ('Zerstörung  und  Verwirrung 
der  gruppen  durch  laut-  und  bedeutungswandel')  s.  97  f.  be- 
handelt er  die  umdeutungen,  in  denen  durch  lautlichen  zu- 
sammenfall eine  bedeutungsangleichung  hervorgerufen  werden 
kann  und  Wörter  ganz  verschiedenen  Ursprungs  dadurch  für 
das  Sprachgefühl  den  schein  etymologischer  verwantschaft 
erhalten,  wie  z.  b.  das  schon  erwähnte  freitag.  In  cap.  vi 
('Reaction  gegen  die  Zerstörung  und  Verwirrung  der  gruppen') 
s.  119  f.  bespricht  er  die  Umbildungen,  welche  ausgleichungen 
sind  zwischen  formen,  die  sich  nur  zufällig  in  bedeutung  und 
lautform  einander  genähert  haben,  wie  z.  b.  sündflut. 

Die  erste  gruppe,  die  umdeutungen,  wo  lautlicher  zusammen- 
fall  eine  Veränderung  der  bedeutung  bewirkt,  hat  im  all- 
gemeinen zu  meinungsverschiedenheiten  keinen  anlass  gegeben. 
Die  zweite  gruppe,  die  der  Umbildungen,  ist  aber  verschieden 
beurteilt  worden. 

Andresen  sagt,  dass  sie  auf  volksetymologischem  wege 
eine  wesentlich  veränderte  bedeutung  gewonnen  haben.     In 


LAUTLICH-BEaRIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  423 

Pauls  erster  auflag'e  hiess  es  aucli,  dass  der  Vorgang-  bei  dieser 
gruppe  eine  annälierung  in  bedeiitung  und  lautform  sei,  und 
er  setzt  sogar  die  bedeutung  A'Oran.  Es  scheint  aber,  als  ob 
man  sich  nachher  ein  wenig  gescheut  hätte,  der  bedeutung, 
den  begriffselementen,  einen  entscheidenden  einfluss  auf  die 
entstehung  der  Umbildungen  überhaupt  beizumessen.  Die 
forscher  besonders  der  zwei  letzten  Jahrzehnte  sind  geneigt 
gewesen,  diesen  einfluss  zu  unterschätzen.  Diese  neigung 
hängt  mit  der  innerhalb  der  Sprachwissenschaft  damals  her- 
schenden  anschauung  zusammen,  nach  der  man  die  laut- 
veränderungen  im  allgemeinen  in  erster  linie  rein  physiologisch 
aus  der  Wirkung  der  lautgesetze  zu  erklären  suchte  und  erst 
in  zweiter  linie  den  psychischen  mechanismus  der  associationen 
als  erklärungsprincip  verwenden  wollte.  In  den  betreffenden 
Umbildungen  walteten  nun  allerdings  nicht  lautgesetze  im  ge- 
wöhnlichen sinne,  aber  man  sah  doch  die  lautliche  seite  der 
Umbildung  als  die  wichtigste  oder  doch  interessanteste  an  und 
betrachtete  darum  die  begriffliche  gestaltung  gegenüber  der 
lautlichen  als  eine  mehr  zufällige  und  willkürliche.  Deshalb 
finden  wir  gewöhnlich  in  den  deflnitionen  jener  autoren  keine 
den  einfluss  der  begrifflichen  seite  ausdrücklich  berücksich- 
tigende bestimmung. 

Das  ist  auch  der  fall  bei  der  definition,  die  Paul  in  der 
2.  und  3.  aufläge  gibt.  Die  'höchste  stufe',  oder,  wie  Paul  sie 
nennt,  die  compliciertere  art  von  Volksetymologie  besteht  in 
einer  lautlichen  Umformung,,  wodurch  ein  wort,  welches  durch 
zufällige  klangähnlichkeit  an  ein  anderes  erinnert,  diesem 
weiter  angeglichen  wird.  Die  Ursache  ist  also  nach  ihm  die 
klangähnlichkeit.  Ob  er  nun  sagen  will,  dass  die  dadurch 
bewirkte  weitere  angleichung  sich  bloss  auf  die  lautgestalt 
bezieht  oder  dass  sie  auch  eine  begriffliche  Umbildung  in  sich 
schliesst,  lässt  sich  nicht  entscheiden.  Jedenfalls  bleibt  die 
bedeutung  ein  nur  secundär  mitwirkender  factor,  wenn  es 
später  heisst,  dass  die  angleichung  dadurch  unterstützt  sein 
könne,  dass  sich  die  bedeutung  des  umgeformten  wortes  zu 
der  seines  musters  in  beziehung  bringen  lasse,  dass  sie  aber 
solcher  Unterstützung  nicht  notwendig  bedürfe. 

Gleichwie  einmal  Wackernagel  auf  das  nichtverstehen 
und   misverstehen   und   Steinthal   auf   die  Sinnesillusion  hin- 


424  KJEDERQVIST 

gewiesen  haben  als  auf  momente,  die  bei  der  erklärung  dieser 
"Wortassimilationen  in  betraclit  kommen  können,  geht  auch 
Paul  etwas  näher  auf  die  psychischen  eigentümlichkeiten  ein, 
die  dieselben  erklären  und  veranlassen  können.  Er  hebt  zu- 
nächst zwei  umstände  mit  recht  hervor,  nämlich  unvollkom- 
mene auffassung  des  lautgebildes  des  gehörten  wortes  und 
unvollkommene  widergabe  desselben,  und  zwar  auch  in  dem 
falle,  dass  man  das  wort  richtig  aufgefasst,  das  gedächtnis  es 
aber  nicht  exact  aufbewahrt  hat.  In  beiden  fällen  kann  sich 
eiii  geläufigeres  wort  anstatt  des  richtigen  unterschieben. 

Paul  sieht  in  der  Volksetymologie  zwei  erscheinungen,  die 
von  einander  zu  sondern  sind  (3  §  150  und  151),  und  nennt  die 
eine  die  'einfachste',  die  zweite  die  'compliciertere'  art  der 
Volksetymologie.  Die  erste  behandelt  er  hauptsächlich  in  drei 
gruppen.  Die  erste  gruppe  umfasst  solche  Wörter  wie  fre'dag, 
die  umgedeutet  sind,  ohne  dass  von  vorn  herein  eine  verwant- 
schaft  der  bedeutung  mitgewirkt  hätte.  Die  zweite  gruppe  um- 
fasst diejenigen  Wörter,  bei  denen  die  möglichkeit  vorhanden 
ist,  zwischen  den  bedeutungen  der  betreffenden  Wörter  eine  be- 
ziehung  herzustellen,  wie  wenn  die  auffassung  von  Icmäshiccld 
als  lanzhiecht  durch  den  gedanken  an  die  lanze  der  lands- 
knechte  erleichtert  wurde.  Die  dritte,  seltenere  gruppe  ist 
dadurch  zu  stände  gekommen,  dass  ein  wort  als  ableitung  von 
einem  anderen  gefasst  wurde,  mit  dem  es  ursprünglich  nichts 
zu  schaffen  hat,  wie  wenn  das  nhd.  sucM  (schwed.  sot  in  soidöd 
=  natürlicher  tod)  als  zu  suchen  gehörig  aufgefasst  wird. 

Von  der  compliciertereu  art  der  Volksetymologie  scheidet 
Paul  die  absichtlichen  Verdrehungen  der  witzmacher;  die 
absichtlich  gemachten  Umbildungen  können  für  den  Sprach- 
forscher nur  insofern  in  betracht  kommen,  als  sie  von  dem 
naiven  sinne  der  kinder  und  der  ungebildeten  nicht  als  Ver- 
drehung erkannt,  sondern  als  die  eigentliche  form  aufgenommen 
und  weiterverbreitet  werden.  Die  hier  in  frage  kommenden 
Umformungen  sind  absichtslos  und  unbewusst.  Sie  treffen  fast 
nur  composita  oder  solche  Wörter,  die  vermöge  ihrer  volleren 
lautgestalt  den  eindruck  von  composita  machen.  Ihre  weitere 
gliederung  erhält  darum  diese  zweite  hauptart  dadurch,  dass 
berücksichtigt  wird,  väe  die  als  teile  der  Zusammensetzung 
empfundenen   demente  an  der  Umbildung  beteiligt  sind;   sie 


LAUTLICH-BEGRIE*FLICHE  WORTASSIMILATIONEN.  425 

zerfällt  darnacli  in  vier  Unterarten.  Erstens  kann  nur  das 
erste  element  einer  Veränderung  unterliegen,  wie  in  mauhvurf 
aus  mild,  moltiviirf.  Zweitens  kann  nur  das  zweite  element 
verändert  werden,  wie  in  einöde  aus  mlid.  eincete  (wo  -tete 
Suffix  ist).  Drittens  werden  beide  elemente  verändert,  wie  z.  b. 
in  liehstöcJicl  aus  lat.  ligusticum.  Viertens  kann  der  eine 
bestandteil  umgebildet,  der  andere  nur  umgedeutet  werden, 
wie  in  ahseite  aus  griecli.  atpig. 

In  der  letzten  aufläge  der  Prinzipien  scliliesst  sich  hier 
(§  152)  die  besprechung  von  solchen  bildungen  wie  ivindlmnd 
und  renntier  (schwed.  ren)  an,  in  denen  die  einfachen  ivind 
und  ren  als  isoliert  und  darum  fremdartig  durch  die  Zusammen- 
setzung mit  einem  gattungsnamen  unterstützt  worden  sind,  um 
nachher  als  einfache  selbständige  Wörter  ausser  gebrauch  zu 
kommen. 

Hier  macht  Paul  noch  eine  wichtige  Unterscheidung,  indem 
er  §  277  die  Volksetymologie  gegen  die  durch  lautsubstitution 
veränderten  lehnwörter  wie  vogt  aus  lat.  vocatus  abgrenzt, 
aber  zugleich  hervorhebt,  dass  Volksetymologie  bei  ihnen  sehr 
leicht  eintreten  kann. 

Im  anfang  der  achtziger  Jahre  werden  von  einem  eng- 
lischen und  zwei  nordischen  Sprachforschern  wertvolle  beitrage 
zu  den  lautlich-begrifflichen  Wortassimilationen  gegeben. 

A.  S.  Palmer,  Folk - etjmology.  A  Dictionary  of  verbal 
corruptions  etc.,  London  1882,  hat  in  der  einleitung  einige 
betrachtungen  über  das  wesen  dieser  erscheinung  angestellt, 
die  er  wie  Förstemann  und  andere  seiner  Vorgänger  auf  ge- 
wisse etymologisierende  triebe  zurückführt.  Für  seine  ein- 
teilung  scheint  er  die  von  Andresen  benutzt  zu  haben.  Er 
verdient  ein  gewisses  Interesse  wegen  des  im  allgemeinen 
guten  Verständnisses,  mit  dem  er  an  die  gegebenen  erklärungen 
anknüpft,  und  namentlich  wegen  der  lebhaften  phantasie,  die 
ihn  analoge  erscheinungen  aus  verschiedenen  gebieten  heran- 
ziehen lässt.  Wenn  er  z.  b.,  wie  mehrere  von  seinen  Vorgängern, 
die  Ursachen  auf  dem  gebiet  des  gefühls  in  der  Vorliebe  für 
das  alte,  bekannte  und  der  abneigung  gegen  neues  sucht,  so 
illustriert  er  den  unangenehmen  eindruck,  den  ein  unverstan- 
denes wort  macht,  indem  er  ihn  mit  der  leerheitsempfindung 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVH.  28 


42G  KJEDEEQVIST 

vergleicht,  die  eine  stumme  taste  beim  klaviervortrag  ver- 
ursacht,  und  um  zu  zeigen,  wie  sehr  sich  dieses  unlustgefühl 
steigern  kann,  erzählt  er,  wie  O'Connel,  da  er  die  streitsüchtige 
fischhändlerin  nicht  mit  vernünftigen  gründen  zum  schweigen 
bringen  konnte,  sie  schliesslich  durch  das  herplappern  von 
einigen  Sätzen  aus  Euklid  zum  schweigen  und  weinen  ge- 
bracht habe.  In  den  farbenveränderungen  der  tiere  sieht  er 
analoga  zu  den  Veränderungen  der  Wörter;  wie  der  fisch  als 
Schutzmittel  eine  färbe  erhält,  die  den  felsen  ähnlich  ist,  unter 
dehen  er  lebt,  so  müsse  auch  das  fremde  wort  seine  färbe 
verlieren  und  wie  ein  englisches  wort  im  englischen  und  ein 
französisches  wort  im  französischen  aussehen.  Oft  verfällt 
jedoch  Palmer,  wenn  er  den  inneren  gründen  der  wort- 
veränderungen  nachgeht,  in  den  alten  Irrtum,  den  der  name 
Volksetymologie  verursacht,  dass  das  volk  von  falschen  Vor- 
stellungen von  der  etymologie  der  Wörter  ausgehe  und  eine 
verwantschaft  derselben  annehme,  wo  keine  ist.  Er  sagt,  der 
mensch  sei  ein  etymologisierendes  tier,  und  die  Volksetymologie 
eine  Verschlechterung,  welcher  die  worte  entweder  durch 
falsche  Vorstellungen  ihrer  etymologie  oder  durch  falsche 
analogie  mit  anderen  worten  unterliegen. 

Was  Palmers  einteilung  betrifft,  so  schliesst  er  sich  an  die 
von  Andresen  vorgeschlagene  an,  in  der  die  form  und  bedeutung 
des  neuen  wortes  im  Verhältnis  zu  der  des  ursprünglichen 
massgebend  sein  soll.  Er  nimmt  auch  der  hauptsache  nach 
die  von  Andresen  nach  diesem  princip  in  den  früheren  auf- 
lagen seines  buches  vorgeschlagenen  gruppen  an.  Da  eben 
diese  frühere  einteilung,  die  Andresen  in  der  fünften  aufläge 
(vgl.  oben  s.418f.)  zum  teil  aufgegeben,  auch  für  spätere  autoren 
vorbildlich  gewesen  ist,  so  teile  ich  sie  hier  kurz  mit.  Andresen 
redet  von  vier  arten.  Die  erste,  'die  höchste  stufe',  enthält 
die  Wörter,  in  denen  formelle  Veränderung  mit  änderung  der 
bedeutung  verknüpft  ist  (ahseite).  Die  zweite  enthält  die 
wöi-ter.  in  denen  formelle  Veränderung  mit  festhalten  des  ur- 
sprüngliclien  begriffs  verknüpft  ist  (cich/toni).  Die  dritte 
enthält  die  Wörter,  in  denen  formelle  Veränderung  nicht  ohne 
Widerspruch  der  bedeutung  voi-  sich  gegangen  ist  {numlicurf). 
Die  vierte  enthält  schliesslich  die  Wörter,  'deren  volkstümliche 
deutung  auf  einem  misgriff  zwischen  zwei  homonymen  beruht 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  427 

(vormund).  Anstatt  des  ausdrucks  'formelle  Veränderung'  ver- 
wendet Andresen  selbst  die  ausdrücke  Verdunkelung-,  ent- 
stellung-,  'formen,  die  sich  durch  den  einfluss  eines  nahestehenden 
Wortes  gestaltet  haben'.  Da  er  aber  nicht  den  grad  der  Ver- 
änderung, die  die  formen  erleiden,  dadurch  andeuten  zu  wollen 
scheint,  so  habe  ich  der  einfachheit  wegen  'formelle  Verände- 
rung' eingesetzt.  Mit  der  bedeutung  verhält  es  sich  nun  in 
diesen  vier  arten  so,  dass  sie  verändert  wird  (1  und  4),  über- 
haupt beibehalten  wird  (2),  oder  sich  gegen  die  neue  form 
sträubt  (3).  Dem  mangel  an  deutlichkeit  des  Unterschieds 
zwischen  diesen  vier  arten  sucht  Palmer  dadurch  abzuhelfen, 
dass  er  die  sinngemässheit  der  neuen  Wörter  mit  berücksich- 
tigt. Er  unterscheidet  deshalb  drei  arten  mit  formellen  Ver- 
änderungen {corniptions)  auf  die  weise,  dass  in  der  ersten  die 
neuen  Wörter  bezeichnend  und  gewissermassen  sinnvoll  {cause- 
tvay),  in  der  zweiten  ziemlicli  sinnlos  sind  (cast-me-down  aus 
cassidonia),  in  der  dritten  zu  misverständnis  und  falschen  er- 
klärungen  anlass  geben  (hurricane).  Seine  vierte  gruppe  um- 
fasst  Wörter,  die  nicht  gerade  verdreht  sind,  jedoch  leicht  eine 
falsche  etymologie  suggerieren. 

Auch  in  der  folgezeit  ist  man  in  der  gliederung  des  Stoffes 
meist  auf  Andresen  und  Förstemann  zurückgegangen,  während 
man  sich  in  den  definitionen  mehr  an  Steinthal  und  Paul  zu 
halten  pflegte. 

K.  Nyrop  in  seinem  populär  gehaltenen  büchlein  Sprogets 
vilde  skud,  Kopenhagen  1882,  und  A.  Noreen  in  auf  Sätzen  in 
der  Nordisk  tidskrift  1882,  s.  612  f.  1887,  s.  554  f.  und  in  seinen 
Spridda  studier  in  dem  abschnitt  'Svensk  folksetymologi' 
führen  dem  Studium  der  lautlich-begrifflichen  Wortassimilationen 
besonders  aus  den  nordischen  sprachen  (Noreen  besonders  für 
das  schwedische  auch  in  der  Zeitschrift  Svenska  landsmälen  5 
[1888])  ein  umfangreiches  material  zu,  und  teilen  uns  auch 
ihre  ansichten  über  die  Ursachen  und  das  wesen  dieser  sprach- 
veränderungen  mit.  Nyrop  charakterisiert  sie  als  eine  auf 
lautähnlichkeit  und  ideenassociation  beruhende  zum  teil  un- 
bewusste  Umformung  eines  fremden  oder  veralteten  wertes. 
Noreen  (1882)  schlägt  vor,  die  erscheinung  als  eine  zwischen 
mit  einander  unverwanten  ausdrücken  verlaufende  naive 
association  zu  definieren,  die  durch  eine  gewisse  lautähnlichkeit 

28* 


428  KJEDERQVIST 

der  liauptbestandteile  dieser  ausdrücke  hervorgerufen  wird. 
In  den  späteren  populär  gehaltenen  publicationen  über  Volks- 
etymologie heisst  es,  dass  eine  volksetj-mologie  stattfinde,  so- 
bald Wörtern,  die  keine  etymologische  beziehung  zu  einander 
haben,  vom  sprechenden  eine  solche  beziehung  beigelegt  wird. 
Die  ansichten  über  den  Vorgang  dieser  Spracherscheinung,  die 
uns  in  diesen  beobachtungen  entgegentreten,  kommen  hier  zu- 
nächst insofern  in  betracht,  als  sie  sich  mit  seinen  Ursachen 
beschäftigen.  Gleichwie  Paul  später  stellen  Nyrop  und  Noreen 
beide  die  lautähnlichkeit  als  Ursache  hin,  aber  Nyrop  fügt 
ausserdem  die  ideenassociation  als  eine  zweite  Ursache  hinzu. 
Den  grund,  warum  Nyrop  und  Noreen  verschieden  über  die 
Ursachen  urteilen,  ein  Avenig  näher  zu  betrachten,  bietet  sich 
uns  eine  günstige  gelegenheit,  indem  Noreen  sich  in  einer 
recension  von  Nyrops  buch  über  diesen  punkt  näher  aus- 
gesprochen hat.  Noreen  will  nämlich  die  ideenassociation  nicht 
als  eine  mit  der  lautähnlichkeit  gleichgestellte  Ursache  ansehen, 
und  zwar  aus  dem  gründe,  weil  die  Volksetymologie  ihrem 
wesen  nach  nichts  anderes  ist  als  die  ideenassociation  selbst. 
Ohne  gerade  hier  auf  eine  kritik  der  ansieht  eingehen  zu 
wollen,  die  die  lautähnlichkeit  als  die  einzige  Ursache  hervor- 
hebt, muss  ich  mir  jedoch,  um  über  die  in  diesen  deflnitioneu 
ausgesprochene  auffassung  klarheit  zu  gewinnen,  zu  erklären 
versuchen,  was  darin  mit  ideenassociation  gemeint  ist.  'Ideen- 
association' ist  nun  allerdings  ein  so  allgemeiner  begriff,  dass 
er  auch  auf  die  psychische  Wirksamkeit  passen  kann,  die  bei 
diesen  sprachveränderuugen  stattfindet;  aber  er  ist  zugleich 
allzu  allgemein,  als  dass  sich  dadurch  ein  für  dieselben 
charakteristisches  kennzeichen  aussagen  Hesse.  Das  ist  nun 
widerum  der  grund,  warum  auf  der  einen  seite  gegen  Noreens 
behauptung,  die  Volksetymologie  sei  ihrem  wesen  nach  eine 
ideenassociation,  sich  nichts  einwenden  lässt,  wenn  man  die 
'ideenassociation'  so  allgemein  auffasst  wie  er  es  tut,  und  auch, 
warum  auf  der  andern  seite  ich  annehmen  möchte,  dass  Nyrop 
sie  nicht  in  dieser  allgemeinen  bedeutung  als  Ursache  der  Um- 
formung aufgeführt  hat.  Und  ich  sehe  den  beweis  für  die 
Wahrscheinlichkeit  dieser  auffassung  darin,  dass  Nyrop  laut- 
ähnlichkeit und  ideenassociation  als  Ursachen  einander  parallel 
setzt,  und  wie  gesagt  darin,  dass  ideenassociation  in  dem  all- 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  429 

gemeinen  sinn,  den  Noreen  dem  wort  beilegt,  an  dieser  stelle 
ziemlich  sinnlos  wäre.  Vielmehr  soll  sich  wol  deshalb  von  den 
in  Nyrops  definition  angeführten  Ursachen  die  lautähnlichkeit 
auf  die  Umformung  der  lautgestalt  und  die  ideenassociation 
auf  die  Umformung  der  ideen,  d.h.  der  begrifflichen  elemente 
der  veränderten  Wörter  beziehen.  Ist  nun  diese  meine  auf- 
fassiing  richtig,  so  nähert  sich  NjTops  definition  der  von 
Wackernagel,  Andresen  und  der  von  Paul  zuerst  gegebenen 
erklärung,  während  Noreen,  indem  er  in  seiner  definition  die 
lautähnlichkeit  als  die  einzige  Ursache  hervorhebt,  der  von 
Paul  später  gegebenen  definition  näher  kommt. 

Was  nun  die  gliederung  des  Stoffes  betrifft,  so  sagt  Nj'rop 
ausdrücklich,  dass  die  seinige  nur  auf  eine  populäre  darstellung 
abgesehen  sei,  und  dass  für  eine  wissenschaftliche  behandlung 
ein  ganz  anderer  massstab  angelegt  werden  müsse.  Nachdem 
Noreen,  wie  es  scheint,  seine  frühere  definition  aufgegeben  und 
es  vorgezogen  hat,  mehr  im  sinne  Förstemanns  und  Andresens 
die  bedinguugen,  unter  denen  eine  Volksetymologie  zu  stände 
kommt,  als  in  einem  volkstümlichen  etymologisieren  liegend  zu 
betrachten,  sagt  er  von  der  Ursache,  dass  sie  immer  in  einer 
gewissen  ähulichkeit  der  associierten  worte  bestehe,  die  sich  oft 
oder  am  häufigsten  sowol  auf  die  laute  wie  auf  die  bedeutung 
erstrecke,  aber  oft  sei  die  lautähnlichkeit  genügend.  Sehr 
selten  soll  bedeutungsähnlichkeit  allein  ein  hinreichender 
grund  sein,  wie  wenn  schwed.  förvägen  'verwegen'  nach  dem 
muster  von  oförfärad,  oförskräcJä  'unerschrocken'  in  o förvägen 
umgebildet  wird. 

Die  art  und  weise,  wie  sich  diese  Ursache  in  ihren  resul- 
taten  kund  gibt,  oder  wie  es  Andresen  ausgedrückt  hat,  die 
unterschiede  der  bedeutung  und  form  in  dem  Verhältnis  des 
gewordenen  zum  ursprünglichen,  hat  dann  Noreen  seiner  ein- 
teilung  zu  gründe  gelegt.  Indem  er  besonders  eine  gewisse 
abstufung  der  formellen  Veränderungen  berücksichtigt,  ergeben 
sich  ihm  fünf  arten  von  Volksetymologie. 

Die  erste  gruppe  umfasst  Wörter,  die  in  ton  und  bedeutung 
unverändert  geblieben  und  nur  in  eine  neue  ideenassociation 
eingetreten  sind  (tranqwlin  mit  trampa  'treten').  Die  zweite 
gruppe  umfasst  Wörter  mit  beibehaltener  form,  aber  mit  ver- 
änderter bedeutung  {chihan  mit  sUclca  'schicken').    Die  dritte 


430  KJEDERQVIST 

gruppe  umfasst  Wörter,  in  denen  lediglich  nach  der  schrift, 
nicht  nach  der  ausspräche  zu  vermerken  ist,  dass  eine  neue 
association  (bedeutungsveränderung)  stattgefunden  hat.  Die 
vierte  umfasst  Wörter,  deren  ausspräche  verändert  worden  ist, 
wenn  auch  die  schriftform  unverändert  bleiben  sollte  {ärdhant 
durch  association  mit  dra  'ziehen'  und  hcn  'bein',  also  einer, 
der  die  beine  hinter  sich  zieht).  Die  fünfte  gruppe,  die  haupt- 
masse  der  Volksetymologien,  umfasst  die  Wörter,  die  so  bedeu- 
tend verändert  worden  sind,  dass  es  auch  in  der  schrift  zum 
Vorschein  kommen  muss  (jämnasteg  'gleichen  tritts'  aus  gym- 
nastili). 

Mit  hinsieht  auf  die  begrenzung  des  gebiets  der  lautlich- 
begrifflichen Wortassimilationen  ist  es  ferner  von  Interesse,  zu 
sehen,  dass  Noreen  wegen  der  in  seiner  definition  gestellten 
forderung  der  unverwantschaft  der  associierten  Wörter  solche 
bildungen  wie  orgelnist  aus  Organist  und  schwed.  innevänare 
für  invänare,  wo  solche  verwantschaft  vorhanden  ist,  aus  dem 
gebiet  der  Volksetymologie  ausscheiden  muss. 

Mit  einer  Charakteristik,  die  der  von  Noreen  (1887)  ge- 
gebenen ähnlich  ist,  aber  mit  anderer  gliederung  der  lautlich- 
begrifflichen Wortassimilationen  erörtert  0.  Behaghel,  Die 
deutsche  spräche,  188G,  ^  1902,  diese  sprach  Veränderungen.  Er 
behandelt  sie  in  dem  teil  von  den  Wandlungen  der  äusseren 
form,  in  dem  die  Wirkungen  der  analogie  ihre  besprechung 
ünden.  B.'s  gedankengang  ist  etwa  dieser.  Ebenso  wie  für 
das  Sprachgefühl  stein,  steinigen,  Versteinerung  oder  fährt,  trägt, 
schlägt  sich  in  gruppen  zusanimenschliessen,  so  können,  wenn 
das  gehörte  wort  ein  isoliert  dastehendes  ist,  das  keine  ver- 
w'anten  Wörter  im  bewusstsein  aufkommen  lässt,  sogar  un- 
verwante  Wörter  für  das  ohr  'mitsclnvingen'.  B.  charakterisiert 
also  die  Volksetymologie  als  eine  gruppenbildung  unverwanter 
Wörter.  Die  entstehung  Avird  dadurch  erklärt,  dass  ein  un- 
deutlich gehörtes  wort  fälschlich  ergänzt  wird. 

Besonders  beachtenswert  scheint  mir  Behaghels  Unter- 
scheidung von  zwei  arten,  von  denen  die  eine  solche  Wörter 
enthält,  welche  trotz  der  etwas  abweichenden  Vorstellung,  die 
sie  in  sich  tragen,  noch  für  die  gleiche  anschauung  verwendet 
werden,  für  die  das  ursprüngliche  wort  in  gebrauch  war 
{umgeivendet  Naimleon,  sündflut,  maulwurf),  die  andere  solche 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  431 

Wörter,  deren  neue  Vorstellungen  mit  denen  der  ursprünglichen 
Wörter  kaum  mehr  etwas  gemein  haben  (das  gelohte  land,  das 
Jetzt  als  das  gepriesene  und  nicht  mehr  als  das  versprochene 
land  aufgefasst  wird).  Die  erste  dieser  beiden  arten  zergliedert 
sich  dann  bei  Behaghel  in  zwei  oder  drei  gruppen:  die  erste 
umfasst  fälle,  die  bloss  auf  'dem  lautlichen  zusammenklingen' 
beruhen,  bei  denen  also  'ein  gemeinsamer  bedeutungskern' 
nicht  empfunden  wird  {umgeivenäet  Napoleon),  die  zweite  um- 
fasst fälle,  in  welchen  das  in  folge  der  lautähnlichkeit  erweckte 
neue  wort  merkmale  des  zu  bezeichnenden  gegenständes  in 
sich  aufnimmt  {sündflut).  Behagliel  hält  aber  diese  fälle  für 
verhältnismässig  selten,  dagegen  die  fälle,  wo  der  begriffliche 
Zusammenhang  recht  unklar  ist,  für  gewöhnlich.  Als  eine 
dritte  gruppe  können  wir  bei  Behaghel  die  fälle  ansehen,  in 
denen  die  neuen  Wörter  den  tatsachen  geradezu  widersprechende 
merkmale  an  sich  tragen.  Bei  Behaghel  haben  wir  es  also 
mit  einer  Unterscheidung  der  lautlich  -  begrifflichen  wort- 
assimilationen  zu  tun,  die  auf  grund  der  Untersuchung  der 
frage  gemacht  ist,  wie  sich  das  gewordene  von  dem  ursprüng- 
lichen in  bezug  auf  die  bedeutung  unterscheidet.  Und  es  ist 
nicht  bloss,  wie  wir  bei  Palmer  gesehen  haben,  die  sinn- 
gemässheit der  Umbildung,  sondern  vielmehr  und  besonders 
bei  der  haupteinteilung  die  allgemeine  art  der  bedeutungs- 
veränderung,  die  hier  zur  geltung  kommt. 

Ehe  ich  nun  zu  Wundts  darstellung  übergehe  (die  wie 
eine  abschliessende  kritik  der  früheren  anschauungen  erscheinen 
wird,  soweit  hier  von  einer  kritik  die  rede  sein  kann,  wenn  man 
bedenkt,  dass  die  verschiedenen  anschauungen  von  verschiedenen 
psychologischen  Standpunkten  ausgehen,  und  die  kritik  deshalb 
mehr  die  ansichten  über  die  ideenassociation  überhaupt  als  die 
über  die  hier  behandelten  Wortassimilationen  treffen  würde), 
möchte  ich  noch  über  meine  eigenen  versuche  kurzen  bericht  er- 
statten, über  ein  paar  uml)ildungen,  die  mir  nahe  gelegt  wurden. 
Ins  reine  zu  kommen.  Es  galt  mir,  zunächst  den  Ursachen  der 
entstehung  dieser  Umbildungen  näher  auf  die  spur  zu  kommen. 

Versucht  man  den  elementen  nachzugehen,  die  eine  laut- 
lich-begriffliche Wortassimilation  verursachen,  so  tut  man  am 
besten,  ganz  junge  bildungen  vorzunehmen,  bei  denen  einem 


432  KJEDERQVIST 

der  ideenkreis  und  überhaupt  die  sprachmittel  des  bildenden 
möglichst  bekannt  sind. 

In  meinem  dialekt  (schonisch,  Südschweden)  ist  aus  Stipen- 
dium ein  stöpeng  geworden.  In  diesem  dialekt  ist  nun  stö' 
=  stöd  'Unterstützung',  und  pcng  ist  penning  'pfennig,  geld', 
Stöpeng  heisst  also  so  viel  als  'unterstützungsgeld'.  Schon 
bei  einer  äusserlichen  betrachtung  bieten  sich  zunächst  zwei 
beobachtungen  dar:  erstens  die  lautähnlichkeit  der  beiden  worte 
stöpeng  und  stipendnmi,  und  zweitens  die  bedeutung  des  neuen 
Wortes,  welche  in  diesem  fall  von  der  das  wort  sonst  oft  be- 
gleitenden vorstelluug  von  'belohnung  für  fleiss  und  f ortschritt 
in  der  arbeit'  nur  ein  wenig  abweicht,  indem  sie  eine  mehr 
utilitarische  auffassung  zu  vertreten  scheint. 

Als  Ursache  dieser  bildung  tritt  uns  hier,  wie  von  selbst, 
eine  tatsache  entgegen,  die  ganz  offenbar  und  handgreiflich 
ist,  weil  sie  gerade  die  hauptbedingung  dafür  ist,  dass  wir 
selbst  das  verdrehte  wort  verstehen  können,  nämlich  die  laut- 
ähnlichkeit. Wenn  wir  nun  deshalb  diese  Ursache  ins  äuge 
fassen,  um  zu  sehen,  worin  sie  besteht,  so  ergibt  sich,  dass 
sowol  die  lautgestalt  wie  die  betonung  von  Stipendium  einer 
Umbildung  in  stöpeng  günstig  waren.  Das  i  in  der  ersten 
silbe  von  Stipendium  wird  in  der  ausspräche  oft  durch  einen 
unbestimmten  a-laut  widergegeben,  der  leicht  mit  dem  ö  in 
stö{peng)  assimiliert  wird.  Für  den  schonischen  bauern  fällt 
nd  leicht  mit  ng  zusammen,  da  er  von  vornherein  gewöhnt  ist, 
solche  Wörter  der  gebildeten  wie  z.  b.  Liind  und  Jmnd  mit  den 
eigenen  Long  und  Jtong  zusammenzustellen.  Und  die  endung 
-iitm,  die  schwach  betont  ist,  entgeht  als  ein  ihm  nicht  ge- 
läufiger Wortausgang  leicht  seiner  aufmerksamkeit.  Ausserdem 
ist  die  betonung  von  stöpeng  dieselbe  wie  die  der  beiden  ersten 
Silben  von  Stipendium.  Durch  die  gewohnheit,  die  lautform 
der  gebildeten  mit  der  eigenen  zu  assimilieren,  waren  also 
hier  dispositionen  vorhanden,  Stipendium  als  stöpeng  zu  hören. 

Was  ferner  die  bedeutung  des  Wortes  stöpeng  betrifft, 
so  werden  wir  gewis  auch  hierin  etwas  für  diese  bildung 
charakteristisches  finden,  und  zwar  besonders,  wenn  wir  eine 
gewisse  andere  art  von  Verdrehungen  der  lehnwörter,  wie  sie 
im  Volke  üblich  sind,  den  hier  in  frage  kommenden  gegenüber- 
stellen.   Ich  meine  solche  wie  lyttnant  für  löjtnant  'leutnant', 


LAUTLICH -BEGRIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  433 

schersant  für  sergcant,  minwiitiir  für  niiniatyr.  Man  kann  dann 
nicht  umhin,  hier  einen  deutlichen  unterschied  zu  bemerken. 
Die  hildung  stöiimy  kommt  einem  sogleich  so  zu  sagen  intelli- 
genter vor.  Sie  enthält  ein  gewisses  etwas,  das  sie  gleichsam 
mehr  berechtigt  erscheinen  lässt,  als  z.  b.  hjttnant  (da  letz- 
teres ja  nicht  einen  bezeichnen  will,  der  hjtt  'gebrechlich'  ist, 
eher  das  gegenteil).  Dieses  etwas,  dieser  vorzug  ist  der  eigene 
bedeutungsinhalt  von  stöpeng  gegenüber  Jyünant,  die  bestimmte 
Sachvorstellung. 

Ist  nun  aber  die  Vorstellung  von  der  sache  selbst,  also  in 
dem  angenommenen  fall  die  von  dem  'unterstützungsgeld',  als 
eine  Ursache  der  Umbildung  mit  der  lautähnlichkeit  gleichzu- 
setzen? Auf  diese  frage  könnte  unter  umständen  die  aus- 
weichende antwort  gegeben  werden:  Svenn  das  wort  lüjtnant 
sich  eventuell  etwa  zu  der  bedeutung  von  »invalide«  entwickelt 
hätte,  so  hätte  auch  die  bildung  hjttnant  im  schwed.  eine  eigene 
bedeutung  gehabt',  und  zwar  auch  mit  einem  gewissen  recht 
von  jemand,  der  merkwürdigere  bedeutungsentwicklungen  als 
die  hier  vorausgesetzte  vor  äugen  hat.  Eine  solche  auffassung 
begnügt  sich  mit  der  annähme,  das  neue  wort  verdanke  seine 
bedeutung  einem  glücklichen  zufall,  der  es  so  gefügt  hat,  dass  es 
im  dialekt  zwei  worte,  stö  und  peng,  gab,  die  sich  zu  einem  dem 
Stipendium  in  lautgestalt  so  ähnlichen  wort  zusammenstellen 
Hessen,  welches  ausserdem  noch  dieselbe  sachvorstellung  so  tref- 
fend ausdrücken  konnte.  Bei  einer  solchen  auffassung  würde 
darum  eine  mitAvirkung  der  sachvorstellungen  ausgeschlossen 
sein,  und  die  lautähnlichkeit  würde  als  die  einzige  Ursache  der 
Umbildung  angenommen  werden.  Und  in  der  tat  ist  den  Unter- 
suchungen über  die  Ursachen  der  volksetj-mologie  eine  derartige 
betrachtungsweise  nicht  immer  fremd  geblieben,  was  seinen 
grund  zum  teil  darin  haben  kann,  dass  man  sich  darauf  be- 
schränkt hat,  das  neue  wort  mit  dem  ursprüuglichen  zu  ver- 
gleichen ohne  den  näheren  umständen  reclmung  zu  tragen, 
unter  denen  jenes  das  erste  mal  ans  licht  treten  konnte. 

Denken  wir  uns  den  ganz  nahe  liegenden  fall,  der  bildende 
habe  das  wort  Stipendium  zum  ersten  mal  in  dem  Zusammen- 
hang gehöi't,  dass  ein  mittelloser  student  hundert  mark  als 
Stipendium  bekommen  liabe.  Dann  ist  es  sehr  wahrscheinlich, 
dass  die  Vorstellungen  von  'geld'  und  von  'Unterstützung'  beim 


434  KJEDERQVIST 

liürer  schon  geweckt  waren,  und  zwar  schon  in  dem  augenblick, 
ehe  er  das  ihm  unbekannte  wort  hörte,  so  dass  sie  gleichsam 
bereit  waren,  es  zu  empfangen,  d.h.  sein  lautgebilde  in  ent- 
sprechender weise  eben  als  stöpemj  aufzufassen.  Es  ist  dann 
klar,  dass  die  bezeichneten  sach Vorstellungen  zur  entstehung 
des  Wortes  mitgewirkt  haben  können.  Und  wir  müssen  ihnen 
einen  entscheidenden  einfluss  zuerkennen,  wenn  wir  uns  ver- 
gegenwärtigen, dass  stipendmm  ein  sinnloses  stopenn  oder  der- 
gleichen hätte  geben  können  (ebenso  wie  lojtnant  ein  an  sich 
sinnloses  hjttnant  gegeben  hat),  wären  diese  Sachvorstellungen 
nicht  dagewesen.  Dass  sie  bei  stöpcng  neben  der  lautähnlich- 
keit  sehr  wichtige  bedingungen  für  die  Umbildung  sind,  ist 
also  offenbar.  Und  in  anderen  hierher  gehörigen  fällen  tritt 
das  deutlich  hervor.  Manchmal  scheinen  nämlich  die  sach- 
vorstellungen  einen  gewissen  widerstand  seitens  der  laute 
des  fremden  wortes  zu  überwinden  zu  haben,  indem  diese 
nicht,  wie  es  bei  Stipendium  (stdpengium)  —  stöpeng  geschah, 
eine  gewohnheitsmässige  neigung  zur  assimilation  mit  den 
lauten  des  dialekts  vor  sich  da  finden,  sondern  grössere  laut- 
verschiedenheiten  überwunden  werden  müssen,  damit  sich  die 
sachvorstellungen  im  neuen  wort  geltend  machen  können.  So 
z.  b.  muss  sich  der  name  eines  mittels  gegen  Zahnschmerzen, 
das  englisch  odontine  lieisst,  in  englisch  in  de  tene  (märkisch 
für  in  die  sahne)  umändern  lassen,  damit  die  Vorstellung  von 
der  anwendung  auch  im  wort  zum  Vorschein  kommt;  hierher 
gehört  unter  anderen  auch  das  schwed.  rifitii-hiljett  'reiss- 
entzwei-billet'  für  refourhiljctt.  In  diesem  wort  wirkt  nämlich 
die  Vorstellung  von  den  früher  gebrauchten  rückfahrkarten 
nach,  von  denen  die  eine  half te  bei  der  hinfahrt  vom  Schaffner 
abgerissen  und  die  andere  vom  reisenden  für  die  rückfahrt 
aufbewahrt  wurde. 

Odontine  würde  nicht  leicht  zu  indetcne  geworden  sein, 
wenn  nicht  die  Vorstellung  von  der  Verwendung  des  mittels 
mitgewirkt  hätte,  und  diese  Vorstellung  würde  nicht  die  sprach- 
liche form  indetene  bekommen  haben,  wenn  nicht  das  klang- 
bild  des  Wortes  odontine  mitgewirkt  hätte.  Oder  anders  aus- 
gedrückt: gleichwie  in  den  einzelnen  fällen  die  Vorstellung 
von  der  Verwendung  die  form  odontine  verhindert  hat  zu 
ontodine,   Otto  Dlne   (vgl.    Otto  Schahell  von  ecm  de  Javellc), 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE   WOUTASSIMILATIONEN.  435 

inotine  oder  etwas  anderem  zu  werden,  so  hat  auch  das  klang- 
bild  odontine  die  Vorstellung  von  der  Verwendung-  gehindert, 
sich  etwa  den  ausdruck  fiirddenc  oder  dergleichen  zu  nehmen. 

Steht  es  somit  fest,  dass  die  klangbilder  der  Wörter  und 
die  daran  geknüpften  sachvorstellungen,  oder  wie  man  es 
häufiger  ausgedrückt  hat,  die  lautähnlichkeit  und  die  bedeutung 
die  eigentlichen  Ursachen  dieser  Umbildungen  sind,  so  tritt  uns 
in  erster  linie  die  frage  nach  dem  gegenseitigen  verhalten 
dieser  Ursachen  in  der  form  entgegen:  welche  von  ihnen  ist 
als  die  primäre,  die  zuerst  wirkende  Ursache  anzusehen? 

Je  grösser  die  zahl  der  einzelnen  fälle  ist,  die  man  für 
die  beantwortung  dieser  frage  untersucht,  und  je  jünger  und 
deshalb  einer  Untersuchung  der  vorstellungselemente  zugäng- 
licher die  bildungen  sind,  um  so  mehr  wird  man  in  Opposition 
zu  denjenigen  definitionen  geraten,  die  die  lautähnlichkeit  als 
die  einzige  oder  hauptsächlichste  Ursache  der  Volksetymologie 
angeben.  Ja,  es  kann  unserer  einsieht  in  die  Wirkung  dieser 
Ursachen  nur  förderlich  sein,  wenn  wir  annehmen,  es  könne  ein 
beurteiler  dieser  erscheinungen  unter  gewissen  bedingungen  zu 
dem  anderen  extrem  geführt  werden,  nämlich  den  einfluss  der 
lautähnlichkeit  zu  unterschätzen.  Man  versuche  sich  den  fall 
zu  denken,  dass  dieser  beurteiler  ganz  andere  sprach  erschei- 
nungen als  die  des  lautwandels  und  der  analogiewirkungen 
vor  äugen  hätte,  dass  er  z.  b.  einseitig  begrifflichen  Verände- 
rungen seine  aufmerksamkeit  gewidmet  hätte,  und  also  von 
einer  ganz  anderen  seite  als  der  gewöhnlichen  an  die  beurtei- 
lung  der  Volksetymologie  heranträte.  Ja  es  gibt  eben  eine 
Spracherscheinung,  die  ganz  gewis  den  Volksetymologien  nahe 
gestellt  werden  darf,  obgleich  sie  in  diesem  Zusammenhang 
bisher  ihren  platz  nicht  gefunden  hat,  und  die  jene  extreme 
anschauung  von  den  Ursachen  vermitteln  könnte.  Die  sprach- 
erscheinungen,  die  ich  hier  meine,  sind  die  zahlreichen  Wort- 
bildungen, durch  welche  das  volk  aus  verschiedenen  gründen 
seine  eigenen  Vorstellungen  von  den  dingen  zum  ausdruck  zu 
bringen  pflegt,  wie  z.  b.  radcylas  'heranzieheglas'  für  'fernrohr', 
hierreckschale  für  'präsentierteller',  Imiserpulver,  das  seiner  zeit 
für  'antipyrin'  verlangt  wurd(^,  /i(insn'asfra(jstn,  tumirnix,  graue 
reitersalbe,  von  anderen  bezeichnungen  der  arzneimittel  nicht 
zu  reden.    In  diesen  und  anderen  derartigen  bildungen  sind  es 


436  KJEDERQVIST 

die  sachvorstellimgen,  die  zu  dem  neuen  wort  anlass  gegeben 
liaben,  und  zwar  nicht  wie  in  sföpcng  unter  der  mitwirkung 
der  lautähnliclikeit,  sondern  einzig  und  allein  ohne  jede  Unter- 
stützung durch  eine  äussere  ähnlichkeit  der  Wörter,  Wäre 
nun  jemand  von  einem  bei  der  näheren  betrachtung  dieser 
Veränderungen  gewonnenen  Standpunkt  einseitig  an  die  be- 
urteilung  von  indetene  oder  rißtuhiljett  herangetreten,  so  könnte 
es  ihm  passieren,  dass  er  den  einfluss  der  laut  ähnlichkeit  zu 
gunsten  desjenigen  der  begrifflichen  elemente  unterschätzte,  und 
zwar  ebenso  leicht  wie  das  entgegengesetzte  wirklich  passiert 
ist.  Dass  jedoch  niemand,  so  viel  ich  weiss,  in  ein  solches 
extrem  verfallen  ist,  das  hat  seinen  guten  grund  in  der  hand- 
grciflichkeit  der  lautlichen  Veränderungen  gegenüber  den  be- 
grifflichen in  diesen  lautlich-begrifflichen  Wortassimilationen. 

Indem  ich  nun  eine  abweichende  auffassung  der  Ursachen 
als  denkbar  und  möglich  vorgeführt  habe,  ist  es  doch  nicht 
meine  absieht  gewesen,  dem  einfluss  der  bedeutung  im  all- 
gemeinen eine  grössere  Wirkung  als  dem  der  lautähnlichkeit 
beilegen  zu  wollen. ')  Ich  wollte  nur  teils  jene  als  Ursache 
der  Veränderung  neben  dieser  scharf  hervorheben,  teils  das 
leicht  verzeihliche  schwanken  erklären,  in  das  man  geraten 
kann  und  in  das  ich  auch  geraten  bin,  sowol  wenn  ich  es 
unternahm,  die  gegebenen  erklärungen  der  Volksetymologie 
auf  die  einzelnen  bildungen  hin  zu  prüfen,  als  auch  wenn  ich 
versuchte,  eine  allgemein  giltige  bestimmung  in  bezug  auf  die 
Wichtigkeit  und  das  gegenseitige  verhalten  der  Ursachen  aus 
diesem  material  abzuleiten. 

Den  psychischen  verlauf  bei  der  entstehung  einer  lautlich- 
begrifflichen Wortassimilation  kann  man  sich  ja  als  eine  reihe 
von  nach  einander  in  einer  gewissen  Ordnung  eintretenden 
acten  denken,  und  um  die  aufgestellte  frage  zu  beantworten, 
gälte  es  dann  zu  entscheiden,    von  welcher  seite  der  erste 


')  Im  gegeutcil  ich  gehe  noch  weiter  als  die  forscher,  die  iu  der  regel 
die  hvutälnilichkeit  allein  als  Ursache  hinstellen,  wenn  es  in  einzelnen  fällen 
gilt,  dieselbe  ihr  recht  behalten  zu  lassen;  wenn  ich  z.  b.  gegen  Noreeu 
der  ansieht  bin,  dass  schwed.  oförcägcii  statt  förrägcn  'verwegen'  auch 
durch  die  lautforni  von  Wörtern  Avie  oförfärad,  oförtruten  becinHusst  worden 
ist.  Vgl.  ostfries.  icunhumli<i  'unbändig'  und  t(nuanband/(j  'ganz  unbändig' 
(J.  ten  Doornkaat-Koolman,  ^^'b.  der  ostfries.  spräche,  1884). 


LAUTLICH-BEGRIE*FLICHE   VVORTASSIMILATIONEN.  437 

anstoss  zu  der  Umbildung  kam.  Welches  ist  der  zündende 
funke  gewesen?  Entstand  er  z.  b.  aus  dem  lautgebild  odon- 
tine  oder  aus  der  Vorstellung  von  der  anwendung  der  sacke? 

Obsclion  der  ausdruck  indctene  nicht  sehr  alt  sein  kann, 
ist  er  doch  wahrscheinlich  nicht  zum  ersten  mal  bei  der 
gelegenheit  erklungen,  wo  ich  zufällig  von  jemand  hörte,  wie 
er  englisch  indetene  gegen  Zahnschmerzen  zu  verwenden  pflege. 
Aber  sichere  auskunft  kann  ich  nicht  geben.  Es  ist  auch 
unmöglich  zu  entscheiden,  ob  mein  gewährsmann  überhaupt 
einmal  das  wort  odonüne  gehört  oder  es  in  der  von  ihm  ver- 
wendeten form  von  einem  anderen  gelernt  hatte.  Von  den 
versuchsobjecten  selbst  ist  bei  diesen  beobachtungen  auf  keine 
auskunft  zu  rechnen.  Und  doch  müsste  man  unbedingt  nicht 
nur  die  erste  reproduction  des  neuen  Wortes  kennen,  sondern 
auch  wissen,  in  welcher  gestalt  und  in  welchem  Zusammen- 
hang es  dem  bildenden  mitgeteilt  worden  ist,  um  sich  mit  nur 
annähernder  gewisheit  über  den  verlauf  der  entstehung  äussern 
zu  können. 

Nur  ausnahmsweise  dürfte  sich  jedoch  eine  solche  gelegen- 
heit zu  unmittelbarer  beobachtung  bieten.  Und  man  ist  des- 
halb  darauf  angewiesen,  sich  die  nähereu  umstände  zu  con- 
struieren,  unter  denen  die  in  frage  stehenden  Umbildungen  zu 
Stande  kommen  können.  Denken  wir  uns  der  einfachheit 
wegen  nur  zwei  verschiedene  entstehungsweisen  des  Wortes 
indetene:  1)  A  sagt  zu  B,  der  märkisch  spricht,  er  habe  Zahn- 
schmerzen und  möchte  etwas  haben,  in  die  zahne  zu  stecken; 
er  bittet  B  dann,  in  die  apotheke  zu  gehen  und  für  zehn 
Pfennig  englisch  odontine  zu  kaufen.  In  diesem  falle  liegen  die 
Vorstellungen  von  etwas  englischem,  das  in  die  zahne  gesteckt 
werden  soll,  fertig  da,  um  B  dazu  zu  veranlassen,  schon  in 
dem  moment,  wo  er  das  vielleicht  nicht  allzu  correct  aus- 
gesprochene odontine  hört,  es  als  indetene  aufzufassen.  — 
2)  A  bittet  B,  in  die  apotheke  zu  gehen  und  ihm  für  zehn 
Pfennig  englisch  odontine  zu  kaufen,  und  C,  der  märkisch 
spricht,  und  von  den  Zahnschmerzen  oder  der  Verwendung  des 
mittels  überhaupt  nichts  weiss,  steht  nebenan  und  hört  das 
wort  zum  ersten  mal,  ohne  weiter  daran  zu  denken.  Später 
sieht  nun  C,  wie  A  ein  Wattepfropf chen  in  odontine  ein- 
taucht und  es  in  die  zahne  steckt.    Erst  jetzt  weiss  C,  wozu 


438  KJEDERQVIST 

oäontine  gebraucht  wird.  Und  wenn  er  in  dem  moment  das 
wort  odonfhir,  von  dem  sein  gedäclitnis  ein  dunkles  erinnerung-s- 
bild  aufbewahrt  liat,  aussprechen  will,  so  klärt  sich  dieses  bild 
durch  seine  association  mit  den  Vorstellungen  von  der  Ver- 
wendung plötzlich  auf  und  wird  englisch  in  de  tene. 

Im  fall  1)  sind  die  Sachvorstellungen  vor  dem  lautbild  im 
bewusstsein  des  bildenden  vorhanden,  im  fall  2)  verhält  es 
sich  umgekehrt.  In  den  hier  construierten  beispielen  könnte 
es  demnach  aussehen,  als  ob  die  eigentliche  Ursache  in  beiden 
fällen  eine  verschiedene  wäre,  wenn  man  nach  der  zeit  der 
aufnähme  der  sach-  und  lautbildvorstellungen  urteilt;  wenn 
man  aber  nach  dem  inducierenden  factor,  dem  zündenden 
funken  fragt,  so  wäre  dieser  auch  im  fall  2)  die  Vorstellung 
von  der  Verwendung  gewesen.  Gegen  diese  folgerungen  ist 
jedoch  gleich  zu  bemerken,  dass  von  einem  bilden  des  neuen 
Wortes  vor  dem  augenblick,  in  dem  sowol  das  lautbild  als  die 
Sachvorstellungen  zugleich  im  bewusstsein  actuell  sind,  eigent- 
lich keine  rede  sein  kann.  Anders  verhält  es  sich  bei  razieglas, 
wo  die  Sachvorstellungen  allein  zu  dem  neuen  wort  anlass 
geben,  oder  beim  schonischen  lyttnant,  das  durch  rein  lautliche 
anpassung  zu  stände  kommt. 

Gehen  wir  nun  von  der  Voraussetzung  aus,  dass  die  ent- 
stehung  einer  lautlich -begrifflichen  wortassimilation  in  dem 
augenblick  anfängt,  wo  das  lautbild  und  die  sachvorstellungen 
im  bewusstsein  zusammentreffen,  so  sind  wir  in  unserer  dar- 
stellung  der  ansichten  über  die  sog.  Volksetymologie  an  dem 
punkt  angelangt,  wo  A\'undts  behandlung  der  lautlich-begriff- 
lichen Wortassimilationen  die  frage  nach  deren  entstehung 
ihrer  lösung  näher  führt. 

Wundts  auffassung  der  associations Vorgänge,  zu  der  er 
besonders  durch  seine  beobachtungen  über  die  Sinnesillusionen 
gekommen  ist,  unterscheidet  sich  von  der  in  der  Sprach- 
wissenschaft herschenden  Herbartischen  dadurch,  dass  die 
associationen  zwischen  vorstellungselementen,  also  teilen  der 
Vorstellungen,  und  nicht  zwischen  ganzen  Vorstellungen  vor 
sich  gehen.  ^\'ie  wir  aus  der  obigen  darstellung  gesehen 
haben,  konnte,  so  lange  wir  mit  den  lautbildern  des  neuen 
und  des  ursprünglichen  wortes  und  den  sachvorstellungen,  die 


LAUTLICH-BEGEIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  439 

sich  an  dieses  und  an  jenes  anknüpften,  wie  mit  vier  in  sich 
geschlossenen  grossen  rechneten,  keine  befriedigende  antwort 
auf  die  frage  nach  dem  vorrang  der  beiden  Ursachen  vor 
einander  gegeben  werden,  und  zwar  nicht  einmal,  wenn  es, 
wie  liier,  sich  bloss  um  einen  bestimmten  einzelnen  fall  han- 
delte. Nehmen  wir  aber  mit  Wundt  an,  dass  die  Verbindungen 
der  Vorstellungen  durch  ihre  demente  vollzogen  werden,  so 
dass  sich  lautbildelemente  (lautvorstellungen)  mit  lautbild- 
elementen  und  sachvorstellungselemente  mit  sachvorstellungs- 
elementen  und  die  beiden  ungleichartigen  elemente  sich  auch 
gegenseitig  mit  einander  verbinden,  und  nehmen  wir  ferner 
mit  Wundt  an,  dass  diese  Verbindungen  in  der  regel  gleich- 
zeitig vor  sich  gehen,  so  ist  die  frage,  ob  die  lautähnlichkeit 
der  Wörter  oder  die  Sachvorstellungen  die  erste  Ursache  sind, 
nicht  mehr  so  acut. 

In  seinem  grossen  werke,  Völkerpsychologie,  bd.  1.  Die 
spräche,  hat  Wundt  die  spräche  und  ihre  mancherlei  erschei- 
nungen  in  eine  beleuchtung  und  in  einen  Zusammenhang  ge- 
stellt, bei  dem  in  einem  genialen,  streng  wissenschaftlichen 
System  den  verschiedenen  äusserungen  der  Sprachwirksamkeit 
ihre  platze  angewiesen  werden,  jeder  einzelnen  auf  grund  ihrer 
eigentümlichen  Zusammensetzung  aus  den  in  der  spräche  wirk- 
samen psychischen  und  physischen  elementen,  sofern  diese 
unserer  erfahrung  zugänglich  sind.  Mehr  als  in  irgend  einer 
anderen  menschlichen  function  macht  sich  in  der  Sprachwirk- 
samkeit die  Wechselwirkung  dieser  elemente  geltend,  indem  sie 
jede  form  von  Sprachänderung  bestimmt,  diejenige,  durch  welche 
min  zu  mein  sowol  als  diejenigen,  durch  welche  siurhcn  zu 
starben  und  arcuhalista  zu  armhrust  wird.  Damit  ist  aber 
nicht  gesagt,  dass  das  Verhältnis  zwischen  den  physischen  und 
psychischen  Ursachen  immer  dasselbe  ist,  sondern  es  sind  viel- 
mehr eben  die  in  diesem  Verhältnis  nachweisbaren  Verschieden- 
heiten, welche  die  einzelnen  arten  der  Sprachänderung  be- 
stimmen. Und  von  diesem  gesichtspunkt  aus  ordnen  sie  sich 
nun  für  ^^'undt  zu  einer  schön  zusammenhängenden  kette, 
von  den  relativ  einfachen  erscheinungen  zu  den  zusammen- 
gesetzteren und  zugleich  von  denjenigen,  die  uns  mehr  physisch, 
zu  denjenigen,  die  uns  mehr  psychisch  bestimmt  scheinen, 
während  doch  in  der  tat  sich  sowol  die  physische  wie  die 


440  KJEDERQVIST 

psychische  seite  bei  allen  geltend  macht.  Zu  unterst  steht  der 
reguläre  lautwandel,  dann  folgen  auf  immer  höheren  stufen  mit 
vielen  Übergängen  die  assimilationen,  die  analogie Wirkungen 
und  die  laut-  und  begriff sassociationen  bei  wortentlehnungen; 
zu  diesen  letzten  gehören  die  lautlich  -  begriff  liehen  wort- 
assimilationen. 

Gleichwie  Wackernagel  in  seiner  behandlung  der  um- 
deutschungen  der  lehnwörter  die  Wörter,  in  denen  'das  wort 
selbst'  verändert  wurde,  von  denen,  in  welchen  es  mehr  durch 
'äussere  zutat'  von  flexionsendungen  u.s.w.  verändert  wurde, 
unterscheidet,  so  nehmen  auch  bei  Wundt  die  im  capitel  vom 
lautwandel,  abschn.  vi  behandelten  laut-  und  begriffsassocia- 
tionen  bei  wortentlehnungen  gegenüber  den  vorher  erörterten 
associativen  fernwirkungen  (analogiebildungen)  der  laute  eine 
besondere  stelle  ein,  weil  sie  die  Wörter  in  ihren  grundelementen 
verändern,  während  die  associativen  fernwirkungen  in  der 
regel  die  beziehungselemente  treffen. 

Wundt  unterscheidet  nun  zwei  hauptformen  von  wort- 
entlehnungen. Die  eine  begegnet  uns  z.  b.  in  vogt  aus  lat. 
vocatus  und  besteht  in  einer  Umänderung  des  lehnwortes,  'ohne 
dass  dabei  der  begriffswert  desselben  wesentlich  alteriert  wird'. 
Das  ist  der  fall  der  wortentlehnung  mit  reiner  laut- 
association..  Die  andere  hauptform  ist  die  wortentlehnung 
mit  begriff  sassociationen  oder  die  Volksetymologie.  Bei 
dieser  'wirkt  ein  einzelnes  wort,  seltener  eine  bestimmte  gruppe 
von  Wörtern,  vermöge  der  lautassociationen,  in  denen  sie  zu 
einem  gegebenen  werte  stehen,  auf  dieses  ein,  indem  sie  es  in 
erster  linie  lautlich,  dann  aber  auch  in  gewissem  grade  be- 
grifflich assimilieren,  so  dass  der  ursprüngliche  begriff  des 
Wortes  dadurch  zwar  nicht  verdrängt  wird,  aber  eine  eigen- 
tümliche färbung  gewinnt,  die  ihm  vor  dieser  einwirkung  nicht 
zukam'. 

Die  wortentlehnungen  mit  begriff  sassociationen,  die  ich 
mit  der  charakteristischeren,  auch  von  Wundt  gegebenen  be- 
zeichnung  'lautlich-begriffliche  Wortassimilationen'  zu  benennen 
vorgezogen  habe,  unterscheiden  sich  trotz  der  grossen  ähnlich- 
keiten  von  den  wortentlehnungen  mit  reiner  wortassimilation 
dadurch,  dass  die  bei  den  letzteren  'ganz  im  hintergrunde 
bleibenden  begrifflichen  demente  ...  in  doppelter  weise  ent- 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE   WORT  ASSIMILATIONEN.  441 

scheidend  an  dem  Vorgang  teilnehmen'.  Sie  sind  es,  die  die 
auffassung  und  reproduction  des  wortes  bestimmen.  Und  sie 
sind  es  ferner,  die  dem  begriff  der  bedeutung  des  ursprüng- 
lichen Wortes  eine  eigentümliche  färbung  verleihen  oder  ihn 
sogar  umwandeln  können.  Genauer  bestimmt  aber  Wundt  die 
Volksetymologie  als  eine  '  Wortassimilation  mit  begrifflicher 
Umbildung  des  wortes  durch  die  assimilierenden  elemente'  oder 
eine  'lautlich-begriffliche  Wortassimilation'.  Unter  'assimilieren- 
den elementen'  haben  wir  dasselbe  zu  verstehen,  was  wir 
vorher  gelegentlich  lautbildelemente  und  sachvorstellungs- 
elemente  genannt  haben.  Also  wenn  wir  an  den  fall  stöpeng 
denken,  so  haben  wir  von  lautbildelementen,  die  sich  assimi- 
lieren, z.  b.  std  und  stö,  ntl  und  mj,  und  von  begrifflichen  oder 
sachvorstellungselementen,  z.b.  'arm',  'erhalten',  'fünfzig  mark', 
'Unterstützung',  'geld'. 

Mit  rücksicht  auf  ihr  Verhältnis  zu  den  lautlichen  wort- 
assimilationen  lassen  sich  dann  die  lautlich  -  begriff  liehen  in 
zwei  gruppen  sondern.  Die  eine  steht  jenen  näher,  weil  in  der 
assimilation  die  lautlichen  elemente  überwiegen.  Die  begriff- 
lichen elemente  bewirken  nur  'eine  nebenhergehende  association' 
mit  dem  an  das  ursprüngliche  wort  gebundenen  begriff,  wie 
z.  b.  wenn  bei  maulesd  an  das  maul  des  tieres  gedacht  werden 
kann.  Die  begrifflichen  elemente  wirken  darum  gewöhnlich 
nicht  in  erheblicher  weise  auf  das  lautgebilde  ein,  und  auch 
wo  die  lautassociationen  zu  ziemlich  unerwarteten  ergebnissen 
führen,  wie  in  umgetvenäet  Napoleon,  sollen  sie  den  begriffs- 
wert (hier  den  einer  salbe)  des  ursprünglichen  wortes  ziem- 
lich ungestört  lassen  oder  ihn  nur  ein  wenig  verändern. 
So  in  hlutjung  für  Uidtjung  {hlutt  dial.  =  Uoss,  also  ungefähr 
so  viel  wie  'jung  wie  ein  vogel,  der  noch  nicht  Mgg^  ist'), 
wenn  hier  statt  dessen  etwa  an  die  roten  ^^'angen  eines  knaben 
gedacht  wird.  Diese  gruppe  nennt  Wundt  'wortassimilationen 
mit  begrifflichen  nebenwirkungen'.  Und  weil  nun  wie  in  dem 
letztgenannten  beispiel  der  gedanke  an  ein  jugendliches  ge- 
schöpf  überhaupt  oft  in  den  Vordergrund  treten  kann,  und 
somit  die  hauptvorstellung  bewahrt  werden,  aber  auch  auf  der 
andern  seite  einmal  mehr  an  jugendliches  Unvermögen  —  den 
begriffswert  des  ursprünglichen  wortes  — ,  ein  anderes  mal  mehr 
an  jugendliche  frische  —  den  begriffswert  des  neuen  wortes  — 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVII.  29 


442  KJEDERQVIST 

gedacht  werden  kann,  so  bilden  solche  beispiele  in  mannig- 
faltigen abstnfungen  gerade  den  Übergang  zu  der  zweiten 
gruppe  der  lautlich  -  begriff  liehen  wortassiniilationen.  Diese 
gruppe  umfasst  die  'wortassiniilationen  mit  begriff sumwand- 
luiigen'  und  wird  dadurch  charakterisiert,  dass  der  laut-  und 
begriffsinhalt  des  Wortes  zugleich  und  zum  teil  durch  die  ein- 
wirkung  des  einen  auf  den  andern  verändert  wird,  und  vor 
allem  dadurch,  dass  die  assimilierenden  begriffselemente  nicht 
inadäquate  nebenvorstellungen  sind,  die  sich  nur  lose  mit  der 
hauptvorstellung  associieren,  sondern  diese  wirklich  um- 
gestalten, so  dass  das  neue  wort  ein  ebenso  selbständiges  laut- 
nnd  begriffsgebilde  darstellt,  wie  einst  das  ursprüngliche  wort. 
So  ist  sin-vluot,  ursprünglich  'die  allgemeine  Auf,  durch  die 
sich  gegenseitig  unterstützenden  laut-  und  begriffsassociationen 
mit  Sünde  zu  dem  nach  laut  wie  nach  bedeutung  veränderten 
sündflut  geworden. 

Wundts  einteilung  scheidet  sich  von  allen  früher  gemachten 
dadurch,  dass  ihr  princip  aus  dem  eigenen  wesen  dieser  sprach- 
veränderungen  genommen  und  durchgeführt  worden  ist.  Dieses 
princip  ist  der  einfluss,  den  die  in  ihnen  wirksamen  begriff- 
lichen associationen  auf  den  begriffsinhalt  ausüben.  Wundt 
hat  ferner  den  lautlich-begrifflichen  wortassiniilationen  ihren 
rechten  platz  unter  den  übrigen  erscheinungen  des  lautwandels 
angewiesen,  und  er  bezeichnet  sie  insofern  als  die  letzte  stufe 
der  angleichungsvorgänge,  als  bei  ihnen  'die  Vorgänge  selbst, 
ebenso  wie  die  bedingungen,  unter  denen  sie  entstehen,  am 
verwickeltsten  sind'. 

Indem  uns  aber  Wundt  in  seiner  anregenden  behandlung 
dieser  Sprachveränderungen  sowie  in  seinem  ganzen  werke  so 
viele  aufschlüsse  und  erklärungen  bietet,  die  zu  einer  rechten 
Würdigung  dieser  bedingungen  führen,  hat  er  uns  die  aiileitung 
zu  einer  ganz  idealen  einteilung  gegeben,  die,  wenn  unsere 
kenntnisse  einigermassen  vollkommen  wären,  auch  eine  ideale 
auf  Stellung  zulassen  würde. 

Diese  letzte  bedingung  bleibt  uns  nun  allerdings  noch 
übrig.  Es  ist  aber  der  weg  gewiesen  worden,  auf  dem  wir 
sie  erfüllen  können.  Was  wir  jetzt  brauchen,  ist  frisches 
material.  Es  genügt  nicht  mehr,  second-hand  angaben  zu 
sammeln  und  dann  mit  müsse   seine  betrachtungen   darüber 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  443 

anzustellen:  die  umbildimgen,  die  unsere  kenntnis  am  besten 
fördern,  sind  die  ganz  neuen:  sie  mögen  auch  ganz  zufällig 
und  ephemer  sein,  wenn  sie  nur  einer  genauen  Untersuchung 
zugänglich  sind.  Wie  im  fluge  müssen  sie  gefangen  und  aus 
dem  milieu  ihrer  entstehung  heraus  beschrieben  werden.  Die 
so  gesammelten  beispiele  müssen  dann  nach  den  von  Wundt 
gegebenen  regeln  gesichtet  und  geordnet,  und  umgekehrt  muss 
AVundts  darstellung  auf  ein  für  gründliche  psychologische 
durcharbeitung  geeignetes  material  hin  geprüft  werden. 

Eine  erfa,hrung,  die  wol  jeder  beobachter  von  lautlich- 
begrifflichen Wortassimilationen  machen  kann,  ist  die,  dass 
Worte,  die  er  erst  als  sinnlose  Verdrehungen  oder  rein  laut- 
liche Wortassimilationen  aufgezeichnet  hat,  bei  näherer  be- 
trachtung  doch  den  einfluss  von  begriffselementen  als  möglich 
erscheinen  lassen,  die  dem  bildenden  nahe  lagen,  die  aber  dem 
seinem  ideenkreis  fremden  beobachter  entgiengen.  So  wenn 
z.  b.  schonisch  trapprd  für  trottoir  sich  als  die  'treppenreihe' 
enthüllt.  Es  ist  hieraus  leicht  zu  sehen,  dass  auch  solche 
bestimmungen,  die  für  den  beurteiler  nebenbegriffe  sind,  für 
den  bildenden  hauptbestandteile  des  begriffs  sein  können. 
Gewis  ist  es,  um  nur  ein  beispiel  zu  nennen,  für  den  scho- 
nischen  bauernknecht  eine  haupteigenschaft  des  celluloid- 
kragens,  dass  er  bequem  gewaschen  werden  kann  und  dass 
sich  allzu  auffällige  Schmutzflecken  im  moment  abwischen 
lassen.  Und  von  seinem  Standpunkt  aus  ist  dann  sälvidkrage 
(wörtlich  'selbstweisskragen',  d.h.  ^ein  kragen,  der  wie  von 
selbst  wider  weiss  werden  kann')  gewis  keine  'wortassimila- 
tion  mit  begrifflichen  nebenwirkungen',  sondern  eine  'wort- 
assimilation  mit  begriffsumwandlung'.  Und  selbst  das  für 
sinnlose  Verdrehungen  klassisch  gewordene  beispiel  umgewendet 
Napoleon  aus  unguenhmi  neapolitanum,  das  von  Wundt  eben 
auf  die  grenze  der  rein  lautlichen  Wortassimilationen  gestellt 
wird,  ist  mir  einmal  von  einem  sächsischen  landapotheker, 
der  seine  künden  gut  kannte,  zum  teil  sinnvoll  erklärt  worden, 
indem  er  meinte,  die  bauern  dächten  an  die  hemden  und 
kleidungsstücke,  die  sie  zuerst  umwenden  mussten,  ehe  sie 
dieselben  mit  der  salbe  bestrichen. 

Der  gedanke,    den  ich  nach   diesen  beobachtungen   aus- 
sprechen möchte,  ist,  dass  man  bei  einer  wissenschaftlichen 

29* 


444  KJEDERQVIST 

gliedenmg,  in  der  es  gilt,  diese  Umbildungen  nach  der  ein- 
wirkung  der  begrifflichen  elemente  zu  beurteilen,  den  Stand- 
punkt des  bildenden  streng  festhalten  niuss,  um  so  gut  wie 
möglich  in  seine  sprach-  und  gedankenweit  einzudringen.  Und 
die  fragen,  die  man  sich  unter  anderen  aufstellen  und  möglichst 
genau  beantworten  muss,  sind  die  nach  der  form,  in  der  das 
fremde  wort  dem  bildenden  zuerst  nahe  gelegt  wurde,  die 
nach  den  lautlichen  bedingungen  seines  dialekts,  die  auf  die 
assimilation  einwirken,  und  die  nach  den  Vorstellungen  und 
Vorstellungselementen,  die  im  Zusammenhang  mit  dem  fremden 
Worte  geweckt  wurden. 

Es  ist  nun  in  vielen  fällen  gewis  keine  leichte  aufgäbe, 
allen  umständen  gerecht  zu  werden,  die  für  eine  genaue  Unter- 
suchung herangezogen  w^erden  müssen,  und  wenn  die  lautlich- 
begrifflichen Wortassimilationen  oft  ein  beliebtes  thema  ge- 
wesen sind,  so  verdanken  sie  diese  aufmerksamkeit  nicht  so 
sehr  dem  rein  sprachlichen  interesse,  das  sie  in  so  hohem 
grade  besitzen,  als  vielmehr  der  tatsache,  dass  sie  keine  geringe 
portion  von  liumor  in  sich  schliessen.  Denn  man  kann  wol 
mit  recht  sagen,  dass  sie  unter  den  'wilden  sprossen'  der 
spräche  gerade  die  witzigsten  sind,  ja  sogar  die  witzigsten 
bildungeu,  die  überhaupt  mit  sprachlichen  mittein  geschaffen 
w^erden.  Und  der  grund,  warum  sie  die  Sprachforscher  vor 
Förstemann  wenigstens  nicht  ernst  genommen  haben,  kann 
vielleicht  auch  darin  stecken,  dass  man  meinte,  sie  seien  nicht 
im  vollen  ernst  zu  stände  gekommen.  In  der  tat  scheinen 
auch  sowol  Förstemann  wie  Wackernagel  und  Andresen  es 
für  nötig  gehalten  zu  haben,  eine  art  Verteidigung  dafür  vor- 
zubringen, dass  sie  sich  mit  der  Sache  beschäftigten.  Das 
brauchen  war  lange  nicht  mehr,  eher  dafür,  dass  wir  es  in  der 
letzten  zeit  zu  wenig  tun.  Und  deshalb  möchte  ich  gern  eine 
mahnung  au  diejenigen  richten,  die  in  der  läge  sind,  dem  volke 
seine  trauliche  rede  abzulauschen,  dass  sie  auch  den  lautlich- 
begrifflichen  W'Ortassimilationen  ihre  aufmerksamkeit  zuwenden. 
Denn  w'enn  diese  auch  die  verwickeltsten  aller  lautänderungen 
sind,  so  sind  sie  zugleich  die  in  jeder  beziehung  interessantesten. 

Obgleich  nun  schliesslich  eine  Untersuchung  über  die  ge- 
schichte  eines  begriffs  aus  der  sprachwissenschaftlichen  ter- 
minologie,  wie  die  hier  gelieferten  beitrage  zu  der  geschichte 


LAUTLICH-BEGRIFFLICHE   WORTASSIMILATIONEN.  445 

des  begriff s  der  Volksetymologie,  uns  über  noch  manches,  was 
sowol  das  wesen  nnd  umfang  der  betreffenden  spracherschei- 
nung,  als  die  entwicklimg  unserer  Wissenschaft  überhaupt 
angeht,  belehren  kann,  sei  doch  das  gesagte  genug.  Ich 
glaube  um  so  mehr  auf  einen  zusammenfassenden  überblick 
verzichten  zu  dürfen,  als  die  chronologisch  gehaltene  dar- 
stellung  sowol  als  die  im  anfang  aufgestellten  und  bei  der 
besprechung  jedes  einzelnen  autors  durchgeführten  fragen  nach 
den  Ursachen  dem  wesen  und  der  gliederung  der  Volksetymo- 
logie einen  solchen  überblick  der  anschauungen  überflüssig 
machen. 

Förstemann  sprach  im  jähre  1852  den  wünsch  aus,  dass 
bald  die  gelegenheit  gegeben  werden  möge,  die  kenntnis  der 
deutschen  Volksetymologie  über  den  damaligen  Standpunkt  zu 
vertiefen,  und  25  jähre  später  äusserte  er  seine  freude  und 
seinen  stolz  über  das  durch  seinen  ersten  aufsatz  erweckte 
Interesse,  das  unter  anderem  in  Andresens  buch  einen  aus- 
druck  gefunden  hatte.  Es  sollte  dann,  fast  nach  einem 
zweiten  viertel  Jahrhundert,  einem  sprachpsjxhologen  vor- 
behalten sein,  die  fiage  von  dem  ^mächtigen  und  geheimnis- 
vollen walten  der  assimilationskraft'  näher  zu  beantworten 
und  zugleich  der  erscheinung  einen  neuen  und  besseren  namen 
zu  geben.  Und  wenn  wir  nun  deshalb  mit  Wundt  dem  alten 
begriff  der  Volksetymologie  eine  vollkommenere,  ihrem  wirk- 
lichen wesen  entsprechendere  fassung  geben,  so  müssen  wir 
auch  die  alte  benennung  gegen  die  neue,  lautlich -begriffliche 
Wortassimilation,  austauschen.  Dadurch  gewinnen  wir  nicht 
nur  einen  richtigen  namen  der  saclie,  den  wir  früher  nicht 
hatten,  sondern  zugleich  einen,  der  die  deflnition  des  zu 
nennenden  begriffs  klar  und  deutlich  durchblicken  lässt. 

LUND,  juli  1902.  JOHN  KJEDERQVIST. 


UNTERSUCHUNGEN 
ZUM  REIMGEBRAUCII  RUDOLFS  VON  EMS. 

Die  vorliegenden  untersuchung-en  sind  auf  einen  ganz 
bestimmten  zweck  hin  gearbeitet:  sie  sollen  einem  künftigen 
heransgeber  Rndolfischer  werke,  deren  ja  leider  noch  die 
mehrzahl  nngedruckt  ist,  eine  sprachliche  grundlage  geben, 
von  der  aus  die  textgestaltung  in  strittigen  fällen,  insbesondere 
da  wo  die  Überlieferung  ihn  im  stiche  lässt,  mit  einiger  Wahr- 
scheinlichkeit vorgenommen  werden  könne. 

Dadurch  scheinen  diese  Untersuchungen  an  sich  gerecht- 
fertigt, zugleich  aber  auch  der  leitende  gedanke,  die  reim-  bez. 
Sprachgewohnheiten  des  dichters  möglichst  genau  kennen  zu 
lernen,  und  sich  hierbei  nicht  bloss  auf  einzelheiten,  die  etwa 
seinem  heimatlichen  dialekt  zur  last  fielen,  zu  beschränken. 
Daraus  ergibt  sich  schon,  dass  diese  forschungen  mehr  die 
form  eines  grammatischen  compendiums  zu  Rudolfs  Sprach- 
gebrauch annehmen  mussten;  darum  habe  ich  auch  die  ein- 
t eilung  nach  art  unserer  grammatiken  gewählt.  Dies  ist  zu- 
gleich der  formale  unterschied  von  den  in  neuester  zeit  so 
erfolgreich  namentlich  von  C.  Kraus  und  K.  Zwierzina  an 
den  höfischen  epikern  und  Yeldeke  angestellten  reimtecli- 
nischen  beobachtungen,  welchen  auch  die  vorliegende  Unter- 
suchung in  erster  linie  ihre  anregung  verdankt. 

Durch  diese  art  der  anläge  musste  die  arbeit  oft  mit 
material  in  umfänglicher  weise  belastet  und  auch  gelegentlich 
(wie  bei  dem  cap.  'eigennamen')  das  versinnere  herangezogen 
werden.  Wenn  trotzdem  die  grammatische  auslese  aus  dem 
reichlichen  material  (g.  Gerhart  6928,  Bari,  und  Josaphat  16124, 
zusammen  23052  verse)  nicht  immer  eine  allzu  grosse  ist,  so 
scheint   mir  dies  die  berechtigung  derartiger  Untersuchungen 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  447 

nicht  zu  widerlegen,  zeigt  vielmehr  in  unserem  falle  deutlicher 
als  jedes  statistische  resultat,  wie  peinlich  genau  unser  dichter 
reimt,  und  wie  sehr  wir  also  gerade  darum  berechtigt  sind, 
auch  bei  einer  verhältnismässig  geringen  zahl  von  'beweisenden' 
reimen  einen  scliluss  auf  den  sprach-  oder  doch  reimgebrauch 
des  (Lichters  zu  ziehen. 

Was  die  methode  des  citierens  betrifft,  so  habe  auch  ich 
immer  nur  die  erste  zeile  eines  verspaares  verzeichnet:  eine 
ausnähme  geschah  nur  bei  den  eigennamen,  wo  das  betreffende 
wort  im  Innern  eines  verses  vorkommt.  Bei  zusammengesetzten 
Wörtern  ist  in  der  regel  nur  der  zweite  teil,  der  eben  im  reim 
steht,  und  auf  den  es  allein  ankommt,  gesetzt,  insbesondere 
sind  präfixe  meist  ganz  weggelassen;  dass  ein  compositum  ge- 
meint ist,  ist  durch  einen  vorgesetzten  bindestrich  angedeutet; 
-(jic  bedeutet  also  z.  b.  nicht  bloss  das  simplex,  sondern  auch 
ergie,  zergie,  übergie  u.s.w.  Die  belege  sind  nach  dem  am 
meisten  vorkommenden  reim  wort  geordnet,  unbekümmert  ob 
dieses  auch  immer  an  erster  stelle  im  verspaar  steht;  dieses 
reimwort  steht  am  beginne  der  aufzählung  und  wird  dann 
weiter  durch  einen  gedankenstrich  ersetzt  ( — :). 

Vor  abfassung  dieser  arbeit  fand  ich  bei  herrn  prof.  dr. 
C.  Kraus  über  anläge  und  Verwertung  der  reimregister  freund- 
liche Unterstützung;  insbesondere  aber  förderte  herr  hofrat  prof. 
dr.  Eich.  Heinz el  die  arbeit  durch  wertvolle  winke. 

Es  ist  mir  ein  bedürfnis,  den  genannten  lierren  auch  an 
dieser  stelle  meinen  verbindlichsten  dank  zu  sagen. 

A)  Erscheliuingen  aus  der  lautlelire. 

I.    Vocalismus. 

§  1.    Bindungen  verschiedener  vocalischer  quantität. 

Rudolf  von  Ems  meidet  aufs  ängstlichste,  vocale  ver- 
schiedener quantität  in  den  reim  zu  setzen:  a  wird  mit  a,  d  :  ä, 
e  :  e,  e  :  e  u.  s.  w.  gebunden.  Dass  die  eine  ausnähme,  die  hierin 
begegnet,  az  :  apläz  B.  173,  31,  eine  scheinbare  ist  und  eine 
grammatische  erklärung  fordert,  hat  schon  Zwierzina  (Mhd. 
Studien,  Zs.  fda.  44, 12  ff.,  bes.  18)  gesehen,  und  gezeigt,  dass 
neben  dem  aus  dem  alid.  übernommenen  prät.  äz  schon  früh, 


448  JUNK 

sogar  schon  in  alid.  zeit  selbst,  sich  ein  praet.  mit  kürze  des 
vocals,  äz,  in  analog'ie  zu  sas,  vergas,  mas  n.  dgl.  gebildet  hat. 
Unser  dichter  steht  hier  auf  dem  Standpunkt  des  altertüm- 
licheren äs,  das  er  niemals  mit  kürzen  reimt.  Seine  bindungen 
in  dieser  kategorie  sind 

saz  :  vergaz  G.i)  443.  2009.  5967.  B.  8,  21.  140, 15.  218,  33.  —  :  Jaz  G. 
3683.  B.  205,  28.  —  :  naz  G.  3757.  —  :  daz  G.  4955.  5767.  6045.  B.  53,  29. 
170,  21.  230,  27. 

daz  :  haz  G.  583.  3173.  B.  17,  35.  29,  3.  35,  27.  44,  35.  143, 19.  167, 19. 
181, 17.  211,  37.  —  :  haz  G.  825.  1217.  1377.  2197.  4231.  4561.  5041.  5589. 
6503;  6875.  B.  37,  29.  64,  3.  87,  27.  114,  31.  137, 17.  142, 11.  145,  5.  170,  9. 
210, 15.  216,  5.  222,  31.  251,  35.  284,  33.  293,  27.  296,  9.  297,  21.  367,  7.  — 
:  laz  G.  1081.  4157.  B.  185,  33.  242, 13.  292, 17.  299, 17.  —  :  waz  G.  1713. 
3801.  6307.  6481.  B.  32,  29.  139,  23.  183,  29.  —  :  vergaz  B.  14,  27.  88,  9. 
190, 29.  —  :  vaz  B.  78,  3.  98,  9.  325, 15. 

haz  :  haz  G.  623.  2797.  3199.  B.  18,  29.  19,  37.  112, 17.  246,  21.  — 
:  xcaz  G.  855.  —  :  vergaz  G.  1047.  1049.  —  :  enisaz  B.  37,  9.  203,  27. 
225, 1.  278, 31. 

haz  :  loaz  G.  967.  4255.  6635.  B.  80, 11.  371, 13.  —  :  maz  G.  1263. 

—  :  vergaz  G.  4565.  B.  261,  3.  —  :  vaz  B.  47,  35.  —  :  saz  B.  76,  29.  225, 13. 

—  :  laz  B..  179,  35.  364,11. 

vergaz  :  naz  G.  3207.    —  :  gemaz  G.  3561.     —  :  vaz  B.  91,  39. 
laz  :  vaz  B.  320,  37.  325, 11.  —  Summe  103  biudimgen. 

Ebenso  strenge  reimen  nun  auch  die  längen;  zwar  kommt 
die  lautverbindung  -äs  :  -äs  an  sich  im  reime  nicht  vor  (ebenso 
wie  bei  Hartmann,  vgl.  Zwierzina  a.a.O.  44, 19),  wol  aber  -äse, 
-äsen,  und  zwar  in  folgenden  fällen: 

mäze  :  ivaze  B.  48,  23.  —  :  sträze  B.  56,  33.  136, 1.  —  :  läze  B.  127, 17. 
388,  27. 

säzen  :  gäzen  G.  717.  —  :  rergäzen  G.  5479. 
mäzen  :  sträzen  G.  2647.  —  :  läzen  G.  6385. 
läzen  :  vergäzen  G.  2759.  3669.    B.  53,  31.  —  Summe  12  fälle. 

Es  wird  also  an  der  bezeichneten  stelle  äs  :  apläs  gegen 
Pfeiffers  Schreibung  anzusetzen  sein.  Wenn  der  dichter  das 
wort  nicht  öfter  als  einmal  reimt,  so  ist,  wie  Zwierzina  a.  a.  o. 
bemerkt,  der  mangel  eines  passenden  reimwortes  der  grund 
hierzu,  denn  mit  ms,  das,  has,  was  konnte  er  es  nach  seiner 
ausspräche  nicht  binden.    Zwierzina  hat  auch  noch  eine  andere 


')  G.  bedeutet  in  der  vorliegenden  Untersuchung  den  guten  Gerbart 
(ed.  Haupt  1840),  B.  =  Barlaam  und  Josapliat  (ed.  Pfeiffer  1843).  Ändere 
abkürzungen  habe  ich  nicht  gebraucht. 


ZUM    REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  449 

bindung-,  die  die  länge  dieser  präteritalform  bezeugt,  ans  der 
Weltclironik  beigebracht,  nämlicli  äs  :  miäerläz  (Zs.  des  Ferdi- 
nandeums  3,  42,  3).  Dies  bestätigt  das  obige  resiütat  aiicli  für 
die  späteren  dichtungen  Rudolfs. 

Der  zweite  fall  einer  bindung  verschiedener  vocalischer 
quantität  ist  angeblich  hin  :  sclitn  G.  4931.  Schon  Haupt  fand 
dic:'3n  reim  dem  sonstigen  gebrauche  Rudolfs  widerstrebend 
und  vermutete,  dass  nach  vers  4931  ein  reimpaar  ausgefallen 
sei.  Auch  bei  i  reimt  der  dichter,  wie  zu  erwarten,  nur  kürzen 
und  längen  unter  einander.  Es  erscheinen  in  G.  und  B.  für 
die  kürze  sin  :  in  :  hin  :  hin  :  gcicin  :  drin  (tribus)  :  Iceiserin 
:  Jdincgin  9  :  Icgiii  :  Scraphin  :  Cheruhin  186  mal  und  für  die 
länge  stn  :  schtn  :  din  :  min  :  ptn  :  h'inegm  :  Bin  :  -Im  :  Jici- 
serin  :  haldekin  :  sidhi  :  hilgerin  :  hermtn  :  ruhtn  :  güldin 
:  schrin  :  hülsin  :  hwrin  :  durntn  :  viurin  :  sivtn  :  nmUtn 
:  Sängerin  :  silherm  442  mal  gereimt.  Ebenso  strenge  und  aus- 
nahmslos bindet  der  dichter  unter  einander  4s,  -U  u.s.w. 
Diese  Übereinstimmung  hat  den  genannten  reim  hin  :  schin 
G.  4931  verdächtig  gemacht  und  Zwierzina  (a.a.O.  s.  11,  excurs) 
veranlasst,  Rudolf  facultativ  unreine  reime  von  i :  i  vor  n  (auf 
die  von  Zw.  gleichfalls  herbeigezogene  bindung  o  :  6  vor  rt 
komme  ich  gleich  zu  sprechen)  zuzugestehen;  er  stützt  sich 
dabei  auf  seine  beobachtung,  dass  Rudolf  fem.  auf  -innc  auch 
in  der  form  -in  liebt,  die  Verkürzung  auf  -in  aber  meidet; 
von  den  (auf  s.  475  f.  näher  besprochenen)  zwei  stellen  wird  in 
der  tat  die  eine  (G.  5107)  nach  dem  vorschlage  Lachmanns  zu 
emendieren  sein,  die  andere  (G.  161)  bleibt  aber  als  kurzform 
bestehen,  obwol  Zwierzina  hierin  einen  (zweiten)  unreinen  reim 
sehen  will.  Dem  kann  ich  nicht  zustimmen,  denn  erstens:  ist 
für  Rudolf  wirklich  (wenn  auch  nur  in  seinem  erstlingswerk) 
ungenaue  quantität  des  vocals  i  im  reime  zulässig,  so  ist  nicht 
einzusehen,  warum  er  bei  einem  so  reichen  reimt3'pus  (vgl.  die 
vorhin  genannten  Ziffern)  nicht  öfter  kürze  mit  länge  bindet, 
vielmehr  beide  so  strenge  auseinander  hält.  Und  zweitens 
gebe  ich  zu  bedenken,  dass  die  einzige  stelle,  auf  die  man 
sich  bei  einer  solchen  annähme  sporadischer  Unreinheit  stützen 

^)  Ob  diese  beiden  letzteren  mit  -\n  oder  -in  anzusetzen,  darüber  vgl. 
s.  475  ff. 


450  JUNK 

könnte,  hin  :  schin  G.  4931  (denn  h'incgin  :  in  G.  161  nehme  ich 
für  die  kürze  in  anspruch),  gerade  in  der  schlechten  hs.  B 
(aus  dem  ende  des  15.  jh.'s)  überliefert  ist.  Drittens  darf  ich 
wol  auch  auf  die  parallele  mit  Hartmann  (s.  s.  476)  hinweisen, 
zu  dem  unser  dichter,  wie  öfter,  auch  hier  stimmt. 

Ich  möchte  darum  noch  immer  eher  mit  Haupt  eine  lücke 
annehmen  und  verweise  auf  die  Vorliebe  unseres  dichters,  auf 
ein  reimpaar  mit  kurzem  vocal  eines  mit  demselben  aber 
langen  vocal  folgen  zu  lassen.  Darin  liegt  ja  bekanntlich 
eine  besondere  eigentümlichkeit  der  Kudolfischen  reimkunst. 
Solche  fälle  hat  Doberentz  aus  dem  von  ihm  (Zs.  fdph.  bd.  12 
und  13)  mitgeteilten  und  eingehend  erörterten  geographischen 
abschnitte  der  AVeit chronik  zusammengestellt'):  Geogr.  667 — 70 
gebar  :  schar,  fürivär  :jär]  763—66  genant :  lant,  haut:  hcgänt] 
1115 — 18  Jiänt :  hegänt,  lant :  genant.  In  den  hier  betrachteten 
gedichten  Eudolfs  finde  ich  dergleichen  im  G.  14  mal  beim 
vocal  a,  z.  b.  ß.  553 — 56.  1173 — 76  u. s.w.,  und  4  mal  beim 
vocal  ?■;  diese  letzteren  fälle  sind:  G.  3271 — 74  in  :  sin,  min 
:  sin;  4045 — 48  sin  :  hin,  sin  :  schtn\  6285 — 88  gewin  :  in,  min 
:  sin  und  umgekehrt  G.  3815 — 18  sin  :  hilgerin,  in  :  hin.  Im 
B.  findet  sich  dergleichen  ebenfalls. 

Dadurch  wird  ein  abirren  des  auges  für  den  Schreiber, 
da  ja  die  länge  und  kürze  des  vocals  in  den  hss.  meist  nicht 
bezeichnet  ist,  leicht  begreiflich. 

Auch  beim  vocal  o  reimt  Rudolf  nur  kürze  auf  kürze  und 
länge  auf  länge.  In  der  Verbindung  -ort-  erscheint  jedoch  ein 
ausnahmsfall,  nämlich  hörten  :  Worten  B.  253, 17  bei  überein- 
stimmender Überlieferung. 

Ich  gebe  wider  zur  übersieht  zuerst  die  bindungen  für 
-ort,  und  zwar  reimen 

ivort  :  dort  G.  251.  2533.  5743.  G083.  B.  6, 1.  63,  37.  6G,  13.  68,  21. 
71,25.  77,5.  81,23.  115,7.  174,11.  186,35.  214,39.  218,35.  229,29.  230,11. 


*)  Allerdings  unter  einem  unrichtigen  gesichtspunkte :  es  ist  kein 
'gehäufter  reim'  in  dem  sinne,  Avie  die  vielen  'vierreime'  bei  Rudolf,  oder 
wie  die  auch  durch  das  akrostichon  verbundenen  sieben  reime  auf  -ich  am 
sclilusse  des  Barlaam  (405, 11  und  ff.)  oder  die  sich  unmittelbar  daran  an- 
sclilicssendeu  sieben  reime  auf  -öt  B.  406,  (!— 12,  ferner  die  acht  letzten  verse 
auf  -an  des  Gerb.,  die  ersten  vier  auf  -aft  der  Weltchr.,  vers5— 8  auf  -eit 
daselbst ;  sondern  es  sind  zwei  aneinander  gefügte  reimpaare  verschiedener 
quantität:  das  charakteristische  liegt  bloss  im  gleichklaug. 


I 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  451 

277,31.  328,33.  330,29.  333,5.  340,33.  341,15.  346,35.  364,15.  368,9. 
376,  21.  395,  3.  —  :  ort  G.  281.  287.  B.  1,  19.  180,  11.  210, 5.  320,  11. 
322,  29.  328,  7.  331,  3.  338,  23.  352,  21.  —  :  hört  G.  375.  2169.  2333.  6819. 
B.  3, 17.  25, 17.  38,  29.  40,  7.  41,  23.  73, 13.  78,  23.  80,  21.  104,  23.  125,  25. 
135, 3.  157, 11.  297,  3.  376,  27.  —  :  bekort  G.  2347.  B.  137,  5.  —  :  durch- 
bort B.  79,  5. 

dort :  hoH  G.  1645.    B.  126,  5.  133, 11.  147,  35.  362,  27. 

mort :  hört  B.  267,  3  und  ort :  dort  B.  315,  33. 

Was  das  ö  betrifft,  so  ist  dieses  selbst  in  Verbindung  mit  r 
im  reime  gar  niclit  vertreten,  nur  der  umlaut  desselben  er- 
scheint 2  mal  im  reime,  und  zwar  hcere  :  stocre  B.  136,  25  und 
erhceret :  serstceret  B.  204,  35. 

Um  so  auffälliger  ist  der  eingangs  erwähnte  reim  hörten 
:  icorten  B.  253, 17.  Für  die  merkwürdige  tatsache,  dass  ein 
so  peinlich  genauer  reimer,  wie  Eudolf  einer  ist,  neben  68 
übereinstimmenden  fällen  für  kurz  -ort  doch  einmal  auch  ver- 
schiedene quantität  bindet,  wüsste  ich  zweierlei  erklärung. 
Entweder  müssen  wir,  nach  diesem  reime  zu  urteilen,  in  der 
lautverbindung  -ort  überhaupt  eine  längung  in  der  ausspräche, 
etwa  dem  dialekt  des  dichters  angehörig,  annehmen,  die  nur 
nicht  so  stark  gewesen  sein  dürfte,  dass  sie  consequent  durch- 
geführt worden  wäre;  denn  hätte  der  dichter  consequent  -ort 
gesprochen,  also  auch  u-ört,  dort,  ort  u.s.w.,  so  hätte  er  sich 
ein  so  bequemes  reimwort  wie  praet.  hörte,  hörten  wol  kaum 
entgehen  lassen,  da  er  es  dann  mit  Worten  u.s.w.  ohne  anstand 
hätte  binden  können.  Das  tut  er  aber  nicht,  der  typus  -orte, 
-orten  ist  mit  ausnähme  des  fraglichen  falles  überhaupt  gar 
nicht  vertreten;  daraus  folgt  klärlich,  dass  die  möglichkeit 
einer  uneingeschräukten  bindung  zwischen  kurz  und  lang  -ort 
nicht  absolut  angenommen  werden  kann;  es  hat  vielleicht  nur 
ein  ansatz  zur  dehnung  des  o  in  dieser  lautverbindung  be- 
standen, dem  sich  Rudolf  an  jener  stelle  nicht  entziehen  konnte, 
dem  er  aber  sonst  aus  dem  wege  geht,  indem  er  beciueme 
reimwörter,  Avie  hörte,  dabei  opferte.  Mit  dieser  erklärung 
lässt  sich  die  zweite  in  eiiiklang  bringen,  die  darin  bestünde, 
mit  Edw.  Schröder  (vgl.  0.  Kraus,  Veldeke  s.  125,  anm.)  die 
dehnung  nur  für  die  mehrsilbigen  formen  anzunehmen,  wäh- 
rend für  die  einsilbigen  die  kürze  gew^ahrt  bliebe;  denn  es  fällt 
ja  auf,  dass  jene  oben  angefülirten  Q^  übereinstimmenden 
bindungen  für  die  kürze  nur  einsilbige  reimformen  zeigen,  der 


452  JUNK 

ausnahmsfall  B.  253, 17  aber  zwei  mehrsilbige  worte  mit  einander 
bindet.  Es  wäre  demnach  jener  ansatz  zur  längung-  der  lant- 
verbindung  -ort  in  den  mehrsilbigen  formen  vorausgegangen 
und  so  weit  gediehen,  dass  Eudolf  es  wagen  konnte,  es  sogar 
einmal  in  den  reim  zu  setzen;  in  den  einsilbigen  formen  war 
die  kürze  noch  ungefährdet  geblieben.  Dass  bei  dieser  er- 
klärung  die  zeitliche  distanz  zwischen  Yeldeke  und  Eudolf 
keine  beachtung  fand,  scheint  mir  kein  hindernis,  stützt  sich 
ja  auch  Schröder  bei  seiner  ausführung  (vgl.  Kraus  a.  a.  o.) 
auf  •  gegenwärtig  gesprochene  rheinfränkische  mundarten.  Es 
wäre  also  für  den  dialekt  Rudolfs  eine  ähnliche  neigung,  das 
0  vor  rt  in  mehrsilbigen  Wörtern  zu  längen,  vorhanden  ge- 
wesen;') sie  gieng  aber  nicht  so  weit,  dass  der  dichter  sie 
ohne  anstand  hätte  in  den  reim  setzen  können,  und  so  erklärt 
sich  die  vereinzelte  bindung  hörten :  u-orten  am  ungezwungensten. 

§2.    Brechungs-  und  umlauts-e. 

Dieses  capitel  zeigt  die  peinlichste  genauigkeit  unseres 
alemannischen  dichters  nicht  nur  in  bezug  auf  die  quantität, 
sondern  auch  auf  die  qualität  in  den  c- reimen.  Vgl.  hierzu 
Zwierzina,  Zs.  fda.  44, 292.  Rudolf  kann  hierin  geradezu  als 
ein  muster  der  exactheit  hingestellt  werden. 

Um  in  diesem  abschnitte  nicht  allzu  ausführlich  zu  werden 
und  die  Übersichtlichkeit  zu  verlieren,  beschränke  ich  mich 
bei  der  Vorführung  des  reimmaterials  auf  das  notwendigste 
und  gebe  dort,  wo  viele  bindungen  eines  und  desselben  Stammes 
in  mehreren  formen  vorkommen,  nur  die  zahl  derselben  im  con- 
texte,  die  fälle  selbst  in  den  fussnoten  für  den  nachprüfenden, 
wenn  sie  nicht  in  anderem  zusammenhange  aufgeführt  sind, 
wo  dann  darauf  verwiesen  wird. 

Der  reimtypus  -EB-  bietet  zahlreiche  bindungen  für  e, 
und  zwar  reimt  Rudolf 

stamm  lebe :  gebe  in  verschiedenen  formen  236 mal, 2)  stamm 


1)  Ueber  ähnliche,  meist  gleichfalls  mehrsilbige  Wörter  betreifeude 
bindnugen  bei  anderen  Alemannen  vgl.  Zwierzina,  Zs.  fda.  ii,  11  (excurs). 

2)  Die  fülle  sind:  lebe  :  <ßhe  G.  3175.  3195.   B.  34,33.  120,23.  147,17. 
179,7.  187,1.  281,7.  336,17.  388,33. 

Uhen  :  gehen  (und  gegeben)  G.  271.  383.  405.  1549.  1717.  1851.  2175. 
2191.  2489.  2553.  2581.  2747.  2783.  3015.  3031.  3083.  3147.  3159.   3197. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  453 

Iche  :  sicehe  9  maV)  ausserdem  die  bindimgen  leben  :  streben 
G.  2687.  B.  134, 33,  lebende  :  ividerstrebende  B.  269,  29,  lebet 
:  strebet  B.  9,  25.  242,  15.  382,  21,  lebete  :  strebete  B.  314,  19. 
Endlich  gehört  hierher  geben  :  siveben  G.  2455.  Zusammen  253 
sichere  fälle  e  :  c. 

Dazu  kommt  ein  fall  swebel :  ncbel  B.  313, 17;  diese  bindung 
ist  qualitativ  ganz  regulär,  denn  das  fremde  e  des  lat.  nebula 
wird  regelmässig  (Weinhold,  Mhd.  gr.  §  40.  Mhd.  wb.  1, 407  und 
2,  327)  als  brechungs-e  behandelt. 

Der  typus  -EC-  bringt  neben  u-i'c  :  vlec  B.  70,  5.  377,9 
auch  einen  fall  mit  umlauts-c,  nämlich  erscheclet :  üfgewecJcet 
B.  178,  29. 

Tj^pus  -ECU-  bringt  die  bindungen  brechen  :  stechen  B. 
113, 15,  sprechen  :  rechen  B.  214, 17.  274, 17,  sprechest :  rechest 
B.  296,  3. 


3481.  3953.  40G3.  4087.  4437.  4451.  4681.  4821.  5111.  5583.  5593.  5773. 
5811.  C009.  6117.  6341.  6351.  6545.  6557.  B.  2, 13.  3, 11.  3,  33.  6,  3.  8, 13. 
11,11.  15,29.  21,1.  23,39.  29,15.  31,3.  33,37.  35,17.  45,13.  52,37.  55,19. 
63,  5.  65, 13.  70,  27.  76,  37.  78,  37.  82,  31.  83,  35.  84, 11.  86,  3.  87,  37.  90, 1. 
94,1.  94,9.  94,25.  97,35.  99,13.  99,31.  101,25.  101,35.  105,1.  108,37. 
112,35.  113,23.  113,33.  115,3.  116,19.  119,17.  120,13.  127,5.  133,29. 
138,35.  139,11.  141,1.  141,7.  141,33.  142,5.  143,15.  144,33.  148,31. 
150,3.  151,3.  151,27.  156,1.  157,29.  158,23.  158,27.  159,3.  159,11. 
162,25.  164,7.  166,1.  167,35.  170,25.  170,37.  173,17.  173,33.  174,5. 
174,37.  175,21.  177,17.  180,15.  181,23.  183,3.  185,13.  186,13.  193,27. 
197,15.  197,39.  198,3.  199,13.  202,27.  203,21.  206,19.  206,37.  209,11. 
209,25.  209,37.  210,3.  211,15.  213,33.  214,7.  217,35.  220,7.  220,25. 
221,7.  221,21.  222,7.  231,29.  233,3.  234,33.  242,33.  243,7.  244,33. 
247,25.  254,19.  256,3.  258,1.  259,29.  260,19.  261,19.  261,31.  262,21. 
268,13.  270,3.  270,31.  271,11.  272,29.  274,19.  274,31.  275,9.  275,33. 
276, 3.  279, 3.  279, 19.  281, 5.  285,  19.  286,  17.  303,  21.  303,  39.  314,  1. 
314,11.  315,31.  318,29.  318,39.  322,11.  323,33.  324,29.  326,27.  326,37. 
335,21.  336,23.  341,19.  342,23.  344,9.  345,7.  345,37.  349,1-  354,9.  355,37. 
359,3.  360,33.  362,3.  364,9.  370,37.  371,9.  374,39.  377,37.  379,35.  380,21. 
380,39.  382,29.  387,21.  389,23.  390,3.  392,23.  394,15.  394,23.  396,29. 
399,  21.  102,  3.  402,  39.  404,  27. 

lebende  :  gebende  B.  50,  21. 

lebent :  (ßbent  B.  231, 13.  232,  31.  236, 19.  319, 15. 

lebest :  gebest  B.  168,11.  279,31.  366,15.  372,37. 

lebet  :  (jebet  B.  321,  3. 

^)  In  folgenden  bindungen:  lebe  :  sivebe  B.  29,1,  leben  :  siveben  B.  137,25, 
lebent  :  sivebent  B.  141,  9,  lebet :  sivebet  G.  269.  385.  B.  1,  29.  234, 17.  238,  7. 
247, 17. 


454  JUNK 

Tj'pus  -EG-.    Von  e  erscheinen  im  reim: 

tvege  (subst.)  :  pJdecje  Cl.  1897.  2603.  2617.  5207.  6579.  B.  30, 13.  36,  9. 
146, 17.  195, 1.  252, 29.  264, 15.  286,  25.  343, 1. 

tvege  (conj.)  :  jj/i%e  B.  27,  25. 

wegen  (inf.  und  part.  von  ich  wige)  :  phlegen  {gephlegen)  G.  4141.  4661. 
B.  23,17.  102,37.  120,25.  156,35.  235,7.  237,21.  266,7.  301,17.  —■.gelegen 
B.  217,  17. 

gewegen  :  segen  G.  333.    —  :  (legen  G.  6181. 

phlegen  (gephlegen)  :  segen  G.  1887.  4419.  B.  160,  31.  253,  21.  339,  7. 
368, 13.  —  :  gelegen  G.  2125.  2725.  5635.  —  :  diigen  G.  5363.  B.  181,  27. 
220, 21.  246, 27.  261,  7.  337,  25.  343, 15.  356,  7.  363,  21.  368, 19.  —  :  siegen 
B.  di,  27. 

segen  :  regen  (subst.)  B.  160, 7.  -  :  degen  B.  19, 33.  317, 15.  375, 37.  384, 11. 

segene  :  degene  G.  2531.  3603.    B.  282,  35. 

phlegent  :  ivegent  B.  245,  33.  271, 15. 

Dagegen  müssen  wir  die  beiden  in  dieser  kategorie  auf- 
tretenden inf.  wegen  :  regen  B.  240, 19  als  transitiva  zu  ich  tvigc 
und  ich  rige  auffassen  und  also  mit  umlauts-e  ansetzen;  ich  wege 
(Mild.  wb.  3,  642  b)  =  ich  mache  wagen,  sowie  später  B.  307,  33 
si  wegete  sin  gemüete,  offenbar  also  hier  ich  rege  =  ich  mache 
ragen]  das  wb.  bietet  freilich  hierfür  keine  ausreichende  er- 
klärung  (wol  weil  es  ich  rege  2.1,609  a  und  ich  rage  2,1,548 
getrennt  behandelt)  und  keine  belege. 

Typus  -EH-.  Ich  fasse  wider  zusammen:  stamm  sehe 
:  spehe  13  mal,')  stamm  sehe  :  (ge)schehe  36  mal, 2)  stamm  sehe 
:jehe  34  mal, 3)  ferner  stamm  jehe  :  S2)ehe  4  mal,^)  stamm  jehe 
:  geschehe  22  mal,''')   ausserdem   gehören  hierher  die  einzelnen 


•)  Die  fälle  sind :  sehe  :  spehe  G.  1929.  (ge)sehen  :  spehcn  G.  753.  1251. 
1485.  1577.  3893.  3989.  5277.    B.  48, 7.  48,  35.  55,  7.  80, 27.  376, 17. 

«)  sehe  :  geschehe  B.  103,  35.  108,  7.  166,  31.  383,  9-  (ge)schen  :  geschehen 
G.  1401.  1769.  1975.  2149.  2735.  2955.  2985.  3045.  3115.  3535.  4459.  5667. 
5843.  6039.  6519.  B.  27,  35.  29,23.  31,31.  38,3.  44,37.  72,35.  84,25.  84,35. 
85,5.  92,  .3.  98,15.  207,5.  294,1.  301,35.  314,39.  334,11.  381,15. 

3)  scheijehe  B.  152,  37.  177, 1.  217, 19.  (ge)sehen  :jehen  G.  1597.  1711. 
2995.  3397.  B.  20,  25.  38,  39.  39,  7-  51,  7.  70, 1.  79,  39.  130, 17.  141,  23. 
151,39.  152,5.  152,13.  152,29.  182,3.  192,15.  226,21.  261,5.  268,19. 
291,21.292,33.326,9.  347,15.  sehende  :  jehende  B.  22,  33.  sehent :  jehent 
G.  921.  3023.    B.  270,  21.  288, 19.    versehest  ijehest  B.  279,  21. 

*)  jiihe  :  spehe  G.  6871.  jehen  :  spehcn  G.  1051.  B.  223,5.  jehent 
:  sp'ehent  G.  31. 

'")  jehen  :  geschehen  G.  3.  925.  993.  2063.  3389.  3803.  3861.  4125.  5385. 
B.  31,23.  157,23.  170,31.  188,33.  206,1.  210,37.  212,11.  219,31.  270,39. 
295, 19.  295, 31.  325, 19.  335, 33.  404,  37. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  455 

binduiig-en  gescheiten  :  S2yehen  G.  903.  4143.  4299,  hrehen :  speJien 
G.  1683,  hrehen  :  {ge)sehen  G.  5057.  6365.  B.  62,29;  und  jehen 
:  hrehen  G.  5925. 

So  wie  der  eben  besprochene  zeigt  auch  der  folgende 
typus  -EHT-  nur  e  unter  einander  gereimt;  die  fälle  sind, 
übersichtlich  geordnet,  die  folgenden: 

reht :  sieht  G.  2857.  3483.  5803.  B.  94, 13.  103,  33.  233,  39.  2G7,  21. 
343,33.  372,17.  —  :  kneht  G.  3153.  33G9.  3555.  3929.  5785.  B.  101,17. 
204, 17.  280,  23.  319,  31.  335,  39.  343, 13.  3G2.  9. 

sieht:  kneht  B.  18, 2  L. 

rehte  :  kneJite  G.  3549.    B.  36,  35.  114,  37.  159,  21.  343, 23.  360,  9. 

Niemals  erscheint  ein  reim  des  jüngeren  umlauts  ä  auf  e, 
wie  dies  andere  dichter  gerade  vor  ht  nicht  selten  zeigen 
{geslähte  :  rehte),  vgl.  Zwierzina,  Zs.  fda.  44,  295  ff. 

Typus  -EL,  -ELLE,  -ELT  gibt  belege  für  beide  e.  Zu- 
nächst die  e;  da  reimen 

sml  :  hei  G.  513.  spei :  S)iel  B.  11,  25.  sniil  :  hl^^el  B.  119,  5.  velt  :  (je- 
zelt  (siibst.)  G.  5279.  5869.  5887.  5931.  5997.  ivät  (subst.)  :  (jezelt  B.  67,  39. 
icelt  (subst.)  :  gät  B.  96,  21.  130,  3.  (jezelt  (subst.)  :  (ßlt  B.  133,  25.  velt :  gHt 
B.  310,  7. 

Ferner  ein  fall  mit  umlauts-e,  nämlich  geselle  :  helle  (subst.) 
B.  308,  23. 

Dann  aber  gehören  hierher  die  nur  mit  umlauts-e  gebun- 
denen formen  von  wellen,  iveln,  und  zwar 

welle  (conj.)  :  geselle  B.  123, 17.    -   :  helle  B.  249,  25.  257, 11. 
ivelt  (2.  pl.)  :  gezelt  (part.)  G.  1393.    B.  69,  23. 

Durch  diese  reime  eines  so  genau  unterscheidenden  dichters 
wird  die  qualität  des  e  in  den  präsensformen  von  tvellen  als 
die  des  geschlossenen,  umlauts-e,  neuerdings  unterstützt  (Braune, 
Ahd.gr.  §  385  a.  3). 

Typus  -EM-  bringt  nur  e,  und  zwar  stamm  wme :  ^re^me 
in  23  bindungen.') 

Typus  -ENB-  zeigt  andrerseits  nur  umlauts-e,  mit  einander 
gereimt,  und  zwar 


')  Die  fälle  sind:  neme  :  gezime  G.  2123.  3061.  4233.  6157.  6483. 
B.  152, 1.  228,  35.  335, 19. 

nemen  :  gezemen  G.  1059.  3321.  4401.  B.  149, 17.  153,  3.  167, 1.  183,27. 
247,  37.  254, 15.  272,  27.  339, 19.  342,  35.  350,  21.  365,  35. 

nemest :  gez'emest  B.  367, 13. 


456  jüNK 

ende  (subst.)  :  missewcndc  (subst.)  G.  15.  1893.  B.  1,  9.  78, 21.  270,  33. 
—  :  hende  B.  45,  31.  74,  7.  391,  9.  —  :  vrstende  B.  94,  19.  96,  15.  99,  1. 
170, 17.  207,  33.  209,  31.  270,  7.  —  :  eilende  B.  129, 11.  211, 19.  359,  27. 
Ferner  verende  (conj.)  :  ejesende  (couj.)  G.  2791.  sende  (conj.)  :  eilende  G. 
6913.     eilende  :  hende  G.  3731. 

wenden  :  enden  (inf.)  G.  1209.  2013.  B.  23,  5.  olbenden  :  enden  (dat. 
pl.)  G.  1295.  enden  (dat.  pl.)  :  lendcn  (iiif.  'landen')  G.  2643.  senden  :  ver- 
enden B.  4,  7.  sioenden  :  senden  B.  133,  35.  sehenden  :  blenden  B.  284,  1. 
sicendet :  verendet  B.  81, 11.  102,  39. 

Typus  -JENE  enthält  nur  den  reim  ^cne  -.jene  B.  88,  33, 
wodurch  die  geschlossene,  hohe  ausspräche  des  e  im  demonstrat. 
jmcr,  die  Grimm  (DWb.  4,  2,  2304  f.)  hier  als  einen  ausnahms- 
fall  von  der  gewöhnlichen  mhd.  ausspräche  als  'tiefes  e'  be- 
trachtet wissen  wollte,  ebenso  bestätigt  wird,  wie  durch  die 
Schreibungen  gcmer,  i)  gJticner,  gincr  (Weinhold,  AI.  gr.  s.  292. 
Mhd.  gr.  §  47  und  488).  Braune,  Ahd.  gr.  §  289  a.  1. 

Die  folgenden  typen  -ENG-,  -ENK-,  -ENN-,  -ENI-  bringen 
natürlich  nur  umlauts-e  im  reime  auf  einander.  Es  sind  die  fälle 

lenge  :  enge  B.  10,  31.  136,  3.  strenge  :  lenge  B.  386,  29.  strenger  :  lenger 
B.  396,  25. 

senke  :  gedenke  G.  1565.  krenken  :  heswenken  G.  2061.  krenken  :  senken 
G.  3365.  schenken  :  bedenken  G.  3689.  gedenken  :  {ent)wenken  G.  4367. 
B.  199, 15.  krenken  :  bedenken  B.  262,  27.  gedenkest  :  trcnkest  B.  350,  37. 
{ver)krenket :  gedenket  G.  2701.  6227.  verkrenket  :  versenket  B.  39, 23.  ver- 
krenket  :  entwenket  B.  300, 19. 

nenne  :  erkenne  G.  361.  nennen  :  kennen  B.  50,  9.  62, 11.  99, 23.  130, 11. 
142,  37.  197, 17.  enbrennen  :  erkennen  B.  351, 17.  nennent  :  erkennent  B. 
257,  33.  nennest :  erkennest  G.  2097.  nennet :  erkennet  G.  6607.  enbrennet 
:  erkennet  B.  348,  21. 

versent  (part.)  :  geicent  G.  5007.  sente  (praet.)  :  icente  (praet.  von  uwnen) 
G.  4841. 

Typus  -Eli  zeigt  bei  ungefähr  gleich  vielen  reimen  von 
e  :  e  und  e  :  c  die  deutlichste  trennung.  Zu  bemerken  ist,  dass 
auch  Hartmann  und  Wolfram  gerade  vor  r  die  beiden  e  strenge 
auseinander  halten.  2)    Zunächst  die  e. 

her  (Imc)  :  ger  (subst.)  G.  679.  2663.  3309.  B.  21,37.  —  :  ger  (Lsg.) 
G.  1099.  2139.  B.  166, 15.  —  :  iver?  G.  1361.  —  :  der  G.  4187.  5645.  — 
:cr  G.  4193.  4241.    B.  27,33.  44,1.  86,37.  180,23.  190,21.  193,13.  216,17. 

1)  Dieses  ei  in  geiner  darf  nicbt  ((irimm  a.  a.  0.)  als  diphthong  an- 
gesehen werden,  sondern  ist  nur  ein  versuch,  den  hohen,  dem  /  sich  nähern- 
den klang  dieses  'geschlossenen  f'  graphisch  anzudeuten. 

2)  Vgl.  Zwierzina,  Beiiugebrauch  Hartnianus  und  \^'olfralus  (Festgabe 
iür  Heinzel)  1898,  s.  476. 


ZUM  RELMGEBKAUCH  RUDOLFS  V.  EMS.  457 

g?r  (subst.)  :  er  G.  1019.  1155.  B.  40,  9.  290,  35.  —  :  fjewer  (3.  conj.) 
G.  1031. 

ger  (1.  sg.)  :  iver  (3.  conj.)  G.  2363.    —  :  er  B.  304,  23. 
ger  (3.  conj.)  :  er  G.  6845.    —  :  enher  (3.  conj.)  B.  398,  5. 
er  :  der  B.  59.  31. 

Lat.  eigennamen  werden  aiicli  hier  mit  e  gebunden,') 
und  zwar 

Jupiter  :  genfer  (3.  conj.)  Gr.  2557.  —  :  gov'er  (subst.)  B.  244, 13.  — 
:  er  B.  250,  5.    Lucifer  :  er  B.  51,  27.    —  :  geiver  (subst.)  B.  52,  21. 

Strenge  getrennt  von  diesen  bindungen  ersclieinen  die  um- 
lauts-e  in  den  reimen 

mer  (mare)  :  iver  (subst.)  G.  1273.  2605.  5173.  B.  235,  5.  235, 11.  249, 11. 
25G,  29.  262, 15.  264,  23.  —  :  her  (got.  harjis)  G.  2457.  2565.  2671.  3305. 
3917.  3939.  3947.  5259.  5435.  5441.  5827.  5881.  6583.  B.  56, 31.  57, 3. 
264, 11.  —  :  ber  (3.  conj.)  B.  240, 13. 

iver  (subst.)  :  her  (subst.)  B.  7, 11.  60, 1.  61, 15.  398, 13. 

Die  reimtypen  -EBB-,  -ERC,  -ERB-,  -ERN  midi  -ERR- 
bringen  nur  e  in  folgenden  fällen: 

sterbe  :  verderbe  B.  35, 19.    —  :  werbe  B.  214,  5.  230,  39.  332,  31. 

sterben  :  verderben  G.  4067.  B.  8,  11.  31, 19.  34,  7.  34,  35.  220, 13. 
221,  23.  226,  9.  303,  23.  —  :  loerben  B.  34,  27.  221,  31.  358, 19.  erwerben 
:  verderben  B.  133,  21. 

iverc  :  berc  B.  91,  23. 

erde  :  iverde  (subst.  und  adj.)  G.  373.  4335.  B.  26, 11.  27,  29.  42,  19. 
51, 21.  66,  27.  81, 27.  83,  37.  95, 3.  209, 13.  233, 9.  233,  37.  238,  21.  275, 25. 
328, 11.  328,  39.  339, 13.  400,  21.  —  :  tverde  (3.  conj.)  B.  29, 11.  34,  37. 
224, 3.  309,  29.  389, 17. 

gern  (inf.)  :  enbern  G.  681.    6447.    B.  298,  9.     —  :  gebern  B.  65,  31. 

—  :  geivern  B.  179,  5.  284,  39.  {tn)bern  :  (ent-)wern  G.  975.  B.  111,  5.  — 
:  Sehern  (inf.)  G.  4161. 

gerne  (adv.)  :  gelerne  B.  43, 13.  111,  29.  145,  7.  gernest :  'ernest  B.  19, 11. 
149,  21.    gernt :  wernt  G.  2745. 

herre  :  verre  (adj.  und  adv.)  G.  1365.  1943.  2089.  B.  13,  7.  28, 11.  97, 19. 
105,  21.  108, 21.  205,  7.  338,  9.  380, 13.  —  :  iverre  (conj.)  G.  3285.  B.  19,  5, 
•144, 13.  189, 23.  —  :  verre  (3.  conj.)  G.  5163.  herren  :  icerren  G.  1387.  4145. 
5831.    B.  201, 1.     —  :  verren  (inf.)  G.  1587. 

Typus  -ERT.  Neben  vielen  e-reimen  auch  einige  e,  doch 
immer  streng  von  einander  geschieden. 

gm  :  wert  (3.  sg.)  G.  595.  1033.  1427.  B.  16,  23.  89,  9.  275,  37.  315,  23. 

—  :  gewert  (part.)  G.  1723.  6173.  6237.  B.  350,  33.  358,  9.  395,  35.  —  :  wert 
(subst.  und  adj.)  G.  1945.  3163.  3165.  6903.  B.  48, 1.  115,27.  137,29.  143,13. 
143,23.  184,5.  220,23.  234,11.  243,27.  273,11.  291,11.  297,1.  319,9. 


0  S.  §  16  'eigennamen'. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVII.  30 


458  JUNK 

321, 23.  338, 13.  376, 11.    gegert  :  ivert  (adj.)  G.  3431.  5911.  6075.    B.  64,  7. 

—  :  geivirt  B.  85,  33.  289, 27.  299, 19.  305,  29.  351,  25.  387, 11.  —  :  wert 
(3.  sg.)  B.  167, 11.  stoert :  wert  (adj.)  G.  3371.  3403.  3591.  3601.  B.  168, 23. 
361, 19.    —  :  geivert  G.  4907.  4921.  4945. 

Davon  strenge  getrennt  die  binduugen  mit  e: 

vert :  verzert  (3.  sg.  und  part.)  G.  45.  B.  112,  31.  213, 25.  —  :  beschert 
(part.)  B.  136,  9.  221,  33.  239,  7.  240, 11.  314,  3.  beschert :  verzert  G.  4117. 
icert  (3.  sg.  alid.  werju)  :  hert  (3.  sg.  ahd.  harjöm)  G.  5151.  —  :  beschert 
(part.)  B.  147,39.     erwert  (part.)  :  beschert  B.  166,35.  203,19. 

Sodann  die  reime: 

■  {gebeerte  :  gerte  G.  489.    1043.    1045.    1475.   4967.     B.  62, 1.    187, 19. 
277, 11.  308,  5.  318,  27.  336,  7  und  loerien  :  gerten  (3.  pl.)  B.  299,  29. 

Aucli  liier  getrennt  die  reime  mit  e: 

nerte  :  herte  (subst.)  B.  57, 11.  tverte  (praet.  abd.  7cerju)  :  nerte  B.  61, 31. 
107,  23.     beherte  (praet.)  :  icerte  B.  330,  19.    gcnerte  :  herte  (adj.)  B.  396,  23. 

Ty])i\s -EBZ-  hat  nur  die  beiden  e-hmdnngen  herze :snier^e 
B.  156,  39,  herzen  :  smerzen  G.  4825. 

Der  folgende  typus  -ES  bringt  wider  die  offene  aus- 
spräche des  fremden  e  in  lat.eigennamen:i?ercwZe5:  f?e5B.251,39. 
255,  3;  ferner  reimen  unter  einander  Ädönides  :  Änchises  B. 
259, 37 ;  i)  dies  zugleich  die  einzigen  bindungen  dieser  reim- 
kategorie.    Dann  reimen 

lese  :  ivese  B.  5, 17.  403, 17  und  wese  :  genese  B.  96,  37.  179,  9 ;  endlicb 
(ge)wesen  :  genesen  (inf.  und  part.)  G.  2957.  3985.  4103.  B.  34, 11.  102, 17. 
106,9.  111,17.  113,35.  121,7.  128,23.  157,33.  158,29.  164,9.  167,5.  172,35. 
178,35.  184,7.  198,23.  203,31.  210,23.  229,23.  230,35.  230,37.  234,27. 
245,7.  264,33.   277,1.   311,9.  315,7.  357,5.   365,33.   376,33.  395,37;  und 

—  :  (ge)lesen  G.  6847.  B.  5,  23.  24,  39.  32, 19.  115,  31.  172, 17.  180, 1.  185,  7. 
266,  37.  267,  27.  340, 15.  380, 11. 

Typus  -EST-  zeigt  nur  umlauts-e,  und  zwar: 

geste  :  veste  (adj.)  G.  5759.  B.  114,  9.  veste  (subst.  und  adj.)  :  beste  B. 
18,31.  81,7.  101,37.  162,35.  244,17.  372,27.  besten  :  gcslen  (int)  Q.  97. 
3421.  B.  217,  5.  gesten  (inf.)  :  vesten  (adj.)  G.  659.  besten  :  gcsten  (dat. 
p].)  G.  1441.    vesten  (adj.)  :  gesten  (dat.  pl.)  G.  4979. 

Typus  -ET  bringt  die  reime 

gebet :  tet  G.  229.  485.  493.  959.  B.  7, 21.  57, 19.  72, 1.  146,  27.  186,  7. 
187,15.  187,37.  204,31.  302,3.  316,29.  345,35.  349,21.  356,17.  370,35. 
375, 39.  377, 15.  386, 1.  386, 15.  392,  29.  398, 25.  feie  :  (ge)bete  G.  1027. 
B.  169,  3.  336, 13.    zertreten  :  entweten  B.  167,27. 


')  S.  §  16  'eigennamen  im  reim'. 


ZUM  REIMGEBRAUCH  RUDOLFS  V.  EMS.  459 

Tj^pus  -ETZ-  bringt  3  fälle  mit  umlauts-e,  nämlich 

setzen  :  lelzen  B.  113, 19.  ergeizet  :  gesetzet  G.  4051.  entsetzet :  geletzet 
B.  316, 19. 

Typus  -EZZ-  endlich  enthält  nur  brechungs-e: 

(ge-,  he-)sezzen  :  vergezzen  G.  683.  3517.  4535.  B.  98, 19.  160,  27.  ezzen 
:  vergezzen  G.  711.  B.  104,  39.  249,  31.  —  :  hesezzen  B.  29, 19.  —  :  gemezzen 
B,  234,  21. 

Aus  den  hiermit  sämmtlich  angeführten  reimen  des  vocals  e 
ergibt  sich  für  Rudolf  von  Ems  die  ausnahmslose  regel,  nur 
e  :  c  und  e  :  e  im  reime  zu  binden. 

§  8,    Unterbleiben  des  umlauts  von  u. 

Hier  kommen  zunächst  die  conj.  praet.  der  starken  verba 
in  betracht,  dann  die  abstracten  fem.  der  i-declination.  Was 
die  ersteren  anbelangt,  so  zeigt  sich  in  den  meisten  fällen 
trotz  der  geringen  anzahl  der  vorhandenen  reimbindungen  ein 
ganz  feststehendes  resultat  im  verhalten  des  dicht ers  in  bezug 
auf  umgelautete  und  unumgelautete  formen  des  conj.  praet. 

Ich  beginne  mit  dem  reimtypus  -UND-  und  führe  vorerst 
zur  beurteilung  der  reimmöglichkeiten  die  fälle  ohne  conj.  praet. 
in  übersichtlicher  Zusammenstellung  an  und  lasse  darauf  die 
conj.  folgen.    Rudolf  reimt  ohne  umlaut: 

stunde  :  munde  G.  721.  B.  117,  33.  228,  25.  —  :  künde  (iad.  und  conj.)i) 
G.  895.  B.  10,  25.  43, 1.  —  :  begmide  (ind.)  G.  1221.  B.  12, 13.  htnde 
(ind.)  :  munde  G.  2321.  6185.  —  :  gründe  G.  6361.  hunde  :  begunde  (ind.) 
B.  265, 11. 

funden  (part.)  :  gebunden  G.  1,939.  —  :  überwunden  G.  4027.  —  :  u-unden 
(adj.)  B.  13,  27.  —  :  stunden  B.  37,  5.  80, 17.  109,  39.  134,  23.  204,  39.  219,  33. 
224,  25.  313,  31.  369, 15.    funden  (ind.)  :  Mnden  (ind.)  B.  242,  39. 

gesunden  (adj.)  :  cnbunden  (part.)  G.  49,  17.    —  :  stunden  B.  32,  37. 

künden  (ind.)  :  nnderwunden  (ind.)  G.  5801.     —  :  stunden  B.  6,  9. 

stunden  •.gebimdenB.2S,Q9.  136,19.  —-.funden  (ind.)  G.  4469.  B.  231, 15. 
329,  23.  —  :  begmulen  (ind.)  B.  53,  5.  —  :  künden  B.  256,  7.  —  :  überwunden 
(part.)  B.  261,  29.  291,  25.  309, 1.  331,  27.    —  :  nächkunden  B.  327,  5. 

überwi(ndcu  (part.)  :  künden  B.  228,  31.     —  :  begunden  (ind.)  B.  277, 19. 

Dem  stehen  gegenüber  die  folgenden  fälle  mit  sicherem 
umlaut: 

(ur-,un-)  künde  (subst.)  :  sä nde  G.  Ibl.  B.  69,  25.  101,23.  106,17. 
133,  33.  174, 15.  -  :  apgründe  G.  367.  B.  1,  27.  -  :  ünde  G.  1247.  1783. 
Sünde  :  apgründe  B.  51,  31.  207, 17.  —  :  ünde  B.  53, 13.  —  :  cnzünde  (1.  sg.) 
B.  111,23. 

0  S.  §  11  unter  'praeteritopraesentia'  kan. 

30* 


460  JUNK 

Icünäen  (inf.)  :  siinden  (subst.)  B.  10,  3.  41,  7.  109,  25.  158, 17.  170,  39. 
252, 13.  260, 29.  349,  3.  361, 15.  882, 17. 

Von  conj.  erscheinen  in  dieser  griippe  im  reim: 

vunde  (conj.)  :  hegunde  (conj.)^)  B.  23,33  und  vimde  (conj.)  :  Jcunde 
(conj.)  B.  17, 1.  138,15.  152,7.  308,1.  Für  eleu  pliiral:  funden(coni.):Jcunden 
(ind.)  G.  5323.    B.  195,  9, 

wobei  zu  bemerken  ist,  dass  die  bindnngen  mit  den  conj.  hmde 
imd  hegunde  keineswegs  indifferente  sind,  da  diese  formen  nach 
§  11  (praeteritopraesentia)  für  den  conj.praet.  als  iimlautlos  ge- 
sichert sind,  also  auch  beweisen. 

Somit  ist  für  diese  klasse  die  umlautlosigkeit  des  conj. 
praet.  erwiesen.  Auch  Hartmaun  meidet  hier  den  umlaut, 
vgl.  Kraus,  Das  sogen.  2.  büchlein  (Festgabe  für  Heinzel,  1898), 
s.  113f.  Anders  verhalten  sich  Gottfried  und  Wolfram  (Kraus 
a.a.O.  s.  118  und  124). 

Dann  die  gruppe  -TJNG-.    Es  reimen  zunächst  ohne  conj.: 

junge  :  wandelunge  G.  5611.  zunge  :  wandelunge  B.  78,  27.  —  :  he- 
seichenunge  B.  156,  31.  —  :  kestegimge  B.  309,  23.  —  :  orthahunge  B.  401, 1. 
züMegunge  :  vestenimge  B.  379,  39.  kestegimge  :  maminge  B.  381,  31.  veste- 
nunge  :  umndelunge  B.  386, 19. 

jungen  :  gedrungen  (part.)  G.  737.  —  :  Sprüngen  (ind.)  G.  2081.  —  :  ge- 
sungen (part.)  G.  3595.  —  :  drungen  (iud.)  G.  3631.  B.  400,  35.  —  :  gelungen 
(part.)  G.  4237.  iivungen  (ind.)  :  zungen  B.  248, 19.  329, 27  und  betwungen 
(part.)  :  zungen  B.  300, 1. 

Umgelautet  -imge-  erscheint  diese  gruppe  gar  nicht  im  reim. 

Von  conj.-formen  nun  gehört  hierher  nur  tivunge  :  tvande- 
lunge  B.  251,  9,  denn  drungen  :  erMungen  (ind.)  G.  6035  ist  wol 
ind.  Also  auch  hier  der  umlautlose  conj.  praet.  Uvunge.  Ebenso 
bei  Hartmann,  anders  bei  Gottfried  und  Wolfram  (Kraus  a.  a.  o. 
s.  117  und  124). 

Für  den  typus  -TJNN-  sind  die  umlautlosen  reimbindungen: 

hrunne  (subst.)  :  sunne  B.  350,  9. 

entrunnnen  (iud.)  :  getvunnen  (ind.)  B.  165,  21.  begmuten  (part.) :  sannen 
B.  233, 7. 

Dazu  die  sicher  umgelauteten 

känne  (subst.)  :  ivünne  G.  4341.    B.  36,  27.  52,  31. 

Hier  findet  sich  nun  kein  sicherer  conj.,  denn  gewunnen 
(1.  pl.)  :  simnen  G.  1227  ist  ind.  im  verneinten  modalsatz 
('ohne  dass'),  sowie  das  früher  citierte  hmden  :  fanden  (conj.) 


')  Hier  ist  hegunde  wol  aucb  conj. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  461 

G.  5323.  Hartmann  gebraucht  hier  den  iimlaiit  (Kraus  a.  a.  o. 
s.  111),')  ebenso  Gottfried  (Kraus  s.  119)  und  Wolfram  (Kraus 
s.  125). 

Typus  -ÜB  zeigt  nur  umgelautete  formen,  und  zwar: 

für  :  kür  (sabst.)  G.  187.  197.  3597.  5929.  6013.  B.  26, 23.  131, 39. 
169,13.  208,31.  315,37.  338,33.  —-.türLiAdöd.  5865.  5529.  67-1:7.  B. 384, 19. 
Jcür  (subst.)  :  für  G.  3605. 

Dazu  stellen  sich  die  sicheren  conjunctive  h'ir  :  für  G.  2067, 
verlür  :  tiir  B.  45,  7.  —  :  vür  B.  219,  23,  ferner  der  indifferente 
fall  verkür  :  verlür  G.  1005  und  der  unsichere  kür  :  verlür  (2.sg. 
ind.)  G.  4783,  da  der  verallgem.  relativsatz  nicht  unbedingt  den 
conj.  verlangt  (Paul  §  366,  wo  allerdings  die  beispiele  nur  conj. 
enthalten).  Hier  herschen  also  die  umgelauteten  formen,  wie 
bei  den  höfischen  epikern  (Kraus  a.a.O.),  obwol  die  fälle  hier 
weniger  zahlreich  sind. 

Der  von  Pfeiffer  als  umlautlos  angesetzte  typus  -VBB- 
bietet  keine  absolute  Sicherheit,  da  nur  ein  fall  vorliegt,  der 
an  sich  indifferent  ist,  w^eil  er  zwei  conj.  bindet;  überhaupt 


1)  Schönbachs  einwand  (Gott.  gel.  anz.  1902,  heft  6,  s.  438)  gegen  Kraus' 
beweisführung  betreffs  der  form  Hartraanns  zerünne  scheint  mir  das  rcsnltat 
von  Kraus  nicht  zu  beeinträchtigen.  Allerdings  findet  sich,  wie  Schönbach 
hervorhebt,  in  den  sämmtlichen  reimen  Hartmauns  nirgends  ein  zerünne 
auf  sicheres  ü  (subst.  künne,  icünne)  gereimt,  aber  es  reimt  entrünne  auf 
gewünne  (conj.)  Greg.  2101,  welches  seinerseits  durch  die  zweifellose  bin- 
dung  mit  siibst.  lomine  Erec  5626  gesichert  wird ;  durch  diese  wechselweisen 
reimbindungen  werden  die  reime  ihres  auf  den  ersten  blick  indifferenten 
Charakters  entkleidet,  tvünne  (subst.)  :  gewünne  (conj.)  :  entrünne  zeigt 
ganz  deutlich,  dass  -rünne,  also  auch  zerünne  und  nicht  zerünne  Hartmanns 
form  ist. 

Dazu  kommt  ferner,  dass  die  reiramöglichkeiten  für  u  in  dieser  laut- 
constellation  ^  20,  die  für  ü  aber  nur  =  8  sind  (die  belege  bei  Kraus, 
a.a.O.  s.  116);  wenn  nun  trotzdem  Hartraann  seine  conj.  3 mal  auf  ü,  nie- 
mals aber  auf  u  reimt,  so  zeigt  dies  seine  entschiedene  bevorzugung  der 
it-formen. 

Drittens  endlich  lässt  die  analogie  der  übrigen  von  Kraus  eingehend 
behandelten  conj. -formen  mit  u  oder  ü  den  schluss  auf  ein  consequeutes 
verhalten  Hartmanns  bei  -unne,  -ünnc  zu:  er  entscheidet  sich  niimlicli  hierin 
überall  nur  für  eine  form,  entweder  die  umgelautete  oder  die  umlautlose; 
doppelformen  kennt  er  da  nicht.  Da  nun  die  in  frage  stehende  gruppe 
-UNN-  für  die  darin  vorkommenden  conjunctive  nur  umlaut  kennt,  so  darf 
dies  wol  auch  bei  der  geringen  zahl  solcher  conjunctive  keinen  zweifei  über 
Hartmanns  entscheidung  aufkommen  lassen. 


462  JUNK 

ist  in  dieser  gruppe  grosse  not  an  reimwörtern;  auch  Hart- 
mann, Gottfried  und  AVolfram  haben  nur  die  indifferenten 
reime  sturhe  :  verdürbe  :  erivnrhe  (Kraus  a.a.O.). 

Der  in  betracht  kommende  fall  ist  verchirhe :  sturhe  B.  226, 11. 

Der  typus  -UBD-  enthält  keine  umlautlosen  formen,  son- 
dern nur  die  eine  bindung  tvürde  (conj.)  :  hürde  B.  362, 37. 
Also  u'iirde  wie  bei  Hartmann,  Gottfried  und  Wolfram  (Kraus 
a.  a.  0.), 

Endlich  die  gruppe  -UG-.  Es  fehlen  ebenfalls  umlaut- 
lose bindungen,  -üge  erscheint  dagegen  verhältnismässig  oft, 
und  zwar: 

lüge  (subst.)  :  triige  (subst.)  B.  218,  3.  228, 17.  252, 19.  275,  7.  286,  3. 
287,  35.  372,  21.  404, 11.     —  :  müge  (conj.)  B.  238,  31. 

müge  (conj.)  :  trüge  (subst.)  B.  348,  7. 

Dazu  stellen  sich  die  conj. 

trüge  :  müge  G.  927  und  züge  :  trüge  (subst.)  B.  365,  3. 
Auch  hier  ist  widerum  (wie  früher  bei  hinde  und  hegunde)  die 
form  des  conj.  des  praet.-praes.  mnge  auch  beweisend,  da  nur 
dies  die  von  Rudolf  im  reim  gebrauchte  form  ist.')  Hierzu 
kommen  dann,  an  sich  indifferent,  jedoch  durch  die  früheren 
bindungen  als  sicher  anzusprechen,  die  fälle 

trüge  (conj.)  :  lüge  (conj.)  G.  4123.    B.  40,  33. 

Es  ist  somit  für  diese  kategorie  der  umlaut  gesichert.  Ebenso 
verhalten  sich  Hartmann,  Gottfried  und  Wolfram  (Kraus  a.a.O.). 
Bevor  ich  diesen  abschnitt  verlasse,  möchte  ich  einem 
einwand  begegnen,  der  vielleicht  gegen  die  hier  gezogenen 
Schlüsse  erhoben  werden  könnte  und  eine  methodologisch 
nicht  unwichtige  Widerlegung  fordert.  Bei  den  gruppen  -UNG-, 
-VB-,  -UBD-  und  -UG-  sind  nämlich  nur  reime  einer  art  vor- 
handen, entweder  ohne  umlaut,  wie  bei  -UNG-,  oder  mit,  wie 
bei  den  drei  übrigen.  Es  könnte  nun  gesagt  werden:  ein 
sicherer  schluss  auf  das,  was  der  dichter  durch  bewusste 
selbständige  entschliessung  gebraucht,  was  er,  vor  eine  ent- 
sclieidung  gestellt,  bevorzugt,  lässt  sich  nur  dann  angeben, 
wenn  wirklich  für  beide  möglichkeiten  fälle  vorhanden  waren; 
das  ist  aber  nur  bei  den  gruppen  -UND-  und  -UNN-  der  fall; 
da  habe  der  dichter  so  und  so  viele  umlautlose  und  so  und  so 


')  Vgl.  §  11  '  praeter! topraesentia'. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  463 

viele  umgelautete  reim  Wörter  zur  Verfügung,  mit  denen  er 
seine  conj.,  seinem  spracligebrauche  gemäss,  binden  konnte. 
Nur  diese  bindungen  seien  beweisend,  weil  sich  nur  hier  eine 
deutliche  und  absichtliche  entscheidung  des  dichters  für  eine 
form  constatieren  lasse. 

Dieser  einwand  ist  aber  hinfällig. 

Aus  allen  punkten  der  vorliegenden  reimuntersuchungen 
geht  hervor,  dass  Eudolf  einer  von  den  dichtem  ist,  die  sich 
bemühten,  das  was  als  specifisch  dialektisch  galt,  d.h.  als  solches 
empfunden  wurde,  wenigstens  im  reime  zu  vermeiden  und  sich 
so  jenem  ideal  einer  mhd.  dichtersprache,  die  über  den  dia- 
lekten  schwebte,  zu  nähern.  Tatsächlich  bietet  uns  Rudolfs 
Sprachgebrauch  im  wesentlichen  nichts  als  rein  mhd.  formen, 
er  geht  allem,  was  seinem  heimatlichen  dialekte  zugeschrieben 
werden  könnte,  sorgfältig  aus  dem  wege;  nur  wo  er  vor  doppel- 
formen, die  gleiche  geltungsberechtigung  haben,  gestellt  wird, 
und  er  sich  für  das  eine  oder  das  andere  entscheiden  muss, 
kann  man  von  einer  Rudolflschen  eigenheit  sprechen,  und  solch 
ein  fall  ist  der  vorliegende.  Ueber  die  Verwendung  des  Um- 
lauts oder  der  umlautlosen  form  im  conj.  praet.  der  starken 
verba  gab  es  keine  festen  'regeln',  und  es  war  somit  sache 
jedes  dichters,  sich  für  das  eine  oder  das  andere  zu  entscheiden. 
Wäre  es  Rudolf  darauf  angekommen,  bei  keinem  leser  anstoss 
zu  erregen,  so  hätte  er  es  vermieden,  seine  conjunctive  mit 
sicherem  u  oder  ü  zu  binden,  und  sie  vielmehr  bloss  unter 
einander  gereimt;  das  tut  er  aber  nicht:  er  reimt  bei  den  in 
betracht  kommenden  fällen  ganz  ungescheut  die  conj.  mit  mhd. 
ganz  unzweideutigen  u  oder  ü  {ivanäelunge,  für,  hürde,  subst. 
trüge).  Wenn  bei  ihm  das  geringste  schwanken  bestanden 
hätte,  ob  er  z.  b.  siige  oder  züge  reimen  sollte,  um  correct  zu 
reimen,  so  wäre  dieser  conj.  gewis  nicht  mit  einem  so  sicheren  ü, 
wie  es  das  subst.  träge  enthält,  gebunden  Avorden;  er  hätte  es 
bloss  mit  anderen  conj.  {lüge)  gebunden  und  dem  leser  die 
wähl  der  ausspräche  gelassen,  wie  es  sein  Vorgänger  und  Vor- 
bild Gottfried  tut  (Kraus  a.a.O.  s.  118  f.). 

Mir  scheint  also  das  resultat  durch  den  eben  besprochenen 
einwurf  keineswegs  gefährdet. 


464  JüNK 

Fassen  wir  die  ergebnisse  über  den  conj.  praet.  der  starken 
verba  zusammen,  so  lauten  die  von  Eudolf  im  reim  gebraucliten 
formen: 

a)  umlautlos:  vunde  (künde),  twunge. 

b)  umgelautet:  Mr,  verlür,  tvüräe,  trüge,  lüge,  mge,  (müge).^) 
Nicht  absolut  sicher  (wenn  auch  durch  analogie  und  hsl.  Über- 
lieferung wahrscheinlich) :  dnmge,  während  verdürbe,  stürbe  oder 
verdürbe,  stürbe  unentschieden  bleiben  müssen. 

Ein  vergleich  mit  dem  reimgebrauch  der  drei  grossen 
epiker  zeigt,  dass  Eudolf  hier  mit  dem  Hartmanns  immer  (mit 
Gottfried  und  "Wolfram  oft)  übereinstimmt,  indem  auch  er  wie 
Hartmann  vunde,  twunge,  Mir,  verlür,  ivürde,  trüge,  zügc,  lüge 
sprach. 

Auch  die  abstracten  fem.  der  «-klasse  (sufflx  *-^«),  mit  dem 
vocal  u,  zeigen  in  bezug  auf  den  umlaut  desselben  ein  fest- 
stehendes resultat. 

Ich  stelle  bei  jeder  gruppe  die  nach  meiner  meinung  be- 
weisenden reime  voran. 

Typus  -TJHT  enthält  die  folgenden  casus  obliqui: 

zuht  (dat.)  :  fluU  (uom.  acc.)  CI.  773.   B.  369,  21.    —  :  fnilit  (nom.  acc.) 
G.  1661.  2173.  4509.  5421.  6345.    B.  313, 15.     —  :  genuM  (nom.)  B.  356, 1. 
genullt  (dat.)  :  fruht  (acc.)  G.  4385.    B.  310, 19.  353,  9. 
fniht  (dat.)  :  genuU  (nom.)  B.  41,  39.    —  :  zuht  (acc.)  B.  160, 11. 
vluM  (dat.)  :  zuht  (acc.)  B.  116,31. 

Es  sind  somit  die  flexionslosen,  nicht  umgelauteten  dative  ziüd, 
genullt,  fruht,  vluJd  durch  diese  reime  sichergestellt.  An  der 
hand  dieses  ergebnisses  berechtigt  uns  die  bindung  fniht  (gen.) 
:  genullt  (dat.)  G.  4645  zur  aufstellung  desselben  grundsatzes 
für  die  genetive. 

Als  unterstützend  kommen  noch  hinzu  die  an  sich  neu- 
tralen fälle 

zuht  (dat.)  :  vruht  (dat.)  B.  145,  25.    —  :  vhiM  (dat.)  B.  183,  23, 

während  die  übrigen  reime  dieser  kategorie  gleichgiltig  sind: 

snht  (nom.)  :  fluht  (acc.)  G.  4829.     —  :  zuht  (acc.)  B.  249,  5. 

fruht  (acc.)  :  genuht  (acc.)  B.  10,  7.  41,  21. 

zuht  (nom.)  :  fruht  (acc.)  B.  65, 17.  102,  23.  382, 15. 

Also  unflectierte  formen  im  gen.  und  dat.;  einförmigkeit  des 
ganzen  Singulars. 

')  Aus  der  reilie  der  praet.-praes.  käme  noch  hinzu  »ül.  Vgl.  s.  485. 


ZUM   REIMGEBKAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  465 

Typus  -UNFT.    Beweisend  sind 

sigemmft  (dat.)  :  Tcimft  (acc.)  G.  343.    B.  331,9. 
kunft  (dat.)  :  sigemmft  (acc.)  B.  66,  5, 
dazu  sigemmft  (dat.)  :  Imnft  (dat.)  G.  6611. 

Gleichgiltig  sind  die  übrigen  fälle: 

sigenunft  (nom.  acc.)  :  ktmft  (acc.)  B.  59,7.  91,35.  99,5.  338,29. 

Das  resultat  ist  also  dasselbe:  überall  die  umlautentbehren- 
den formen. 

Typus  -UNST.    Es  kommen  in  betraclit: 

kirnst  (dat.)  :  verminst  (acc.)  G.  403.  B.  38,  25-  225,  29.  321, 15.    —  :  he- 
gimst  (nom.)  B.  187,  7.    —  :  gvnst  (acc.)  B.  262, 17. 
vernunst  (dat.)  :  gtmst  (acc.)  G.  6069. 
gunst  (dat.)  :  kirnst  (acc.)  B.  3, 13. 
begunst  (dat.)  :  kunst  (acc.)  B.  266,  3. 

Nach  dem  resultat  bei  typus  -iiJd  dürfen  nun  wol  auch  die 
bindungen: 

kirnst  (gen.) :  gimst  (gen.)  G.  6849.    —  :  vermmst  (gen.)  B.  64,  39.  230,  3 

als  sicher  in  ansprach  genommen  werden. 

Dazu  ein  fall  hinst  (dat.)  :  vernunst  (dat.)  B.  200, 19. 
Die  übrigen  fälle 

kunst  (nom.  acc.)  :  gimst  (acc.)  G.  6347.  6349.  B.  30,  7.  51,  33.  243,  35. 
245,  35.  —  :  hegimst  (acc.)  B.  1,  3.  —  :  vernunst  (nom.  acc.)  B.  143,  3.  148, 11. 
149,  7.  326, 15.  341,  37. 

gimst  (nom.)  :  urbunst  (acc.)  B.  160, 15 

sind  gleichgiltig  und  kommen  nicht  in  betracht. 

Ausser  den  abstr,  auf  *-t(  kommen  hier  noch  die  fem. 
Irust,  vlust,  älmst  in  betracht,  jedoch  mit  beschränkung,  da 
hrust  denjenigen  fem.  consonantstämmen  angehört,  die  im  got. 
(typus  haürgs)  den  dativ  ohne  deutliches  suffix  bilden  (dat. 
hrust):,  hier  ist  also  die  bewahrung  der  umlautlosigkeit  und 
einsilbigkeit  des  dativs  altertümlich.    So  erscheint  auch: 

brüst  (dat.)  :  gelust  (nom.  acc.)  G.  5049.')    B.  175,31. 
vlust  (dat.)  :  gelust  (nom.)  B.  373,  39. 
äkust  (dat.)  :  gelust  (nom.)  B.  63,  7. 

Auch  hier  also  die  umlautentbehrenden,  flexionslosen  formen. 


')  brüst  ist  hier  wol  dativ: 

liep  au  liebes  armen  lac 

geslozzen  nähen  an  ir  brüst, 
nicht  etwa  acc.  der  richtung  zu  geslozzen;   es  gehört  zusammen  nahen  an 
ir  brüst,  denn  geslozzen  =  'fest  vereinigt',  s.  Mhd.  wb.  2, 2,  408b,  18. 


466  JUNK 

Gleicligiltig-  sind: 

brust  (acc.)  :  vertust  (acc.)  G.  4725. 

cihist  (nom.  acc.)  :  (jelust  (acc.)  B.  9,  23.  27-4,  7. 

Für  den  tj'pus  -UFT  ist  keine  Sicherheit  zu  erlangen; 
denn  die  hier  reimenden  worte  luft,  guß  gehören  anderen 
grammatischen  kategorien  an:  gitß  ist  nicht  bloss  fem.,  son- 
dern auch  masc,  und  das  damit  stets  gebundene  hiß  ist  masc. 
und  geh(3rt  ursprünglich  auch  gar  nicht  der  i-declination  an; 
hier  wird  denn  auch  gereimt 

,  lufie  (dat.)  :  giifte  (dat.)  B.  233, 11, 

neben  zwei  gleichgiltigen  bindungen: 

hift  (acc.)  :  fuß  (acc.)  B.  2,  3.  213,  7. 

Endlich  gehört  hierher  die  an  sich  neutrale  bindung  der 
zwei  datiye  vurt :  gehurt  B.  62,  25.  Formen  auf  -iirtc  stehen 
dem  nicht  gegenüber. 

§  4.    Verkürzung  von  t. 

Zwischen  den  doppelformen  ritcr  und  ritter,  die  im  vers- 
innern  beide  erscheinen,  •)  zu  entscheiden,  ist  der  reim  ein  zu 
wenig  verlässliches  mittel,  da  die  möglichkeiten  hierzu  sehr 
gering  sind;  es  wird  darum  wol  kaum  von  einem  absichtlichen 
vermeiden,  um  dem  leser  die  wähl  zu  lassen  (Lachmann,  anm, 
zum  lAvein  s.  42),  die  rede  sein  können,  es  ist  für  einen  sorg- 
fältig reimenden  dichter  überhaupt  fast  keine  gelegenheit  vor- 
handen, ritter  oder  ritcr  zu  reimen;  bei  Rudolf  erscheint  es 
auch  in  mehr  als  23000  versen  nie  im  reim  (Zwierzina,  Fest- 
gabe für  Heinzel  s.  449,  anm.). 

Besser  steht  es  um  die  constatierung  der  bei  anderen 
dichtem  schwankenden  vocalischen  quantität  von  iteivUe,  ite- 
wisse  (Weinhold,  Mhd.  gr.  §  104).     Aus  den  reimbindungen 

iteiviz  :  pz  G.  1653.  üewtze  (dat.)  :  vVize  G.  505.  B.  318,  23.  lielle- 
wize  (acc.)  :  vUze  B.  388, 29 

ergibt  sich  iteiviz  als  Rudolfs  form. 

Ueber  die  Verkürzung  von  i  in  der  weitaus  wichtigsten 
Verbindung  4cti,  -iclie,  -tcheu  vgl.  zu  diesem  capitel  Weinhold, 
Mhd.  gr.  §  16  und  104  und  die  daselbst  angegebene  literatur, 
besonders  Lachmann  zu  Iw.  5522.  6405;  dazu  noch  Schönbach, 


0  Z.  b.  ritter  G.  3295,  riter  G.  3601  iu  beiden  hss. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  467 

Engel  und  waldbruder,  WSB.  143  no.  12,  s.  25.  Eingehend  hat 
darüber  gehandelt  Zwierzina,  Zs.  fda.  45,  84  f.  und  92.  Da  es 
hierin  sehr  auf  das  numerische  Verhältnis  ankommt,  Zwierzina 
aber  manchmal  andere  zahlen  bringt,  als  ich  sie  meinem  voll- 
ständigen reimregister  entnehme,  glaube  ich,  nichts  über- 
flüssiges zu  tun,  wenn  ich  meine  Untersuchung,  die  ich  längst 
und  unabhängig  von  Zw.  geführt  hatte,  im  folgenden  mitteile. 
Das  ergebnis  ist  dasselbe,  aber  wol  etwas  übersichtlicher  als 
bei  Zw.  gruppiert,  der  die  adj.  und  adv.  an  verschiedenen 
stellen  getrennt  behandelt. 

Um  den  gebrauch  Eudolfs  hierin  möglichst  klarzustellen, 
lasse  ich  zunächst  das  nötige  reimmaterial  vorausgehen,  indem 
ich  mich  dabei  auf  eine  übersichtliche  gruppierung  bescliränke. 

Eudolf  reimt  an  sicheren  kürzen  ich  :  midi :  dich  :  sich  unter 
einander  G.  64  mal,  B.  134  mal.  Summe  198  bindungen. ')  Dazu 
kommen  noch  für  die  kürze  mich  :  sprich!  B.  172,  25,  sich  :  strich 
B.  21,  33.  326, 17.  406,  3, 2)  sich  :  wüeterich  B.  254,  21,  sich  :  este- 
rieh  B.  309,  37. 

An  diesen  grundstock  von  204  bindungen  mit  sicherer  kürze 


1)  Die  fälle  sind:  ich  :  mich  G.  973.  lOGl.  Ili3.  Ii29.  1483.  1578. 
1825.  1885.  1985.  2157.  2271.  2585.  3151.  3415.  3821.  3875.  5359.  5567. 
6251.  6301.  6499.  6573.  6629.  B.  82, 33.  95, 1.  101, 29.  105,  29,  151, 1. 
181,25.  190,15.  206,33.  218,27.  227,15.  278,3.  282,17.  294,37.  296,19. 
318, 11.  349,  5.  403,  35.  404,  39.  405, 11.  ich  :  dich  G.  905.  1067.  2255.  4235. 
4269.  4911.  6537.  B.  29,  7.  60, 11.  82,  37.  96,  39.  153, 1.  168,  9.  179, 17. 
201,15.  227,1.  232,1.  277,7.  277,35.  298,1.  304,11.  304,15.  336,15.  348,9. 
367,  33.  389, 11.  392,  7.  ich  :  sich  G.  4251.  5253.  B.  34,  39.  122,  33.  170,  21. 
225, 25.  308, 15.  373, 1.  mich  :  dich  G.  449.  865.  915.  1091.  1499.  1763. 
2415.  4641.  4679.  4687.  4769.  4771.  5189.  5515.  6475.  6533.  B.  4,  3.  9, 15. 
9,33.  11,27.  13,9.  13,21.  15,19.  15,27.  26,35.  27,5.  29,33.  42,35.  43,27. 
49,33.  82,7.  84,29.  86,35.  93,7.  122,21.  122,27.  124,25.  142,33.  143,7. 
146,33.  151,23.  163,39.  166,13.  166,29.  181,7.  189,13.  204,25.  210,19. 
211,27.  215,3.  216,19.  216,33.  218,21.  223,17.  231,33.  278,29.  281,15. 
288,7.  289,25.  290,15.  296,1.  296,15.  301,39.  303,29.  307,19.  309,27. 
320,17.  324,33.  337,9.  347,39.  348,39.  350,35.  360,25.  367,37.  385,25. 
391, 13.  393,  21.  mich  :  sich  G.  2593.  2633.  3179.  3247.  4919.  5145.  5305. 
5369.  6091.  6143.  6145.  6319.  6587.  6725.  6865.  B.  17,29.  43,3.  72,37. 
79,33.  108,17.  122,5.  180,27.  190,5.  205,37.  215,15.  304,39.  317,39. 
332,  3.  370, 15.  373,  23.  dich  :  sich  G.  353.  B.  45,  39.  83,  33.  97,  31.  141,  25. 
144,7.  174,25.  176,31.  177,11.  199,17.  243,17.  319,18.  388,15.  391,29. 

-)  In  der  sielieufachen  reiinl^indung  mich  :  ich  :  dich  :  -lieh  :  sich  :  strich 
:  -lieh  am  Schlüsse  des  Barlaam  (405, 11  —  406, 5). 


468  JUNK 

reihen  sich  nun  die  folgenden  fälle  (im  Gerh.  29,0  Bari.  69, 
zusammen  98  bindungen): 

-lieh  :  ich  G.  463.    B.  138, 19. 

:  mich  G.  1371.  1547.  1703.  1795.  2047.  2311.  3091.  3225.  4127.  4425. 
5039.  5381.  6187.  6567.  6859.  B.  144,17.  161,25.  168,1.  191,3.  219,27. 
280, 33.  305,  3.  363, 23.  389, 7. 

-.dicliG.Sm.  B.  28,5.  41,1.  41,3.  82,13.  111,39.  153,19.  177,3. 
181,15.  247,3.  306,13.  361,23.  361,29.  371,19.  372,35.  388,5.  406,1  (s.  um- 
stehend anm.  2). 

:  sich  G.  9.  227.  747.  809.  2501.  2817.  4491.  4673.  4827.  5243.  6037. 
6207...  B.  6, 13.  10, 17.  37,  37  65, 19.  73, 11.  97, 15.  107, 33.  113, 7.  115, 19. 
127,27.  162,3.  178,5.  192,11.  234,5.  236,39.  240,37.  250,31.  256,1.  267,29. 
270,37.  277,29.  287,13.  299,3.  302,39.  309,3.  310,29.  315,39.  324,1. 
327,19.  338,39.  341,21.  344,23.  345,23.  352,7.  354,1.  356,5.  378,17. 
281,  35.  386,  21.  396, 19.  404, 17.  406,  3  (s.  umstehend  anm.  2). 

:  strich  B.  241,  29  (und  widernm  406,  4  [s.  umstehend  anm.  2],  welches 
aber  schon  gezählt  ist). 

Aus  diesen  98  bindungen  erscheint  mit  rücksicht  auf  die 
obigen  204  fälle  die  kürze  für  die  adj.  -lieh  nach  Lachmann 
und  Weinhold  (a.  a.  o.)  gesichert. 

Sehen  wir  nun  nach  der  forme!  -tcli-,  so  kommen  die 
folgenden  reime  mit  länge  des  i  vor: 

cjelich:rich(i.U^%.  5859.  B.  22,  25.  35,1.  39,3.  43,33.  145,11.  292,5; 
also  8  fälle. 

Ferner  das  grosse  contingent  der  bindungen  -liehe  :  rtche. 
Diese  reimformel  erscheint  im  Gr.  66  mal,  im  B.  125  mal,  im 
ganzen  also  191  fälle.  ■^)    Dazu  kommen  ferner 

0  Zwierzina  zählt  nur  28  im  Gerh.,  63  im  Bari.,  weshalb  ich  die  fälle 
selbst  gebe. 

-)  Für  den  überprüfenden  teile  ich  auch  diese  hier  mit.  Es  sind: 
G.  111.  121.  195.  517.  645.  669.  677.  691.  789.  839.  869.  1357.  1375.  1411. 
1747.  1777.  1913.  2035.  2193.  2385.  2471.  2537.  2669.  2761.  2769.  2793. 
2807.  2923.  3025.  3511.  3625.  3911.  4135.  4169.  4533.  5053.  5079.  5093. 
5119.  5143.  5177.  5491.  5505.  5541.  5581.  5585.  5697.  5769.  5781.  5791. 
5865.  5891.  5987.  6015.  6023.  6053.  6079.  6129.  6175.  6225.  6235.  6417. 
6593.  6785.  6829.  6911.  B.  7, 17.  9, 11.  15, 5.  16, 5.  20, 31.  22, 1.  22, 19. 
23,7.  24,31.  36,5.  37,7.  47,3.  47,37.  49,7.  55,31.  58,9.  61,9.  68,11. 
78,17.  80,35.  82,1.  82,39.  83,25.  88,1.  89,15.  93,13.  101,3.  104,31. 
107, 17.  109,  7.  113,  3.  123,  37.  127,  23.  129,  9.  130,  5.  134,  19.  135, 11. 
138,39.  141,35.  148,25.  152,19.  153,39.  157,7.  162,11.  164,5.  170,33. 
183,25.  192,23.  193,11.  194,7.  195,3.  201,3.  203,23.  203,39.  208,15. 
211,31.  213,3.  214,37.  216,1.  218,17.  218,39.  224,13.  225,5.  236,25. 
243,25.  244,19.  245,29.  246,19.  246,35.  249,35.  250,15.  262,1.  262,25. 
266,17.  271,37.  273,9.  275,1.  288,31.  293,13.  298,21.  301,37.  304,3. 


ZUM  REIMGEBRÄ.UCH   RUDOLB'S  V.  EMS.  469 

-liehen  (adj.  und  adv.)  :  riehen  G.  3189.  4013.  Endlich  (ge)Uchen  (inf.) 
:  riehen  G.  237.  B.  43,  31.  3-10,  29.  372, 15,  und  geliehen  (inf.)  :  entivkhen 
B.  51,  29. 

-lieher  :  rtcher  G.  6615.    B.  135, 17.  152,  31.  2i7,  23.  328,  23. 

Also  in  summe  211  fälle  mit  -Uch,  -Uche{n,  r),  allgemein  217  fälle 
für  -ich-]  denn  die  indifferenten  können  strenge  genommen  nicht 
mitgezählt  werden.  i) 

Es  stehen  sich  somit,  absolut  genommen,  303  fälle  für  die 
kürze  der  lautverbindung  -ich  und  216  fälle  für  die  längen 
-ich,  -ichc,  -ichcn,  -icher  gegenüber;  es  ergibt  sich  daraus  die 
notwendigkeit,  in  der  ersten  gruppe  -Ttch  mit  kürze,  in  der 
zweiten  -Uch,  -liehe,  -liehen,  -licher  mit  unanfechtbarer  länge 
des  vocals  anzusetzen.  Dieses  auf  den  ersten  blick  der  willkür 
gleichsehende  statistische  resultat  erhält  eine  wesentliche  Unter- 
stützung und  syntaktische  erhärtung  durch  folgende  beob- 
achtung. 

Die  bindungen  der  kurzform  -licli  {:  ich,  mich,  dich  ii.say.) 
enthalten  sämmtlich  das  flexionslose  adj.;  eine  ausnähme  machen 
bloss  die  folgenden  6  fälle: 

jcereclich,  jcergelich  G.  1371.    B.  127,  27. 
tägclieh  B.  338,  39.  341,  21.  344,  23.  386,  21. 

Diese  beiden  temporalen  adv.  haben  also  eine  besondere 
Stellung,  sie  treten  als  eine  besondere  kategorie  aus  der  zahl 
der  sonst  ausnahmslos  für  die  unflectierten  adj.  vorbehaltenen 
kurzformen  auf  -lieJi  heraus. 

Merkwürdigerweise  nun  ergibt  sich  für  die  1902)  in  be- 
tracht  kommenden  langformen  -liehe,  welche  widerum  regel- 
mässig für  das  adv.  vorbehalten  sind,  eine  ganz  ähnliche 
erscheinung.    Hier  trifft  die  ausnähme  die  drei  fälle 


30G,  19.  308,  21.   317,  25.  324,  31.  335, 17.   337, 19.  337,  37.  338,  21.  341,  31. 

343,19.   344,39.   345,3.    347,21.    351,37.   354,11.   355,1.    355,29.    355,39. 

356,13.   359,29.    360,19.   360,39.    363,3.   366,35.   371,7.    373,17.    373,33. 

374,5.   376,31.   377,39.   384,1.    388,17.   388,35.    389,19.    391,35.    392,17. 

395, 11.  397,  37.  399, 13.  399,  29.  400,  23.  402, 1.  405,  9. 

1)  Der  Vollständigkeit  halber  die  übrigen  reime  dieser  kategorie: 
riehen  :  enhviehen  G.  3223.   B.  19,  21.    —  :  strichen  B.  225,  7.  272,  37. 
wtehen  :  sf riehen  G.  3641,  und  die  indifferenten  fälle: 
-liehe  :  -liehe  G.  743.  1531.  1979.  4317.  5533.  5723.  5937.  6909.  B.  121,  21, 

und  -liehen  :  -liehen  G.  2209.    ger/chet  :  entwichet  G.  3381. 

^)  Von  den  früher  (s.  468)  citierten  191  fällen  kommt  nämlich  geliche 

(1.  sg.  praes.)  :  rtehe  G.  5581  selbstverständlich  in  abzug. 


470  JUNK 

etesliche  :  riche  Q.  1777. 
sumeUche  :  riclie  G.  3911.  5143. 

Diese  beiden  unbestimmten  fürwörter,  die  ja  kein  adv. 
haben,  bilden  ebenfalls  gewissermassen  eine  selbständige  gruppe 
und  fallen  deshalb  aus  der  reihe  der  den  adv.  zugeteilten 
bindungen  auf  -Uclie  heraus.*) 

Was  die  besonders  hervorgehobenen  8  fälle  -Itcli :  rieh  an- 
belangt, so  bieten  sie  durchweg  das  adj.  gelidi,  und  zwar  in 
der  bedeutung  'gleich'  mit  dem  dat.  (G.  1489.  5859.  B.  22,  25. 
35, 1.  39,  3.  145, 11.  292,3),  einmal  substantivisch  mit  dem  pron. 
poss.  ('seines  gleichen'  B.  43, 33).  Also  auch  hier  eine  der 
form  und  bedeutung  nach  gesonderte  kategorie. 

Zu  den  fällen  für  das  adv.  kommen  dann  noch  die  s.  469, 
anm.  1  verzeichneten  9  fälle  (8  in  G.,  1  in  B.)  indifferenter 
bindung  von  -liehe  auf  -liehe.  Wenn  Zwierzina  bemerkt:  'im 
Bari,  fehlen  diese  rührenden  reime',  so  ist  dies  also,  wie  B. 
121,  21  ijctvalteeliehe  :  gcUehe  zeigt,  nicht  richtig.  Es  kommt 
dies  daher,  dass  Zwierzina  die  gelich  an  anderer  stelle,  näm- 
lich unter  den  adj.  (s.  84  f.)  abtut,  dann  aber  auf  die  adv. 
geliehe  nicht  mehr  zu  sprechen  kommt,  wie  denn  überhaupt 
die  trennung  der  beobachtuiigen  für  adj.  und  adv.  der  Über- 
sichtlichkeit sehr  eintrag  tut. 

Die  bindungen  mit  n  {-liehen)  ergeben  syntaktisch  folgendes: 

sieherliehen  :  güeüichen  G.  2209,  eine  an  sich  neutrale  bin- 
dung, ist  wol  mit  Zwierzina  (a.a.O.  45,92)  in  -liehe  :  -liehe  zu 
verändern. 

Zwingender  ist  die  reimbindung  G.3189:  (gott  schuf  niemals) 

lip  so  saelden  riehen. 

daz  ir  so  miimeclicheu 

die  bete  enphangen  haut  von  mir, 


Hier  wird  wol,  trotz  des  sonst  einstimmig  bevorzugten  -liehe, 
die  adv.  form  auf  -liehen  beibehalten  werden  müssen;  denn  ob 
es  gestattet  ist,  mit  Zwierzina  (a.a.o.)  das  nachgestellte  attri- 
butive  adj.  in   der  Verbindung  mit  so  flexionslos  anzusetzen, 


^)  (joüiche  :  riche  B.  243, 15  ist  niclit  adj.,  wie  es  nach  der  inter- 
punction  Pfeiffers  scheinen  könnte,  sondern  adv. ;  das  konnua  ist  zn  streiclien. 
Vgl.  E.  262,25.  —  Ebenso  ist  G.  2'171  tvwrUche  adv.;  denn  das  zu  mich 
dühte  zu  ergänzende  liegt  in  dem  folgenden  subjectsatze. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  471 

müsste  doch  wol  erst  untersucht  werden.')  Es  bleibt  dies  aber 
immerhin  der  einzige,  unter  der  überzahl  von  -Viclw  gewis 
verschwindende  fall  für  das  adv.  auf  -liehen.  Soll  er  aber  auf 
jeden  fall  weggeschafft  werden,  so  würde  ich  eher  wagen, 
enphähen  zu  den  verben  zu  zählen,  die  wie  Uwii,  luzcn,  sehen, 
erkennen,  vinden  u.  a.  ein  prädicatives  adj.  zum  objectsacc.  bei 
sich  haben  können.  Dann  wäre  minneclichen  dieses  adj.  beim 
acc.  hete  (Paul,  Mlid.  gr.^  §  205);  doch  scheinen  dagegen  fälle 
wie  G.  1979.  5698.  5891  u.a.  zu  sprechen,  wo  mmnecUche  deut- 
liches adv.  zu  enphähen  ist,  und  immer  in  -liehe,  nie  in  -liehen 
endigt.  Am  besten  —  wie  gesagt  —  lassen  wir  diesen  einen 
fall  eines  adv.  auf  -liehen  auf  sich  beruhen,  da  er  ja  ohnedies 
unter  den  vielen  anderen  ohne  -n  belanglos  bleibt. 

Die  zweite  bindung  -liehen  :  riehen  G.  4013  gibt  den  acc. 
des  fem.  minneclichen,  zugleich  den  einzigen  fall  eines  flec- 
tierten  adj.  auf  -Uche\  die  übrigen  reime  -Vidier  :  rieher  G.  6615. 
B.  135,17.  152,31.  247,23.  328,23  enthalten  sämmtlich  den 
comparativ  des  adv. 

Das  resultat  der  Untersuchung  ist  also  in  diesem  punkt 
das  denkbar  stricteste:  Eudolf  verwendet  für  bestimmten  sj'u- 
taktischen  gebrauch  ganz  bestimmte,  durch  die  vocalische  quau- 
tität  strenge  geschiedene  formen.  Fassen  wir  zur  Übersicht 
zusammen: 

a)  flexionslose  adj.  haben  die  form  -lieh  mit  ausnähme  des 
adj.  gelich  ('gleich' 2))  und  der  unbestimmten  pron.  etesliehe 
und  sumeliche. 


*)  Ich  halte  es  nämlich  für  unwahrscheinlich,  da  Eudolf,  wie  ich  aus 
den  beispielen  des  g-.  Gerhart,  die  ich  mir  zu  diesem  zwecke  verzeichnet 
habe,  ersehe,  die  wenigen  fälle,  wo  vor  dem  nachgestellten  attrib.  adj.  so 
oder  vil  steht,  immer  mit  dem  flectierten  adj.  verwendet.  Es  sind  dies 
G.  932  discn  grozcn  namcn,  So  holten  tind  so  lohcsamen.  G.  'J8G  an  mich 
vil  armen.  G.  579  herre  got  vil  (juoter!  Bei  also  steht  aber  die  unflec- 
tierte  form  in  der  (einzigen)  bindung  G.  6048  mit  eren  also  gros  (wenn 
hier  nicht  vielleicht  das  adv.  grö,~{e)  in  der  bedeutung  des  adj.,  also  attri- 
butiv zum  subject  des  satzes  genitz  zu  verstehen  ist,  wie  es  das  Mhd.  wb. 
2, 1,  <188a  für  das  adv.  riche  annimmt.  Die  lesarteu  der  hs.  groze  :  genozc 
scheinen  dafür  zu  sprechen.  In  diesem  falle  würde  die  stelle  dann  nicht 
zu  unseren  beispielen  gehören).  Hier  müsste  jedenfalls  auch  der  gebrauch 
des  nachgestellten  attrib.  adj.  mit  so  im  Barlaam  herangezogen  werden. 
Ich  möchte  aber  durch  die  angeführten  fälle  nur  zur  vorsieht  gemahnt  haben. 

'^)  Dessen  adv.  jedoch,  gleich  allen  übrigen,  geliche  lautet.   Es  kommt 


472  JUNK 

b)  die  adv.  haben  die  form  -liclie  mit  ausnähme  der  beiden 
temporalen  jcEreclkh  und  tägelich. 

Diese  strenge  Scheidung  der  formen  ist  wol  daraus  zu 
erklären,  dass  der  volltönende  auslaut  in  den  adverbialen 
bildungen  auf  -liehe,  bei  welchen  auf  diese  ableitungssilbe  ein 
zweiter  hauptton  fällt,  der  durch  die  folgende  silbe  -e,  -en,  -er 
geschützt  ist  (z.  b.  ivirdecliche,  geiüdltecliche),  das  i  von  der 
Verkürzung  bewahrt  hat,  die  in  den  unflectierten  adj.  platz- 
gegriffen hat,  da  hier  die  silbe  -Uch  nur  einen  schwachen 
nebenaccent  behalten  konnte  {minnecUch  u.s.w.).  Jene  acht 
reime  geltch  :  rtch,  die  auf  den  ersten  blick  gegen  die  unbedingte 
kürzung  der  lautverbindung  -lieh  sprechen,  zeigen  eben  nicht 
ein  in  der  weise  componiertes  adj.  wie  die  oben  citierten 
98  fälle  -lieh  {wirdeclieli,  minneelieh,  geivalteclich,  nemelich  u.s.w.), 
sondern  das  einfache  gelteh,  bez.  seine  Verneinung  ungelich. 
Da  in  diesen  bildungen  naturgemäss  der  accent  nicht  vorrücken 
konnte,  so  blieb  hier  die  silbe  -Ueh  auch  ohne  ein  -e  oder  -en, 
-er  der  endung  lang. 

Die  übrigen  mhd.  dichter  verhalten  sich  in  dieser  hinsieht 
nicht  so  consequent;  die  wenigsten  haben  einen  bestimmten 
Sprachgebrauch,  bei  vielen  (Hartmann,  vgl.  C.  Kraus,  Festgabe 
f.  Heiiizel,  s.  161.  Zwierzina,  ebda.  s.  168  ff.  und  Zs.  fda.  15,  81 
und  89)  verändert  sich  der  gebrauch  im  verlaufe  ihres  poeti- 
schen Schaffens;  und  seit  dem  ende  des  13.  jh.'s  breitet  sich 
die  kurzform  -lieh  auch  über  die  adv.  aus  (Weinhold,  Mhd.  gr. 
§  318).  Eine  so  strenge  von  anfang  an  feststehende  Scheidung, 
die  ausnahmslos  die  eine  oder  die  andere  form  für  das  eine 
oder  das  andere  syntaktische  Verhältnis  gelten  lässt,  hat  meines 
Wissens  überhaupt  kein  andrer  ausser  Eudolf.  Wenigstens  ist 
es  bisher  nicht  nachgewiesen,  i) 


übrigens  nur  in  der  Verbindung-  al  geliche  vor  (G.  691.  743.  839.  1979. 
2G()9.  3G25.  5079.  5511.  5585.  5781.  5937.  6053.  6079.  6117.  B.  20,  31.  22, 1. 
21,31.  37,7.  47,37.  61,9.  121,21.  152,19.  194,7.  195,3.  201,3.  225,5. 
236,  25.  337, 19.  355,  29.  399, 13.  399,  29)  und  einmal  verneint  ungeliche 
:  riche  B.  148,  25. 

')  Es  wird  eine  aufgäbe  künftiger  Untersuchungen  sein,  zu  sehen,  ob 
Rudolf  diesem  seinem  princij)  in  den  folgenden  werken  Alexander,  Wilhelm 
von  Orleuz  und  endlich  in  der  Weltchronik  treu  geblieben  ist. 


ZUM   REIMGEBRAUCH  RUDOLFS  V.  EMS.  473 

§  5.    Sonstige  bemerkimgen  zu  einzelnen  vocalen. 
Der  Umlaut  des  langen  ä  (Weinliold,  Mhd.  gr.  §  89)   wird 
durch  folgendes  h  gehindert  in 

versmcVie  (3.  conj.)  :  enphähe  B.  332,  9. 

(ver)smähen  (inf.)  :  nähen  G.  2207.    B.  97,  39.  206,  23. 

:  enphähen  G.  6169.    B.  101, 15.  280,  25. 
versmähen  (3.  pl.)  :  enphähen  B.  133,  23. 
versmähest  :  enphähest  B.  100,  23. 

Eegulär  steht  nur  gerade  das  etymon  dieser  gruppe  smcehe 
(adj.)  :  gescehe  (3.  conj.)  B.  30, 15, 

Vor  r  erscheint  regelmässig  ce:  stvcere,  gebmre,  geivoere,  un- 
ervceret  u.s.w. 

Was  den  Wechsel  von  e  und  ei  im  auslaut  des  sg.  praet.  von 
schrien  und  sphvcn  anbelangt,  so  schwankt  auch  unser  dichter, 
neigt  jedoch,  wie  es  scheint,  mehr  zum  e.  Vgl.  hierzu  die  über- 
sichtliche darstelluiig  bei  Zwierzina,  Zs.  fda.  45,  30  ff. 

Rudolf  reimt 

schrei  :  ensivei  B.  118,  7.  204, 13.  Dies  zugleich  die  beiden  einzigen 
bindungen  des  typiis  -ei. 

schre  :  (o)ice  G.  2087.    B.  8G,  33.  125, 11.  317,  9.  331,  25.  357, 15, 
unter  zahlreichen  anderen  reimen  {me  :  ste  :  otve  u.s.w.): 

sjjei  :     0 

anspe  :  me  B.  72,  25. 

Hier  scheint  die  Verwendung  der  e-formen  wol  durch  die 
grösseren  reimmöglichkeiten  bedingt;  unter  den  e«-reimen  hatte 
der  dichter  nur  enzivei  zu  binden.  Dennoch  ist  wichtig,  dass 
Rudolf  beide  formen  im  reime  zulässt. 

herre  oder  herre?  Im  reim  erscheint  nur  herre  ( :  verre, 
werre)  und  Jierren  ( :  verren,  iverren).    Die  reimbelege  s.  457. 

Daraus  zu  schliessen,  dass  Rudolf  nur  herre,  nicht  aber 
Mrre  sprach,  geht  nicht  an,  da  er  für  das  letztere  gar  kein 
bequemes  reimwort  zur  Verfügung  hatte.  Die  reimkategorie 
crre,  merre,  die  bei  Wolfram  (vgl.  Zwierzina,  Festg.  f.  Heinzel 
s.  475f.  und  Zs.  fda.  45, 19  ff.)  eine  rolle  spielt,  aber  im  all- 
gemeinen doch  zu  den  Seltenheiten  im  reim  gehört,  ist  bei 
Rudolf  gar  nicht  vertreten;  er  war  also  gezwungen,  das  un- 
entbehrliche herre  in  dieser  form  zu  reimen. 

Ueber  die  vocale  in  nebentonigen  silben  ist  niclit  viel  zu 
sagen;  -ant  ist  regelmässig  erhalten,  ivtgant  :  zehant  Gr.  813. 
1343.  4969  u.s.w.  in  mehreren  bindungen.    Ebenso  sind  reime 

Beitrage  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVll.  3j^ 


474  JUNK 

wie  tvigande  :  lande  G.  1743.  6103.  6467  u.s.w.  selbstverständ- 
lich.    Aber  rient :  schrtent  B.  115,  39. 

Im  übrig-en  ist  es  überhaupt  schwer,  hier  aus  dem  reim 
zu  schliessen,  da  es  sich  um  nebentonige  silben  handelt,  im 
reim  aber  meist  ein  hochton  gebunden  wird.  Dies  gilt  z.  b. 
gleich  für  das  schwanken  zwischen  volltonigem  iemdn  und  ge- 
schwächtem iemen.  Dass  das  erstere  tatsächlich  so  betont 
war  und  zu  einem  stumpfen  reim  verwendet  werden  kann, 
bezeugen  die  reime  ieman  :  geivan  G.  4053.  6123.  ß.  59, 5.  197, 35; 
nieman  :  geivan  G.  2031.  3391.  Vgl.  Mhd.  wb.  2,  1,  40.  i)  Ge- 
schwächtes iemen,  niemen  reimt  nur  einmal,  und  zwar  G.  5313 
auf  einander,  wo  es  gegen  die  Überlieferung  in  beiden  hss., 
aber  mit  voller  berech tigung,  angesetzt  ist: 

daz  rihtet  leider  meinen. 

funden  die  herren  iemen, 
der  . . . 

Im  B.  erscheint  es  überhaupt  nicht  im  reim. 

Die  betonung  des  volleren  iemdn  wird  auch  metrisch  be- 
stätigt, wo  es  im  versinnern  anzutreffen  ist: 

G.  498.      swes  ieman  gedenken  wil. 
Gr.  4894:.     swäz  iemän  erdenken  mäc. 

Dagegen  2) 

Gr.  6741.    da  tüsent  jär  sint  ein  tac, 

die  niemen  völrecken  (besser:  volle  recken)  mäc. 
B.  185,  33.    owe,  vater,  Aver  tuot  daz  ? 

owe,  niemäu.    ez  ist  ze  läz 

al  der  Hute  sin  gen  dir. 

Nur  darf  man  nicht  weiter  gehen  und  getrennte  Schreibung 
ie  man  verlangen;  ieman  ist  ein  compositum,  dessen  einzelne 
bestandteile  ie  und  man  nicht  mehr  als  solche  empfunden 
werden,  wie  der  vers  zeigt: 

G.  6123.    daz  groeste  nnlieil  daz  ieman 
in  sinen  ziten  ie  gewan. 


^)  In  dem  von  Dobereutz  (Zs.  fdph.  13, 165  ff.)  abgedruckten  geographi- 
schen excurs  der  Weltchronik  reimt  auch  nieman  :  hau  v.  465. 

2)  Im  geograph.   abschnitt  der  Weltchronik  v.  164  (nach  Doberentz 
a.a.O.)  bei  der  beschreibung  des  landes  Hevilath  (Rudolf:  Ejulät): 
grifen  noch  träcken  nieman  länt 
daz  selbe  gölt  gewinnen  da 
wäre  wol  auch,  gegen  die  Überlieferung,  niemen  anzusetzen. 


ZUM  REIMGEBEAUCH  RUDOLFS  V.  EMS.  475 

Hier  ist  wol  auch  der  ort,  über  die  Verwendung  des  sufflxes 
-inne  und  seiner  Vereinfachungen  -in,  -in  zu  sprechen.  Eudolf 
reimt  hier: 

keiserinne  :  minne  G.  163.  233.  Jcuneginne  :  minne  G.  4909.  4928.  5019. 
6477.  —  :  sinne  G.  5241.  vriunäinne  :  sinne  B.  64, 15.  gotinne  :  minne 
B.  245,  37.  259,  27.    —  :  sinne  B.  249, 17.  257,  31.  258,  35. 

Diesen  fällen  aus  dem  auch  sonst  zahlreichen  typus  -inne  i) 
stehen  nun  gegenüber  die  folgenden  mit  der  dehnform  -m-): 

Jceiserin  :  haldekin  G.  3573. 

künegtn  :  stu  (esse)  G.  3943.  5029.  5625.  6585.  B.  64,  27-  —  :  stn 
(suus)  G.  1749.  2749.  3923.  4223.  4671.  5885.  —  :  min  G.  4897.  5671. 
—  :  Ein  G.  5197.  5233.  —  :  scJun  G.  5699.  —  :  vingerlin  G.  6501.  —  :  (Un 
G.  6703.   B.  63,  39  und  Sängerin  :  sin  B.  252,  7. 

Von  den  kurzformen  auf  -in^)  finden  sich  gereimt: 

keiserin  :  in  (eis)  G.  161,  und  künigin  :  in  (eum)  G.  5107, 

wovon  der  letztere  reim  nach  Lachmann  (Zs.  fda.  1, 200.  Zwier- 
zina,  ebda.  45,  78)  in  hünecfm  :  sin  zu  verbessern  ist. 

Was  nun  die  Verteilung  der  drei  formen  betrifft,  so  bringt 
G.  alle  drei,  besonders  -inne  und  -in,  B.  kein  -in,  sondern  nur 
1  -inne  und  2  -in.  Wie  schon  Zwierzina  (a.  a.  o.)  angedeutet 
hat,  ist  die  Seltenheit  des  Vorkommens  der  beiden  worte  küne- 
ginne  und  keiserinne  im  B.  gegenüber  dem  G.  für  die  reim- 
technik  des  dichters  kein  beweis,  sondern  ergibt  sich  aus  den 
verschiedenen  stoffkreisen  der  beiden  dichtungen.  Im  G.  spielt 
eine  wirkliche  küneginne,  die  von  England,  und  im  anfang 
eine  keiserinne,  die  gemahlin  Ottos,  eine  rolle;  unter  den  an- 
geführten 27  fällen  des  G.,  stehen  die  worte  25  mal  in  dieser 
tatsächlichen  bedeutung,  nur  einmal,  G.  3573,  keiserin  im  ver- 
gleiche gebraucht,  und  nur  einmal,  G.  163,  keiserinne  im  über- 
tragenen sinne:  die  königin  des  himmels  bezeichnend.  Nur 
von  diesen  zwei  mciglichkeiten  können  wir  erwarten,  dass  sie 
in  der  christlich -asketischen  fabel  des  B.  an  Wendung  finden; 
und  tatsächlich  bringen  die  zwei  fälle  im  B.,  nämlich  63,  39 
und  64,27  (beide  male  künigin)  die  'himmlische  königin' 
Maria,  entsprechend  den  beiden  stellen  in  übertragener  be- 
deutung im  G.    Eine  wirkliche  königin  tritt  im  B.  (bis  auf 


1)  Die  zahl  der  reiunnöglichkeiten  beträgt  in  dieser  kategorie  (minne, 
sinne,  inne  und  drinnc)  31  ohne  die  oben  angeführten  fälle. 

2)  Zahl  der  reimmöglichkeiten  bei  Rudolf  421. 
2)  Unter  186  reimmöglichkeiten. 

31* 


476  JUNK 

die  kleine  episode  mit  der  sj^risclien  königstocliter  302,  33  bis 
308,  28)  gar  nicht  auf,  es  fallen  daher  die  im  G.  so  zahlreichen 
reime  dieser  worte  weg.  Rudolf  braucht  also  seine  reimtechnik 
vom  Gr.  zum  B.  nicht  geändert  zu  haben:  der  stoff  gab  ihm 
keine  gelegenheit,  die  beiden  worte  im  B.  so  oft  in  den  reim 
zu  setzen. 

Andrerseits  aber  sind  wir  wol  nicht  berechtigt,  die  eine 
auftretende  kurzform  Jceiserin  G.  161  mit  Zwierzina  (a.a.O.) 
wegzuschaffen  und  so  einen  quantitativ  ungenauen  reim  -in 
:  m  .hervorzurufen  (vgl.  das  auf  s.  449  gesagte),  der  wie  der 
früher  besprochene  hin  :  sclun  G.  für  Rudolf  ein  ursprüngliches 
schwanken  in  der  quantität  des  i  vor  n  bezeugen  soll.  Als 
'für  den  Gerh.  charakteristisch'  würde  diese  quantitative  un- 
genauigkeit  durch  unseren  reim  l-eiserm  :  m  schon  gar  nicht 
sein,  da  Rudolf  im  Bari,  eben  verminderte  gelegenheit  hatte, 
das  wort  zu  reimen,  wir  also  nicht  wissen,  wie  er  es  hier 
gehalten  hätte. 

Die  form  auf  -in  ist  also  meines  erachtens  nicht  zu  be- 
anstanden. Auch  Hartmann  von  Aue,  mit  dem  unser  dichter 
in  manchen  eigentümlichkeiten  und  zwar  oft  im  gegensatze 
zu  andern  dichtergruppen  zusammensteht,  hat  ein  hünegin  mit 
kurzem  i  im  Erec  und  3  im  anfange  des  Iwein,  dazu  einmal 
meierm  :  m  A.  Heinr.  1437  (Zwierzina  a.a.O.  s.  80). 

Es  bleibt  somit  nach  meiner  meinung  die  tatsache  bestehen, 
dass  Rudolf  im  G.  alle  drei  formen  auf  -inne,  -in  und  -m  an- 
wante,  wenn  er  auch  die  auf  -m  trotz  zahlreicher  reimmöglich- 
keiten  zu  vermeiden  trachtete  (was  zugegeben  werden  muss) 
und  im  B.  überhaupt  nicht  mehr  gebrauchte,  vielleicht  weil  er 
wusste,  dass  sie  nicht  gleiche  geltungsberechtigung  hatte  wie 
die  beiden  volleren  formen. 

Der  mangel  an  den  beiden  Worten  hmeginne  und  keiserinnc 
scheint  im  B.  durch  gotinne  und  das  der  bedeutung  nach  mehr 
gleichgiltige  und  verblasste  vrhmdinne  ausgeglichen,  die  bei 
Rudolf  nur  in  dieser  form  vorkommen;  zweisilbige  bildungen 
wie  friundin,  bei  denen  die  beiden  accente  so  dicht  zusammen- 
treten, sind  mhd.  wol  Seltenheiten,  ein  gotin  gibt  es  wol  über- 
haupt nicht.  1) 


1 


1)  Das  Mhd.  wb.  1,  558a  verzeichnet  hloss  1  goitn  (Parz.  750, 5),  wo  es 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  477 

Auch  für  den  plural  tritt  bei  Rudolf  -in  ein,  wie  die  bin- 
dung  Sängerin  (acc.  pl.)  :  sin  (esse)  B.  252,7  beweist;  vgl.  DWb. 
5, 1702. 

§  6.  Contraction  von  -agest,  -aget  und  -egest,  -eget 
zu  -eist,  -eit. 
Zwierzina  hat  (Zs.  fda.  44,  345  ff.)  das  resultat  in  bezug 
auf  diese  contractionsformen  zusammenfassend  widergegeben: 
Eudolf  gehört  in  die  gruppe  'meist  alemannischer  und  frän- 
kischer dichter',  die  sowol  trcit  (freist)  und  leit  (leist,  leite, 
geleit),  als  auch  seit  (seist,  seite,  geseit)  contrahiert  reimen,  da- 
gegen ein  meit  >  maget,  geMeit  >  geldaget  u.  dgl.  m.  nicht 
kennen.  Seine  bemerkung  jedoch  (a.  a.  o.  s.  346)  'in  mhd.  zeit 
reimen  alle  alem.  dichter  . . .  neben  seit,  seist,  geseit  auch  . . . 
saget,  sagest,  gesageV  bedarf  für  unseren  dichter  einer  kleinen 
einschränkung.  Eudolf  gebraucht  den  sg.  ind.  praes.  nur  con- 
trahiert: äü  seist,  er  seit,^)  daneben  kein  ind.  du  sagest,  er  saget; 
diese  nicht  contrahierten  formen  sind  für  den  conj.  da  sagest"^) 
und  für  den  imperativ  saget I'^),  welch  letzterer  wol  auch  für 
die  nicht  belegte  2.  pl.  ir  saget  mitgelten  kann,  vorbehalten. 


im  versinnern  steht  (Lachmann ,  Wolfram  *  s.  353) ;  gotin  ist  aber  eine 
Schreibart  Lachmanns,  wie  ich  vermute,  um  den  zweisilbigen  auftakt  stner 
zu  beseitigen;  die  hss.  haben  durchweg  -mne.  Bartsch  (Wolfram  [1877] 
3, 128)  hält  sich  an  die  Überlieferung. 

Was  vriundin  betrifft,  so  ist  die  scansion  erleichtert  durch  den  langen 
diphthong  der  ersten  silbe,  der  auch  zweisilbig  gelesen  werden  kann; 
hierher  gehört  von  den  belegen  des  Mhd.  wb.  3,  4r2a  friwendin  MS.  (Bodmer) 
1,41b.  Die  übrigen  daselbst  angeführten  fälle:  /■m/»f//'>i  Walther  63,  31 
(auch  20  und  24),  Parz.  G28,  5  sind  ebensogut  mit  kürze  des  i  zu  lesen. 
Schwerer  wiegen  reime  wie  frimidin  :  sin  Tristan  18597  und  die  bei  Zwier- 
zina (a.  a.  0.  s.  80)  aus  dem  Erec  angeführten ,  oder  im  versinnern  Wolfr. 
Lied.  3, 15  (Lachm.)  Besonders  schwer  treten  die  beiden  accente,  der 
haupt-  und  nebenaccent,  aneinander  in  grcevtii  Erec  G478.  Solche  formen 
sind  wol  sehr  spärlich  vertreten. 

1)  Die  belege  sind :  du  seist :  loeist  B.  84, 27.  182,  7.  322, 27.  —  :  rjeist 
B.  101,21.  er  seit  :  -heü  und  -Jceit  G.  43.  153.  803.  6603.  6759.  B.  12,23. 
22,  37.  71, 15.  73, 1.  131, 11.  193, 19.  207,  31.  256,  21.    —  :  bereit  G.  6791. 

2)  sagest  :  verdac/est  G.  1111.  —  :  -jagest  B.  122, 11.  361, 27  (nach 
§  365  von  Pauls  syntax);  vgl.  die  sing.-form  er  sage  :  klage  (subst.)  B.  87, 19. 
—  :  ich  trage  B.  347,  7. 

3)  saget!  :  verjaget  (part.)  G.  1359.  5299. 


478  JUNK 

Nur  für  das  praet.  und  part.  gilt  Zwierzinas  regel  unein- 
geschränkt, denn  hier  finden  wir  beide  formen  promiscue: 
4  mal  er  scite  und  4  mal  er  sagcte, ')  pl.  4  mal  selten  und  1  mal 
sageten.-)  Part,  gescit  und  composita  erscheinen  begreiflicher- 
weise sehr  oft  gereimt,  ich  zähle  164  fälle;  dem  stehen  gegen- 
über 16  reime  mit  der  uncontrahierten  form  gesaget, ^)  wobei 
zu  bedenken  ist,  dass  die  reimmöglichkeiten  auf  -aget  natür- 
lich viel  geringer  sind  als  die  auf  -eit. 

,  Diese  16  fälle  für  gesaget,  maget,  gejaget,  vertaget,  hetaget, 
geldaget^)  reimen  nur  unter  einander,  nie  auf  altes  -eit  (z.  b. 
-heit,  -Jieit,  her  eit  u.  s.w.):  ein  sicherer  beweis,  dass  sie  uncon- 
trahiert  geblieben  sind.    Rudolf  kennt  kein  meit,  geJdeit  u.s.w. 

Aehnlich,  wenn  auch  durch  weniger  belege  gesichert,  liegen 
die  dinge  bei  tragen  und  legeti. 

Wir  finden  für  den  ind.  du  treist  kein  tragest,^)  der  conj. 
ist  nicht  belegt.  '^)  Ebenso  die  3.  sg.  er  treit  immer  contrahiert 
in  72  bindungen;  darunter  niemals  eine  2.  pl.  ir  seit. 

Endlich  legen.  Im  reime  erscheinen  bloss  er  leit,.  praet. 
leite,  leiten,   part.  geleit  in  zahlreichen  eindeutigen  bindungen. 

Eudolfs  gebrauch  stimmt  in  dieser  hinsieht  mit  dem  Hart- 
manns überein  (Zwierzina,  Reimgebrauch  Hartmanns  und  Wolf- 
rams s.  471),  im  gegensatz  zu  Wolfram. 


^)  er  Seite  :  hreäc  (adj.)  G.  1265.  6063.  —  :  leite  (praet.  von  legen) 
B.  43, 11.  248, 13.  sageie  :  jageie  B.  25,  21.  —  :  behagete  B.  127,  37.  —  :  ge- 
dagete  B.  208,29;  sonst  hat  dieser  typus  überhaupt  mir  noch  eine  bindung, 
nämlich  gedagete  :  tagete  B.  391,  5. 

^)  Seiten  ;  leiten  (praet.  von  legen)  B.  24,  7.  229,  31.  269,  23.  327,  27. 
sageten  :  betageten  B.  328,  21. 

s)  gesaget  :  maget  G.  3551.    B.  64,  29.   65,  27.  98,  37.    147,  5.    150,  39. 

—  :  verdaget  (part.)  G.  6675.  B.  35,  25.  402,  33.  403,  27.    —  :  {ge-,  vcr-)  jaget 
(part.)  B.  35,  29.    195, 15.   271,  9.   288,  27.     —  :  verjaget  (3.  sg.)  B.  142, 19. 

—  :  behaget  (3.  sg.)  B.  232, 15. 

*)  (ver-,  be-)  jaget  (part.)  :  unverzaget  B.  9,  35.  302, 13.  —  :  betaget 
(part.)  B.  217,  25.  Ferner  jaget  (3.  sg.)  :  betaget  (3.  sg.)  B.  119,  15.  maget 
.  gejaget  (part.)  B.  146,  23.  170, 1.  -  :  hetaget  (part.)  B.  271,  33.  -  :  gc- 
klaget  G.  2237. 

')  treist :  volleist  (subst.)  G.  1941.  2263.     —  :  weist  G.  4597.    B.  358, 15. 

—  igeist  B.  176,35. 

ö)  Ansser  für  die  3.  sg.  trage  :  behage  (conj.)  G.  2859.  5467.    B.  365,  37. 


ZUM  REIMGEBRAUCH  RUDOLFS  V.  EMS.  479 

§  7.    Contraction  von  -ihest,  -ibet  und  -igest,  -iget 
zu  -ist,  -it. 
Zwierzina  hat  Zs.  fda.  44, 397  ff.  Eudolfs  verhalten  in  bezug 
auf  lit  untersucht.    Es  erscheinen  im  reim: 

du  (jht  :  sist  G.  4369.  B.  157,  25.  320,  25.  333, 15.  er  (jU  ( :  zit,  strtt, 
sH  [estis]  und  Davit)  41  mal. 

er  Vit  ( :  zit,  sit  [estis]  und  strit)  13  mal. 

Unter  einander  er  lit  :  er  gU  G.  4633.    B.  126, 13  und  176, 17. 

Eeimmöglichkeiten  für  ligt  fehlen  nicht  ganz,  wie  die  folgen- 
den reime  zeigen: 

2)hlifjt :  wigt  B.  106, 11.  155, 29.  325,  5.  phligt :  gesigt  B.  111,  3.  235,  29. 
241,  7.  246, 17  und  gesigt  :  ivigt  G.  6609. 

Nur  der  plur.  geligent :  gesigent  erscheint  noch  B.  226,  3 
im  reime. 

Ganz  fehlen  die  reimmöglichkeiten  nur  bei  gibt. 

IL    Consonantismus. 

§  8.    Einfache  consonanten. 

Wie  im  vocalismus,  so  zeigt  Rudolf  auch  im  consonantismus 
strenge  gesetzmässigkeit  und  eindeutigkeit  der  formen,  die 
meist  dem  lautstande  entsprechen,  wir  wir  ihn  in  der  spräche 
der  höfischen  epiker  gewöhnt  sind.  Rein  dialektisches  lässt 
sich  auch  hier  wie  bei  den  vocalen  nicht  viel  nachweisen. 

Von  im  mhd.  schwankenden  doppelformen  erscheinen  bei 
ihm  im  i'eim  z.  b.: 

gaden  :  geladen  B.  152, 15. 

lieber  die  doppelformen  ruom  und  ruon  vgl.  Zwierzina,  Mhd.  stud., 
Zs.  fda.  45,  72,  anm.    Es  reimen : 

ruom  :  -tuom  G.  173. ')  6097.  6195.  6273.  6717.  B.  35,  37.  73,  9.  86, 19. 
114, 19.  146,  7.  161, 13.  227,  5.  341,  27.  396, 39. 

ruome  :  -tuome  G.  667.  5709.  B.  196,  5.  340,  9.  400,  39.  —  :  hluome 
B.  22, 31.  213, 21. 

ruon  :  tuen  G.  937.  987.  1101.  1115.  4305.  6295.  6901. 

Dabei  scheint  es  mir  aber  nicht  ganz  gleichgiltig  zu  sein,  dass 
ein  eigentliches  schwanken  der  m-  und  w-form  nur  im  G. 
stattfindet:  7  mal  ruom{e)  und  7  mal  ruon;  die  Verteilung  ist 
gleich;  beide  formen  sind  üblich  und  gleichwertig.    Im  B.  da- 


')  Dieser  reim  {ruom  :  erzchistHoni)  fehlt  in  der  aufzählung  Zwierzinas. 


480  JUNK 

gegen  finden  sich  14  mal  die  m-formen  ruom{e),  Omal  riion\ 
also  eine  entschiedene  hegünstigung  der  m-iorm,  wobei  ins 
gewicht  fällt,  dass  B.  mehr  als  doppelt  so  viel  verse  hat  als  G. 

Nur  darf  man  nicht  von  reimen  zwischen  m  und  n  sprechen 
(Weinhold,  Mhd.  gr.  §216):  dies  erweckt  eine  falsche  Vorstellung, 
denn  die  hier  angeführten  beispiele  sind  durch  Schwächung 
bewirkte  doppelformen,  die  bei  Weinhold  a.  a.  o.  zum  vergleiche 
angeführten  dichter  reimen  aber  ungescheut  altes  -m  auf  altes  -«; 
so  auch  Walther  nam  :  spihnan  (63,  3)  und  lam  :  man  (106, 26). ') 
Dieses  nun  findet  sich  bei  unserem  dichter  niemals,  es  handelt 
sich  bei  ihm  nur  sozusagen  um  landläufige  doppelformen.  Also 
aus  der  liste  des  dichters,  die  sich  m  auf  n  zu  reimen  gestatten 
(Weinhold  a.  a.  o.),  ist  der  name  Rudolfs  von  Ems  zu  streichen. 

Nur  einförmig  (wol  unter  dem  zwange  des  reims)  kennt 
Rudolf  hehl  ('heim')  und  lein  (subst.)  Die  fälle  sind  bei  Zwier- 
zina  a.a.O.  angeführt. 

r  fällt  aus  in  tverlt.  Die  bei  Rudolf  im  reim  (übrigens 
selten)  auftretende  form  ist  weit :  geselt  B.  67,  39.  —  :  gelt  B. 
96,21.  130,3;  wobei  zu  bemerken  ist,  dass  der  erste  reim  B. 
67, 39  den  gen.  sg.  tvelt  bringt,  also  nicht  tve(r)lcle,  der  zweite 
fall  den  dat.  widerum  ivelt,  nicht  ive{r)lde,  der  dritte  den  acc. 
Es  lautet  also  der  ganze  sg.  einförmig  tvelt.-) 

Ob  der  dichter  aber  hier  durch  die  Unmöglichkeit,  das 
wort  in  der  form  tvcrlt,  tverlde  zu  reimen  (denn  auf  -erlt,  -erlde 
gibt  es  sonst  keine  mhd.  reime)  gezwungen  war,  es  in  der  form 
weit  zu  verwenden  und  nicht  anders,  —  oder  ob  er  nur  diese 
form  kannte  und  daher  ohne  anstoss  in  den  reim  setzte,  kann 
bei  der  geringen  anzahl  von  reimen  dieses  typus  nicht  ent- 
schieden werden;  denn  ausser  den  drei  besprochenen  reimen 
finden  sich  hier^)  nur  noch  zwei:  gezelt  (subst.)  :  gelt  (subst.) 
B.  133,25  und  velt  (subst.)  :  gelt  (subst.)  B.  310,7. 

Unverschobenes  germ.  t  erscheint  in  gesät,  und  zwar: 

(jesat :  stat  G.  529.  5281.  5335.  6263.  B.  117, 1.  118, 11.  120,  5.  130,  27. 


1)  Uebrigens  lasse  ich  es  dahingestellt,  oh  hei  106,26  wirklich  ein 
ahsichtlicher  hinnenreim  vorliegt;  die  Sprüche  desselben  metrums  106,17. 
106,  31.  107,  3  und  107, 10  hahen  an  dieser  stelle  keinen  reim. 

2)  So  lieht  Endolf  auch  hei  den  fem.  der  /-klasse  die  ai)okopierten, 
zugleich  umlautenthehrenden  formen.    Vgl.  §  15. 

2)  Natürlicli  kommen  nur  e  :  r  in  hetracht.    Vgl.  §  2. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V,  EMS.  481 

210,  35.  324,  9.  340, 17.  349, 17.  370, 17.  395.  29.    —  :  hat  B.  339, 15.    versat 
:  stat  B.  369,  3. 

Hierin  nun  werden  wir  allerdings  den  einfluss  des  ale- 
mannisclien  dialekts  erkennen  müssen. 

Der  dichter  konnte  ein  so  bequemes  reimwort  (unter 
30  reimen  stat  :  hat  :  trat  :  pliat :  mat)  nicht  missen  und  ver- 
wendete es  daher  ebenso  wie  Hartmann,  Gottfried  u.  a.  (Wein- 
hold, Mhd.  gr.  §  194.  AI.  gr.  §  176.  Zwierzina,  Beobachtungen 
s.  484  f.  und  Zs.  fda.  45, 45).  Daneben  erscheint  aber  zweimal 
gesetzet :  ergetzet^)  G.  4051,  entsetzet :  geletzet  B.  316, 19. 

z  wird  als  spirant,  nicht  als  affricata  gesprochen  in 

reken  (Weiuliold,  iAIhd.  gr.  §  207)  :  gelicizen  B.  116,  9.  291,  31.  reizet 
:  heizet  G.  601  imd  reizent :  heizent  B.  95, 23.  Uebrigens  ebenso  wie  Rudolfs 
Vorbild,  Gottfried  im  Trist.  1405:  heizest  :  reizest. 

G.  1753  reimt  unser  dichter  ivas  :  vcrgaz,  was  bei  seiner 
sonstigen  genauigkeit  unerhört  ist;-)  Haupt  'weiss  den  falschen 
reim  nicht  zu  verbessern.  Fehlen  zwei  zeilen?'.  Am  ein- 
fachsten ist  für  das  in  den  hss.  überlieferte  (A  waz,  B  wase) 
nach  Lachmanns  und  Wackernagels  Vorschlag  (Zs.  fda.  1, 199) 
saz  einzusetzen  und  unter  berufung  auf  v.  1645  {dö  sach  ich  . . . 
fünfzehen  sitzen  dort)  zu  lesen: 

G.  1751.    die  man  dich  dort  lie  scbouweu 
bi  vierzeben  vrouweu 
daz  si  diu  fünfzebende  saz, 
an  der  got  Wunsches  niht  vergaz. 

§  9.    Consonantenverbindungen. 
Hier  spielt  die  erweichung  des   t  nach  n   im  praet.  der 
schw.  verba  mit  rückumlaut  eine  rolle.    Rudolf  reimt 

erJcande  :  lande  G.  1135.  2801.    B.  145,  27.  302,  37. 

erJcanden  :  landen  B.  327,  39. 

sande  :  lande  G.  2991.  5095.  5817.    B.  188,19.  272,35.  293,5.  362,25. 

Ferner  unter  einander: 

erkande  :  nande  G.  1379.  6297.  B.  54,  23.  248,  25.  356,  35.  —  :  sande 
(praet.)  G.  1875. 

erkunden  :  nanden  B.  14, 13.  55, 11.^) 


1)  Bei  Zwierzina,  Zs.  fda.  45, 45  übersehen. 

^)  Die  reime  -az  :  -az  sind  in  §  1,  s.  448  citiert;  ebenso  reimen  nur 
-US  :  -as  120  mal,  dazu  ein  reim  erdewase  :  grase  B.  117,  3.  Dasselbe  resultat 
in  bezug  auf  die  consonantiscb  vollkommen  genaue  entsprechung  zeig'eu 
die  reiratypen  -ast-,  -äst  u. s.w. 

3)  Sonst  reimen  in  dieser  gruppe  nur  alte  d:  hotdc  :  wigandc  G.  1743. 


482  jüNK 

Dem  stellt  nun  ein  fall  gegenüber  B.  281, 1:  erlmnte  :  wanie. 
An  sich  nentral,  Hesse  sich  auch  dieser  reim  in  das  oben  ge- 
fundene ergebnis  einstellen  (erhinde  :  tvande),  doch  ist  eben 
grade  das  praet.  tvande  sonst  nicht  belegt,  also  vorsieht  geboten. 

Was  die  part.  praet.  betrifft,  so  reimt  bei  Rudolf  nur: 

erkant  (:  zeJiant  G.  995.  1983.  —  :  vcoit  G.  1235.  —  :  laut  G.  1253. 
1257.  1267.  1309.  1353.  1491.  1737.  1787.  1933.  —  :  haut  G.  1761  u.s.w., 
ebenso  im  B.),    genant  (:lant  G.  181.   603.   1087.   1151.    —  :  luuü  G.  205. 

—  :  vant  G.  913.  —  :  zehant  G.  1125.  1383  u.s.w.,  ebenso  im  B.),  gewant 
( :  lant  G.  1505.  2027.  2185.  3217.  —  :  zehnnt  G.  1733  u.s.w.,  ebenso  im  B.), 
gesant   ( :  haut  G.  1107.     —  :  lant  G.  1741.  1991.  2269.  2465.  4189.  4295. 

—  :  gemant  G.  2739  u.  s.  w.,  ebenso  im  B.),  geschant  (  :  nnbeJcant  B.  194, 27. 

—  :  haut  B.  232,  3  u.  s.  w.),  daneben  kein  erJcennet,  genennet,  geivendet,  ge- 
sendet, geschendet;  wol  aber  einmal  enhrennet  (part.)  :  erkennet  (3.  sg.)  B. 
348,21,  dem  unter  so  zablreichen  reimen  axif  -ant  nur  ein  gchrant  ent- 
gegensteht, nämlich  verhrant  :  erkant  B.  339,25.') 

Auch  U  erweicht  unser  dichter  zu  7(7;  die  in  betracht 
kommenden  beweisenden  bindungen  sind: 

solde  :  goMe  G.  1519.    B.  69,  3. 
toolde  igolde  G.  2917.  6309.    B.  211, 1. 

Die  grösste  zahl  der  diesem  reimtvpus  angehörigen  fälle 
ist  aber  neutral,  und  spricht  daher  nicht  dagegen.  Die  heraus- 
geber  haben  (den  hss.  folgend)  bald  U,  bald  7f7;  ich  führe  das 
erwiesene  Id  überall  ein: 

solde  :  uwlde  G.  491.  653.  1213.  1473.  2493.  2947.  3925.  4383.  5965. 
6515.    B.  57, 27.  66,  3.  141, 13.  169,  29.  178,  7.  305.  37.  338,  5.  355,  7. 

Salden  :  wolden  G.  4261.  5753.  B.  52,  13.  71,  21.  90,  33.  194,  35. 
270, 15.  368, 15. 

sohlent  (2.  pl.)  :  woldent  G.  893. 

B)   Erscheinungen  aus  der  flexionslehre. 

I.    Conjugation. 

§  10.    Die  reduplicierten  verba. 

Ueber  die  form   des  inf.   rähen,  die  bei  Rudolf  niemals 

ohne  guttural  (vän)  auftritt,   vgl.  Zwierzina,  Zs.  fda.  45,  48  f., 

wo  auch  die  reimbelege  verzeichnet  sind. 2)    Für  das  compo- 


6103.  6467.    —  :  gewande  B.  166,  25.    —  :  brande  (dat.)  B.  248, 1.    schänden 
(siibst.)  :  banden  (subst.)  G.  6379. 

')  Vgl.  eine  ähnliche  doppelheit  bei  gezalt  und  gezelt  §  14. 

'■')  Dabei  hat  Zwierzina  den  reim  mnbevähen  :  nahen  G.  4071  übersehen. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  483 

situm  mit  vcr-  nimmt  Zw.  aber  die  contraliierte  form  vervän 
in  anspriicli  nnd  stützt  sich  dabei  einerseits  auf  den  vereinzelten 
reim  G.  5463  er  verrät :  rät,  andrerseits  auf  die  parallele,  die 
diese  Verwendung  bei  Hartmann  findet.  Wenn  mich  ein  grund 
Zwierzinas  überzeugen  könnte,  so  wäre  es  dieser  letztere.  Aus 
dem  einzigen  fall  verrät  :  rät  würde  ich  es  nicht  wagen,  Eudolf 
die  form  mit  dem  guttural  abzusprechen;  denn  erstens  gibt 
Zwierzina  (a. a. o.  s.  49,  anm.  1)  selbst  zu,  dass  das  wort  bei 
Eudolf  selten  ist,  dass  auch  sein  praet.  vervie  nur  2  mal  über- 
haupt (unter  den  23000  versen,  die  betrachtet  werden)  im 
reim  erscheint,  andrerseits  sind  die  reimmöglichkeiten  für  die 
/(-formen  dieses  Wortes  überhaupt  sehr  gering  im  vergleich  zu 
den  Ä-losen;  man  vergleiche  die  reimmöglichkeiten: 
Rudolf  reimt  in  den  gedruckten  gedickten 

-ahe    1  mal  gegenüber  -ä  ^)  158  mal 
-(Vten  24  mal         „  -an  362    „ 

-fihest  2  mal  „  -äst    12     „ 

-dhet  OmaP)        „  -ät    301     „ 

-angen  (part.)  5  mal        -an  362     „ 

Dieses  argument  hat  Zwierzina  für  die  formen  vähen  und 
enpJiähen  (im  gegensatze  zu  vän,  enjjhän)  geltend  gemacht: 
warum  soll  es  nicht  auch  auf  vcrvähcn  angewendet  werden 
können?  Uebrigeus  erscheinen  im  Innern  des  verses  formen 
mit  h,  z.  b.  der  inf.  vervähen  B.  216,  5  und  o.  sg.  vervähct  B.  94, 7. 
182, 9.  335, 14  und  wol  noch  öfter,  bei  übereinstimmender  Über- 
lieferung (Mhd.  wb.  3,  209  a),  die  doch  nicht  ganz  übersehen 
werden  dürfen.^) 

Was  das  praet.  anbelangt,  so  reimt  Rudolf  die  vollen 
formen  auf  -ietic  überhaupt  nur  2  mal,  nämlich  hienc  :  gienc 
B.  119,  23  und  hienc  :  cnpliicnc  B.  357,  39;  weitaus  überwiegend 
ist  das  praet.  auf  ie:  -vie,  {en)p}iie.    Die  belege  finden  sich  bei 


')  Dies  müsste  ja  die  eiidung  des  couj.  praes.  sein,  wenn  die  form  mit  Jt, 
vervähe,  nicht  gelten  soll. 

■■')  Eudolf  konnte  also  ein  vcrvähet,  wenn  es  seine  form  wäre,  gar  nicht 
untergebracht  haben;  er  musste  vervät  reimen. 

*)  Kudolfs  verhalten  kann  hier  höchstens  dem  Hartmanns  ähnlich  ge- 
nannt werden,  nicht  aber  'ein  schlagendes  analogen',  wie  Zwierzina  (a.a.O. 
s.  iS)  sagt,  der  übrigens  zugeben  muss,  dass  Rudolf  sich  in  diesem  aus- 
einanderhalten der  beiden  formen  'nicht  zu  reinlicher  Scheidung  auf- 
schwingt'. 


484  JUNK 

Zwierzina.  der  daran  eine  überaus  feinsinnige  aiiseinander- 
setzung-  über  die  Verteilung  der  form  vienc  einerseits  und  der 
durch  reime  auf  lie,  hie  (liic),  te,  nie,  l-nie,  sie  gesicherten  kurz- 
form  -vie  knüpft. 

Bei  häJien  fällt  besonders  ins  gewicht,  dass  sich  das  so 
leicht  reimbare  praet.  hie  gar  nicht  findet  (Weinhold,  Mhd.  gr. 
§  357),  sondern  nur  jene  oben  citierten  zwei  fälle  auf  gienc 
und  enphienc,  wodurch  diese  form  hienc  als  die  Rudolfs  er- 
wiesen wird  (Zwierzina  a.a.O.  s.  51). 

"Vom  verbum  läzen  reimt  Rudolf  im  praet.  wider  doppel- 
formig,  und  zwar: 

liez  :  hiez  G.  307.  1127.  1167.  4545.  B.  47, 19.  60,  35.  67,  5.  137,  35. 
251, 1.  252,  5.  283,  37.  339,  23  (der  typus  hat  nur  noch  10  reime,  ist  also  nicht 
sehr  zahlreich). 

-lie  :  nie  G.  275.  1965.  2915.  —  :  hie  G.  445.  1955.  2653.  3041. 
3651.  B.  71,  39.  73,  23.  287,  37.  298,  7.  310, 15.  —  :  ie  B.  178, 13.  309, 15. 
363,  39.  —  :  Jcnie  B.  393, 13,  dazu  die  8  bindungen  mit  -vie  (bei  Zwierzina) 
und  -lie  :  -gie  G.  877.  1469.  5025.  5103.  6041.  6511.  B.  32,  9.  117, 17.  135,  25. 
146, 13.  164,  31.  165, 11.  188,  9.  277,  25.  284, 13.  330, 17.  375,  25.  376,  29. 

Also  auch  hier  die  form  lie  öfter  als  lies'^)  im  reim;  liez 
ist  dem  dichter  aber  auch  ganz  geläufig,  und  wo  er  gelegen- 
heit  hat  {hiez,  stiez),  setzt  er  es  auch  in  den  reim.  Beide 
formen  scheinen  gleichwertig. 

Endlich  gän. 

Dem  vorcitierten  einmaligen  gienc  :  hienc  B.  119,  23  stellen 
sich  gegenüber: 

-gie  :  hie  (hie)  G.  55.  77.  377.  1895.  2299.  3539.  4149.  4197.  4895. 
4943.  6011.  6437.  B.  16,  37.  40,  3.  61,  5.  70,  7.  76,  7.  88,  37.  90,  27.  113,  25. 
139,35.  170,19.  171,3.  171,13.  177,35.  179,27.  180,13.  186,33.  190,23. 
199,35.  222,5.  272,7.  273,1.  282,27.  289,15.  292,37.  324,11.  328,5.  337,29. 
363,  9.  364, 17.  381,  9.  384, 17.  385,  35.  390,  31.  —  :  knie  G.  295.  2217. 
B.  163, 19.  331,  23.  349,  23.  —  :  ie  G.  105.  983.  B.  7,  29.  44, 31.  121,  31. 
143,  37.  164,  39.  269, 17.  317,  7.  326,  31.  380,  27.  397,  3.  —  :  nie  G.  1625. 
2943.  B.  362, 15.  397,  25.  —  :  sie  G.  4879.  B.  115, 1.  401, 19.  —  :  ivie 
B.  75,15,  dazu  noch  die  oben  angeführten  18  fälle  -gie  :  -lie  und  die 
indifferenten  auf  -vie  G.  719.  1055.  1447.  2325.  4723.  6343.  B.  28,25. 
114,;27.  123,35.  170,13.  173,3.  205,9.  208,33.  282,3.  282,37.  317,33.  400,13. 

Ueberall  also,  mit  ausnähme  von  hähen,  finden  wir  die 
verkürzten  formen  auf  -ie  bevorzugt;  diese  boten  dem  dichter 


1)  Wolfram  z.  h.  meidet  sie,  bis  auf  eine  stelle  Parz.  392,  3  (vgl.  Zwier- 
zina, Reimgebr.  Hartmanns  und  Wolframs  s.  468). 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  485 

Überaus  bequeme  reime  und  machen  ihm  diesen  reimtypus  zu 
einem  der  geläufig'sten;  daneben  bleiben  jedoch  die  eingangs 
citierten  fcälle  für  die  volleren  formen  bestehen,  denn  der 
dichter  entscheidet  sich  in  keinem  der  betrachteten  fälle,  liähen 
ausgenommen,  für  eine  einzige  form,  er  hat  nur  meist  recht 
wenig  gelegenheit,  die  vollere  form  zu  reimen;  wo  er  diese 
gelegenheit  aber  hat,  z.  b.  bei  liez,  da  erscheint  sie  auch  öfter 
im  reim. 

Ganz  ausser  gebrauch  konnten  diese  formen  {gicnc,  hienc, 
vknc,  lie£)  ja  übrigens  niemals  kommen,  da  der  plural  immer 
wider  die  erinnerung  daran  weckte  und  lebendig  erhielt. 

Im  anschlusse  daran  einiges  über  die  Verteilung  der  doppel- 
formen (jän  —  gm  u.  s.  w. 

Es  erscheinen  im  reim  inf.  guti,  niemals  gm;  für  inf.  gen  ist  keine 
reimmöglicbkeit  vorhanden ;  ferner  du  gast  :  hast  B.  168,  7,  welchem  nur 
indifferente  gest  :  stest  B.  100,25.  177,31  entg-egen  stehen;  dann  sie  gant 
:  hänt  B.  250, 1. ') 

Im  conj.  treten  nur  die  t'-formen  auf,  und  zwar:  ge  :  sie  (conj.)  G.  194:7. 
2595.  3105.  —  :  me  G.  4101.  4963.  B.  30,  39.  71,  29.  79, 17.  106,  31.  155,  35. 
181, 19.    —  :  e  G.  4293.    B.  35, 13.  194,  9.    —  :  se  B.  239, 19. 

§  11.    Die  praeteritopraesentia. 
In  bezug  auf  den  umlaut  im  conj.  verhalten  sich  diese 
verba  verschieden. 

1.  mac. 

Eudolf  reimt  den  conj.  niüge  :  Irüge'^)  (conj.)  G.  927.  —  :  lüge  (subst.) 
B.  238,  31.  —  :  trüge  (subst.)  B.  348,  7.  Der  conj.  lautet  also  umgelautet. 
Vgl.  das  ähnliche  resultat  bei  den  conj.  der  ablautenden  verba  träge,  lüge, 
Züge  (s.  462).  Plur.  ist  nicht  belegt,  daher  muss  auch  der  vocal  des  inf. 
unentschieden  bleiben. 

Was  das  praet.  betrifft,  so  reimt 

mohte  (ind.)  :  tohte  (ind.)  G.  219.  B.  47, 15.  54,  35.  140,  9.  263,  23.  370, 1. 

möhte  (conj.)  :  tohte  (conj.)  G.  939.  3545.  5315.  5397.  6687.  B.  26, 1. 
222,  25.  222,  39.  38(5,  33.    Plur.  möhtcn  :  töhten  G.  4155. 

Für  andere  als  diese  bindungen  gab  es  wol  keine  möglichkeit. 

2.  sol 

Der  conj.  lautet  sül  :  mül  B.  239,17,  also  wider  mit  umlaut,  da  er 
auf  sicheres  ü  reimt. 

lieber  das  erweichte  Id  im  praet.  vgl.  §  9,  s.  482. 

^)  Die  vielen  indifferenten  bindungen  auf  formen  von  stu)i,  sten  zähle 
ich  nicht  mit. 

^)  Nach  §  3,  s.  462  ist  dies  eine  beweisende  bindung. 


486  JUNK 

3.    Tian. 

Der  vocal  des  conj.  praes.  ist  aus  den  reimen  niclit  zu  ermitteln, 
s.  s.  460  f. 

Vom  praet.  reimen  die  ind.  Tcimäe  :  stunde  B.  10,25.  43, 1.  —  :  munde 
Cr.  2321.     —  :  (jnnule   G.  6361.     Plur.    l-unden  :  funden   (iud.)    B.  242,  39. 

—  -.funden  (conj.)')  G.  5323.    B.  195,9.    —  :  undencunden  (ind.)  G.  5801. 

—  :  stunden  B.  6,  9.  Ferner  die  conj.  Jcunde  :  stunde  G.  895  (nach  Paul, 
Syntax  §  360).  —  :  munde  G.  6185.  —  :  vunde  (conj.)i)  B.  17, 1.  138, 15. 
152,7.  308,1.  Somit  ind.  und  conj.  praet.  gleicli  ohne  umlaut:  künde,  vgl. 
dazu  das  ergebnis  für  die  ablautenden  verba:  vunde  s.  459. 

4,  muoz. 

Der  conj.  praes.  lautet  müeze  :  süeze  G.  451.  2571.  3101,  also  wider 
ganz  sicherer  umlaut  (obwol  auch  für  unumgelautetes  -uoze  6  reimmüglich- 
keiten  vorhanden  wären,  für  -üeze  allerdings  19). 

Das  praet.  dieses  verbs  erscheint  nicht  im  reim,  wol  weil  geeignete 
reimwörter  fehlen. 

5.  IV ei 2. 

Von  den  möglichen  formen  des  praet.  ivisse,  icesse,  wiste,  weste  findet 
sich  keine  im  reim,  ebensowenig  das  part.  praet.,  das  der  dichter  aber  als 
geivizzen'^)  B.  191,13  im  versinnern  verwendet. 

Zu  6.  touc  vgl.  das  bei  mohte,  mähte  erwälinte. 
Der  conj.  praes.   erscheint  nicht  im  reim,   dürfte  aber  wol  mit  aller 
Wahrscheinlichkeit  als  füge  angenommen  werden  können  (s.  s.  462). 

Das  resiiltat  ist  somit  für  den  conj.  praes.  von  mac,  sol 
und  7nuoz  umlaut  {müge,  säl,  mäeze  und  liöclistwalirscheinlich 
auch  touc  :  tüge\  unentscliieden  bei  lan;  niemals  also  beweis 
g-egen  den  umlaut.  Im  conj.  praet.  liersclit  sichere  umlaut- 
losigkeit  bei  han  :  hmde.    mähte  :  tältte  sind  neutral. 

§  12.     hörnen. 
Rudolf  stellt  in  den  reim 

3.  sg.  Imnt  :  vrumt  G.  3845.  5393.    B.  96,  7.  100,  37.  131,  23.  167,  23. 
275,27.291,29.    —  :  drumt  G.  mh.    B.  33, 11. 
1.  pl.  komen  :  henomen  B.  131,  37. 
8.  conj.  kume  :  frume  G.  563. 
3.  pl-  conj.  komen  :  henomen  B.  89, 19. 
iuf.  komen:  (ge)nomen  G.  699.  731.  3629.  5141.  5851.   B.  17, 17.  20,  35. 


1)  lieber  dessen  sicheres  u  vgl.  §  B,  s.  459  f. 

2)  Aber  nicht  adjectivisch  (Paul,  Mlid.  gr.*  §  172,  1),  sondern  als  wirk- 
liches particip:  möht  ich  das  e  gewizzen  hän  ^  'hätte  ich  das  früher 
gewusst'. 


55UM  REIMGEBRAUCH  RUDOLFS  V,  EMS.  487 

34, 15.  66, 7.  71, 31.  87, 13.  90. 9.  90, 19.  115, 15.  135, 19.  165, 25.  208,  25. 
231,5.  257,25.  268,17.  310,1.  371:,  19.  393,31.  Substantiviert  komen  :  be- 
nomen  B.  91,  21.  187,  39. 

praet.  ind.  1.  3  kam  {erkam)  :  -nam  G.  439.  567.  635.  1269.  2041.  2677. 
2819.  3231.  3443.  3453.  4011.  4709.  4947.  5283.  6609.  6823.  B.  25,  5.  37,  31. 
41, 17.  68,  9.  80, 3.  129,  21.  140,  25.  182,  23.  189,  3.  191, 27.  202,  31.  225,  9. 
250,  39.  264,  29.  277,  27.  283,  27.  285,  35.  299,  33.  323, 13.  330, 13.  335,  35. 
344, 3.  351,  39.  363,  35.  368,  27.  394,  5.  —  :  gezam  G.  641.  B.  90,  35.  292,  35. 

—  :  imulam  B.  263, 13.    —  :  stam  B.  253, 11.    —  :  lam  B.  381,  37. 

1.  3.  pl.  kämen  :  nämen  Q.  3567.  5227.  6787.  B.  88,  35.  89, 11.  338,  7. 
339,  35.  400, 31. 

praet.  conj.  1.  3.  kmne  :  nceme  G.  1205.  2049.  3327.  B.  390, 15.  —  :  (je- 
nceme  (adj.)  G.  1811.    —    gezceme  G.  3807.    —  :  iciderzceme  B.  30, 17. 

3.  pl.  kcemen  :  verncemen  B.  224, 15. 

part.  praet.  komen  :  (ge-)nomen  G.  95.  705.  899.  1551.  1969.  2661.  3237. 
3291.  3329.  3521.  4291.  4377.  4705.  5341.  5401.  5459.  5523.  5935.  6491. 
B.  21, 27.  32, 1.  80,  7.  88,  21.  112,  29.  119,  39.  121, 37.  134, 25. 143,  5. 180,39. 
191,11.  191,19.  197,25.  198,37.  216,21.  247,15.  286,27.  286,39.  303,7. 
332,23.  334,13.  336,5.  345,29.  363,13.  393,7.  401,21.  —  :  vromen  (iuf.) 
G.  1211.  volkomen  (adj.)  :  (ge-)nomcn  G.  1693.  4507.  B.  128,  31.  174, 29. 
206,  5.  307,  37. 

Durch  diese  zahlreichen,  widerspruchslosen  bindungen  ist 
das  erg-ebnis  gesichert:  sg-.  praes.  -u-,  pl.  -o-,  inf.  und  part.  -o-, 
ganz  regulär;  praet.  him,  Mtnen,  kcenie,  nicht  wie  gewöhnlich 
mhd,  lom,  Mmen,  hält  also  fest  an  der  alten,  alemannisch  nicht 
aufgegebenen  vocalisation  (Notker  cham,  cliämen). 

§  13.     tuon,  hän  und  anderes. 

1.  tuon.  Ind.  und  conj.  werden  im  reim  deutlich  auseinander 
gehalten. 

ich  tuon  (ind.)  :  ruon  G.  987.  1115. 

ich  tuo  (conj.)  :  zuo  G.  4217.  5131.    B.  201,7.  290,7.  334,19. 

Im  praet.  herscht  doppelformigkeit,  indem  neben  24  fällen 
tet  3  mal  tde  erscheint. 

Die  belege  s.  s.  458;  vgl.  auch  Zwierzina,  Zs.  fda.  44, 104.  Pluralformeu 
des  praet.  stehen  nicht  im  reim.  Der  couj.  praet.  lautet  tcete  und  erscheint 
in  folgenden  binduugen:  {ge)tcete  :  hcete  G.  1807.  2317.  6427.  B.  29,27. 
214,  27.  336,  35.    —  :  hcete  G.  1891.    —  :  stcde  G.  6633. ')    B.  129, 3.  334,  37. 

—  :  gercete  B.  14, 11. 

2,  hän.  Zwierzina  hat  schon  (a.  a.o.  s.  103  f.)  auf  die  not- 
wendigkeit  verwiesen,  bei  feststellung  der  von  Kudolf  ver- 
wendeten form  für  den  ind.  und  conj.  praet.  auf  die  zahl  der 


^)  Bei  Zwierzina  irrtümlich  unter  den  reimen  auf  hcde  verzeichnet. 


488  JUNK 

vorkommenden  fälle  im  Verhältnis  zu  den  reimmögliclikeiten 
rücksicht  zu  nehmen. 

Unter  24:  biuduugen  auf  -äte  findet  sich  z.  b.  ein  einziger  ind.  Jude 
:  rate  G.  5139. 

Unter  9  bindungen  anf  -äten  findet  sich  kein  einziger  pl.  häten. 

Unter  16  bindungen  auf  -cete  findet  sich  ein  einziger  conj.  luete  :  ge- 
taute G.  1891. 

Typus  -a-ten  ist  nicht  vorhanden,  also  auch  hier  keine  formen  für  den 
plural  (Jueten,  Jiäten)  möglich,  ebensowenig  wie  t(ften,  taten. 

Die  formen  hete,  heteii  sind  ebenfalls  nicht  vertreten;  dieser  reimtypus 
ist  überhaupt  nicht  da;  wol  aber  sind  reimmöglichkeiteu  für  hete  (i)  und 
h/ete  (4)  vorhanden. 

Aus  diesen  Zusammenstellungen  ergibt  sich,  dass  Eudolf 
die  formen  Mtc,  hete,  Mete  überhaupt  meidet,  obwol  er  gelegen- 
heit  dazu  gehabt  hätte,  aber  auch  die  von  den  mhd.  dichtem 
sonst  gewöhnlich  nicht  beanstandeten  formen  häte  (ind.)  und 
hcete  (conj.)  nur  je  einmal  in  den  reim  setzt,  und  zwar  beide 
male  im  G.  Wenn  man  bedenkt,  wie  sehr  sich  einem  erzähler 
auf  schritt  und  tritt  das  praet.  von  Jiän  aufdrängen  musste, 
darf  man  hier  wol  von  einem  absichtlichen  vermeiden  im  reim 
reden;  der  grund  hierfür  kann  ein  zwang  der  notwendigkeit 
oder  bewusste  vorsieht  sein;  das  erste  wäre  der  fall,  wenn 
Eudolfs  form  hete  gewesen  wäre,  hierfür  hatte  er  keine  reim- 
möglichkeit  gehabt;  dies  ist  aber  nicht  wahrscheinlich,  denn 
die  obigen  fälle  häte  und  hcete  sprechen  dagegen.  Es  kann 
daher  nur  die  zweite  möglichkeit  eintreten:  der  dichter  mied 
die  praet.  aus  bewusster  vorsieht,  er  wusste  nicht  welche  der 
vier  formen  (die  ihm  vielleicht  alle')  geläufig  waren)  er  an- 
wenden sollte,  um  seine  reime  unanfechtbar  zu  machen.  Wäre 
ind.  häte,  conj.  hcete  die  einzige  form,  die  er  kannte,  so  wäre 
nicht  einzusehen,  warum  er  sie  nicht  öfter  als  je  einmal,  und 
zwar  nur  im  G.,  nicht  mehr  im  B.,  in  den  reim  setzt  2)  bei 
einer  so  grossen  zahl  bequemer  reimwörter  auf  -äte.  Zwierzina 
(a.a.O.  s.  103,  anm.)  hat  gezeigt,  dass  Eudolf  diese  selbstbeschrän- 
kung  später  fallen  lässt  und  in  der  Weltchronik  häte  und  hcete 
öfter  verwendet. 


^)  Mit  ausnähme  der  speciell  bair.  hiete. 

^)  Vgl.  das  ähnliche  verhalten  Hartmanns,  der  auch  häte  in  seinen 
früheren  werken  setzt,  später  aber  vermeidet  (Zwierzina  a.  a.  0.  und  Beob- 
achtungen s.  453.  497). 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  489 

Noch  ein  wort  über  die  starken  und  schwachen  doppel- 
formen  von  beginnen  (vgl.  Zwierzina  a.  a.  o.  45,  30).  Es  finden 
sich  neben  47  reimen  mit  began  (auf  dan,  an,  man,  enbran) 
6  fälle  für  begunde{n),  und  zwar: 

begunde  :  stunde  G.  1221.  B.  12, 13.  —  :  vimde  B.  23, 33.  —  :  hunde 
B.  265, 11. 

begunden  :  stunden  B.  53,  5.    —  :  übenvunden  B.  277, 19. 

Das  starke  überwiegen  der  form  began  über  begunde,  das  Zwier- 
zina für  Eudolf  mehr  als  bei  allen  anderen  epikern  des  13.  jh.'s 
constatiert,  besteht  wol  nur  für  den  reim,  wo  es  durch  das 
Verhältnis  der  reimmöglichkeiten  erklärlich  wird  (17  -iinde 
gegenüber  der  unzahl  auf  -anl).  Wie  Zwierzina  a.a.O.  diesem 
gebrauche  entsprechend  'began  im  versinnern  genau  so  häufig 
wie  begunde^  finden  kann,  ist  mir  aus  seinen  citaten  nicht  recht 
klar.  Alle  von  ihm  angeführten  fälle  bringen  began,  kein  ein- 
ziger begunde.  •) 

Das  part,  zu  zeln,  mite  lautet  bei  Rudolf  gefeit  und  gesalt,^) 
denn  es  reimt 

gezelt  :  weit  (vultis)  Q.  1393.     B.  G9,  23,  und 

gezalt  :  gewalt  G.  313.  25G3.  4271.  B.  2,  7.  67,  37.  99, 21.  125,  27. 
147,25.  156,27.  157,19.  174,33.  241,11.  327,3.  345,11.  361,31.  —  :  cdt 
B.  389,  35. 

II.    Declination. 

§  14.  Die  substantiva. 
In  der  i-declination  hängt  die  endungslosigkeit  des  dativs 
mit  dem  unterbleiben  des  umlauts  enge  zusammen;  vgl.  daher 
§  3  dieser  Untersuchungen,  nach  welchem  die  endungs-  und 
umlautslosen  formen  suht,  vruht  etc.  im  gen.  und  dat.  sg.  die 
von  Rudolf  verwendeten  sind;  dazu  kommen  weiterhin: 

jugent  (gen.)  :  tugent  (acc.)  B.  303,1.^) 


1)  B.  12,  22  hat  allerdings  durch  einen  unsinnigen  Schreibfehler  der 
hss.  DK  begonden,  ferner  B.  331, 18  (nicht  48)  hs.  B  begund,  sonst  aber 
immer  began  (in  den  citaten  Zwierziuas  muss  es  heissen  56, 18.  150, 15.  21. 
331, 48  statt  56, 17.  115, 15.  21  und  331,  48). 

«)  Mhd.  wb.  3,844,33  b. 

')  tugent  könnte  hier  allerdings  auch  als  dat.  aufgefasst  werden,  ist 
aber  wol  eher  acc.  Das  Mhd.  wb.  gibt  keinen  sicheren  aufschluss ,  doch 
kann  die  stelle: 

diu  (=  die  schöne  königstochter)  begunde  troesten  sich 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  32 


490  JUNK 

jugent  (dat.)  :  titgent  (uom.  acc.)  G.  1157.  3187.  B.  25,  9.  27,  9.  30. 1. 
33, 19.  39, 1. 

ii(gent  (gen.)  :  jugent  (uom.)  Gr.  2509.     B.  175, 15. 

tugent  (dat.)  :  jugent  (nom.  acc.)  G.  15il.  2895.  3909.  4505.  B.  151, 17. 
Ferner  i;utereiuander 

jugent  (gen.)  :  tugent  (dat.)  B.  290,39. 

tugent  (gen.)  :  jugent  (dat.)  G.  4511. 
Rudolf  verwendet  also  für  den  ganzen  sg.  die  form  jugent,  tugent;  besonders 
auffallend  aber  ist  die  reimbindung 

sihen  tugent  (acc.  pl.)  :  jugent  (acc.  sg.)  B.  65, 11  (bei  übereinstimmender 
Überlieferung). 

Die  übrigen  8  fälle,  dat.  auf  dat.,  oder  nom.  auf  acc.  wecbsehveise 
gereimt,  beweisen  nichts,  i) 

Dem  acc.  pl.  tugent  steht  im  versinnern  gegenüber  vier  lugende  (uom. 
pl.)  B.  119, 38  bei  ebenfalls  übereinstimmender  Überlieferung,  die  jedoch 
gegenüber  jenem  ergebuisse  nicht  allzu  schwer  wiegt. 

Auch  bei  h-aft,  -schaß  erscheint  der  ganze  sg.  gleich- 
formig  in  der  kurzform,  umlautlos;  der  reimtypus  -eft-  ist  bei 
Rudolf  gar  nicht  vorhanden.  2)  Die  reime  auf  -aß  sind  selbst- 
verständlich ausserordentlich  zahlreich;  ich  begnüge  mich  des- 
halb, einige  bindungen,  die  für  die  casus  obliqui  beweisend 
sind,  zu  eitleren: 

Jcraft  (gen.)  :  beJiaft  Qmrt.)  B.  38, 19.  98,  7  u.  s.  w.  —  :  schaß  (dat.) 
B.  56,  37. 

kraft  (dat.) :  -Schaft  (uom.  acc.)  G.  305.  311.  1481.  1707  u.  s.  w.  —  :  haft 
(acc.)  G.  321.    —  :  hehaft  G.  2649  u.s.w. 

■Schaft  (gen.)  :  kraft  (dat.)  G.  713.  3523.  5969  u.s.w. 

-Schaft  (dat.)  :  kraft  (acc.)  G.  1133.  2267.  2515  u.  s.  w.  —  :  bchctft  G. 
8009.  3297  u.s.w.    —  :  kraft  (dat.)  G.  211.  319  u.s.w. 

Ganz  ähnlich  ist  das  resultat  bei  den  subst.  auf  -Jieit,  -Jceit. 
Hier  finden  sich  zwar  bindungen  obliquer  casus,  aber  niemals 
darunter  ein  flectiertes  -heite,  -Jceite;'-^)  vielmehr  ist  die  form  für 
den  ganzen  sg.  widerum  dieselbe  unflectierte.    Ich  führe  wider 


ir  schoene,  ir  libes  uude  ir  jugent 

an  des  junkherren  tugent 
wol  auch  bedeuten :  'bei,  trotz  seiner  tugend'  (dat.),  wol  aber  eher  'gegen 
seine  t. '  (acc).    Vgl.  auch  die  parallele  construction  sich  trcesten  tif  mit  acc. 

')  Es  sind  G.  93.  1607.  3877.  5429.  B.  145, 19.  296, 37.  303,  33.  332, 1. 

2)  Vgl.  §  2  e  und  e. 

*)  Die  fälle  sind  ausser  den  in  §  6  angeführten  mit  seite  und  leite 
(praet.)  noch  gespreite  :  gereite  G.  4933,  verleite  :  arbeite  (acc.  pl.)  B.  227,  9. 
bereiten  :  (er)beiten  G.  3451.  5165,  leiten  (iuf.)  :  arbeiten  (dat.  pl.)  B.  67,  3. 
360, 37.    —  :  arbeiten  (iuf.)  B.  150, 15. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  491 

nur  einige  fälle  an,  da  auch  dieser  typus  zu  den  umfangreichsten 
des  ganzen  reimregisters  gehört.    Es  reimen 

-hcit  (gen.)  :  er  seit  G.  153. 

-heit  (dat.)  :  er  seit  G.  iS.  —  :  bereit  (adj.)  G.  73.  351.  417.  637.  —  :  breit 
G.  83.  —  :  er  treit  G.  129.  215.  303.  —  :  geseit  G.  411  u.s.w.  in  noch  zahl- 
reichen bindnngen. 

Mit  dieser  ausgesprochenen  Vorliebe  Rudolfs  für  die  un- 
flectierten  formen  der  casus  obliqui  darf  naht  nicht  verglichen 
werden,  ebensowenig  wie  hrust  (§  3,  s.  465  f.),  da  es  ui^sprünglich 
einer  consonantischen  flexion  folgte,  die  schon  ahd.  einförmig- 
keit  des  ganzen  sg.  ergeben  musste.  Es  erscheint  demnach 
auch  bei  Rudolf  naJit  für  alle  casus  des  sg.    Die  belege  sind: 

iiaJit  (gen.)  :  beäalit  G.  5045.    —  :  mäht  (nom.)  G.  5977. 

naht  (dat.)  :  vuht  (praet.)  G.  4999.   B.  188,  3.    —  :  maU  (dat.)  G.  5011. 

—  :  maU  (2.  sg.)  B.  18,  3.    —  :  bedaht  B.  54,  29.  347,  27. 

Der  pl.  lautet  naht: 

naht  (acc.  pl.)  :  muht  (nom.)  G.  2G19.  —  :  bedaht  B.  75,  37.  —  :  mäht 
(dat.)  G.  1225.    B.  170,  25. 

Ebenso  ist  dat.  mäht  einsilbig,  die  form  mehte  kommt 
nicht  vor,  der  typus  -eht-  existiert  überhaupt  nicht  mit  um- 
lauts-e.  •)    Beweisende  bindungen  sind: 

mäht  (dat.)  :  naht  (acc.  pl.)  G.  1225.  B.  170,  25.  —  :  naht  (nom.)  G.  3541. 
B.  32,39.  119,19.2) 

Ferner  vart\  widerum  kein  verte,  obwol  der  typus  vor- 
handen ist.i)  nur  vart,  bewiesen  durch  die  reime: 

vaH  (gen.)  :  gespart  G.  5087.    —  :  ivart  B.  75, 11.  264,  25.  264,  37. 

vart  (dat.)  :  icart  G.  4207.  4337.  B.  76,21.  187,27.  270,9.  272,17. 
320, 1.  344, 15.  360, 31.  369, 11.  392, 15.  393, 37.  401,  3.  —  :  bewart  B.  90,  37. 
286,  23.  309, 19. 

Dann  stat.    Der  gen.  ist  nicht  belegt. 

stat  (dat.)  :  gesät  G.  529.  5335.  B.  130,  27.  340, 17.  370, 17.  —  :  bat 
G.  643.  671.  2429.  2805.  4151.  5273.  5867.  B.  109,5.  312,23.  338,17.  358,5. 

—  :  phat  B.  311, 15.  312,  39. 

stete  widerum  nicht  gebräuchlich;  typus  -ete  mit  umlauts-e 
überhaupt  nicht  vorhanden. 

Von  haut  ist  kein  gen.  zu  belegen,  obwol  die  reimmöglich- 
keit  in  dem  typus  -ant   eine  der  grössten  ist.     Wenigstens 


')  Vgl.  §  2. 

^)  Hier  und  iui  folgenden  citiere  ich  selbstverständlich  nur  die  nach 

meiner  meinung  beweisenden  reimbinduugen. 

32* 


492  JUNK 

ist  der  eine  fall  hant :  erJcant  B.  147, 27  nicht  sicher,  wol  eher 
dat.  Für  den  dat.  hant  dagegen  sprechen  zahlreiche  bin- 
dungen  wie: 

haut  (dat.) :  genant  G.  205.  B.  1, 11.  54,  39.  —  :  geicant  G.  955.  —  :  lant 
G.  1413.  5783.  6249.  6303.  6715.  B.  58,  7.  —  :  vant  G.  2835.  —  :  (er-,  ge-) 
mant  G.  3977.  4593.    —  :  gesaut  G.  4343  u.s.w. 

in  ungemein  zahlreichen  fällen,  wobei  adv.  zeliant  nicht  mit- 
gezählt wurde.  In  den  übrigen  reimen  erscheint  aber  immer 
nom.  oder  acc.  sg.  Was  den  pl.  betrifft,  so  findet  sich  kein 
handen  und  kein  henden,  obwol  beide  typen  vorhanden  sind. 
Hier  ist  also  keine  entscheidung  zu  erlangen. 

Für  tat  lautet  der  gen.  und  dat.  einsilbig,  tcete  ist  nicht 
belegt,  obwol  genug  reime  da  wären.    Die  belege  sind: 

-tat  (gen.)  :  hat  B.  267,  5.  —  :  stät  B.  349,  35.  —  :  rät  B.  353,  31. 
357,  17. 

-tat  (dat.)  :  rät  G.  413.    —  :  hat  B.  62,  33.  99,  9.  217,  7.  364,  31.  382, 11. 

Aehnliches  werden  wir  von  wät  anzunehmen  haben,  das 
nur  die  eine,  aber  wichtige  bindung  (ausser  gleichgiltigen  nom. 
oder  acc.)  bringt: 

tvät  (geu.)  :  hat  B.  300,  39. 

Für  diet  sind  die  gebräuchlichen  formen 

(liet  (gen.)  :  sehtet  B.  4, 13.  371, 17.  401,  35.  —  :  riet  B.  55,  37.  259,  3 
(unsicher,  vielleicht  dat.).  268,  25. 

diet  (dat.)  :  riet  G.  6101.  B.  170,  29.  340,  21.  366, 19.  403,  5.  —  :  schiet 
G.  6415.    B.  75, 7.  125, 17. 

Da  Rudolf  also  den  dat.  in  derselben  form  wie  den  acc. 
diet  kannte,  konnte  er  sich  eine  Verbindung  erlauben  wie  G.  41 : 

ich  kere 

mit  miner  kranken  lere 

gegen  wiser  imde  an  tumbe  diet  ( :  beschiet). 

Hier  ist  aber  auch  der  dat.  diete  belegt  durch  die  bindungen: 

diete  (dat.)  :  miete  B.  95,  25.  278,  23. 

£:U  erscheint  im  sg.  nur  einsilbig.    Es  sind  im  reime  belegt: 

zU  (gen.)  :  gtt  G.  6821.    —  :  strU  B.  390,  5. 

ztt  (dat.)  :  gtt  G.  155.  —  :  Ut  G.  183.  —  :  n/t  G.  231.  —  :  strit  G.  243. 
—  :  Sit  (estis)  G.  1385  u.  s.  w.  in  zahlreichen  bindungen. 

zit  (acc.  pl.)  :  strit  G.  1189. 

ziten  (dat.  pl.)  :  wUen  G.  459.  —  :  biten  G.  3185.  B.  90, 15.  —  :  strHen 
B.  244,  37.  254, 1.    —  :  Södömtten  B.  252, 15.     —  :  apsUen  B.  340,  21. 

AVeiter  kommen  hier  in  betracht: 
geschiht  (gen.)  :  niht  B.  13, 25.  102, 29. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  493 

geschiht  (dat.)  :  niht  B.  393,  3. 
Kein  geschihte,  obwol  die  möglichkeit  des  reimens  besteht. 

vrist  (dat.)  :  bist  G.  3277.  —  :  krist  G.  4121.  5633.  6713.  —  :  ist  G.  4279. 
B.  14, 1.  22,17.  92,37  u.s.w.,  niemals  vriste;  der  typus  -iste  existiert  bei 
Kixdolf  nicht.    Gen.  nicht  belegt. 

Von  arbeit  sind  belegt: 

arbeit  (gen.)  :  bereit  G.  4493.  B.  84,  5.  388,  9.    —  :  leit  B.  72, 15.  386,27. 

—  :  armekeä  (gen.)»)  B.  96, 1.  —  :  gedidtekeit  (nom.)  B.  102,  27.  —  :  bekleit 
(part.)  B.  113,  5. 

arbeit  (dat.)  :  leit  G.  2117.  B.  56,25.  116,5.  129,33.  191,23.  313,1. 
382,  9.  384,  31.  388,  31.  —  :  geleit  G.  2291.  6371.  B.  119, 11.  388, 19.  —  :  -heit, 
-keit  (nom.  acc.)  G.  3075.  5101.  B.  6,  5.  31,  21.  387, 1.  —  :  -heit,  -keit  (dat.) ') 
G.  3055.  B.  226, 19.  —  :  (ge-,  ver-)  seit  B.  13,  3.  89, 13.  —  :  bereit  B.  101, 9. 
313,33;  dies  die  sämmtlichen  bindimgen. 

Hier  tritt  nun  aber  auch  arbeite  gereimt  auf,  und  zwar  in 
folgenden  fällen: 

arbeite  (dat.)  :  leite  (praet.)  G.  2733. 
arbeite  (acc.  pl.)  :  verleite  (3.  conj.)  B.  227,  9. 
Ausserdem  noch 

arbeiten  (dat.  pl.)  :  leiten  (inf.)  B.  67,  3.  360,  37. 
arbeiten  (inf.)  :  leiten  B.  150, 15. 

Zu  jenem  dat.  arbeite  wäre  zu  bemerken,  dass  dieser  reim 
mir  nicht  so  beweiskräftig  scheint  wie  die  früher  citierten 
arbeit  (dat.),  da  er  nur  in  der  schlechten  hs.  B  überliefert  ist; 
ein  directer  grund,  an  dem  überlieferten  zu  zweifeln,  ist  aber 
damit  nicht  ausgesprochen. 

not  erscheint  im  gen.  und  dat.  nur  einsilbig,  wie  die  reime 
zeigen: 

not  (gen.)  :  gebot  G.  4429.  6007.  -  :  tot  B.  34,  21.  59,  9.  —  :  rot  B. 
96,3  U.S.W. 

not  (dat.)  :  gebot  G.  107.  2381.    —  :  tot  G.  438.  2279.    —  :  bröt  G.  945. 

—  :  bot  G.  1579  u.s.w.  in  zahlreichen  bindungen;  aber  kein  na;te,  der  tj'pus 
-cete  ist  überhaupt  nicht  da. 

Endlich  bringt  der  typus  -uot  noch  die  folgenden  fälle: 

fluot  (dat.)  :  guot  G.  2397.  3965. 
gluot  (dat.)  :  behuot  B.  315,  5. 

armuot  (dat.)  :  guot  G.  1529.  3829.    B.  132,  25.  133, 15.  140,  35.  145, 1. 
147, 1.  227,  21.  362,  31.    —  :  tuot  B.  11,  5. 
heitnuot  (gen.)  :  tuot  B.  374,31. 
heimuot  (dat.)  :  guot  B.  312,29,  aber  auch 
heimüete  (dat.)  :  güete  B.  109, 17. 


1)  Nach  §  14,  s.  491  (oben)  auch  beweisend. 


494  JUNK 

blüete  (dat.)  :  güete  G.  387.  3701.  5419.  B.  12,  29.  20,  5.  234,9.  —  :  ge- 
müete  G.  2171.  4647.  B.  353,17;  daneben  kein  casus  obliquus  in  der  form 
bluot,  nur  nom.  bluot :  guot  B.  310,  27. 

§  15.     Adj.  her,  liere. 
Die  von  den  drei  liöfisclien  epikern  im  reime  streng  ge- 
miedene jo-forui  Mre  erscheint  bei  Rudolf  in  den  bindnngen 

{cüles  muss  zu  gründe  gchn)  ez  si 
wise  rieh  oder  here  ( :  ere)    B.  33, 17 

die  zweifboten  here  ( :  lere)    B.  156,  7. 

Doch  ist  der  letztere  fall  nicht  so  ganz  sicher  wie  der  erste, 
da  er  auch  das  starkflectierte  nachgestellte  adj.  enthalten  kann 
(Weinhold,  Mhd.  gr.  §  524). 

Andrerseits  gebraucht  Rudolf  die  einsilbige  form  her  in 
folgenden  fällen,  die  ich  zur  feststellung  des  jeweiligen  sj'ntak- 
tischen  Verhältnisses  gleichfalls  in  extenso  anführe.  Es  sind  dies: 

a)  nachgestellte  attrib.  adj.: 

diu  liimelisdie  Imneghi  her  :  ser  G.  2253. 
durch  die  vrouwen  her  :  ser  G.  2481. 
diu  küiieginne  her  :  mer  G.  6493. 
Avenier  der  liliiic  her  :  herzeser  B.  15,  7. 
durch  daz  reine  zeicJicn  her  :  mer  B.  330, 15. 
Krist,  aller  künege  ein  Iceiser  her  :  mer  B.  350, 7. 

b)  adj.  in  prädicat.  Stellung: 

daz  toazzer  si  icol  cüsö  her  :  mer  B.  238,  35. 

Da  hier  überall  der  sg.  des  adj.  vorliegt,  der  pl.  aber 
nicht  belegt  ist,  so  muss  es  unentschieden  bleiben,  ob  der 
oben  besprochene  pl.: 

die  ztcelfhoten  here  :  lere  B.  156,  7 

auch  das  flexionslose  adj.  oder  aber  die  starke  flexion  desselben 
enthält.  Wäre  unter  den  fällen  mit  her  ein  pl.,  so  könnte  es 
verführerisch  erscheinen,  jenes  here  als  sichere  jo-form  anzu- 
sehen. Mit  andern  Worten:  wenn  es  sich  erweisen  lässt,  dass 
Rudolf  das  nachgestellte  attrib.  adj.  nur  flexionslos  gebraucht,^) 
dann  ist  jenes  here  die  jo-iovm. 


^)  Dieser  nachweis  ist  aber  für  G.  und  B.  nicht  zu  bringen,  denn 
neben  der  allerdings  überwiegenden  anzahl  von  flexionslosen  nachgestellten 
attrib.  adj.  fiudoi  sich  auch  einige  flectierte,  durch  den  reim  gesichert. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS,  495 

Wie  dem  indes  auch  sei,  die  form  Mr  ist  durch  die  an- 
geführten 7  bindungen  gesichert. 

Im  anschluss  daran  einiges  über  die  comparativformen 
mere,  mer  und  me. 

In  der  Verwendung  dieser  drei  formen  legt  sich  Rudolf 
keinen  zwang  auf;  während  z.  b.  Hartmann  von  Aue  im  reim 
nur  max  und  mc,  nicht  aber  i7ier  kennt,  auch  Gottfried  das 
letztere  meidet,  Wolfram  hingegen  mcr  und  mere,  jedoch  kein 
1)16  reimt  (Kraus,  2.  Büchlein  s.  130  f.),  gebraucht  unser  dichter 
je  nach  bedarf,  d.  h.  je  nach  dem  reimzwange,  alle  drei  formen, 
wenngleich  auch  bei  ihm  mer  hinter  den  beiden  anderen  mangels 
passender  reimwörter  der  zahl  nach  zurücksteht.  Hierfür  sind 
die  belege: 

1)  mere.  Die  reimmöglichkeit  ist  hier  eine  sehr  grosse; 
Mre  :  lere  :  sere  :  ere  :  Mre  reimen  unter  einander  81  mal.  Dem- 
entsprechend sind  auch  die  bindungen  mit  'mere  zahlreich  genug. 
Es  reimen: 

mere  :  ere  G.  177.  473.  1397.  18G3.  3255.  3343.  3379.  4871.  6571. 
B.  18,  27.  24, 3.  26,  39.  35, 21.  68, 15.  78, 35.  128, 1.  133,  3.  148,  23.  191, 15. 
226, 1.  349,  29.  367,  3.  369,  31.  —  :  scre  G.  1971.  2093.  B.  15,  39.  74,  27. 
146,  39.  214,  21.  254,  9.  300,  9.  357,  3.  359,  33.  —  :  lere  G.  4499.  5573. 
B.  9, 1.  13, 39.  23, 27.  78, 11.  79, 21.  92, 9.  101, 27.  120, 21.  133,  39.  135,  39. 
137,19.  138,7.  143,25.  154,33.  164,13.  185,29.  213,29.  214,9.  261,33. 
283,19.  290,5.  301,27.  318,3.  319,21.  325,31.  328,9.  335,15.  342,19.  353,1. 

—  :  kere  B.  332,  33. 

2)  mer.  Hier  finden  sich  nur  wenige  fälle  ohne  mer, 
und  zwar: 

Jier  :  sc'r  (siibst.)  G.  2253.  2481.    B.  15,  7. 
Dazu  nun  die  fälle  mit  mer: 

mer  :  ser  (subst.)  G.  4133.    B.  16, 18.  86, 17.  357, 27.  362, 11.  396, 11. 

—  ■.her  G.  6493.  B.  238,35.  330,15.  350,7;  wobei  zu  bemerken  ist,  dass 
eigeutlich  nur  die  bindung  auf  ser  strenge  beweist,  die  auf  her  aber  nicht, 
s.  dort. 

3)  mc.  Die  grosse  zahl  der  bindungen  auf  -e  macht  diesen 
typus  zu  einem  der  gewöhnlichsten.  Es  reimen  hier:  -ge  :  -sie 
:  e  :  se  :  {o)ive  :  schre  :  Jösüe  :  Jesse  :  Moyse  :  Äntiope  :  Semele 
31  mal. 

Dazu  nun  die  zahlreichen  reime  für  me,  und  zwar: 

me  :  Ninive  G.  1199.  B.  61,  3.  —  :  se  G.  1207.  —  :  tve  (oive)  G.  1619. 
4079.  4423.  6535.  6551.  B.  29,9.  56,21.  87,11.  93,39.  95,21.  131,1.  132,23. 
212, 7.  222, 19.  313,  7.  348, 5.  392, 19.  —  :  c  (subst.)  G.  3501.  4245.  4349. 


496  JUNK 

B.  59,  39.  62,  5.  169, 17.  287, 15.  330,  7.  —  :  e  (adv.)  G.  4031.  4037.  5663. 
5853.  6247.  6317.  6563.  6763.  B.  19,27.  22,5.  53,23.  179,29.  307,33.  396,3. 
401, 13.  404,  29.  —  :  -ge  (conj.)  G.  4101.  4963.  B.  30,  39.  71,  29.  79, 17. 
106,  31.  155,  35.  181, 19.  —  :  aide  B.  47,  25.  —  :  Nöe  B.  53,  9.  —  :  -spe 
(praet.)  B.  72,  25.  —  :  -sU  (conj.)  B.  82,  23. 

§  16.    Flexion  der  eigennamen. 

Der  titel  bedarf  der  ergänzimg,  insofern  nicht  bloss  eigen-, 
d.  li.  Personen-  und  Ortsnamen,  sondern  auch  gelegentlich  andere 
nomina  und  pronomina  lateinischer  flexion  behandelt  werden. 
Um  hier  ein  möglichst  vollständiges  bild  geben  zu  können, 
citiere  ich  auch  die  fälle,  wo  das  wort  im  versinnern  vorkommt, 
und  setze  diese  zum  unterschied  von  den  im  reim  erscheinen- 
den und  also  beweiskräftigen  formen  in  eckige  klammern. 

A)  Personennamen  und  sonstige  lat.  nomina  oder  pro- 
nomina. Hier  gibt  es  ein  dreifaches  verhalten  des  dichters  zu 
unterscheiden:  1)  die  gewöhnliche  mhd.  flexion;  2)  eine  regel- 
rechte lat.  flexion;  3)  unflectierte,  besser  gesagt  unverändert 
übernommene  eigennamen. 

1)  Mhd.  flexion  (nach  Weinhold,  Mhd.gr.  §468).  Als  para- 
digma  kann  der  name  des  beiden  in  B.  gelten;  alle  vier  casus 
sind  belegt:  nom.  Jösapliät,  gen.  Jösapliätes,  dat.  Jösaphäte, 
acc.  Jösapliäten.    Die  belege  hiefür  sind: 

nom.  Jösaphät  :  hat  B.  24,  33.  42,  31.  82, 17.  105,  35.  158,  31.  179, 13. 
180,25.  191,9.  226,25.  275,5.  276,33.  282,9.  387,9.  395,1.  —:  gätB.  32,20. 
—  :  rät  B.  79,  27.  80,  37.  101, 11.  133,  5.  135,  29.  138, 17.  166,  7.  179,  31, 
185,1.  223,25.  302,15.  315,1.  318,21.  318,33.  336,27.  342,31.  352,19. 
366, 33.  368, 1.  370,  31.  385,27.  —  :  -stät  B.  120, 15.  154,  31.  194, 13.  290, 13. 
345,  9.  375, 1.  —  :  ivät  B.  163,  7.  301,  3.  —  :  Kit  B.  185,  25.  397,  33.  —  :  -tat 
B.  383, 15.  397, 19. 0  [74  mal  im  versinuem]. 

gen.  Jusaphates  :  rätes  B.  178, 15.''')  [171,20.  194,37.  225,21.  279,34. 
291, 86.  294,  27.  299, 10.  338,  3.  402,  3.  402,  26]. 

dat.  Jösaphäie  :  rate  B.  37, 1.  178, 1.  224,  35.  230,  29.  285,  27.  298, 15. 
300,5.  302,23.  334,25.  —  :  säte  B.  352,35.3)  [163,31  u.s.w.,  im  ganzen 
22  mal]. 

acc.  Jüsaphäten  :  (ver-)  raten  B.  197,3.  215,39.  302,31.  346,27.  —  :  ke- 
menäten  B.  214,35.'')   [314,8.  317,15.  331,23.  394,36.  395,39]. 

1)  Dies  einer  der  umfänglichsten  reimtypen  (253  bindungen  oline  Jö- 
saphät). 

2)  Der  einzige  fall  des  reimtypus  -ätes. 
^)  Sonst  noch  15  bindungen  dieses  typus. 
"•)  Sonst  nur  noch  4  reime  dieses  typus. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  497 

Fast  ganz  so  vollständig  ist  die  flexion  des  namens  Bar- 
lääni  vertreten ;!) 

nom.  Barlääm  :  kram  B.  37,21.  191,7.  226,37.  [37,2.  39,13  n.s.w.; 
im  ganzen  18  fälle  im  inneru  des  verses]. 

gen.  fehlt  im  reim  [Barläävies  B.  187,  10.  187, 28.  198, 15.  278, 7. 
284,28.  384,7.]. 

dat.  Barlääme  :  krame  B.  40, 13.  [40,  2.  96,  32.  390,  29]. 

acc.  Barläämen  :  rämen  B.  195,  7.  [194,  35.  224, 19.  379,  20]. 

Hierlier  gehören  nun  verschiedene  namen  im  reim  und  im 
versinnern,  wie: 

nom.  Aärön  :  don  B.  57,  6.  [57,  25]. 

[dat.  Äaröne  B.  65, 16]. 

[nom.  Abraham  B.  55,  6.  55, 15.  86,  35.  87,  5].  Ueber  die  qiiantität  der 
eudsilbe  s.  später. 

[gen.  Äbrahämes  B.  86, 16.  359,  32]. 

dat.  fehlt  [einmal  flexionslos  von  Abraham  B.  268,  22]. 

[acc.  Abrahamen  B.  86,  34.  87, 16]. 

[nom.  Adam  G.  4343.    B.  317, 1]. 

[gen.  Adämes  B.  51,  39.  59,  6.  63,  27.  324, 17]. 

[dat.  Adame  B.  99,  3]. 

acc.  Adamen  :  sämen  B.  84,  39.  [B.  302,  28]. 

[nom.  Avenier  B.  7, 2.  7, 7.  9, 13.  15,  7.  24, 28.  37,  7.  179, 13.  181, 10. 
189,12.  199,40.  200,36.  203,39.  214,37.  216,11.  289,15.  345,16.  347,1. 
356,  7.  360, 12]. 

[gen.  ^mt/eres  B.  14,  9.  20,23.  37,18.  159,29.  182,18.  345,11.  351,38]. 

dat.  Aveniere  :  schiere  B.  192, 17.  318, 18.  346  4.  352, 14.  363, 31.  [198, 30]. 

acc.  nicht  belegt. 

[nom.  Bäluäm  B.  62,  27]. 

[gen.  Bälääme$  B.  66, 39.  230, 11],  die  übrigen  casus  fehlen. 

nom.  DävU  :  ztt  B.  58,  33.  68,  3.  69,  9.  344,  31.  —  :  git  B.  156,  25. 
342,  33.    [B.  58,  40.  64,  4.  64, 11.  72,  32  und  öfter,  im  ganzen  14  mal]. 

[gen.  Dävides  B.  63,  37.  67, 19.  74,  5.  76,  3.  344,  40.  345,  8]. 

[dat.  Davide  B.  76,  22.  345,  9]. 

[acc.  Daviden  B.  344,  36]. 

nom.  voc.  Gcrhart  :  bewart  G.  597.  819.  —  :  bart  G.  793.  —  :  art 
G.  911.  —  :  wart  G.  971.  1053.  1117.  6733.  —  :  vart  G.  2551.  [G.  865. 
871.  888.  1064.  1098.  1494.  1833.  2838.  2848.  2855.  4188.  4331.  4393.  5511. 
6658.  6757]. 

dat.  Gerharte  :  cnbarte  B.  404,32. 

[acc.  Gerhart  G.  1165.  1168,  also  unflectiert]. 

[nom.  Jacob  B.  55,  35.  268,  23]. 

[dat.  Jacobe  B.  62,  28]. 


1)  Hier  sind  die  reimmöglichkeiten  eben  viel  geringer  als  bei  Josaphät. 
■am  und  -ume  erscheinen  sonst  überhaupt  nicht  im  reim,  -ämoi  nur  11  mal. 


498  JUNK 

[acc.  Jacoben  B.  55,  28].i) 

[dat.  Jobe  B.  380, 12]. 

noin.  acc.  Krisf^)  in  zahlreichen  reimhindnngen  [ebenso  im  versiuuern]. 

[gen.  Krisies  B.  23,  29  u.  s.  w.  in  20  fällen]. 

[dat.  Krisle  B.  68, 17  u.  s.  w.  in  9  fällen]. 

nom.  Lucifer  :  gewer  B.  52,  21.    [51,  27.  67,  27.  372,  77].  I 

[gen.  Lueifcrs  G.  4837].  " 

acc.  Liicifer  :  er  B.  51,27. 

Daher  gehört  wol  auch  dann 

nom.  Jupiter  :  geiver  G.  2557.  B.  2-14, 13.    —  :  er  B.  250,  5.    [B.  245,  24. 
249, 11.  249,  24]. 

"■  nom.  NacJior  :  vor  B.  225, 17.  277,  39.  284,  6.  333, 29.  [B.  193,  29  u.  s.  w., 
im  ganzen  23  mal]. 

[gen.  Naclwres,  Nacliors  B.  203,  27.  230,  5]. 

[dat.  Nachore  B.  203,  26.  226,  35.  261,  40]. 

[acc.  Nachorn  B.  200,  6]. 

nom.  Eeinmunt :  gestmt  G.  1774.  2703.  —  :  Tmnt  G.  3886.  5835.  —  :  zestunt 
G.  3921.  5877.  6424.    [G.  3898]. 

[gen.  Beinmundes  G.  1755]. 

[dat.  flexionslos  Eiiodolf  G.  6834]. 

nom.  Salomön  :  Babilön   B.  59,  30.     —  :  dön  B.  64,  13.     —  :  Ion  B. 
343,  10.    [B.  59,  2.  73,  2]. 

[gen.  Salomönes  B.  376,  21]. 

dat.  Salomöne  :  kröne  B.  59,  3. ") 

[nom.  Saul  B.  58,  28.  345, 1]. 

[gen.  Saides  B.  344,  38.  345,  8]. 

[dat.  Smde  B.  345, 12]. 

[acc.  Saiden  B.  344,  33]. 

nom.  Ti/jMn  :  Ion  B.  263,11.    [B.  262,  5.  263,33]. 

[dat.  Typhöne  B.  263,  21]. 

[nom.  Willehalm  G.  1745.  3867.  4190.  5310.  5433.  5611.  5863]. 

[dat.  Willehalm  G.  3146]. 

nom.  Zardän  :  tvän  B.  178, 11.     —  :  hon  B.  179, 15.  180,  34.     —  :  getan 
B.  179,24.  189,19.  190,1.   —  :  t?erWn  B.  181,  29.    [B.  182,18.  188,7.  189,13]. 

[gen.  Zardänes  B.  188, 18]. 

[dat.  Zardäne  B.  180,  21]. 

Neben  diesen  stark  flectierten  (und  vereinzelten  flexions- 
losen) finden  sich  auch  schwache: 

[nom.  J£rene  G.  5626]. 
[acc.  Erenen  G.  3923]. 
[gen.  Karlen  G.  103]. 


^)  Vgl.  dasselbe  wort  auch  nach  der  lat.  flexion,  s.  500. 
2)  Vgl.  auch  hier  zugleich  lat.  flexion  im  acc.  Kristum  B.  22,  34. 
^)  Wol  zu  trennen  von  fremder  flexion,   wie  im  acc.  auf  -önem,   vgl. 
Nerönem  :  Fhuräönem  B.  382, 39. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS. 


499 


[nom.  3Iarm  B.  65,  4.  65,  27]. 

[gen.  3Iarien  B.  206,  39]. 

[dat.  Marjen  B.  170, 1.  271,  33]. 

Wichtig  scheint  mir  hier  zu  sein,  dass  die  vocalische  Quan- 
tität nirgends  schwankt,  wie  etwa  bei  Wolfram  und  Ulrich 
von  Zatzikhoven  (s.  Zwierzina,  MM.  stud.,  Zs.  fda.  44, 10  excurs). 
Die  w^enigen  fälle  des  nominativs,  die  im  reim  erscheinen  (Bar- 
lääm,  Aärön,  Salomön,  Typhön,  Zardän)  beweisen  sehr  viel, 
da  sie  ausnahmslos  mit  sicheren  längen  gebunden  werden  (vgl. 
die  vorcitierten  belege),  obwol  für  alle  diese  genug  reimmöglich- 
keiten  mit  vocalkürze  vorhanden  wären.  IVIan  bedenke  die  zahl- 
reichen reime  von  z.  b.  l-am,  nam  u. s.w.,  von,  gewon  u.s.w., 
an,  man,  dan,  lan  u.  s.  w.  Hier  herscht  also  bewusste  eindeutige 
auswahl.  Ebensowenig  schwankt  die  vocalische  quantität  bei 
Josapliät,  obwol  es  auch  hier  zahlreiche  -at  im  reime  gäbe 
{stat,  hat,  gesät  u.s.w.).  Absolute  gewisheit  fehlt  nur  bei  Davit, 
da  hier  die  länge  des  vocals  i  durch  reimzwang  in  folge  des 
mangels  reimbarer  -Xt  vorwalten  könnte. 

Dieses  capitel  bestärkt  also  Zwierzinas  zweifei,  dass 
Singers  i)  paradigma:  Adam  —  Ädämes  —  Adäme  —  Adamen 
allgemein  mhd.  geltung  habe;  für  unsern  dichter,  nb.  einen 
sehr  genauen  reimer,  ist  die  länge  der  endsilbe  -am  auch  im 
nom.  erwiesen. 

2)  Lat.  flexion.  Ein  fast  vollständiges  paradigma  lässt 
sich  hier  bei  den  stammen  auf  -us,  -a,  -um  aufstellen.  Es  sind 
belegt: 


m  a  s  c.  sg.  nom. 

-US 

f  e  ni. 

sg.  nom. 

-d 

neutr 

2)  sg.  nom.  — 

gen. 

-i 

gen. 

— 

gen.  — 

dat. 

-ö 

dat. 

— 

dat.  -ö 

acc. 

-um 

acc. 

-am 

acc.   — 

abl. 

-ö 

abl. 

-ä 

abl.   -ö 

pl.  nom. 

-t 

pl.  nom. 
gen. 
dat. 
acc. 

-as 

pl.  nora.  -ä 
geu.  -orum 
dat.   — 
acc.   -« 

1)  Festgabe  für  Heinzel  s.  -110  ff. 

2)  Das  neutrum  ist,  der  natur  der  sache  gemäss,  selbstverständlicli  l)oi 
eigennameu  nicht  vertreten,  vielmehr  bei  sonstigen  aus  dem  lat.  hcrüber- 
geuommeneu  Wörtern,  wie  die  belege  zeigen. 


500  JÜNK 

Hierfür  sind  nun  die  belege: 

masc.  sg.  nom.  Aggms  :  Elyseus  B.  62,17,  Antjochns  :  Apollonms 
B.  61,  23,  Asclepms  :  3l€rcurh(s  B.  244,  30.  [B.  253,  23],  [Bachus  B.  245, 1. 
254, 17],  Cuimlus  :  VuIMnus  B.  254,  6,  [Demetrius  B.  61,  25],  Eolm  :  Fhebus 
B.  245, 17,  [G.  2568.  B.  257,  9],  [Jäcobus  B.  77,  26.  27],  »)  Jesus  Kristus 
:  stis  B.  50,12.  68,38.2)  272,20,  [Jesus  B.  70,40.  72,10.  85,18.  87,39]. 
JMas  MachaUus  :  sus  B.  60,3.  [61,28],  Lazarus  :  stis  B.  86,2.  [87,9], 
[Liberiis  B.  251,  37],  Marcus  :  Matheus  B.  78,  32,  Matheus  :  Bartliolomeus 
B.  77,  27,  —  :  alsus  B.  92, 16,  3Iercnrius  :  Neptftnus  G.  2561.  [B.  253, 12], 
Neptunus  :  sus  B.  246,  30.  256,28,  [Orus  B.  262,6.  263, 15.  263,36],  Paulus 
:  sus  B.  77,  39.  156, 10  und  sandus  Paulus  :  sus  B.  102,  9.  [B.  306,  35], 
Perseus  :  Zitiis  B.  245,  21.  251, 38,  Petrus  :  sus  B.  97, 2.  306,  30.  [B.  77,  25. 
110, 15],  [Phebus  B.  256,  37,  PMippus  B.  77,  27],  Saturnus  :  sus  B.  244,  8. 
248,  32.  [249,  39],  Simon  Bartliolomeus  :  Matheus  B.  77,  28,  [Tatheus  B. 
77,29],  Vulkänus  :  sus  B.  252,28.  [244,21].  Ferner  stelle  ich  hierher:  hie 
est  filius  meus  :  sus  B.  69,33,  Davit psahnigraphus  :  sus  B.  328,37,  pater, 
filius  et  Spiritus  sanctus  :  sus  B.  354, 19,  der  gotes  Icathecuminus  :  sus 
B.  354, 27. 

gen.:  keine  personennamen,  sondern  nur  in  nomine  clomini :  In  B.  4,  21, 
(in  nomine  dei  patris)  et  füii  et  Spiritus  sancti  :  vrt  B.  172,  39. 

dat.  Pontto  Pilätö  :  dö  B.  72, 12  (und  für  den  ahl.  die  ländernamen 
in  [von]  Egyptö  :  so  B.  56,  9.  264, 1.  268,  9,    —  :  vrö  B.  265,  25). 

acc.  [Antjoclmvi  B.  382,  39],  Domicianum  :  Jiüiänum  B.  382,  38,  [Jesum 
B.  68, 18,  Kristum  B.  22,  34],  [La.mrum  B.  86,  37],  [Pilätum  B.  383, 1]  (und 
aus  den  ländernamen  in  Byblum  insulam  B.  263, 13). 

pl.  nom.  Egyptii  :  bi  B.  232,  37,  yiitänt  B.  254,  31],  ferner  philosophi 
:  vri  B.  266,  5. 

fem.  sg.  nom.  Alcmenä  :  anderswä  B.  251,  20,  Arthemiä  :  Helena  B. 
252,  4,  Diana  :  3Iedüsä  B.  246,  3,  —  :  da  B.  258,  8,  [Europa  B.  250, 35], 
Eva  :  sä  B.  52,  3,  Lula  :  sä  B.  251,  8,  [Maria  B.  65,  4.  65,  27],  Marjä 
Magdalena  :  da  B.  110,  26,  [3Iinöä  B.  252,  3],  [Sarpidonä  B.  252,  5],  [Sibillä 
B.  74, 34].  Mit  Getä  B.  251, 24  weiss  auch  ich  nichts  anzufangen  (vgl. 
Pfeiffer  zur  stelle).  Ferner  gehört  hierher  der  form  nach  Johannes  eivan- 
gelistä  :  anderswä  B.  112,23  und  essentiä^)  :  secidä  B.  275,39. 

acc.  vertreten  durch  insulam  :  kam  B.  263, 13. 

abl.")  mit  Eva  :  da  B.  302,  29,  [bi  Eeä  B.  249,  2],  uf  turri  kälannäicä 
:  da  B.  320,  3,  [von  physicä  B.  188,  23],  zahlreichere  belege  hei  den  orts- 
und  ländernamen. 


^)  Ueber  die  mhd.  flexion  dieses  namens  vgl.  s.  497  f. 

^)  In  der  construction  eines  acc:  man  hiez  in  Jesus  Kristus  :  sus. 

=»)  Vgl.  die  Schwächungen  -iä  zu  -ie:  psalmodie  (acc.)  :  dervrie  B.  392,  25 
und  im  versinnern  astronomie  (nom.)  B.  21,  32,  Nigromanzie  (nom.)  B.  248,8, 
ze  arzenie  B.  253,  25. 

*)  Dass  hier  wirklich  ein  abl.  vorliegt,  nicht  die  form  des  nom.,  zeigt 
der  abl.  -ö  beim  masc;  ebenso  Theodä  von  Theodas,  Moyse  von  Moyses, 
vgl.  unten. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  501 

pl.  acc.  epistolas  :  omelias  B.  341,  5. 
neutr.  sg.  dat.  in  dem  templö  :  dö  B.  69,27. 

pl.  nom.  acc.  dm  eivangeljä  :  da  B.  78,  25.  169, 15.  BIO,  37,  arömatä 
:  da  B.  47,  23. 

gen.  in  secula  seculorum  :  drum  (terminus)  B.  186,29. 

Ein  anderes  Schema  geben  die  masc.  auf  -as  und  -es,  fast 
durchweg  hebräischer  herkunft.  Es  sind  folgende  casus  ver- 
treten : 


nom. 

-as 

nom. 

-es 

gen. 

— 

gen. 

— 

dat. 

-ä 

dat. 

-i 

acc. 

-am 

acc. 

•er) 

voc. 

— 

voc. 

— 

abl. 

-ä 

abl. 

-e 

Hierher  gehören  nun: 

a)  auf  -as:  nom.  Abyas  :  Malachyas  B.  62,23,  [Achas  B.  59,  13], 
Andreas  :  Thomas  B.  77,  25,  Archas  :  was  B.  251,  24,  Bdraclüas  :  loas 
B.  12, 19.  16,  34.  224,  38.  225,  20.  366,  29.  367, 18.  399, 10.  400,  2.  —  :  las 
B.  402, 16.  [B.  368,  20],  [EUus  B.  62, 18],  Esdras  :  Jonas  B.  62,  20,  Ezechias 
:  Jösias  B.  59, 13,  Gorgias  :  ivas  B.  61,  25,  Isaias  (Isajas)  :  was  B.  73,  34. 
75, 14,  [B.  62, 15.  64,  30.  66, 14.  94,  38],  Jechomas  :  loas  B.  59,  22,  Jeremtas 
(Jeremjas)  :  was  B.  66,  20,    [B.  62, 16,  71,  26.  74,  22],    Judas  :  Mathms  B. 

77,  30,  —  :  ivas  B.  71, 18,  [B.  170,  30],  [Judas  (Machabeus)  B.  60,  4.  61,  28], 
[Lucas  B.  78,  32],  [3Ialachias  B.  69, 18],  Maiathias  :  icas  B.  60,  5,  Micheas 
:  Sophonjas  B.  62,  31,  [B.  67,  5],  Theodas  :  tcas  B.  285, 12.  288, 15.  289, 13. 
299,31.  302,19.  308,35.  316,33.  317,24.  318,32.  330,39,  333,21.  345,27. 
—  :  i)alas  B.  289,  22.  316,  22.  318,  14,  [B.  285,  35.  286,  14],  [Zacharias 
{Zacharjas)  B.  62,  24.  74,  28]. 

dat. -abl.  mit  BaracMä  :  Indiä  B.  400,  29,  in  Isaiä  :  da  B.  67,  30, 
nach,  zuo  Theodä  :  sa  B.  317,  30.  319,  36,  an  Tohtä  :  andersivä  B.  380,  26, 
in  Zachartä  :  da  B.  70,  36. 

aco.  [BäracMam  B.  370, 12],  Jüdam  :  nam  B.  383, 1,  Theodam  :  nam 
B.  333, 38. 

voc.  [BaracMä!  B.  366,38],  Theodä!  :  sä  B.  289,24.  326,14. 

b)  auf  -es:  nom.  Adönides  :  Anchises  B.  259,  BT.  [B.  245,  25.  256,5], 
Hercules  :  des  B.  251,  39.  255,  3.  [B.  245, 7],  Johannes  B.  4,  25.  71, 14.  77,  26. 

78,  31.  112,  24.  402, 12],  [3Ioyses  B.  56, 13.  56, 29.  57,  6.  57, 23.  65,  21. 
87,  30],  [Olofernes  B.  61,  7]. 

dat.  [Moi/si  B.  57, 17].    abl.  mit,  von  Moyse  :  e  B.  268, 29.  341,  3. 
acc.  [Olofernen  B.  382,  40]. 

Ausserdem  verdient  beachtung  die  reimbindung  Nerönem  :  Phäraönem 
B.  382,39,  beide  subst.  als  acc.  construiert. 

3)  Unverändert  übernommene  eigennamen  finden 
sicli,  bes.  im  B.,  sehr  zahlreich,  sowol  biblische  wie  ÄhaJcuc 


502  JUNK 

(als  dat.  B.  67,  7),  Ähtüt,  EUachim,  Heli,  Nabucliodonosor,  als 
aucli  griechische  und  lateinische  wie  AmpMtridn,  Antiope, 
SemeU,^)  Dänäe,  Badamantis,  Kastor,  Mars,  oder  andere  wie 
Isis,  Osiris,  Maclimet,  Strammlr  u.  a.  m.  im  reime  sowie  im 
Innern  des  verses. 

B)  Orts-  und  1  ändern  amen.  Die  fremde  flexion  wird 
beibehalten  in  folgenden  fällen: 

von  Aruhiä  :  sä  B.  68,  39,  [Assynä  (nom.)  B.  61,  2],  in  Bahüötüä  :  da 
B.  60, 17,  in  Byblum  insulam  :  kam  B.  263, 13,  [ze  Damascö  G.  1199],  in, 
von.Egyptö  :  so  B.  56,9.  264,2.  268,9.  [B.  261,39.  268,28,  in  Egyptmn 
(acc.)  B.  55,40],  in  dem  lande  Egyptö  :  vrö  B.  265,25,^)  von  Indiä  :  da 
B.  224,  28,  —  :  BaracMä  B.  400,  30,  [in,  ze  Indiä  B.  6, 19.  7,  4.  Für  den 
acc.  ersclieinen  im  versiuuern  hin  in  Ind/am  daz  lant  B.  399, 1  und  in 
Indiä  daz  lant  B.  36,  39^)].  Hierher  gehört  wol  auch  in  monte  Sind  :  sä 
B.  76,20  und  in  dem  heiligen  Sinä  :  da  B.  76,24,  daneben  aber  in  monte 
Sinai  :  hi  B.  57, 16,  von  Syriä  :  da  B.  302,  34. 

Daneben  zahlreiche  unflectierte  orts-  und  ländernamen, 
auch  in  den  casus  obliqui: 

[von  Aruhie  B.  69, 11],  üz  Bäbilön  :  dön  B.  319,  39,  von  Basän  :  Ka- 
naan B.  57,  37,  von  Betlehem  :  Jerusalem  B.  67,  2,  [von  Gähleä  B.  288, 19]. 
Vielleicht  gehört  hierher  auch  der  vorhin  citierte  acc.  in  Indiä  daz  lant 
B.  36,39,  [Israhel  B.  56,  8],  in  Israhel  :  Samuel  B.  58,  21.  [B.  344,37], 
[Jerüsalan  (acc.)  B.  59,  25],  in  Jerusalem  :  Betlehem  B.  67,  1,  [von,  gen 
Jerusalem  B.  62,  30.  70,  29] ,  von  Jesse  :  e  B.  64,  32,  von  Kaldeä  :  sä  B. 
238,17.  [B.  224,  28],  in  Kanaan  :  Basän  B.  57,  38,  von  Kanään  :  tvän 
B.  320,9,  [von  Blarroch  G.  1413],  Ninive  :  me  B.  61,3,  ze  Ninive  :  me 
G.  1199,  [in  Oreb  B.  57,39],  [von  Sabä  B.  69,12],  in  Salmanä  :  sä  B. 
57,  39,  gen  Sarant  :  vant  G.  1198,  Sennäär  :  jär  B.  36,  32.  [B.  157, 35], 
in  Sennäär  (dat.)  -.jär  B.  389,  37.  [B.  195,  20.  Hier  auch  ein  acc.  in  Sennäär 
B.  399,  39],  von  Siön  :  don  B.  70,  38,  von  Tharsis  :  lois  B.  69, 11.  [B.  68, 39], 
\in  Zeb,  in  Zebee  B.  57,  39]. 

Zu  den  deutschen  (und  den  drei  englischen^))  orts-  und 
ländernamen  ist  nichts  zu  bemerken. 

1)  Diese  beiden,  unter  einander  gereimt  B.  251, 15,  bringen  die  hand- 
schriften  sogar  als  acc.  Antiopen  :  Scmelen,  veranlasst  durch  eine  liüchtige 
Übersetzung  des  lat.,  das  hier  wirklich  zwei  acc.  hat.  Vgl.  Pfeiffer  in  den 
laa.  zur  stelle.  —  Zu  den  anderen  beiden  acc.  Nerönem  :  Fhäraönem  B.  382, 39 
vgl.  s.  501. 

^)  Vgl.  dazu  die  Umschreibung  des  völkernamens  die  von  Egyptenlant 
B.  261,36. 

*)  Vgl.  aber  die  hss.,  von  denen  nicht  alle  Indiä  haben. 

*)  von  Ebenvige  nnd  Santävit  :  strit  G.  5337.  [für,  ze,  gen  Eunders 
G.  5265.  5273.  5694.  5867.  6263]. 


ZUM   REIMGEBRAUCH   RUDOLFS  V.  EMS.  503 

Noch  ein  wort  über  die  völkernamen. 

Ein  lat.  nom.  pl.  ist  Egyptii  :  M  B.  232,  37;  daneben  die  Umschreibung 
die  von  Eyijptenlant  B.  261,  36.  Ebenso  KalcUi  B.  232,  37.  233,  3  und  die 
Kaldejen  (nom.)  B.  247,  25,  die  Kaldejen  (acc.)  B.  243, 1,  der  Kaldejen  (gen.) 
B.  233,  23.  268, 1.  Ferner  der  dat.  pl.  den  Kaldcin  B.  77, 11.  Hierher  ge- 
hören noch  ausser  den  gewöhnlichen  Kriechen,  kristen,  Juden  (die  auch  um- 
schrieben werden  als  diu  israhelisclie  dict  :  schiet  etc.)  der  Bahylöne  (gen. 
pl.)  B.  320,  5.  Auch  der  sg.  ist  hier  belegt  der  Babylon  :  Scdomön  B.  59,  29. 
[B.  59,  18],  dat.  den  Armenjen  B.  77,  11,  Södömiten  (nom.  pl.)  :  ziten 
B.  252, 16. 

Diese  eigenheit  Rudolfs,  fremde,  besonders  lat.  fiectierte 
nomina  in  den  context  der  deutschen  erzählung  aufzunehmen, 
erinnert  schon  leise  an  die  allmählich  bis  zur  manier  aus- 
geartete gewohnheit  des  ausgehenden  mittelalters,  die  deutsche 
rede  durch  lateinische  gelehrte  brocken  zu  untermischen. 

WIEN.  VICTOR  JUNK. 


BRUCHSTUCKE  EINER  ALTHOCHDEUTSCHEN 
INTERLINEARVERSION  DER  CANTICA. 

I.    Die  Handschrift. 

Die  hs.  unseres  textes  wurde  zuerst  von  Gedeon  Huet  im 
46.  bd.  der  Biblioth.  de  l'ecole  des  chartes  (1885)  veröffentlicht. 
Ihr  eigentlicher  entdecker  war  L.  Delisle,  von  der  Bibliotheque 
nationale,  der  sie  bei  der  erneuerung-  eines  beschädigten  ein- 
bandes  zu  gesicht  bekam  und  Huet  zeigte.  Die  beiden  blätter 
müssen  also  zur  herstellung  von  einbanddecken  verwendet 
worden  sein,  woraus  sich  auch  ihr  verstümmelter  zustand  er- 
klärt. Die  hs.  besteht,  nach  den  mitteilungen  Huets,  aus  zwei 
fi^agmenten,  nämlich  aus  zwei  pergamentstücken,  183  mm.  lang 
und  125  mm.  breit,  die  den  obern  teil  zweier  blätter  bildeten, 
deren  unterer  teil  fehlt.  Die  schrift  ist  lesbar  und  scheint 
dem  9.  oder  10.  jh.  anzugehören.  Die  angäbe  in  Pauls  Grundr. 
2, 154,  dass  das  denkmal  nach  Huet  der  grenzscheide  des  9. 
und  10.  jh.'s  angehöre,  ist  irrig.  Huet  sagt  nur:  Tecriture  est 
lisible  et  semble  du  IXme  ou  Xme  siecle',  was  nicht  'grenz- 
scheide  des  9.  und  10.  jh.'s'  heisst.  Ueber  jedes  lat.  wort  hat 
dieselbe  band  in  kleinerer  schrift  das  entsprechende  deutsche 
wort  gesetzt.  Die  anfange  der  verse  sind  durch  grosse  rote 
anfangsbuchstaben  bezeichnet.  Der  Schreiber  bedient  sich 
zweier  interpunctionszeichen,  des  punktes  und  des  Zeichens  ! , 
das  dem  Semikolon  entspricht.  Der  anfang  eines  neuen  Stückes 
wird  durch  einen  grossen  roten  buchstaben  und  eine  Über- 
schrift in  roten  buchstaben  (Fsalmus  dauid  1, 7.  3,  5)  ersichtlich 
gemacht.  Dies  ist  zweimal  der  fall.  Huet  spricht  sich  nicht 
deutlich  darüber  aus,  ob  diese  Überschriften  von  derselben 
band  wie  der  text  herrühren,  doch  lassen  seine  worte:  'les 
suscriptions  sont  l'oeuvre  d'un  rubricateur  ignorant  ou  distrait' 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA.  505 

die  Vermutung"  zu,  dass  dieses  nicht  so  sei.  Die  Überschriften 
füllen  auch  nicht  besondere  Zeilen,  sondern  stehen  je  in  dem 
leer  gebliebenen  räum  der  letzten  zeile  des  vorhergehenden 
Stückes,  wo  sie  später  leicht  eingefügt  werden  konnten. 

Die  bruchstücke  haben  mit  den  psalmen  nichts  zu  tun, 
sondern  sie  enthalten,  wie  Huet  schon  erkannte,  folgende  teile 
der  cantica: 

blattl,  Vorderseite:    |  Canticum  Ezechiae:  Is.  38, 18-20. 

I,  Cauticum  Auiiae:  1.  Keg.  2, 1 — 2. 
blattl,  rückseite:  Canticum  Annae:  1.  Reg.  2,  5— 10. 

blatt2,  Vorderseite:    {  Canticum  Habacuc:  Hab.  3, 17-19. 

\  Canticnm  Mosis:  Deut.  32, 1—4. 
blatt  2,  rückseite :  Cauticum  Mosis :  Deut.  82,  9 — 13. 

Das  Canticum  filiorum  Israel  (Canticum  Moysi  bei  Notker)  aus 
Ex.  15,  das  immer  zwischen  dem  Cant.  Annae  und  dem  Cant. 
Habacuc  steht,  fehlt  ganz.  Es  umfasst  19  verse;  rechnet  man 
dazu  noch  die  fehlenden  16  verse  des  Cant.  Habacuc,  so  sind 
zwischen  bl.  1  und  2  gerade  35  verse  verloren  gegangen.  Zwischen 
dem  schluss  der  Vorderseite  und  dem  anfang  der  rückseite  von 
bl.  1  fehlen  44  worte  des  lat.  textes,  die,  da  ungefähr  T'/o  worte 
auf  die  zeile  kommen,  weitere  6  Zeilen  gefüllt  haben  dürften. 
Man  kann  daher  annehmen,  dass  die  volle  seite  17  bis  18  zeilen 
gezählt  hat.  Zwischen  bl.  1  und  2  fehlen  562  lat.  Wörter,  die 
70  bis  80  Zeilen,  d.  h.  2  blätter,  füllen  würden.  Es  sind  also 
2  blätter  zwischen  bl.  1  und  2  verloren  gegangen,  und  nicht 
nur  eines,  wie  Huet  meinte. 

Noch  im  jähre  der  Veröffentlichung  unserer  lis.  erschien 
in  der  Tijdschr.  voor  nedeii.  taal-  eu  letterk.  5,  274  ff.  eine 
abhandlung  von  J.  H.  Gallee  darüber  unter  dem  titel:  Parijsche 
fragmenten  eener  psalmvertaling.  Der  arbeit  Gallees  geschieht 
weder  in  Pauls  Grundr.  noch  in  Kögels  Lit.-gesch.  erwähnung, 
und  ich  bin  auch  erst  durch  Heinzel,  dessen  freundlicher 
förderung  dieses  ersten  Versuchs  selbständiger  forschung  ich 
hier  dankend  gedenken  möchte,  auf  sie  aufmerksam  gemacht 
worden.  Die  vorliegende  abhandlung  verdankt  G.  gar  nichts, 
da  sie  bereits  vor  einsichtnahme  seines  artikels  fertig  vorlag 
und  dessen  lectüre  zu  änderungen  keinen  anlass  bot.  Gallees 
arbeit  ist  auch  mit  äusserster  vorsieht  zu  benutzen.  G.  hat 
die   Orthographie    des   Originals   willkürlich   verändert   —   so 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVII.  33 


506  STEPPAT 

schreibt  er  durchgängig*  tv  statt  des  überlieferten  nu  und  setzt 
circumflexe,  die  die  lis.  überhaupt  nicht  hat  — ,  wodurch 
natürlich  das  sprachbild  des  denkraals  verschoben  wird;  er 
schiebt  conjecturen  ein,  ohne  sie  als  solche  zu  bezeichnen,  und 
bespricht  formen,  die  sein  text  gar  nicht  bietet,  z.  b.  s.  278 
sedeilda  (text  sedeüedd)^  lieüigono  (hs.  heiligeno).  geuncreftigot 
(hs.  guncreftigof)  u.  a.  Selbst  die  tatsächlichen  angaben  be- 
dürfen genauer  nachprüfung,  wie  denn  s.  287  erwähnt  wird, 
dass  in  den  Altnl.  ps.  sk  zu  seh  werde,  während  Cosijn  s.  36 
und  Borgeld  §  84  a.  3  gerade  sc  als  die  regelmässige  Schreibung 
anführen,  wogegen  seh  nur  als  ausnähme  gelten  kann.  Es  ist 
hier  nicht  beabsichtigt,  eingehend  über  Gallee  zu  referieren,  und 
ich  begnüge  mich  deshalb  mit  den  gemachten  andeutungeu. ') 

Dem  von  mir  gebotenen  text  liegt  ein  photographischer 
abdruck  der  hs.  zu  gründe,  der  mancherlei  abweichungen  von 
Huet  und  Gallee  ergab.  Meine  lesungeu  hat  Heinzel  nach- 
geprüft, und  sie  dürfen  daher  ansprach  auf  genauigkeit  er- 
heben. 2)  Am  rechten  rande  der  rückseite  von  bl.  2  ist  jetzt 
leider  ein  beinahe  2  cm.  breiter  papierstreifen  aufgeklebt,  der 
den  darunter  stehenden  text  verdeckt:  ich  bin  also  hier  ganz 
auf  Huet  angewiesen  gewesen.'^) 

Im  folgenden  gebe  ich  den  handschriftlichen  text  ohne 
jede  änderung  wider  (nur  mit  auflösung  der  abkürzungen  in 
cursivschrift)  und  bespreche  etwaige  conjecturen  in  den  an- 
merkungen. 


[*)  Jetzt  liegen  die  bnichstücke  in  einem  sehr  verbesserten  abdrucke 
in  der  5.  aufläge  von  Braunes  Althochdeutschem  lesebuch  vor.  Braunes 
text  stimmt  mit  dem  meinigen  ziemlich  genau  überein ;  sichere  fehler  sind 
nur  erdon  2, 10  statt  erdun,  aiujun  4,  7  statt  ougun,  und  uuosta  für  nuesta 
4,5:  lesarten,  die  die  Photographie  ganz  deutlich  zeigt.    28.7.02.] 

['•^)  Dui'ch  die  gute  des  herrn  verf.'s  haben  die  Photographien  auch 
mir  vorgelegen,  und  ich  kann  danach  seine  lesungen  durchweg  bestätigen. 
lieber  einige  stellen,  wo  ich  noch  etwas  mehr  lesen  zu  können  glaube, 
habe  ich  mir  erlaubt  einige  anmerkungen  zuzusetzen.    E.  S.] 

')  Ich  bezeichne  die  Schlüsse  der  unbedeckten  zeilenstücke  im  abdruck 
durch  I . 


AHD.   INTERLINEARVERSION    DER   CANTICA.  507 

II.   Text. 

1.    Blatt  1.  Vorderseite  (Jes.  38, 18—20.  1.  Reg.  2, 1—2). 
ni  helle    begien  uuirdit   dir      noh        dot         lobot      dih 

1  inferiius  confitebitttr  tibi  neqtie  mors  laudabit  te 

noh      nerbeidunt    dieder  nider  uareut   in  gruobun 

2  non  expectabimt  qui  descendunt  in  laciim 

uuarheit       dina      lebendiger  lebendiger  selbu  begien  uuirdit 

3  veritatem  tuam.     Uiuens     uiuens     ipse  confitebitttr 

dir     also   und    ih     binde    uader   kindon   cunt       duot 

4  tibi  siciit  et  ego  liodie!  pater  filiis  notam  faciet 

uuarheit        din       drohtin    gehaldan  niih  duo   und     selmi 

5  veritatem  tuaw^,  Domiiie  saluum  me  fac!  et  psalmos 

unsere        singemis  allen       dagan     libes  unseres 

6  nostros  cautabimus  cuiictis  dieb«<5  iiit^  nostr^ 

in  demo  huse  drohtiuis 

7  in    domo      dommi    Psalmws  dauiä 

erurouuit  herza  minaz    in   drohtino  und  uf  erhaban    ist 

8  Exultauit  cor  meimi  in  dommo!  et  exaltatum  est 

hörn       min      in  gode  minemo      zespret       ist  mund  min 

9  cornu  meum  in  deo    meo  Dilatatum  est  os  meum 

über       uiende      mine  uuanda  geurouuet  bin    in        heili    dinemo 

10  supe>-  inimicos  meos!  c[uia     l^tata  sum  in   salutari  tuo 

nist        heileger  also  ist       drohtin         noh     geuuisse  nist  ander 

11  Non  est  sanctus  ut  est  dommusl    neqtie    enim    est  alius 

uone    dir 
extra  te 
und        nist      stirker    als       got      unser 

12  [et  non  est  fortis  siciit  deus  noster ] 

2.    Blatt  1.  Rückseite  (1.  Eeg.  2,  5— 10). 

hata         kint  guncreftigot  uuart   drohtin    gedothaftigot  und   ge 

1  liabebait  filios  infinnata    est  Domimis  mortilicat    et  uiui 
lifhaftigot  geleidit       zchelon     und  uuidarleidit  drohtin       aremen 

2  ficat!       deducit  ad  inferos  et     rediicit  Dominus  pauperewi 
duot  und  gerichesot  hotmudigot  und    ufhebit        ercuuikeude 

3  facit  et     ditat!     Immiliat    et  sublimat.    Suscitans 

none    stuppe    elelendun  und  uone    miste     ufrihtende      armen 

4  de  puluere  egenum!  et    de  stercore  erigens  pauperewi 

33* 


508  STEPPAT 

daz  her  sizze  mit       uurstiu         uiul   stuol    guoliche   haba    drohtinis 

5  Vt  sedeat  cum  principibi^s!  et  soliimi  glori^  teneat.  Bommi 

geiiuisse  sint      uuerbon     erdon   und  gesazta    über     sie      riuc 

6  enim     sunt  cardines  terr^!  et   posuit  super  eos  orbem. 

uuoze      heilegeno        sinro      beuuareda  und  ubili    iu  i;iuisternissi 

7  Pedes  sawc^orum  suorum  seruabit!  et  impii  in   tenebris 

erstummunt    uuanda  noh    in        sterchi       sinro  gesterkit 

8  conticescent!  quia  non  in  fortitudine  sua   robora 

■.  uuirdit  man        drohtin  eruortent    uuedarmterdigi  sin 

9  bitur  uir.     Dominum  formidabunt  aduersarii  eins! 

über  sie         selbou  in    himilin    erskillit         drohtin        erdeilit 

10  et  super  ipsos  in    celis   tonabit,    Bommus   iudicabit 

endi    erdun 

flnes  terr^ 

und   gibit       geuualt      cuninge  sinemo  und       erhoit         hörn  .... 

11  et   dabit  imperium    regi     suo!    et  sublimabit  cornu 

cristo     sin  . . . 

12  [cliristi  sui] 

3.    Blatt  2.  Vorderseite  (Hab.  3, 17—19.  Deut.  32.  1—4). 
uihu     und    neuuisit        suueiga       in        crippon  ih       abur 

1  pecus!  et  non  erit  armentum  in  presepib?«^.  Ego  autew^ 

in    drohtino      ih    sal      mendon    und      ih    sol     urouuen    iu    gode 

2  in   äommo  gaudebo!  et   exultabo  in   deo 

haldendemo  minemo   got       drohtin 
ihe5U      meo.  Dens  äominus 
sterchi      mina   und  gesezet  uuoza   mine      also         hirezo 

3  fortitudo  mea!  et   ponet  pedes  meos  quasi  ceruoruwi 

und   über         ho  min   uz    leidit      mih  über  cobereri  in    lobon 

4  et    super  excelsa  mea!    deducet  me     uictori     in  psalmis 

s : ngenden 

5  canentem.    Psalmws  dawid 

gehöret  himile  ih  der  sprechon   gehora     erda     uuort  mundes 

C    Audite  c^^li     qu^    loquor!  audiat  terra  uerba  oris 

mines        uuascha      in   regene        lera         mina     ulioza 

7  mei.    Concrescat  in  pluuia  doctrina  mea!   fluat 

also  d . .    gesprechi    m . . .  z      also  über        gras     und   also 

8  ut  ros  eloquium  meum.  Quasi  imber  super  lierbam  et  quasi 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA.  509 

rlrophon  über         com       nuanda   namo    drohtinis  anaruophon  ih 
9      still^  supt'r  gramina!  qiiia  nomen  domini    inuocabo 

gebet  michillich:        gode  unseremo  godes  di;ruhtan   sint    uuerc 

10  Date  magnificenciaw  dco   nosfrol    dei   perfecta  sunt  opera 

und       alle     uuege   sine      urdeila  got    getruuuir    und       ane 

11  et    oiiDics   ui^.    eins    iudicia.     Dens    fidelis      et    absqite 

dicheina   un 

Ulla    ini 

4.   Blatt  2.  Rückseite  (Deut.  32,  9— 13). 
danne      zedeileda  hoster  diede        danne     | 

1  Quando  diuidebat  altissimus  gentes!  quando  | 

gesundereda  kind    ada?«-  gesazta       geinerchi  | 

2  separabat  filios  adam.    Constituit  termin|os 

liudo  nah  zala  kindo       israel       deil    |   abur 

3  populorujn!  iuxta  numeru^>i  filio^uw^  Israel.   Pars  a|uteni 

drohtinis       liud         diner   iacob      seildin  heribi|s        siner 

4  dommi  populus   :uus!  iacob  funiculu  liereditatils  eius 

inuand     inan    in    erda      uuesta      in  stede     egison      |  und 

5  [IJnuenit  eum  in  terra  deserta!  in  loco  honoris  j  et 

einodis  umbileita       inan  und  lerida    |  und 

6  uaste  solitudinis.   Circumduxit  eum  et  doeuit  |  et 

behuota        also       aplmon     ougun   sin       also       aro  | 

7  custodiuit  quasi  pupillae«  oculi  sui.   Sicut  aqu|ila 

uoragoumenda        zeulione  iungen      sine       und       über       sie 

8  prouocans    ad  uolandwj^    pullos    suos!     et     super    eos 

uoliltans 

spreidit  uetechon  sine  und    zuonimit      sie        ioh      dreg  .  .  .  | 

9  expandit  alas    suas  et  assumpsit  eos!  atq«e  porta|bit 

in      ahselon      sinen  drohtin        einer   herizogo   siner   uuas   und 

10  in    humeris    suis.     BominuH    solus     dux      eius   fuit    et 

neuua|s 

non  I  erat 

mit    imo   got    uremider         gesazta       inan    über        ho  | 

11  cum  eo  äeiis  alienus.    Constituit  eum  super  excels|a 


510  STEPPAT 

Anmerkungen. 

S.  1,  z.  3.  ni.  Die  hs.  lässt  nicht  erkennen,  ob  ni  oder  ne  zu 
lesen  ist.i) 

hegten  tiiiirdit  {confitehitur).  So  (bei  richtiger  beleuchtung:  völlig 
sicher)  die  hs.  hier  und  z.  3,  wodurch  Kögels  conjectur  (Lit.-gesch.  1,  2,  532) 
bestätigt  wird.  H(uet)  hat  hegten  iniiräit,  wofür  G(allee)  hegten  ivirdit 
einsetzt. 

1,  2,  nerheidunt  (expectabunt).  So  die  hs.  gegen  H.  uerheidunt  und 
G.  verheidunt. 

1,  5.    Die  hs.  hat  tnih,  nicht  micJt,  wie  H.  und  G.  lesen. 
•.  1,8.   droht ino  liest  die  hs.  gegen  das  unmögliche  drohtin  bei  H.  und  G. 

und.    Ob  ^indi  oder  unde  aufzulösen  ist,  lässt  sich  nicht  entscheiden. 

1,  12.  Der  lat.  text  dieser  zeile  ist  ganz  abgeschnitten,  ebenso  der 
grösste  teil  des  übergeschriebeneu  deutschen,  von  dem  auf  der  Photographie 
nur  noch  unser  mit  voller  Sicherheit  zu  lesen  ist. 

2, 1.    liahehaif]  n  ausradiert. 

leint']  das  i  ist  nicht  mehr  lesbar,  die  stelle  sieht  Avie  verwischt  oder 
radiert  aus.  Im  folgenden  guncreftigot  ist  das  i  verblichen,  aber  auf  der 
Photographie  noch  sicher  lesbar. 

2,  2.     ad  inferos.    So  die  hs.    H.  liest  ad  infernos. 

2,  3.    gerichesot.    So  die  hs.  gegen  gerichelot  H.  und  gerkhelot  G. 
Sublimat.   Suscitans.    So   Xotker  2, 615.    Die   Vulgata   hat   snhlevat. 
Suscitat. 

2. 4.  erigens.    So  Kotker.    Vulgata  elevat. 

2,  7.  Jieilegeno  .  .  .  tiinisternissi  gegen  heiligeno  .  .  .  idnsternissi  H. 
und  viusternissi  G. 

2. 10.  erdun.  So  die  hs.  gegen  erdon  H.  und  G.  Das  u  ist  ein 
wenig  verzogen,  aber  vollständig  sicher  und  nicht  als  o  zu  lesen. 

2. 11.  erJioit  liest  die  hs.,  nicht  erhoct,  wie  H.,  und  erhöct,  wie  G.  setzt. 
[2,  12.    Der  lat.  text  von  z.  12  fehlt  ganz,  von  dem  deutschen  ist  nur 

aristo,  ferner  s  und  die  köpfe  von  in  erhalten.  Das  o  von  cristo  scheint 
deutlich  zu  sein,  obwol  es  nach  rechts  durch  einen  fieck  (oder  eine  correctui*?) 
zum  teil  verdeckt  ist.  Der  falsche  casus  erklärt  sich  durch  anlehuuug  an 
das  vorhergehende  cum'nge  sinemo  (regi  suo).    E.  S.] 

3,  4.    uictori.    So  Notker  2,  624.    Vulgata  victor. 

3. 5.  sengenden  H.  Das  ms.  hat  eine  falte,  die  den  buchstaben 
hinter  dem  s  verdeckt.  Es  scheint  aber  nur  platz  für  ein  i  gewesen  zu 
sein,  so  dass  ich  singenden  in  den  text  setzen  möchte. 

3,  6.  ih  der  sprechen  (audite  . . .  qu^  loquor).  Der  Übersetzer  hat 
offenbar  den  acc.  pl.  n.  qn^  für  den  nom.  sg.  f.  gehalten  und  es  als  sub- 
ject  zu  S2}recho7i  constnnert,  als  wenn  eine  frau  spräche. 


[')  Ich  vermag  vor  dem  h  von  helle  nur  noch  undeutliche  spuren  eines 
e  oder  c  zu  erkennen,  die  durch  einen  weiteren  schmalen  buchstaben  von 
dem  h  getrennt  sind.  Uebrigeus  ist  mir  auch  der  Schlussbuchstabe  von 
helle  auf  der  Photographie  keineswegs  sicher  als  e  erschienen.    E.  S.] 


AHD.   INTERLINEAEVERSION   DER   CANTICA.  511 

3,  7.  uuascha  (conscrescat).  Verschrieben  für  uuachsa.  S.  darüber 
s.  522.  sh  für  hs  findet  sich  anch  einmal  in  den  gl.  Lijis.  1010,  wo  die  hs. 
uuasliemo  hat,  vgl.  Borgeld,  anra.  zu  §  92. 

■in  plmiia.    Notker  2,  G2'i  hat  in  pluviatn  und  die  Viilgata  nt  phw/a. 

3,8.  d..  (jesprechi  m . . .  z.  {ros  eloquiiim  mcum).  Es  ist  dou  ixnd 
minaz  zu  lesen,  nicht  dau,  wie  G.  will. 

imber]  imh  ^  in  der  hs.  von  viel  späterer  band  mit  andrer  tinte  nach- 
getragen. Auch  Notker  übersetzt  dieses  wort  nicht.  Die  stelle  lautet  bei 
ihm  (2,6241):  Quasi  ymher  super  Jierham  et  quasi  still^  super  gramina. 
Also  tügln  siü  in  iro  sinne,   so  regcntröphen  an  grase. 

Ct.  ergänzt  regen,  aber  in  den  alten  text  gehört  keine  ergänzung,  da 
der  nachtrag  von  imh''  später  eingetragen  ist  als  die  deutsche  glosse. 

3. 10.  michillich:  (magnificen-ciam).  Die  Photographie  zeigt  noch  einen 
unleserlichen  buchstaben  hinter  dem  letzten  ch,  der  nur  ^  gewesen  sein 
kann.i)    Es  ist  also  sicher  michillichi  zu  lesen. 

duruMan.    So  die  hs.    H.  hat  diirnchtan  und  G.  durucJttan. 

3.11.  ane  dicheina  un  ||  {ahsquc  lüla  ini  ||  ):  beidemal  zeilenschluss. 
Ich  ergänze  nach  Notker  2,  65  ane  dicheina  unebeni  absqne  ulla  iniquitate. 
G.  liest  unrihti,  was  mir  weniger  passend  erscheint,  und  druckt  decheina. 

4,  2.  Das  OS  von  termin\os  ist  durch  den  aufgeklebten  papierstreifen 
(s.  506)  hindurch  noch  zu  erkennen. 

4,  3.  a\utem.  Das  a  z.  t.  mit  überklebt,  aber  nebst  dem  «  noch 
deutlich  erkennbar. 

4,4.  diner  (:uus).  Vor  uns  ist  ein  buchstabe  ausradiert  (e  oder  f?). 
Auch  die  schlinge  des  d  von  diner  ist  nicht  mehr  sichtbar,  doch  scheint 
nichts  radiert  zu  sein.  Notk.  und  Vulg.  haben  eins.  H.  gibt  fälschlich 
stius  und  siner,  G.  stner. 

Das  s  von  7iereditati\s  und  das  e  von  eins  sind  noch  zii  erkennen. 

seildin  (funiculu).  funictdu  verschrieben  für  fnnicidus.  Wie  der  Über- 
setzer auf  den  zusatz  din  zu  seil  verfallen  ist,  Aveiss  ich  nicht. 

Tieribis  siner  {hereditatis  eius).  So  H.  Es  ist  sines  zu  lesen.  Die 
Photographie  zeigt,  dass  das  wort  jetzt  überklebt  ist;  vielleicht  liat  sich 
H.  verlesen. 

4,  5.  inuand  (inuenit).  Ein  invindan,  das  die  bedeutung  invenire 
haben  könnte,  gibt  es  nicht.  Das  initial- J  von  inuenit  fehlt  in  der  hs.  In 
der  zeile  stehen  noch  3  in:  vielleicht  geriet  dem  Schreiber  aus  diesem 
gründe  inuand  in  die  feder.    Jedenfalls  ist  uand  zu  lesen. 

uuesta  (deserta).  So  deutlich  die  hs.  gegen  H.  uuosta,  G.  tvösfa,  was 
freilich  allein  dem  sinne  entspriclit  (Schreibfehler  oder  halb  ags.  form?). 

4,  7.  also  aphuon  (quasi  pupiüum).  Die  hs.  zeigt  ganz  deutlich 
aphuon,  ein  wort,  mit  dem  ich  nichts  anzufangen  weiss.    Man  müsste  einen 


[')  Das  i  ist  nicht  abgekratzt,  wie  ^'errier  bei  üraune  angibt,  sondern 
mit  durch  einen  grossen  wie  abgewischt  aussehenden  fleck  verdeckt,  der 
sich  keilförmig  über  mehrere  zeilen  hinzieht.  Bei  scharfer  l)oleuchtung  ist 
aber  der  köpf  des  i  noch  ziemlich  deutlich  zu  erkennen.    E.  S.J 


512  STEPPAT 

nom.  sg.  aplmo  ansetzen,  der  sich  nicht  belegen  lässt.  G.  setzt  aplüon  in 
den  text,  wodiirch  die  sache  nicht  besser  wird. 

ougim.    So  die  hs.  gegen  atigun  bei  H.  und  Gr. 

Von  aqulüa  ist  il  noch  zu  erkennen. 

4, 10.  nem(a\s  und  \erat]  das  schluss-s  und  das  anfangs-e  sind  noch 
lesbar. 

4,  8.  iioragoumenda  {prouocans).  Der  Übersetzer  hat  nach  dem  sinn 
construiert,  indem  er  unter  aro  den  weiblichen  adler  verstand,  lyrouocans 
dürfte  er  misverstanden  haben.  Heinzel  denkt  an  uacans.  Graft"  4, 205 
führt  nur  an  forahigmmijan  'providere'  und  fora  si  Tiekaumit  'procuretur 
(Jielfay  Kero  35.    Notker  setzt  h'icchet. 

■ze  tilione  (ad  volandum).  Kögel,  Lit.-gesch.  1,  2,  532  findet  die  Ver- 
wechslung von  fliehen  und  fliegen  merkwürdig.  Er  übersieht  dabei,  dass 
im  späteren  ags.  die  Verwendung  von  fleon  für  flcogan  ganz  gewöhnlich 
ist  (Bosworth-Toller  291  f.). 

tiber  sie  . . .  {super  eos  uolitans).  Ich  möchte  hier  idogerzenda  ein- 
setzen, das  Notker  im  Mart.  Cap.  gebraucht  (Graff  3,  763).  Unsere  stelle 
lautet  bei  Notker  2,  626  ohe  in  flögezet.  i) 

4,  9.  dreg  . .  (porfabit).  Lies  dregit.")  Notker  und  die  Yulgata  haben 
portavit. 

sie  (eos).    So  Notker.    Die  Vulg.  liest  eum. 

III.   Lautlehre. 

Vocale. 

A)  Kurze  vocale  der  Stammsilben. 

1)  Germ,  a 

erscheint  als  a.    Zu  o  ist  es  geworden  in  uone  1, 11.  2,  4,  ioh 

4, 9  und  in   sol  3, 2,  woneben  aber  auch  das  besonders  dem 

fränk.  eigentümliche  sal  3,  2  steht. 

Der  Umlaut  des  a  wird  durch  e  bezeichnet:  egison 
horroris  4,  5,  elelendun  egenum  2.  4,  cjuJi  fines  2, 10,  uremider 
alienus  4, 11,  ufhehit  sublimat  2,  3,  lielle  internus  1, 1,  zeJielon 
ad  inferos  2,  2,  herihis  hereditatis  4,  4,  herkogo  dux  4, 10,  giin- 
creftigot  infirmata  2, 1,  sal  mendon  gaudebo  3,  2,  gesezet  ponet 
3,3,  stede  loco  4,5.  Auch  r  und  l  +  consonant  lassen  den 
Umlaut  zu,  wie  gewöhnlich  im  fränk.:  gemercld  terminos  4,2, 


[')  Bei  scharfer  und  günstiger  beleuchtung  glaube  ich  auf  der  Photo- 
graphie über  dem  l  von  uoliians  ziemlich  sicher  ein  o  und  davor  weniger 
sicher  reste  eines  l  zu  sehen.    E.  S.] 

[^)  Auch  hier  meine  ich  die  endung  it  auf  der  Photographie  noch  zu 
erkennen,  namentlich  deutlich  das  t.    E.  S.] 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER  CANTICA.  513 

sterchi  fortitudo  2,  8.  3,  3,  imedarmierdigi  adversarii  2,  9,  gesterkit 
iiuirdit  roborabitur  2,8,  sehni  psalmos  1,5.  —  Des  umlauts 
entbehren:  gedoihaftigot  mortificat  2, 1,  gelifhaftigot  vivificat 

2,  2,  wol  unter  dem  einfluss  der  adjectiva  tothaft  und  lihliaft, 
da  ft  keine  umlauthindernde  kraft  hat,  s.  guncreftigot  2, 1.  — 
Uebergang"  des  umlaut-e  in  /  zeigt  stirJcer  fortis  1,12. 
Diese  ersch einung  ist  später  im  md.,  besonders  vor  liquiden, 
sehr  häufig,  und  findet  sich  auch  im  as.,  hier  aber  meist  unter 
dem  einfluss  eines  folgenden  i:  Weinhold,  Mhd.  gr.2  §  29.  Holt- 
hausen,  As.  elem.  §  78.  Ein  zweites  beispiel  aus  der  alid.  periode 
habe  ich  nicht  finden  können.  Unsern  fall  fasse  ich  als  zeugnis 
dafür  auf,  dass  das  ausweichen  des  e  in  i  im  md.  vereinzelt 
schon  in  der  ahd.  zeit  vorgekommen  .sein  muss. 

2)  Germ,  e  und  i. 

a)  ürspr.  e  ist  geblieben  in  erda  4,  5,  erdon  2, 6,  erd^m 
terrae  2, 10,  uetecJwn  alas  4,  9,  gebet  date  3, 10,  Jier^a  1,8,  regene 

3,  7,  selbu  ipse  1,3,  selbon  2, 10,  sprechon  loquor  3,  6,  uuege  viae 
3, 11,  uuerc  opera  3, 10,  uuerbon  cardines  2,  6. 

b)  e  weicht  aus  in  o:  noh  non,  neque  1, 1.  2.  11.  2,  8. 

c)  i  aus  vorgerm.  e  steht  «)  vor  n  -\-  consonant:  singemes 

1,  ß  (gegen  unsicheres  sengenden  canentem  3,  5,  s.  anm.  zur 
stelle  oben  s.  510),  rinc  orbem  2,  6,  Jcind  2, 1.  4,  2,  Jcindo  4,  3, 
hindon  1,  4;  —  ß)  vor  folgendem  j  oder  i:  in  lebendigem 
Wechsel  mit  e  in  si^^se  sedeat,2, 5,  ufrihtendc  eiigens  2,4:,  isuonimit 
assumpsit  4,  9,  erslnlUt  tonabit  2, 10,  uuirdit  1, 1.  3.  2,  9,  gibit 
dabit  2, 11;  ferner  in  uinisternissi  2,  7,  crippon  praesepibus  3, 1, 
]mnüeS,Q,  himilin  2, 10,  michiUichi  3,10;  —  y)  vor  w  in  nihu 
3,1,  kire^o  cervorum  3,3;  —  6)  sonst  noch  in  dir  1,1.4.  11, 
dih  1,  1,  ih  1,  4  u.  ö.,  mih  1,  5.  3,  4,  ih  der  3,  6,  in  1,  2  u.  ö.,  mit 

2,  5.  4, 11,  dicheina  ulla  3, 11;  in  ableitungssilben  (ausser  in  den 
schon  unter  ß  gegebenen  belegen)  noch  in  egison  horroiis  4,  5, 
ubili  impii  2,  7. 

d)  Urspr.  i  ist  erhalten  in  ereuuikende  suscitans  2,  3,  miste 
stercore  2,4,  nideruarent  descendunt  1,2,  geimisse  1,11.  2,6; 
in  e  übergegangen  in  lebendiger  1,  3;  schwanken  findet  sich  bei 
uuedaruiierdigi  adversarii  2,  9  neben  uuidarleidit  reducit  2,  2. 

Ueber  i  +  iv  s.  unter  cu  s.  515. 


514  STEPPAT 

3)  Germ,  und  alid.  ii,  o. 

a)  0  stellt  vor  a,  o  in  der  folgenden  silbe,  ausser  vor  nasal- 
verbindungen:  droplwn  stillae  3,  9,  uoragoumenda  provocans  4,8, 
got  1, 12  U.Ö.,  godes  3, 10,  gode  1,  9.  3,  2.  3, 10,  herijsogo  dux  4, 10, 
hörn  1,  9.  2, 11,  com  3,  9,  lolon  psalmis  3,  4,  lohot  laudabit  1, 1, 
inwrt  verba  3,6.  Ausnahme  id)er  1,10  u.  ö.,  wie  gewöhnlich 
im  ahd. 

b)  u  bleibt  vor  folgendem  i,  j,  u  und  nasalverbindungen : 
duruJdan  perfecta  3, 10,  uurstin  principibus  2,  5,  cuninge  regi 
2,11,  cunt  notam  1,4,  iungen  pullos  4,8,  mund  1,9,  mundes 
3,  6,  erstummunt  conticescent  2,  8,  stux)pe  pulvere  2, 4,  gesun- 
dereda  separabat  4,  2,  ubili  impii  2,  7,  ««ft  1,  4  u.  ö.,  umlüeüa 
circumduxit  4, 6,  wM,5er  1, 12,  unseremo  3, 10,  unsere  1, 6.  «  haben 
auch  die  präfixe  un-  (guncreftigot  inflrmata  2, 1)  und  nr-  in  der 
nominalcomposition  (iirdeila  iudicia  3, 11),  das  in  der  verbal- 
composition  als  er-  erscheint.  —  Die  nomina  führen  den  vocal 
des  nominativs  durch. 

B)  Lange  vocale  der  Stammsilben, 

4)   Germ,  cv,  got.  e 
ergibt  ä:  ane  absque  3, 11,  uuarhcit  1,  3,  5,  nah  iuxta  4,  3.  — 
Umlaut  des  ä  zeigt  gesprechi  eloquium  3, 11,  worüber  später 

mehr.  „.    ^ 

5)  Germ,  i 

bleibt:  uiende  inimicos  1, 10,  dinemo  1, 10,  dinn  1,  3,  diu  1,  5, 
guoliche  gloriae  2,  5,  micMUichi  magnificenciam  3, 10,  lihes  vitae 
1,  6,  gelifhaftigot  vivificat  2,  2,  gerichesot  ditat  2,  3, 

6)  Germ,  d 

ist  zu  no  diphthongiert  in  hochbetonten  Stammsilben:  diiot 
faciet,  facit  1,  4,  2,  3,  duo  fac  1,  5,  uuo^c  2,  7,  uiio£:a  pedes  3,  3, 
guoliche  gloriae  2,  5,  hehuota  custodivit  4,  7,  anaruophon  invo- 
cabo  3, 9,  stuol  soliuni  2, 5,  zuonimit  4, 9.  Ueber  uuesta  für 
uuosta  deserta  4,5  s.  s.  511. 

ü  statt  ?(o  hat  hotmudigot  humiliat  2,3,  wofür  Tat.  110, 3  (2) 
giodmotigot  bietet. 

6  bleibt  in  nebensilben:  einodis  solitudinis  4,0  und  also 
1,4  u.  ö.,  welches  dem  as.  so  entspricht. 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA.  515 

7)  Germ,  ü 

bleibt:  Jmse  domo  1,7,  w^ZcicZi^  deducet  3, 4;  uf  in  ufhehit  Sub- 
limat 2,  3,  uferhaban  exaltatum  1,  8,  ufrilitende  erigens  2,  4. 
Unter  6  s.  über  ü  für  germ.  6,  und  unter  eii  über  ü  für 

got.  -iggiv-, 

C)   Diplitlionge. 

8)  Germ,  ai 

ist  zu  e  contraliiert  vor  r  in  lera  doctrina  3,  7,  ?enda  docuit  4,  6. 
e  erscheint  auch  in  zespret  dilatatum  1,  9  gegen  sjn-eidit  4,  9. 
Gegen  Braune,  Ahd.  gr.  §  44  a.4  könnte  bei  zcspret  vielleicht 
—  gerade  in  unserm  denknial  —  an  nd.  einfluss  gedacht  werden, 
aber  ein  einziges  derartiges  beispiel  ist  zur  begründung  einer 
entscheidung  nicht  genügend. 

Sonst  wird  ai  zu  ei:  nerheichmt  expectabunt  1,  2,  dcil  4,  3, 
urdeila  3, 11,  erdeilit  judicabit  2,  10,  zcdeileda  dividebat  4,  1, 
dicht  Ina  3, 11,  einer  solus  4, 10,  einodis  solitudinis  4,  6,  Jwileger 
1, 11,  heilegeno  2,  7,  heili  salutari  1, 10,  geleidit  deducit  2,  2, 
uzleidit  deducet  3,  4,  uuidarleidit  reducit  2,  2,  umhileita  circum- 
duxit  4,  G,  seil  funiculu(s)  4,  4,  spreidit  expandit  4, 9,  suiieiga 
armeutum  3, 1,  uuarheit  1,  3.  5. 

9)  Germ,  au 

ist  zu  0  zusammengezogen  vor  h  und  den  dentalen  t  und  r: 
ho  excelsa  3,  4.  4, 11,  /<o.s/er  altissimus  4, 1,  er/«o/^  sublimabit 
2, 11,  dot  mors  1, 1,  gedothaftigot  mortificat  2, 1,  gehör a  audiat 
3,  6,  gehöret  audite  3,  6,  hotnmdigot  humiliat  2,  3.  Es  wird  oti 
in  itoragoumenda  provocans  4,  8,  ougim  4,  7. 

Auch  das  westgerm.  att'?«;  geht  in  ou  über:  uroimen  exul- 
tabo  3,  2,  geurouuet  laetata  1, 10,  erurouuit  exultavit  1, 8. 

10)  Germ,  eii 

spaltet  sich  in  1)  io  vor  folgendem  dental  +  «:  iilioza  fluat 
3,7;  vor  folgendem  guttural  -|-  a:  ulioue  uolandum4,  8;  ie  er- 
scheint bei  dem  «-stamm  dicde  gentes  4, 1.  Ob  dieses  ie  bereits 
die  späte  form  des  diphtliongs,  oder  durch  assimilation  an  das 
e  der  folgenden  silbe  entstanden  ist,  lässt  sich  bei  dem  niangel 
weiterer  belege  nicht  entscheiden.  —  2)  iu,  das  vor  i  der 
nächsten  silbe  steht:  liud  populus  4, 4,  liiido  populorum  4, 3; 
nach  dem  nom.  sg.  Das  urgerm.  eu  -\-  w  (got.  -iggio-)  erscheint 
als  ü  in  getruuuir  fldelis  3, 11.  —  iu  zeigt  auch  hiude  hodie  1,  4. 


516  STEPPAT 

D)   Die  vocale  der  endsilben  mit  ausnähme  der 
flexionseudungen. 

1)  a  ist  zu  e  geworden  sowol  auslautend  wie  auch  gedeckt: 
uher  1, 10  u.  ü.,  ander  1, 11,  uone  1, 11.  2,  4,  anc  {e  =  a  oder  o) 
absque  3,11.  Auch  danne  4,11  hat  e,  wie  schon  bei  Is.,  K, 
Tat.,  Otfr.  (Graft  5, 44).  uuanda  1,10.  2,8.  3,9,  dessen  aus- 
lautendes a  auf  got.  e  zurückgeht,  hat  das  a  erhalten. 

2)  0  wird  zu  e  in  (jeuuisse  1,11.  2,  6. 

3)  i  bleibt  in  ni  (?)  1, 1,  das  proklitisch  e  zeigt:  neuuisit  3, 1. 

4)  Gedecktes  u  bleibt  erhalten:  cüjur  3,1.  4,3. 

E)   Vocale  der  mittelsilben. 

1)  Schwere  mittelsilben  bleiben  (vgl.  Braune,  Ahd.  gr. 
§  63):  uuarheit  1,  3.  5,  cuninge  regi  2, 11,  einodis  solitudinis  4,6. 
Auf  altes  nebeneinander  der  suffixe  -lg-  und  -ag-  weisen  hin 
lehendiger  1,  2,  uuedaruuerdigi  2,  9  :  lieilegeno  (gen.  pl.)  2,  7, 
heileger  1, 11;  vgl.  dazu  die  verben  auf  -igön,  in  anlehnung  an 
die  adjectiva  auf  -lg:  hotmudigot  2,3,  gdifhaftigot  2,2,  (/H^i- 
creftigot  2, 1,  gedothaftigot  2, 1. 

2)  Kurze  mittel  vocale:  a)  a  wird  durchaus  zu  e:  gcsim- 
dereda  4,  2,  uhercohereri  victori  3,  4,  uinisternissi  2,  7,  neteclion 
4, 9;  s.  auch  oben  unter  'schwere  mittelsilben'  und  unten  s.  517 
unter  'secundärvocale'. 

b)  i  bleibt:  «)  unter  dem  einfluss  eines  benachbarten  t: 
ubili2,7,  michiUiclii  3,10,  Jmnüe  3,6,  himilm  2,10,  uinisternissi 
2,1  \  —  ß)  wo  es  Umlaut  bewirkt  hat:  Jicri^ogo  4,10,  iiremider 
4, 11,  egison  4,  5.    Eine  ausnähme  bildet  clelendun  2, 4. 

c)  e  zeigt  gerichesot  ditat  2,  3.  Also  auch  bei  i  hat  der 
Übergang  zu  e  bereits  begonnen. 

d)  u  ist  abgeschwächt  zu  e  in  hire^o  cervorum  3,3. 

F)   Sonstige  schwachtonige  vocale. 

1)  Die  untrennbar  mit  dem  verb  verbundenen  zweisilbigen 
Partikeln  bewahren  den  vocal  der  endsilbe  unter  dem  schütze 
der  folgenden  consonanten  durchaus:  uuidarleidit  2,2,  twragou- 
menda  provocans  4,8,  anaruoplion  3,9,  umbileita  4,6.  Nur 
nideruarent  1,2  zeigt  Schwächung  des  a  zu  e. 

In  der  nominalcomposition  erscheint  einmal  uuedar-:  uuedar- 
uuerdigi adversarii  2, 9. 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA.  517 

2)  Secundärvocale:  der  westgerm.  secundärvocal  vor  l, 
r,  m,  n  erscheint  als  a:  uuidarleidit  2,2,  uuedaruuerdigi  2,9, 
das  in  der  nominalflexion  bereits  in  e  übergegangen  ist:  regene 
pluvia  3,  7,  ahselon  liumeris  4, 10. 

Die  ahd.  vocalentwicklung  zwischen  r  -{-  h  zeigt  duruJitan 
perfecta  3, 10. 

Die  speciell  obd.  und  nd.  vocalentwicklung  zwischen  r  + 
labial  hat  heribis  4, 4  (gegen  uuerhon  2,  6),  aremen  2,  2  (gegen 
armen  2,  4). 

3)  Synkope  des  mittelvocals  liegt  vor  in  sinro  2,  7. 
2,  8,  Jioster  altissimus  4, 1,  hata  habebat  2, 1. 

4)  Unterdrückung  des  auslautenden  vocals  zeigen 
nist  1, 11,  guncreftigot  2, 1. 

5)  Vocale  der  präfixe:  a)  ^a-  ist  ge-  geworden:  geurouuet 
1, 10,  gehaldan  1,  5,  gesczet  3,  3,  geuuisse  2,  6,  gesundereda  4,  2, 
gemerdd  4,2,  gcsasta  4,2.  11,  gericJiesot  2,3,  gesterJcit  2,8,  ge- 
dothaftigot,  gelifhaftigot  2,  1,  geleidit  2,  2,  gehöret,  geliora  3, 6, 
gesprechi  3,  8,  getruuuir  3, 11.  Mit  Unterdrückung  des  vocals 
guncreftigot  2, 1. 

b)  ^a-  erscheint  als  ^e-:  zedeüeda  4, 1,  siespret  dilatatum  1,  9. 

c)  hi-  erscheint  als  he-:  heuuareda  servabit  2,  7,  helmota 
custodivit  4,  7. 

d)  ttr-  ist  in  der  verbalcomposition  zu  er-  abgeschwächt: 
erurouuit,  iiferhaban  1,  8,  ercuuikende  2,  3,  crstummunt  2,  8, 
eruortent  2,9,  erskillit,  erdeilit  2,10,  eWiO^Y  2,11,  nerheidunt 
expectabunt  1, 2. 

In  der  nominalcomposition  erhält  sich  ur-:  urdeila  3, 11. 

e)  un-  (privativ):  guncreftigot  2, 1. 

f)  Das  adverb  suo  erscheint  in  zuonimit  4,  9. 

Von  anderen  einsilbigen  partikeln  kommen  Ü2\m^üfN0Y: 
uzleidit  3,  4,  ufhebit  Sublimat  2,  3,  uferhahan  exaltatum  1,  8, 
ufrihtende  2,  4. 

Ueber  das  wahrscheinlich  fehlerhafte  in  in  inuand  invenit 
4, 5  s.  die  anm.  s.  511. 


518  STEPPÄT 

Consonanten. 

A)  Halbvocale. 

1)  tv. 

Geschrieben  wird  im  für  tv.  Für  ahd.  ouw  steht  ouu 
(urouuen  3,2),  und  wm  für  mv  (getrumiir  3,11).  V eher  iiiiesta 
für  uuosta  deserta  s.  anm.  s.  511.  ercuuiliende  2,  3  bietet  die 
seltene  Schreibung-  am  statt  des  gewöhnlichen  qu. 

.  w  kommt  vor  aj  im  anlaut  vor  vocalen:  geuualt  Imperium 
2,11,  imanda  1,10.  2,8.  3,9,  heuuareda  2,7,  imarheit  1,3.  5, 
uuascha  3,7,  imedartiuerdiyi  2,9,  uuege  viae  3,11,  uiierc  opera 
3, 10,  uuidarleidit  reducit  2,  2,  uuirdit  1, 1.  3.  2,  9,  uuart  2, 1, 
geuuisse  1,11.  2,6,  uuort  verba  3,6,  uiiesta  deserta  4,5;  — 
b)  in  anlautenden  Verbindungen  mit  tv  an  zweiter  stelle: 
a)  gutturale  Verbindung  hv:  ercuuikende  2,3.  In  der  Verbin- 
dung Jnv  ist  das  h  bereits  verloren  gegangen:  uuerhon  cardines 
2,6;  —  ß)  dental:  suueiga  armentum  3,1. 

Gemeingerm,  gemination  (=goi.ggw)  hat  getruuuir  3,11 
(s.  darüber  unter  eu  s.  515). 

AVestgerm.  gemination  durch  ji  bieten  uroimen  3,  2,  geurouuet 
laetatum  1,10,  erurouuit  exultauit  1,8  (s.  darüber  unter  au  s.515). 

2)i. 
Es  wird  im  anlaut  vor  o  und  u  durch  das  zeichen  i  wider- 
gegeben: ioh  atque  4,  9  und  üingen  pullos  4,  8.    Im  inlaut  steht 
g  vor  i:  hegten  confitebitur  1, 1.  4. 

B)   Liquidae. 

1)  r 

ist  in  allen  Stellungen  häufig  und  bietet  zu  keinen  besondern 
bemerkungen  anlass.    Geminiertes  r  kommt  nicht  vor. 

2)  l 

bleibt  unverändert  und  findet  sich  häufig.  Ich  bespreche  nur 
II  besonders.  Dieses  ist  a)  germ.  gemination:  alle  3, 11,  allen 
(dat.  pl.)  1,6,  ersJcillit  tonabit  2, 10;  —  b)  westgerm.  Verdoppe- 
lung durch  ;:  helle  internus  1, 1,  gegen  vereinfachte  geminata 
in  zehelon  ad  inferos  2,  2;  —  c)  resultat  der  composition: 
michülicJn  magnificenciam   3,  10    und    guoliche   gloriae   2,  5 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA.  519 

(=  gnoUiche,  zu  ur-guol,  gcdan:  Kögel,  Anz.  fda.  19,  243)  mit 
einfachem  l.    Ueber  Mmile,  himilin  s.  unter  n. 

3)  m. 

Es  steht  a)  anlautend:  man  2,9,  gemerchi  terminos  4,2, 
micliülichi  3,10,  miste  2,4,  mit  2,5.  4,11,  hotmudigot  humiliat 

2.3,  mund  1,9,  miindcs  3,6;  —  b)  inlautend:  a)  vor  vocalen: 
uoragoumenda  proA^ocans  4,  8,  himüe  caeli  3,  6,  himüin  caelis 

2. 10,  namo  3,  9,  suonhnit  4,  9;  |3)  in  der  Verbindung-  rm:  armeti 

2. 4,  durch  zwischenvocal  getrennt  in  aremen  2, 2 ;  7)  vor  labialem 
consonanten:  umbileita  circumduxit  4,  6;  —  c)  als  germ.  gemi- 
nation:  erstummunt  conticescent  2,8. 

4)  n 

bleibt  unverändert,  findet  sich  an-,  in-  und  auslautend  und  oft 
vor  dentalen  consonanten.  Vor  labialen  fehlt  es  vollständig. 
Als  gutturaler  nasal  erscheint  es  in  ntngen  4,  8,   ciminge  regi 

2.11,  rinc  orbem  2,6,  singemis  cantabimus  1,6,  singenden  ca- 
nentem  3,  5.  —  Gemination  liegt  vor  in  danne  quando  4, 1.  1. 

Germ,  n  erscheint  als  l  in  Mmile  caeli  3,6,  himilin  caelis  2, 10. 

C)   Labiale. 
1)  p. 

a)  Ist  im  anlaut  nicht  belegt.  Abgefallen  ist  es  in  dem 
fremd  wort  sclmi  psalmos  1,  5,  das  Graft  3,  370  mit  erhaltenem  j), 
als  psdlmo,  nur  aus  Is.  belegt. 

b)  Im  inlaut  ist  das  durch  westgerm.  gemination  ent- 
standene pp  zur  affricata  ph  verschoben:  aphuon  pupillam 
4, 7,  droplion  stillae  3, 9.  Da  unser  denkmal  nach  Franken 
hingehört,  und  das  mittelfränkische  ausgeschlossen  scheint,  so 
würde  diese  Verschiebung  für  die  Zugehörigkeit  zum  südfränk, 
des  Otfried  oder  zum  ostfränk.  sprechen. 

c)  Im  in-  und  auslaut  nach  vocal  tritt  Verschiebung  des 
einfachen  p  zum  harten  Spiranten  ein:  anarnophon  invocabo 
3, 9  (wo  ph  an  sich  auch  affricata  sein  könnte)  zeigt  die  zwar 
nicht  häufige,  aber  auch  nicht  ganz  vereinzelte  Schreibung  ph 
für  den  doppelspiranten.  Daneben  steht  uf  in  der  verbalcompo- 
sition:  ufhehit  2,3,  uferhahan  1,8,  ufrihtende  2,4. 

d)  Unverschoben  bleibt  natürlich  das  p  in  der  Verbindung 


520  STEPPAT 

sp:  gesprechi  eloqiimm  3,8,  spreidit  expandit  4,  9,  zespret  clila- 
tatum  1,  9,  sprechon  loqiior  3,  6. 

2)  b. 

a)  Einfaches  h  bleibt  fast  durchaus:  abur  3,1.  4,3  (so  Tat., 
während  Otfr.  avur  hat);  be-  (präfix,  in  beuuareda  2,  7,  behuota 
4,  7),  nerbeidimt  1,  2,  bin  1, 10,  gibit  dabit  2, 11,  ^e&e^  date  3, 10, 
haba  teneat  2,  5,  ufhebit  (mit  ausg-leichung  des  grammatischen 
wechseis)  2,  3,  uferhaban  1,  8,  heribis  4,  4,  lebendiger  1,  3,  Z<ie5 
vitae  1,  6,  Zo&ow  psalmis  3, 4,  Zo&o^  1, 1,  seZkt  ipse  1,  3,  selbon 
ipsos  2, 10,  t(&er  1, 10  u.  ö.,  m&?7?  impii  2,  7,  umbileita4,ß,  uuerbon 
cardines  2,  6.  Nur  gelifhafUgot  vivificat  2,  2  und  ?/6es  zeigen 
den  im  as.  herschenden  Wechsel  zwischen  stimmloser  spirans 
im  auslaut  und  stimmhafter  im  inlaut.  Das  mfränk.  und  nfränk. 
haben  v  zwischen  vocalen. 

b)  bb  wird  zinjp  verschoben:  crippon  praesepibus  3,1,  stuppe 
pulvere  2, 4.  Schon  Tat.  schreibt  crippea  und  Otfr.  sogar  h-ipplia, 
während  in  andern  fällen  bb  im  altern  oberfränk.  unverschoben 
bleibt.  Vereinzelte  versuche,  die  geminata  als  einen  härtern 
laut  zu  bezeichnen,  finden  sich  im  fränk.  allerdings  schon  früh 
(Zs.  f  dph.  7,  420),  aber  pp  herscht  doch  erst  bei  Williram  (Braune, 
Ahd.  gr.  §  135  a.  1).  Das  pp  in  stuppe  könnte  daher  sowol  auf 
oberd.  einfluss  wie  auf  das  junge  alter  des  denkmals  hinweisen, 
jedoch  erscheint  das  wort  als  stuppe  auch  in  den  Nfränk.  psalmen 
(1,  4).  Da  Wörter  mit  geminiertem  b  sonst  nicht  vorkommen, 
so  lässt  sich  aus  den  beiden  belegen,  in  denen  es  verschoben 
ist,  nichts  für  die  Ortsbestimmung  schliessen. 

3)  /-. 

Germ,  /"bleibt  durchaus:  uader  1,4,  inuand  invenit  4,5, 
nideruarent  1,  2,  uetechon  alas  4,  9,  uiende  1,  10,  uiJm  3,  1, 
uinisternissi  2,  7,  ulione  4,  8,  ulioza  3,  7,  uone  1, 11.  2,  4,  uora- 
goumenda  provocans  4,  8,  eruortent  formidabunt  2,  9,  uremider 
alienus  4, 11,  urouuen  3,2,  geurouuet  1, 10,  crnrouuitl,^,  uuoze 
2,  7,  uuoza  3,  3,  uurstin  2,  5,  giincreftigot  2, 1,  gelifhaftigot  2,  2, 
gedothaftigot  1, 1,  Grammatischen  Wechsel  zeigt  abur.  lieber 
dieses  und  ufhebit,  gelifhaftigot  s.  oben  2,  a  unter  b. 

Orthographie:  geschrieben  wird  u  im  anlaut  vor  vocalen 
und  den  liquiden  l  und  r.  Im  silbenauslaut  steht  f  in  gelif- 
haftigot, und  ebenso  in  der  inlautenden  Verbindung  ft  (also 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA.  521 

vor  einem  versclilusslaut):  gimcreffujot,  gelifhaftigot,  gedothaf- 
tigot.    Sonst  ist  der  buclistabe  im  inlaut  nicht  belegt. 

D)  Gutturale. 
1)  h. 

a)  Anlautend  und  inlautend  in  der  gemination  bleibt  Ti 
unverschoben.    Nach  r  herscht  schwanken  in  der  Orthographie. 

—  a)  Im  anlaut:  Mnt  filios  2^  1.  4, 2,  Mndon  filiis  1, 4,  kindo 
filiorum  4,  3,  com  gramina  3,  9,  gimcreftigot  infirmata  2,  1, 
crippon  praesepibus  3, 1,  cuninge  regi  2, 11,  cimt  1,4,  ercuuikende 
suscitans  2,  3,  ubercohereri  victori  3, 4.  —  ß)  In  der  gemina- 
tion: ercuuikende  2,  3,  mit  Vereinfachung  der  geminata  nach 
kurzem  vocal.    So  regelmässig  bei  Otfr.  und  auch  oft  bei  Tat. 

—  /)  Nach  r:  gesterkü  2,  8,  st  irker  1, 12,  uuerc  opera  3, 10  mit 
k,  c,  dagegen  mit  ch:  gemerchi  terminos  4,  2  und  sterchi  2,8.  3,  3. 
Ich  halte  dieses  ch  für  die  bezeichnung  der  aspirierten  tenuis. 
Bei  schwacher  aspiration  ist  das  schwanken  in  der  Schreibung 
leicht  erklärlich. 

b)  Nach  vocalen  im  in-  und  auslaut  wird  k  zum  langen 
harten  Spiranten  verschoben:  dih  1, 1,  uetecJion  alas  4,  9,  ih  1,4 
u.  ö.,  mih  1,  5.  3,  4,  guoliclie  gloriae  2,  5,  michillichi  3, 10,  ge- 
richesot  ditat  2,  3,  gesprechi  eloquium  3,  8,  sprechon  loquor  3,  6. 

c)  Unverschoben  bleibt  die  lautverbindung  sk:  erskilUt 
tonabit  2, 10.  sol,  sal  3,2  zeigen  den  vor  dem  11.  jh.  seltenen 
ausfall  des  k,  der  allerdings  sehr  vereinzelt  schon  bei  Tat. 
und  häufiger  in  den  Nfrk.  psalmen  auftritt. 

d)  Orthographie:  c  wird  geschrieben  im  anlaut  vor  o,  u, 
r,  HU  und  im  auslaut  nach  r.    Vor  i  steht  k:  kint,  erskilUt.'^) 

ch  dient  zur  bezeichnung  der  doppelspirans:  uetechon,  guo- 
liche,  michillichi,  gerichesot,  gesprechi,  sprechon,  und  der  aspi- 
rierten tenuis  nach  r:  gemerchi,  sterchi. 

Im  auslaut  erscheint  einige  male  h  für  die  spirans:  dih, 
ih,  mih. 

Ueber  tmascha  3,  7  s.  s.  522,  3,  c  unter  h. 


^)  Germ.  37,  248  macht  Kauffmann  darauf  aufmerksam,  dass  iu  deu 
allerältesten  aufzeichnungeu  c  so  gut  wie  niemals  für  etymologisches  k, 
sondern  stets  nur  im  Wechsel  mit  g  verwendet  wird. 

Beiträge  ziir  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVll.  34 


522  STEPPAT 

bleibt  durchaus:  egison  horroris  4,  5,  ge-  (präfix)  1,  10  u.  ö., 
gibit  clabit  2, 11,  gehet  date  3, 10,  got  1, 12,  godes  8, 10,  gode 
1, 9.  3,  2.  10,  uoragoumenda  provocaus  4,  8,  gras  lierbam  3,  8, 
guoliche  gloriae  2, 5,  iungen  pullos  4,  8,  regene  3,  7,  singemis  1, 6, 
singenden  canentem  3,5,  suueiga  armentum  3, 1,  inicge  viae  3, 11, 
cuninge  regi  2, 11. 

rinc  orbem  bietet  das  im  auslaut  nicht  ganz  seltene  c  für  g. 

Geminiertes  g  kommt  nicht  vor. 

3)  h 
kommt  vor:  a)  für  altes  h  im  anlaut  vor  vocal:  liata  habebat 
2, 1,  haha  2,  5,  gehaldan  salvum  1,  5,  haldendemo  ihesu  3,  2, 
ufhehit  2,  3,  uferliahan  1,  8,  heileger  1, 11,  heüegeno  2,  7,  heili 
salutari  1, 10,  helle  internus  1, 1,  zehelon  2,  2,  herhogo  dux  4, 10, 
7<er^a  1,8,  himile  3,Q,.hmiilm  2,10,  hirezo  3,3,  Ämf/e  1,4,  7iO 
3,4.  4,11,  hoster  4,1,  er/io?Y  2,11,  gehora  audiat  3,6,  gehöret 
audite  3,6,  hörn  1,9.  2,11,  hchuota  custodivit  4,7,  huse  1,7, 
gelifhaftigot  2,  2,  gedothaftigot  2, 1. 

Abgefallen  ist  dagegen  das  h  in  den  anlautenden  Verbin- 
dungen hr  und  hw:  rinc  2,6,  nuanda  1,10.  2,8. 

Das  pron.  pers.  zeigt  die  form  her  2,  5  wie  bei  Tat. 

Prothetisches  h  haben  herihis  4,4  und  hotnmdigot  2,^.^) 

b)  Inlautend  vor  vocal:  ^<^7M^  3, 1. 

c)  Die  inlautenden  Verbindungen  hs  und  hf  kommen  vor 
in  ahselon  4, 10,  drohtin  1, 11  u.  ö.,  ufrihtende  2, 4  und  in  duruhtan 
perfecta  3,  10  durch  composition.  Concrescat  ist  3,  7  durch 
uuascha  anstatt  des  zu  erwartenden  tinahsa  widergegeben. 
Natürlich  liegt  hier  ein  Schreibfehler  für  miachsa  vor.  An 
eine  Verwechslung  mit  u-asJcan  ist  nicht  zu  denken,  denn  das 
von  Graff  1,  685  angeführte  getvasleniu  in  den  Prud.  gl.  (wel- 
ches übrigens  concreta  und  nicht,   wie  Graff  angibt,   veterno 


')  Ob  diese  h  tatsächlich  nur  orthographische  nngenauigkeiten  sind, 
wie  Braune,  Ahd.  gr.  §  152  a.  1  meint,  lässt  sich  doch  nicht  mit  bestimmt- 
heit  entscheiden.  Ihnen  mit  (xarke  (s.  dazu  Brückner,  Anz.  fda.  22,  168) 
den  vollen  lautwert  des  echten  /*  zuzuerkennen,  geht  nicht  an.  Vielleicht 
deuten  sie  auf  eine  in  der  ausspräche  gewöhnliche  ganz  leichte  aspiration 
hin,  deren  nicht  scharf  ins  ohr  fallender  Charakter  am  ehesten  ihr  spora- 
disches auftreten  erklären  würde. 


AHD.   INTERLINEAUVERSION   DER   CANTICA.  523 

Übersetzt),  das,  wenn  richtig,  einen  analogen  fall  bieten  würde, 
ist  durch  die  lesart  geivasinm  (für  geivahsinm)  der  Züricher 
hs.  beseitigt  (s.  Steinmeyer-Sievers,  Ahd.  gU.  2, 514, 31). 

d)  Der  ausfall  des  /*  in  lioster  altissimus  4, 1  und  in  lio  ex- 
celsa  3,4.  4,11  erklärt  sich  aus  den  formen,  in  denen  das  h 
inlautend  zwischen  vocalen  zu  stehen  kam.  ho  mit  Kögel,  IF. 
3,  295  auf  ein  mit  %a'uha-  in  grammatischem  Wechsel  stehen- 
des "^hangtva-  zurückzuführen,  geht  doch  nicht  an,  da  Viaugwa-, 
hauiva-  im  as.  */iaw  und  im  ahd.  "^hou  ergeben  müssten,  nicht 
aber  ho.    erhoit  sublimabit  2, 11  gehört  ebenfalls  hierher. 

e)  Ausfall  des  h  vor  t  zeigt  eruortent  formidabunt  2,  9,  eine 
nach  Heinzel,  Nfrk.  geschäftsspr.  s.  45  im  nfrk.  und  salfrk.  häufige 
erscheinung.  Das  spätere  md.  reimt  sogar  unbedenklich  forht 
:  ort  und  ähnliches  (Weinhold,  Mhd.  gr.^  s.  241). 

f)  Auslautendes  h  haben  ioh  atque  4,9,  nah  iß,  noh  1,1  u.ö. 

g)  Secundäre  gemination  des  h  zeigt  dicheina  3, 11. 

h)  Orthographie:  sowol  der  hauchlaut  wie  die  spirans 
werden  durch  h  bezeichnet. 

Für  das  geminierte  h  steht  ch  in  dicheina  3, 11. 

E)  Dentale. 
1)  t 

a)  Es  ist  zur  affricata  verschoben  «)  im  anlaut  vor  vocal: 
herizogo  dux  4,10,  zaia  numerum  4,3;  —  ß)  inlautend  nach  r: 
hersa  1,8;  —  7)  in  der  gemination:  sizze  sedeat  2,  5,  und  mit 
einfachem  z:  gesezet  ponet  3,  3,  gesazta  posuit  2,  6. 

b)  Es  ist  zum  harten  Spiranten  verschoben:  a)  inlautend 
zwischen  vocalen :  ulioza  fluat  3, 7,  uuoze  pedes  2, 7,  uuoza  pedes 
3,3,  hirezo  cervorum  3,3;  —  ß)  im  silbenauslaut  nach  vocalen: 
duz  ut  2,  5,  uzleidit  3, 4. 

Die  Verschiebung  des  t  in  daz  schliesst  unser  denkmal  vom 
mfrk.  aus. 

c)  Unverschoben  bleiben  die  Verbindungen  st,  ht,  ft,  tr.  — 
st:  stede  loco  4,5,  stcrchi  2,8.  3,3,  gesterlit  2,8,  stirker  1,12, 
erstummunt  conticescent  2, 8,  sttwl  2,  5,  stuppe  pulvere  2,  4, 
uinisternissi  tenebris  2,  7,  uurstin  principibus  2,  5,  hoster  4, 1, 
miste  stercore  2,4,    uuesta  deserta  4,5;    —    ht:   drohtin  und 

3i* 


524  STEPPAT 

seine  casus  1, 11  u.s.  w.,  nfrilitende  erigens  2,4,  und  mit  ausfall 
des  h:  eruortent  2,  9;  —  ft:  guncreftigot  infirmata  2, 1,  gelif- 
haftigot  2,2,  gedothaftigot  2,1;   —   tr:  getnmuir  3,11. 

d)  Orthographie:  die  affiicata  wird  durch  ^  widergegeben 
und  in  der  gemination  durch  z^,  das  aber  auch  nach  kurzem 
vocal  vor  vocal  ^vereinfacht  erscheint:  geseset  3, 3.  z  bezeichnet 
auch  den  Spiranten. 

2)  (/. 

d  bleibt  un verschoben  im  an-  und  inlaut:  a)  im  anlaut: 
cZe?7  4,  3,  urdeila^,\\,  e>Y?ey7/^  judicabit  2, 10,  ^ecZee'Zcf/a  dividebat 

4. 1,  gedothaftigot  2, 1,  dot  mors  1, 1,  drohtm  1, 11  u.  ö.,  droplion 

3,  9,  duot  faciet  1,  4,  facit  2,  3,  duo  fac  1,  5.  Dagegen  duruhtan 
perfecta  3, 10  mit  t,  wol  unter  dem  einfluss  der  so  häufigen 
inlautenden  Verbindung  ht. 

b)  Im  inlaut:  nerbeidunt  expectabunt  1,  2,  diede  gentes  4, 1, 
einodis  solitudinis  4,  6,  elelendun  egenum  2,  4,  endi  fines  2, 10, 
uader  pater  1,  4,  uiende  1, 10,  godes  3, 10,  gode  1,  9.  3,  2.  10, 
uoragoumenda  provocans  4,  8,  gehaldan  salvum  1,  5,  haldendemo 
ihesu  3,  2,  hiude  hodie  1,  4,  ercimikende  suscitans  2,  3,  geleidit 
2,  2,  uzleidit  3,  4,  uuidarleidit  2,  2,  ??m(7o  4,  3,  Jwtmudigot  humi- 
liat  2,  3,  5a?  mendon  gaudebo  3, 2,  spreidit  expandit  4,  9,  stede 

4,  5,  gesiindereda  4,  2,  und  1,  4  u.  ö.,  imanda  1, 10,  2,  8,  uuedar- 
uuerdigi  2,  9. 

In  der  conjugation  erscheint  t  für  dd  in  beJmota  4,  7,  und 
für  das  durch  ausfall  des  zwischenvocals  entstandene  dt  in 
zespret  1,  9, 

c)  Auslautendes  d  wird  zu  ^:  gedothaftigot  2, 1,  (/o^  1, 12. 

3. 2.  11.  4, 11  (gegen  d  in  den  flectierten  casus),  mit  2,  5.  4, 11, 
geuualt  2,11,  twior^  3,6.  Eine  ausnähme  bildet  liud  4,4,  das 
sein  d  nach  den  casus,  in  welchen  es  im  inlaut  steht  {liudo  4,  3), 
beibehält. 

d)  Die  entsprechungen  des  d  sind  die  im  mfrk.  und  rhein- 
frk.  üblichen.  Da  das  mfrk.  wegen  des  daz  ausgeschlossen  ist, 
so  bleibt  nur  das  rheinfrk.  für  unser  denkmal  übrig.  Von 
Otfr,  wird  es  durch  das  inlautende  d  unterschieden. 

3)A 
a)  Es  wird  an-  und  inlautend  zu  d:  a)  im  anlaut:  datme 
quando  4, 11,  daz  ut  2,  5,  dcmo  1, 1,  dichcina  3, 11,  diede  gentes 


AHD.  INTERLINEARVERSION   DER  CANTICA.  525 

4j  1,  dieder  qui  1,  2,  dinemo  1, 10,  dina  1,  3,  dm  1,  5,  dir  1, 1.  4. 
r7«/i  1, 1,  durulitan  perfecta  3, 10.  —  ß)  im  inlaut:  nideruarent 
descendimt  1,  2,  imedaruuerdigi  2,  9,  imidarleidit  rediicit  2,  2, 
uremider  4, 11,  crf?«  3,  6.  4,  5,  er(Zo?^  terrae  2,  6.  10,  mundes  3,  6. 
uuirdit  1, 1,  3.  2,  9. 

Das  i(  in  uctecJion  alas  4, 9  weist  auf  die  geminata  ])p  hin, 
die  im  alid.  über  dd  zu  tt  wird. 

b)  Im  auslaut  lierscht  schwanken,  d  haben  inuand  invenit 
4, 5  und  mund  1, 9,  bei  welchem  wort  die  flectierten  casus 
{mundes  3, 6)  mitgewirkt  haben  können,  cunt  1, 4  hat  da- 
gegen t,  ebenso  wie  uuart  2, 1,  wo  das  d  des  pl.  in  den  sing, 
gedrungen  ist.  Bei  Mnt  2, 1.  4,  2  (Jcindo  4,  3,  hindon  1, 4)  ist 
weniger  an  germ.  ]i,  als  an  das  d  des  as.  Und  zu  denken. 
Bei  hotmudujot  2, 3  lässt  sich  ebenfalls  das  as.  heranziehen, 
wo  die  Schreibung  Im  für  germ.  Inn,  das  nach  Kugel,  IF.  3,  295 
im  as.  zu  dm  werden  muss,  zu  den  eigentümlichkeiten  der 
Heliandhs.  C  gehört  (Holthausen,  As.  elem.  §  202).  Doch  bietet 
Tat.  bereits  neben  5  belegen  mit  t  für  dieses  wort  nur  3  mit  d 
(Sievers,  Tat.2  s.  400).  Ich  mochte  jedoch  dieses  schwanken  in 
der  widergabe  des  auslautenden  l^  auf  rechnung  des  jungen 
alters  unseres  denkmals  setzen. 

IV.    Formenlehre. 

A)   Declination  der  substantiva. 

1)  a-declination. 

a)  Reine  o  -  s  tä  in  m  e. 
a)  Masculinum:  sg.  nom.  dot  mors  1,1,  drolitin  1,11. 
2,1.  2.  10.  3,2.  4,10,  domine  1,5,  got  1, 12.  3,2.  11.  4, 11,  mund 
OS  1,  9  und  die  eigennam  iacob  4,  4,  israel  4,  3.  —  acc.  drolitin 
dominum  2,  9,  rinc  orbem  2,  G,  stiiol  solium  2, 5;  ycimalt  Imperium 
2,11  könnte  auch  fem.  der  i-decl.  sein  (Graf f  1,  808).  —  gen. 
godes  3, 10,  mundes  oris  3,  6,  libes  vitae  1,  6,  drohtinis  1,  7.  8. 
2,5.  3,9.  4,4.  —  dat.  sg.  gode  deo  3,10,  cuninge  regi  2,11, 
miste  stercore  2,  4,  rcgene  3,7.  —  instr.  sg.  drohtino  (in  droh- 
tino  ih  sal  mendon  in  domino  gaudebo)  3,2.  1,8.  —  pl.  nom. 
uuege  yme  3,11.  —  acc.  uiendc  inimicos  1,10  (das  aber  auch 
als  i-pl.  gefasst  werden  könnte,  da  die  i- formen  bei  Notker 
[Graff  3,  382J  nicht  selten  sind),     lieber  uuoza  s.  unter  i-decl. 


526 


STEPPAT 


—  gen.  hirezo  cervorum  3,  3.  —  dat.  dagan  {allen  —  cunctis 
diebiis)  1, 6. 

ß)  Neutrum:  sg.  nom.  Jiorn  cornu  1,  9,  seil  fimiculu[s] 
4,4,  deü  pars  4,3  (das  aucli,  aber  seltener,  als  m.  belegt  ist, 
Graff  5, 405).  —  acc.  gras  herbam  3,8,  hörn  cornu  2,11.  — 
dat.  kuse  domo  1,7.  —  pl.  nom.  tiuerc  opera  3,10.  —  acc. 
Mnt  filios  2, 1.  4,  2,  com  gramina  3,  9,  luiort  verba  3,  6.  — 
gen.  Mndo  flliorum  4,  3.  —  dat.  Mndon  filiis  1, 4,  lohon  psalmis 
abl.  3,4. 


Masculinuni. 

sg.  nom. 

— 15           pl.  nom. 

acc. 

—  3  (1)            acc. 

gen. 

-es  3,   -is  5      gen. 

dat. 

-e  4                   dat. 

instr. 

-0  2 

-e 

1 

-e 

1 

-0 

1 

an 

1 

Neut 

rum. 

sg.  nom. 

—  3 

pl. 

nom.  —  1 

acc. 

—  2 

acc.    —  3 

dat. 

-e  1 

gen.  -0  1 
dat.  -on  2 

b)  Ja-stämme. 

a)  Masculinum:  sg.  dat.  tihercohereri  victori  3,  4,  —  pl. 
dat.  uurstin  principibus  2,  5.  Dieser  dativ  findet  sich  schon 
bei  Notker,  und  aus  dem  12.  jh.  belegt  Graft  3,  626  den  nom. 
sg.  uursti  aus  Bib.  5  (=  Ahd.gll.  1,  746, 41).  Vielleicht  in  unserm 
denkmal  besser  der  ?-declination  zuzuweisen. 

ß)  Neutrum:  sg.  nom.  gr.-iprechi  eloquium  3,8.  —  gen. 
herihis  hereditatis  4,4,  einodis  solitudinis  4,6.  —  dat.  siuppe 
pulvere  2,4;  heüi  {in  dinemo  —  in  salutari  tuo)  1, 10  ist  wegen 
des  dinemo  wol  ebenfalls  hierherzuziehen  und  ein  nom.  heüi  n. 
anzusetzen.  Einen  nom.  heil  möchte  ich  nicht  annehmen,  weil 
die  sicher  belegten  dative  bei  den  reinen  «-stammen  alle  -e 
zeigen.  Ein  dat.  auf  -i  ist  bei  einem  abstractum  heili  n.  durch 
Verwechslung  mit  den  i-stämmen  leicht  erklärlich,  uinisternissi 
tenebris  abl.  2,  7  spricht  ebenfalls  für  den  dat.  auf  -/.  —  pl. 
acc.  endi  fines  2, 10,  gemerchi  terminos  4,  2. 


Masculinum. 
sg.  dat.  -i  1  pl.  dat.  -in  1 


Neutrum, 
sg.  nom.  -i  1  pl.  acc.  -i  2 

gen.    -is  2 
dat.    -e  1,   -i  2 


2)  o-declination. 
Sg.  nom.  erda  terra  3,  6,    lera  doctrina  3,  7,    suueiga  ar- 
mentum  3,1.   —  dat.  zala  {nah  —  iuxta  numerum)  4,3,  das 


AHD.    INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA.  527 

das  seltene  eindringen  der  genitivendung  in  den  dativ  zeigt. 

—  acc.  erda  4,  5  (inuanä  man  in  erda  uuesta  invenit  eum  in 
terra  deserta:  des  folgenden  uiiesta  wegen  muss  erda  als  acc. 
gefasst  werden,  trotzdem  nach  uindan  in  sonst  mir  der  dat. 
stellt).  Ueber  erdon  2, 6  und  erdtm  terrae  s.  unter  den  w-stämmen. 

—  pl.  nom.  iirdeila  judicia  3, 11  (den  sg.  urtaüa  belegt  Graff 
5,  414  zweimal  aus  obd.  glossen  [=Alid.gll.  1,751,8.  2, 450,  52]). 

—  dat.  aliselon  liumeris  abl.  4, 10. 


Sg. 

PI. 

nom.  -a  3 

nom.  -a  1 

dat.    -a  1 

acc.    -a  1 

dat.  -an  1. 

jö-stämme. 
Sg.  nom.  Jielle  internus  1, 1.  Natürlich  ist  das  auslautende  e 
nicht  die  alte,  sondern  eine  ganz  junge  endung    (denselben 
nom.  belegt  Graff  4, 860  aus  dem  Wien.  Notker).  —   pl.  dat. 
sehelon  ad  inferos  2,  2,  crippon  {in  er.  in  praesepibus)  3, 1. 

3)  Feminina  abstracta  auf  -t. 
Sg.  nom.  sterchi  fortitudo  3,  3.  —  acc.  michillicJii  magni- 
ficenciam  3, 10.  —   gen.  giwUche  gloriae  2, 5   (dem  bei  Otfr. 
3, 15, 28   schon   ein  dat.  gualliche  entspricht).  —   dat.  sterchi 

fortitudine  2,  8. 

Sg.  nom.  -i  1 
acc.  -i  1 
gen.  -e  1 
dat.    -i  1. 

4)  i-declination. 

Masculinum:  sg.  nom.  liiid  ( — 5mer  populus  suus)  4,4. 
—  pl.  nom.  diede  gentes  4, 1  stelle  ich  lieber  hierher  als  unter 
die  a-declination.  Den  pl.  diete  braucht  Notker  regelmässig, 
und  das  wort  gilt  bei  ihm  als  m.  nach  der  /-decl.  liimile 
caeli  3,  G  ziehe  ich  wegen  des  dat.  himilin  2, 10  hierher.  Der 
?-pl.  dieses  Wortes  ist  besonders  dem  Wien.  Notk.  eigentümlich 
(Graff  4,  939).  —  acc.  selmi  psalmos  1,  5.  Diese  form  findet 
sich  als  nom.  noch  bei  Otfr.,  jedoch  lassen  der  bei  Tat.  130,  2 
belegte  gen.  selmo  und  der  dat.  selmin  231, 3  denselben  nom. 
voraussetzen.    Neben  uuoze  pedes  3,  7  findet  sich  uuoza  pedes 


528 


STEPPAT 


3,3  nach  der  a-decl.  Merkwürdig  ist  es,  dass  gerade  dieses 
wort,  zu  dem  ein  a-pl.  sonst  gar  nicht  zu  belegen  ist,  als  ein- 
ziges in  unserm  denkmal  die  noch  unversehrte  endung  der 
a-decl.  zeigt.  —  gen.  Imclo  populorum  4,  3.  —  dat.  Jimilin 
{in  h.  in  caelis)  2, 10. 

Femininum:  sg.  dat.  siede  loco  abl.  4,5.  —  acc.  uuarheit 
veritatem  1, 3.  5. 


Mascnlinum. 
sg.  norn.  —  1  pl.  nom.  -e  2 

acc.    -i  1,  -e  1, 
gen.  -0  1 
dat.   -in  1 


-«1 


Femininum, 
sg.  acc.  —  1 
dat.  -e  1. 


5)  it-declination. 
Neutrum:  sg.  nom.  uiJm  pecus  3,1. 

6)  Schwache  declination. 
Mascnlinum:  sg.  nom.  aro  aquila  4,  7,  herisogo  dux  4, 10, 
namo  nomen  3,  9.  —  gen.  egison  horroris  4,  5  (ähnlich  hat 
Otfr.  2, 9, 68  einen  gen.  sg.  hrunnon,  s.  Kelle  2,  241,  und  Tat. 
hat  die  dative  ilieismon  89,4  und  namon  134,3.  142,2).  — 
pl.  nom.  dro2)Jion  stillae  3,9,  vuerbon  cardines  2,6.  —  acc. 
uetechon  alas  4, 9.  Ein  schwaches  suost.  uetecho  führt  Graff 
3,  449  nicht  an.  Dagegen  bringt  Lexer  veteche  swm.  und  Schade 
1, 173  ein  md.  vedeche. 

Femininum:  sg.  gen.  erdon  terrae  2, 6,  erdtm  terrae  2, 10. 
Daneben  der  acc.  erda  4, 5  (s.  unter  o-decl.).  Offenbar  herscht 
in  unserm  denkmal  eine  ähnliche  Vermischung  der  ö-  und  n-te- 
minina,  wie  in  den  Anl.  ps.,  wo  beim  gen.  sg.  fast  nur  «-formen 
begegnen  (A.  Borgeld,  De  oudoostnederl.  psalmen  §  123).  — 
sg.  acc.  gniohun  {in  —  in  lacum)  1,  2.  Graff  belegt  4,  307 
nur  noch  einmal,  aus  obd.  quelle,  die  schwache  form  dieses 
Wortes:  dat.  sg.  gruopun  Prud.  1  (=  Ahd.  gll.  2, 445, 28). 

Neutrum:  sg.  nom.  licrza  cor  1,8.  —  gen.  oitguni,!  (wie 
ögun  gl.  Lips.  826). 


Mascnlinum. 
sg.  nom.  -0  3     pl.  nom.  -an  2 
gen.  -on  1  acc.    -on  1 


Femininum. 
so-,  acc.  -lüi,  1 

gen.  -un  i,  -tin  1 


Neutrum. 
sg.  nom.    -a  1 
gen.  -tiu  1. 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA.  529 

7)  Verwant Schaftsnamen. 
Masc.  sg.  nom.  uader  pater  1,4, 

8)  n^-stämme. 
lieber  den  acc.  pl.  uiende  1, 10  s,  s.  525  unter  a-declination. 

9)  Vereinzelte  consonantisclie  stamme. 
Masc.  sg.  nom.  man  vir  2, 9. 

B)   Declination  der  adjectiva. 

1)  Flexionslose  formen. 

Masculinum:  sg.  nom.  ander  alius  1, 11,  ercuuikende  sus- 
citans  2,  3,  min  {mund  —  os  meum)  1,  9,  unser  {got  —  deus 
noster)  1, 12,  gesterhit  ( —  uuirdit  man  roborabitur  vir)  2,  8, 
sespret  ( —  ist  mund  min  dilatatum  est  os  meum)  1,9.  —  acc. 
gehaldan  ( —  mih  diio  salvum  me  fac)  1,  5. 

Femininum:  sg.  nom.  geurouuet  ( —  hin  laetata  sum) 
1, 10,  gimcreftigot  ( —  uuart  infirmata  est)  2, 1.  —  acc.  cunt 
( —  duot  uuarheit  din  notam  faciet  veritatem  tuam)  1,  4. 

Neutrum:  sg.  nom.  din  {seil  —  f uniculu[s] )  4, 4,  uferJiahan 
( —  ist  Jiorn  min  exaltatum  est  cornu  meum)  1,  8,  min  (hörn  — ) 

1.9.  —  pl.  nom.  durulitan  ( — sint  uuerc  perfecta  sunt  opera) 

3.10,  —  acc.  ho  min  excelsa  mea  3,4. 

2)  Starke  flexion. 
Masculinum:  sg.  nom.  einer  (drohtin  —  dominus  solus) 

4. 10,  nremider  (got  —  deus  alienus)  4, 11,  lieilcger  sanctus  1, 11, 
lebendiger  vivens  1,  3.  3,  diner  (lind  —  populus  :uus)  4,  4, 
stirJicr  fortis  1, 12,  getrmmir  {got  —  deus  fldelis)  3,  21.  Das 
auftreten  der  endung  -ir  statt  -er  beweist  die  bereits  erfolgte 
Verkürzung  des  -er  zu  -er.  hoster  altissimus  4, 1  zeigt  die  im 
älteren  alid.  höchst  seltene  starke  flexion  des  Superlativs 
(Braune,  Ahd.  gr.  §  264  a.  1).  —  gen.  mines  {nmndcs  —  oris 
mei)  3,  7,  unseres  {lihcs  unseres  \itsie  nostrae)  1,6.  —  dat.  mi- 
nemo  {in  gode  —  in  deo  meo)  1,  9,  sinemo  {cuninge  sinemo  regi 
suo)  2, 11,  unseremo  {gode  —  deo  nostro)  3, 10,  haldendemo  mi- 
nemo  iliesu  meo  3,  2.  —  acc.  armen  pauperem  2,  4,  aremen  2,  2, 
singenden  canentem  3,  5.  —  pl.  nom.  alle  { —  imege  omnes  viae) 

3. 11,  sine  {alle  uuege  —  omnes  viae  eins)  3, 11,  uhili  impii  2,  7, 


530 


STEPPAT 


tmedanmerdigi  adversarii  2,  9,  —  acc.  mine  (uiende  —  inimicos 
meos)  1, 10,  sine  ( —  iungen  pullos  suos)  4,  8.  {netechon  —  alas 
suas)  4,  9,  unsere  {selmi  —  psalmos  nostros)  1,  6.  —  gen.  sinro 
{heilegeno  —  sanctorum  siiorum)  2,7.  —  dat.  allen  {— dagan 
cimctis  diebus)  1,  6. 

Neutrum:  sg.  nom.  minaz  (erurouuit  lierm  —  exultavit 
cor  meum)  1,8.  —  gen.  sines  {herihis  —  hereditatis  eins)  4,4, 
wie  wol  statt  des  im  texte  stehenden  siner  zu  lesen  ist.  — 
dat.  dinemo  {in  heili  —  in  salutari  tuo)  1, 10. 

Femininum:  sg.  acc.  dicheina  (ane  —  un[edeni]  absque 
Ulla  ini[quitate])  3,11,  dina  (uiiarheit  —  veritatem  tuam)  1,3, 
uuesta  {in  erda  —  in  terra  deserta)  4,5.  —  dat.  sinro  {in 
stercJii  —  in  fortitudine  sua)  2,8.  —  pl.  dat.  sinen  {in  ahselon 

—  in  humeris  suis)  4, 10. 

3)  Schwache  flexion. 

Masculinuni:  sg.  nom.  selbit  ipse  1,3.  —  acc.  elelcndim 
egenum  2,4.  —  pl.  acc.  selbon  {uher  sie  —  super  ipsos)  2,10, 
iungen  {—  sine  pullos  suos)  4,  8.  —  gen.  heilegeno  { —  sinro 
sanctorum  suorum)  2,  7. 

Femininum:  sg.  nom.  uoragoimienda  {aro  —  aquila  pro- 
vocans)  4,  8  (s.  darüber  in  den  anmerkungen  s.  512),  mina  {lera 

—  doctrina  mea)  3,  7.  {stercJii  —  fortitudo  mea)  3, 3  (s.  darüber 
unten  s.  535). 

Starke  flexion. 


nom. 
acc. 
gen. 
dat. 


s 

masc. 

fem. 

neutr. 

-er  7,  -ir  1 

-azl 

-en  3,   -a  3 

-a3 

-es  2 

■es  (1) 

-emo  5 

-ro  1 

-emo  1 

PI. 


masc. 
-e  2,  -i  2 
-e  i 
-ro  1 
-en  1 


fem. 


-en  1 


Schwache  flexion. 


masc. 
nom.  -u  1 
acc.  -un  1 


fem. 
-a3 


PI. 
masc. 
acc.  -on  1,  -eni 
gen.  -eno  1 


4)  Steigerung  der  adjectiva. 
hoster  altissimus  4, 1. 


AHD.   INTERLINEAEVERSION   DER   CANTICA.  531 

C)    Pronomina. 
1)  Personalpronomina. 

1.  person:  sg.  nom.  ih  ego  1,4.  3.1  {ih  sal  mendon  gau- 
debo)3,2.  {ih  sol  urouuen  exultabo)  3,2.  (anaruophon  —  invocabo) 

3,  9.  —  In  Verbindung  mit  der  relativpartikel  der:  ihdcr  (quae 
acc.  pl.  n.)  3,  6  (s.  darüber  in  den  anmerkungen  s.  510).  —  acc. 
mih  me  1,  5.  3,  4. 

2.  person:  gen.  dm  (uuarheit  din  veritatem  tuam)  1,  5.  — 
sg.  dat.  dir  tibi  1, 1.  4  {uone  —  extra  te)  1, 11.  —  acc.  dili 
te  1,  1. 

3.  person:  sg.  nom.  lier  ( —  sisse  sedeat)  2,  5.  —  gen.  sin 
{uuedanmerdigi  —  adversarii  eins)   2,  9.    {ougun  —  oculi  sui) 

4,  7.  —  dat.  imo  {mit  —  cnm  eo)  4, 11.  —  acc.  inan  eum  4,  5. 
6,11.  —  pl.  acc.  sie  (uher  —  super  eos)  2,6.  4,8.  (uher  — 
seihon  super  ipsos)  2, 10.  {ziwnimit  —  assumpsit  eos)  4,  9. 

2)   Possessiva. 
Es  sind  min,  din,  sin,  unser  belegt.    Die  einzelnen  formen 
habe  ich  bei  der  flexion  der  adjectiva  angeführt. 

3)  Demonstrativum. 

der:  neutr.  sg.  dat.  demo  {in  —  huse)  1,7.  —  masc.  pl. 
nom.  die  in  Verbindung  mit  der  relativpartikel  (dieder  qui)  1, 2. 

selb:  masc.  sg.  nom.  selbu  ipse  1,3.  —  pl.  acc.  selbon 
{über  sie  —  super  ipsos)  2, 10. 

4)  Kelativum. 
Die  enklitisch  angehängte  relativpartikel  der  kommt  vor 
1)  in  Verbindung  mit  dem  Personalpronomen:  ihder  quae  3,  6, 
—  2)  mit  dem  demonstrativum  die:  dieder  qui  1,  2. 

5)  Indefinitum. 
Fem.  sg.  acc.  dicheina  {ans  dieheina  im[ebeni]  absque  ulla 
ini[quitate])  3, 11. 

D)    Conjugation. 

1)  Starke  verba. 
a)    Ablautende  verba:    «)    2.  klasse:    3.  conj.  praes. 
ulio^a  fluat  3,7,  —  dat.  des  gerund,    ^c  idione  ad  uolandum 


532  STEPPAT 

4,8  (s.  auch  die  aniner klingen  s.  512).  —  ß)  3.  klasse:  praes. 
ind.  3.  sg.  uiu'rdit  1,1.8.  2,9,  ersMlü  tonabit  2,10.  —  1.  pl. 
singemis  cantabimus  1,6.  —  part.  singenden  canentem  3,5.  — 
praet.  ind.  3.  sg.  inuand  invenit  4,5,  uuart  {guncreftigot  — 
infii-mata  est)  2, 1.  —  /)  4.  klasse:  praes.  ind.  3.  sg.  mionimit 
assumpsit  4,9.  —  ö)  5.  klasse:  praes.  ind,  3.  sg.  gihit  dabit 
2,11,  neuuisit  non  erit  3,1.  —  conj.  3.  sg.  si^^e  sedeat  2,5. 
—  imp.  gehet  date  3, 10.  —  praet.  ind.  3.  sg.  uuas,  neuuas 
4,  10.  —  part.  hegien  ( —  imirdit  confitebitnr)  1,  1.  3.  — 
f)  6.  klasse:  praes.  ind.  3.  sg.  iifhehü  Sublimat  2,3.  —  3.  pl. 
nideruarent  descendunt  1,  2.  —  conj.  3.  sg.  uuachsa  concrescat 

3,  7  (statt  des  im  texte  stehenden  uuaschd).  —  praet.  part. 
uferJiahan  ( —  ist  exaltatum  est)  1,  8. 

b)  Reduplicierende  verba:  praes.  part.  haldendemo 
{—  meo  ihesu  meo)  3,2.  —  praet.  part.  gehaldan  salvum  1,5. 

2)  Schwache  verba. 

a)  1.  klasse:  praes.  ind.  3.  sg.  erdeüit  judicabit  2,  10, 
erurouuit  exultavit  1,  8,  gcleidit  deducit  2,  2,  uzleidit  deducet 
3,4,  uuidarleidit  reducit  2,2,  sprcidtt  expandit4, 9,  gesezet 
ponet  3, 3,  erlioit  sublimabit  2, 11.  —  3.  pl.  eruortent  formida- 
bunt  2,9.  —  conj.  3.  sg.  geliora  audiat  3,6.  —  imp.  gehöret 
audite  3,6.  —  inf.  urouuen  ( —  sol  exultabo)  3,2.  —  part. 
crctiiiiJcende  suscitans  2,3,  ufrihtende  erigens  2,4.  —  praet. 
ind.  3.  sg.:  i-praeterita  haben  zwei  langsilbige  verba,  die  auf 
einfache  liquida  ausgehen:  zedeüeda  dividebat  4,1,  lerida  docuit 

4,  6.  Zwei  langsilbige,  auf  germ.  d  ausgehende,  bilden  das 
praet.  ohne  zwischenvocal:  &e/moto  custodivit  4, 7,  umbileita 
circumduxit  4,  6.  Ohne  i  ist  auch  das  auf  germ.  t  ausgehende 
kurzsilbige  gcsastu  posuit  2,6,  constituit  4,2.  11  gebildet.  — 
part.  geurouuet  ( —  bin  laetata  sum)  1, 10,  zespret  ( —  ist  dila- 
tatum  est)  1,  9,  gesterldt  ( —  uuirdit  roborabitur)  2,  8. 

b)  2.  klasse:  praes.  ind.  1.  sg.  anaruophon  ( —  ih  invo- 
cabo)  3,  9,  spreclion  loquor  3,  6.  —  3.  sg.  gedothaftigot  morti- 
ficat2, 1,  gelifhaftigot\iYific^t2,2,  ^ö^oHaudabit  1,1,  gericliesot 
ditat  2,  3.  —  3.  pl.  nerbcidunt  expectabunt  1,  2,  erstimmmnt 
conticescent  2,8.  —  inf.  mendon  (sal  —  gaudebo)  3,2.  —  praet. 
part.  guncreftigot  ( —  uuart  infirmata  est)  2, 1. 

c)  3.  klasse:  praes.  conj.  3.sg.  AaSa  teneat  2, 5.  —  praet. 


AHD.   INTERLINEARVERSION   DER   CANTICA. 


533 


ind.  o.  8g.  gesmiderccla  separabat  4,2,  heimareda  servabit  2,7 
(die  allerdings  auch  beide  zur  1.  klasse  gehören  könnten),  haia 
habebat  2, 1. 

3)  Praeteritopraesentia, 
Praes.  ind.  Lsg.  sol  ( —  urouuen  exultabo)  3, 2,  sal  ( —  men- 
don  gaudebo)  3,2. 

4)  Das  verbum  substantivum. 
Praes.  ind,  Lsg.  hin  sum  1, 10.  —  3.sg.  ist  est  1, 8.  9. 11, 
nist  non  est  1,11.  IL  12.  —  3.  pl.  sint  sunt  2,6.  3, 10.  —  Die 
formen  von  unesan  sind  unter  den  starken  verbis  kl.  5  auf- 
geführt. 

5)  Flexionsendungen  der  verba. 

schw.  III 


-al 


-eda  2,  -ta  1 


starke  verba 

schwache  I 

schw.  II 

praes 

iud.  sg.  1 

-on2 

3    -ÜQ 

-ii  6, 

-etl, 

-tl 

-oti 

pl.  1    -emis  1 

3    -ent  1 

-eilt  1 

-unt  2 

conj.  sg.  3  -u  2,  -e  1 

-al 

imp.  pl.  2    -et  1 

-etl 

inf.             -ne  (dat.)  1 

-eil  1 

-on  1 

part.            -cnd-  2 

-end{e)  2 

praet. 

ind.  sg.  3          4 

-ida  1 

-eda  1,  -ta  3 

part.           -an  2 

-ü  1, 

■etl, 

-tl 

-otl 

V.    Die  spräche. 

Die  Verschiebung  des  in-  und  auslautenden  ji,  7c  und  t  nach 
vocalen  zum  harten  doppelspiranten,  und  des  t  im  anlaut,  nach  r 
und  in  der  gemination  verweist  unser  denkmal  auf  hochdeutsches 
gebiet.  Das  unverschobene  h  und  g,  die  beibelialtung  des  Je 
im  anlaut,  in  der  gemination  und  nach  r  (doch  beachte  getnerchi 
4, 2,  sterclii  2, 8.  3, 3)  scheiden  innerhalb  des  hochdeutschen  das 
fränkische  vom  oberdeutschen.  Das  bewahren  des  d  im  an- 
und  iniaut  spricht  für  den  rheinfrk.  oder  mfrk.  dialekt.  Der 
letztere  ist  auszuscheiden  wegen  des  daz  2, 5,  welches  im  mfrk. 
stets  als  tliat  erscheint.  Die  Verschiebung  von  pp  zur  affricata 
ph  in  aplmon  4,  7  und  drophon  3,  9,  die  dem  übrigen  rheinfrk. 
fremd  ist  und  sich  nur  bei  Otfr.  findet,  sclieint  unserm  denkmal 
seinen  platz  im  süden  Rheinfrankens  anzuweisen,  wo  obd.  ein- 
flüsse   sich   noch   geltend   machten.    Ganz  identisch  mit  der 


534  STEPPAT 

spraclie  Otfr.'s  ist  aber  die  der  bruclistücke  nicht.  So  bleibt 
das  germ.  d  im  inlaut,  während  Otfr.  t  dafür  setzt.  In  den 
übrigen  südrheinfrk.  denkmälern  herscht  aber  hierin  schwanken, 
und  die  Weissenburger  Urkunden  bieten  überwiegend  d  im 
inlaut  (Braune,  Ahd.  gr.  §  163  a.  2).  Das  Otfridische  ua  ist  be- 
reits durch  tio  ersetzt.  Otfr.  bewalirt  hb,  ausgenommen  in 
hrippha,  bei  welchem  wort  auch  Tat.  Verschiebung  zu  pp  ein- 
treten lässt  (crippa).  Unser  denkmal  hat  p)P-  crippon  3,  1, 
stu]}pe  2, 4.  Aber  auch  dieses  letztere  wort  nimmt  eine  Sonder- 
stellung ein,  denn  shq)2n  findet  sich  in  der  Otfr.-hs.  F  und  in 
den  Nfrk.  ps.  Da  sich  andere  belege  für  hh  nicht  finden,  so 
ist  das  pp  der  beiden  angeführten  zur  nähern  localisierung 
des  denkmals  nicht  zu  verwenden.  Ich  führe  hier  sogleich 
einige  eigentümlichkeiten  aus  dem  Wortschatz  an,  in  denen 
sich  unser  denkmal  mit  Otfr.  berührt.  Das  suffix  -nissi  (umi- 
sternissi  2,  7)  ist  ihm  mit  Otfr,  gemein,  gegen  -ncssi  bei  Tat. 
Das  fremdwort  ubercobereri  victori  3,  4  belegt  Graff  4,  358  nur 
einmal  aus  den  Prud.-gloss.  (Ahd.  gll.  2,  419,  24)  als  uparcho- 
parari,  daneben  erscheinen  aber  bei  Otfr.  Zusammensetzungen 
des  verbs  Icobaron.  Ob  heilegeno  2,  7  das  suffix  -ig  mit  Otfr. 
oder  -ag  Qieilag)  mit  Tat.  zeigt,  ist  nicht  zu  entscheiden. 

Niederdeutsche  spuren.  Mit  Sicherheit  möchte  ich  nm- 
folgendes  hierherziehen,  gesprechi  eloquium  3, 8  zeigt  e  vor 
folgendem  i  statt  des  zu  erwartenden  ä.  Im  as,  bieten  solche 
e-formen  die  Heliandhss.  MC,  und  C  hat  godspreki.  Die  deutung 
dieses  e,  das  man  zunächst  für  den  umlaut  von  ä  zu  halten 
versucht  ist,  scheint  nicht  ganz  sicher  (s.  Holthausen,  As.  elem. 
§  91).  e  erscheint  auch  in  den  Nfrk.  ps.,  wo  es  den  umlaut 
von  ä  bezeichnet.  Dem  eigentlich  nl.  ist  dieser  umlaut  fremd, 
und  Kögel  schreibt  ihn  daher  (Lit.-gesch.  1, 2,  532)  dem  mfrk. 
zu.  Am  Niederrhein  tritt  der  umlaut  von  ä  zu  c  früher  auf 
als  im  obern  Deutschland  (s.  Braune,  Zs.  fdph.  4, 269).  So  weist 
auch  das  gesprechi  unseres  denkmals  wol  nach  Mittelfranken. 

Dem  dat.  pl.  dagan  diebus  1,  6  lässt  sich  das  in  der  Heliand- 
lis.  C  und  in  kleinern  as.  denkmälern  im  dat.  pl.  der  a-stämme 
vorkommende  -an  an  die  seite  stellen  (Holthausen,  As.  elem. 
§  265,  8.  Dieter,  Agerm.  dial.  s.  697).  Später  sind  die  aw-formen 
im  dat.  pl.  sehr  häufig  in  der  Leidener  Williramhs.,  die  dem 
mfrk.  augehört  (van  Helten,  Beitr.  22, 437),  z.  b.  bergan,  thornan, 


AHD.   INTEKLINEARVERSION   DER   CANTICA.  535 

uiandan.  Ein  Beispiel  bietet  auch  das  oberdeutsche  tverthunJcam 
gl.K.  (dignitatibus)  199,21  (s.  Kögel  s.  156).  Borgeld  (§  112, 
anm.)  sollte  daher  das  harman  gl.  Lips.  831  nicht  in  liarmon 
ändern  wollen. 

Der  schwache  nom.  sg.  fem.  mina  (lera  mina  3,  7,  stercJii 
mina  3,  3)  findet  seine  entsprechung  in  den  Anfrk.  ps.,  die 
mina,  thina  bieten  (Kögel,  Lit.-gesch.  1,  2,  530).  Dieses  a  ist 
der  Vorläufer  des  spätem  ninl.  e,  das  in  der  Leidener  Will.-hs. 
schon  mit  a  wechselt:  nom.  sg.  f.  mina,  usera  neben  alle,  eine 
(Thomas,  diss.,  Zürich  1897,  s.  67). 

Auch  die  beiden  letzten  fälle  verbinden  unser  denkmal 
mit  Mittelfranken. 

Mit  Kögel  (Lit.-gesch.  1,  2,  532)  erblicke  ich  niederdeutsche 
spuren  noch  in  ze  ulionc  statt  des  zu  erwartenden  fliogenne 
und  in  yelifhaftigot  2,  2  (s.  auch  s.  512  die  anm.  zu  4,  8).  Auch 
uuedanmerdigi  2,  9  und  sengenden  3,  5  (wenn  hier  nicht  singen- 
den zu  lesen  ist)  betrachtet  Kögel  als  niederrheinisch  wegen 
des  e  in  der  Stammsilbe.  Der  Wechsel  von  i  und  e  verrät  in 
der  tat  abweichung  nach  dem  nfrk.  (Tümpel,  Beitr.  7,  96). 
uuedar-  ist  an  sich  nicht  auffallend,  da  das  folgende  a  mit 
eingewirkt  haben  kann,  dagegen  wäre  e  statt  i  vor  nasal  + 
cons.  in  älterer  zeit  unerhört. 

Der  gen.  sg.  egison  4,  5  bietet  (gegen  Kögel,  Lit.-gesch. 
1, 2,  532)  nichts  auffälliges.  Die  Otfr.-hs.  F  hat  ähnliche  gene- 
tive,  so  hrimnon  2,  9,  68. 

hegien  1, 1  braucht  nicht  auf  eine  besondere  beziehung  zu 
den  Nfrk.  ps.  hinzuweisen,  da  hegien  auch  später  eine  in  Ri- 
puarien  häufige  form  ist  (Weinhold,  Mhd.  gr.-  §  53). 

mendon  3,  2  herscht  in  den  Nfrk.  ps.  neben  mendian.  Graff 
führt  mendon  noch  nicht  an;  das  wort  kann  aber  sehr  wol 
auch  im  hd.  existiert  haben. 

Bei  heilegeno  sanctorum  2,  7  verweist  Kögel,  Lit.-gesch. 
1, 2, 533  auf  das  vorkommen  desselben  plurals  bei  Is.  und  das 
heligeno  im  Psalmencommentar.  Anz.  fda.  19, 229  bemerkt  Kc'igel 
zu  der  stelle  bei  Is.,  eine  abschwächung  des  Innern  u  zu  e  sei 
für  das  ende  des  8.  jh.'s  ganz  undenkbar,  und  er  betrachtet 
daher  die  form  als  nd.  Für  unser  denkmal,  das  so  viel  jünger 
ist  als  der  Is.,  ist  dieses  argument  aber  nicht  mehr  stichhaltig, 


536  STEPPAT 

und  formen  wie  imteno  Wien.  N.  126, 4  beweisen  das  vorkommen 
des  gen.  pl.  auf  -eno  im  spätem  hd. 

Für  die  3.  sg.  conj.  praes.  auf  -a  könnte  ebensogut  nd.  wie 
obd.  einfluss  geltend  gemacht  werden.  Im  as.  ist  die  endung 
-a  für  die  1.  und3.  sg.  conj.  praes.  gewöhnlich,  aber  auch  im 
spätem  bairischen  tritt  sie  häufig  auf  (Braune,  Ahd.  gr.  §  311 
a.  1)  und  der  Schreiber  /  des  Tat.  wendet  sie  nicht  ganz  selten 
an  (Sievers,  Tat.2  §  107). 

,  Aehnlich  verhält  es  sich  mit  den  svarabhaktivocalen  in 
herihis  4,  4  und  aremen  2,  2.  Die  entwicklung  von  secundär- 
vocalen  zwischen  r  -t-  labial  teilt  das  obd.  (Braune,  Ahd.  gr. 
§  69  b)  mit  dem  as.,  welches  erebi  und  aram  kennt  (Holthausen, 
As.  elem.  §  144).    Graff  belegt  1, 406  ein  feterhcribum. 

Wie  Tat.  kennt  unser  denkmal  die  form  her  2,  5,  die  sich 
auch  in  den  And.  ps.  neben  dem  gewöhnlichem  Jie  und  hie 
findet.  Gegen  die  Psalmen  haben  unsere  bruchstücke  in  den 
obliquen  casus  nur  formen  ohne  h. 

sal  und  sol  3, 2  linden  sich  auch  bei  Tat.  und  in  den  Psalmen, 
während  Otfr.  nur  die  formen  mit  sc-  kennt. 

Zu  den  kleinern  rheinfrk.  denkmälern  lassen  sich  die  bruch- 
stücke nicht  in  näheres  Verhältnis  bringen. 

Aus  dem  gesagten  ergibt  sich  folgendes.  Eine  genaue 
localisierung  des  denkmals  ist  nicht  möglich.  Die  consonanten 
weisen  es  dem  rheinfrk.  zu,  und  zwar  nach  Süden,  wo  sich 
obd.  einflüsse  geltend  machten.  Es  ganz  an  die  obd.  grenze 
zu  verlegen,  verbieten  das  d  im  inlaut  und  die  form  crippa 
gegen  Otfr.'s  krippha.  Entscheidend  ist  dieses  argument  aber 
auch  nicht,  denn  gerade  bei  der  widergabe  des  inl.  d  und 
germ.  hü  zeigen  die  rheinfrk.  denkmäler  grosses  schwanken, 
und  bei  ihrer  geringen  anzahl  ist  gerade  für  unsere  periode 
(zweite  hälfte  des  10.  jh.'s)  eine  ermittelung  der  genauen  Ver- 
hältnisse in  den  einzelnen  teilen  des  gebietes  ausgeschlossen. 
Sonst  machen  sich  nd.  oder  md.  spuren  in  geringem  grade 
bemerkbar.  Wahrscheinlich  hat  der  Schreiber  sie  in  die  hs. 
gebracht.  Immerhin  ist  auch  die  annähme  zulässig,  dass  sie 
dem  dialekt  des  entstehungsortes  des  denkmals  eigentümlich 
waren,  und  dieser  müsste  dann  nach  osten  in  die  nähe  der  md. 


1 


AHD.  INTEKLINEARVERSION  DER  CANTICA. 


537 


grenze  verschoben  werden.  Doch  mit  gewisheit  lässt  sich  nur 
auf  das  südliche  Eheinf ranken  und  die  nähe  der  obd.  grenze 
schliessen. 

Verhältnis  zu  den  Altniederländischen  psalmen. 

Huet  glaubte,  dass  die  bruchstücke  zu  den  Anl.  ps.  ge- 
hörten. Da  die  cantica,  welche  sich  an  die  ps.  anschlössen, 
nicht  überliefert  sind,  so  ist  eine  directe  vergleichung  unmög- 
lich, jedoch  scheinen  die  folgenden  parallelstellen,  bei  denen 
ich  auch  die  Glossae  Lipsianae  herangezogen  habe,  Huets  an- 
nähme nicht  zu  stützen. 


Unsere  bruchstücke. 
salvum  me  fac  gehaldan  mih  duo  1,  5 

exultavit  erurouuü  1,  8 

in  salutari  in  heili  1, 10 

humiliat  hotmitdigot  2,  3 
impii  zibili  2,  7 


de  stercore  uone  miste  2, 4 
tenebris  uinisternissi  2,  7 
in  psalmis  in  lohon  3,  4 
eloquium  gespredU  3,  8 
judicia  urdeila  3, 11 

terminos  gemercki  4,  2 
in  terra  deserta  in  erda  imesta  4,  5 
piipillani  oculi  aphuon  ougun  7,  4 
victori   ubercobereri  3, 4    (aus   dem 

Cant.  Ab.) 
honoris  egison  4,  5  (Deut.  32, 10) 
solitudinis  einodis  4,  6  (Deut.  32, 10) 
armentum  suueiga  3, 1  (Ab.  3, 17) 


Ps.  und  Gl.  Lips. 
hehaldan  ww'rfwoGS,  2;  behaldon  mi 

deda  54,  9 
mendon,  mendioyi  öfter,     eruroiitien 

kommt  überhaupt  nicht  vor 
salutare  salda  61, 1.  8;  in  deo  salu- 

tare   meum    an  gode    sälda    mm 

61,8;  salutaris  neriando  61,3 
genetheron  sal  54,6;   genitheron  sal 

71,4 
impiorum  ungenethero  1, 1;  ungene- 

thig  1,4.  5;  nie  uuil  in  dieser  be- 

deutung 
stercus  hero  Gl.  Lips.  580 
thuisternissi  54,  6 
psalmum  dicam  lof  quethan  56,  8 
spräka  18, 15 
judicia  dei  duomä  druften  18, 10  u.  ö. ; 

in  urdeile  in  judicio  1,  3 
gemerJce  ertJion  2,  8  u.  ö. 
an  ertlion  iiuöstera  62, 2 
pupillam  oculi  sion  ogiui  Gl.  Lips.  526 
sigimari  victor  C.  Ab.  Gl.  Lips.  828 

egesin  Deut.  [32,  10].  Gl.  Lips.  227 
einodis  Deut.  [32, 10].  Gl.  Lips.  240 
sueiga  C.  Ab.  Gl.  Lips.  866. 


Schon  das  einzige  victori  ubercohereri  3, 4,  wofür,  nach 
Lipsius,  an  derselben  stelle  in  den  Anl.  ps.  sigimari  gestanden 
hat,  beweist,  dass  die  beiden  denkmäler  verschieden  von  einander 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVIL  35 


538  STEPPAT 

sind.  Auch  die  Übersetzungen  von  exultavit,  humiliat,  impii, 
stercus,  tenehris,  hidicia,  pupilla  sprechen  gegen  die  annähme 
Huets.  Sonderbar  ist  es,  dass  sowol  die  Gl.  Lips.  wie  unser 
denkuial  zu  Abacuc  3, 17  das  wort  suiieiga  für  armcnium  bieten. 
Dieses  wort  gehört  speciell  dem  alem.  und  bair.  an,  wo  es 
heute  noch  als  die  scliwaig  erhalten  ist.  Notker  hat  (50,  21) 
rinder  föne  dero  sueigo  (Graff  6,  862),  und  die  gl.  Prud.  haben 
einen  acc.  pl.  sueiga. 

Vergleich  mit  Notker. 
Interessant  ist  ein  vergleich  mit  der  spätem  arbeit  Notkers, 
die  einen  ganz  andern  Charakter  zeigt  als  unsere  Übersetzung. 
Letztere  hält  sich  sclavisch  an  den  lat.  text,  oft  mit  geringem 
Verständnis  desselben,  und  die  gröbsten  grammatikalischen 
Schnitzer  laufen  dabei  unter.  Notker  springt  mit  dem  lat  ein 
ganz  frei  um,  die  Übersetzung  ist  ihm  nebensache;  er  paraphra- 
siert  den  alttestamentlichen  text  mehr  im  sinne  der  dogmen 
der  katholischen  kirche.  Ganz  abgesehen  von  dem  hinzu- 
gefügten commentar,  wie  charakteristisch  ist  doch  die  folgende 
stelle:  Jes.  38, 20  Domine  salvum  me  fac  et  psalmos  nostros 
cantalimus  ciinctis  diehus  vit^  nostr^  in  domo  domini.  Notker 
setzt  dafür:  l'ehdlt  mih  tnüiten.  imde  unsili  alle  an  diJi  lelou- 
hente  unde  so  singen  uuir  dir.  in  dinemo  templo  alle  taga 
unseres  lihes.  Aus  der  gesperrt  gesetzten  stelle  klingt  deut- 
lich das  christliche  glaubensbekenntnis  heraus.  1.  Reg.  5,  9 
(bei  Piper  2,616)  übersetzt  er  imjm  einfach  durch  iiidei;  die 
bruchstücke  haben  uhili.  Für  das  fremde  bild  setzt  er  ein 
anderes,  wenn  er  glaubt,  dass  das  original  dem  deutschen  leser 
unverständlich  sei;  so  ist  1.  Eeg.  2, 1  cxaltatum  est  cormi  meum 
umschrieben  durch  min  geuualt  ist  höh  irhuret.  Für  1.  Eeg.  2, 1 
dilatatum  est  os  metwi  hat  Notker  jxin  münt  ist  uiitto  indän, 
was  gewis  deutlicher  und  anschaulicher  ist  als  das  zesprct  ist 
1,9  der  bruchstücke.  Notker  bemüht  sich  eben,  in  den  geist 
des  lat.  textes  einzudringen,  während  der  Übersetzer  der  frag- 
mente  am  buchstaben  kleben  bleibt.  Auch  der  wertschätz  der 
beiden  arbeiten  ist  ein  ganz  verschiedener,  wie  eine  analyse 
der  stellen  der  zweiten  seite  unseres  denkmals  zeigt,  die  Notker 
wirklich  übersetzt  hat. 


AHD.   INTERLINEARVEKSION   DER   CANTICA. 


539 


de  stercore 
cum  principibus 
cai'dines 
solium  glorie 
posi;it  orbem 
servabit 
conticescent 
formidabuut 
adversarii  eins 
tonabit 
imperium 
sublimabit  cornu 


Fragment 
uone  viiste  2,  -i 
mit  imrstin  2,  5 
uuerhon  2,  6 
stuol  gnoliche  2,  5 
gesazta  rinc  2,  6 
hemiareda  2,  7 
erstummunt  2,  8 
eruortent  2,  9 
xiuedaruuerdigi  sin  2,  9 
ersMlit  2, 10 
geuualt  2, 11 
erhoit  hörn  2, 11 


Notker 
föne  miste 
mit  tien  heristen 
sJcederstefta 
den  himeliscen  stuol 
stälta  er  disa  uuerlt 
observabit  behaltet  er 
uuerdent  kesueiget 
furhtent 

sine  uuidersachen 
er  donerot 
cheiserfuom 
irhöhet  sinen  geuualt. 


Das  Trierer  capitulare. 
Der  unterschied  vom  eigentlichen  mittelfränkischen  wird 
durch  den  vergleich  der  bruchstücke  mit  dem  Trierer  cap. 
deutlich.  Tr.  C.  hat  v  für  inl.  h;  c  für  die  affricata  ts]  himo 
für  unser  imo.  Einige  anhaltspunkte  bietet  auch  der  Wortschatz. 
Unser  fragment  kennt  die  präposition  mit,  das  Tr.  c,  nur  hit, 
welches  sich,  neben  häufigerm  mid,  auch  3  m.  in  den  Anl.  ps. 
findet,  heredltatem  übersetz^  Tr.  c.  durch  ervetha.  Die  Ps. 
haben  ervi,  das  fragment  4, 4  herihis.  pro  saliite  gibt  Tr.  c. 
durch  thuruch  sälichedi  wider;  vgl.  damit  das  sälda  der  Ps. 
gegen  lieüi  1, 10  unseres  fragments.  Die  Ps.  stehen,  dem  Wort- 
schatz nach,  in  viel  näherer  beziehung  zu  dem  Trierer  cap, 
als  unsere  bruchstücke,  die  eine  vollkommen  isolierte  Stellung 
einnehmen. 

Bemerkungen  zu  einzelnen  Wörtern. 

Aus  dem  vocabularium  führe  ich  noch  folgendes  an.  Ein- 
zelnes andere  wird  bei  der  datierung  besprochen  werden. 

Die  composita  uuidarleidit  reducit  2,2  und  imibileüa  circum- 
duxit  4,  6  sind  bei  Graff  nicht  belegt.  —  6,  53  führt  Graff  nur 
gasuntaron  an;  während  für  f/tsunc/erecZa  separabat  4,  2  ein  inf. 
gesunderen  nach  dem  paradigma  haben  anzusetzen  ist.  —  Die 
bedeutung  cnlm  für  geuuisse  1, 11.  2,  6  ist  zwar  nicht  die  ge- 
wöhnliche, doch  ist  sie  auch  nicht  selten.  Die  Anl.  ps.  bieten 
sie  ebenso  wie  Tat.,  Kero,  Is.  —  uuerhon  cardines  2, 6  ist  in 
dieser  bedeutung  sonst  nicht  belegt.  Notker  sagt  dafür  sJcerdir- 
stefte,  und  Is.  cap.  2,  §  2  umhihringd. 

35* 


540  STEPPAT 

Datierung. 

Für  die  datierimg  kommen  die  folgenden  momente  in  be- 
traclit: 

1)  Das  a  in  den  endsilben.  ob  auslautend  oder  gedeckt, 
ist  zu  e  abgeschwächt.  Auslautendes  o  erscheint  als  e  in 
geimisse,  ebenso  i  in  neuuisit.    Gedecktes  n  bleibt  (ahur). 

2)  Die  präfixe  zeigen  durchweg  junge  gestalt:  ge-,  ze-,  tier-, 
he-,,  er-. 

3)  stirJier  hat  i  für  das  umlaut-e,  eine  dem  spätem  md. 
eigentümliche  erscheinung,  die  sich  besonders  vor  liquiden  findet. 

4)  getrmmir  zeigt  -ir  statt  -er  als  starke  flexionsendung 
für  den  nom.  sg.  masc.  der  adjectiva.  Frühere  belege  als  im 
Wien.  Notk.  {scolentir,  gitruoptir,  manigir,  nilieinir:  Heinzel, 
WSB.  81,  277)  habe  ich  dafür  nicht  finden  können.  Die  kürzung 
des  e  der  endung  muss  bereits  eingetreten  gewesen  sein.  Dazu 
kommen  noch  die  nom.  pl.  masc.  uuedanmerdigi  und  iibüi. 
Dieses  i  der  flexion  statt  e  erscheint  oft  im  spätem  md.  und 
breitet  sich  von  hier  aus  dann  auch  nach  osten  über  das  nd. 
Sprachgebiet  aus. 

5)  -ä  im  pl.  der  masc.  a-stämme  und  das  -i  der  i-declina- 
tion  wechseln  bereits  mit  -e.  Die  schwache  declination  hat 
den  acc.  pl.  sine  iungen  pullos  suos  4, 8  und  den  gen.  pl.  heüe- 
geno  sanctorum  2,  7. 

6)  Das  a  im  part.  praes.  {-ant-)  erscheint  durchaus  als  e. 
In  der  3.  sg.  ind.  praes.  und  im  part.  praet.  wechselt  -it 

mit  -et,  und  im  praet.  der  1.  sw.  conj.  steht  -eda  neben  -ida. 
Die  übrigen  flexionsendungen  sind  noch  gut  erhalten. 

7)  Der  Sprachschatz  weist  bildungen  auf,  die  im  ahd.  ent- 
weder erst  sehr  spät  oder  gar  nicht  zu  belegen  sind,  crhcidimf 
1,  2  ist  bei  Graft  nicht  belegt,  gedothaftigot  und  gelifhaftigot 
2, 12  sind  ebenfalls  nicht  nachzuweisen.  Das  ahd.  kennt  nur 
die  bildungen  tothaft  und  lihhaft,  während  tothaftic  und  lip- 
haftic  erst  im  mhd.  erscheinen.  Nach  Graft  1, 557  gibt  es  im 
ahd.  erst  ein  verb  auf  -haftigon,  nämlich  girchthaftigon  bei 
Notker.  Auch  gimcreftigot  findet  sich  nach  Graft  4,  607  erst 
bei  Notker. 


AHD.   INTEELINEARVERSION   DER   CANTICA.  541 

Aus  dem  gesagten  ergibt  sich,  dass  unser  denkmal  in  die 
spätahd.  Periode  gehört.  Ich  möchte  seine  entstehungszeit  in 
die  zweite  hälfte  des  10.  jh.'s  verlegen.  Der  verfall  der 
endungen  hat  bereits  begonnen,  wenn  er  auch  bei  weitem 
nicht  so  weit  vorgeschritten  ist  wie  bei  Notker,  Eine  ge- 
nauere datierung  erscheint  unzulässig,  da  dieser  verfall  in 
den  verschiedenen  gegenden  Deutschlands  nicht  mit  derselben 
Schnelligkeit  vor  sich  gegangen  sein  wird. 

WIEN,  Juli  1902.  I.  J.  STEPP  AT. 


! 


ROSENHEIMER  NIBELUNGENFRAGMENTE. 

57i II  man.  la 

^      -'  man  sah  die  |  Nibelvnge.        schon  |  mit  Seifriden  gan.  | 

572  Der  kuuch  was  |  gesezzen.        vü  Brün|hilt  dev  mait. 
^      ''  nv  I  sah  si  kriemhilden.  |        da  ward  ir  nie  so  |  lait. 

bei  Seifriden  ]  sitzen.        wainen  si  be|gan. 

ir  vielen  haizze  |  trehere.        vb^  lihte  wa|nge  dan. 

573  Do  sprach  der  wirt  |  des  landes.        waz  ist  ev  j  frowe  mei. 
^      ''     daz  ir  so  |  lat  trvben.        lihter  au|gen  schein. 

ir  mügt  I  euch  wol  frewe.        wän  |  ev  ist  vnd'tan. 

mein  |  lant  vn  mei  pürge.  |        vii  manc  werltleich  |  man. 

574  Ich  mag  wol  sere  |  wainen.        sprach  dev  |  schon  mait. 
vmbe  I  dei  swester.        ist  mir  ||  von  h^zen  lait.  Ib 
die  I  sihe  ich  sitzen  nahe.  |        dem  aigen  holden  dei.  | 
des  muz  ich  immer  |  wainen.        scbol  si  al|so  v-swachet  sei. 

575  Do  sprach  d^  künch  |  Gvnther.       ir  mügt  i  wol  stille  dagen. 
ich  I  wil  ev  zandern  zei|ten.        dise  mere  sage.  | 
war  vmbe  ich  mei  |  swester.        Seifride  ban  |  gegeben. 
ia  mag  si  |  mit  dem  recken.        ira|mer  froleiche  leben. 

576  Si  sprach  mich  ia|mert  imml        ir  schon  |  vnd  ir  zvht. 
vn  west  I  ich  war  ich  mohte.  |        ich  nem  gerne  flvht.  | 
daz  ich  ev  nimmer  |  wolde.        geligen  nahe  |  bei. 
ir  sagt  mir  wa  |  von  Kriembilt.        dev  |  ivnge  Seifrides  sei. 

577  Do  sprach  d^  kvnch  ||  edele.        ich  tnns  ev  |  wol  bekant.     Ic 
er  hat  |  als  hob  pürge  ds  |  ich.        vn  da  bei  wei|tev  lant. 
wizzet  sic|herleicben.        er  ist  ain  |  kvnch  reich. 
da  von  |  gab  ich  dem  degne.   |        die  schönen  maget  |  lobleich. 

578  Swaz  ir  d^  künch  |  gesagt.        si  het  ot  trv|ben  mvt. 
do  gabt  I  von  dem  tische.        ma|uig  degen  gut. 
der  I  bvhvrt  ward  so  |  veste.        daz  alle  dev  |  purch  erdoz. 
den>;:-  j  wirt  bei  seinen  ge|sten.       hart  sere  ver  [droz. 


(620) 


(621) 


(622) 


(623) 


(624) 


ROSENHEIMER   NIBELUNGENFRAGMENTE.  543 

579  In  davht  |  er  lege  sanfter.        d''  scho|nen  frowen  bei. 
^      ^     do  I  was  er  des  gedingen.  |        niht  in  h^zen  frei. 

im  1  scholde  von  ir  leibe.  |        liebes  vil  geschehen.  ||  Id 

er  begonde  frevntlic|hen.        an  frowe  Brvn|hilden  sehen. 

580  Die  ritterschaft  der  |  geste.        bat  man  abe  lan.  | 
d^  künch  mit  seiner  |  bravt.        ze  pette  wolte  |  gan. 
vor  des  sales  stie|ge.        gesamten  si  sich  1  seit. 
kriemhilt  vnd  |  Brvnhilt.        noch  waz  |  ez  an  ir  beder  neit. 

58t  Do  chom  daz  inge|sinde.        si  sovmten  sich  |  des  niht. 

die  reichen  |  kamerere.        brahten  in  |  dev  lieht. 

sich  tail*ent^)  |  do  die  recken.        d^  zwai|er  kunge  man. 

do  I  sah  man  vil  d^  degne.  |        alda  mit  Seifriden  [gan. 
582       T^iß  h^ren  |  chomen  bede.  |        alda  si  scholden  lige.  | 


(626) 


(627) 


(628) 


(639) 


do  daht  ietwedere.  |        d""  seinen  an  gesigen. 
den  w^tleichen  frowe.  11 


589a      I!  biz  d'  liebte  morgen.  |        durch  dev  venster  |  schain.  IIa 


ob  er  ie  kraft  |  gewnnne.        dev  was  |  an  seinem  leibe  klai. 


590  Nv  saget  mir  her  |  Gvnther.        vnd  ist  ev  |  daz  iht  lait. 
^      ''     ob  euch  I  gepvnden  vindent.   |        sprach  dev  schon  mai^') 

ewr  kamerere.        von  |  ainer  frowen  haut.  | 

do  sprach  d'  kunch  e|dele.        daz  wer  ev  vbe|le  gewant. 

591  Ouch  het  ichs  lutz|el  ere.        sprach  d''  kvne  |  man. 
^      ^     durch  ewer  |  selbes  fugende.        lat  |  mich  zu  ev  gan. 

seit  I  ev  mel  minne.      ■  sint  so  |  reht  lait. 

ich  schol  mit  |  meinen  banden.        uim|mer  rvren  ewre  kl[ait. 

592  Do  loste  si  |  in  balde.        vn  als  si  in  |  v'lie 

'■■"''      hin  wider  an  daz  ||  pette.        er  zv  d^  frowe  |  gie.  IIb 

er  leit  sich  so  v^re.  |        daz  er  ir  schone  wa'  |  i) 
dar  nach  vil  lützel  |  rvrte.        des  wolt  auch  |  si  do  haben  rat. 

593  Do  chom  auch  ir  |  gesinde.        vnd  braht  |  ire  klait. 
'      ■'     des  was  an  i  dem  morgen.        harte  |  vil  berait. 

swie  man  |  da  gebarte.        trovric  |  was  genvc. 

d^  wirt  I  al  des  landes.        swi  er  |  kvnges  kröne  trvc. 

594  Nach  siten  d''  si  pfla|gen.    vnd  die  man  |  durch  reht  l)egie,  | 
'      •'     Gvnther  vn  Brvn|hilt.        niht  langer  daz  |  enlie, 

sie  giengen  zv  |  dem  mvnster.        da  man  |  messe  sanch. 


')  t  klein  mit  blasserer  schrift  übergeschrieben  (wie  meist  die «,  vgl.  s.551). 


544  BRAUNE 


dar  kom  |  auch  her  Seifrit.        sich  |  hvb  da  grozleich  ge  [drauc. 

595  Nach  |  kvnchleichen  eren.  ||        was  in  dar  berait.  |  II c 
^      ^     swaz  si  habe  scholde.  |        ir  krön  vü  ir  klait.  | 

da  wurden  si  gewei|het.        also  daz  wart  |  getan. 

da  sah  mans  |  alle  viere.        herleiche  |  vnder  kröne  gan. 

596  Fvnfhvndert  swert|degne.        vnd  dennoch  |  baz. 

*-      ''     den  künge  wur|den  zeeren.        ii*  schult  |  wol  wizzen  daz. 
sich  I  hvb  vil  michel  frevlde.        in  Bvrgunde  lät.  | 
man  hört  da  schefte  |  hellen.        A^on  d^  swert|degen  hant. 

597  Do  sazzen  in  den  ye|nstern.        dev  schonen  |  megedein. 
^      -'     der  Schilde  |  liebte  blicke.        den  au|gen  gaben  schein.  | 

do  het  sich  geschaide.  \        d-  künch  tu  sei  man.  | 

swaz  ieman  freuden  |  pflege.        man  sah  in  ||  travrende  gan.  11  d 

598  Im  vnd  Seifriden.  |        vngeleich  stuut  der  |  mut. 
wol  west  er  |  daz  er  were.        d-  edel  |  ritter  gut. 
do  gie  er  |  zu  dem  kunge.        frage  |  er  began. 
wie  ist  ev  |  heint  gelvngeu.        daz  |  schult  ir  mich  Avizze  [lan. 

599  Der  wirt  |  d''  sprach  zem  gaste.  |     ich  hau  laster  vn  sch|aden. 
ich  hau  den  l|beln  tevfel.        zehavse  |  mir  geladen, 
do  ich  I  si  wonte  minnen.  |        vil  sere  si  mich  pant.  | 
si  trvg  mich  zeinem  |  nagle.        vnd  hie  mich  |  hob  an  die  waut. 

600  Do  hieug  ich  iem^|leichen.        vntz  an  den  ]  liebten  tak. 
si  was  I  frevdenreich.        wanne  |  si  vil  sanfte  lac. 
daz  I  schol  dir  vil  haimlich.  11 


(648) 


(649) 


(650) 


640_a  II  geben.  IVa 

'     ^     da  si  schol  trajgen  kröne.        vii  schol  |  ich  daz  gelebeu. 

si  I  mvz  w^der  (!)  reicher.  |        denne  iem  d^  lebenjdig  sei. 

swaz  ir  svst  j  gepietet.        des  pin  ich  |  ev  dienstleichen  bei. 

641  Da  sprach  di  frow^  ^)  j  kriemhilt.        habt  ir  |  d''  erbe  rat. 
vmb  der  |  Bvrgvnde  degne.        ez  |  niht  so  leiht  stat. 
si  I  mvg  ain  kvnch  mit  |  eren.        füren  in  sein  |  lant. 
die  schülle  mit  |  mir  tailen.        meiu^  liejber  brvder  hant. 

642  Do  sprach  d^  herre  |  Gernot.        nv  nim  dir  |  swen  dv  wil. 
di  gerjne  mit  dir  reiten.  |        d''  vinclest  dv  hie  vil.  \\  ^) 


(696) 


(697) 


^)  «  klein  oben  rechts  neben  w. 

-)  Der  untere  teil  dieser  zeile  abgeschnitten. 


ROSENHEIMER  NIBELUNGENFRAGMENTE.  545 

II        kriemhilt  do  senden  |  began.  IVb 

643  Nach  hagenn  von  j  Tronic.        vnd  auch  |  nach  Ortwein. 
'  "^^      ob  si  I  vnd  auch  ir  mage.  |        ir  aigeu  Avollen  sein.  | 

da  von  gewan  do  hag|ne.  ein  zornigez  lebe.  | 

ia  enmag  vns  krim|hilt.  ze  aigen  niemat  j  gegeben. 

644  Ander  ewr  gesinde.  j  lat  ev  volgeu  mit.  j 
CoyJ)     wanne  ir  wol  beke|net.  ä^  Tronier  sit.  | 

wir  muzzen  bei  dem  |  kvnge.        ze  hof  hie  be|stan. 

wir  schüUen  in  j  lenger  dienen,    denne  j  wir  biz  her  gedienet  [han. 

645  T^'*^  liezj^'ew  si  beleihen.  \\  ^) 
(700) 


(702) 


648 
(703) 


(704) 


(705) 


D^ 


II  vii  wol  fvnf  hvndert  |  man.  IV c 

ekkewart  der  |  grave.        volgte  Seifrijden  dan. 

646  Urlovp  si  namen.  |        ritter  vnde  kneht.  | 

'       -^     maiden  vnd  frowe.  |        daz  ^)  vil  michel  reht.  | 
geschaiden  mit  küsse.  |        wixrden  si  zehant.  | 
si  rovmten  froleiche.  |        des  kuuch  Gvnthelres  laut. 

647  Do  belaiten  si  ir  j  mage.       verre  auf  den  |  wegen, 
man  hiez  al|lenthalben.        ir  naht|selde  in  legen, 
wa  siz  1  nemen  wolden.        al  |  durch  d"*  kvnge  lant.  | 
da  wurden  poten  pal|de.        Sygemuude  für  |  gesant  ') 


II  chint.  IVd 

kriemhilt  dev   |    schone.        von  wurmz  |  vb*  Rein, 
do  kvnden  |  in  dev  mere.        nimm''  |  lieb^  gesein. 

649  So  wol  mich  sprach  |  Sigmvnt.        daz  ich  ge|lebet  han. 
daz  kriem|hilt  dev  schone.        schol  |  hie  gekronet  gan.  | 
Seifrit  d''  edele.        schol  I  selbe  hie  kvnch  sein.  | 
des  muzzen  sein  ge|tevret.        mei  levt  vS  |  auch  die  erben  mei. 

650  Do  gab  die  frowe  |  Sigelint.        mangen  sa|mit  rot. 
silb\  golt.  I  vii  klaider.        daz  si  den  |  poten  pot. 
si  frewet  |  sich  d-  lieben  mere.  |        dev  si  alda  v^nam.  j 
sich  Tdait  ir  gesinde'^)  \\        


651      .    . 

(706)      II  8) 


*)  Der  untere  teil  dieser  zeile  abgeschnitten. 

2)  was  ist  ausgelassen. 

^)  Hier  etwa  ursprünglicher  anfang  von  Ula. 


546  BEAUNE 

II  gene.        alle  Sigmvdes  |  man.  TTTa 

652  Ist  ieman  baz  en|pfangen.        daz  ist  mir  |  vnbekant. 
'■      ''     denne  di  j  beide  mere.        in  Syge|mvnde  (!)  lant. 

Sigeliut  I  dev  reicbe.        gen  kriejmbilden  rait. 

vii  ma|mc  scbone  frowe.        den  j  volgten  ritter  gema[it. 

653  In  ainer  |  tagwaide.        do  man  si  |  chomen  sacb. 
^      -'     di  frejden  vnd  di  kvnden.  j        die  beten  vngemacb.  | 

vntz  daz  si  cbomen.  j        zv  ainer  purge  wejit. 

dev  was  gebaizze  |  santen.        da  si  kröne  j  trvgen  seit. 

654  Mit  lacbende  müde  jj        Illb 

(709) 

II  ir  lait  benome. 

al|lez  ir  gesinde.        was  |  in  groz  willecbome. 

655  Man  biez  di  geste  j  bringen.        für  des  kvn|ges  sal. 
^      -'     do  cbomen  |  iunchfroweu.        di  hvb  |  man  zetal. 

uider  vö  |  den  moren.        da  was  j  vil  manic  man. 

da  I  man  den  scbonen  |  frowen.        mit  fleizze  |  dienen  began. 
655  a  Swie  groz  ir  hobjzeit.        bei  Reine  was  |  erkant. 

^      ■'     dö  gab  man  |  beiden.        vil  bezzer  |  gewant. 

denne  si  |  e.  getrvgen.        uocb  |  bei  allen  im  tagen,  j 

man  mobt  micbel  |  wunder.       von  ir  reicH     ....  IIIc 


656 
(712) 


.    .    .    II  Tu  edel  gestaine.        verjwieret  was  dar  ein.  | 
sust  pflag  ir  fleizzi|cleicb.        Siglint  dev  ejdel  künigei. 

657  Do  spracb  vor  seine  j  frevnden.        d''  b'^re  Sig|mvnt. 
^      ^     den  Seifrides  j  magen.        tvn  icb  alle  |  cbunt. 

er  scbol  vor  j  disen  recken.        albie  j  mei  kröne  tragen,  j 
dev  mere  borten  gerjne.        die  von  niderläde  j  sagen. 

658  Er  enpfalh  im  krö.  j        geribt  vnde  lant. 

'■  ''  er  I  ward  ir  aller  maist^  j  swa  er  streiten  vat.  | 
vnd  da  er  rihten  sol|de.  daz  ward  alsam  j  getan, 
bei  Ayie  sere  || Illd 

659  . 

^      ''       ......  II  krön.        vntz  an  daz  |  zebende  iar. 

vntz  daz  |  frowe  kricmbilt.        aijnen  scbSnen  svn  ge|wan. 
daz  was  des  j  künges  magen.        nab  |  ir  willen  getan. 

660  Den  eylte  mau  do  |  tovften.        vü  gab  im  j  ainen  namen. 

■'     Gvnjther  nacb  seine  öhajim.        des  dorft  er  sieb  j  nibt  schämen, 


I 


ROSENHEIMER   NII5ELUNGENFRAGMENTE.  547 

ge|riet  er  nach  den  ma|g-en.        daz  wer  im  |  wol  ergan. 

man  zoh  |  in  wol  mit  fleizze.  |        daz  was  von  schvl|den  getan. 

661  In  den  selben  zei|ten.        do  starb  frowe  |  Sigelint. 

*■      '*      do  het  den  ||  gewalt  mit  alle.        d^  |  edeln  Vten  kint.  Va 

d^  I  so  reichen  frowen.  |        ob  landen  wol  ge|zam. 
si  clagten  doch  |  genvge.        daz  si  der  |  tot  von  in  nara. 

662  Nv  höret  (I)  dort  bei  |  Reine.        so  wir  hören  |  sagen. 
^      ^      bei  Gvnther  |  dem  kvnen.        ainen  |  svn  getragen. 

Brvn|hilt  dev  schone.        in  |  Bvrgvnden  lant.  | 
dvrch  des  beides  lie|be.        ward  er  Seifrit  |  genant. 
662  a             Wie  reht  fleizzicle| : : :  en.        man  sei  hvte  | : : : :  ^) 
^'^^^^     Gvnther  d'  edele.  \\^) 


663  .    .    ;    .•    :    :    .    \\  zelten.       d'  wart  vügelsait.  Vb 
^      ''     wie  reht  lobleic|hen.        die  beide  vil  ge|mait. 

lebten  zallen  |  stvnden.        in  Sigemvn|des  lant. 

also  tet  auch  |  Gvnther.        mit  seinen  |  magen  wol  bekant. 

664  Daz  lant  Nibelvn|gen.        Seifriden  diente  |  hie. 
*-      ^     seiner  mage  reic|her.        wart  ie  kainer  |  nie. 

Schilbvnges  rec|ken.        vü  auch  ir  bed'  |  gut. 
des  trvg  der  de|gen  kvne.        dester  hoh|sten  mvt. 

665  Hort  den  aller  mai|sten.        den  ie  man  gt\wan 

^      ^     an  die  sein  .e.  \\  ^) 


666  Er  het  den  wünsch  |  d''  eren.    vn  wer  des  |  niht  geschehen.    Vc 
^  ""  ^     so  I  mvst  man  de  recken.  |        dennoch  wirde  iehen.  | 

daz  er  wer  d^  peste.       d''  |  ie  orsse  vVschrait. 

mä  I  vorht  sein  sterke.        des  |  kvnen  recken  gemait. 

667  Nv  daht  auch  zalle  1  zelten.        daz  Gvntherles  weip. 
^  "  ^     wa  vo  treit  |  so  so  (!)  hob.        knenihilt  |  den  leip. 

nv  ist  doch  |  vnser  aigen.        Seifrit  |  ir  man. 

er  hat  vns  |  nv  vil  lange.        vil  Ivt|zel  dienst  getan. 

668  Daz  trvg  si  in  dem  I  li^'zcn.       vn  icart  doch  IM)    .    .    . 
(725) 


^)  An  beiden  Zeilenanfängen  einige  buchstaben  abgeschnitten. 
^)  Der  untere  teil  dieser  zeile  abgeschnitten. 


548  BRAUNE 


II  bechant.  Vd 

669  Si  v'svcht  an  dem  |  kVnge.        ob  daz  moht  |  geschehen. 
^      ^     daz  si  kri|emhilden.        moht  noch  |  gesehen. 

si  warb  ez  |  fleizzicleichen.        des  si  |  da  hete  mvt. 
do  davht  |  Gvntheren.        dev  rede  1  frevntleich  vn  gut. 

670  Wie  moht  wir  si  br|inffen.        sprach  d^  kvnc  |  reich. 
('727)  _  I    o  1  I 

^      ^     her  ZV  disen  la|den.        die  frevnde  tuget|leich. 

si  sint  vns  ze  |  verre.        wir  turrens  |  niht  gepiten. 
de  ant|wurt  Brvnhilt.        in  |  ainen  listigen  sit  •.:^)\ 

671  Sivie  hohreich  ::  ^  || 
(728) 


728 
(785) 


.  .  .  IL  taten  si (Via) 

729  II  man.  Ille 

*•      -'     alle  seine  recke.  |        d^  wirt  zv  im  gewan.  | 

do  rait  dev  künegiue.  |        vil  herleichen  dan.  | 

da  wart  michel  gruz|zen.        durch  liebe  geste  |  getan. 

730  Ahie  mit  weihen  e|ren.        man  do  die  beide  |  enpfie. 

*-      ^     si  davhte  daz  |  frowe  kriemhilt.        fro|wen  Brvnhilde  nie.  | 
so  reht  wol  enpfieng.  |        in  Bvrgvnden  laut.  | 
di  si  vor  nie  gesahe.  |        den  wart  vil  hoher  |  mvt  bekant. 

731  Nv  was  auch  chom|en  Seifrit.        er  vii  sine  |  man. 
^      ^     man  sah  di  hel|de  wenden.        baide  her  |  vnd  dan. 

des  veldes  || (VIb) 

732  II  des.        Seifriden  sach.  Ulf 

'■      ''     vii  I  auch  Sigemvnde.        wie  |  minecleich  er  sprach.  | 

seit  mir  groz  willech|omen.        vä  alle  den  fr|evnden  mei. 
der  ewrn  |  hofraise.        schulle  wir  |  in  hohen  frevde  sein. 

733  Nv  Ion  ev  got  sp^^ch  j  Sigmvnt.        d^  eren  gerjende  man. 
^    , ''     seit  euch  j  mel  svn  Seifrit.        zefre|vnde  gewan. 

do  riet  |  mir  alle  mei  wille.  |        ich  wolt  euch  gerne  |  sehen, 
do  sprach  der  |  kunch  Gvnther.        nv  |  ist  mir  liebe  geschehe. 


')  An  beiden  Zeilenschlüssen  buchstaben  abgeschnitten. 


ROSENHEIMER   NIBELUNGENFRAGMENTE.  549 

734             Seifiit  wart  enpfä|gen.        als  im  daz  wol  |  gezam. 
^      ^     mit  kunchle|iclien  eren.        im  was  || C^Ic) 


Ilntleich  erbot.  lüg 

735  Do  nahten  zv  ain|ander.        d''  zwaier  kvn|ge  weip. 
'-      -'     da  wart  vil  |  setel  lere.        manc  sch6|ner  frowen  leip. 

war'  I  von  beides  banden.        er|baben  auf  daz  gras.  | 
die  frowen  gern  dien|ten.        waz  d^  vnmvzzic  |  da  was. 

736  Do  giengen  zv  ain|ander.        dev  mTnecleic|ben  weip. 
'■      ''     des  was  |  in  grozzen  frevden.  |        manges  ritters  leip.  | 

daz  ir  beder  grüzze.  |        so  scbon  wart  getan.  | 

do  sab  man  vi!  der  |  recken.        bei  den  ivnc|frowen  stan. 

737  Daz  berlicb  gesinde.  ||  (VId) 

(794) 

vn  küssen  minnecleicben.        von  |1  frowen  wol  getan.  |  Illb 

da  (!)  was  lieb  zesebe|ne.        Gvntberes  vnd  |  Seifrides  man. 

738  Si  piten  da  nibt  |  langer.        si  riten  zv  |  d''  stat. 
d-  wirt  seine  |  gesten.        daz  wol  er|zaigen  pat. 
daz  man  |  si  gerne  sebe.        in  Bvr|gvnden  lant. 
vil  mä|gen  pvnaiz  reicben.  |        man  vor  den  frowen  |  vant. 

e 

739  Da  von  tronie  bag|ne.        vü  aucb  Ortwei.  | 
daz  si  gewaltig  we|ren.       daz  taten  si  wol  |  scbein. 
swaz  si  gepie|ten  wolden.        des  torst  |  man  nibt  enlau. 
vö  I  in  wart  micbel  die  11 


(795) 


(796) 


Die  vorstehend  abgedruckten  fragmente  einer  perganientlis. 
der  Nibelungen  befinden  sich  im  Stadtarchiv  zu  Rosenheim  in 
Baiern  und  sind  abgelöst  vom  deckelumschlag  eines  rapulars 
der  Rosenheimer  marktkammerrechnung  vom  jalire  lö49.  Der 
band  wurde  kürzlich  im  nachlass  des  stadtpfarrers,  geistlichen 
rates  Mayer  in  Rosenheim  von  herrn  stadtpfarrvicar  AVeindl 
vorgefunden,  welcher  auch  die  Zugehörigkeit  des  umschhxgs  zu 
einer  Nibelungenhs.  erkannte.  Herr  stadtarchivar  Ludwig  Eid 
brachte  den  band  in  besitz  des  Stadtarchivs,  löste  die  pergament- 
blätter  ab  und  übersante  sie  zur  prüfung  und  wissenschaft- 
lichen Verwertung  an  Hermann  Paul  in  München,  welcher  mir 
von  dem  funde  mitteilung  machte  und  die  Veröffentlichung 
desselben  mir  freundlichst  überliess.  Die  blätter  wurden  mir 
darauf   hierher   zur   benutzung   gesant.     Hierfür,    sowie    für 


550  BRAUNE 

weitere  freundliche  mitteilmigen ')   spreclie   ich   herrn  stadt- 
archivar  Eid  hiermit  gebührenden  dank  aus. 

Die  in  Eoseuheim  gefundenen  bruchstücke  gehören  dem 
14.  jh.  an.  Sie  bestehen  aus  zwei  vollständigen  einzelblättern, 
einem  oben  verschnittenen  doppelblatt  und  drei  stücken  von 
einzelblättern.  Wie  die  beiden  vollständigen  blätter  zeigen, 
ist  die  hs.  27  zeilig  (in  2  spalten)  beschrieben.  Die  Strophen 
sind  abgesetzt,  aber  innerhalb  der  Strophe  fortlaufend  ge- 
schrieben. Die  Strophe  nimmt  meist  9  oder  10  zeilen  ein,  nur 
sehr  selten  mehr.  Unter  den  vollständigen  oder  durch  berech- 
nung  zu  ergänzenden  Strophen  der  Eosenheimer  bruchstücke 
finden  sich  22  zu  9,  34  zu  10,  3  zu  11  und  nur  eine  zu  12  zeilen. 
Wenn  von  der  Strophe  nur  noch  das  letzte  wort  übrig  war, 
ist  für  dasselbe  meist  keine  eigne  zeile  verbraucht,  sondern 
es  wurde  mit  einer  klammer  an  den  schluss  der  ersten  zeile 
der  nächsten  Strophe  gesetzt.  In  unserem  abdruck  ist  dies 
durch  [  vor  dem  betr.  werte  (z.  b.  str.  578.  5812))  bezeichnet, 
während  die  sonstigen  Zeilenanfänge  durch  |  angegeben  sind. 
—  Jede  Strophe  beginnt  mit  einem  roten  initial,  der  nicht 
grösser  ist  als  die  höhe  einer  zeile.  Nur  str.  582  und  645 
haben  etwas  grössere  initialen,  welche  die  höhe  zweier 
Zeilen  einnehmen.  Der  aventiurenanfang  bei  667  ist  da- 
gegen nicht  abgesetzt,  ohne  Überschrift  und  ohne  grösseren 


1)  Danach  ist  dieser  Jahrgang  1G49  der  marktkamnierrapulare  der  einzig 
vorhandene.  Von  den  städtischen  archivalien,  die  erst  in  neuerer  zeit  zu 
einem  Stadtarchiv  vereinigt  sind,  ist  früher  vieles  als  üherflüssig  beseitigt 
worden.  In  den  sonst  vorhandenen  städtischen  rechuungsbänden  des  17.  jh.'s 
haben  sich  keine  weiteren  reste  unserer  hs.  gefunden.  Diese  rechnungen 
sind  in  den  Jahrgängen  1C02 — 1683  alle  auf  gleiche  weise  wie  das  rapular 
1649  gebunden.  Die  einbände  scheinen  in  den  1680er  jähren  gemacht  zu 
sein.  Der  buchbiuder  Avird  dabei  die  Kibelungenhs.  zerschnitten  haben, 
deren  weitere  stücke  wol  zu  den  verschwundenen  bänden  der  rapulare  der 
marktkammerrechnungen  verwendet  sein  dürften.  Ueber  die  zeit  der  be- 
seitigung  der  bände  und  über  den  weg,  auf  welchem  der  einzig  erhaltene 
band  ins  pfarrhaus  kam  (woselbst  sich  ausserdem  ein  band  städtische  .spital- 
rechnung  1673  vorfand),  lassen  sich  nur  Vermutungen  hegen. 

'^)  Die  Strophenzahlen  stets  nach  Lachmann  (L.);  nur  wo  es  für  die 
berechnung  des  umfangs  der  blätter  und  lagen  bequemer  war,  habe  ich  die 
dann  jedesmal  durch  vorgesetztes  B  gekennzeichnete  Zählung  von  Bartsch 
benutzt,  welche  ich  auch  im  abdruck  der  fragmente  stets  in  klammern  der 
Zählung  Lachraauns  beigefügt  habe. 


ROSENHEIMEK   NIBELUNGENFRAGMENTE.  551 

initial. ')  —  Die  schrift  ist  in  den  fragmenten  von  einer  hand. 
Abkürzungen,  die  in  unserm  abdruck  beibehalten  sind,  kommen 
oft  vor.  Docli  sind  häufig  nur  rn  für  t(ncl{e),  der  nasalstridi 
und  ^  für  er.  Nur  ausnahmsweise  steht  bei  knappem  räum  am 
Zeilenende  sp^^ch  für  sprach  733,1.  —  Die  umlauts-e  über  o, 
u  (i'),  welche  sich  zahlreich  in  der  hs.  finden,  sind  durchweg  von 
anderer  hand  nachgetragen,  mit  blasser  tinte,  so  dass  sie  oft 
nur  mit  mühe  erkennbar  sind.  Meist  stehen  die  e  nicht  genau 
über  dem  zugehörigen  vocal,  sehr  oft  links  davon  über  dem 
vorhergehenden  buchstaben. 

Im  folgenden  beschreibe  ich  die  fragmente  unter  den 
nummein,  mit  welchen  sie  im  Rosenheimer  Stadtarchiv  be- 
zeichnet sind,  obwol  diese  der  natürlichen  reihenfolge  nicht 
durchaus  entsprechen. 

I.  Vollständiges  blatt  (21, 2  cm.  x  16  cm.),  nettolänge  des 
beschriebenen  textes  15,6  cm.,  nettobreite  12  cm.  Inhalt  str. 
L.  571,  3  b  (letztes  wort)  —  582,  3  a  =  B.  617—628.  Das  blatt 
enthält  sonach  11  Strophen  weniger  einige  worte. 

II.  Vollständiges  blatt  (abmessungen  genau  wie  bei  I). 
Inhalt  L.  589a,  3a  —  600,  3a  =  B.  639—650.  Das  blatt  ent- 
hält also  11  Strophen  +  1  halbzeile. 

Zwischen  I  und  II  fehlt  L.  582,3b  —  589a,  2b  =  B.  628 
— 639,  also  ein  blatt,  welches  11  Strophen —  1  halbzeile  enthielt. 

III.  Zusammenhängendes  doppelblatt,  von  welchem  oben 
5  Zeilen  weggeschnitten  sind,  so  dass  alle  8  columnen  nur  die 
Zeilen  6 — 27  enthalten  (16,  2  cm.  x  16  cm). 

Das  erste  blatt  (III a — d)  enthält  L.  651,  4a  (letztes  wort) 
— 661,  2  a  (halb)  =  B.  706 — 717  mit  3  kleinen  lücken  im  imiern 
(anfange  der  columnen  b — d).  Das  blatt  umfasst  also  10  Strophen 
+  drei  ganze  und  zwei  halbe  halbzeilen,  also  107-2  Strophen. 
Die  5  am  aufang  fehlenden  zeilen  werden  4  halbzeilen,  eher 
noch  einige  worte  mehr,  enthalten  haben,  so  dass  der  eigent- 

')  In  dem  fehlen  der  Überschrift  teilt  also  iinsere  hs.  die  Beitr.  25, 187  ff. 
dargelegte  tendenz  der  gruppe  J*,  die  Überschriften  wegzulassen.  Dass  hier 
auch  der  grosse  initial  bei  aventiurenanfang  fehlt,  Avird  zufall  sein.  Wenig- 
stens darf  man  aus  dem  einen  belegten  fall  noch  nicht  schliessen,  dass  in 
unserer  hs.  alle  aventiurenanfänge  verwischt  gewesen  seien.  Vgl.  das  a.a.O. 
s.  185  bemerkte  und  die  Verhältnisse  von  k  ebenda  s.  189  mit  aum.  1. 


552  BRAUNE 

liehe  anfaiig  von  III  bei  L.  651,2  a  (=  B.  706,2)  gelegen  hat. 
Das  vollständige  blatt  enthielt  also  11  Strophen  und  einige  worte. 

Das  zweite  blatt  (III e—h)  enthält  L.  729,1b  (letztes 
wort)  —739,4  a  (ohne  die  letzte  silbe)  =  B.  786—796  mit 
drei  kleinen  lücken  im  Innern.  Diese  wurden  aber,  ebenso 
wie  die  lücke  von  5  zeilen  am  anfang  durch  den  streifen  VI 
ausgefüllt,  dessen  anfangswort  taten  si  L.  728,4  a  (=  B.  785, 4  a) 
uns  sonach  den  wirklichen  anfang  des  vollständigen  blattes 
bietet.  Das  blatt  umfasste  also  im  ganzen  10  volle  Strophen, 
sieben  volle  und  zwei  halbzeilen,  denen  je  eine  silbe  fehlte, 
also  11  Strophen  +  1  halbzeile  +  einige  worte. 

Zwischen  den  schluss  des  ersten  blattes  (B.  717,  2  a  halb) 
und  den  anfang  des  zweiten  blattes  von  III  (B.  785, 4  a)  fallen 
also  die  vollen  Strophen  B.  718 — 784  =  67  Strophen,  +  51/2  halb- 
zeilen von  B.  717  4-  6  halbzeilen  von  B.  785.  Das  wären  68 
Strophen  +  S'/a  halbzeilen.  Es  sind  dies  6  blätter,  jedes  zu 
11  Strophen  und  etwas  über  3  halbzeilen. ')  Unser  doppelblatt 
ist  also  das  äusserste  eines  quaternio,  blatt  1  und  8  einer  läge 
von  8  blättern.  Blatt  2  der  läge  wird  durch  unsere  no.  V  ge- 
boten. Diese  läge  ist  am  Schlüsse  auf  der  rückseite  des  letzten 
blattes  durch  eine  ganz  unten  von  alter  band  geschriebene  IX 
als  die  neunte  läge  der  hs.  gekennzeichnet.  Die  ganze  läge 
enthielt  die  Strophen  B.  706,  2a  (L.  651)  bis  B.  796, 4a  (L.  739), 
also  90  Strophen  +  5  halbzeilen.  2) 

IV.  Einfaches  blatt,  welches  unten  durch  wegschneiden 
von  41/2  Zeilen  verstümmelt  ist  (15,  2  cm.  x  16  cm.).  Es  fehlen 
also  die  zeilen  24 — 27,  der  schnitt  geht  mitten  durch  zeile  23, 
doch  so,  dass  diese  noch  lesbar  bleibt.  Inhalt:  L.  640a,  Ib 
(letztes  wort)  —650,4  a  =  B.  695—705,  mit  drei  lücken  von 
3 — 4  halbzeilen  im  Innern  und  einer  solchen  am  schluss,  so 
dass  das  volle  blatt  bis  651,1b  =  B.  706,1b  incl.  gegangen 
sein  wird.  Das  vollständige  blatt  enthielt  also  10  volle  Strophen 
+  6  +  2  halbzeilen  +  1  wort  =  11  Strophen  +  1  wort. 


^)  Da  sonst  ein  blatt  durcbsclniittlich  nur  11  Strophen  und  hüchstens 
1—2  halbzeilen  enthält,  so  sollte  man  für  die  G  blätter  nur  67  Strophen  + 
3V2  halbzeilen  erwarten.  Das  würde  dem  durchschnitt  entsprechend  auf 
das  blatt  11  str.  +  1  bis  2  halbzeilen  ergeben.  Es  ist  also  wahrscheinlich,  dass 
die  hs.  in  dieser  partie  eine  strophe  ihrer  vorläge  hat  ausfallen  lassen. 

-)  Nach  vor.  anm.  also  ev.  nur  89  str.  +  5  halbzeilen. 


ROSENHEIMEK  NIBELUNGENFRAGMENTE.  553 

Unmittelbar  an  scliliesst  sich  Illa  mit  651,4a,  bez.  seinem 
eigentlichen  anfang  651,2  a.  IV  ist  demnach  das  schlussblatt 
der  vorhergehenden  läge  VIII, ')  deren  erstes  blatt  durch  I, 
deren  drittes  durch  II  geliefert  wird.  Es  fehlen  also  zwischen 
II  und  IV  die  vier  blätter  4.  5.  6.  7  der  achten  läge.  Die  lücke 
zwischen  II  und  IV  umfasst  B.  650,3a  —  B.  695,  Ib  (letztes 
wort),  also  44  volle  Strophen  +  3  halbzeilen  +  2  halbzeilen 
(weniger  ein  wort).  Es  entfallen  auf  jedes  der  fehlenden  blätter 
11  Strophen  +  ein  wenig  über  1  halbzeile,  also  die  normale 
zahl.  Die  ganze  läge  VIII  der  zerschnittenen  hs.  umfasste 
also  B.  617, 3b  (letztes  wort)  —  B.  706,  Ib  =  88  volle  Strophen 
+  4  halbzeilen  +  1  wort. 

Y.  Einfaches  blatt,  verstümmelt  durch  wegschneiden  von 
7V2  Zeilen  unten  (13,  2  cm.  x  16  cm.).  Es  fehlen  also  die  Zeilen 
21- — 27,  der  schnitt  geht  mitten  durch  zeile  20,  doch  so,  dass 
diese  noch  sicher  lesbar  bleibt.  Inhalt:  L.  661,  2a  (halb)  — 
671,1a  (weniger  ein  wort)  =  B.  717 — 728  mit  drei  lücken  im 
Innern  von  je  5 '',2 — 6  halbzeilen.  Ebenso  viele  fehlen  am 
schluss,  so  dass  das  blatt  bis  L.  671,3b  incl.  (=B.  728,  3b) 
gegangen  ist,  also  10  volle  Strophen  +  5'/2  halbzeilen  +  6  halb- 
. Zeilen  enthalten  hat,  sonach  mit  11  Strophen  +  3V2  halbzeilen 
etwas  über  das  normale  geht,  was  sich  daraus  erklärt,  dass 
auf  diesem  blatte  besonders  viele  (7)  Strophen  nur  den  räum 
von  9  Zeilen  einnehmen  (vgl.  oben  s.  550).  Das  blatt  schliesst 
sich  an  III  a — d  an  und  bildete,  wie  schon  oben  (s.  552)  bemerkt, 
das  zweite  blatt  der  läge  IX  der  hs. 

YI.  Ein  streifen,  auf  jeder  seite  je  2  x  5  Zeilen  enthaltend. 
Dieser  streifen  ist  in  München  leider  verloren  gegangen.  Ich 
habe  ihn  selbst  nicht  gesehen.  Aber  in  dem  begleitschreiben 
vom  Stadtarchiv  Rosenheim,  in  welchem  die  einzelnen  fragmente 
nach  anfangs-  und  schlusswort  bezeichnet  sind,  ist  für  den 
streifen  als  beginn  tuten  si,  als  schluss  rn  liissen  minncdicJien. 
von  angegeben.  Danach  konnte  ich  leicht  für  Via  als  anfang 
L.  728,  4a  (=  B.  785),  als  schluss  von  VId  L.  737,  3  (=:  B.  794) 
bestimmen,  woraus  sich  ergab,  dass  der  streifen  von  Ille — h 
abgeschnitten  war  und  sonach  dieses  blatt  completierte. 


1)  Die  lageiizalil  VIII  miiss  (eutsprecliend  der  IX  iu  fragm.  III)   auf 
dem  weggeschintteneu  unteren  teile  des  blattes  gestanden  haben. 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.     XXVU.  36 


554  BRAUNE 

Die  Eosenlieimer  bruchstücke  einer  Nibelungenlis.  bieten 
also  nach  obigen  feststellnngen  teile  von  den  zwei  lagen  YIII 
und  IX,  deren  genauen  umfang  wir  durcli  die  erhaltenen  anfangs- 
und  Schlussblätter  erkennen  können. 

Dass  diese  mit  den  schon  bekannten  Grieshaberschen,  jetzt 
in  Freiburg  i.  B.  befindlichen  fragmenten  Q  zusammengehören 
könnten,  war  eine  Vermutung,  die  mir  schon  H.  Paul  bei  Über- 
sendung der  stücke  äusserte.  Dem  schien  zunächst  entgegen 
zu  ..stehen,  dass  man  Q  bisher  als  28  zeilig  aufführte,  während 
durch  unsere  vollständigen  blätter  die  Zeilenzahl  27  geboten 
wurde,  zu  welcher  zahl  auch  die  Verhältnisse  der  zerschnittenen 
blätter  bestens  stimmten.  Aber  die  Zeilenzahl  28  war  von  Franz 
Pfeiffer  in  seiner  ausgäbe  von  Q  (Germ.  1, 207  ff.)  nur  erschlossen, 
da  von  dem  ersten  der  beiden  doppelblätter  unten,  von  dem 
zweiten  oben  mehrere  Zeilen  weggeschnitten  waren. 

Nähere  Untersuchung  fand  nun  alsbald  die  Vermutung  Pauls 
bestätigt,  sowol  aus  äusseren  als  Innern  gründen.  Was  zunächst 
die  äussere  prüfung  der  Freiburger  fragmente  anlangt,  so  er- 
möglichte es  mir  die  liberalität  der  direction  der  F'reiburger 
Universitätsbibliothek,  die  beiden  doppelblätter  hier  den  Eosen- 
heimer  fragmenten  gegenüberzustellen.  Der  augenschein  ergab 
zur  evidenz,  dass  es  sich  um  teile  ein  und  derselben  handschrift 
handle.  Einrichtung  der  hs.,  nettobreite  der  beschriebenen  zwei 
spalten  (12  cm.),  die  art  der  angewendeten  abkürzungen ')  und 
die  band  des  Schreibers  sind  so  vollkommen  gleich,  dass  ein 
zweifei  nicht  stattfinden  konnte.  Insbesondere  sind  auch  in 
den  Freiburger  blättern  die  umlauts-e  von  zweiter  band  mit 
blasser  tinte  nachgetragen,  in  gleicher  weise  oft  über  dem 
vorhergehenden  buchstaben  stehend  (vgl.  oben  s.  551);  die  ganz 
blassen  e  sind  von  Pfeiffer  übersehen  in  Mnch  925,4  b,  schönen 


1)  Die  abkürzungen  sind  in  Pfeiffers  abdruck  aufgelöst.  Die  abkürzung 
am  zeilenschluss  in  sprach  (s.  oben  s.  551)  findet  sich  hier  915,1b  und 
982,4  b:  aixch  für  durch  ist  einmal  (994, 2  a)  am  zeilenende  (V^  rch  geschrieben. 
Hinzu  kommt  noch,  dass  die  abkürzung  für  er  in  tr/we  und  zubehör  (welche 
werte  in  den  Rosenheimer  blättern  nicht  vorkommen)  auch  für  ri  angewant 
ist:  es  steht  Twe  912, 4a.  932,3a,  r»y«  988,4a,  riigetive  92\),i]).  Das 
viermal  begegnende  zeichen  ü,  v  hat  Pfeiffer  durch  t<o  gegeben  in  977,3a 
n-üffes,  992,3b  fte,  995,  2a  wii's^,  996,  Ib/uV;;  im  übrigen  wird  mhd.  uo  in 
unserer  hs.  stets  durch  einfaches  u,  v  bezeichnet. 


ROSENHEIMER   NIBELUNGENFRAGMENTE.  555 

928,  4b  und  l'vne  932,41).')  Schon  hiernach  wäre  der  schlnss 
geboten,  dass  Pfeiffer  sich  mit  der  annähme  von  28  zeilen 
geirrt  haben  muss.  Es  lässt  sich  das  aber  auch  direct  be- 
weisen. Das  erste,  unten  beschnittene  doppelblatt  hat  24  zeilen: 
es  müssen  also  nach  Pfeiffers  annähme  4,  in  Wirklichkeit  nur 
3  Zeilen  weggeschnitten  sein.  Nur  zu  letzterer  zahl  passen 
die  lücken  im  Innern  der  blätter,  deren  umfang  wir  genau 
bestimmen  können.  Es  fehlen  auf  dem  ersten  blatte  in  str.  913: 
2'/2  halbverse,  str.  915.  16:  2'/3  halbverse,  str.  918:  2  halbverse 
-f  1  wort;  auf  dem  zweiten  blatte  str.  989.  90:  2'/.2  halbverse, 
str.993.  93:  2  halbverse  +  1  wort,  str.  995:  2'/.2  lialbverse.  Nun 
sind  für  27-2  halbverse  in  unserer  hs.,  welche  zu  8  halbversen 
9  oder  10  zeilen  gebraucht,  3  zeilen  das  normale  mass;  4  zeilen 
der  hs.  enthalten  stets  mindestens  3  volle  halbverse,  meist  noch 
etwas  mehr.-)  Es  können  also  nur  3  zeilen  weggeschnitten 
sein.  Aehnlich  verhält  es  sich  auch  mit  dem  oben  beschnittenen 
zweiten  doppelblatte,  welches  20 '/o — 20  zeilen  enthält,  so  dass 
hier  die  zeilen  1 — 6  ganz  weggeschnitten  sind,  von  der  zeile  7 
ist  auf  dem'  ersten  blatte  noch  die  untere  hälfte  vorhanden, 
während  auf  dem  zweiten  blatte  von  zeile  7  nur  in  zwei  spalten 
noch  geringe  reste  zu  erkennen  sind.  Eine  nähere  ausführung 
ist  hier  nicht  mehr  nötig. 

Die  sprachformen  der  Eosenheimer  und  Freiburger  frag- 


')  Pfeiffer  gibt  inconsequeuterweise  die  6,  ü  meist  durch  ö,  ü  wider. 
Im  übrigen  hat  meine  collation  in  Pfeiffers  abdruck  als  tatsächlichen  fehler 
mir  ergeben,  dass  982,  3  a  wir  ausgefallen  ist.  Die  zeile  der  hs.  lautet  |  laides 
sein,  tvir  müz  \  .  Danach  also  auch  in  Bartsch  Varianten  1041,3  zu  be- 
richtigen! Unwesentlicher  ist,  dass  921,2a  Hagne,  929,1b  und  997,4b 
Kriemlülde,  983,  da.  984,1b  und  990,  2a  Kriemhilt  in  der  hs.  mit  kleinen 
anfangsbuchstaben  stehen.  —  Dagegen  kann  ich  Pfeiffers  lesungeu  noch 
insofern  ergänzen,  als  ich  in  den  obersten  durchschnittenen  zeilen  des  zweiten 
doppelblattcs  aus  dem  gebliebenen  unteren  teile  der  buchstaben  noch  etwas 
mehr  feststellen  konnte.  Blatt  IIb  ist  die  oberste  zeile  (92"),  2b)  vollständig 
wan  cüiies  schiltea.  II c  ist  in  der  obersten  zeile  nach  den  spuren  der  hs. 
sicher  dev  statt  der  (928,2  b)  zu  ergänzen  (auch  hier  Bartsch  Varianten  987 
zu  berichtigen!).  III a  kann  ich  das  erste  wort  der  obersten  weggeschnittenen 
zeile  (976,3b)  als  meinen  {liehen  man.)  noch  erkennen;  III d  sind  in  der 
ersten  zeile  (985,  Ib)  unmittelbar  vor  (fe  kleine  reste  von  es  noch  sichtbar. 

2)  Das  ist  auch  rechnungsmässig  zu  erweisen  nach  dem  Verhältnis  9  :  K 
=  3  :  2Vs  oder  10  :  8  =  3  :  2-'/5,  während  das  Verhältnis  9  (10)  :  8  =  ■!  :  x 
ergeben  würde  3'/»  bis  3'/:,  halbverse. 

36* 


556  BRAUNE 

mente  tragen  ebenfalls  das  gleiche  gepräge.  Sie  zeigen  die 
dentlichen  merkmale  bairisclier  herkimft  der  hs.  Da  Grieshaber 
die  jetzt  Freiburger  bruclistücke  nach  Pfeiffers  angäbe  'kürz- 
lich', d.h.  also  1855,  vom  antiquar  Busch  in  Augsburg  erworben 
hatte,  so  ist  die  Vermutung  wol  statthaft,  dass  sie  dorthin  aus 
Rosenheim  von  einem  verschwundenen  bände  der  marktkammer- 
reclmungsrapulare  (s.  oben  s.  550'))  gelangt  seien. 

Wenn  wir  uns  nun  zur  betrachtung  der  Innern  Verhältnisse 
des  textes  der  Rosenheinier  bruclistücke  wenden,  so  wird  da- 
durch das  bild,  welches  ich  Beitr.  25,  139  ff.  von  der  Stellung 
des  fragments  Q  gezeichnet  habe,  vollständig  bestätigt:  die 
neuen  fragmente  bringen  lediglich  neues  belegmaterial  für  die 
dort  aufgestellten  kategorien: 

1)  Q  teilt  alle  weseutlichen  änclerungeu  und  Umformungen  von  J,  d.  li. 
der  gruudhs.  J3*.  Die  fälle  der  Übereinstimmung-  von  JQ  gegen  alle  hss. 
sind  so  zahlreich  und  fast  in  jeder  Strophe  mehrfach  zu  linden,  dass  ich 
hier  nur  einige  markante  beispiele  gebe:  b96,l.  2  Fünfhundert  sivertdegne. 
und  dannoch  ha.:.  Den  Jcänegen  ivurden  ze  cren  JQ  =  Vil  junger  su-ert  da 
nänien.  sehs  hundert  oder  haz.  Den  Jdinegeu  zen  eren  B*.^)  —  COO,  2  Sl 
2vas  freudenriche.  ivanne  si  vil  sanfte  lac  JQ  =  £"  daz  s/  mich  emhnnde. 
wie  sanfte  si  dö  lac  B*.  —  658,  2  Er  vas  ir  aller  meister.  sivä  er  ze  fehlen 
{streiten  Q)  vant  JQ  =  Sit  was  er  ir  aller  meister.  die  er  ze  rehte  vant  B*. 
—  666,  2  So  müest  man  dem  recken,  dannoch  ivirde  jehen  JQ  =  So  müese 
man  von  schulden,  dem  edelen  recken  jehen  B*.  —  733,  3  Dö  riet  mir  al 
min  iville.  ich  solt  {ivold  Q)  iuch  gerne  sehen  JQ  =  Dö  rieten  rnrne  sinne, 
daz  ich  iuch  sohle  sehen  B*.  Weiteres  z.b.  577,  4  a.  579,  3  a.  593,  4b.  597,  4  a. 
600,1b.  643,2  b.  643,4  a.  647,3  a.  652,3.4  a.  655,2  a.  658,4  a.  730,1a. 
732,4b  etc. 

In  kleinigkeiten,  die  nur  einzelne  worte  angehen,  treffen  JQ  bisAveilen 
mit  andern  ändernden  hss.  zusammen.  So  mit  A  (auslassung  einzelner 
wörtchen) :  vil  578,  2  b.  578,  4 b.  647, 1  b  (auch  D).  650, 1  b.  736, 2  b ;  die  590, 3  a ; 
doch  644,2a;  ez  699,1a;  mit  b:  576,1b.  581,  2b  (auch  B);  mitD:  580,3a. 
665,1b.  732,3a;  mit  Db:  580,1a.  735,3a;  mit  a:  590,4b.  655,2b.  659,4b 
(auch  B).  —  Am  häufigsten  aber  treffen  JQ  mit  C*  zusammen,  worin  man 
wol  meist  lesarten  der  urform  J*  sehen  darf,  die  C*  zu  gründe  lag:  582,  Ib. 


*)  Die  redüction  der  zu  grossen  zahl  600  auf  500,  welche  in  C*  noch 
weiter  auf  400  ermässigt  ist,  gehört  wol  sicher  der  urform  von  J*  an,  die 
im  übrigen,  wie  C*  beweist,  noch  den  Wortlaut  von  B*  gehabt  haben  muss. 
Das  Verhältnis  von  500  :  400  zwischen  Jd*  und  C*  kehrt  noch  einmal  wider 
in  der  plusstrophe  1511a  (=  1513  a  C*),  die  von  C*  stark  überarbeitet  ist 
unter  rcduction  der  500  auf  400. 


ROSENHEIMER   NIBELÜNGENFRAGMENTE.  557 

591,  la.  591, 11).  593,  3b.  593,  ia.  658,  3a.  660,  4a  (Man  zoh  in  ivol  JQ  +  C* 
=  Do  zöh  man  in  B*).  661,1b.  667,2b.  668,1b.  669,2b.  670,2a.  670,3a 
{sint  JQ  +  C*  =  sitzeni  B*). 

2)  üeber  J  hinaus  nimmt  Q  noch  selbstänclige  änderungeu  vor,  nicht 
bloss,  wie  jede  hs.,  in  einzelnen  worten,  sondern  auch  stärkere  iimformungen. 
Nur  von  letzteren  gebe  ich  die  belege:  64-1,  4b  denne  tvir  hizher  rjcdienet  Q, 
==  den  ivir  alher  (hizher  J)  gevolget  B*  (J).  —  649,  3  und  4  sind  in  Q  ver- 
tauscht, 3b  ist  dabei  zur  länge  eines  letzten  halbverses  gedehnt:  mein  letit 
und  auch  die  erben  mein.  —  650, 2  Silber  golt  und  Ideider.  daz  si  den 
poten  pot  Q  =  Silber  und  golt  duz  mcere.  daz  ivas  ir  botenbröt  B*  (J).  — 
653,1b  dö  man  si  cJiomen  Q,  =  da  man  die  gesie  B*.  —  666,3  b.  4b  mit 
reimänderung:  3b  der  ie  örsse  überscJireit  Q  =  der  ie  üf  ors  (erd  J)  gesaz  B''\ 
4b  der  Mienen  rechen  gemeit  Q  =  unt  tet  vil  biUichen  daz  B*.  —  670,2b 
die  freunde  tugcntleich  Q  =  daz  wcere  unmügelich  B*.  Von  den  sehr  zahl- 
reichen weniger  einschneidenden  änderungen  von  Q  eitlere  ich  noch  einige : 
574,1a.  574,4b.  576,4b.  598,2a.  640a,  3b.  643,4b.  650,3a.  655a,  2a. 
659,3b.  662,1a.  664,4a.  669,4a.  —  Die  speciellere  lesart  von  J  liegt 
dabei  öfter  den  änderungen  von  Q  zu  gründe.  Vgl.  z.  b.  593,1b.  595,4  b. 
649,4  a.  659,3  a. 

Wie  die  änderungen  von  JQ.  so  treffen  auch  die  von  Q,  allein  in 
kleinigkeiten  mit  andern  ändernden  hss.  zusammen.  So  mit  A  (auslassungen)  : 
591,2b.  591.3a.  644,1b.  645,4b.  729,4a;  in  590,2a  vindent  AQ  =  funden 
B*JC*  scheint  schon  ADb*  das  praes.  eingesetzt  zu  haben  (vinden  Dd, 
vindct  b);  —  mit  Db  stimmt  Q:  578,2a.  595,3b  (auch  d).  643,3b.  644,3a. 
733,4b;  mit  a:  738,4b;  mit  C*:  576,2a.  663,2b.  In  allen  diesen  fällen 
beweist  die  Übereinstimmung  von  J  mit  der  hauptlesart  B*  die  Zufälligkeit 
des  Zusammentreffens. 

3)  Dass  unsere  hs.  J  nicht  directe  vorläge  von  Q  ist,  beweisen  fälle, 
in  denen  J  ändert,  während  Q  zum  original  stimmt.  Die  beraerkens- 
Averteste  stelle  ist  547,2,  in  welcher  J3*  eine  von  Q  in  echter  gestalt  ge- 
botene Umformung  hat:  Der  schilde  liehte  blicke,  den  ougen  gäben  schin  J/' 
=  Si  sähen  vor  in  liuMen.  vil  maniges  Schildes  schin  B*  (C^O-  ^^  J  ist  statt 
schin  (schein  Q)  eingesetzt  2>'«-  Weiteres  s.  576,2b.  577,2a.  591,4b. 
647,2b.>)  659,2  b.  663,2  b. 

Die  zuletzt  angeführten  selbständigen  änderungen  der  hs.  J 
sind  nicht  zahlreich  und  betreffen  nur  einzelne  worte,  wälirend 
Q  weit  mehr  und  weit  einschneidendere  änderungen  vornimmt. 
Es  stellt  sich  also  auch  nach  den  neuen  fragmenten  Q  als  eine 
stärker  ändernde  hs.  dar,  während  unsere  hs.  J  sich  viel  ge- 
nauer der  gemeinsamen  vorläge  J;»*  anschliesst,  welche  ihrer- 
seits stärker  geändert  hat.    Für  den  haupttext  des  JSibelungen- 


1)  J   ist  hier  zufällig  mit  d   in  der  änderung-  nahtsedel  aus  nahtselde 
QB*0*  zusammengetroffen. 


558  BRAUNE 

liedes  ist  der  ertrag  der  neuen  frag'mente,  was  die  lesarten 
anbetrifft;  gleich  null,  da  wir  die  bessere  lis.  J  überall  daneben 
haben;  nur  für  die  feststellung  des  nebentextes  J*  können  sie 
förderlich  sein.  Auch  für  die  beurteilung  des  Strophenbestandes 
scheinen  sie  zu  versagen.  Denn  eine  zusatzstrophe  Jd*  fällt 
leider  nicht  in  den  umfang  der  fragraente:  wären  sie  nur  noch 
20  Strophen  weiter  erhalten,  so  würde  durch  die  Jd*-strophen 
756  a.  b  ohne  weiteres  die  entscheidung  über  eine  neuerdings 
aufgestellte  hypothese  gegeben  werden. 

■  K.  Zwierzina  hat  in  seinen  an  belehrung  so  reichen  mhd. 
Studien  auch  das  Nibelungenlied  an  verschiedenen  stellen  förder- 
lich behandelt.  Mit  rücksicht  auf  meine  unmittelbar  vorher 
erschienenen  Untersuchungen  hat  er  in  nachtragen  Zs.  fda.  45, 
393  ff.  auf  dieselben  bezug  genommen.  Indem  ich  die  erörte- 
rung  anderer  punkte  einer  späteren  gelegenheit  vorbehalte, 
muss  ich  in  unserem  zusammenhange  wenigstens  auf  seine  be- 
urteilung der  Stellung  der  gruppe  Jd*  eingehen,  da  die  hs.  Q 
hierbei  eine  rolle  spielt. 

Zwierzina  hat  unter  bekämpfung  meiner  auffassung  wider 
auf  die  mischungshj^pothese  von  Bartsch  zurückgegriffen,  mit 
der  modification,  dass  er  dieselbe  nur  für  die  Strophen  gelten 
lassen  will,  nicht  aber  für  die  lesarten,  deren  Verhältnisse  er 
ähnlich  beurteilt  wie  ich.  Die  grundlage  für  seine  mischungs- 
liypothese  bietet  ihm  die  tatsache,  dass  das  bisher  bekannte 
fragment  Q  an  der  einzigen  in  betracht  kommenden  stelle 
(910a)  die  Jd*-plusstrophe  nicht  hat,  eine  tatsache,  welche 
ich  (Beitr.  25, 141)  unter  erwägung  der  engen  verwantschaft 
von  Q  mit  J  durch  annähme  einer  versehentlichen  auslassung 
der  doch  auch  sonst  viele  abweichungen  zeigenden  hs.  Q  glaubte 
erklären  zu  dürfen.  Zwierzina  dagegen  behauptet,  dass  die 
hs.  Q  die  Jd*-strophen  gar  nicht  besessen  habe  und  dehnt  diese 
annähme  auch  auf  die  beiden  andern  der  engeren  gruppe  J* 
angehörigen  fragmente  K  und  1  aus,  welche  zufällig  nur  in 
Partien  ohne  Jd*-strophen  erhalten  sind.  Nach  Zwierzina  sollen 
die  Jd"-strophen  eigentlich  nur  der  engern  gruppe  d*  augehören 
und  von  deren  mutterhs.  am  rande  >)  aus  C*  entlehnt  sein,  die 


^)  Wenn  Zwierzina  mit  der  annähme  rechnet,   dass  die  Strophen  in 
der  nrhs.  von  d*  'am  rande'  nachgetragen  seien,  so  empfiehlt  sich  das  des- 


ROSENHEIMER   NIBELUNGENFRAGMENTE.  559 

engere  gruppe  J"^  dagegen  habe  diese  plusstrophen  gar  nicht 
gehabt,  sondern  nur  unsere  hs.  J  (oder  ihre  nächste  vorläge) 
liabe  diese  phisstrophen  aus  einer  hs,  der  d*- gruppe  ab- 
geschrieben. Zwierzina  muss  da  den  'zufall'  annehmen,  'dass 
gerade  eine  hs.  derjenigen  engeren  B-cIasse  (d"^),  die  mit  der 
von  C*  benutzten  hs.  verwantschaftliche  bezieliungen  hat,  aus 
C*  später  ihren  Strophenbestand  ergänzt,  und  dass  es  vviderum 
eine  mit  dieser  d*-klasse  einerseits  und  mit  der  von  C*  be- 
nutzten hs.  anderseits  nächst verwante  einzelhs.  (vorläge  von  J) ') 
ist,  die  die  von  d*  recipierten  C*-strophen  aus  einer  d*-hs.  über- 
nimmt.' Dieser  doch  recht  complicierte  zufall  erscheint  aber 
Zwierzina  weniger  unwahrscheinlich,  als  der  von  mir  angenom- 
mene zufall,  dass  in  Q  grade  die  Jd'^-strophe  910a  durch  ver- 
sehen ausgefallen  sei.  2) 

Ich  muss  zugeben,  dass  die  ab  wägung  dieser  beiden  arten 
von  zufall  dem  subjectiven  ermessen  Spielraum  lässt.  Dagegen 
würde  ich  geschlagen  sein,  wenn  unsere  neuen  fragmente  von 
Q  20  Strophen  weiter  reichten  und  in  ihnen  die  Jd*-strophen 
756a.  b  fehlten.  Dann  wäre  auch  das  fehlen  von  910a  in  Q 
sicher  kein  zufall,  sondern  man  würde  mit  Zw.  sagen  müssen: 
Q  hat  die  Jd*-strophen  in  seiner  vorläge  J3*  nicht  gefunden, 
sie  standen  dann  natürlich  auch  nicht  in  J.2*  (K),  Jj*  (1)  und  J*, 
der  quelle  von  C*,  sondern  sie  sind  nur  in  unserer  hs.  J,  oder 
deren  directer  vorläge  aus  einer  d*-hs.  entlehnt.  Anderseits 
würde  aber  der  argumentation  Zwierzinas  der  boden  entzogen 
sein,  w^enn  die  übrigen  Jd*-strophen  in  Q  stünden.  Dann 
müssten  sich  diese  Strophen  auch  in  J3*,  der  gemeinsamen 
quelle  von  J  und  Q  befunden  haben  und  meine  erklärung  des 


wegen,  weil  vor  eiutragung  der  Strophen  doch  ans  ur-d*  die  hs.  iir-J*  ge- 
flossen sein  müsste.  Al)er  dahei  ist  die  Schwierigkeit,  dass  die  hss.  wol  mir 
liöchst  selten  mit  so  opulenten  rändern  angelegt  wurden,  um  auf  denselben 
nicht  nur  einzelne  worte  oder  zeilen,  sondern  ganze  Nibeluugenstrophen, 
und  sogar  mehrere  derselben  hinter  einander,  eintragen  zu  können.  Von 
den  mir  durch  autopsie  bekannten  Nibelungenhss.  wenigstens  bietet  keine 
den  räum  dazu. 

')  Zwierzina  setzt  zwischen  unserm  J  und  J-.^^  (quelle  von  J  und  Q) 
noch  eine  vorläge  von  J  ein,  weil  er  wol  auch  hier  ein  'nachtragen  am 
rande'  glaubt  annehmen  zu  müssen. 

-')  Auch  oben  s.  552')  hatten  wir  grund,  für  Q  die  auslassung  einer 
Strophe  zu  erschliesseu. 


560  BRAUNE 

felilens  von   910a  in  Q  durch  zufällige  auslassung  wäre  be- 
wiesen. 

Auf  die  unmittelbare  entsclieidung*  dieser  frage  müssen  wir 
nun  leider  verzichten.  Aber  wir  sind  trotzdem  in  der  läge, 
indirect  nachzuweisen,  dass  Q  die  Jd-strophen  besass.  Und 
zwar  durch  fortsetzung  der  berechnung  des  Inhalts  der  blätter 
und  lagen,  die  wir  oben  s.  551  ff.  für  die  läge  VIII  und  IX  be- 
gonnen haben.  Anfang  und  schluss  von  läge  YIII  und  IX 
war  uns  durch  die  Überlieferung  selbst  dargeboten.  Lage  VIII 
beginnt  mit  B.  617,3  b  (letztes  wort).  Die  ersten  sieben  lagen 
kommen  für  unseren  zweck  nicht  in  betracht,  da  die  specifischen 
plusstrophen  von  Jd*  erst  mit  B.  813  a.  b  (L.  756a.  b)  beginnen. 
Denn  die  in  J  nicht  stehenden  dk-strophen  329  a.  b.  c  bleiben 
für  unsere  hs.  ausser  frage.  Auch  ist  eine  genaue  berechnung 
dadurch  erschwert,  dass  wir  nicht  wissen,  ob  auf  der  ersten 
läge  das  erste  blatt  bez.  die  erste  seite  unbeschrieben  geblieben 
war  oder  nicht.  Wollten  wir  die  Strophenzahlen  der  ausgäbe 
von  Bartsch  zu  gründe  legen,  so  würden  auf  die  7  ersten  lagen 
616  Va  Strophen  entfallen.  Und  da  7  x  88  =  616  ist,  so  scheint 
das  die  normale  strophenzahl  einer  läge,  welche  als  88 — 89 
von  uns  schon  erkannt  ist,  ganz  genau  zu  ergeben  in  der 
weise,  dass  in  der  ersten  läge  das  erste  blatt  ganz  beschrieben 
gewesen  wäre.  Freilich  sind  die  Strophenzahlen  von  Bartsch 
diejenigen  der  hs.  B,  vermehrt  um  die  in  B  fehlenden  Strophen 
1  und  3.  Legen  wir  die  strophenzalilen  der  Q  nächstverwanten 
hs.  J  zu  gründe,  so  hat  diese  statt  B  1 — 20  nur  11  Strophen, 
ferner  fehlen  in  J  die  von  B  allein  aus  C*  entlehnten  Strophen 
B.  102.  103  (L.  102  a.  b),  so  dass  also  in  J  gerade  11  Strophen, 
die  zahl  eines  blattes,  weniger  stehen,  im  ganzen  6051/2  Strophen. 
Nehmen  wir  nun  an,  dass  in  Q  das  erste  blatt  der  ersten  läge 
leer  gelassen  war,  so  erhalten  wir  wider  ganz  correcte  zahlen, 
nämlich  77  str.  für  die  erste  läge  +  6  x  88  =  528  str.  für 
läge  2—7,  was  also  genau  605  Strophen  wie  in  J  ergäbe. 
Natürlich  können  diese  Schlüsse  nicht  volle  Sicherheit  be- 
anspruchen, aber  sie  zeigen  doch,  dass  sehr  wol  in  der  partie 
vor  unseren  fragmenten  die  strophenzahl  von  Q  mit  der  von  J 
identisch  gewesen  sein  kann.  Sie  zeigen  aber  zur  evidenz, 
dass  die  auf  dem  Rosenheimer  fragm.  III  gegebene  lagenzahl  IX 
den  tatsachen  entspricht:  es  können  unserem  fragment  I,  dem 


ROSENHEIMER   NIBET.UNGENFRÄGMENTE.  561 

eisten  blatte  einer  lag-e  (VIII)  nicht  mehr  und  nicht  weniger 
als  7  lagen  vorausgegangen  sein. 

Sichere  ergehnisse  erhalten  wir  dagegen  für  die  den  Eosen- 
heimer  fragmenten  folgenden  partien.  Wir  betrachten  zunächst 
die  beiden  Freiburger  doppelblätter.  Schon  Pfeiffer  a.  a.  o.  hat 
richtig  festgestellt,  dass  sie  die  beiden  äusseren  doppelblätter 
einer  läge  sind,  die  war  nun  als  läge  XII  bezeichnen  dürfen. 
Davon  haben  wir  also  die  blätter  1.  2.  7.  8  mit  kleinen  defecten. 
XII,  1  beginnt  mit  B.  969,  4a  w^eniger  1  wort,  blatt  XII,  2 
schliesst  mit  B.  992,  3  a  weniger  l'/o  wort  {=  L.  910—933).  Da 
blatt  1  unten,  blatt  2  oben  beschnitten  ist,  so  haben  wir  genaue 
Überlieferung.  Die  beiden  blätter  enthalten  sonach  22  volle 
Strophen  -\-  5  volle  -\-  2  unvollständige  halbverse,  also  22  Strophen 
-f  6'/-2  halbvers,  oder  pro  blatt  11  Strophen  +  8'/4  halbvers. 
Blatt  XII,  7  ist  oben  beschnitten:  es  beginnt  B.  1035,  3b  (L.  976) 
mit  meinen  (im  anfang  der  grösstenteils  weggeschnittenen  zeile  7, 
vgl.  oben  s.  551 1)),  es  fehlen  davor  6  zeilen,  Avelche  5 — 5'/2  halb- 
verse enthalten  können.  Den  anfang  des  blattes  wird  also 
genau  der  beginn  von  B.  1035  gebildet  haben.  Blatt  XII,  8 
ist  unten  weggeschnitten  (damit  also  auch  die  zu  erw^artende 
lagenzahl  XII):  es  schliesst  mit  B.  1057,  2a  (L.  998)  erstes  w^ort 
pfctffen,  w^eggeschnitten  sind  drei  zeilen,  die  2'/2  halbverse  er- 
geben. Der  eig  x. liehe  schluss  des  blattes  lag  also  in  B.  1057, 3a 
(vielleicht  vo^  gesinde).  Die  beiden  letzten  blätter  der  läge 
enthalten  al^o  22  Strophen  -|-  4'/-2  halbzeilen,  oder  blatt  7, 
welches  genau  bis  B.  1040, 2a  (halb)  geht,  11  Strophen  + 
2'/2  halbzeilen,   blatt  8  genau  11  Strophen  -\-  2  halbzeilen. 

Die  vier  Innern  blätter  3 — 6  der  läge  XII  enthielten 
also  B.  992,  3a  (davon  nur  lV-2  wort)  bis  B.  1034,  4b  incl. 
Es  würden  danach  diese  4  blätter  nach  dem  texte  von 
Bartsch  enthalten  haben  42  Strophen  +  3'/2  halbverse.  Das 
ist  aber  zu  wenig.  Dem  durchschnitt  nach  sollten  4  blätter 
wenigstens  44  Strophen  haben.  Nun  ist  es  ja  w^ahrscheinlich, 
dass  auf  diesen  4  blättern  der  procentsatz  der  zehnzeiligen 
Strophen  (vgl.  oben  s.  550)  etAvas  stärker  war,  während  auf  den 
überlieferten  blättern  1.  2.  7.  8  die  neunzeiligen  Strophen  zahl- 
reicher vertreten  sind,')  so  dass  dei-en  strophenzahl  mit  ins- 


*)  Von  den  aul'  diesen  blättern  enthaltenen  44  stioplien  lässt  sich  l'ür 


562  BRAUNE 

gesammt  44  str.  +  ö'/^  +  4V2  lialbversen  =  45  str.  +  3  halb- 
versen  den  diirclischiiitt  von  44  etwas  überschreitet.  Aber 
selbst  -wenii  die  verlorenen  blätter  —  was  ganz  nnwahrscliein- 
licli  —  lauter  zelinzeilige  und  keine  einzige  neunzeilige  stroplie 
geliabt  hätten,  so  wären  zur  füllung  dieser  4  blättert)  ''■'"-/lo  str., 
also  431/5  Strophe  erforderlich  gewesen.  Es  sind  also  42  str, 
+  3'/2  halbzeilen  auf  jeden  fall  zu  wenig-  und  der  schluss  ist 
gar  nicht  zu  umgehen,  dass  die  4  blätter  ausser  den  Strophen 
des  B*-textes  von  Bartsch  mindestens  noch  eine  Strophe  mehr 
enthalten  haben  müssen.  Dafür  bietet  sich  nun  aber  die  Jd*- 
strophe  B.  998  a  (L.  939  a,  die  Otenheimstrophe),  welche  sonach 
auf  dem  verlorenen  dritten  blatte  der  läge  XII  gestanden  haben 
niuss.  Damit  kommen  die  4  blätter  mit  43  str.  +  3'/2  halb- 
versen  dem  durchschnitt  von  44  Strophen  sehr  nahe.  Die 
fehlenden  41/2  halbverse  würden  durch  ein  mehr  von  5  zehn- 
zeiligen  Strophen  eingebracht.  Die  ganze  läge  XII  umfasste 
sonach  (von  B.  969,  4a  —  B.  1057,  3  a)  unter  hinzurechnung  der 
einen  Jd*-strophe  insgesammt  88  Strophen  +  G'/,  halbverse. 

Nun  könnte  aber  immer  noch  jemand  einwenden  Avollen. 
dass  zwar  die  läge  XII  eine  plusstrophe  gehabt  haben  müsse, 
dass  aber  diese  nicht  gerade  die  Otenheimstrophe  von  Jd*  ge- 
wesen sein  brauche,  sondern  von  dem  Schreiber  der  hs.  Q  neu 
hinzugedichtet  sein  könne.  Das  wäre  freilich  eine  sehr  un- 
wahrscheinliche annähme.  Denn  es  ist  doch  schon  etwas 
anderes,  wenn  Q  —  wie  ich  für  die  Strophe  910a  (B.  969a) 
annehme  —  eine  Jd*-strophe  versehentlich  auslässt,  als  wenn 
Q  statt  einer  angeblich  nicht  vorhanden  gewesenen  Jd*-strophe 
(939a)  nun  grade  eine  neue  zudichtete,  wo  wir  sonst  für  Q 
keine  solche  dichterische  betätigung  nachweisen  können.  Dieser 
Zufall  wäre  doch  weit  wunderbarer.  Aber  ein  fall  bietet  immer- 
hin nie  einen  beweis:   er  kann   theoretisch  betrachtet  zufall 


43  die  Zeilenzahl  feststellen :  es  sind  21  Strophen  zu  9,  22  zu  10  zeilen,  und 
keine  mit  grösserer  Zeilenzahl,  also  eine  verhältnismässig  grössere  auzahl 
der  9 zeiligen  gegenüber  den  Eosenheimer  blättern.  Aber  auch  in  diesen 
fanden  wir  ähnliches  auf  dem  zweiten  blatte  der  läge  IX  (fragm.  V,  oben 
s.  553).  Doch  werden  solche  abweichungen  durch  stärkeres  hervortreten 
der  zehnzeiler  auf  andern  blättern  Avider  ausgeglichen,  so  dass  die  gesammt- 
st)oiihenzahl  der  lagen  sich  nicht  über  88—89  erhebt. 

')  Jedes  blatt  hat  4  x  27  -=  108  zeilen,  also  i  blätter  -132  zeilen. 


ROSENHEIMER  NIBELUNGENFRAGMENTE.  563 

sein.  AVenn  nun  aber  es  sich  noch  in  weiteren  fällen  so  ver- 
hält; dass  bei  Jd*-strophen  die  lagen  von  Q  ohne  diese  zu 
geringe  strophenzahl  haben  würden,  so  ist  dann  der  zufall 
ausgeschlossen  und  der  beweis  zwingend.  Dieser  beweis  Avird 
nun  geliefert  durch  die  zwischen  IX  und  XII  fehlenden  zwei 
lagen  X  und  XL  Lage  IX  schliesst  mit  B.  796,4a,  läge  XII 
beginnt  mit  B,  969,4  a.  Es  würden  sonach  die  zwei  fehlenden 
lagen  nach  der  B-strophenzahl  von  Bartsch  enthalten  haben 
172  volle  Strophen  +  7  halbverse,  also  jede  läge  86  strophen 
+  3V2  halbverse.  Das  sind  für  jede  läge  grade  2  Strophen 
zu  Avenig.  Und  siehe  da,  es  fallen  in  diese  partie  genau  4  Jd*- 
strophen,  nämlich  B.  813a.  b  (L.  756a.  b),  B.  905a  (L.  848a) 
und  B.  915  a  (L.  858  a).  Es  kommen  also  auf  läge  X  und  XI 
je  die  normale  zahl  von  88  strophen  +  3'/^  halbzeilen. 

Hierdurch  muss  für  die  hs.  Q  die  auslassung  von  strophe 
910a  (B.  969  a)  als  beAviesen  gelten  und  als  genügenden  anlass 
dazu  Avird  man  jetzt  den  gleichen  anfang  von  910  und  910a 
mit  Bö  anerkennen,  Avie  ich  dies  Beitr.  25,  141  angenommen 
hatte.  Der  annähme  von  ZAvierzina,  dass  nur  die  hs.  J  die 
Jd*-strophen  aus  der  d*-gruppe  entlehnt  habe,  ist  also  ihre 
stütze  entzogen,  und  Avir  Averden  mit  der  tatsache  rechnen 
dürfen,  dass  die  ganze  engere  gruppe  J",  ebenso  Avie  d*  von 
anfang  an  die  Jd*-strophen  besessen  hat.  Damit  Avird  denn 
meine  auffassung  der  Stellung  von  Jd*  —  auch  hinsichtlich 
der  plusstrophen  —  als  die  Avahrscheinlichste  festgehalten 
Averden  dürfen.  Denn  ein  zAveiter  grund,  den  ZAvierzina  noch 
für  die  Strophenmischungshypothese  anführt,  dass  nur  dadurch 
die  unrichtige  Stellung  mehrerer  plusstrophen  in  Jd"  erklärlich 
Averde,  ist  unhaltbar.  Es  betrifft  dies  die  strophen  910a.  939a. 
1511a,  1523  a.  b.  c,  welche  in  C*  an  anderer  stelle  stehen. 
Sollte  dies  für  Zwierzinas  auffassung,  wonach  die  strophen 
am  rande  beigeschrieben  und  dann  unrichtig  eingeordnet 
wären,  etwas  beAveisen,  so  müsste  man  erAvarten,  dass  die 
Strophen  in  Jd*  Avenigstens  teihveise  an  sinuAvidrigen  stellen 
ständen.  Aber  das  ist  durchaus  nicht  der  fall.  Die  strophen 
lassen  sich  auch  in  ihrer  Stellung  Jd'''  sehr  avoI  verstehen  und 
es  verträgt  sich  völlig  mit  meiner  auffassung,  dass  der  Ver- 
fasser von  C*  einige  solcher  strophen,  die  er  früher  hinzu- 
componiert   hatte,  in  seiner  deftnitiven  bearbeitung   an  eine 


564  BRAUNE,   EOSENHEIMER   NIBELUNGENFRAGMENTE. 

ihm  dann  passender  sclieinende  stelle  rückte.  Und  wenn  die 
übrigen  drei  fälle  in  C*  wol  als  Verbesserungen  gelten  könnten, 
so  ist  an  einer  stelle  (910  a)  sogar  in  C*  durch  die  Umstellung 
entschieden  eine  Verschlechterung  eingetreten,  weshalb  denn 
auch  Bartsch  die  stropbe  B.  969  a  in  seiner  ausgäbe  1, 156  an 
der  stelle  von  Jd*  seinem  C*-texte  einfügt,  während  er  in  den 
drei  übrigen  fällen  die  reihenfolge  von  C*  gibt. 

Ich  gebe  zu,  dass  die  mischungshj^pothese  hinsichtlich  der 
Strophen  von  Jd*  etwas  ansprechendes  haben  mag  für  den- 
jenigen, dem  die  annähme  zu  compliciert  erscheint,  dass  die 
urhs.  d*,  urhs.  J*  und  die  Umarbeitung  C*  denselben  mann 
zum  Urheber  gehabt  haben.  Aber  w^as  wissen  wir  überhaupt 
von  den  persönlichkeiten  des  dichters  unseres  liedes  und  der- 
jenigen, die  sich  in  der  ersten  zeit  seiner  existenz  mit  ihm 
beschäftigten,  um  die  möglichkeit  einer  solchen  intensiven  und 
länger  geübten  pflege  des  gedichts  durch  ein  und  dieselbe 
person  zu  leugnen?  Auch  Zwierzina  gibt  zu,  dass  den  les- 
arten  zufolge  C'*  über  J*  aus  d*  geflossen  sei.  Da  ist  es  doch 
das  nächstliegende,  dass  die  Strophen  den  gleichen  weg  ge- 
nommen haben,  zumal  dafür  das  so  gewichtige  argument  exi- 
stiert, dass  die  Jd*-strophen  von  ('*  im  Verhältnis  genau  so 
umgeformt  w^orden  sind,  wie  der  originale  bestand  von  B*. 
Ich  habe  dieses  argument,  auf  das  Zwierzina  nicht  eingeht, 
nach  Pauls  vorgange  hervorgehoben  und  möchte  Verteidiger 
der  mischungstheorie  nochmals  nachdrücklich  darauf  hinweisen. 
In  diesem  zusammenhange  sei  auf  die  bemerkung  oben  s.  556, 
anm.  1  verwiesen,  wonach  C*  in  der  am  stärksten  von  ihm 
umgedichteten  Jd*-strophe  1511a  die  gleiche  reduction  der 
500  auf  400  vorgenommen  hat,  wie  in  der  J*-lesart  596,  1, 
zum  beweise,  dass  J*-lesarten  und  J*-strophen  gleicherweise 
der  abfassung  von  C*  zu  gründe  lagen. 

HEIDELBERG.  AMLHELM  BRAUNE. 


zu  WOLFRAM  VON  ESCHENBACH. 

1.    Ungenande. 

Zweimal  wird  bei  Parzivals  erstem  besuch  auf  der  g-rals- 
burg-,  wo  Anfortas  als  wirt  erscheint,  der  für  wirt  bei  A^'olfram 
stehende  reim  vcrhirt  durch  die  formel  gebildet:  den  tmgenäde 
niht  verhirt  240,  8,  ungenäde  in  nilit  verhirt  251,  20.  Also  An- 
fortas, welchen  das  unheil  nicht  loslässt',  ein  gewis  der  Situation 
durchaus  entsprechender  ausdruck. ')  An  der  ersten  stelle  hat 
allein  die  hs.  D  den  Schreibfehler  ungenande  für  iingenade 
aller  übrigen  hss.  Nichtsdestoweniger  setzt  Lachmann  hier 
ungenande  in  seinen  text,  während  er  zu  251,  20  nur  in  der 
anmerkung  fragweise  ungenande  für  das  dort  in  allen  hss. 
stehende  ungenäde  vermutet.  Da  die  folgenden  herausgeber 
Bartsch,  Martin  und  noch  jüngst  Leitzmann  hierin  Lachmann 
folgen  und  sogar  251,20  Lachmanns  conjectur  in  den  text 
setzen,  so  ist  eine  erörterung  des  falles  geboten. 

Daz  ungenante  und  der  ungenante  sind  zwei  in  der  volks- 
tümlichen medicin  seit  dem  13.  jh.  reichlich  belegte  ausdrücke. 
Viele  beispiele  aus  dem  bairischen  gebiet  bringt  Schmeller- 
Frommann  1, 1747  (dazu  noch  der  segen  für  daz  ungenant  aus 
einer  Münchner  hs.  des  14.  jh.'s  M.S.  Denkm.  2',  275);  aber  auch 
aus  dem  Schweizeralemannischen  finden  sich  im  Schweizer, 
idiot.  4,  748  viele  bis  in  die  neuzeit  reichende  belege  (so  noch 
aus  Gotthelf :  U'eil  der  Jenecht  das  ung'nante  an  der  Jiand  hätte). 
Beispiele  aus  dem  Elsass  (1611)  und  aus  der  Pfalz  (Heidel- 
berger hs.  des  16.  jh.'s)  finden  sich  Alemannia  27,  70.  96.    Man 


')  Ganz  dem  Sprachgebrauch  Wolframs  gemäss,  der  gern  ein  abstractum 
als  subject  mit  verhirt  verbindet:  P.  119.  25  Unlriwe  in  niht  verhirt,  148,7 
daran  ein  kunst  mich  verhirt,  l-i'J,  18  oh  werdekeit  mich  niht  verhirt,  371, 11 
daz  iwer  eilen  niht  verhirt,  386,  2  sin  mayiUch  eilen  niht  verhirt,  458,  24  oh 
nnfuoye  iwer  ntht  verhirt. 


566  BRAUNE 

darf  behaupten,  dass  der  ausdruck  in  der  Volkssprache  des 
südlichen  Deutschlands  ganz  allgemein  bekannt  gewesen  ist. 

Sprachlich  betrachtet  sind  daz  imgenante  und  der  ungenante 
scliwache  formen  des  part.  praet.,  zu  welchen  substantiva  zu 
ergänzen  sind.  Und  zwar  zum  neutrum  ühel  (=  lat.  maliim 
infandum,  von  Höfler  aus  Zwingers  Vocabularium  teutonicum 
1482  angeführt).  Während  aber  bei  da.z  iingenantc  das  subst. 
iibel  regelmässig  ausgelassen  wird,  so  steht  neben  der  iingenantc 
auch  sehr  oft  vollständig  der  ungenante  ivtmn.  Sachlich  ist 
der  gehalt  des  wertes  schwerer  zu  fassen,  da  verschiedene 
krankheitsformen  damit  bezeichnet  werden.  Ich  verweise  hier- 
über auf  M.  Höfler,  Deutsches  krankheitsnamenbuch  (München 
1899)  s.v.  nennen  s.  440.  911,  unter  wurm  s.  834.  Meist  sind 
es  bösartige  geschwüre  an  den  bänden,  die  einem  —  dämoni- 
stisch  aufgefassten  —  wurme  zugeschrieben  wurden.  Aber 
auch  die  durch  biss  eines  tollen  hundes  hervorgerufene  wut- 
krankheit,  welche  im  mittelalter  ebenfalls  als  dämon,  als  toll- 
wurm, betrachtet  wurde  (s.  Höfler  unter  tviit  s.  837b,  iviirm 
s.  833b  f.)  wird  mit  das  ungenante  bezeichnet.')  Als  pferde- 
krankheit  heisst  der  sogenannte  üswerfende  ivurm  (rotz  oder 
milzbrand?)  auch  der  ungenante.''')  Mit  der  dämonistischen 
auffassung  dieser  krankheiten  hängt  es  sicher  zusammen,  dass 
man  sich  scheute,  einen  bestimmten  namen  zu  nennen  und  sie 
als  anonym  behandelte.-*) 

Aber  allgemein  feststehend  ist  in  dem  ganzen  reichen 
belegmaterial  der  gebrauch  des  Wortes  ungcnant  als  adjec- 
tivum,  welches  stets  den  artikel  bei  sich  hat:  der  ungenante 
oder  daj^  ungenante.  Und  ganz  zu  diesem  feststehenden  ge- 
brauche stimmt  auch  das  älteste  literarisch  belegbare  beispiel 
des  Wortes  in  Wolframs  Willehalm  154, 20  ff.:  Ahjs  diu  smlden- 
hcere,   man  mölit  üf  eine  ivunden  ir  Musclie  luhi  gchunden,   da 


')  Hierher  einer  der  ältesten  belege,  aus  Pfeiffers  Bair.  arzneibuch 
(mitte  des  13.jh.'s),  Wiener  Sitzungsberichte  18G3,  bd.  42,  s.  155:  Swen  der 
tcninunde  hinit  gehizet,  ezet  er  der  feisehes  (sc.  geierfleisch),  is  geswillet  in 
nimer  unde  heilet  cds  palde,  das  das  tingenant  nimmer  da  zuo  chiimt. 

'^)  So  z.  b.  der  segen  für  den  ausirerffenden  icurm  aus  der  Mosbacher 
gegend  in  der  Heidelberger  hs.  (Alem.  27,  06):  Du  ungenanter,  ich  verpiett 
dir  des  ross  fleisch  etc. 

=*)  Vgl.  auch  CTrimiii.  1>.  niyth.  2*.  9(58. 


zu  WOLFRAM   VON   ESCHENBACH.  567 

daz  ungenante  iccere  hl: .  helihe  diu  nilit  vor  schaden  rn,  si 
müez  enJcelten  Wunders.  Also  die  kiusche  Alyzens  als  lieilmittel 
gegen  daz  wigcnante.^)  Hieraus  erhellt,  wie  sprachlicli  un- 
möglich der  versuch  Lachmanns  ist,  Parz.  240,  8.  251,  20  un- 
genande  statt  des  überlieferten  tmgenäde  einzuführen.  Dieses 
wigenande  müsste  als  fem.  gefasst  werden  (Bartsch  z.  st.,  Lexer 
2, 1852),  wälirend  sonst  nur  neutr.  oder  masc.  vorkommt.  Es 
müsste  ferner  als  reines  substantivum,  als  appellativer  krank- 
heitsname  erscheinen,  während  sonst  der  adjectivcharakter  des 
Wortes  überall  klar  zu  tage  tritt.  Eine  solche  entwicklung 
zu  einem  reinen  Substantiv  wäre  wol  als  endglied  einer  langen 
reihe  theoretisch  als  möglich  zu  betrachten.  Aber  tatsächlich 
ist  sie  nicht  erfolgt,  und  Wolframs  eigener  gebrauch  im  Wh. 
spricht  laut  dagegen. 

Aber  auch  in  sachlicher  hinsieht  ist  es  undenkbar,  dass 
Wolfram  an  diesen  beiden  stellen  so  beiläufig  des  Anfortas 
leiden  als  daz  ungcnante  definiert  haben  sollte,  womit  sich 
doch  in  der  volksmedicin  ein  bestimmtes  krankheitsbild  ver- 
band, bez.  mehrere  bestimmte  krankheitsbilder,  die  aber  alle 
sich  darin  vereinigten,  dass  ein  wurmdämon  als  erreger  be- 
trachtet wurde.  Das  leiden  des  Anfortas  hat  ja  Wolfram 
anderwärts  genau  beschrieben  und  mitgeteilt,  dass  es  eine 
durch  vergifteten  Speer  hervorgerufene  wunde  am  gemächt 
sei:  für  ihn  war  also  daz  ungenante  hier  vollständig  aus- 
geschlossen. 

AVie  Lachmann  zu  seinem  fehlgriff  kommen  konnte,  ist 
leicht  zu  verstehen.  Für  ihn  war  zu  einer  zeit,  wo  man  haupt- 
sächlich das  höfische  mhd.  betrieb,  das  in  der  ganzen  liöfischen 
dichtung  nur  einmal  im  Wh.  begegnende  daz  ungcnante  ein 
überaus  seltenes  wort.  Und  als  er  P.  240,  8  in  D  den  Schreib- 
fehler ungenande  fand,  so  konnte  er  leicht  meinen,  einen 
zweiten  beleg  dieses  seltenen  Wortes  zu  haben,  welches  die 
es  nicht  verstehenden  Schreiber  in  ungcnüde  geändert  hätten. 
Aber  dieser  schluss  ist  falsch.  Denn  wir  wissen  jetzt  aus  der 
spätmhd.  prosa  und  der  Volksüberlieferung,  dass  die  krank- 
heitsbezeichnung  daz  ungenante,  oder  der  ungcnante  ivurni  so 


')  So,  nicht  miyenande,  wie  Lacliraann  dem  ungenäcle  des  Parz.  zu  liebe 
in  den  text  setzt,  haben  die  hss.  des  Wh. 


568  BRAUNE 

allgemein  üblich  war,  dass  den  ausdruck  alle  Schreiber  von 
Parzivalhss.  gekannt  haben  müssen,  also  zu  änderungen  eines 
überlieferten  ungenante  keine  Veranlassung  gehabt  hätten,  wie 
ja  denn  auch  in  der  Willehalmstelle  kein  einziger  Schreiber 
da^  ungenante  in  ungenaue  geändert  hat.  Ja  es  könnte  sogar 
jemand  die  sache  umkehi-en  wollen  und  sagen,  der  Schreiber 
D  habe  an  der  stelle  240,  8  in  anbet rächt  dessen,  dass  es  sich 
bei  Anfortas  um  eine  bösartige  wunde  handelte,  das  ihm  ge- 
läufige wort  einschieben  wollen.  Aber  er  würde  dann  doch 
wol  nicht  auf  das  sprachlich  unmögliche  fem.  subst.  ungenande 
verfallen  sein,  und  so  werden  wir  bei  der  erklärung  bleiben 
müssen,  dass  das  überschiessende  n  in  D  ein  fehler  sei,  wie 
solche  für  diese  hs.  ja  auch  sonst  genugsam  angenommen 
Averden  müssen.') 

2)   huore. 

Anlässlich  des  sonderbaren  misverständnisses  von  Wille- 
lialm  153, 1  ff.,  dem  Behaghel  in  der  Zs.  f.  deutsche  Wortforschung 
3,  218  f.  verfallen  ist,  möchte  ich  darauf  aufmerksam  machen, 
dass  das  Schimpfwort,  welches  Willehalm  auf  seine  Schwester, 
die  'römische  königin'  (vgl.  z.  b.  Wh.  95,  23)  widerholt  (dicke) 
anwendet,  nur  huore  gewesen  sein  kann.  Es  ist  meines  wissens 
noch  nicht  hervorgehoben  —  auch  das  DWb.  4,  2,  1958  ver- 
schweigt die  tatsache  — ,  dass  das  fem.  Jmore  meretrix  der 
literatur  des  13.  jh.'s  vollständig  zu  fehlen  scheint.  Der  einzige 
beleg  des  Mhd.  wb.  1,  730  ist  erst  aus  Mones  Schauspielen.  Und 
auch  Lexer  1, 1392  bringt  nur  belege  des  14.  und  15.  jh.'s.  Da 
nun  in  den  ahd.  glossen,  auch  bei  0.  und  T..  huorra,  liuora 
(meretrix,  scortum,  lupa,  prostituta)  reichlich  belegt  ist  (vgl. 
Graft  4, 1011),  so  ergibt  sich  die  immerhin  bemerkenswerte 


1)  Nachtrag.  E.  Sievers  glaubt  aus  einer  bemerkung  Zaruckes  im 
Parzivalcolleg  sich  zu  erinnern,  dass  die  unter  Wackernagels  namen  gehende 
(vgl.  Mhd.  wb.  2, 1,  379b)  falsche  etymologie  von  ungenande  {zu.  yenenden) 
diesem  von  Lachmann  zugekommen  sei.  Das  hat  viel  innere  Wahrschein- 
lichkeit. Denn  die  aus  dieser  etymologie  gefolgerte  bedeutung  'mutlosig- 
keit,  Verzweiflung'  würde  an  der  Parzivalstelle  viel  besser  passen  und  ein 
dem  echten  ungendde  analoges  abstractum  bieten.  Es  würde  diese  etymo- 
logie auch  Lachmanns  Umänderung  der  in  allen  hss.  stehenden  Schreibung 
iingenante  in  der  Willehalmstelle  erklären. 


zu   WOLFRAM    VON   ESCHENBACH.  569 

tatsaclie,  dass  das  in  der,  spräche  des  gewöhuliclien  lebens 
natürlich  viel  gebrauchte  wort  für  die  höfische  dichtersprache 
als  so  gemein  und  unmöglich  galt,  dass  selbst  der  in  seiner 
Wortwahl  sonst  nicht  heikle  Wolfram  das  seinen  lesern  wol- 
bekannte  Schimpfwort  nur  durch  die  gewundene  Umschreibung 
anzudeuten  wagt.  Die  seit  dem  14.  jh.  sich  neu  bildende 
literatursprache  war  dem  worte  gegenüber  weniger  feinfühlig, 
wie  dies  Ja  Luthers  bibelsprache  genugsam  bekundet.  Und 
während  unsere  klassischen  dichter  des  18.  jh.'s  Jmre  noch  un- 
bedenklich anwenden,  so  ist  erst  im  laufe  des  19.  jh.'s  das  wort 
aus  der  spräche  der  liöheren  literatur  und  aus  der  rede  der 
gebildeten  verschwunden.  Man  darf  in  öffentlicher  rede  und 
Schrift  wol  dirne,  prostituierte,  freuäenmädchen  und  sonstige 
euphemismen  gebrauchen,  aber  nicht  wol  das  wort  hure,  wel- 
ches trotzdem  in  den  unterliterarischen  schichten  noch  kräftig 
weiterlebt.  Wir  sind  also  darin  jetzt  erst  wider  auf  dem  Stand- 
punkte des  13.  jh.'s  angelangt. ') 

3.  ünderreit. 
Das  nur  Wh.  5, 12  belegte  wort  ünderreit  wird  vom  Mhd. 
wb.  2 ',  673b  zunächst  fragend  zum  stamme  unseres  nhd.  bereit 
gestellt,  dann  aber  698a  unter  riden  (drehen)  erklärt:  'was 
zwischengedreht,  eingeschoben  wird',  wonach  Lexer  2,  1794 
ohne  weiteres  ^ünderreit  stn.  einschub'  ansetzt.  Beides  trifft 
aber  nicht  das  richtige.  Sondern  das  von  Wolfram  hier  sicher 
nur  ad  hoc  neugebildete  wort  gehört  zu  underriten,  nach  dem 
muster  des  vorhergehenden  undersivanc,  ausgelöst  durch  das 
vorhergehende  reimwort  wärheit.  Während  Wolframs  neu- 
bildung  ünderreit  in  der  Wortsippe  riten  isoliert  steht  und  kein 
sonstiges  m.  reit,  weder  als  simplex  noch  als  compositum,  neben 
sich  hat,  so  schliesst  sich  das  musterwort  undersivanc  an  das 
Simplex  sivanc  m.,  zu  welchem  noch  eine  menge  anderer  com- 
posita  belegt  sind  (Mhd.  wb.  2  2,  806).  Aber  auch  underswanc, 
welches  das  Mhd.  wb.  noch  aus  Rudolfs  Bari,  und  aus  Konrad 
von  Würzburg  in  ähnlicher  anwendung  belegt  {dne  valsches 
underswanc,  äne  murmeis  underswanc  'ohne  einmischung  von . . .') 


[')  Zu  dem  vorstehenden   vgl.  auch  den  unten  s.  570  folgenden,   fast 
gleichzeitig  eingegangeneu  aufsatz  von  Leitzinann.    E.  S.] 

Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche.    XXVII.  37 


570      BRAUNE,   ZU   WOLFRAM   VON    ESCHENBACH.   —   LEITZMÄNN 

ist  doch  nicht  mit  den  Wörterbüchern  unter  anlehnung*  an  die 
allgemeine  bedeutung  von  swingen,  swanc  farblos  zu  erklären 
mit  'das  daz wischenschwingen,  was  man  zwischen  etw.  schwingt', 
sondern  wir  haben  auszugehen  vom  sivanc  als  schwerthieb. 
Wie  AValther  32, 35  in  bildlicher  weise  sagt :  ich  sivinge  im 
also  swinden  ivider sivanc  'gegenhieb',  so  ist  für  undersivanc 
bei  Wolfram  und  in  den  beiden  andern  stellen  von  der  bedeu- 
tung 'zwischenhieb'  auszugehen.  Wenn  Wolfram  an  unserer 
stelle  sagt  undersivanc  noch  underreit  gevalschte  dise  rede  nie, 
so  bleibt  er  dabei  durchaus  in  seiner  ritterlichen  gedankenweit: 
'weder  dazwischenhieb  noch  daz wischenritt  hat  je  diese  erzäh- 
lung  verfälscht'.  Und  wie  die  neubildung  underreit  ihm  in 
diesem  zusammenhange  nahe  liegen  musste,  zeigt  seine  ganz 
gleiche  bildliche  anwendung  des  verbums  P.  427, 10  daz  ninder 
was  underriten  ir  pris  mit  valschen  ivorten. 

HEIDELBEEG.  WILHELM  BRAUNE. 


HETZE  BEI  WOLFRAM  VON  ESCHENBACH?') 

Im  letzten  heft  der  Zs.  f.  deutsche  wortf.  (3,  218)  bespricht 
Behaghel  eine  stelle  aus  Wolframs  Willehalm,  die  seiner  an- 
sieht nach  einen  beleg  für  metzc  im  sinne  von  mcretrix,  'frei- 
lich nicht  in  besondern  schriftzeichen  niedergelegt,  aber  doch 
deutlich  genug  erkennbar',  enthalten  soll.  Es  handelt  sich  um 
die  stelle  im  dritten  buche,  wo  Willehalm  seine  Schwester,  die 
königin,  wegen  ihres  verbrecherischen  Verhältnisses  zu  Tybalt 
mit  harten  Worten  ausschilt.  Während  die  quelle  (2890  Jonck- 
bloet;  ähnlich  2643  Guessard;  vgl.  auch  San  Marte,  Ueb.  Wolfr. 
Wilh.  V.  Or.  s.  09)  den  directen  ausdruck  la  pute  meretris  nicht 
scheut,  bemerkt  der  höfische  Wolfi'am  (153, 1): 

Die  miune  veile  hänt,  diu  wip, 
roemescher  küneginne  lip 

[')  Vgl.  auch  oben  s.  568  ueb.st  fussnote  zu  s.  569.    E.  ti.\ 


HETZE   BEI   WOLFRAM    VON   ESCHENliACIl?  571 

wart  dicke  nach  in  benennet. 

die  namen  hete  ich  bekennet, 

ob  ich  die  Avolde  vor  iu  sagen: 

nü  muoz  ich  si  durch  zuht  verdagen. 

•Das  Scheltwort',  erklärt  Behag-liel,  'das  der  markgraf  ge- 
braucht hat,  ist  also  ein  solches,  das  zugieich  den  namen 
römischer  königiunen  gebildet  hat:  das  kann  nichts  andres  als 
»metze«  sein,  das  ja  bekanntlich  koseform  für  Mathilde  ist.' 
Es  entgeht  ihm  nicht,  dass  das  dicke  nun  einer  erklärung  be- 
darf, und  er  weist  daher  neben  den  beiden  historischen  Ma- 
thilden, die  Wolfram  kennen  konnte,  den  gemahlinnen  Hein- 
richs I.  und  V.,  auf  die  gleichnamige  gattin  des  Faustinianus 
in  der  Kaiserchronik  hin. 

Diese  erklärung  der  obigen  worte  Wolframs  ist  sicher 
unrichtig  und  ihr  sinn  liegt  viel  näher.  So  gut  könig  Ludwig 
im  Willehalm  der  rcemesclie  hünec  heisst  (95,  23.  143,  7.  146,24. 
150,  9.  180,  7.  197,  2(3.  224,  22.  230, 21.  245,  23.  263,  25.  287,  3. 
302,4),  so  gut  heisst  seine  gemahlin,  Willehalms  Schwester, 
die  rcemesclie  lüineg'mne  (ausser  unsrer  stelle  noch  143, 21. 
162,  8.  165, 17.  323, 1).  Wolframs  worte  umschreiben  nur  den 
einfachen  gedanken:  'des  markgrafen  Schwester,  die  römische 
königin,  wurde  häufig  mit  dem  namen  meretrix  benannt,  den 
ich  vor  höfischen  obren  nicht  aussprechen  darf.  Eine  beziehung 
auf  eine  oder  mehrere  historische  Mathilden  liegt  nicht  in  der 
stelle  und  welches  wort  Wolfi^am  für  meretrix  im  sinne  lag, 
bleibt  eine  offene  frage. 

JENA,  1.  october  1902.         ALBEKÜ^  LEITZMANN. 


LUCKENBUSSER. 

In  den  Bonner  beitragen  ziu'  angiistik  2  (1899),  127  lässt 
sich  Trautmann  zu  Beow.  33a  folg-enclermassen  vernehmen: 
'■Isig  »eisig«  ist  ein  gänzlich  unpassendes  beiwort  für  das  schiff, 
-.und  die  Übersetzung  »glänzend  wie  eis«  ist  ein  notbehelf. 
Stehn  das  überlieferte  isig  und  icge  in  ond  icge  gold  1108  in 
beziehung  zu  einander?  Gab  es  ein  adjectiv  icig  (ttig,  ifig) 
»glänzend«?'  Die  schlussf ragen  wird  wol  niemand  bejahen 
wollen,  aber  auch  an  dem  vorausgehenden  ist  nur  die  ablehnung 
der  deutung  'glänzend  wie  eis'  beifallswürdig.  Wie  sollte  auch 
ein  solches  Isis  sich  mit  dem  folgenden  idfüs  zu  einer  pass- 
lichen formel  binden?  Man  häuft  doch  —  wenigstens  in  guter 
dichtung  —  nicht  ad  libitum  in  solchen  formein  dinge  zu- 
sammen die  einander  nichts  angehn.  Es  ergibt  sich  aber  sofort 
eine  schöne  und  sinnvolle  formel,  wenn  man  bei  dem  wört- 
lichen sinn  von  isig  stehn  bleibt,  und  der  ist  'beeist',  wie  schon 
Thorpe  im  giossar  und  Bugge,  Tidskr.  8,  G9  angemerkt  und  mit 
parallelen  belegt  haben.  Die  Situation  ist  einfach  diese.  Es 
ist  Winterszeit,  und  darum  liegt  das  schiff  'beeist'  (und  untätig, 
vgl.  1125  ff.)  im  hafen,  aber  zugleich  'harrend  (der  günstigeren 
Jahreszeit  und)  neuer  ausfahrt',  sc.  mit  dem  lieben  herren,  den 
es  so  oft  über  die  wogen  getragen  hat.  Zur  personification  und 
anteilnahme  des  schiffes  vgl.  speciell  v.  296 — 298. 

LEIPZIG-GOHLIS,  1.  aug.  1902.  E.  SIEVERS. 


DnicU  von  Kbrhardt  Karr;is,  Halle  a.   S. 


PF  Beiträge  zur  Geschichte  der 

3003  deutschen  Sprache  und 

B5  Literatur 
Bd.  27 


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